Das Wetter vom 1. Juli 2075

Heisse Sommer, Überschwemmungen, lange Trockenperioden, die Alpen als grosse unaufgeräumte Baustellen – wie sieht das Schweizer Klima in siebzig Jahren aus? Zwei Klimaforscher geben Auskunft.

30.03.2007 von Catherine Abraham

Die Weichen für das Klima der Zukunft müssen wir jetzt stellen. Da passt es, dass das Organe consultatif sur le Changemente Climatique (OcCC) gerade seine Studie «CH 2050» fertig hat und darin verschiedene Klimaszenarien zur Diskussion stellt. Prima, denkt man, und hofft, dass darin ein Szenario entworfen wird, das wir noch verhindern können. Doch leider ist dem nicht so. Dort heisst es nämlich, das Klima bis 2050 stehe längst fest. Und beiläufig wird festgestellt: Die Verhältnisse 2050 werden «nicht sonderlich dramatisch» sein. Drastisch spürbar würden die Folgen des Klimawandels erst zwischen den Jahren 2050 und 2100.

Das Klima von 2050 lässt sich folglich nicht mehr wesentlich beeinflussen. Uns bleibt nur noch, uns an die neuen Bedingungen anzupassen. Aber wie sieht es danach aus? Mit welchen Klimaentwicklungen ist zu rechnen und wie viel Handlungsspielraum haben wir noch, fragen wir deshalb zwei Experten. Beide nennen das Jahr 2075 als Orientierungsmarke.

Die beiden Experten wagen einen Blick in die Klimazukunft der Schweiz 2075. Wenn sie ihre Bilder schildern, tun sie das jedoch nie, ohne ein «aber», «wenn», «falls» oder «es könnte sein» in ihre Sätze einzubauen.

Andreas Fischlin ist ökologe und Leiter der Fachgruppe Terrestrische Systemökologie am Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich. Professor Wilfried Haeberli ist Gletscherforscher und Leiter der Abteilung Physische Geografie der Universität Zürich. Beide gehen in ihren Temperaturannahmen von einem pessimistischen und einem optimistischen Szenario aus.

Wichtig sei, dass das «Ding» nicht wie eine Rakete in den Himmel schiesse, sonst landeten wir im 22. Jahrhundert geradewegs in einem tropischen Klima, warnen sie. Mit dem «Ding» meinen Fischlin und Haeberli die globale Temperaturkurve, die in ihrem pessimistischen Szenario bis auf 6 Grad klettern würde, im optimistischen bis auf 3 Grad. Beide Szenarien bedeuten eine deutlich spürbare Erwärmung.

Zum Vergleich: Heute hat sich die Temperatur in der Schweiz im Jahresmittel bereits um etwa 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit erhöht. Eine Erhöhung um 6 Grad wäre also eine Vervierfachung dessen, ein Anstieg auf 3 Grad immer noch eine Verdoppelung.

Damit die Temperaturerhöhung bei 3 Grad bleibt, müssten wir alle Emissionen radikal herunterfahren, auf umweltfreundliche Energieversorgung umstellen und beispielsweise nur noch Nahrung essen, die aus der Schweiz stammt. Machten wir aber weiter wie bisher, das heisst, würden wir keinen expliziten Klimaschutz betreiben und würde die Wirtschaft weiterwachsen, dann steuerten wir geradewegs auf das 6-Grad-Szenario zu. Das wäre eine Katastrophe.

Nicht nur, dass dann ein Durchschnittssommer so heiss wäre wie der von 2003. Nein, jeder zweite Sommer wäre noch heisser, die Niederschläge würden insgesamt zunehmen, wären aber höchst ungleich verteilt. Auf einen verregneten, schwülen Sommer folgte einer, der heiss und trocken wäre, dann wieder ein feuchter, dann vielleicht zwei Jahre hintereinander ein trockener und so weiter. Im Winter hätte es mehr Regen als Schnee, zumindest unterhalb von zweitausend Metern. Und natürlich, die Gletscher würden in beiden Szenarien schmelzen.

Nur im Falle des 3-Grad-Szenarios bliebe ein Teil des Aletschgletschers übrig, ziemlich viel vom Gornergletscher und einiges Eis von den Viertausendern. Der Rest der Alpengletscher aber würde verschwinden.

Steigt die Temperatur durchschnittlich um 6 Grad, so würden wir bis auf einen kläglichen Rest des Aletschgletschers alle Alpengletscher verlieren.

Trügerische Romantik

Dass sich dann die Alpen in eine Oase aus türkisblauen Seen, gelbem Strand und Palmen verwandeln würden, sei eine Hoffnung, die sich nicht bewahrheiten werde. Noch nicht einmal schön grün würde es. Das Problem: Die Gletscher schmelzen innerhalb von siebzig Jahren, ein Wald aber braucht mindestens doppelt so lange, ehe er eine frei gewordene Fläche neu bedeckt. Kurz gesagt: Im 21. Jahrhundert wird auf den eisfreien Flächen kein Wald wachsen. Geowissenschaftler Haeberli spricht von einer «ziemlich unaufgeräumten und gefährlichen Baustelle. Blanker Fels, graue Schuttflanken, hässliche Gletscherstümpfe auf der einen Seite und Murgänge, Schwallwellen, Flutwellen und Permafroststürze auf der anderen.

Sicher sei, dass hier und da ein eiskalter See entstehe und damit vielleicht eine trügerische Romantik. Zurzeit bildet sich bereits ein grosser beim Rhonegletscher. 2075 könnten viele kleine beim Aletschgletscher dazukommen. Doch Vorsicht: Wenn etwa Felsbrocken in den See hineinstürzen, könnte er «ausbrechen», wie Haeberli sagt, und ohne Schutzmassnahmen könnten Schwall- oder Flutwellen auf die Täler und Dörfer zurasen.

Noch ist die Schweiz ein Gletscherland. Die Schönheit ihrer Gletscher ist unbestritten: Gletscher sind eine Attraktion für Touristen, und den Schweizern vermitteln sie ein Stück Heimatgefühl. Im Grunde aber haben die Gletscher eine ganz andere Funktion.

Sie garantieren uns einen stetigen Wasserkreislauf. Und bisher haben sie es auch immer geschafft, für einen guten Ausgleich zu sorgen. In einem verregneten und kalten Jahr sammelten sie das Wasser in Form von Schnee und schmolzen fast nicht. In einem trockenen und heissen Jahr, wenn das Wasser im Unterland knapp wurde, lieferten sie Wasser. Sollte diese Ausgleichsfunktion nicht mehr gewährleistet sein, führe das 2075 zu einer dramatischen Wasserknappheit, sagt Haeberli. Monatelang fiele nicht ein einziger Regentropfen. Und wenn dann das ohnehin wenige Schmelzwasser statt im Mai schon im März ins Unterland flösse, würden die Flüsse austrocknen. In einem solchen Sommer könnten wir dann «nicht nur trocknen Fusses durch die Töss laufen», sagt Haeberli, «sondern auch durch ganz viele andere Flüsse». Und da die Flüsse im Unterland auf einen bestimmten Grundwasserpegel eingestellt sind, bekämen wir in heissen Sommern Schwierigkeiten. Das Wasser für unsere Trinkwasserversorgung würde knapp, das für die Landwirtschaft würde knapp, und das für die Kernkraftwerke, die dieses zum Kühlen brauchen, wäre zu warm. Ausserdem gäbe es in solchen Sommern fast keine Rheinschifffahrt mehr.

Landwirtschaft ade

Denn selbst ein grosser Fluss wie der Rhein, oder auch die Rhone, wäre im Spätsommer regelmässig ausgetrocknet. Der Rhein würde zu einem Rinnsal verkümmern und sich bei zu hoher Nährstoffbelastung in eine giftgrüne Kloake verwandeln. Selbst in einem 3-Grad-Szenario würden die Schiffe auf dem Rhein ab und zu auf Grund laufen.

Nicht nur die Rheinschifffahrt wäre dann in ihrer Existenz bedroht, sondern auch die Wälder. Wenn ihnen in einem pessimistischen Szenario das Wasser ausginge, würden sie, laut Haeberli, «zu einer gigantischen Zündholzschachtel». Den gesamten Sommer über gäbe es Waldbrände. Mal brennt der eine Wald, mal der andere. An manchen Orten würden die Wälder so lange und so oft brennen, bis kein Baum und kein Strauch mehr übrig wäre.

«Die Bauern von heute würden sich 2075 nicht wiedererkennen», sagt ökologe Fischlin. Im besten Fall würden sie auf andere Sorten ausweichen, um wenigstens einen kleinen Ertrag zu erzielen. Im schlechten Fall aber würde ihre Landwirtschaft nur noch ein Nischendasein führen und der Selbstversorgung dienen.

Die Landwirtschaft sei schon immer vom Wetter abhängig gewesen, vom Regen, der Temperatur und von der Möglichkeit einer künstlichen Bewässerung. Wie aber soll sie sich an eine unberechenbare Witterung von 2075 anpassen?

Ein grosser Mix an Kulturen wäre vonnöten, darunter robuste Pflanzen, die den Witterungsschwankungen besser standhielten. Doch trotzdem: Bei derartigen Schwankungen, wie sie für 2075 vorausgesagt werden, würde selbst diese Art von Anpassung nicht genügen. Immer liefe der Bauer Gefahr, dass ihm ein Teil seiner Kulturen verloren ginge.

Nehmen wir an, wir bekämen ein feuchtes Jahr, doch der Bauer hätte sich mit seinen Kulturen auf ein trockenes eingerichtet. Ernteertrag? Keiner. Und umgekehrt? Käme ein trockenes Jahr, was würde dann aus den feuchtigkeitsresistenten Kulturen werden? Wieder keine Ernte. Und was, wenn die Kartoffelernte nicht hoch genug ausfiele? Dann müsste der Bauer  Kartoffeln importieren. Und wenn das Heu verfaulte? Dann müsste er Futtermittel dazukaufen. Und was, wenn es so weiterginge? Dann würde die Produktivität sinken. Könnte der Bauer 2075 überhaupt noch etwas anpflanzen? Chinaschilf vielleicht – das könnte dann immerhin zu Biotreibstoff verarbeitet werden.

Wie Andreas Fischlin, der Klimaforscher, es auch dreht und wendet: Von einer funktionierenden Landwirtschaft in heutigem Sinne könnte man 2075 nicht mehr sprechen. Im pessimistischen Fall könnte sogar das Aus kommen. Zu den Witterungsschwankungen käme noch der chronische Wassermangel während der Vegetationsperiode hinzu.

In einem trockenen Sommer stünde für keinen Wirtschaftszweig, auch nicht für die Landwirtschaft, noch genügend Wasser zur Verfügung. Die Landschaft würde langsam versteppen.

Die Wälder lichteten sich, und da, wo heute noch Buchen und Tannen stehen, wüchsen in siebzig Jahren Eichen. Im Mittelland könnten sogar offene Eichenwälder entstehen, die zu Gebüschwäldern wie am Mittelmeer verkümmerten.

Der typische Schweizer Wald sei 2075 an vielen Orten nicht mehr anzutreffen. Eventuell noch irgendwo in den Bergregionen. Da aber auch diese dann mit Wasserknappheit rechnen müssten, dürfte ein Baum höchstens noch in einer savannenartigen Landschaft anzutreffen sein. Wie möglicherweise im Wallis.

Auf die wenigen Bäume, die einen Waldbrand halbwegs überstanden hätten, lauerte eine weitere Gefahr: Borkenkäfer und Schwammspinner. In Schwärmen könnten diese Insekten auftreten. Mitten im Sommer. Und alles kahl fressen. Haben unsere Bäume denn überhaupt keine Chance zu überleben?

Nicht in diesem neuen Klima. Viele unserer einheimischen Bäume könnten sich an das veränderte Klima nicht anpassen und wären fremden Baumarten, wie der Korkeiche, unterlegen. Aber sogar die Korkeiche hätte im 22. Jahrhundert keine überlebenschancen, wenn die Klimaerwärmung anhielte. Gebüsche, Gräser oder Kakteen würden ihr wiederum den Platz streitig machen.

Das töne jetzt alles so schrecklich, nach einem Horrorszenario, entschuldigen sich die Klimaforscher Haeberli und Fischlin fast, um gleich danach zu sagen: «Nun ja, ein bisschen ist es auch eine Horrorvorstellung.» Trotzdem betrieben sie keine Panikmache. Sie bezeichnen ihre überlegungen lieber als Worstcase-Szenarien: «Wenn wir eine Lawinenbebauung machen, gehen wir auch vom Worstcase-Fall aus und nicht vom mittleren. Schliesslich wollen wir nicht gegen einen mittleren Fall geschützt sein, sondern wir wollen auf jeden Fall geschützt sein.»

Eigentlich wissen wir, wie wir das Klima für 2075 noch beeinflussen können. Und eigentlich hat die Schweiz alle Mittel dafür. Nur darf sie keine Zeit mehr verlieren.

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