Das Gewissen, etwa

Die neue Ökowelle ist so schmerzlos, dass sich nicht einmal Vielflieger schämen müssen. Gerettet wird eine kleine Welt.

01.06.2007 von Andreas Dietrich , 8 Kommentare

Ein Kollege, ein feiner Kerl, war in den vergangenen sechs Monaten wie folgt unterwegs: Er flog nach London, um sich last minute die Fischli-Weiss-Ausstellung anzusehen, morgens hin, abends zurück. Er flog nach Barcelona, Freunde besuchen. Er flog nach Paris, um von dort aus mit dem Mietwagen ein mögliches Kaufobjekt in der Normandie zu begutachten. Er flog nach Riga, weil er hier grad nichts zu tun hatte und dort noch nie gewesen war. Im Sommer sind Ferien in Mexiko geplant mit der Freundin. Die wohnt in Berlin, zu der fliegt er fast jedes Wochenende, und wenn nicht er zu ihr, dann sie zu ihm. Ihre Fernbeziehung ist eine Kurzflugbeziehung.

Der Kollege ist – wie so viele, für die das demokratisierte Billigfliegen zum Lebensstil gehört – ansonsten sehr öko, sehr nachhaltig, sehr verantwortungsvoll. Al Gores Film «An Inconvenient Truth» hat ihn betroffen gemacht. Ir-gendwann will er Kinder haben, und die, findet er, sollen dann auch noch etwas von der Welt haben. Deshalb wählt er die Grünen, am Boden ist er mit dem Velo unterwegs, den Abfall trennt er rigoros, und auf den Widerspruch zwischen Weltfreund und Kerosinkriminellem angesprochen, antwortet er souverän: «Ich kompensiere.»

Das tun wir ja alle, kompensieren. Täglich, lebenslänglich. Die abwesende Mutterbrust mit dem Schnuller, den versiegenden Sex mit Kaloriensüssem, die ausfallenden Zähne mit Prothesen – der Mensch in seiner grundlegenden Mangelhaftigkeit ist ein Kompensationswesen. Ohne Flügel geboren, baut er sich Flugzeuge. Doch weil dieser Akt wider seine Natur sich als Akt wider die ganze Natur herausstellt, wird nun auch diese Kompensation kompensiert.

Es geht ganz einfach: Für jede Flugreise kauft man sich zusätzlich ein ökoticket, mit dessen Erlös der verursachte CO2-Ausstoss anderswo verhindert wird. Im Internet gibt man, zum Beispiel bei der von der Schweiz aus operierenden Stiftung MyClimate.org, Start- und Zielort ein, Economy oder Business, einfach oder retour – schon erfährt man, wie viel Kohlendioxid man auf diesem Trip verantwortet und was es kostet, die Missetat zu kompensieren. Zürich-Teneriffa retour: 1379 Kilogramm CO2-Ausstoss, 55.50 Franken, online bezahlbar.

Atmosfair.de, ein vergleichbarer Anbieter, weist einen zudem darauf hin, dass fast dieselbe Menge Kohlendioxid entsteht, wenn man 12 000 Kilometer im Mittelklassewagen zurücklegt, oder dass ein Inder 900 Kilo CO2 verursacht. Im Jahr.

Pragmatisch gesehen, ist das «kli-maneutrale» Reisen eine feine Sache: Die Wohlstandsfliegerei ist ein Massenphänomen, gegen das sich aufzulehnen zwecklos ist. Nebenbei würde die Wirtschaft wohl kollabieren, könnten die Manager und das pendelnde Projektleiterproletariat nicht nach Belieben über die Ländergrenzen jetten. Also das Beste aus dem umweltschädigenden Boom machen: Missetäter zu Wohltaten anstif-ten, Kollateralnutzen schaffen. Mit dem Geld, das die ökoalmosen einspielen, unterstützen die Non-Profit-Organisatio-nen Klimaschutzprojekte in aller Welt. Solare Treibhäuser im Himalaja, Bio-gasanlagen in Thailand, Wasserkraft auf Sumatra.

Vor allem aber ist der moderne Ablasshandel symptomatisch für die neue ökowelle, die zurzeit jeden Lebensbereich umspült: harmlos, schmerzlos, sexy, glamourös und gar nicht anstrengend. Allenfalls ein bisschen elitär. Man hilft den andern, nicht so zu werden, wie man selber bleiben will. Kompensation verlangt nicht mehr die nach Müesli und Birkenstock miefende Entsagung, also etwa den nahe liegenden Verzicht auf eine Eskapade, sondern behauptet die Vereinbarkeit von individuellem Easy-living und globaler Verantwortung. Man muss nicht lange nachdenken, um zu ahnen, dass ein bisschen Frieden, ein bisschen Welt retten nicht aufgeht. Das Gewissen als Accessoire – in einer kommenden Saison wird das der letzte Schrei von gestern gewesen sein.

Beichtstuhl mit Schleudersitz

George Clooney isst manchmal auch bio, ruft zur «ökologischen Revolution» auf und fährt im Elektromobil zum Flughafen – um im Privatjet an den nächsten Werbetermin für Nespresso zu fliegen (das sind die Kapseln, die mit einem Minimum an Kaffee ein Maximum an Abfall produzieren). Oscar-Preisträger Al Gore organisiert das grösste Benefizkonzert aller Zeiten, das am 7. Juli in mehreren Städten auf fünf Kontinenten ausgegeben wird. Nach Hunger und Aids feiern die Stars der Unterhaltungsindustrie mit Live Earth die Klimakatastrophe weg. Eine unangenehme Wahrheit besteht in diesem Fall darin, dass sie in Privatfliegerstaffeln anreisen, die den Himmel verdunkeln und die Luft verpesten werden. Damit die Mittel den Zweck nicht gänzlich desavouieren, wird der Schadstoffausstoss selbstverständlich kompensiert. Cool.

CO2-Kompensation ist dem ethischen Hedonisten, was die Absolution dem fleischlichen Gläubigen. Bloss muss dieser ein reuevolles «Nie wieder» zumindest vorgeben. Der ökobüsser hingegen ist ein vorsätzlicher Wiederholungstäter. Er weiss, dass er schon morgen wieder der Versuchung nachgeben wird, den nächsten Trip zu buchen. Zu verlockend ist die fliegende Milchschnitte gegen den kleinen Fernwehappetit zwischendurch. Zwischen Skylla und Charybdis entscheidet er sich stets für Easyjet. Der Widerspruch ist nicht auflösbar: Der Plug-and-play-book-and-fly-Lifestyle und der Schaden, den man damit anrichtet, lassen sich nicht vereinbaren mit einem guten Gewissen. Man bleibt auch mit Persilschein ein Schmutzfink. Wer das nicht erträgt, soll das Fliegen sein lassen. Wer es erträgt, ertrage es in Würde. Es gibt Schlimmeres.

Ausserdem funktioniert das Grünwaschen des schlechten Gewissens mit, zum Beispiel, Energiesparkochern in Kuyasa nur so lange, als der Südafrikaner nur kochen und nicht fliegen kann. Denn letztlich zählt man darauf, dass die Menschen am Ende der Welt auch entwicklungsmässig dort bleiben; dass sie auch künftig ihr Essen aus dem Blechnapf in der Lehmhütte zu sich nehmen und nicht mit Plastikbesteck in 10 000 Meter Höhe. Dasselbe gilt für die freundlichen Ratschläge an Boomregionen wie Indien und China: Wir wissen, wie schädlich unsere fetten Autos und das viele Reisen für das Weltklima sind – deshalb, liebe Chinesen, behaltet doch eure lässigen Velos; deshalb, liebe Inder, bleibt doch gleich zu Hause. Man kann es ökokolonialismus nennen.

Der moderne Ablasshandel gewinnt zunehmend Angänger, Private, Firmen, Verwaltungen; sie machen jedoch nur Pro-mille aller Passagiere aus. Bei Atmosfair werden täglich rund zweihundert Flüge kompensiert, MyClimate rechnet für das vergangene Jahr mit einem Umsatz von etwa einer Million Franken. In Kontrast dazu stehen die Erfolgsmeldungen der Airlines, die stolz Passagierrekorde verzeichnen, Flotten ausbauen, das Strecken-netz erweitern.

Platz für alles

So bleibt das individuelle und freiwillige Büssertum – einige Klimaschutzorganisationen bieten es auch für Auto- und Haushaltemissionen an – eine Zwergennummer, von der Haltung und vom Nutzen her. Möglicherweise ist sie sogar kontraproduktiv. Sie nimmt Druck weg von Lösungsansätzen, die weit mehr Wirkung versprechen. Zum Beispiel will das EU-Umweltkommissariat den Flugverkehr in den Emissionshandel einbinden. Wie es heute bereits bei rund 11 500 Unternehmen und Indust-rieanlagen der Fall ist, sollen Fluggesellschaften gezwungen werden, nicht mehr Emissionen zu verursachen, als ihnen zustehen. Wer sein Budget überschreitet, muss zahlen, wer sich umweltfreundlich verhält, wird belohnt.

Kein Wunder, lobbyiert die Flugindustrie dagegen. Joachim Hunold, CEO von Air Berlin, beklagt sich in der Februarausgabe seines Bordjournals «On Time» über Politikerforderungen nach «ständig neuen finanziellen Belastungen» für die Luftfahrt; den Emissionshandel geisselt er ausdrücklich. Hunolds Vorschlag: für den Strom neue AKW, für die Aviatik den Rest der zur Neige gehenden fossilen Brennstoffe.

Will der Reisende solche Traktate im Flugzeug lesen? Wer bloss ein paar Franken für seinen Flug zahlt, hat sich gefälligst nicht zu beklagen. Und vielleicht vertritt der Air-Berlin-Chef hier sogar eine Position innerhalb des neuen, schmerzlosen grünen Denkens. Es ist so tolerant, da passt alles rein.

Die Diskussion

8 Reaktionen

  1. Markus Böniger

    Vielen Dank Andreas Dietrich! Sie bringen keinen ‘Öko-Blah’, sondern gelebte Facts auf den Tisch.

    Der Vergleich mit dem Beichtstuhl kam mir in diesem Zusammenhang auch schon in den Sinn: CO2 Sünder kaufen sich den Titel ‘Klimat-Neutral’, ohne auch nur daran zu denken ihren Lebensstil zu ändern. Ich kenne Leute die jetzt, dank dem Klima-Beichtstuhl, wieder vermehrt fliegen.

    Das Auto und die Heizungen werden wir auf CO2-neutral umstellen können. Doch werden unsere Kindeskinder noch fliegen?

    Das effizienteste Mittel für eine ausgewogene und reduzierte CO2 Zukunft heisst: ‘Verzicht von objektiv Unnötigem durch die CO2-Hauptverursacher’.

  2. Finn Canonica

    Trotzdem darf man die Sache nicht so eng sehen, das eine schliesst das andere ja nicht aus. Die Grundidee von MyClimate ist ja schliesslich auch, dass man sich bewusst wird, wie schädlich die Fliegerei eigentlich ist. Längerfristig bleibt sicher was im Gewissen hängen und man wird sich fragen, ob man zum Beispiel europäische Strecken nicht grundsätzlich mit dem Zug fahren soll. So gesehen teile ich die Meinung meines Kollegen Andreas Dietrich nicht voll.

  3. Pascal Hauri

    Ist dieser Beitrag etwa die Kompensation des Verfassers für den Verzicht auf die Nutzung von MyClimate? Gemäss Autor könnte die Organisation gar kontraproduktiv sein für das Finden von Lösungsansätzen gegen Flugverkehr-Emissionen.
    MyClimate ist keine Lösung, sondern der Entscheid des Konsumenten für das geringste Übel. Lösungen müssen Politik und Wirtschaft finden. Und zwar bald.
    Natürlich soll das MyClimate Ticket nicht der Freipass zum sinnlosen Herumjetten sein. Vielmehr verhilft es uns zu mehr Bewusstsein, zum Ein- oder Ausschalten unseres Gehirns. Am Anfang einer Reiseplanung muss doch die Frage stehen: Ist es sinnvoll, dahin zu reisen? Was sind mögliche Transportmittel? Ist es (nahezu) unausweichlich zu Fliegen? Wer guten Gewissens und nicht einzig aus Gründen der Bequemlichkeit mit Ja antwortet, für den gibt’s MyClimate – und als Gegenleistung eine kleine Portion guten Gewissens. Was soll daran moralisch verwerflich sein? Sie ist Belohnung für die erbrachte kognitive Leistung, ohne die wir im Umweltschutz nie Fortschritte erzielen werden.

  4. Stefan Ruedi Meier

    Endlich ein Artikel zu unserem fadenscheinigen Bussverhalten bei Myclimate, etc … Im besten Fall werden dort Bäume gepflanzt und somit der Atmosphäre vorübergehend etwas CO2 entzogen (denn wenn diese Bäume in hundert Jahren umfallen wird beim Abbauprozess all das bis dahin von ihnen resorbierte CO2 wieder freigesetzt). Im schlimmeren Fall drängt man ausgerechnet die Länder, die nur zu einem minimalen Bruchteil für den weltweiten CO2-Ausstoss verantwortlich sind dazu, ebendiesen minimalen Ausstoss zu reduzieren. Dies ist hinterhältig und scheinheilig. Ebensogut könnte man die Dreiräder in der Stadt Zürich für das erhöhte Verkehrsaufkommen verantwortlich machen. Ohne ‘Entsagung’ – das ist die unbequeme Wahrheit, die nichteinmal Al Gore über die Lippen gehen will – gibt es leider keinen Ausweg.

  5. Mario Urech

    Ihre Ausführungen stellen die Problematik sehr pointiert dar und werden gar in der selben Ausgabe bestätigt: Eigentlich schade muss Ihr starker Artikel ein paar Seiten später mit dem Inserat "London CHF 66 inkl. Taxen und Gebühren!" und dem 3 Tages Ausflug von Max Küng nach Madrid kompensiert werden. Auch DAS MAGAZIN könnte einen Beitrag gegen die Vielfliegerei leisten.

  6. Samuel Bernhard

    Vielen Dank, Sie sprechen mir mit diesem Artikel aus dem Herzen.
    Die meisten Vielflieger werden weiterhin nicht interessiert daran sein, was sie mit ihrem Verhalten bewirken. Die fatalste Wirkung sehe ich vor allem bei den Wenigfliegern – mit durchaus vorhandenem ökologischen Gewissen. Dank der CO2-Kompensation ist die Fliegerei in diesen Kreisen neuerdings reingewaschen. Dabei sind wir global nicht mehr weit davon entfernt, dass der Flugverkehr die schädigenden Auswirkungen des Autoverkehrs übertrifft. Eine gute Lösung wäre in der Tat, den Flugverkehr in den Emissionshandel einzubinden. Doch der Druck für echte Lösungen wird vermutlich nicht zunehmen, solange es CO2-Kompensations-Deckmänteli gibt.

  7. Eskild Bruun

    Andreas Dietrich "trifft den Nagel auf dem Kopf". Mit "Ablasshandel" und Besserwissertum den Entwicklungs- und Schwellenländren gegenüber werden
    wir die Umweltbelastungen nicht mindern. Aber wo bleiben die Visionen oder Denkanstösse? Wir wollen fortan fliegen. Also brauchen wir neue, umweltfreundliche Antriebskonzepte für Luftfahrzeuge. Etwa einen elektrischen Antrieb mit Brennstoffzellen als Energielieferant, oder einen Mini-Fusionsreaktor mit Dampfturbine in einem geschlossenen Kreislauf? Ohne technisch-wissenschaftliche Anstrengungen werden wir die Zukunft für unsere Nachfahren nicht verbessern
    können. Otto Lilienthal und Georg W. Bush lassen Grüssen.

  8. Barbara Amsler

    Dieser Artikel spricht mir voll aus dem Herzen. Dieser Ablasshandel ist doch ein völliger Blödsinn und animiert zum bedenkenlosen umweltfeindlichen Handeln. Ich auf jeden Fall weigere mich, diese Kompensation zu bezahlen und ziehe es vor, wirklich umweltbewusst zu handeln . So verzichte ich innerhalb Europa lieber ganz auf das Flugzeug und notabene seit 30 Jahren auf das Auto, und auf sinnlose Kurzreisen, wie sie in Ihrem Artikel als Beispiel erwähnt werden, verzichte ich gleich ganz. Das Hauptproblem scheint mir, dass das Individuum nicht fähig ist sein Verhalten zu ändern (wollen) und unsere Politiker schlafen. Fliegen ist unterdessen in den meisten Fällen um ein Vielfaches billiger und weniger kompliziert als Zugsreisen. Das Kerosin müsste endlich besteuert und Abonnemente des öffentlichen Verkehrs für Autolose massiv verbilligt werden. Statt dessen belohnt man Autofahrende, die für zwei Monate ihre Nummern hinterlegen mit Gratisabonnements für den öV während Menschen, die seit Jahren kein Auto mehr benützen, absolut gar nie in den Genuss irgendeiner Vergünstigung, die ihren Namen auch verdient, kommen, z.B. zu 2 Monaten Gratisbenutzung des öffentlichen Verkehrs. Was fängt man eigentlich mit dem vielen Kompensationsgeld an wenn es nichts mehr zu kompensieren gibt?

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