Das Evangelium nach Google

Die Suchmaschine Google hat auf jede Frage eine Antwort. Eher: Tausende von Antworten. Gilt das auch für Vinton G. Cerf, den Vordenker des unheimlich mächtigen Unternehmens?

14.12.2007 von Rico Czerwinski , 2 Kommentare

Google ist kein Unternehmen wie andere. Das spürt man gerade wieder in den Diskussionen, die überall um den grössten Internetdienstleister geführt werden. Darin geht es schon auch um die brillanten Zahlen des Unternehmens. Um den Erfolg, den die Firma in ihrem lukrativen Job als Chefarchivarin unseres gesammelten Internetwissens hat. Seit April sitzt Google auf dem ehemals ewigen Thronplatz von Coca-Cola als teuerster Marke der Welt. Seit Kurzem ist Google wertvoller als Toyota, der grösste Automobilkonzern der Welt, und wertvoller als die 223-jährige Bank of America. Dabei ist Google erst neun Jahre alt.
Doch eigentlich interessiert alle nur eines: Was will Google wirklich? Kann man diesem ehrgeizigen Unternehmen vertrauen? Neu möchte es unsere Informationen nicht einfach nur ordnen, sondern auch immer mehr davon in seinem weltgrössten Archiv sammeln. In immer neuen Services wie iGoogle, Google Recommendations oder Blogger vertrauen ihm Millionen Nutzer persönliche, sensible Informationen an. Und ausgerechnet dieses Unternehmen leistet sich eine eigenwillige Firmenkultur. Leistet sich etwa mit «Don’t be evil» einen zwar verpflichtenden, aber bizarrerweise unverhüllt religiös konnotierten Unternehmensgrundsatz. Ist Google, wie Blogger im Netz bereits fragen, vielleicht sogar eine Kirche oder gar ein neuer Gott?
Es ist Ende November, der Vizepräsident und Vordenker von Google, Vinton Gray Cerf, ist zu Gesprächen in Googles expandierender Schweizer Zentrale in Zürich. Der 64-Jährige ist einer der wichtigsten Wirtschaftsführer unserer Zeit. Mit der Presidential Medal of Freedom ist Cerf Träger der höchsten zivilen Auszeichnung der USA. Der Mathematiker und Informatiker hat mit einigen anderen einst das Internet erfunden, er gilt als «Anführer der digitalen Revolution», und er arbeitet seit 2005 bei Google. Auf dem Bürostuhl sitzt eine der glamourösesten Kultfiguren des Internets und sicher nicht die unumstrittenste – auf der Visitenkarte des wie stets in einen dreiteiligen Massanzug mit seidener Pochette gekleideten Vinton Gray Cerf steht auch «Chief Internet Evangelist». Wieder so eine religiöse Konnotation, die das Gespräch mit dieser prägenden, in ihren Motiven aber nach Ansicht vieler schwer zu durchschauenden Führungsfigur von Google nur noch notwendiger macht.

Mr Cerf, Sie sind eine Legende, haben den Menschen Wissen, Chancen und Freiheit gegeben wie kaum jemand vor Ihnen. Bereits in den Siebzigerjahren sahen Sie bei der Erfindung des Internets in die Zukunft. Welche Zukunft sehen Sie heute?
Die Menschen werden noch mehr entdecken – durch das Internet. Es wird dem Einzelnen noch grössere Freiheit geben, es wird ihn bessere, informiertere Entscheidungen treffen und sein Schicksal selbst bestimmen lassen. Und es wird den Menschen insgesamt zeigen, dass sie nicht Feinde, sondern einander sehr ähnlich sind.

Es scheint, als seien Sie noch wie am ersten Tag vor 35 Jahren von den Möglichkeiten dieses Mediums überzeugt. Und auch Ihre Tätigkeit bei Google strahlt diese starke überzeugung aus, Ihre Bezeichnung Chief Internet Evangelist geht ja auf die Verfasser der vier biblischen Evangelien zurück, auf die Verkünder der Frohen Botschaft.
Menschen sollten die Segnungen des Internets begreifen. Unsere Geschichte zeigt: Je mehr Leute online gehen, umso flacher werden die Hierarchien. Je mehr Leute sich anschliessen, umso freier wird die Welt. Mein Glaube daran ist tatsächlich fast religiöser Art.

Schade ist nur, dass Ihnen genau das viele Ihrer alten Fans nicht mehr abnehmen. Sie denken, Sie würden Ihnen etwas vorspielen – und in Tat und Wahrheit etwas völlig anderes tun.
Nämlich einem Unternehmen helfen, das Internet all jener eben so hoch gelobten Werte zu berauben. Einem Unternehmen tragischerweise dabei helfen, jene Werte abzuschaffen, die Sie einst selbst definierten.
Erst einmal: Ich bin Vint. Schön, dass wir hier die Gelegenheit haben, miteinander zu sprechen, die Wahrheit über ein paar Dinge herauszufinden, ein paar schlimme Vorurteile über Google aus dem Weg zu räumen. Ich bin ehrlich. Ich bin offen. Seien Sie bitte nicht zurückhaltend. Sollte ich etwas nicht wissen, sage ich es. Sollte ich etwas nicht beantworten wollen, sage ich es. Sollte ich finden, Sie sind ein Dummkopf, sage ich es. Google ist das in der Geschichte der Menschheit wohl am schnellsten so stark gewachsene Unternehmen. Das löst irrationale Anschuldigungen, ängste aus.

Empfinden Sie manchmal Scham, dass Sie heute das Aushängeschild, der Lobbyist und Vordenker einer Firma sind, die in immer weitere Bereiche unseres Lebens vordringt, das Internet monopolisiert und seinen demokratischen Gedanken endgültig abschafft?
Nein, das tue ich nicht, denn ich tue im Auftrag von Google noch genau dasselbe wie vor 35 Jahren. Das Problem ist nur, dass Sie nicht verstehen, was die Firma Google tut. Darf ich Ihnen erklären, woran wir arbeiten?

Da muss man nur in Ihre Bilanzen schauen. Sie versuchen, bei allem, was Sie tun, eine möglichst marktbeherrschende Stellung einzunehmen. Sie bauen am gewaltigsten IT-Arsenal der Welt, fast alle Suchanfragen laufen über Sie. Gute Ideen für neue Anwendungen kaufen Sie aus der Portokasse, häufen ein gewaltiges Archiv an persönlichen Informationen an. Sie sind eine Grossmacht in unserem Leben.
Guter Gott. Wie sind Sie nur auf all das gekommen? Wo haben Sie das gefunden? Was wir tun, ist: Wir zerbrechen uns jeden Tag die Köpfe, wir arbeiten hart an der Frage, wie wir das gesamte Wissen der Welt ordnen, archivieren und Millionen von Menschen zugänglich machen können. Denn das ist unsere Vision. Das beinhaltet auch, Wissen nicht nur zu ordnen, sondern mithilfe neuer Anwendungen auch erst einmal ins Internet zu transportieren.

Sie bringen Millionen Leute dazu, persönlichste Daten ins Netz zu stellen. Sie designen immer neue Services wie iGoogle, Google Earth, Google Blogger. Bin ich Mitglied bei iGoogle, speichern Sie jahrelang den Verlauf meiner Suchanfragen. Sie analysieren sie und verkaufen dann noch personalisiertere Anzeigen. Sie bringen Leute zu etwas, das ihre Privatsphäre verletzt.
Wir bringen sie dazu? Wir haben einen gewaltigen neuen Trend entdeckt! Wir haben das Ausmass einer der aufregendsten Entwicklungen in Sachen Information seit der Steinzeit begriffen. Seit die Menschen damals verstanden haben, dass Informationen hilfreich für ihr überleben sind – etwa zu wissen, welches Tier ein Säbelzahntiger ist und welches ein Rind –, wollten sie alle möglichst viele Informationen besitzen. Nun aber stellt sich heraus, dass sie eines noch viel mehr wollen – Informationen mit anderen teilen. Millionen Menschen wollen uns dabei helfen, unsere Mission zu erfüllen: Alle Informationen der Welt ins Internet zu transportieren, sie zu ordnen, zu demokratisieren.

Google schaut in intimste Bereiche. Wir sollen Ihnen alles über uns verraten.
Sie sollen? Entschuldigung, wenn Sie bei YouTube Videos oder auf Google Earth Bilder und Informationen einstellen, dann weil es Ihnen Befriedigung verschafft. Sie finden es einfach toll, etwas mitzuteilen, und sind zufrieden, nicht weil man Ihnen etwas dafür zahlt. Sondern weil man einfach nur weiss, dass sich der andere dafür interessiert. iGoogle-Nutzer entscheiden sich völlig freiwillig, den Verlauf ihrer Suchanfragen oder Webseitenbesuche zu speichern und sie mit anderen zu teilen, unter anderem mit uns, sie uns auswerten zu lassen.

Sagen wir, ich bin ein seriöser Familienvater mit einem Geheimnis. Soll ich Ihnen dankbar sein, wenn der Verlauf meiner Besuche in irgendwelchen Internetforen, vielleicht meine Chats oder E-Mails mit Homosexuellen, analysiert werden und einer Ihrer Mitarbeiter diese Daten missbraucht?
Kein Mensch liest Ihre E-Mails oder andere persönliche Daten, keiner kopiert sie, niemand registriert Ihren Namen, Ihre Adresse. Ein Bot tut das. Ein Bot ist ein Computerprogramm, das Ihre Daten scannt, um zu sehen, ob es bestimmte Stichwörter gibt, die uns sagen, dass eine der Anzeigen unserer Werbepartner für Sie interessant sein könnte.

Einen Moment. Lassen Sie uns so akkurat wie möglich auf die berechtigten Zweifel vieler Google-Nutzer eingehen. Ein Bot sammelt Informationen über meine Suchanfragen, etwa betreffend bestimmter erotischer Foren. Und dann liest meine Frau per Zufall die Anzeigen etwa für einen Online-Sexshop, die ich erhalte, weil ich diese Foren besuchte. Die Anzeigen jenes Online-Sexshops, der Google dafür bezahlt, dass Sie mir seine Anzeigen zuschicken!
Wichtig ist: Niemand bei uns liest irgendeine jener Informationen, die Sie uns zur Verfügung stellen. Niemand bei uns hat Interesse an Ihren Vorlieben. Niemand sieht sie, niemand weiss etwas davon. Nur der Bot. Aber ein wenig müssen Sie selbst auch noch aktiv werden, um Ihre Privatheit zu schützen. Ein paar Dinge können wir Ihnen nicht abnehmen. Hat Ihre Frau Zugang zu Ihrem Rechner, müssen Sie noch einmal über alles genau nachdenken. Es gibt Grenzen für uns, Sie zu schützen.

Mein Rechner bekommt von Ihnen eine unsichtbare Nummer – nicht wahr?
Ja, ein Cookie. Beunruhigt Sie das?

Ja, natürlich. Mit seiner Hilfe können Sie meinen Rechner identifizieren, angeblich noch in 30 Jahren. Mit seiner Hilfe werden Sie 2037 sagen können, was heute für mich von Interesse war.
Das Cookie sagt uns, an welchen Rechner wir die passende Werbung schicken müssen. Es sagt uns, von welchem Rechner jene Daten stammten, aufgrund derer wir die für Sie passenden Werbeanzeigen auswählen. Aber wissen Sie, wie oft Sie in 30 Jahren Ihren Rechner wechseln? Etwa 17-mal. Und das Cookie «springt» bei so einem Wechsel nicht etwa irgendwie auf Ihren neuen Rechner über! Und nebenbei: Zu wissen, was Sie interessiert, hilft, wenn wir Ihnen gute Suchergebnisse liefern sollen. Wir geben Ihnen die Möglichkeit, uns mehr darüber zu erzählen, wer Sie sind. Und so können wir Ihnen Antworten geben, die besser zu dem passen, was Sie wirklich interessiert.

Google will zu einem unentbehrlichen «Freund» in unserem Alltag werden. Ihr CEO Eric Schmidt hat gesagt: Googles Ziel sei, uns Fragen zu beantworten wie: «Was soll ich morgen tun?» Oder: «Welchen Job soll ich in Zukunft annehmen?»
Was Eric Schmidt da sagte und was dann überall zitiert wurde, ist nichts weiter als eine spannende Formulierung einer ganz einfachen Sache. Was verbirgt sich dahinter? Wie wollen wir Fragen beantworten wie jene nach Ihrem morgigen Tag? Indem wir uns weitere Fragen stellen. Etwa: Wo sind Sie morgen? Grundlage zur Beantwortung dieser weiteren Frage ist die Information, an welchem Ort Sie wohnen. Dann würden wir uns weiter fragen: Was geschieht dort morgen? Und dann: Was hat dieser User für Interessen? Und so weiter. Hat Google diese Informationen zur Verfügung, kombinieren unsere Rechner sie und liefern Ihnen auf schwierige Fragen eine gute und einfache Antwort.

Sie erfinden so viel Neues. Wann haben Sie endlich genug davon?
99 Prozent der Anwendungen werden erst noch erfunden. Das Internet ist vor allem Software, Software wird nur beschränkt durch unsere Vorstellungskraft und unsere Fähigkeit, Ideen in Programme zu verwandeln. Das Banalste wird sein: Unser Kühlschrank, unser Ofen, unsere Unterhaltungselektronik – bald wird alles online sein. Leute werden Firmen gründen und anderer Leute Geräte managen. Sie sagen ihnen: Ich will folgende Filme aufs Wochenende, ich will folgende Musik im Auto, folgende Vorlesungen auf meinem iPod – alles wird drahtlos geliefert.

Jetzt will Google auch noch, dass wir mit seiner Hilfe telefonieren.
In den USA wollen Sie ein gigantisches altes TV-Frequenznetz kaufen, ausbauen und drahtloses Internet und Telefon an jedem Ort anbieten. Wann werden Sie damit nach Europa kommen?
Zuerst einmal müssen wir die Auktion dieser Frequenzen in den USA im Januar gewinnen. Im Moment bremsen viele Mobilnetzbetreiber die Möglichkeiten, neue Anwendungen im drahtlosen Internet zu erlauben. Wir mögen es nicht, wenn etwas bremst. Wir haben gerade ein Betriebssystem für Mobiltelefone angekündigt, das Android. Mit ihm wird es möglich sein, viel mehr Internetanwendungen drahtlos zu nutzen.

Ab wann können wir dank Google überall drahtlos und kostenlos telefonieren und im Internet surfen
Das wissen wir noch nicht. Wir haben aber bereits an unserem Hauptsitz in Mountain View sowie in San Francisco mit drahtlosen Netzen experimentiert.

Google will uns unbedingt genau kennenlernen – aber zuerst wollen wir Google genau kennenlernen, Ihre ganz spezielle Unternehmenskultur. Ihre jungen und extrem reichen Gründer Sergey Brin und Larry Page etwa geniessen beinahe kultische Verehrung.
Mr Brin und Mr Page sind bescheidene, anständige und überlegte Männer. Sie sind sehr smart. Sie sprechen sehr wenig. Aber wenn sie es tun, sollte man zuhören.

Die Schweizer Zentrale von Google sieht aus wie eine Mischung aus Kindergarten, Geheimlabor und Wellnesstempel. Es gibt ein Raumschiff aus Lego, in manchen Ecken liegt Kinderspielzeug, die Mitarbeiter können sich von Googles Coiffeur eine neue Frisur machen lassen oder ihre Hemden zum hauseigenen Wäscheservice bringen. Und Punkt fünf Uhr jeden Freitag schallt aus allen Lautsprechern das Heidi-Lied. Wie viele Lichtjahre von der Erde bewegt sich das Raumschiff Google bereits heute?
Mit dem Heidi-Lied wollen wir wie mit allen anderen Annehmlichkeiten eine angenehme, kreative und lokal verankerte Arbeitsatmosphäre schaffen. Unsere Mitarbeiter sind Googles grösster Reichtum. Die Musik zeigt auch den Beginn des gemeinsamen Freitagnachmittagsbiers von Menschen aus vierzig Nationen in der Kantine an.

Ihr Rekrutierungsprozess ist einzigartig, Bewerber werden nicht nur nach ihren technischen Fähigkeiten ausgewählt, sondern auch im Hinblick auf ihre «Googliness».
Es ist uns wichtig, dass Mitarbeiter mehr können als Programme schreiben. Hier sind zwar alle sehr ehrgeizig, aber wir legen auch grossen Wert auf Gemeinschaft. Einer unserer wichtigsten Leitsätze ist: Don’t be evil, tue nichts Böses. Und wenn man sich bei uns bewirbt, sollte man auch etwas Besonderes können. In einem Eislaufverein zu sein ist zum Beispiel ein interessanter Punkt. Leute, die eine Gesangsausbildung haben oder sich für Tiere interessieren, sind ebenso interessant.

Die kollegiale Atmosphäre ist doch vor allem Fassade. Zwar duzt man sich konzernübergreifend, und jeder dürfte Google-CEO Eric Schmidt in Mountain View ein E-Mail schreiben. Aber Arbeitsergebnisse werden streng kontrolliert, jeder wird von mehreren Kollegen regelmässig schriftlich bewertet.
Unsere Kollegialität ist echt, wir leben sie. Aber wir alle hier arbeiten auch auf höchstem Niveau. Wer einen lockeren Job sucht, wird ihn bei uns nicht finden. Dennoch geht bei uns die Fluktuation gegen null.

Sie sponsern ein Startup mit dem Namen 23andMe – eine Suchmaschine für individuelle Gendaten. Was sind Ihre wahren Ziele?
Diese Datenbank, in die man sich völlig freiwillig eintragen kann, soll später Leuten dienen, die sich für ihre Vorfahren interessieren. Sie soll der genealogischen Recherche dienen, übrigens ebenfalls ein bedeutsamer Trend. Die Globalisierung wird dazu führen, dass Leute dort bestimmte Gendaten speichern. So werden sie ihren Nachfahren ermöglichen zu erfahren, aus welchem Teil der Welt die eigene Familie stammt.

Google beabsichtigt die Analyse des Verhaltens von Spielern in Onlinespielen wie World of Warcraft oder Second Life, um daraus psychologische Profile der Spieler zu erstellen. Gibt es keine Grenzen?
Soweit ich weiss, haben wir keine solchen Pläne. Wir haben allerdings ein Unternehmen gekauft, das fähig ist, Werbung in virtuellen Spielwelten zu platzieren, speziell in Second Life. Leute verbringen ihre Zeit in diesen Umgebungen. Und es ist für alle von Nutzen, ihnen zu sagen: Hi, ich sehe, ihr verbringt viel Zeit im virtuellen Raum – aber da sind auch Dinge in der realen Welt, die es wert sind, sie zu tun. Würdet ihr sie gern ausprobieren?

Wie sicher sind die Tresore für unsere wertvollen Daten? Haben Sie Elektrozäune um Ihre riesigen Datenfarmen gezogen – um jene IT-Infrastruktur, die längst grösser und wichtiger ist als die bisher grösste der Welt, jene der US Army?
Zunächst einmal schützen wir unsere  Daten durch interne, sehr strikte Regeln. Angestellte, die sich nicht genau daran halten, werden sofort aus dem Unternehmen entlassen. Wir haben eine ähnliche Sensibilität wie eine Bank. Deshalb sind wir auch abhängig davon, dass nur autorisierte Leute Zugang zu Daten haben. Unsere Computerzentren, die meist in ruralen Gebieten liegen, wo wir ausreichend elektrische Energie und Kühlung bekommen, haben zwar keine Elektrozäune. Doch auch ohne es wie eine CIA-Einrichtung aussehen zu lassen, kennen wir Wege, die es ermöglichten, dass noch nie irgendjemand ein Problem mit der Sicherheit seiner Daten bei uns zu beklagen hatte. Darüber plaudern wir allerdings nicht so gern.

Google behauptet, an die Demokratie zu glauben. Das sind nichts als leere Worte. In China haben Sie der Diktatur erlaubt, in Ihre Suchmechanismen einzugreifen. Google hat zugelassen, dass Begriffe wie «Falungong», «Unabhängigkeit für Taiwan» oder «Tiananmen-Massaker» aus seiner Suche ausgeschlossen sind. Sie haben schwer gegen die Idee von Freiheit und Demokratie verstossen.
Nein. Was hätten Sie denn getan? Wir haben im Unternehmen ein Jahr eine Debatte über dieses Problem geführt. Dann haben wir uns entschieden, in China unseren Suchdienst zensiert anzubieten, jedoch verschiedene andere Services nicht. Zum Beispiel Google Mail oder Google Blogger. So versuchten wir, die Privatsphäre unserer Anwender zu schützen. Wir wollten nicht in eine Situation kommen, in der die Regierung uns fragt: Wer hat dieses kritische Blog geschrieben?

Das war ein schwacher Deal. Warum nicht ganz fortbleiben und so für seine Werte kämpfen, auch wenn es wehtut in der Kasse?
Es ist völlig unklar, ob wir durch Fernbleiben irgendeinen Druck auf die chinesische Regierung hätten ausüben können. Die sind grösser als wir. China wird der mächtigste Teil der Internetcommunity sein. Nebenbei: Das ist Gesetz in China. Wir wollen keine Gesetze brechen in irgendeinem Land. Vor allem: Verglichen mit der absoluten Menge an Informationen, die man bei uns abfragen kann, sprechen wir hier von weniger als einem Prozent. Aus Geschäftssicht machen Services in China viel Sinn. Wir haben im Interesse unserer Nutzer auf ökonomisch wertvolle Services verzichtet. Und wir geben ihnen mehr Zugang, als wenn wir gar nicht da wären. Unter dem Strich ein positives Ergebnis.

Den Siegeszug von Google im Kampf um die Vorherrschaft im Netz und damit um die Informationstechnologie der Zukunft kann nur noch einer stoppen: Google und Microsoft kämpfen seit Kurzem mit offenem Visier gegeneinander. Sie machen sich gegenseitig Firmenzukäufe streitig, konkurrieren neuerdings im Produktbereich. Sie machen einander mitleidlos öffentlich schlecht. Wie sehr hassen sich die Giganten?
Oh, gar nicht. Ich benutze sogar Produkte von Microsoft. Manchmal fühle ich mich dabei allerdings schon ein bisschen eingeengt und gesteuert. Von Microsofts ungewöhnlich besitzergreifendem Produktansatz. Da fühle ich mich in Googles offenem Konzept deutlich wohler. Wir garantieren, dass wir jedem unserer Nutzer dabei helfen, in kürzester Zeit seine Daten von uns zu jemand anderem zu transferieren. Google untreu zu sein ist – anders als bei Microsoft – leicht. Man tippt einfach nur eine andere Adresse ins Browserfenster, schon ist man uns los.

Was ist der Hauptunterschied zwischen ihrem CEO Eric Schmidt und dem Kopf von Microsoft, Steve Ballmer?
Ich verbrachte eher wenig Zeit mit Steve. Und ich kenne Eric seit zwei Jahrzehnten. Aber das, was ich weiss, sagt mir, dass Eric ebenso feinsinnig und konsensorientiert ist wie Steve hierarchisch und schonungslos.

Wahrscheinlich gewinnen Sie gegen Microsoft. Sie sind besser aufgestellt – Organisation, Finanzierung, Betriebskultur, PR, Attraktivität für die allerbesten Spezialisten. Und Sie haben da diese Unmenge an Daten gesammelt und können immer früher reagieren – sobald irgendetwas Ungewöhnliches passiert, zeichnet sich dieser Trend heute zuerst im Internet ab, und Sie können vor allen anderen handeln. Sie sind unbesiegbar.
Da draussen ist Wettbewerb. Man muss sich jeden Tag anstrengen. Jeden Tag kann jemand mit einer besseren Idee kommen – und dieser jemand ist nicht unbedingt Google. Was die Trends angeht, die angeblich unsere Geheimwaffe sind: Gehen Sie mal auf google.com/trends. Dort können Sie und jeder andere sehen, was die Menschheit im Moment interessiert. Wir teilen das mit jedem Menschen.

Google betreibt eine Explosion der Menge öffentlich zugänglicher Informationen. Doch wie Ihre Programme diese Informationen für uns auf das zurechtschneidern, was Sie für unsere Interessen halten, wird unser Leben verändern. Genau wie es die herkömmliche, von Menschen gemachte Medienwelt verändern wird.
Ehrlich gesagt, ich verstehe die Angst der Medien gut, dass jemand ihren Job durch ein Computerprogramm ersetzt. Eine Anwendung, die Informationen im Netz sammelt, auswertet und dem Nutzer genau auf sein persönliches Interesse ausgerichtet zur Verfügung stellt. Denn diese Programme werden tatsächlich einen Teil der Arbeit der heutigen vierten Gewalt übernehmen. Ja, es wird eine weitere Zunahme von Klatsch im Internet geben, denn das ist, was viele wünschen. Und nein, die Informationen werden nicht allesamt immer trivialer, sensationslüsterner oder unwahrer. Es ist sehr schwer, das menschliche Urteilsvermögen zu ersetzen. Intelligente journalistische Arbeit wird künftig nicht durch Internetanwendungen ersetzt.

Eigentlich interessieren Sie sich für uns hauptsächlich als Konsumenten, weil Sie Werbung verkaufen wollen. Doch wie erfüllen Sie Ihre Vision des Zugangs zum gesamten Wissen für alle bei jenen, die keine interessanten Konsumenten sind, weil sie nicht auf der Sonnenseite in einer prosperierenden Gegend der Welt leben?
Wir versuchen, ihnen Zugang zum Internet zu geben, zu Wissen und Chancen. Wir unterstützen die Ausrüstung von Menschen mit Computern weltweit. Wir sponsern das Ein-Laptop-pro-Kind-Programm, haben etwa in Kenya einige Millionen in dieses Programm investiert. Und vor allem gibt es südlich der Sahara zwar nur einige hunderttausend Internetanschlüsse, aber viele Millionen Mobiltelefone.

Sie meinen, die Menschen in einem Dorf in Ruanda werden mit ihren Mobiltelefonen im Internet surfen? Das ist zynisch. Surfen mit dem Handy kann man sich ja kaum als Schweizer Mobilfunkkunde leisten.
Es stimmt nicht, dass für Menschen in der Dritten Welt Surfen mit dem Mobiltelefon ein unbezahlbarer Traum bleibt. Die Bevölkerung dort kann bereits heute für die übertragung von Sprachpaketen zahlen – beim Telefonieren. Wenn wir dank Plattformen wie unseres Android-Betriebssystems dazu beitragen können, dass auch Datenübertragung per Mobiltelefon künftig günstiger wird, wird das auch den Internetzugang in den Entwicklungsländern verbessern.

Sie tönen, als sollten wir Google dankbar sein oder etwas von Ihnen lernen.
Warum denn nicht?

Und was könnte das sein?
Tue nichts Böses.

Sie glauben nicht im Ernst, Google mache die Welt besser, friedlicher.
Doch. Das Teilen von Informationen macht die Welt besser. Menschen entdecken andere Menschen mit ähnlichen Interessen, die sie sonst nie kennengelernt hätten. Sie verstehen, dass sie gar nicht so anders sind als sie selbst. Denken Sie an all die Foren, Blogs. Menschen werden dank dem Internet einem weniger grossen Machtgefälle ausgesetzt sein. Informationen sind Macht. Der Einzelne wird Chancen haben wie nie zuvor, bessere Entscheidungen treffen und sein Schicksal selbst bestimmen können.

Wie viel Neid ist enthalten in der kritischen Debatte um Google?
Vielleicht ein bisschen.

Wie verletzlich ist Google?
Nicht besonders. Ausser einem interessanten Fakt: Wenn man so schnell gewachsen ist wie dieses Unternehmen, sind viele Leute abhängig davon, dass man auch weiterwächst. Dann ist der Druck von allen Seiten gross.

Früher haben Sie ein grosses Geheimnis um Google gemacht, die Firma galt als besonders verschlossen. Das scheint sich zu ändern. Haben Sie begriffen, dass Sie einen anderen Weg gehen müssen, wenn Ihre Marke sich nicht wie die Marke Microsoft entwickeln soll?
Wir waren und sind zurückhaltend mit Informationen über unsere Produktpläne. Wir kommunizieren nicht, was wir tun, bis wir es tun. Ansonsten sind wir sehr offenherzig. Wenn ein Journalist eine offizielle Stellungnahme des Google-CEO braucht, hat Eric Schmidt versprochen, ist er in einer Stunde bereit. Egal, wo auf der Welt er sich gerade aufhält.

Wie können Sie diejenigen überzeugen, die immer noch nicht glauben, dass Sie Ihren Leitsätzen entsprechend wirklich «nichts Böses tun»?
Wir haben nie jemandem Anlass zu wirklich berechtigter Kritik gegeben. Man forderte in Gerichtsverfahren, Informationen herauszugeben, wir haben neun Monate gekämpft und gewonnen. Wir sind abhängig von unseren Nutzern, denn wir haben ihnen die Möglichkeit gegeben, uns sehr schnell untreu zu werden.

Wird es 2008 langweilig im Internet? Die zweite Internetrevolution der Jahre 2006/2007 ist vorbei.
No way! Zweifellos erleben wir gerade nur den Anfang einer Revolution. Neue Anwendungen und Technologien werden in immer schnellerer Kadenz entwickelt.

Die Zukunft – welches Bild ist da vor Ihren Augen?
Zugang mit meinem Mobile zum gesamten Wissen der Welt.

Können Sie die ständigen Appelle an Google, seine Verantwortung ernst zu nehmen, noch ertragen?
Das Unternehmen hat grosse Verantwortung und ist dankbar, wenn man es daran erinnert.

Ist Google tatsächlich auf dem Weg, zur Allmacht zu werden?
Google ist eine sehr leistungsfähige und anpassungsfähige Umgebung für neue Technologien und Standards.

Macht Google die Menschen abhängig?
Wir werden immer alle von irgendwas abhängig sein.

Existiert Microsoft im Jahr 2017 noch?
Es wird ein Softwareunternehmen sein, es wird auch einen grossen Teil seines Geldes mit Onlineservices verdienen.

Wie sollen wir eines Tages noch ohne Sie leben, wenn es Google plötzlich nicht mehr gibt?
Dann wird es andere Dinge wie Google geben – oder bessere.

Was muss man tun, wenn man nicht teilnehmen möchte am grossen Informationenteilen mit Google?
Eine andere Suchmaschine verwenden. Die macht aber dasselbe.

Wann werden Sie mächtig genug sein, der chinesischen Regierung Googles Werte aufzuzwingen?
Wir überzeugen Regierungen, aber wir üben keinen Zwang aus.

Was ist Googles Erfolgsgeheimnis?
Sei keine Bedrohung. Tue nichts Böses.

Suche: Prophet. Finde: Vinton G. Cerf, Vizepräsident von Google | Bild: Dan Cermak
Suche: Prophet. Finde: Vinton G. Cerf, Vizepräsident von Google | Bild: Dan Cermak

Die Diskussion

2 Reaktionen

  1. Patrick Weiss

    Gerade weil das Thema so spannend, weil wohl auch die Spannung zwischen Googles positivem Selbstbild und seiner Unternehmensphilosphie einerseits, seiner wirtschaftlichen, technischen und symbolischen Macht andererseits ziemlich irritierend ist, hätte ich mir vom Interview im ‚Magazin‘ ein bisschen mehr erhofft. Auf jeden Fall einen anderen Stil seitens des Interviewers.

    Rico Czerwinskis macht indessen auf Konfrontation. Vor allem: Immer wieder polarisiert er zwischen den armen, unschuldigen, schützenswerten Usern und der bösen, allmächtigen, unaufhaltsam expandierenden Krake Google. Nicht, dass alles was er fragt und feststellt abwegig wäre. Was die objektive Funktion der kommerziellen Angebote von Google angeht, und wie das Unternehmen mit privaten Daten umgeht – natürlich kann und muss man hier radikal kritisch denken. Aber Vorwürfe in jedem zweiten Satz nach dem Motto „Ihr seid doch die Bösen“ scheinen mir in zweifacher Hinsicht am Thema vorbeizugehen:

    Die IT- (Internet, Web-2.0 usw.-) Revolution ist eine technologische und gesellschaftliche Tatsache; was da passiert, wird sicher von Google massgeblich gestaltet, aber vom Grundprinzip her nicht erfunden. Wie mit allen technischen Möglichkeiten muss man sich auch mit allen Folgen der Internet-Technologien auseinandersetzen – aber (solange nicht wirklich destruktive Kräfte am Werk sind) nicht auf der Ebene von Beschuldigungen. 2. Czerwinski kommt es nicht in den Sinn, die epochalen Möglichkeiten durch die IT-Revolution, wie sie durch Google vorangetrieben werden, sagen wir einmal differenziert oder mit einer Mischung aus Anerkennung und Skepsis zu würdigen. Technischer Fortschritt war schon immer widersprüchlich.

    Oder soll das Ganze durch Polarisierung, durch bewusste Schwarz-Weiss-Kontrastierung bestechen?

  2. Ricotta

    Die entscheidende Frage wurde in diesem Interview leider nicht gestellt. WER definiert bei Google WIE, was böse ist?

    z.B. Bei Google Adsense können Firmen Seitensprung-Portale bewerben. Ist das Unterstützen vom Fremdgehen etwas Gutes?

    Denn wie Vint Cerf sich ausdrückte: "da sind auch Dinge in der realen Welt, die es wert sind, sie zu tun. Würdet ihr sie gern ausprobieren? "

    Anhand was wird Gut und Böse definiert bei Google? Gesunder Menschenverstand? Wer hat dann gesunden Menschenverstand und wer nicht?

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.