22.11.2007 von Alain Zucker , 2 Kommentare
Glauben Sie an Gott?
Nein. Ich glaube, es ist unmöglich für einen richtigen Wissenschaftler, an einen irrationalen magischen Prozess zu glauben. Wer das akzeptiert, kann kein ehrlicher Wissenschaftler sein.
Sie entschlüsseln nicht nur das menschliche Erbgut, sondern experimentieren auch mit neuen künstlichen Lebensformen. Was haben wir davon, wenn Sie der Natur am Zeug herumflicken?
Ich versuche die Richtung der Menschheit an mehreren Fronten zu beeinflussen. Falls wir dank der Nutzbarkeit künstlicher Lebensformen dazu beitragen können, dass wir mit signifikant weniger öl auskommen, wäre das bereits ziemlich aufregend. Oder nehmen Sie das Humangenom: Je mehr wir über uns wissen, desto mehr können wir tun, um Krankheiten zu verhindern, statt sie nur zu behandeln. Vielleicht lässt sich gar die elende Geschichte verändern, die wir Menschen als Spezies haben.
Was meinen Sie damit?
Wenn wir verstehen, dass es eine genetische Grundlage dafür gibt, dass Menschen als Spezies dazu bestimmt sind, Kriege zu führen, können wir vielleicht etwas tun, um es in Zukunft zu ändern.
Sie wollen menschliche Gene modifizieren?
Ich glaube, das ist unvermeidbar.
Das klingt nach dem Horrorszenario.
Ein schwer krankes Kind leiden und sterben zu sehen: Das ist ein Horrorszenario. Und es könnte in bestimmten Fällen einfach verhindert werden, wenn man vor der nächsten Generation das verantwortliche Gen ändert.
Die Folge wäre die Diskriminierung von Personen mit schlechten Genen.
Das ist doch schon der Fall. Wer heute eine Lebensversicherung abschliessen will, muss sich in den USA einer umfangreichen Gesundheitsprüfung unterziehen. Wenn beide Eltern früh wegen Krebs oder Herzversagen gestorben sind, zahlt man viel höhere Prämien, als wenn sie mit 95 einschlafen durften. Das wird heute so gemacht, unabhängig davon, ob man persönlich diese erhöhten Risiken hat oder nicht. Dabei erben Kinder nicht zwangsläufig das genetische Schicksal der Eltern.
Sie wollen also nur jene diskriminieren, die auch wirklich ein höheres genetisches Risiko tragen?
Als junger Mann musste ich mal gegen Mark Spitz, den siebenfachen olympischen Goldmedaillengewinner im Schwimmen, antreten. Ich hatte keine Chance. Er besass grossartige Schwimmgene, also natürliche Fähigkeiten, die ich nicht hatte. Menschen haben eine weite Spanne von Fähigkeiten, die genetisch determiniert sind. Wir haben nicht alle die gleichen Risiken, wir haben nicht alle die gleichen Fähigkeiten. Und wir haben nicht mal die gleichen Optionen. Das sind utopische Mythen.
Machen Sie sich wirklich überhaupt keine Gedanken darüber, was Sie mit Ihrer Wissenschaft anrichten könnten?
Sicher. Wir brauchen unbedingt Grenzen und Regeln.
Wo ziehen wir diese Grenzen?
Es ist komplex, eine Regel wird nicht allem gerecht. Wir müssen herausfinden, was sinnvoll und akzeptabel ist für die Gesellschaft. Wenn wir tragische Krankheiten eliminieren könnten – dagegen würden die wenigsten argumentieren. Vielleicht doch, ich habe keine Ahnung.
Grenzen zu setzen ist also Aufgabe der Gesellschaft, nicht der Wissenschaft?
Ja, wie jedes Machtmittel, jedes Wissen, muss sie auch solche Optionen vorsichtig anwenden. Doch wir reden hier über die ferne Zukunft. Wir wissen noch viel zu wenig über den menschlichen genetischen Code. Im Moment sollte ein Moratorium für solche Versuche von mindestens zwanzig Jahren gelten.

Craig Venter
Gerade als ehrlicher Wissenschaftler müsste es Ihnen Craig Venter doch schon aufgefallen sein, dass es Dinge im Leben gibt, die sich weder mit naturwissenschaftlichen noch mit gentechnischen Ansätzen erklären lassen. Nur schon die Frage: „Was macht den Unterschied aus zwischen einem lebenden und einem toten Körper?“ Die Gene sind sicher alle noch dieselben, diese ändern sich nicht von einem Moment auf den anderen. Es entgeht Ihnen offenbar vollständig, dass der Mensch nicht nur ein Konstrukt aus Materie ist, sondern auch eine geistige Komponente besitzt. Wäre es nicht sinnvoll sich dieser Komponente mal genauer anzunehmen und dabei vielleicht herauszufinden, dass es wie auch beim Computer nicht nur Hardware und Software, sondern auch einen Benützer braucht, der schlussendlich bestimmt, welche Spiele gespielt werden oder welche Rechnungen der Computer ausführen soll. Dieser Ansatz würde Grundlegendes dazu beitragen, die Richtung der Menschheit auf eine positiver Art und Weise zu beeinflussen.
Ursula Süss, Dr. Natw. ETH
…bei Herrn Venter wär’s wohl angebracht!
Erst dachte ich – ach ja, wieder einmal so eine typisch amerikanische Haltung, so à la: "Ja ja, mal locker darauf los gelebt, (ICH) – die Forschung wird’s schon richten" – Aber meiner Meinung nach, ist dieser Herr Venter komplett im Mikrokosmos verloren gegangen. So im Einzelnen betrachtet mag seine Situation bestimmt wundervoll aussehen. Ich glaube, man braucht – auch so ein Studierter – ab und an die nötige Distanz um zu sehen, in was für ein Irrweg man sich hinein begeben hat.
Vor einer „Gen-Zukunft“ graut mir!