30.10.2009 von Bettina Weber , 1 Kommentar
Jus-Studentinnen und Jus-Studenten erkannte man damals von Weitem. Damals, 1994, trugen die Männer Timberlands, 501-Jeans und eine Barbour-Jacke. Die Frauen trugen Mokassins, Hermès-Foulards und eine Barbour-Jacke. Ich hatte zuvor noch nie eine solche Jacke gesehen. Ich fand sie uncool. Weil die, die in den Jacken steckten, uncool waren. Die Männer hatten akkurate Haarschnitte, immer sauber gekürzt war das bei denen über den Ohren und im Nacken, die Frauen hatten blonde Mèches und sorgfältig manikürte Fingernägel, und in die Rote Fabrik gingen die nur in Gruppen und aus demselben Grund wie unsereins in den Zoo. Die hatten alle einen exakten Lebensplan im Kopf und den ging man entschlossen an, zuerst das Studium, danach Praktikum, den Anwalt machen, heiraten, Kinder, Hausbau. Wenn einer damals mit seiner Frau zusammenzog und Möbel kaufte, erstellte er zu diesem Zweck eine Excel-Tabelle und sagte: «Das musst du strategisch angehen. In dieser Kulisse wohnst du ja dann schliesslich die nächsten dreissig Jahre.»
Solche Menschen also trugen die Barbour-Jacke, ein flaschengrünes Ding aus gewachster Baumwolle, die ganz Verwegenen kauften es in Dunkelbraun, man war ja doch Individualist, aber das half auch nichts, es war komplett Sexappeal-frei, teuer zwar, aber auch kastenförmig, praktisch, vernünftig, denn die Barbour-Jacke ist ja im Grunde nichts anderes als eine Windjacke. Senioren tragen Windjacken.
Wobei: nicht mehr länger nur Senioren. Die Barbour-Jacke ist zurück. Und jetzt tragen sie «Vogue»-Redaktorinnen und Lily Allen und Peaches Geldof und Alexa Chang, und die kombinieren die Jacke mit Paillettenshirts, Abendkleidern und Mörderabsätzen. Zum ersten Mal sichtete man die Hipsters von London darin am Glastonbury Festival, der alljährlichen Schlammschlacht im Sommer, wo sich trifft, was in England eine einigermassen ernst zu nehmende Berühmtheit mit Rock-’n’-Roll-Attitüde ist. Von da aus eroberte auch das Stiefel-getragen-mit-Kürzestshorts-Tenü die Welt, da machte Kate Moss Latex-Leggings salonfähig. Und da also gab die Barbour-Jacke ihr Comeback, und zwar with a vengeance.
Erfrischend altbacken
Wieso das Revival? Wieso jetzt? Wieso gilt plötzlich als chic, was zuvor, nun, bloss spiessig war? Weil auch in der Mode die Sehnsucht nach alten Werten erwacht ist, also eigentlich: in der Mode erst recht. Weil sie langweilt. Weil das an sich kreative Geschäft längst in den Händen von Marketingmenschen ist, die mit immer noch mehr It-Bags zu immer noch bizarreren Preisen die Nerven der Kundschaft überstrapazierten, weil niemand mehr Lust hat auf das ganze Blingbling, auf diese lächerliche Aufgeregtheit. Weil darum niemand mehr Lust hat auf all dieses Zeugs ohne Seele, ohne Inhalt, ohne Geschichte. Und schon gar nicht, sich für blöd verkaufen zu lassen.
Barbour hingegen ist einfach da und macht das, was man seit 1894 und mittlerweile in der vierten Generation macht, nämlich qualitativ beste Kleidung, die verlässlich vor Kälte und Nässe schützt, man ist nicht ohne Grund Hoflieferant des britischen Königshauses. Wenn die Queen auf Schloss Balmoral in Schottland ihre Corgis ausführt, dann trägt sie eine Barbour-Jacke, Modell Beaufort, das Original, bis zur Mitte des Oberschenkels reichend und matter als die beiden anderen Klassiker Bedale (kurz) und Border (mittellang). Auch Camilla Parker-Bowles, jetzt Duchess of Cornwall, trägt Barbour. 2006 jedenfalls, als der Film «The Queen» mit Helen Mirren in der Hauptrolle erschien, war man vor allem in Amerika entzückt ob des aristokratisch-bescheidenen Kurzmantels, und Barbour begann, sich still und leise ins Bewusstsein der urbanen Menschheit zu schleichen. Obschon die Jacke ja eigentlich nicht einmal besonders schön ist, erst recht keine Meisterleistung in Sachen Design, sie ist vielmehr Understatement pur in ihrer Nüchtern- und Schnörkellosigkeit, zudem nicht ganz billig und natürlich, von allerbester Qualität: Selbst die Fäden sind so behandelt, dass sie keine Nässe durchlassen. Aber die Barbour-Jacke ist hauptsächlich deshalb chic, weil sie diesen Hauch von Country-Lebensgefühl verströmt, der an Landsitze im schottischen Hochmoor denken lässt, an das Ausreiten im Morgengrauen, an Spaziergänge im Nebel, an die Fasanenjagd, an all das eben, was der britische Adel in seiner Freizeit so tut. Die Barbour-Jacke ist das Insigne der englischen Aristokratie.
Von Sloane Square bis Sylt
Dass die Jus-Studenten die ursprünglich für Jäger und Fischer und Hafenarbeiter entwickelte Jacke im Alltag trugen, war ja auch nicht als keck-modischer Bruch zu verstehen, für so etwas hatten Jus-Studenten keinen Sinn, Brüche waren denen verdächtig. Man mochte vielmehr den Code, der mit der Jacke einherging und mit dem sich ihresgleichen sofort als solche erkannten, niemand hatte das bösartig-treffender beschrieben als Christian Kracht in seinem 1995 erschienenen Roman «Faserland», wo er das Leben von verwöhnten Söhnen und Töchtern schildert, die sich an Partys auf Sylt und in Villen am Bodensee zu Tode amüsieren. Die koksen und saufen und überhaupt sehr exzessiv sind, diese einzigartige Exzessivität, die nur mit einer Rolex am Handgelenk funktioniert und Papas goldener Amex und, klar, einer Barbour-Jacke. Und genauso wie die Jus-Studenten hatten sich Krachts Protagonisten dabei die britischen Oberschichtskinder zum Vorbild genommen, die in den Sechzigern begonnen hatten, Barbour zu tragen. Die Jugendlichen aus Londons reichstem Viertel Sloane Square mochten sich damals nicht die Haare wachsen lassen, denen war dieses ganze Revoluzzertum überhaupt suspekt, die waren an Privatschulen gewesen und wählten die Tories, wie das in der Familie seit jeher Tradition war, und so rebellierten sie auf ihre Weise: indem sie sich verweigerten. Weil ihnen in ihrer Biederkeit nichts anderes einfiel, wollten sie aussehen wie ihre Eltern, und so trugen sie eben Barbour, denn die Jacke sprach: «Am Wochenende fahre ich auf meinen Landsitz.» Oder noch simpler: «Ich habe Geld.» Die bekannteste Vertreterin der Sloanes war Lady Diana Spencer.
Das Revival von Barbour ist deshalb so schön, weil es ohne Marketingstrategie passiert ist. Sondern einfach so, weil das Produkt überzeugt. Und das ist in der Mode eine Seltenheit, dauernd will man da angestaubten Marken ein neues Image verpassen, da muss mehr Sex rein!, man engagiert die Prominenz, entweder direkt, also als Gesicht für eine Kampagne, oder indirekt, in dem man ihr Wagenladungen von Taschen, Kleidern, Schuhen zuschickt, auf dass sie diese bitte in der Öffentlichkeit trage, worauf wiederum die PR-Agentur die Redaktionen dieser Welt mit Fotos eindeckt, versehen mit aufgeregten Überschriften wie: «Nicole Kidman trägt X!! Angelina Jolie in Z!!». Das macht alles nur noch müde, hatten wir doch alles schon, können wir nicht mehr hören.
Barbour, bleib bieder!
Es ist deshalb schwer zu hoffen, dass Barbour vor lauter Begeisterung über diese plötzlich entflammte Liebe nicht der Versuchung erliegt, mit ebendiesen abgelutschten Mitteln das schnelle Geld machen zu wollen. Buberry ist in diese Falle getappt, trunken vom weltweiten Erfolg nach der geglückten Frischzellenkur durch Chefdesigner Christopher Bailey, und dann waren sie plötzlich überall, diese Karos, vor allem auch dort, wo sie sich die Marketingstrategen zuletzt wünschen: an den Armen und Beinen der untersten Chargen der Prominenz nämlich, an denen, die peinlich sind. Da kann sich dann das Ganze schnell ins Gegenteil verkehren.
Als Barbour vor zwei Monaten an der Carnaby Street einen Heritage Store eröffnete und, wie das heutzutage eben so gemacht wird, eine Reihe bekannter Namen an diesem Anlass präsentierte, da beschlich einen eine ungute Ahnung. Obschon: Eigentlich ist das schon in Ordnung, die Firma hat ja wirklich Tradition, und die Carnaby Street war der Ort, wo die modische Revolution der Sechziger stattfand, der Kreis schliesst sich von daher wieder. Dann aber lud die Firma Redaktoren von einflussreichen Titeln wie «Wallpaper», «Vogue» und «Dazed & Confused» zu einem Essen. Und wollte von den Opinion Leaders der Insel wissen: Soll Barbour künftig an der London Fashion Week teilnehmen?
Holy shit, no! Das wäre das Verkehrteste überhaupt. Barbour soll Barbour bleiben, ein wenig steif, sehr britisch und komplett unaufgeregt. Barbour soll zeitlos sein, eben gerade nicht modisch. Weil Mode immer mit Trends zusammenhängt, und entweder macht man die oder man rennt ihnen nach. Das Erste beherrschen nur ganz, ganz wenige, die grossen Labels ohnehin schon längst nicht mehr. Bleibt also noch Variante zwei. Und das hat Barbour schlicht nicht nötig.

Der New Yorker Superhipster Mordechai Rubinstein in Paris | Ami Sioux
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