Daniel Binswanger

Die Euro-Schadenfreude

15.05.2010 von Daniel Binswanger , 8 Kommentare

Wann immer die EU eine Krise zu bestehen hat, geraten Schweizer Europa-Skeptiker in einen Taumel von Häme und Festtagslaune. Allenthalben wird das Auseinanderbrechen des Euro-Raumes prognostiziert, als wäre es bereits eine unverrückbare Tatsache. Die schärfsten Kritiker schliessen aus der Griechenland-Krise ohne Umschweife, dass die EU nur ein «Lügengebilde» sei. Willkommen im Seldwyla der Selbstgefälligkeit!
Das Hochgefühl über die Euro-Schwäche zeugt von stupender Blindheit. Erstens kann die Abwertung der europäischen Währung nur Anti-EU-Ideologen erfreuen, nicht aber die Schweizer Wirtschaft. Zweitens ist die Zeit für Beerdigungsreden auf die Einheitswährung noch lange nicht reif. Die Länder der Euro-Zone haben die Ressourcen um ihre Währung zu verteidigen. Sie können es tun — und sie tun es auch, weil ein Auseinanderbrechen des Euro für alle Beteiligten die wesentlich schmerzhaftere Alternative wäre. Es entbehrt nicht der Ironie, dass gerade jetzt die Nicht-Zugehörigkeit zum Euro-Raum als Himmelsgeschenk fürs Schweizer Vaterland betrachtet wird. Die Nationalbank hat noch nie da gewesene Euro-Reserven akkumuliert, um zu verhindern, dass der Franken gegenüber der europäischen Währung noch stärker wird. Dennoch lässt sich die Aufwertung nicht verhindern, was für die Schweizer Exportwirtschaft zu einem Problem wird. Nur wer davon ausgeht, dass der Euro untergeht, kann über die Fluchtburg-Funktion des Frankens erfreut sein. Aber wie gefährdet ist der Euro?
Die Griechenland-Krise hat ins Bewusstsein gerufen, dass es innerhalb der EU ein strukturelles Ungleichgewicht gibt zwischen Nordeuropa und Südeuropa, das die Stabilität des ganzen Währungsraums bedroht. Dieses Ungleichgewicht ist ein Problem, das sich nur langsam korrigieren lassen wird. Die für die Solidität des Euro entscheidende Frage ist allerdings, wie sich die Schuldenlast aller Eurozonen-Staaten zu ihrer Wirtschaftskraft verhält. Diese Kennzahlen zeichnen ein klares Bild: Der Euro ruht auf einem solideren Fundament als der US-Dollar.
Die prognostizierte Schuldenlast, welche die Euroländer bis Ende 2010 akkumulieren dürften, beläuft sich auf 84 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes. Für die USA beträgt der entsprechende Wert 94,4 Prozent. Für Japan beträgt er fast 200 Prozent. Zwar besteht die theoretische Gefahr, dass die Euro-Staaten irgendwann insolvent werden könnten. Im Falle der USA und Japans ist diese Gefahr allerdings deutlich höher. Auch Grossbritannien, dessen Staatsschuld allein in den letzten zwei Jahren um sagenhafte 30 Prozent angestiegen ist, steht auf wackligeren Beinen als die Einheitswährung. Die europäische Schuldenlast ist zwar bedenklich, aber im internationalen Vergleich ist es um die Solvenz der Eurozone gar nicht schlecht bestellt.
Warum aber gerät die europäische Währung unter scharfen Spekulationsdruck, während der Dollar und sogar der Yen zu Fluchthäfen werden? Das Problem der Einheitswährung liegt im massiven Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Ländern und in der mangelnden politischen Koordination. Nur wenn sich alle Länder der Zone kompromisslos solidarisch zeigen, nehmen die Angriffe auf die schwächsten Mitglieder ein Ende. Diese Einsicht hat sich in Brüssel nun durchgesetzt.
Allerdings haben die Länder Nordeuropas nur dann ein Interesse, für den Süden Garantien zu übernehmen, wenn die Schuldnerländer den steinigen Weg der Strukturreformen beschreiten. Die erzwungene Solidarität zur Verteidigung der Einheitswährung wird unweigerlich eine stärkere finanzpolitische Harmonisierung nach sich ziehen. Die Griechenland-Krise hat deutlich gemacht, dass die Überschuldung eines Eurolandes zum Problem für alle anderen werden kann. An der Erzwingung von Budgetdisziplin wird künftig kein Weg mehr vorbeiführen. Zudem — hier liegt die grösste Herausforderung — muss Südeuropa seine Konkurrenzfähigkeit steigern.
Entweder der Euro geht an dieser Krise zugrunde oder aber er wird glaubwürdiger und stärker aus ihr hervorgehen. Ersteres ist äusserst unwahrscheinlich.

Fotografiert von Sébastien Agnetti
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Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Tweets that mention Das Magazin » Daniel Binswanger -- Topsy.com

    [...] This post was mentioned on Twitter by Alimente Schweiz. Alimente Schweiz said: «Die Euro-Schadenfreude» Daniel Binswanger: http://bit.ly/bO9o6n via @addthis [...]

  2. Hugo Reichmuth

    @ Philipp Wehrli: Man muss den Euro und die EU nicht mögen, um die momentane Entwicklung trotzdem mit Sorge zu betrachten. Weniger Vertrauen in den Euro bedeutet einen stärkeren Franken, was unsere exportorientierte Industrie und den Tourismus schwächt. Das ist verheerend.
    Ich hege immer noch die Hoffnung, dass man die Mittelmeerländer aus der Euro-Zone kippt. Der Euro als Währung ist nicht schlecht, aber mit dem Einbezug einiger sehr schwacher Volkswirtschaften hat man eine gute Idee überdehnt.
    Im Gegensatz zu Herrn Binswanger sehe ich mit der aktuellen Rettungsaktion für den Euro keine positiven Signale. Man versenkt Geld im Glauben, dass man eine Volksmentalität ändern könnte. Das ist ungefähr so aussichtsreich wie eine Initiative, um aus Schweizern feurige Tangotänzer und Latin-Lovers zu machen. No way!
    Wenn erst einmal die 750 Mrd. Euro in den Rettungsfonds versenkt worden sind, wird sich vielleicht diese Erkenntnis durchsetzen. Die Frage ist, ob bei einer beachtlichen Inflation und einer drückenden Schulden- und somit Steuerlast sich nicht schon prä-sowjetische Zerfallserscheinungen in der EU einstellen. Es zahlt sich nie aus, wenn man die Leistungsfähigen, Vorausdenkenden und Intelligenten für ihr sinnvolles Handeln mit noch mehr Steuern abstraft. Haben schon die Kommunisten des Ostblocks merken müssen…

    PS: “kompromisslos solidarisch”: Eine wunderschöne Floskel, direkt aus dem Agit-Prop-Handbuch.
    Wie wäre es noch mit “Führer befiehl – wir folgen”?
    Nachdenken sollte im Zeichen der kompromisslosen Solidarität und der Nibelungentreue grundsätzlich verboten werden…

  3. ruudvanbasten

    Im Gegensatz zu den USA besteht die EU seit gut 60 Jahren. Seit ihrer Gründung befand sie sich stets in einem Wandel. Neue Staaten kamen hinzu und es wurde unheimlich viel getan um Europa näher zusammen zu bringen, so dass sich die epochale Katastrophe des 2. Weltkriegs nicht mehr wiederholen kann. Selbst der grösste EU-Skeptiker muss zugeben, dass während dieser Zeit in Europa ein nie dagewesener Wohlstand entstand und das unter dem Mantel der EU.
    Wir befinden uns also noch in mitten eines Bildungsprozesses der EU, dieser ist keineswegs abgschlossen, so wie der Amerikanische Bundestaat. Deshalb wird es immer wieder Rückschläge geben, die wenn man jedoch die richtigen Schlüsse zieht, zu einer stärkeren und einheitlichern EU führen wird.
    Den grössten Fehler, die all die Schweizer EU-Skeptiker ständig machen, ist das Projekt EU als Zustand zu sehen und nicht als Prozess. Man kann nicht über 30 verschiedene Völker von Heute auf Morgen zusammen bringen. Selbst die viel homogeneren USA brauchten eine ganze Weile, bis sie ihr heutiges Modell erreicht hatten. Deshalb liebe EU-Skeptiker: Schade, dass auch eurer Leben vor demjenigen der EU beendet sein wird. Ich würde deshalb jedem anraten, sich das Erreichte etwas genauer anzusehen und für die Zukunft nicht all zu schwarz zu sehen. Ich würde sonst mal ein Treffen alles EU-Skeptiker in 200 Jahren vorschlagen, wird höchstwahrscheinlich deprimierend…. ;-)

  4. digitaltraveler

    Sehr geehrter Herr Binswanger – 1
    Als der EUR aus der Taufe gehoben wurde, gab es bereits in der EU von nahmhafter Seite Mahner, welche die Gefahren in diesem Konstrukt sahen. Diese Leute sahen voraus, dass der Beitritt weiterer Länder zum EUR a priori nicht auf wirtschaftlicher sondern rein politischer Basis ablaufen wird. Schon PT und ES waren fragwürdige Neuzugänge und bei GR wussten ALLE Entscheidungsträger dass GR seine Zahlen massiv geschönt hat.
    Lesen sie den Beitrag von Herrn Beglinger welcher in der gleichen Ausgabe erschien,hier geht es auch um Veränderungen, Konsolidierungen usw. und ja Aehnlichketen zur lage in der EU und speziell zum EUR sind m.E. frappant.

  5. digitaltraveler

    Sehr geehrter Herr Binswanger – 2 (Vergleiche)
    Jedesmal wenn die Schuldenlasten von GR, PT und ES angesprochen werden, wird reflexhaft auf Länder wie Japan, die USA bzw. den Bundesstaat Kalifornien verwiesen, deren Schulden nur rein in Prozenten noch viel höher sind als der genannten EUR/EU-Länder.
    Zur Klarstellung: Japan’s Schulden sind zum weitaus grössten Teil im Lande die Auslandsverschuldung also gering. Was USA und Japan gemeinsam haben sind valable Assets wie Auto-, Flugzeug, Elektronik- und Pharma-Industrien.
    Was hat Griechenland? Schönes Wetter und malerische Inseln. Die Reedereien sind zwar nominell noch Griechisch aber das wars dann schon mal. Der einzige Grund warum GR sich derart verschulden konnte, war deren Mitgliedschaft in der EU und im EUR-Raum.
    Die Banken und anderer Kreditgeber haben sich (wie nun ersichtlich) darauf verlassen, dass GR von den anderen EU/EUR-Staaten nicht allein gelassen wird.
    Ohne Mitgliedschaft in diesen beiden Institutionen hätten die Kreditgeber nämlich schon längst die Reissleine gezogen.

  6. digitaltraveler

    Sehr geehrter Herr Binswanger – 3 (Solidarität)
    Falls Sie es nicht wissen sollten, GR wie auch PT und ES sind in der EU Nettobezüger seit dem 1. Tage.
    Hier wurde ja von den Nettozahlern z.B. NL & DE ja schon überaus solidarisch gehandelt.
    GR bezog im Jahre 2008 NETTO 6.3 Mia EUR, bei nur 11 Mio Einwohnern. GR hat seit der Einführung des EUR einen Reallohnzuwachs von 40% (kein Tippfehler).
    Die anderen EU-Staaten haben m.a.W. den Griechen ihren Sozialismus-Light finanziert.
    Die Reallohnzuwächse in PT und ES waren i.V. mit den anderen EU-Staaten auch um einiges höher.
    Ich frage Sie: Wo ist/war die Griechische Solidarität mit den anderen EU-Ländern wie z.B. Reduzierung der Schulden, Bekämpfung der allgegenwärtigen Korruption, Schaffung von nicht-staatlichen Arbeitsplätzen usw.?
    Wenn man nur die nackten Statistiken betrachtet, gab es seit der EUR-Einführung eine Verschiebung des Einkommens und Vermögens nicht nur von unten nach oben sondern auch ebenso stark von Norden nach Süden.
    Wie lange die Nettozahler hierzu noch gute Miene zum bösen Spiel machen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

  7. digitaltraveler

    @RUUDVANBASTEN
    Das Märchen wonach die EU den Frieden in Europa gesichert hätte ist schon mehrfach wiederlegt worden. Der Kalte Krieg und die Anwesenheit der Allierten Truppen in DE waren wohl eher die Friedenssicherer im wahrsten Sinne des Wortes.
    Die Wiedervereinigung Deutschlands verbunden mit riesigen Aufbaukosten, welche DE notabene selber schultern musste und noch immer muss (Soli). Sodann kamen noch die EU-Erweiterungen 1 + 2, ohne Unterlass wurde geändert, verändert, aufgenommen, ohne den Menschen Zeit zum “verdauen” zu geben.
    Frei nach H. Kohl: Die EU ist wie ein Fahrrad, es muss in Bewegung gehalten werden, sonst fällt es um.
    Nur ist es so dass die Politiker-Elite auf dem Fahrrad sitzt und die Bevölkerung zu Fuss hinerher rennen darf, ohne die Möglichkeit zu haben das Tempo zu verringern.
    Es macht den Anschein, dass diese Vorgehensweise beibehalten wird . Wie lange das die EU-Bevölkerung noch mitmachen wird?

  8. Admin_Update

    Der Kommentar über die angebliche Schadenfreude der EU-Skeptiker veranlasst mich unbestreitbare Fakten festzuhalten.

    Dass EU-Fans aus Enttäuschung den Andersdenkenden Schadenfreude unterstellen ist nachvollziehbar. Tatsache ist aber, dass Niemand sich über die Euro-Krise freut. EU-Befürworter und Gegner sind sich in diesem Punkt also einig. Erlaubt sei der Hinweis, dass die monströse Bürokratie in Brüssel wohl Vorschriften über die Krümmung von Gurken, Cervelathäute, Kindersitze und andere Lappalien erlässt, aber nicht in der Lage war, die fatale Schuldenwirtschaft ihrer Mitglieder aufzudecken und zu verhindern.

    Für Ihre Aufmerksamkeit danke ich Ihnen und wünsche der ganzen Redaktion eine gute Woche mit viel Spass und Freude.
    Mit freundlichen Grüssen
    Bruno Bänninger

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