16.10.2009 von Daniel Binswanger , 1 Kommentar
Christian Meier, der Doyen unter den deutschen Althistorikern, hat «Kultur, um der Freiheit willen» publiziert, eine Geschichte des antiken Griechenlands. Der Titel ist Programm: Meier geht es darum, die «politische Revolution» der Polis-Bildung als den innersten Kern der griechischen Kultur auszuweisen.
Die archaischen Griechen, so sagt Meier, haben zahllose Einflüsse von den orientalischen Despotien empfangen. Doch sie fügten den übernommenen Zivilisationstechniken ein völlig eigenes Ferment hinzu: eine neue, unbotmässige Selbstgenügsamkeit, die sich schliesslich zur Demokratie entwickelte und Griechenland zur Wiege der europäischen Kulturtradition werden liess.
Am Anfang der Herausbildung demokratischer Stadtrepubliken steht allerdings nicht die Stärke, sondern die Schwäche der politischen Institutionen. Die Griechen kannten weder das Königtum im Sinne der Erbdynastien noch eine stabile und institutionalisierte Aristokratie. Auch die attischen Städte wurden zwar von Adelsgeschlechtern beherrscht, da die Machtverhältnisse aber unstet waren und immer wieder neu ausgehandelt werden mussten, wurde das Gemeinwesen von Adelsfehden häufig ins Chaos gestürzt. Die Griechen waren politisch unterentwickelt und litten an einem Stabilitätsdefizit. Als beste Garantie für politische Kontinuität erwies sich dann im Laufe der Zeit die Einbeziehung der Mittelschicht in den politischen Prozess. «Der Aufstieg der Mittleren» sollte die Exzesse einer unberechenbaren Oberschicht temperieren.
Meier belegt den Zusammenhang von Stabilitätsbedürfnis und Demokratieentwicklung unter anderem durch die Bedeutungsverschiebung, welche der Ausdruck «die Mittleren» erfuhr. Um 600 v. Chr., zur Zeit der athenischen Gesetzesreform des Solon, bezeichneten «die Mittleren» diejenigen Patrizier, welche zwischen zwei verfeindeten adligen Parteien standen und einen Ausgleich schaffen konnten. Im vierten Jahrhundert werden die «Mittleren» bei Aristoteles dann soziologisch definiert. Es handelt sich um weniger vermögende, aber freie Bürger, Handwerksgesellen zum Beispiel. Die Mittleren werden zur Mittelschicht.
Angeschoben wurde der Mentalitätswandel, der zur Demokratisierung führte, durch die Kolonisierung des Mittelmeerraumes, welche die griechischen Städte im siebten und sechsten Jahrhundert vor Christus in Angriff nahmen. Die Kolonisierung brachte den Adelsfamilien zusätzlichen Reichtum und zusätzliche Macht, zog aber die Pauperisierung der einfachen Schichten nach sich. Die mediterrane Frühglobalisierung führte zu verschärfter sozialer Ungleichheit. Die politischen Antworten auf das neue Ungleichgewicht waren zunächst unterschiedlich. Viele griechische Städte gerieten in dieser Zeit unter die Herrschaft von Tyrannen, welche sich die Spannungen zunutze machen konnten und als Garanten der Stabilität auftraten. Die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten am politischen Prozess erwies sich aber als die bessere Strategie, um die sozialen Fliehkräfte unter Kontrolle zu bringen.
In den politischen Debatten unserer heutigen Zeit werden Freiheit und Gleichheit in der Regel als Gegenbegriffe verwendet. Mehr Freiheit bedeutet weniger Eingriffe des Kollektivs in die individuelle Lebensgestaltung. In der griechischen Antike war Freiheit zuallererst die Freiheit zur politischen Partizipation. Mehr Freiheit bedeutet deshalb mehr Anteilnahme an kollektiven Entscheidungsprozessen. Diese Freiheit muss von den «Mittleren» getragen werden.
Die Lebensverhältnisse der attischen Demokratien liegen weit hinter uns – nur schon weil damals Frauen und Sklaven von den Bürgerrechten ausgeschlossen waren. Noch immer aber gehen unsere Grundvorstellungen von Rationalität und Gerechtigkeit auf die griechischen Anfänge zurück. Und auch für die heutige Zeit lässt sich aus Meiers beeindruckendem Werk eine nach wie vor gültige Lektion ziehen: Wo die Ungleichheit die Mittelschichten zu sehr zurückdrängt, da ist es mit demokratischer Freiheit nicht mehr weit her.

Fotografiert von Sébastien Agnetti
[...] Am 16.10.2009 verwendete Binswanger in den sieben Absätzen seiner Kolumne unter anderem folgende Wörter (in der Reihenfolge ihres Auftretens): Mittelstandsprojekt Doyen Althistoriker Polis-Bildung Despotie Zivilisationstechnik Ferment unbotmässig Stadtrepublik Institution Königtum Erbdynastie stabil institutionalisiert Aristokratie attisch Adelsgeschlecht unstet Gemeinwesen Adelsfehde Chaos Stabilitätsdefizit Garantie Kontinuität Prozess Exzess temperieren Stabilitätsbedürfnis Demokratieentwicklung Bedeutungsverschiebung athenisch Gesetzesreform Patrizier soziologisch definieren Mentalitätswandel Demokratisierung Kolonisierung Adelsfamilie Pauperisierung mediterran Frühglobalisierung politisch Tyrann zunutze Garant Stabilität Prozess Strategie sozial Fliehkräfte Debatte Gegenbegriff Eingriff Kollektiv individuell Lebensgestaltung Antike Anteilnahme kollektiv Entscheidungsprozess attisch Demokratie Bürgerrecht Grundvorstellung Rationalität Gerechtigkeit Ungleichheit Mittelschicht [...]