06.05.2009 von Thomas Zaugg , 5 Kommentare
Seit die Menschen glauben, Gott sei tot, gibt es keine ganz grossen Geheimnisse mehr. Spätestens seit Nietzsche schrieb, Gott sei tot, versuchen die Menschen an anderes zu glauben. An Apple zum Beispiel, denn Apple spielt ziemlich gut Gott. So jedenfalls lautet die These der nachfolgenden Gebetszeilen.
So hört das neuste Geheimnis: Nächsten Freitag, 22. Mai, um 12 Uhr mittags, im Jahre des Herrn 2009, wird Apples neuster Store eröffnet, zentral gelegen an Zürichs Bahnhofstrasse 77. Darauf haben die Gläubigen der Stadt lange gewartet. Denn seit Apple auf Fachmessen nicht mehr vertreten ist und sich sogar von der Macworld zurückgezogen hat, sind Apple Stores die neuen Zentren der Bewegung. Über hundert Millionen Menschen besuchten Apple Stores letztes Jahr weltweit, gemäss Apple, und der neue Store an der Bahnhofstrasse wird der 255. sein in zehn verschiedenen Ländern.
Er wird gross, ganz gross, sagt die Apple-Pressechefin Schweiz, er wird zwei Etagen haben und fast siebzig Jobs schaffen. Er wird eine grosse «Genius Bar» haben, wo Apple-Profis fast jedes Apple-Problem lösen, und zwar gratis. Es wird Workshops zu Apple-Produkten geben, und auch die kosten nichts. Und Personal-Shopping wird angeboten, das heisst, der Kunde wird persönlich beraten.
Das Store-Erlebnis solle ein Fünfsternehotel-Erlebnis sein, sagt Steve Cano, Senior Director Apple Retail International, am Telefon.
Apple erwartet ein Grossereignis. Erwartet, wie in allen Stores, einen «Switcher»-Ansturm, Heimatlose, die von PC auf Mac wechseln. Erwartet, dass Macianer, wie einstmals in Genf, campieren werden vor der Eröffnung. Glaubt man Steve Cano, so wird Zürich nach dem 22. Mai nicht mehr dasselbe sein. Die Bahnhofstrasse, ein Pilgerweg? Zweifler, schweigt und lest weiter.
Der moderne Mensch, desillusioniert, besucht also irgendeinen Apple Store auf dieser Welt und trifft dort zum Beispiel auf den Trainer Fabian. «Trainer» steht auf seinem Apple-T-Shirt. Fabian sagt wenig über sich als Mensch, denn bei Apple spricht man nur über Produkte. Die Aufnahmebedingungen bei einem Apple Store seien hart, sagt jemand, der es nicht schaffte. Fabian ist also ein absoluter Könner seines Fachs, er kann einem alles über die Videobearbeitung mit iMovie oder Final Cut erzählen.
Zweifler, für nur 139 Franken kann man sich von einem wie Fabian mit einer Stunde pro Woche innert eines Jahrs zum Profi hochtrainieren lassen. «One to One» nennt Apple das. Fabian weiss wirklich alles, und er ist übermenschlich nett, es ist, als wüsste er genau, welche Knöpfe er an seinem Schüler drücken muss, um ihm Erfolgserlebnisse, gute Gefühle zu bescheren. Ein Heilserlebnis.
Trainer Fabian kennt es nicht, «Du musst dein Leben ändern», Peter Sloterdijks neustes Buch. Darin aber wird alles beschrieben, was den Trainer Fabian, ja was Apple letztlich ausmacht. Sloterdijk, ein Philosoph, schreibt von der Vertikalspannung. Der moderne Mensch, auch wenn er nicht mehr an Gott glaubt, hat immer noch den Antrieb, über sich hinauszuwachsen. Menschen wollen ständig Übermenschen werden. Sie stehen zum Beispiel vor einer Apollo-Statue, bestaunen diesen muskulösen Körper, und auf einmal, so Sloterdijk, spricht die Apollo-Statue zum Menschen: «Du musst dein Leben ändern.»
Auch Trainer Fabian sagt das ständig, obwohl er es verschweigt. Auch ein iPhone, sein erotischer Multi-Touchscreen, oder ein MacBook Pro, sein edles Grau, sagen das ständig. Allein die Fassade eines Apple Stores lässt den Menschen immer wieder spüren, dass er besser werden muss. Dasselbe meint auch Apples angebissenes Paradiesapfel-Logo.
Sehet, dies ist Apples Geheimnis. Auch wenn Gott wahrscheinlich tot ist, muss man an irgendetwas glauben können auf dieser Welt. So glauben die einen an die Vernunft, andere an Homöopathie und ganz viele an Apple, weil Apple die moderne Sehnsucht nach Training, Geheimnis und Glaube befriedigt.
Ob Peter Sloterdijk mit «Du musst dein Leben ändern» wirklich meinte, man solle in Apple Stores trainieren gehen, ist nicht verbürgt. Aber schliesslich schrieb Nietzsche: «Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt.» Und so kommts, dass Gott heute iPhone heisst und das Gotteshaus an der Bahnhofstrasse 77 steht, zwischen Manor und Ex Libris.
Amen.

Bild Christian Grund
Toll. Sogar an einem Datum an dem ich mal dabei sein kann. Einmal muss man dass als Fanboy erleben..
Facbookgruppe unter: http://tinyurl.com/pfgvst Freue mich viele Apple jünger zu treffen. Schaffen wir es die Bahnhofstrasse zu blockieren ?
Dazu fällt mir folgendes Gespräch ein welches sich vor einiger Zeit zwischen mir und einem Apple Genie in einem Apple Store abgespielt hat:
TM: Der Akku meines Laptops reicht nur noch für 40 Minuten.
AG: Oh, dann müssen sie ihn wahrscheinlich ersetzen.
TM: Ich habe ihn vor rund 2 Monaten ersetzt. Nach weniger als 100 Ladezyklen besitzt die Batterie weniger als 40% ihrer ursprünglichen Kapazität. Apple verspricht aber bei sachgemässer Verwendung annähernd 80% der üblichen Kapazität nach 300 Ladezyklen.
AG: Hä?
Wir hatten uns dann nicht mehr viel zu sagen. Aber immerhin sah das Apple Genie sehr cool aus mit seiner Strickmütze mit Käppi. Es handelt sich hier übrigens um ein Software Problem. Die neueste Version des Apple Betriebssystems kontrolliert die Batterie von älteren (2003!) Laptop Modellen schlecht. Aber das ist ja eigentlich kein Problem. Man kann sich ja einfach einen neuen Laptop kaufen!
Ist dieser Artikel ein bezahlte Werbeeinschaltung? Hatt Herr Zaugg wenigstens ein paar Goodies abgestaubt?
schon Witzig..
Als ich kurz nach der Jahrtausendwende Mac User wurde (damals noch Mac und nicht Apple) habe ich mich gegen links und rechts wehren müssen. Viele Kollegen und Arbeitsgenossen belächelten mich in jener Zeit und heute? Heute will plötzlich jeder Depp ein MacBook und Konsorte haben. Plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr.