Dafür hat man mich

Der Privatbankier Konrad Hummler ist auch ein Politbankier. Noch offener als über Geld redet er über wirklich Wertvolles.

10.07.2007 von Martin Beglinger und Finn Canonica

Konrad Hummler ist kein Bankier wie viele. Zunächst einmal, weil er Teilhaber einer privaten und nicht einer börsenkotierten Bank ist, nämlich der ältesten des Landes: Wegelin & Co., gegründet 1741. Ihr mit Edelholz getäfertes Stammhaus in St. Gallen ginge problemlos als besonders schickes Ortsmuseum durch. Konrad Hummler ist aber auch ganz anders als jene Genfer Privatbankiers, die nebst Geld verdienen nur eines wollen: um keinen Preis auffallen. Hummler, 54, steht gern in der öffentlichkeit, ja er sucht sie. Der Bankier ist nicht nur Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung», er hat quasi auch sein eigenes, achtseitiges Magazin. Es nennt sich «Anlagekommentar» und ist vieles, aber eines sicher nicht: so trocken wie der Titel vermuten lässt. Im Grunde ist es ein Etikettenschwindel, den sich der St. Galler Bankier hier leistet, denn um Anlagetipps geht es eher selten. Eher empfiehlt er Schülern und Eltern Websites wie www.spickmich.de, um auch hierzulande Transparenz zu schaffen über schlechte Lehrer und damit auch mehr Wettbewerb in der Schule. Oder er gibt sich als grosser Freund «jener höchstens 25-jährigen Leute» zu erkennen, «die sich in nicht völlig hanffreien Spunten treffen, um – ja was? – zu rauchen, zu saufen und zu kiffen, gewiss. Aber auch, um sich in der Slam Poetry zu messen.» Immer wieder denkt er Grossthemen wie die New Economy oder die Globalisierung neu, er lässt sich über die Beschneidung der Freiheit in Zeiten des Terrors aus, oder er entwickelt eine Vision der Schweiz als City State, einer Mischung aus Hongkong, Singapur und New York. Kurz, Konrad Hummler schreibt, worüber er gerade Lust zu schreiben hat, und das kommt offensichtlich an: Sein «Anlagekommentar» hat mittlerweile eine Auflage von 35 000 Exemplaren. Erfolg hat er aber nicht nur als Kommentator, sondern ebenso mit seiner Bank, deren verwaltete Vermögen seit 2002 um jährlich 25 Prozent gewachsen sind.

Herr Hummler, als Bankier, der sich oft und pointiert in die öffentliche Diskussion einmischt, sind Sie ein Exot. Lohnt sich das?
Für mich ist es eine persönliche Befriedigung. Man kann ja nie ganz genau erklären, warum man eigentlich schreibt. Vermutlich ist es irgendwie ein psychischer Defekt. Und ganz sicher hat es einen erotischen Aspekt, eine Meinung in die Welt zu setzen.

Wollten Sie nie Journalist werden?Klar, eigentlich immer. Das ist mein Alter Ego. Als Zürcher können Sie sich übrigens gar nicht vorstellen, wie unglaublich schwierig es für einen St. Galler ist, sich Gehör zu verschaffen. Wir müssen mindestens doppelt so gut sein, um im Rest des Landes wahrgenommen zu werden.

Leiden die St. Galler darunter?
Eindeutig. Ich persönlich aber nicht. Wir sind sportlich unterwegs mit unserer Bank, was wir auch sein müssen. Andernfalls wären wir nicht so stark gewachsen wie in den letzten Jahren.

Andere Privatbankiers würden sich eher auf die Zunge beissen, als sich so zu exponieren wie Sie.
Sie glauben vermutlich, sie hätten das nicht nötig. Und aus einer saturierten Situation mit einer langen Familiengeschichte im Rücken sieht die Welt tatsächlich auch anders aus. Doch bei uns ist das völlig anders. Als ich 1991 Teilhaber von Wegelin wurde, lagen wir bei einer knappen Milliarde Depotvolumen. Das ist nichts! Da müssen Sie sich schon etwas einfallen lassen und sich bemerkbar machen, wenn Sie wachsen wollen. Ich habe Kunden, die dezidiert anderer Meinung sind als ich, und da gibt es gelegentlich gewaltige Diskussionen. Man muss einfach ab und zu etwas von unangreifbarer Qualität schreiben. Als 2005 alle über Deutschland jammerten, schrieb ich, dass dort Geld zu verdienen ist. Das braucht Mut. Aber ich liebe den schmalen Grat.

Werden Sie von den jüngeren Bankern nicht fast etwas belächelt, weil Sie sich derart für die Schweiz interessieren und engagieren?Das glaube ich nicht. Sicher gibt es diese pseudoglobalisierten Yuppiebanker, die sich in ein paar guten Hotels in London und New York bewegen und sich erst auf dieses Land besinnen, wenn sie mal mit einem amerikanischen Staatsanwalt zu tun haben. Aber solche Leute finde ich uninteressant. Meine Kaderleute sind sehr an der Schweiz interessiert.

Sehen Sie das Land noch immer ausser Kontrolle, wie Sie vor einem Jahr im «St. Galler Tagblatt» schrieben?Bis zu einem gewissen Grad ja, obwohl natürlich immer alles weiterläuft. Für mich ist die grosse Frage: Was sind die strategischen Szenarien für die Schweiz? Und kann sie rasch genug und richtig reagieren, wenn ein Szenario ausscheidet? Darüber müssten wir dringend debattieren, doch die Konkordanz verhindert eine gute Debatte. Für mich ist das ohnehin eine unmögliche Regierungsform – ausser in Notzeiten wie dem Zweiten Weltkrieg, wenn alle zusammenstehen müssen.

Weil Konkordanz die organisierte Verantwortungslosigkeit ist?Weil sie einfach viele relativ schlechte Kompromisse schmiedet und die Volksabstimmung die einzige Korrekturmöglichkeit ist. Beim Alpentransit haben wir zwei Löcher anstatt eines, es gab auch nie eine ernsthafte Debatte über die Kosten, zudem hat man die Neat aussenpolitisch nicht als Pfand genutzt. Oder die Krise mit den nachrichtenlosen Vermögen, die wir grauenhaft schlecht bewältigt haben. Das Gleiche bei der Swissair, wo man übrigens dringend die Frage nach der Verantwortlichkeit des Bundes stellen müsste. Hier warte ich nur auf eine Zivilklage gegen den Bund.

Hängt die Qualität der Lösungen nicht ebenso von der Qualität der Bundesräte ab? Im Fall der Neat hat Otto Stich immer und öffentlich erklärt, zwei Tunnels seien ein finanzieller Wahnwitz.Ja, aber er lief ins Leere damit.

Allerdings auch in der Volksabstimmung. Das Volk hat die Neat abgesegnet.Wobei in den Volksabstimmungen jeweils dieser ziemlich grosse Propagandaapparat zum Tragen kommt, den die Regierung entwickelt hat und vor sich her wälzt. Die Schweiz ist vermutlich nicht einmal so weit entfernt von der Idealvorstellung einer Volksdemokratie, die überdies finanziell sehr gut bestückt ist. Aber die Qualität der Entscheide ist nicht viel anders als in Ländern, wo eine Nomenklatura am Werk ist, die möglichst keine Störung durch das Volk will.

Aber gerade in der Europafrage hat sich die Mehrheit des Volkes gegen die «Nomenklatura» durchgesetzt, was Sie als erklärten EU-Beitrittsgegner doch sicher gefreut haben wird.Ja, durchaus. Die Frage ist allerdings, wie es nun weitergehen soll. Der bilaterale Weg wird voraussichtlich immer schwieriger, und es gibt kaum eine ernst zu nehmende Debatte darüber, was die Alternativen dazu wären. Klar ist für mich, dass eine Volksdemokratie nicht strategiefähig ist.

Was ist Ihre Bilanz von vier Jahren Bundesrat Blocher?Ich war damals gegen Blochers Wahl, weil ich es für falsch hielt, die Frage nach der Person anstatt nach dem System zu stellen. Nach den letzten Parlamentswahlen von 2003 forderte ich ja FDP und CVP auf, entweder mit der SP oder mit der SVP einen sauberen Koalitionsvertrag auszuhandeln. Die Mitteparteien hätten zusammen die dafür nötigen Stimmen gehabt. Stattdessen sitzt jetzt eine neue Person im Bundesrat, die sicher ein paar Eigenschaften hat, die andere nicht haben, auch wenn ich Ihnen sagen muss, dass mich die Person Blocher als solche nicht übermässig interessiert. Entscheidend ist die Frage nach dem System, auch in diesem Wahlkampf.

Wäre die Gefahr nicht zu gross, dass eine Koalitionsregierung durch Initiativen
und Referenden lahmgelegt würde?Das höre ich immer wieder. Wenn dem so wäre, dann müssen Sie mir einfach mal erklären, warum das Land zwischen 1848 und 1939 trotzdem funktioniert hat. Ich bin wirklich nicht der Meinung von FDP-Präsident Fulvio Pelli, der die Konkordanz als etwas Wunderbares feiert.

Sie vertreten ja ziemlich radikalliberale Ideen in Ihren Anlagekommentaren. Von welcher Partei fühlen Sie sich am besten vertreten?Man fühlt sich ziemlich verloren. Ich wähle immer noch freisinnig, weil ich mit der Doppelbödigkeit der SVP nicht leben könnte, die sich zum Beispiel in der Agrarpolitik zeigt. Von unternehmerischen Bauern kann in diesem System, das die SVP verteidigt, noch immer keine Rede sein. Das ist ein Bodenverwaltungsprogramm.

Mit der FDP scheinen Sie nicht viel glücklicher zu sein.Eigentlich müsste sie für Liberale die logische Partei sein. Man muss sich nun die Frage stellen, warum sich die liberale Linie in der FDP nicht besser durchgesetzt hat.

Was ist Ihre Antwort?Es hat mit der starken Einbindung der FDP ins Regierungsgeschäft zu tun. Da gerät man in Zwänge, wo man gar nicht mehr liberal handeln kann. Ob links oder rechts, wer in der Exekutive sitzt, gerät in einen Verteilmodus, der in einer Demokratie systemimmanent ist. Deshalb meine ich, dass sich die FDP immer mal wieder in die Opposition abmelden sollte. Nur immer an der Macht bleiben zu wollen, ist schlecht.

Eine 10-Prozent-FDP, die konsequent liberal politisiert, wäre Ihnen lieber als eine halbliberale Partei mit 16 oder 17 Prozent?Eindeutig. Eine solche FDP könnte wenn nötig mit Initiativen und Referenden korrigierend eingreifen. So wäre sie ein ganz anderer Machtfaktor. In St. Gallen haben wir auf diese Weise eine ziemlich gute Steuersenkung hingekriegt. Und wir konnten im Alleingang das Kantonsparlament von 180 auf 120 Sitze verkleinern. Seither geht es der Freisinnigen Partei wieder besser.

Haben Sie Hoffnung für die FDP Schweiz?Auf nationaler Ebene gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder spielt man den Machtfaktor, was man aber nur tun kann unter Preisgabe eines Teils der Konkordanz. Oder man sagt: Wir verabschieden uns für eine gewisse Zeit in die Opposition.

Aber will eine Mehrheit wirklich harte liberale Reformen?Politökonomisch läuft doch der Verteilungsprozess in der Demokratie so: Eine relativ kleine Gruppe erhält einen unverhältnismässig grossen Vorteil gegenüber einer relativ grossen Gruppe, die diesen Vorteil finanzieren muss. Weil die Gruppe aber relativ gross ist, verteilt sich der Nachteil auf viele und ist deshalb wieder relativ klein. Ich meine nun, dass man diese Mehrheit mit einer ziemlich kecken Oppositionspolitik immer wieder für sich gewinnen könnte. Die FDP müsste diesen Schritt nur ab und zu wagen. übrigens hätten Sie dann auch mehr zu schreiben.

Apropos schreiben: Hat die NZZ, in deren Verwaltungsrat Sie sitzen, nicht das gleiche Problem wie die FDP: dass ihr Verhältnis zur SVP und zu Blocher ungeklärt ist?Ich würde darüber hinaus behaupten: Die NZZ ist der gleichen Systemproblematik unterworfen wie die staatstragende Mittepartei FDP. Das führt zur Gefahr, dass man zu einem vorgelagerten Regierungsorgan wird, und das ist nun mal relativ langweilig. Aus meiner Sicht müsste eine Zeitung auch im Inlandteil immer wieder für überraschungen sorgen. Es braucht Elemente der Unberechenbarkeit, sonst ist man zu wenig interessant, und dann wird man irgendwann nicht mehr gelesen.

Heisst das, Sie lesen lieber die «Weltwoche»?Der gelingt die überraschung mindestens ab und zu, wobei natürlich auch die NZZ ihre überraschenden Elemente hat, zum Beispiel im Feuilleton, das nach 9/11 mit ebenso prägnanten politischen Inhalten präsent war wie der Auslandteil. So stelle ich mir die NZZ vor.

Und wie in zehn Jahren?Sie muss ihren hervorragenden Brand weiterhin nützen. Was ich nicht will, sind irgendwelche Mee-too-Produkte, die unter dem Brand NZZ dahinvegetieren oder meinetwegen auch florieren. Eine andere Frage ist, wie sich der ganze Onlinebereich entwickelt, und dies ist sehr schwer absehbar. Wenn aber tatsächlich so viel Geld aus dem Printbereich abfliesst, wie manche behaupten, und man das nicht kompensieren kann, dann wirds eng. Aus meiner Sicht führt das fast zwingend dazu, dass man über grosse Investitionen nachdenken muss, aber nicht in jenem Bereich, wo man es bis jetzt gemacht hat.

Also nicht im Print-, sondern im Onlinebereich.Jetzt wirds ein bisschen heikel – die Strategie der NZZ-Gruppe kann ja nicht für die öffentlichkeit bestimmt sein. Aber so viel ist klar und auch nicht geheim: Ob man im Onlinebereich reüssiert oder nicht, wird die überlebensfrage sein. Und ich habe noch nie gesehen, dass man in so wichtigen Dingen ohne happige Investitionen auskommt.

Kehren wir zum Liberalismus zurück: Warum hat er es so schwer in der Schweiz?Der Liberalismus hat ein grosses Problem: Er selber braucht keine wirkliche Werthaltung. Deshalb gerät er gerade in Wertediskussionen immer etwas in Schwierigkeiten. Einer wie Wilhelm Röpke hat das anerkannt, währenddem der radikalliberale Friedrich von Hayek immer in der kalten Ecke stehen geblieben ist. Doch wenn man politisch erfolgreich sein will, braucht es nebst der liberalen Position noch eine zweite Komponente. Der Frage nach den Werten kann man nicht ausweichen. Aber fragen Sie mich jetzt bloss nicht, was das sein könnte, das ist sehr schwierig.

Radikalliberale gelten bei vielen Leuten als rücksichtslose Egoisten.Der Nachteil des liberalen Ansatzes besteht eben auch darin, dass er kein konkretes Ziel hat. Nehmen Sie das Beispiel der Steuerdebatte. Das Argument ist ja, dass so viel mehr Gutverdienende durch die tieferen Steuern angezogen werden, dass es mehr Wachstum gibt und in zwei, drei Jahren alle ein besseres Leben haben. Schon um dies rüberzubringen, braucht es sehr gewiefte Politiker. Da findet man kaum einen kantonalen Finanzdirektor. Wie das der frühere Schwyzer Finanzdirektor Franz Marty geschafft hat, ist für mich noch heute ein Wunder.

Was haben Sie für ein Menschenbild?Für mich ist der Mensch fast unermesslich erfindungsreich und anpassungs- und entwicklungsfähig. Ich halte es da mit Peter Sloterdijk, der kürzlich mal gesagt hat, die Menschheit stecke noch im Embryonalzustand. In diesem Sinn habe ich ein sehr optimistisches Menschenbild. Der Mensch muss sich irgendwie an einer transzendenten Grösse orientieren, weil er sonst im Leeren steht. Anderseits gehe ich von einem ökonomischen Bild aus, das den Menschen stark anreizorientiert sieht.

Haben wir die richtigen Anreize?Ich meine, dass wir einmal ernsthaft über das bedingungslose Grundeinkommen reden sollten, was hier viele Leute leider nicht wollen, weil sie fälschlicherweise meinen, das sei eine Idee der Linken. Ursprünglich stammt sie aber von rechts, nämlich von Milton Friedman.

Denken reiche Leute anders als arme?Im Durchschnitt haben sie mehr Angst, weil sie mehr zu verlieren haben. Eine schlechte Voraussetzung, um intelligent zu entscheiden, damit man reich bleibt. Genau dafür hat man doch Privatbankiers wie mich. Dort liegt meine Wertschöpfung.

Warum hat das Image der Banker in den letzten Jahren derart gelitten?  Liegt es am Managerkapitalismus, der schlecht bei den Leuten ankommt?Die Bonusfrage stellt sich für mich nicht aus populistischer Sicht, sondern aus der Sicht des Shareholder Value. Diese exorbitanten Boni und die übertriebene Abzockermentalität halte ich schlicht für eine Schweinerei.

Verdient Herr Ospel, was er verdient?Vielleicht. Aber dann soll der Shareholder zumindest angemessen darüber befinden können. Ich hätte kein Problem, jemandem meine Steuerrechnung zu zeigen. Jeder weiss, bei einem Eigentümer oder Teilhaber ist eben auch das Risiko vorhanden, und zwar voll.

Bestimmt der Wettbewerb die Löhne, wie es im Topmanagement immer heisst?Nein, das glaube ich nicht. Jedes Management kartellisiert sich so rasch wie möglich untereinander – gegen die Aktionäre. Das ist einfach so. Die einzige Sorge, die diese Manager wirklich haben, ist die Frage: Wie gross muss meine Leistung fürs Unternehmen sein, damit ich mit meinem Bonus gerade noch knapp geduldet werde? Der Rest ist die Optimierung des Eigennutzes.

Was halten Sie von der «Abzocker-Initiative»?Das ist ein neidbasierter Vorschlag, aus meiner Sicht keine Lösung. Transparenz ist die eine Möglichkeit, und die Ultima Ratio ist die Firmenübernahme, auch wenn man das in der Schweiz gar nicht gern hört. Nur wenn eine übernahme nicht möglich ist, kommen solche übertreibungen  zustande. Ich begreife deshalb diesen Alarmismus überhaupt nicht, wenn Ausländer Schweizer Firmen übernehmen. So wird doch wenigstens wieder mal ein Management ausgewechselt.

Wie sehen Sie die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz?
Für mich gibt es drei Szenarien. Wenn wir davon ausgehen, dass die Unternehmens- und auch die privaten Steuersätze weltweit weiterhin sinken, dann wird der fiskalisch bedingte Teil
des Bankgeheimnisses obsolet. Nimmt zugleich die Rechtssicherheit in anderen Weltgegenden zu und finden zum Beispiel vermögende Russen oder Malaysier in ihren Ländern genügend Rechts- und Personenschutz, dann wird die Schweiz zu einem ganz gewöhnlichen Finanzplatz – eine interessante Entwicklung…

…interessant? Das muss Sie doch alarmieren!Mich nicht. Unsere Bank ist mehrheitlich auf Schweizer Kunden ausgerichtet und nicht im Offshore-Geschäft. Das zweite Szenario ist, dass der internationale Druck auf den Finanzplatz Schweiz und das Bankgeheimnis markant steigt. Auch hier gibt es Hinweise, dass sich ein internationales Kartell von Hochsteuerländern bildet.

In den USA will Präsidentschaftskandidat Barack Obama Sanktionen gegen 34 Offshore-Finanzplätze durchdrücken, darunter die Schweiz.Das ist tatsächlich mal in sein Programm gerutscht. Doch wird es womöglich bald wieder gekippt, wenn Obama sieht, woher das Geld für seinen Wahlkampf kommt. On verra. Das dritte Szenario ist, dass wir von anderen Finanzplätzen wie Singapur oder Dubai unter Druck geraten.

Ihr favorisiertes Szenario für die Schweiz haben Sie ja bereits 2005 lanciert: ein City State. Ist die Idee nicht schon wieder verpufft?Aus meiner Sicht nicht. Ich bin eher erstaunt, dass man immer noch davon spricht. Ich muss immer wieder Vorträge darüber halten, doch leider ist die Idee nie von einer politischen Kraft aufgenommen worden. Aber das ist die Fortsetzung meiner eigenen Lebenstragödie.

Wie dürfen wir das verstehen?Das ist das Problem des Unternehmers. Die Langsamkeit in der Politik ist kaum auszuhalten. Wenn ich mit meiner Bank eine Niederlassung in Genf beschliesse, dann eröffnen wir die ein halbes Jahr später. In der Politik dauert hingegen immer alles endlos.

Sind wir nicht de facto schon lange auf dem Weg zu Ihrem City-State-Modell? Keine politische Anbindung in Europa, aber Geschäftsbeziehungen mit der ganzen Welt?Wo immer ich auftrete, sagen mir die Leute, das sei die Lösung. Aber wir haben diese Lösung natürlich nicht, solange wir ein derart europhiles Integrationsbüro in Bern haben. Man würde besser ein Globalisierungsbüro daraus machen. Handkehrum müsste man über die Einwanderungspolitik reden, was wiederum mühsam ist mit einer Partei wie der SVP. Warum sollen 7,5 Millionen Menschen für die Schweiz genau richtig sein und nicht mehr? Sollten wir nicht eher ein paar künstliche Seen bauen, wenn man sieht, wie unglaublich begehrte Wohnlagen die Seeufer sind?

Im Ernst?Aber sicher! Warum bauen wir nicht eine schöne Marina, anstatt Milliarden in überdüngte äcker zu stecken? Warum verwandeln wir den stillgelegten Militärflugplatz Dübendorf nicht in einen schönen See?

Und siedeln dann 200 000 indische und chinesische Software-Ingenieure rundherum an?Zugegeben, das isch neimedüre echli verruckt, aber auch wieder nicht. Ein historisches Beispiel: Nachdem Louis XIV. die Religionsfreiheit in Frankreich aufgehoben hatte, sind 1700 protestantische Hugenotten nach St. Gallen geflüchtet – innerhalb von zwei Wochen und bei einer einheimischen Bevölkerung von gut 6000 Leuten. Ohne diese Hugenotten wäre im Kanton St. Gallen nie eine Textilindustrie und nachfolgend eine Maschinenindustrie entstanden.

Welches sind für Sie heute die wichtigsten Standortvorteile der Schweiz?Das ist sicher mal der ziemlich liberale Arbeitsmarkt. Dann haben wir mit der neuen Einwanderungspolitik einen Schub an qualifizierten Zuwanderern. Derzeit räumen wir ja halb Deutschland aus. Aber der grösste Standortvorteil ist für mich die Mentalität. Die Bereitschaft der Leute, in die Welt hinaus zu gehen. Die Schweiz ist eines der Länder, die in der Globalisierung am besten funktionieren. Mich fasziniert, dass nicht nur die grossen Magnaten weltweit agieren, sondern auch die KMU. Da gibt es St. Galler Firmen mit 50, 60 Leuten, die Niederlassungen in Shanghai haben und der Chef alle zwei, drei Wochen zwischen der Schweiz und China pendelt. Aber bei aller Globalisierung: Wir sind und bleiben in Europa, und es ist ein Jammer, dass man nicht der Schweiz beitreten kann, sondern nur der EU.

Zählen Sie ebenfalls zu jenen Skeptikern, die Europa als überalterten, sklerotischen Kontinent abgeschrieben haben?
Die demografischen Fakten verheissen nichts Gutes. Wenn es aber um Kreativität geht, bleibe ich optimistisch dank jener Kreuzung einiger sehr spezieller kulturhistorischer Wurzeln, die es nur hier gibt. Der griechische und der judäische Zweig der Weltgeschichte haben zu einer einzigartigen Mischung geführt.

«Die Abzockermentalität halte ich für eine Schweinerei.» | Bild: Helmut Wachter
«Die Abzockermentalität halte ich für eine Schweinerei.» | Bild: Helmut Wachter

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