Der Kritiker: Littellaturstreit

Zwischen Exkrementen und Schreien wird ein Buch geboren.

15.02.2008 von Stefan Zweifel

Schrill und laut ist es plötzlich geworden. Vor zwei Wochen berichtete ich im «Magazin» vom Schreck und Schock bei der Lektüre des kompromisslosen Romans «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell. Nun folgt ein Lehrstück über Medien, Macht und Meinungen. Für eine selten gesehene Image-Kampagne sorgte die FAZ mit Vorabdruck und Expertenforum auf dem Internet. Wie soll man sich da im Machtkampf der Medien um Aufmerksamkeit positionieren? Schrill schaltet die «Zeit» gleich drei kritische Artikel gegen den «Edel-Porno» mit «Germano-Kitsch» und fataler «dejudaisierenden» Tendenz.
In der FAZ lobt Claude Lanzmann, durch seinen epochalen neunstündigen Film «Shoah» ein Garant des Gewissens, das «lyrische» Buch, die «Zeit» ortet hingegen einen «primitiven» Stil. Während der Buchenwald-Häftling und Autor -Jorge Semprun in der FAZ gesteht, dieses Buch sei genau jenes «Meisterwerk», das zu schreiben «mir nie gelang», sieht die SZ nur «stupides Voranwursteln».
Auffällig oft ist bei den Kritikern von «Kitsch» und «Dreck» die Rede, wobei diese Kombination selbst schon Kitsch ist und an dunkle Zeiten erinnert. Dabei stört sich der sogenannt anale Charakter, der das präzise Funktionieren der KZ-Bürokratie befördert hat, nun an den Passagen voll exkremental-erotischem Durchfall. Denn Littell hält nichts zurück, sondern bringt alles in Fluss.
Damit will er die Abwehr und Verdrängung des Lesers unterspülen. -Eine Tradition, die in der Klassiker-Reihe Pléiade in Paris ganze Bände füllt. Bei uns wird man Vergleichbares vergeblich suchen. Daran scheitert die überkorrekte übersetzung, die keinen eigenen Wahn wagt. Sie hätte eine neue Sprache des exkremental-erotischen Exzesses erfinden müssen. Dann könnte man sich nicht so leicht ins Schrille retten, sondern müsste sich der Stille des Entsetzens aussetzen.

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