24.10.2008 von Peter Haffner
Das Signal, dass etwas schiefläuft an diesem Montag, sind zwei Sexsternchen im Bikini. Sie sehen aus, als würden sie Blackie und Blondie heissen und werden begleitet von einem Pussybären, der einen Ghettoblaster im Arm wiegt. Alle drei tanzen sie vor dem mächtigen Bronze-Bullen, der Skulptur von Wall Street, zwischen dessen Hinterbacken eine aufgekratzte Touristin eben ihren Kopf gesteckt hat für ein unvergessliches Foto. Nun guckt sie verständnislos. Doch Börsianer wissen: Steppt der Bär, sind die Kurse im Keller, und ihr Monstermaskottchen, der Stier mit den angriffslustig gesenkten Hörnern, ist so potent wie ein Klumpen Altmetall.
Der 6. Oktober 2008 ist ein Montag, der so schwarz wird, dass er eine ganze Woche dauert. Die Welt schaut nach New York, der Kapitale des Kapitalismus, vor deren Börse die Übertragungswagen der TV-Sender ihre Antennenhälse ausfahren wie Giraffen, die nach den besten Bissen gieren. Zu sehen gibt es: Polizisten in Vollmontur mit Stahlhelm und Maschinenpistole vor einem Sternenbanner in der Grösse eines Leintuches für Goliath. Ferner einen jungen Mann, der ein Plakat schwenkt mit der Forderung, Paris Hilton zur Präsidentin der USA zu küren.
Es herrscht ein Gedränge, als gäbe es etwas gratis, doch die Aktien, die es fast sind, will niemand haben. Als die Börse um vier Uhr schliesst, ist der Dow Jones auf unter 10 000 gesackt, und bevor das Palaver über die Zukunft der globalen Marktwirtschaft einsetzt, machen die Händler etwas, worüber sie genauso wenig Kontrolle haben: Sie halten sich die Hand vor den Mund. Um einen Schrei zu unterdrücken? Zu verhindern, dass ein böser Geist in sie dringt und von ihrer Seele Besitz ergreift?
Stunde der Wahrsager
Es war, wie wenn ein Ertrinkender den Rettungsring untergehen sieht. Am Freitag zuvor hatte der Kongress ihn ausgeworfen und siebenhundert Milliarden Dollar lockergemacht, um Banken und Versicherungen über Wasser zu halten, die sich verspekuliert haben. Der Ausverkauf war angelaufen, und von den fünf grossen Investmenthäusern der Wall Street war keines mehr übrig; selbst Goldman Sachs, die goldene Gans aus der Finanzmärchenwelt, war zur normalen Geschäftsbank geschrumpft. Nun versprach Vater Staat, sie alle bei der Hand zu nehmen, doch sie blieben verängstigt wie in der Geisterbahn ausgesetzte Kinder. «Nirgendwo gibt es flüssiges Geld, nichts auszuleihen, alles total zu!», sagt an diesem Montag ein entnervter Hedge-Fund-Manager, der anonym bleiben will, um sich die Kunden vom Hals zu halten. «Dabei hat die Regierung nicht nur das Fenster aufgemacht, nein, sie hat den Sims mit weggehauen, die Backsteine drum herum herausgebrochen!», sagt der Manager einer Investmentbank, nachdem Washington nochmals zweihundert Milliarden nachschoss. «Besonders beängstigend ist, dass selbst eine Intervention dieser Grössenordung das Vertrauen nicht wiederherzustellen vermochte», sagt Ron Chernow, der Historiker der Wall Street.
Die Krise ist eine Wasserstelle, an der sich allerlei Getier labt. Erst kommen die Ökonomen, deren Domäne Finanz und Wirtschaft sind. Meint einer, das «Ende von Wall Street als Zentrum des globalen Kapitalismus» sei besiegelt und «Chinamerika» der neue Nabel des Erdkreises, folgert eine andere aus dem Hypothekenschlamassel, «nicht jeder sollte ein Hausbesitzer sein». Von beredter Sprachlosigkeit sind sie alle. «Europe’s Panic – The Schadenfreude about America didn’t last long» titelt das «Wall Street Journal».
Zur Spezies der Fachleute gesellen sich die Populisten, für die Richard «Dick» Fuld, der starke Mann der bankrotten Lehman Brothers, der patente Hau-den-Lukas ist. Gegrillt vom Aufsichtskomitee des Kongresses, übernimmt er «die volle Verantwortung», was heisst, dass er die Schuld an der Pleite jedem in die Schuhe schiebt, nur nicht sich selber. Und zuckt nicht mit der Wimper auf die Frage, ob es fair sei, dass er in den letzten paar Jahren persönlich fast eine halbe Milliarde Dollar eingestrichen habe.
Kaum hat man den Luftaufnahmen seines Buckingham-Palastes in Greenwich, Connecticut, seine empörte Bewunderung geschenkt, wird publik, dass die Topvertreter des Versicherungsgiganten AIG eine Woche, nachdem sie vom Staat mit 85 Milliarden Dollar Steuergeldern fit gefixt wurden, in einem Wellness-Eldorado am Strand von Kalifornien feierten. Rechnung: 442 000 Dollar. 150 000 davon fürs Essen! 23 000 fürs Sprudelbad! 10 000 für Drinks! 7000 für die Golfplatzbenutzung!
Alle waren so nett
Doch die Hektik lässt der Wut keine Chance, und die Krise findet ihre Opfer, als die Täter längst von dannen sind. So schlägt die Stunde der dritten Spezies, der Risikoforscher, Verhaltenspsychologen und Hirnwissenschaftler. «Angst ist eine stärkere Macht als Gier», sagt Andrew Lo, Professor am MIT, der Investoren-Verhalten studiert. Die Amygdala, der Teil des Gehirns, der negative Gefühle kontrolliert, reagiert schneller als die Teile, die kognitive Funktionen managen. Mit fatalen Folgen: Alle verkaufen, weil sie grosse Verluste fürchten, was zu noch grösseren Verlusten führt.
Es war Zeit für einen Drink und den Mann, der mehr über solche Wirren weiss als die Piranhas der Börse, die sich nun gegenseitig verspeisen: Harry Poulakakos, der vor einem halben Jahrhundert aus dem griechischen Sparta nach Amerika kam, sich im Gastgewerbe hocharbeitete und 1972 sein eigenes Restaurant, «Harry’s Café and Steak», am Hanover Square eröffnete. Es ist der Treffpunkt von Wall Street, von gepflegter Eleganz wie sein 70-jähriger Besitzer, wenn auch bisweilen mit einer Kundschaft, die bloss danach aussieht. Ivan Boesky, der wegen Insidergeschäften zu einer Busse von hundert Millionen Dollar verbrummt wurde und hinter Gittern landete, gab hier eine Weihnachtsparty, und neben der ehrenwerten Gesellschaft der Finanzbranche verkehrte auch der Rest jener Garde im Lokal, die mit Junk-Bonds, Dotcom-Luftschlössern und toxischen Hypotheken sich und ihre Klientel in den Ruin dealte.
Wie waren die denn so, Herr Poulakakos?
«Alle waren sie nett», sagt er, ein blasshäutiger Mann, der unter schweren Lidern blinzelt, als sei er selber ein bisschen erstaunt über diese Tatsache. Wenigstens verhalfen sie ihm zur Bekanntschaft mit Tom Wolfe, der im eierschalenfarbenen Anzug kam, ihm ein Loch in den Bauch fragte und sein Etablissement in seinem Bestseller «Das Fegefeuer der Eitelkeiten» verewigte. Das Buch erschien termingerecht 1987, dem Jahr des letzten «schwarzen Montags», wo sich das Lokal spätnachmittags füllte mit den selbsterklärten «Meistern des Universums» und Herr Poulakakos die ganze Nacht offen hielt. «Die waren so ausgelassen, als ob sie etwas feiern würden», wundert er sich noch heute.
Weniger, aber besserer Wein
Ums Geschäft macht er sich deshalb keine Sorgen; man trinkt, ob man feiern oder vergessen will. Heute werde zwar weniger Alkohol konsumiert, aber besserer, sagt er, was bei einer Weinliste mit einem 1966er-Château-Pétrus für 3800 Dollar nicht schwerfällt. Leider halte die Lebensart da nicht mit, fügt er bei; früher hätten die Bargäste miteinander geplaudert, heute schauten sie auf ihre Blackberries. Und an den Dresscode, der einst galt, hält sich nur noch er selber, tadellos in seinem dunklen Anzug mit weiss gestärktem Hemd, Krawatte und Schuhen, in denen sich die Leuchter spiegeln. «Man fühlt sich einfach besser, wenn man gut angezogen ist, nicht?»
Manche wünschten sich wohl, sie hätten Herrn Poulakakos’ Stil, wenigstes was Investitionen betrifft. «Nur sichere Anlagen mit langjähriger Laufzeit», beantwortet er die Frage danach und führt seine Solidität auf seinen Beruf zurück; ein Restaurant sei eben «etwas Reelles». Weshalb er auch zuversichtlich ist, dass der Sturm vorübergehen werde. Menschen, nicht Geld, machten die Wirtschaft, meint er. Er muss es wissen, hat er doch als Immigrant mit nichts begonnen und von niemandem etwas geschenkt bekommen.
Ich trat auf die Strasse, beschwingt vom Gefühl, jemanden getroffen zu haben, der weiss, was zählt im Leben, und trotzdem reich geworden ist. Bratduft füllte die Wall Street; er kam von einer winzigen Garküche auf dem Gehsteig, die Kebab, Gyros und italienische Wurst feilbot. Ahmed Ebid, der Besitzer von Halal Food, war Ägypter. Auf meine Frage, wie das Geschäft so laufe, wendet er brüsk die brutzelnden Stückchen. Der Börsensturz, schimpft er, raube ihm Kunden, und die Touristen hätten keine Ahnung von seinen Köstlichkeiten und futterten lieber bei McDonald’s.
Rund um die Börse konnte man am Dienstag kaum noch gehen vor lauter Gaffern. Was hofften sie zu sehen? Geld hatte sich in Luft aufgelöst, Abermillionen von Werten waren spurlos verraucht. Vielleicht verspürte ich deshalb Lust auf eine Zigarre; nichts lehrt wie sie, den Augenblick zu geniessen, der gleich dem Leben selbst nicht von Dauer ist – Aktie zu Aktie, Staub zu Staub. In der Smoker’s Lounge eines Tabakgeschäftes an der Broad Street, geführt von Exilkubanern, traf sich allabendlich, wer der Katastrophe für jene kostbare Stunde zwischen Tag und Albtraum entfliehen wollte; altes Leder, dunkles Holz und ein Dämmerlicht, das die Sorgenfalten glättet. Ich fläzte mich in einen Sessel, steckte eine Punch Gran Puro an und lauschte der Herrenrunde, die über Football und Raucherfreuden redete. Das Tagesthema wurde gemieden wie eine tickende Bombe. Nur manchmal huschte der Blick auf den Bildschirm in der Ecke, wo sich die Zahlenzeilen jagten und Kommentatoren ihren Auftritt hatten, verglichen mit denen Kassandra eine aufgestellte Nudel war. Ich blies den Rauch zur Decke und blickte aus dem Fenster; keine drei Fussminuten waren es bis zum Prunkbau der einstigen Schifffahrtslinie Cunard am Broadway, deren grösster Kahn, die Lusitania, noch vor der Titanic sank.
Als ich am Mittwochnachmittag an die Wall Street kam, war sie zur Hälfte abgesperrt. Ein Einsatzwagen der Polizei mit Blinklichtern blockierte den Durchgang, und Sicherheitspersonal säumte den Gehsteig, das in roter Livree mit Goldknöpfen und steifer Mütze aussah, als käme es direkt vom Zirkus. Ein verdächtiges Paket war gefunden worden. Ein Aktienpaket? Kein Kommentar. Die Touristen drängten sich, um der Explosion möglichst nahe zu sein.
Ein jovialer Schwede erklärt
Ich hatte am Morgen das Museum of American Finance besucht, das seit Anfang Jahr da zu Hause ist, und der Präsident, Lee Kjelleren, hatte sich Zeit genommen, mir eine ganze Menge zu erklären. Ein jovialer Schwede, beleibt und mit vor Sinnenfreude rosig glühender Haut, hat Herr Kjelleren eine respektable Karriere als internationaler Bankier hinter sich. Er war bei JP Morgan gewesen und hatte in den Finanzzentren der halben Welt gearbeitet, von London bis Hongkong, von Kairo bis Teheran, von Bukarest bis Bahrain.
Doch was ihn vor all dem auszeichnete, war seine Freimütigkeit. Er schilderte in einfachen Worten, wie es zur Krise kam, und das Fazit war, dass das Desaster weniger eine Sache der Ökonomie als der Moral war. So komplex die ganzen Finanzkonstrukte sind, zu guter Letzt bleibt die dumme Frage: Warum wurde Leuten Geld geliehen, die von sich selber sagten, sie seien nicht kreditwürdig? Sogenannte «Ninja»-Darlehen – «no income, no job, no assets» – waren unter das arbeits- und vermögenslose Volk geworfen worden wie Feuersteine an einer Hochzeit.
Jeder im Geschäft habe gewusst, dass die Rechnung nicht aufgeht, sagte Herr Kjelleren, doch die Verführung war zu gross. «Stellen Sie sich vor, Sie sind ein junger Banker, verdienen 120 000 Dollar im Jahr und finden einen Wisch auf dem Schreibtisch, von dem Sie wissen, dass er nicht sauber ist. Doch Sie unterschreiben, und zum Jahresende kriegen Sie einen Bonus von einer Million. Wer kann da schon widerstehen?»
Die Rating-Agenturen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch hätten hypothekarisch gesicherte Wertpapiere von zweifelhafter Qualität mit dem höchsten Gütesiegel gestempelt, bezahlt von eben den Finanzinstituten, die genau dieses Siegel brauchten. Die Honorare, die Kommissionen und die Boni, sagte Herr Kjelleren, hätten mehr gezählt als das Risiko, das man einging. Vom alten J. P. Morgan habe er gelernt: Der Markt geht rauf und runter.
«Wissen Sie, wäre ich fünfunddreissig, würde ich Ihnen das alles nicht erzählen», meinte er plötzlich. «Kein junger Banker kann sich das leisten.»
Aber warum diese Gier? Weshalb ist einer erst zufrieden, wenn er noch ein paar hundert Millionen mehr hat als der andere? Weil ihm alle die Füsse küssen?
«Nicht nur die Füsse, das geht höher!», schmunzelte Kjelleren. «Wissen Sie, es ist, wie Henry Kissinger sagte – Macht ist das stärkste Aphrodisiakum. Was glauben Sie, was geschieht, wenn so ein Richard Fuld irgendwo auftaucht? Die Wasser teilen sich!»
Kürzlich, erzählte er zum Abschied, sei einer vor der Museumstür gestanden, als er eben schliessen wollte, und habe Einlass begehrt. Er habe abgewinkt, und erst dann ihn erkannt: Warren Buffett, der reichste Mann der Welt. Allein, ohne Entourage oder Bodyguard. Er gab ihm eine Privatführung und war beeindruckt, wie viele Details Buffett von der Historie des Finanzwesens präsent hatte. Wie Kjelleren ein Mann der alten Schule, hat Buffett schon vor Jahren erklärt, diese Spekulation auf den Immobilienboom sei Hokuspokus. «Wer nackt schwimmt, sieht man erst, wenn die Ebbe kommt», ist eines seiner Bonmots.
Der Einmannunternehmer
Von Nacktschwimmern gab es mittlerweile so viele, dass die Börse zum FKK-Tummelplatz wurde. «Wir erleben eine totale Panik», sagt am Donnerstag Trevor Callan, Vermögensverwalter für die Bestgestellten, über das Verhalten der Investoren. Bis drei Uhr nachmittags hatte es ausgesehen, die Pechsträhne nehme ein Ende. Dann setzte die Verkaufsorgie erneut ein und dauerte bis zum Glockenschlag.
Ich war mit einem Mann namens Joseph Todd St. Cyr verabredet, weil ich wissen wollte, wie sich seine Kunden, die Reichen und die Superreichen, so fühlen. Mit seinem dunklen Jackett, dem rosafarbenen Hemd mit offenem Kragen und dem Dreitagebart strahlt Joe eine jungenhafte Seriosität aus; feinfühlig und beredt, scheint er die ideale Besetzung für den Job, den er hat. Joseph Todd Events, seine Einmannfirma, besorgt die Logistik für Hochzeiten und Bar-Mizwas für Leute, die dafür bis zu einer halben Million Dollar hinblättern.
Seine Kundschaft, an der Wall Street tätig, residiert an der Park Avenue; es ist der etablierte Geldadel, der es nicht nötig hat, wie die Neureichen von Long Island «Lilien zu vergolden», wie man zu sagen pflegt. Man hat seinen Rang in der Gesellschaft erreicht und muss nicht zeigen, wie viel Geld man zum Fenster hinauswerfen kann. Sparen heisse in diesen Kreisen jetzt, mehr fürs gleiche Geld zu verlangen, sagt Joe, der einen Studienabschluss in Sozialer Anthropologie hat. Denn noch immer gelte bei Bar-Mizwa-Feiern, dass man einander zu übertrumpfen suche und der Jungmannschaft etwas bieten möchte. Wer einen Baseball-Star wie Derek Jeter dabei haben will, der eine halbe Stunde in seiner Sportkluft posiert, muss schon hunderttausend Dollar hinblättern.
Eine gewisse Zurückhaltung sei dagegen bei Parties festzustellen; man möchte, selbst wenn man es vermöchte, in diesen Zeiten weniger betuchte Gäste nicht beschämen. «Es ist immer der Markt, der bestimmt, was als protzig gilt», sagt Joe.
Der Freitag begann mit einem Kuss vom Himmel. Die Sonne strahlte, der Bulle schimmerte, und vor der Börse stelzte ein überkorrekter Herr auf und ab mit einem Reklameschild der Wall-Street-Juweliere: «Wir kaufen Gold!» In der Fussgängerzone trainierten zwei Boxer; eine Werbeaktion für den Sportklub, in dem die Händler sich für den Tanz um das goldene Kalb stählen. Ich hatte einen Blick hineingetan und mit dem Manager zu reden versucht, aber der hatte mich an die PR-Abteilung verwiesen, die ihrer Aufgabe nachkam und mit vielen Worten nichts sagte. Mehr Glück hatte ich bei der BMW-Vertretung, die in ihrem Schauraum an der Wall Street die Luxusmodelle der Marke feilbietet. Aber sicher, beschied mir die Empfangsdame verständnisvoll, könne ich jedes davon auf Kredit haben!
Inzwischen ging der Dow Jones auf Achterbahnfahrt und gab dem Tag den Namen – «Freaky Friday». Ich kehrte in einer Kneipe ein, die «Wall Street Burger Shoppe» hiess; ein Lokal mit einer blankgescheuerten Holztheke, durch dessen Fenster Sonnenstrahlen brachen und das Zapfbier zum Leuchten brachten. Es war Happy Hour, und ich war der einzige Gast. Auf der Menükarte figurierte ein «Richard Nouveau Burger» mit jungem Fleisch, altem Gruyère, schwarzen Trüffeln, Gänseleber und Mayonnaise zum Schnäppchenpreis von 175 Dollar. Ja, der werde immer noch verlangt, so einmal die Woche, sagt Ermina, die jugendliche Bardame, die eine Warmherzigkeit ausstrahlt, die nicht gelernt sein kann. Sie kam aus Mexiko und war in Kalifornien aufgewachsen, wohin sie wieder zurück möchte, weil in New York niemand mit einem redet.
«Haben Sie an der Börse verloren?», fragt sie besorgt, noch bevor ich den Haus-Burger für 18 Dollar wähle.
Sie jedenfalls, meint sie bestimmt, gebe nie mehr aus, als sie verdiene, womit sie wohl besser qualifiziert wäre für einen Topjob in einem Geldinstitut als all die Glücksritter, die anderer Leute Vermögen verspielt hatten. Was die Krise an den Konsumgewohnheiten geändert habe? Heute bestellten die Gäste einen Burger und etwas Alkoholisches, sagt Ermina, statt zwei Burger und eine Cola wie früher. Ein Thema für eine Forschungsarbeit: Die Auswirkungen des Dow Jones auf den Burger-Konsum der Börsianer unter besonderer Berücksichtigung der Getränkewahl.
Oder auf den Süssigkeitenverzehr, den Kirchgang und die Verbrechensrate. «Ein Luxus, den man sich leisten kann, eine kleine Investition für ein grosses Glück», erklärt Bobbie Lloyd der «New York Post» den unerwarteten Andrang auf die neue Filiale ihrer Konditorei. «Wir haben mindestens doppelt so viele Besucher des Mittagsgottesdienstes», sagt Carlos Mateo, Laienprediger der Trinity Church gleich bei der Wall Street. Die Kirche im gotischen Stil wird in diesen Tagen zur Zuflucht für manche, die für Religion sonst wenig übrig haben. Der grosse Platz, ein unüberbautes Grundstück auf einem der teuersten Pflaster des Planeten, ist ein so willkommener Widerspruch zur Welt des Mammons wie die Stille, die das alte Gemäuer in all dem Aufruhr schenkt. «Ich bete, dass Gott für mich, für meine Familie und jedermann sonst sorgt und dass die Bösewichter für das, was sie angerichtet haben, büssen müssen», sagt ein Kirchgänger, der eben von der Messe kommt.
Mr. Polychronakis
New York, in den vergangenen fünfzehn Jahren zu einer der friedlichsten Städte der Welt geworden, fürchtet einen Rückfall in die Zeiten, als man jederzeit und überall um seinen Besitz erleichtert werden konnte. Nach 1987, dem letzten Börsenkrach, stieg die Mordrate auf Rekordhöhe. «Jede Rezession seit den späten Fünfzigerjahren hat zu einem Anstieg der Verbrechen geführt, vor allem in den Sparten Einbruch und Raub», sagt der Soziologe Robert Rosenfeld von der University Missouri-St. Louis.
Einst war die Wall Street die Stadtgrenze, wo eine Palisadenwand stand, um Überfällen der Indianer zu wehren, denen man Manhattan für vierzig Dollar abgeluchst hatte. Heute ist es eine kurze Strasse, gesäumt von Banken, Sportklubs, Apartmenthäusern und Läden mit dem Flair der Langeweile, die der Luxus verbreitet. Doch es gibt eine Schuhmacherwerkstatt, wo einen der Geruch von Wichse, Leder und ehrbarem Handwerk empfängt. Banker und Börsianer kommen hierher und lassen sich die Schuhe polieren, was drei Dollar normal kostet, vier mit Spucke. Der Inhaber, Minas Polychronakis, sitzt in seinem blauen Kittel hinter der Kasse und nimmt Reparaturaufträge entgegen nach dem Motto, Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger. Ein kleiner buckliger Mann mit knorrigen Händen und Stoppelbart, ist der 67-Jährige eine lokale Berühmtheit.
Herr Polychronakis war 1969 in die USA emigriert, mit genau 138 Dollar in der Tasche. Sieben Jahre später hatte er ein Geschäft im World Trade Center mit zwanzig Angestellten. Er hatte gerade etwas im Keller holen wollen an jenem 11. September 2001, da besann er sich anders und ging in sein Büro eine Zigarette rauchen. Sie hat ihm das Leben gerettet. Erst sah er die Lampen flackern, dann die Leute rennen; er trat vor die Tür und lief mit. Dann sah er das zweite Flugzeug einschlagen.
«Das ist alles, was von meinem Geschäft blieb», sagt er und kramt ein Konfitüreglas aus dem Regal, halb voll mit grauer Asche. «9.11.01» steht in krakeliger Handschrift darauf. Er hatte Werkstatt, Freunde und Kunden verloren und war so verzweifelt, dass er an Selbstmord dachte. Schliesslich rappelte er sich auf, und drei Jahre später konnte er an der Wall Street seinen neuen Laden aufmachen. Nun arbeitet er wieder zwölf Stunden am Tag. Herr Polychronakis hat zu viel erlebt, als dass ihn die jetzige Krise erschüttern könnte.
«Ein Kollege hat mir mal gesagt, die grosse Depression in den Dreissigerjahren sei seine beste Zeit gewesen», meint er mit einem Lächeln, das seinem alten Gesicht etwas Bubenhaftes gibt. «Die Leute tragen mehr Sorge zu ihren Schuhen, und wir helfen ihnen sparen, wenn wir sie fachmännisch flicken.»
Das Finale
Ich ging hinüber zu Harry’s Bar, wo eine Stimmung herrschte, als sei man eben einer Naturkatastrophe entkommen. Es wurde getrunken und gelacht; der Dow Jones war mit 128 Punkteverlusten weniger gesunken als befürchtet. Tags darauf jedoch sprach das «Wall Street Journal» von der «Mutter aller Börsenkräche». Wie Irre hatten die Händler in toller Folge gejubelt, die Hände verworfen, sich an den Kopf gegriffen und den Mund zugehalten. Mit einem Gesamtverlust von 18 Prozent war es die schlechteste Woche in der 112-jährigen Geschichte des Dow Jones.
«Das ist schlimmer als eine Scheidung», sagt ein Trader. «Ich habe die Hälfte meines Nettowertes verloren und immer noch eine Ehefrau!»
Ich schlenderte durch die Strassen, vorbei an den tempelartigen Bankbauten mit ihren griechischen Säulen, die neues Vertrauen wecken sollten nach der schweren Bankenkrise von 1907, als Kunden die Schalter stürmten und ihr Bares holen wollten. Vor der Börse war wieder Karneval, und mehr und mehr Sonderlinge sammelten sich, die ein Publikum und das Licht der Kameras suchten. Ein penibel gekleideter Mann mit Krawatte hielt ein Plakat hoch und forderte die Verhaftung von Bürgermeister Bloomberg, der ein Schurke sei und ihm das Auto gestohlen habe. Es war sein Mantra, eine Repeat-Taste war in seinem Gehirn eingerastet; erst als ihm die Stimme wegblieb, zog er ab.
Nicht lange, ist der Nächste da, ein Mann in hellblauen Trainerhosen und einem gleichfarbigen Sweatshirt, der sich unter die Statue von George Washington stellt, Amerikas erstem Präsidenten. Er beschwört dessen Erbe und den Einheitsgeist der Tage nach dem 11. September, den man gerade jetzt in dieser Krise brauche. Er sei psychisch krank, im Gefängnis gewesen und, obwohl nicht homosexuell, vergewaltigt worden, sagt er. Ich bin schon am Gehen, da lässt mich etwas aufmerken. «Wir alle beobachten, übervorteilen und bestehlen einander», sagt er und fügt dann bei: «Die Psychiatrie ist ein Ort für Leute, die sich nicht selber in der Hand haben.»
War es nicht eine ziemlich treffende Beschreibung der Finanzbranche?