Das Ende des Reisens

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er nichts mehr erzählen. Alle haben alles schon gesehen (und nichts erlebt dabei). Der Tourismus von heute ist nur noch ein schlechter Trip.

25.07.2007 von James Hamilton-Paterson , 6 Kommentare

Ich schreibe dies in einem österreichischen Gasthaus, während draussen lautlos ein Schneesturm tobt. Es ist fast Mitte März, und wie die österreicher bin auch ich von diesem Wetterumschlag komplett überrumpelt worden. Die Einheimischen sagen, eigentlich müsste der Frühling im Anzug sein, doch nachts fällt die Temperatur meist auf minus neun, und häufig schneit es. Alle sind träg, doch ich sitze hier fest. Da ich aus Italien mit Sommerreifen hergefahren bin, ist mein Wagen, der nur noch als weisser Hügel zu sehen ist, zur Todesfalle geworden. Morgen wird das Gasthaus lästigerweise dichtmachen bis Ostern, ich muss hier also wie auch immer weg. Der Wirt schnaubt entschuldigend durch seinen Schnurrbart und füllt mich mit selbst gebranntem Obstler ab. Doch ich muss weg.

Mein Dilemma ist das eines Reisenden alten Stils. Ein gestrandeter moderner Tourist würde wütend geplagte Reiseleiter piesacken und verlangen, dass Busse, Hummer, Helikopter oder was auch immer aufgeboten werden, damit er hier herausgeholt werde und wie geplant weiterfahren könne. Zum Wesen des Reisens hingegen gehört, dass Fahrpläne keine Rolle spielen. Man soll zufrieden sein, wenn man dort hingelangt, wohin man zu kommen hoffte, und noch zufriedener, wenn man auch den Rückweg schafft. Fatal ist es hingegen, sich aufzuregen, wenn etwas schiefgeht, wie das mir zum letzten Mal vor 25 Jahren passiert ist, nachdem ich mich längere Zeit auf einer kleinen philippinischen Insel aufgehalten hatte.

Ich hatte eines dieser Billigflugtickets, die einem keinerlei Spielraum lassen: Verpasst du den Flug, ist es im Eimer. Am Abend, bevor ich von einem Fischerboot mit Auslegern auf der Insel abgeholt und auf Festland gebracht werden sollte, um von dort aus die lange und mühselige Fahrt nach Manila anzutreten, war Wind aufgekommen. Die ganze Nacht hindurch zausten Böen meine Hütte und hoben immer mal wieder Teile des aus Palmenblättern geflochtenen Dachs wie die Landeklappen eines Flugzeugs senkrecht hoch, sodass Rechtecke sausenden Himmels sichtbar wurden. Schlaflos lag ich da und spürte durch den Bambusboden, wie die Wellen den Strand erschütterten. Beim ersten Morgengrauen hatte ich meine Koffer gepackt und schaute hoffnungslos den anrollenden grossen Brechern zu, von deren Schaum mir die Kleider am Leib klebten. Drei Tage später konnte mein Freund mich abholen, ich war ausgehungert, hatte den Flug verpasst und mich in Geduld üben gelernt. In jenen Weltgegenden stellt sich die Frage nach dem überleben täglich neu, weshalb man sich freut, noch da zu sein. Doch eine solch unaufgeregte Geisteshaltung wird immer seltener.

Ich bin also nicht bedrückt ob der Unannehmlichkeit, in den Schnee hinausgetrieben zu werden. Sie erinnert mich vielmehr angenehm an das Unerwartete, das immer ein Kennzeichen meiner Reisen war. In diesem gemütlichen holzgetäfelten Raum mit dem Bauernschrank überkommt mich plötzlich Nostalgie nach den Zeiten unbequemen Reisens. Sie rührt nicht zuletzt aus der überzeugung her, dass solche Reisen heute nicht mehr möglich wären. Und schon gar nicht erwünscht, dermassen hat die Welt sich verändert.

Vielleicht spielt auch ein dünkelhafter Stolz mit, ein Reisender gewesen zu sein und nicht ein Tourist, was immer das auch heissen mag. Schliesslich gingen bereits die alten Griechen in ägypten Sehenswürdigkeiten besichtigen; und in Europa ist der Tourismus insofern edlen Ursprungs, als vom 17. bis Anfang des 19. Jahrhunderts die grossen britischen Familien mit Grundbesitz die Ausbildung ihrer Söhne damit abrundeten, dass sie diese mit einem Privatlehrer ein, zwei Jahre lang nach Frankreich, Italien, Deutschland und in die Schweiz schickten.

Vor vierzig Jahren war ich aus keinem der beiden Gründe gereist. Neulich stiess ich auf Dokumente, die an meine erste Brasilienreise 1968 erinnerten. Wie Tagebucheintragungen und Briefe verraten, stellte ich mir die abgedroschene Frage «Was um Gottes willen tue ich hier?» oft und in klagendem Ton. Dies hatte ich zwei Jahre vorher, als ich in Tripolis unterrichtete, nie getan. Bekommt man vom libyschen Staat, wenn auch unregelmässig, ein Salär, stellt sich die Frage, was man tue, nicht allzu dringend.

Verschwinden, sich verlieren

Was ich aus der Erinnerung an meine erste Brasilienreise verdrängt hatte, war, dass ich hingereist war mit der Absicht auszuwandern. Ein alter Pass zeigt, dass ich ein Einwanderervisum hatte, und soweit ich mich erinnern kann, hatte ich tatsächlich beabsichtigt, brasilianischer Staatsangehöriger zu werden. Warum? Aus keinem besonderen Grund offenbar, also musste es mit meinem Wunsch zu verschwinden zusammenhängen; dieser hatte sich nicht zum ersten Mal geäussert, doch nie zuvor auf solch dramatische Weise. Warum Brasilien? Auch das weiss ich nicht mehr; doch vermute ich, es könnte mit meiner Lektüre zu tun haben, vielleicht Peter Flemings «Brasilianisches Abenteuer», das den Eindruck von einem Land erweckte, das gross genug war, um sich darin zu verlieren.

Das war es also: Ich hätte dort keine Arbeitsstelle und nur gerade so viel Geld, dass die Brasilianer nicht befürchten müssten, ich würde ihnen binnen Wochen auf der Tasche liegen. Was wollte ich dort? Einfach nur sein; das war das Wesentliche dieser einen Art des Reisens. Ich war für keinen Zoo unterwegs, um neue Tier- oder Pflanzenarten zu entdecken; es gab keine anthropologische Feldarbeit für mich im hintersten Winkel dieser «tristes tropiques»; keinen armen Stamm zu evangelisieren; kein Zwischenjahr auszufüllen; ja nicht einmal die Absicht, mich selbst zu ergründen, ein Unterfangen, das regelmässig nur Langweiligstes zutage fördert. Ich hatte einfach nur den überwältigenden Drang, der eigenen Kultur, der Heimat zu entfliehen, ganz woanders zu sein. Die wenigen Briefe, die ich neulich fand, enthüllen nicht, was mich von Englands Gestaden forttrieb, sondern einzig den selbstsüchtigen Eifer, mit dem ich ging, ohne Posterestante Adressen anzugeben, ohne Rücksicht darauf, was für Sorgen meine kurz zuvor verwitwete Mutter sich machen könnte (und auch tat). Allen Unannehmlichkeiten und allem überdruss zum Trotz muss ich es aber genossen haben. Obschon ich nie Brasilianer wurde, kehrte ich noch zweimal in das Land zurück.

Bei diesem ersten Mal verschlug es mich nach Manaus. Damals lag das nächste Stück des neu entstandenen Pan-American Highway noch immer Hunderte von Kilometern entfernt, weshalb diese Provinzhauptstadt nur auf dem Fluss oder aus der Luft erreichbar war. Um im brasilianischen Hinterland zu reisen, konnte man manchmal eine Mitflieggelegenheit bei der brasilianischen Luftwaffe ergattern – und dies während der tristen Herrschaft der Obristen. Später benutzte ich öfter mal die von Gemeinsinn zeugenden, wenn auch unzuverlässigen Dienste der Força Aérea Brasiliera. Doch beim ersten Mal bekam ich eine Mitfahrgelegenheit auf einem Schiff, indem ich an Bord des in Belem vor Anker liegenden Frachters Hilde Mittmann ging und den Kapitän fragte, ob ich die Fahrt nach Manaus abarbeiten könnte. Ich konnte und tat es denn auch, wobei ich eine Menge lernte über die Schwierigkeit, auf einem Fluss zu navigieren, dessen Sandbänke sich laufend verschoben, weshalb man immer wieder anhalten und örtliche Lotsen an Bord nehmen musste. Dazwischen schrubbte ich die Schotte des Maschinenraums, eine lärmige und in den Tropen betäubend heisse Arbeit.

Dieser erste Aufenthalt in Manaus sollte mir zwanzig Jahre später als Hintergrund für meinen Roman «Gerontius» dienen, worin die Reise von Liverpool nach Manaus und zurück beschrieben wurde, die der englische Komponist Sir Edward Elgar 1923 unternahm: So wenig hatte sich die Stadt seit seinem Besuch verändert. Noch immer konnte man vom Zentrum in praktisch jede Richtung gehen und fand sich nach zwanzig Minuten entweder in tropischem Regenwald oder an einem Flussufer wieder. Doch bereits gab es Anzeichen kommender Veränderungen. Vor Kurzem war die Stadt zur Freihandelszone bestimmt worden. Am Stadtrand fuhren rastlos Bulldozer auf wie Läufer vor dem London Marathon, und einer amerikanischen Missionarsfamilie, in deren Haus im Dschungel ich zu Mittag ass, hatte man angeraten, wegzuziehen.

Heute ist Manaus eine Industriestadt mit Wolkenkratzern, fest eingebunden ins brasilianische Luft- und Strassenverkehrsnetz, und wie ich höre, liegt der nächste Urwald mehrere Stunden weit entfernt. Fast so schlimm ist, dass man wegen «Sicherheitsfragen» auf Trampdampfern keine Mitfahrgelegenheiten mehr erhält. Gewerkschaften, Versicherungsgesellschaften und die durch die Containerisierung immer kleiner werdenden Mannschaften hatten es zunehmend erschwert; doch unmöglich gemacht hat es die Bürokratie. Solch informelle Reisemöglichkeiten waren essenziell gewesen in den vierzig Jahren meines mich auf der Welt Herumtreibens. Sie kamen meinem Drang zu verschwinden entgegen, der sich früh und deutlich genug geäussert hatte, um mein Leben zu bestimmen.

Als Student liess ich mir vor lauter Langeweile und Unzufriedenheit Informationen über die Handelsmarine kommen und beschloss, aufs Meer abzuhauen. Mein Tutor reagierte vernünftig. Er sagte, das solle ich unbedingt tun, wenn zur See ein Job auf mich warte, der nützlicher sei als ein Oxford-Abschluss. Schwach, wie ich war, blieb ich, machte den Abschluss und erhielt einen Lyrikpreis, doch angesichts dessen, was sie mir gebracht haben, hätte ich sie gern gegen ein zusätzliches Jahr richtigen Lebens getauscht. Danach begann meine lebenslange Herumtreiberei. Wichtig war zunächst nur, dass ich mir von tropischen Meeren und der Strahlströmung langer Flüge England aus der Seele spülen und pusten lassen konnte. Wo ich dabei hingeriet, war weniger wichtig.

Ein Fuss hier, ein Fuss da

In den Siebzigerjahren kaufte ich zwar ein Haus in der Nähe von Oxford, doch ich war die ganze Zeit unterwegs: in Indochina und Südamerika; später ein Jahr in ägypten, wo ich an der American University in Kairo nominell Arabisch lernte, tatsächlich aber herumfaulenzte in einem Land, das mir sehr ans Herz wachsen sollte. 1979 verkaufte ich mein Haus und zog auf die Philippinen, da ein US-Medevac-Helikopterpilot mir gesagt hatte, das sei ein merkwürdiger und verrückter Flecken Erde. Dort fand ich endlich Inseln und Dörfer, die abgelegen genug waren, um meinem Zwang zu entsprechen, mich zu verlieren, zu frönen – einem mönchischen Bedürfnis, das nicht das Geringste mit Religiosität zu tun hatte.

Zwei Jahre später kaufte ich für einen Pappenstiel ein Haus auf einem Hügel in Italien. Es lag drei Kilometer vom nächsten Nachbarn entfernt, hatte kein Elektrisch, kein Telefon und kein fliessendes Wasser, bis ich eine vierhundert Meter weit entfernt im Wald liegende Quelle fasste und einen Schlauch zum Haus legte. Nie war ich glücklicher in einem von mir bewohnten Haus. Vor ein paar Jahren habe ich es mit 1600 Prozent Profit verkauft, weil ein amerikanischer Schriftsteller verkündet hatte, die zuvor so unmodische Comune, zu der das Haus gehörte, werde von der toscanischen Sonne beschienen, und die Gegend entsprechend chic und grotesk geworden war. Es war Zeit abzuhauen.

Mehr als zwanzig Jahre lang hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt einen Fuss im Fernen Osten gehabt und einen in Europa. Beide sind mir insofern zur Heimat geworden, als ich mich überall zu Hause fühle ausser in meinem Heimatland. Und da ich erneut das Gefühl habe, die Kultur wechseln zu müssen, überlege ich mir, nach österreich zu ziehen. «Die geologische Beschaffenheit wird Ihnen gefallen», versicherte mir Wystan Hugh Auden gegen Ende seines Lebens am Christ Church College in Oxford. Mag sein. Die geologische Beschaffenheit eines halben Hunderts von Ländern hat mir schon gefallen. Lasse ich sie vor meinem geistigen Auge Revue passieren, frage ich mich, wie sehr sie sich verändert haben, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Viele werden entwickelt, touristifiziert, zu leicht erreichbar geworden sein. Nur schon die Art, wie man an einen Ort reist, das Transportmittel, ist absolut prägend. Die Stadt, die man per Flussdampfer erreicht, ist eine völlig andere, als wenn man sie per Ryanair anfliegt.

Passagiere in der Babyklasse

Vor vierzig Jahren war die Welt noch weniger organisiert; und während grosse Teile aus politischen Gründen praktisch unzugänglich waren (UdSSR, China), waren andere Gebiete dadurch geschützt, dass sie abgelegen waren. Wir vergessen, dass noch in den Sechzigerjahren Fliegen etwas Abenteuerliches war. Es gab weniger Flüge, weniger Destinationen, und die Preise waren entsprechend höher. Die Zahl der Luftreisenden war unendlich viel kleiner, was zur Folge hatte, dass noch der bescheidenste Economy-Passagier mit dem Rest von Höflichkeit behandelt wurde, der aus Vorkriegszeiten übrig geblieben war. Ausserdem musste man sehr viel weniger herumwarten. Heute haben wir uns damit abgefunden, dass fast jeder Flug den grössten Teil des Tages auffrisst.

Ich vermisse, wie informell man in jenen Zeiten noch auf dem Globus herumschwirren konnte, bevor die Massenfliegerei begann mit ihren Sicherheits- und anderen Kontrollen, den ängsten, Verspätungen, dem Herumkommandiert- und wie eine Herde Vorangetriebenwerden, was alles im Namen unserer «Sicherheit und Bequemlichkeit» geschieht, dieses keinen Widerspruch duldenden Dogmas eines weltlichen Zeitalters.

Bernard Levin, der oft aufgeblasene und mürrische Kolumnist der «Times», hat einmal auf den Punkt gebracht, was so hassenswert ist an der modernen Fliegerei. In einer seiner Kolumnen beschrieb er die Schrecken eines ganz gewöhnlichen Flugs, den er gerade absolviert hatte, die er richtigerweise darauf zurückführte, dass alles darauf angelegt ist, die Passagiere zu infantilisieren. Er beschrieb das unablässige Bing-Bong mit Durchsagen und Vorschriften im Gouvernantenton, und wie die aufgesetzte Freundlichkeit des Flugpersonals kaum verbergen kann, dass die Passagiere andauernd gedrängt und zurechtgewiesen werden. Die meisten Flugreisenden haben mitgemacht dabei, dass sie mittlerweile nichts als ärsche-auf-Sitzen sind, denen man Tablette mit grauslichem Futter hinstreckt und wie aufsässigen Babys in ihren Kinderstühlen befiehlt, angeschnallt zu bleiben und still zu sein.

Vor Kurzem hatte ich völlig zufälligerweise das Glück (zum ersten und bestimmt zum letzten Mal), Erster Klasse in den Fernen Osten zu fliegen, und ich kann bezeugen, dass der Unterschied beträchtlich ist. Was Erstklass- und Business-Class-Passagiere tatsächlich von der nur einen Vorhang entfernten Kindergartenmeute unterscheidet, sind weder Essen und Getränke, die nicht der Rede wert sind, noch der Platz für die Beine, so wichtig dieser auch ist. Es ist die erfrischende Erfahrung, wie ein Erwachsener behandelt zu werden, als machte die Tatsache, dass man Geld hat, einen automatisch zurechnungsfähiger (ein Denkfehler par excellence). Erstklass-Menschen werden nicht andauernd über Lautsprecher angeherrscht und unerbittlich aus den Toiletten gescheucht.

Uns gehörte die Welt

Ein einleuchtender Unterschied zwischen Reisen und Tourismus dürfte sein, dass der oder die Reisende eigene Wege geht, wogegen die Touristenpfade gründlich ausgetreten sind, egal ob jemand allein oder in einer Gruppe unterwegs ist. Dass die Unterschiede verwischt werden, ist oft eine Folge der Reiseführer. Im 19. Jahrhundert machten die Thorough Guides und Baedekers es den nicht ganz so Furchtlosen einfach, weit voraus zu planen, zu wissen, wo sie übernachten könnten, was es zu sehen geben werde und was zu erwarten. Diese Informationen funktionierten als Isolation gegen die Bedrohung von zu viel roher Realität. Heutzutage leisten «Lonely Planet» und «Rough Guide» für die Masse, was die früheren Reiseführer für die Bourgeoisie getan hatten, wobei die rasante Zunahme von Billigflügen all das gewaltig unterstützt. Auf dem Erdball herumzuzischen ist zu einer alltäglichen und zunehmend standardisierten Erfahrung geworden.

Angesichts davon lässt sich nur schlecht verhehlen, dass ich meinen früheren Reisen nicht nur deswegen nachtrauere, weil ich damals jung war (und als junger Mensch in einem fremden Land zu sein ist ebenso aufregend wie nicht wiederholbar), sondern auch weil ich eine schwache, aber unverkennbare Exklusivität genoss. Es gab vergleichsweise einfach viel weniger von uns, die so was taten. Auf dem teuren Flug gab es viele Geschäftsleute und Menschen, die in ihre Heimat zurückkehrten, aber entschieden weniger Urlauber. Nach der Landung mitten in der Nacht drang durch die Tür des Flugzeugs ein heisser Schwall tropischer Fäulnis, der Puls ging schneller, während man die Treppe hinabstolperte und auf ein kleines Flughafengebäude zuwankte zwischen an Betonpfählen befestigten Neonlampen mit einem Heiligenschein aus schwirrenden Insekten und gewaltigen Fledermäusen. Sowie man die saumseligen Pass- und Zollbeamten hinter sich gelassen hatte, schienen sich die Mitreisenden einfach in die Nacht aufzulösen. Ganz selten gab es ein Häufchen müder Briten, die sich beklagten, dass das Hotel nicht wie versprochen einen Bus geschickt hatte. Doch sonst war man aufregend allein.

Der Tourismus ändert all das durch die schiere Masse Durchzuschleusender. Müde Männer mit kampfstoffstarken Deodorants heben Schilder hoch, auf dass sich Reisegruppen um sie ballen. Draussen drängen sich Hotelkleinbusse und Strassenhändler. Tourismus hat nichts mit Exklusivität zu tun. Im Gegenteil: Er will alle mit einbeziehen, ist eine Industrie, die wild entschlossen ist, dich zu umarmen. Er will, dass du im richtigen Hotel absteigst; dass du möglichst viel Geld ausgibst für alberne Souvenirs; dass du Machu Picchu machst oder den Taj Mahal; er will, dass du die Regenwald-Erfahrung machst, die Rätselhafter-Osten- und die Rosarote-Stadt-die-halb-so-alt-wie-die-Zeit-ist-Erfahrung, und es ist ihm ziemlich egal, wenn du auch noch die Von-Räubern-auf-der-Copacabana-ausgenommen-werden-Erfahrung machst. Wenn deine vierzehn Tage um sind, will er, dass du dich verpisst, alles Geld in der Landeswährung dalässt, aber dafür ein, zwei fiese Parasiten mitnimmst.

Es ist bemerkenswert – und für Menschen, die Unterschiede lieben, bemerkenswert deprimierend –, wie schnell der Massentourismus überall auf der Welt der Vielfalt den Garaus macht. (Versuchen Sie nur einmal, an einem exotischen Ort ein Souvenir zu finden, das es nicht schon in der Einkaufsstrasse bei Ihnen zu Hause gibt.) Wohl vermögen gewitzte Reisende den Rucksack- und Massentouristen noch immer zu entgehen, indem sie sich Reiseführer kaufen, damit sie wissen, wo sie nicht hingehen sollen. Doch hat man ironischerweise den Eindruck, je weiter sich die Reiserei ausbreitet, desto enger wird der Horizont. Unser natürlicher Lebensraum, jene geliebten Regionen, wo wir uns einst einfach anonym aufhalten und alles um uns herum beobachten konnten, schrumpft. Ich wundere mich schon gar nicht mehr, warum die Leute diesen rastlosen Drang haben, auf der Welt herumzuflitzen zwischen Orten, die auseinanderzuhalten immer schwieriger wird, in den gleichen schrecklichen Hotels abzusteigen, für die auf CNN geworben wird, und das Gleiche zu tun und zu kaufen, was sie zu Hause tun und kaufen. Dieser lemminghafte Drang, ständig von Ort zu nicht wirklich anderem Ort unterwegs zu sein, ist längst zu einem Lebensstil geronnen. Sonne, Meer und Schnee sind zu Waren geworden und Reisende entsprechend zu Klima- und Landschaftskonsumenten, die sich auf gezähmtem Terrain verlustieren und gleichzeitig per Handy mit ihren Kumpeln zu Hause in Schwatzkontakt bleiben können. Horaz hat, es ist schon ein paar Takte her, auf den Punkt gebracht, was da vor sich geht: Coelum non animum mutant qui trans mare currunt. (Die himmlischen Breiten, nicht die Seele wechselt, wer über das Meer rast.) Die Landschaften ändern sich, doch die trostlosen Denkgewohnheiten bleiben sich gleich.

Und so bestimmt die Mode, wie wir uns bewegen und was wir tun. Wer sich heutzutage unauffällig im tiefsten Kasachstan aufhält und danach kaum etwas über Herausforderungen zu berichten hat, gilt als Sonderling. Lassen wir den Tourismus ausser Acht, fällt auf, dass Reisebücher und das Medieninteresse heute weniger vom Bedürfnis zu reisen als vom «Guinness-Buch der Rekorde» bestimmt sind: Es geht darum, als Erster den Mekong auf dem Rücken hochzuschwimmen oder als Einziger in der Antarktis mit dem Snowboard unterwegs zu sein. Nimm ein Kamerateam mit, damit die Welt auch etwas davon hat! Verfolge, wie die Landschaften des Planeten glatt gebügelt werden! Beeil dich, solange noch ein bisschen Schnee da ist, dann kannst du dich vielleicht rühmen, als letzter Mensch auf dem Kilimandscharo Ski gelaufen zu sein! Denn dank der Klimaerwärmung ist die alte Welt zügig am Verschwinden, ein Vorgang, der durch unsere Reiserei noch beschleunigt wird.

Schau an, was wir zerstören

Düsenflugzeuge haben deshalb besonders schlimme Auswirkungen, weil sie ihre Abgase in acht- bis elftausend Meter Höhe verströmen, also in der empfindlichen Zone zwischen der oberen Troposphäre und der unteren Stratosphäre. Flugzeugabgase, die mit einer hohen Temperatur in diesen eisigen Regionen ausgestossen werden, bilden eigene Wolken in Form von Kondensstreifen. Sehr spät hat man eingestanden, dass der kommerzielle Luftverkehr ganz wesentlich zur Umweltverschmutzung beiträgt (der militärische Luftverkehr, auch ein massiver Umweltverschmutzer, taucht in solchen Berechnungen nie auf). Dennoch wird veranschlagt, dass sich der Luftverkehr in den nächsten vierzig Jahren verachtfachen wird.

Je mehr von uns sich drängen, um die schwindenden Gletscher noch einmal zu betrachten, desto rascher schwinden diese dahin. Was also ist zu tun? In einem Artikel im englischen «Guardian» bemerkte George Monbiot: «Wenn wir verhindern wollen, dass der Planet weiterkocht, müssen wir ganz einfach darauf verzichten, so schnell zu reisen, wie dies Flugzeuge erlauben. Das haben mittlerweile fast alle begriffen, die ich kenne. Doch auf ihr Verhalten hat es nicht die geringsten Auswirkungen. Spreche ich meine Freunde auf ihren geplanten Wochenendausflug nach Rom oder ihren Urlaub in Florida an, reagieren sie mit einem seltsam abwesenden Lächeln und wenden den Blick ab. Sie möchten doch einfach das Leben geniessen. Wie komme ich dazu, ihnen das zu vermiesen? Die moralische Dissonanz ist ohrenbetäubend.»   

Zeuge davon zu werden, dass eine Spezies aus genetischen Gründen ihr selbstzerstörerisches Verhalten nicht zu bremsen vermag, ist schmerzlich. Der Schmerz rührt auch von der reuevollen Einsicht her, mitbeteiligt und dazu verurteilt zu sein, mitanzusehen, wie Spezies um Spezies ausgerottet wird, bloss diejenige nicht, die tatsächlich auszusterben verdiente. Stattdessen vermehrt sie sich mit grässlicher Geschwindigkeit.

Schwimmende Turnschuhe

Ich habe mir manchmal vorgestellt, eine Rückkehr zur Seefahrt könnte eine Möglichkeit sein, zu einer ruhigeren, nachdenklicheren Art des Reisens zurückzufinden, doch die meisten Menschen haben nicht die Zeit dazu und langweilen sich zu schnell. Was die neue Sorte Kreuzfahrtschiffe bietet, ist ein Zerrbild des Reisens. Sie sind gedacht als idealisierte Versionen des alltäglichen Stadtlebens mit dem zusätzlichen Kick, dass man halt auf dem Meer ist.

Schon ihre hässliche, unnautische Erscheinung verrät dies. Die meisten modernen Kreuzfahrtschiffe sehen aus wie das, was sie tatsächlich sind: schwimmende Hotels. Ihr Wohnblock-Design macht sie kopflastig, sie sind dick und haben Rundungen an den falschen Stellen, wodurch sie wie gigantische Turnschuhe wirken. Tatsächlich sind sie natürlich ebenso zweckmässig konstruiert wie die älteren Schiffe: Der Zweck ist einfach ein anderer. Mit all den Restaurants, Einkaufszentren, Spielsalons, Kinos, Fitnesszentren, Saunas, Schwimmbädern und allem anderen wird es für die Touristen wohl nicht ganz einfach sein, anders zu leben als in ihrem Alltag. Auch auf den klassischen Ozeandampfern gab es solche Dinge, zu denen man, je nachdem welcher Klasse man reiste, Zugang hatte; doch sie dienten der vorübergehenden Ablenkung und sollten die Langeweile jener Tage lindern, die man notwendigerweise auf dem Meer verbrachte. Beim Kreuzfahrttourismus hingegen ist dieses Angebot der eigentliche Anreiz: Man soll so nahtlos in den Freuden der Konsumgesellschaft weiterschwelgen können wie auf dem Festland.

Der Kohlenstoffausstoss dieser Schiffe ist gewaltig: Die Riesenmotoren und Generatoren verbrauchen Tonnen von Schweröl. In der Nachbarschaft von Häfen, wo diese Schiffe jeweils Zwischenstation machen, gibt es immer wieder Proteste wegen des Gestanks und des Russes aus den Hilfsmotoren. Doch viel schlimmere Umweltverschmutzer sind ihre Hauptmotoren. Zurzeit fassen solche Schiffe bis zu fünftausend Touristen, aber grössere sind im Bau.

Gegenwärtig werden jährlich geschätzte sieben Millionen Tonnen Müll ins Meer geschmissen; 77 Prozent davon stammen von Kreuzfahrtschiffen. überall auf der Welt sind schon Auswirkungen dieser Riesenpötte auf empfindlichere ökosysteme feststellbar, ebenso wie diejenigen von fünftausend Menschen, die sich plötzlich in einen kleinen pittoresken Ort ergiessen. Allem Anschein nach wird diese Form von Tourismus ebenso wie der Luftverkehr noch gewaltig expandieren. Es ist nicht klar, wozu er dient, ausser um Zeit totzuschlagen, was wiederum keine gute Entschuldigung für das Totschlagen dieses Planeten ist.

Wenn das Reisen im alten Stil ausgestorben ist, dann nicht nur wegen neuer technischer Mittel und mehr Menschen, die Zeit und Geld zu verschwenden haben. Am 11. September 2001 starben nicht nur um die dreitausend Menschen: Dann starb für Nostalgiker und Perverse auch jede Hoffnung auf altmodisches Reisen. Ein Fremder in einem fremden Land ist heute ein Sicherheitsrisiko und den Behörden ein Dorn im Auge. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit darf niemand mehr in gesegneter Anonymität über die Erde schweifen. Selbst der Ewige Jude würde eingesperrt, es sei denn, er hätte eine computerlesbare Identitätskarte, die richtigen Visa und eine gute Entschuldigung.

Es ist nicht so, dass Vorkriegs-Reisende wie Robert Byron («The Road to Oxiana») nie Probleme mit Behörden hatten – sie hatten welche, ebenso wie ich. Doch diese Probleme liessen sich oft lösen durch persönliche Verhandlungen, die Verschiedenes umfassen konnten: Geld, einen kurzen Gefängnisaufenthalt oder endlos viele Tassen süssen Tees. Heute sind Pässe keine Dokumente mehr, sondern blosse Träger für Strich- und PIN-Codes, Chips und Netzhaut-Scans. Um unserer Sicherheit und Bequemlichkeit willen werden die panischen und drakonischen neuen Sicherheitsmassnahmen nie wieder aufgehoben, weil man nie finden wird, der Notstand sei vorbei. Die politische und kulturelle Entfremdung, die ihm zugrunde liegt, schränkt unsere Bewegungsfreiheit so ein wie einst der Kommunismus.

Unabhängig davon, ob ich in österreich eine Gegend von solch geologischer Beschaffenheit vorfinden werde, dass ich dort wohnen möchte oder nicht, werde ich in Zukunft weniger reisen: nicht weil ich das Reisen müde wäre und nur teilweise aus Gründen der Melancholie oder des Ekels. Zu den Nachteilen des älterwerdens gehört, dass uns Dinge und Erfahrungen so vertraut sind, dass wir geradezu zwanghaft deren Schluss vorwegnehmen: Wir wissen im Voraus, worauf die meisten Gespräche, Menschen, Witze und Regimes herauslaufen werden. Und sogar wenn sie sich ein bisschen anders als erwartet erweisen, gehört auch das noch in den Bereich anerkannter Variablen.

In Anbetracht der Monotonie und Absehbarkeit der öffentlichen Dinge kann ich dann von einem Heim sprechen, wenn ich dort für mich allein sein und mich immer wieder überraschen lassen kann von der Musik, den Büchern und dem Klavier, die nach einem Leben der Herumtreiberei allein eine Behausung verdienen. Ich werde dabei immer den Wechsel der Jahreszeiten draussen im Auge behalten: voll Liebe für das Walten der Natur und mit freudiger Neugier auf die Kalamitäten, die uns allen noch bevorstehen.

Die Diskussion

6 Reaktionen

  1. Claudia Langer

    Als ebenfalls "alte" und erfahrende Reisende hat er uns doch so aus der Seele gesprochen. Mit grossem Vergnügen und Zustimmung habe ich den Artikel gelesen, aber ein kleiner Trost. Es gibt sie (noch), die geheimen weissen Flecken auf dieser Welt. Sicher ist einer davon Suriname, ehemals holl. Kolonie in Südamerika. Ohne Gefahren, aber eben "reisend" auf Entdeckung von Kulturen und Natur gehen. Loslassen können und wollen, dann findet man hier noch ein kleines, vergessenes Paradies.

  2. Cyrill Burch

    Eine halbe Stunde habe ich gebraucht, um mich von diesem Text geistig zu lösen. Genial. Der James hat mich soweit vom Jetzt und Hier weggeworfen, in mir soviel kribbelndes Fernweh ausgelöst, dass nur die eiserne Allgegenwärtigkeit der Vernunft mich wieder zurück holte und ein spontanes Abhauen verhinderte. Er betoniert mir meine Vorstellung vom Leben und Reisen. Auch ich will die Welt nicht nur gesehen und von ihr profitiert haben. Ich will sie gefühlt und geatmet haben! Schon mit 17 habe ich angefangen herum zu trampen, genau aus dem Verlangen nach Erlebnissen wie sie Hamilton beschreibt. Klar haben sich die Zeiten verändert, auch spürt man zum Teil einen gefrusteten oder desillusionierten Autor, was mich aber nicht hindert nach solchen/seinen Erlebnissen zu streben! Die Lektüre provoziert mir sogar die Fragen: Was will ich? Was wollen wir? Und wenn ich als normaler Jugendlicher von Vielem schreibe, mich fähig fühle, aber von einer dicken Wand von allgemeinen Möglichkeiten stehe. Ja von ihr eingeschlossen, umzingelt bin und an der Unfähigkeit mich zu entscheiden, geistig und < > zu ersticken drohe, gibt mit das verströhmte Herzblut des Autors frische Luft! Welt ich komme! Aber zuerst jetzt an meine Maurerhusi!

  3. Garabet Gül

    Ich habe diesen Artikel gestern im Zug auf dem Weg nach Hause gelesen. Wunderbar geschrieben. Obschon ich langsam aber sicher das Wort Klimawandel oder -erwärmung nicht mehr hören kann. Doch bei Herrn Hamilton-Paterson steckt mehr Herzblut, Leidenschaft und Sehnsucht, mehr gesunder Egoismus, mehr Ehrlichkeit und mehr (Selbst-)Ironie im Text als bei vielen anderen Möchtegern-Ökomoralisten, deren ätzende Selbstlosigkeit so falsch daherkommt, dass sie wie eine Karikatur (ihrer selbst) daherkommen – ich behaupte, selbstbewusst wie ich bin, dass in meinem linken Ei mehr Altruismus steckt als im ganzen Organismus von Al Gore. Zuhause angekommen, führe ich mir die Tageschau zu Gemüte. Die Schweizer seien noch nie zuvor so viel in die Ferien geflogen wie in diesen Sommer. Den Kuonisprecher freuts. Das schlechte Wetter triebe die Schweizer unter die Sonne am Mittelmeer. Und was antworten einem diese Menschen, wenn man sie auf ihren ökologischen und kulturellen(!) Schwachsinn, eine Woche nach Spanien oder in die Türkei zu fliegen, anspricht? "Das Flugzeug würde auch ohne mich fliegen".Genau. Verdammt! Die Flieger fliegen so oft und billig, weil eben zu viele Menschen so denken! Wieder einmal scheint es Zeit zu sein für eine grundsätzliche "Umwertung der Werte".
    Anfangen könnte man vielleicht mit ein wenig Bildung.Aber erst nach dem Fick und dem Kebap in der Südtürkei. Zu mehr reicht eine Woche nicht aus.

  4. Michi Zollinger

    Ein sehr schöner Artikel, der mich ziemlich traurig gestimmt hat, denn was im zweiten Teil über Umweltzerstörung geschrieben wird, ist leider war und habe ich während der letzten 12 Monate reisen in Südamerika auch gesehen. Nicht nur in der Schweiz verschwinden die Gletscher. Ich sah Fotos des Cotopaxi in Ecuador, wie er vor dreissig Jahren ausgesehen hat.Heute ist noch knapp ein Drittel des Schnees vorhanden.Auch der Dschungel wird immer mehr zurückgedrängt, muss Viehzuchten weichen. Auch wenn heute nicht mehr so viel über das Abholzen des Dschungels geschrieben wird, so wird doch weiterhin fleissig geholzt. Ich brach aus ähnlichen Gründen wie James Hamilton-Paterson auf, die Welt zu entdecken. Ohne Lonely Planet oder Footprint, sondern mit einer Landkarte. Irgendwann erstand ich in einem Büchertausch doch ein South American Handbook, um nicht an die gleichen Orte zu gehen wie alle anderen Backpacker, aber auch deshalb, weil ich es später wieder für zehn Dollar verkaufen konnte und mich das eingetauschte Buch knapp zwei Franken kostete. Die Zeiten des Reisens haben sich sicherlich geändert, ich kann zwar nicht den alten Zeiten nachtrauern, weil ich damals noch nicht da war. Heute sind die Around-the-World-Tickets sehr in Mode. Ein Jahr Auszeit, ein Zwischenjahr, 12 Monate für sechs Kontinente und 30 Länder. Einmal traf ich sogar einen Amerikaner, der nur drei Monate Zeit hatte, aber trotzdem das ganze Programm wollte. Also einmal rundherum, gewissermassen in 80 Tagen. Und er meinte dann, er hätte alles gesehen…In den 13 Monaten, die meine Reise dauern wird, habe ich fünf Länder gesehen, zwei davon aber nur rund einen Monat, dafür Ecuador, Bolivien und Kolumbien in Ruhe. Ich würde immer noch behaupten, dass Reisen die beste Schule ist, sozusagen ein "Studium der Lebenskunst", aber es wird immer schwieriger, vom Gringotrail loszukommen. Es braucht einfach ein bisschen mehr Kreativität und Geduld.
    Am besten reist man wahrscheinlich per Fahrrad und Schiff.

  5. Hans Dellenbach

    Natürlich trifft Herr Hamilton-Paterson exakt den Punkt. Wer oft unterwegs ist braucht keine weiteren Beweise dafür, dass uns die moderne Fliegerei infantilisiert und dass die zunehmende Reiserei unseren Horizont nur einengt. Der Ton des Artikels ist allerdings beissend vor Selbstmitleid. Wie viel edler früher doch alles war (als der Autor noch reiste) und wie schlimm doch die Welt geworden ist, in der man Häuser in der Toscana nicht mehr für einen Pappenstiel kaufen kann. Wer mit offenen Sinnen durchs Leben geht sucht zum eigenen Glück das Abenteuer nicht mehr im brasilianischen Dschungel und die Exklusivität nicht mehr in Lybien, sondern jeden Tag gleich vor der Haustür: Einfach da, wo sonst keiner hinschaut – wie das schon früher der Fall war.

  6. Yadgar

    Ich gehöre zu jenen Menschen, die seit ihrer Jugend einen ganz spezifischen Reisetraum haben, der sie nicht mehr loslässt, darunter allerdings zu jenem (heutzutage vermutlich eher kleinen) Teil, die sich diesen Traum aus unterschiedlichen Gründen nie erfüllen konnten: mit gerade einmal 14 Jahren, im Herbst 1983, verliebte ich mich unsterblich in ausgerechnet Afghanistan.

    Damals wäre eine Reise nach Afghanistan (zumal auf jene Hippie-Art, wie sie mir in meiner pubertären Naivität und angeregt durch Globetrotter-Literatur der 70er Jahre vorschwebte) glatter Selbstmord gewesen, auch nach dem Sturz der DVPA-Kommunisten, der Machtergreifung von Mujahedin und schließlich Taliban änderte sich daran bekanntlich nichts – obwohl es einige Unerschrockene sogar aus meiner Generation gab, die sich von den Gefahren des Bürgerkrieges nicht abschrecken ließen, ich erwähne in diesem Zusammenhang den Briten Jason Elliot, der sich schon als 19jähriger Schüler und dann wieder 1995 ausgiebig auf eigene Faust im Land umsah, sehr lesenswert sein Reisebericht “Unerwartetes Licht”!

    Lediglich in den Jahren 2002 bis 2005 war es in den meisten Landesteilen ruhig genug, um sich ohne akute Lebensgefahr dort aufhalten zu können – und dieses Zeitfenster verpasste ich aus Sorge um mein berufliches Fortkommen. Inzwischen ist Afghanistan wieder so unbereisbar wie seit 1978, und angesichts der Nachrichten von dort, die ich als Betreuer eines Informations-Website für angehende Entwicklungshelfer regelmäßig verfolge, rechne ich inzwischen nicht mehr damit, dass sich dies im Laufe der nächsten Jahrzehnte ändert.

    Aber auch was meine generelle Sehnsucht nach Ferne angeht – und die beschränkte sich von Anfang an keineswegs auf Afghanistan – hat mich die allgemeine kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung weitgehend desillusioniert. Das Flugzeug als Reiseverkehrsmittel kam für mich von Anfang an nie in Frage (ich habe in meinem bisherigen Leben ganze zwei Flugreisen unternommen und hoffe, dass dies auch so bleibt – mir kam es jedes Mal wie banales Länder-Zapping vor, abgesehen davon, dass ich mich in Flugzeugen grundsätzlich nicht wohl fühle), mein Reiseideal war immer durch radikal ökologische Ansprüche bestimmt, so dass angesichts der Entfernungen meiner Sehnsuchtsziele (neben Afghanistan unter anderem Indien, Nordafrika, Argentinien und Chile) eigentlich nur monate- bis jahrelange Fahrradreisen in Frage kamen. Zeit- und Geldmangel verhinderten allerdings auch dieses.

    Also musste ich damit vorlieb nehmen, mein Fernweh im Internet zu stillen – und da wurde mir im Laufe der Zeit klar, dass die Banalisierung des Reisens nicht nur durch die Massen von Pauschaltouristen und Billigfliegern vorangetrieben wird, sondern auch durch die mittlerweile praktisch lückenlose Abdeckung des Planeten durch mediale Berichterstattung, auch und gerade im Internet. Es gibt buchstäblich keine weißen oder auch nur grauen Flecken auf der Weltkarte mehr, selbst auf Tristan da Cunha oder im nordsibirischen Putorana-Gebirge waren schon Teams von “Geo” oder “National Geographic” und haben die entlegensten Enden der Welt ins grelle Licht der Hochglanzöffentlichkeit getaucht. Und “alternatives” Reisen, einst eine Domäne langhaariger Ausgeflippter, findet auf Dutzenden von Internetforen statt, wo man dann die immer gleichen Threads über die neuesten technischen Ausrüstungs-Gimmicks, Internetcafés in Lima, Goa oder Papeete, Autoversicherungen und Flugverbindungen liest.

    Reisen ist banal geworden, egal, was man auch immer anstellt, um dem touristischen Mainstream zu entkommen… und ich frage mich zunehmend, ob das Zurücklegen von Entfernungen, die über alltägliche Besorgungen hinausgehen, zwingend Bestandteil eines erfüllenden, gelingenden Lebens sein muss.

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