13.06.2008 von Thomas Zaugg , 6 Kommentare
Sokrates wäre ein brillanter Blogger gewesen, hätte aber keinen Blog gehabt. Der antike Philosoph hätte im WWW nach Bloggern gesucht, die mit einem tiefen Gedanken schwanger gehen. Fündig geworden, hätte er dem Blogger monatelang Fragen gestellt, das Thema erschöpfend ausdiskutiert. Sokrates führte eben nicht wahllos Streitgespräche mit jedem auf der Agora, nein, Sokrates war so gesehen kein Blogger. Lieber sprach er mit Menschen, zumeist mit ansehnlichen Jünglingen, von denen er glaubte, dass er ihnen durch geschicktes und unablässiges Fragestellen helfen könnte, eine tiefe Wahrheit zu gebären. So nannte Sokrates seine Gesprächsart auch Hebammenkunst.
Heute haben wir das Internet, und da hat der Hinterletzte einen Blog. Blogs gibt es wie Sandkörner am Meer, selbst wenn ein paar Tausend weggeschwemmt werden, merkts kein Mensch. Ein tiefer Graben hat sich zwischen Zeitungslesern und Leuten aufgetan, die sich online informieren. Wenn solche Leute Zeitung lesen, denken sie oft: «Genau. Davon las ich vorgestern im Netz.» Die echten Zeitungsleser sterben indes aus. Wir sprechen vom Leser im Lehnstuhl, von seinem verschmitzten Lächeln, wenn er etwas Saugutes gelesen hatte, und von all den Gedanken, die er für sich behielt.
Die Zukunft dagegen ist, dass alle alles kommentieren, und zwar im Web. Wir werden es mit zahllosen Leserautoren zu tun bekommen, Blogger und Querulanten, die alles Gelesene sofort in ihren Blogs, Foren und Chats wiederkäuen und meist leicht deformiert ausspucken. Einzelne Blogger halten dieser Belastung bereits jetzt nicht mehr stand, erleiden Herzinfarkte. Und der Leser stirbt sowieso. Auch wenn heute so viel wie noch nie gelesen wird, der Leser wird sterben, weil je länger je mehr immer mehr Menschen einfach die Klappe nicht halten können.
Angenommen, Sokrates findet das zunächst okay. Eine weltweit vernetzte Agora! Aber wie jeder grosse Fragensteller stellt Sokrates bald Fragen. Warum darf auf dieser Agora niemand wissen, mit wem er diskutiert? Warum verstecken sich alle hinter Pseudonymen? Warum legen diese Menschen so viel Wert darauf, ihre persönliche Meinung aller Welt kundzutun, verheimlichen aber ihre Identität? Ist das Internet etwa ein moderner Verbannungsort? Wo jeder seinen Namen verliert? Und gezwungen wird, über Themen zu schreiben, die seinen Horizont übersteigen?
Sokrates will den Verbannten helfen. Verübt Anschläge. Stiehlt die persönlichen Daten aller Blogger und macht sie öffentlich. Fortan müssen die Blogger nur noch über Dinge schreiben, von denen sie eine Ahnung haben, denn jetzt, wo dank Sokrates jeder alles über jeden weiss, liest man nur noch den, der offenkundig Ahnung hat.
Nach seiner Verurteilung wegen Datendiebstahl fragt Sokrates den Gefängniswärter: «Ist der Trinkhahn in meiner Zelle, aus dem angeblich Wasser fliesst, die moderne Form des Schierlingsbechers?»
«Keine Ahnung, wahrscheinlich schon», sagt der Wärter. Dann verriegelt er die Zelle und googelt «Sokrates Schierlingsbecher» auf seinem iPhone.
Wer noch nicht genug hat oder genug hat und seinem Ärger Ausdruck geben will, kann sich bei der Facebook-Gruppe «Zauggomat» anmelden. Dort gibt es aktuelle News, Diskussionen, Linktipps, Bilder, mögliche Themen und viel anderes mehr, was das Netz langsam und überflüssig macht.

Leser, von eigener Schreibfeder erdolcht. | Bild: Julia Marti
Was für eine depressive Sicht aufs interaktive Web!
Dass heute jeder bloggen kann (und zuvor schon ganz Web 1.0ig eine Homepage führen konnte), ist für mich eine begrüßenswerte Demokratisierung des Publikationswesens. Und genau wie damals, als Layout-Programme es vermeintlich “jedem” ermöglichten, sich selber seine Drucksachen zu gestalten (und die große Klage der Professionellen anhob), finden doch letztlich immer nur diejenigen Blogs und Webseiten Leser, die auch GEFALLEN. Sie stehen allerdings nicht mehr unter dem Zwang, einer größeren Gruppe gefallen zu müssen, damit zumindest die Kosten eingespielt werden, sondern können sich auch einfach an einen kleinen Freundeskreis wenden. Es entscheidet ja jeder Leser bzw. zufällige Besucher, ob ihm mundet, was geboten wird – entsprechend wird er wiederkommen oder nicht.
Ihre Verurteilung anonymer Kommentare empfinde ich als unangemessen und insbesondere der Tatsache gegenüber blind, dass das Internet anders als die griechische Agora die Daten “für ewig” speichert. Die “ansehnlichen Jünglinge”, mit denen Sokrates seine Dialoge führte, hätten vielleicht lieber den Mund gehalten, wenn sie damit hätten rechnen müssen, dass der Kriegsherr, bei dem sie alsbald anheuern würden, ihre Beurteilung von ihren Äußerungen gegenüber Sokrates abhängig machen könnte. Oder zumindest, dass sie demnächst im Gymnasium von x, y und z auf ihre Äußerungen angesprochen und so zu “Weiterungen” gezwungen werden, die sie mit einem einfachen, eher spontanen Gespräch niemals angestrebt haben.
Google speichert alles: möchten Sie wirklich noch in zehn Jahren lesen können (und von unbekannten Dritten finden lassen), was Sie heute in diesem oder jenem beiläufigen Gespräch gesagt haben? Wer würdigt denn da noch den ZUSAMMENHANG?
Kommentare sind keine wohl durchdachten Publikationen, sondern GESPRÄCHE, denen Personalisierung für alle Welt und Speicherung für “alle Internet-Ewigkeit” nicht gut tut. Und: kennen Sie denn alle mit Realnamen, mit denen Sie mal auf einer Party über die Themen des Tages sprechen?
Keine Angst, liebe Frau Klinger, ich leide nicht an WWW-Depressionen. Sonst würde ich, grosses Ehrenwort, sofort aufhören mit dieser Kolumne. Es ist mir klar, dass Sie mit Ihren zahlreichen Blogs so etwas nicht gerne lesen: «Blogs gibt es wie Sandkörner am Meer, selbst wenn ein paar Tausend weggeschwemmt werden, merkts kein Mensch.» Aber das war nicht persönlich gemeint. Ich will nur darauf aufmerksam machen, dass sich die Lesegewohnheiten etwas geändert haben. Jeder kann jetzt alles kommentieren und bloggen, der Schwerpunkt im Netz verlegt sich immer mehr auf die Autorenseite. Das will ich gar nicht irgendwie schlecht machen. Ich möchte nur sagen, dass auch die hochgelobte Demokratisierung ihre Tücken hat, vor allem, wenn wie in der WWW-Demokratie niemand genau weiss, wer ihre Mitglieder sind. Anonymität kann leider sehr enthemmend wirken. Ich glaube, dass wir ein besseres Web hätten, wenn alle zu ihrem Namen stünden. Denn Identität verpflichtet. Ich bin mir sicher, da wäre Sokrates einer Meinung mit mir. Also, liebe Internauten, bitte nennt euch nicht mehr bunsenbrenner12 oder Bond007, sondern einfach nur Erika Haberthür oder Sepp M. wenigstens.
Lieber Herr Zaugg
Aha, Ihnen ist lieber wenn man sich Erika Haberthür oder Sepp M. nennt, auch wenn man in Wahrheit ganz anders heisst?!
Neinein, immer bei der Wahrheit bleiben natürlich. Aber auch bei einer allfälligen Pseudonymwahl empfehle ich, Erika Haberthür bunsenbrenner12 vorzuziehen.
Wie könnte ich irgend etwas persönlich nehmen von Seiten eines Magazins, mit dem ich noch nie Kontakt hatte? Dass ich mehrere Blogs betreibe, heißt auch nicht, dass ich ein “Sandkorn-am-Meer”-Gefühl dabei hätte – es ist mir egal, wieviele Leute insgesamt bloggen. Ich hab’ das schon viele Jahre zuvor getan, als es den Begriff noch gar nicht gab: es ist mein “Sprechen mit der Welt” und sie antwortet mir weit mehr als zu lang vergangenen Zeiten, als ich noch Artikel für Printmedien schrieb.
Zu meinen Argumenten zur Sache haben Sie leider nichts gesagt – deshalb will ich dem auch nichts weiter hinzufügen. Gute Gespräche sind ein “aufeinander eingehen” – kein Reden halten ex katedra.
Mindestens zwei wichtige Aspekte hat Herr Zaugg bei seiner Forderung nach Anonymität völlig vergessen:
Die Leserinnen sind und bleiben anonym – im Gegensatz zu einem persönlichen Gespräch – und können sich an den Autorinnen rächen. Das kann mit einem einfachen Hinweis auf eine geäußerte Meinung an eine Person oder Stelle geschehen, die sich auf die Publizistin nachteilig auswirkt, das kann aber bis zu einer fysischen Bedrohung gehen. Alles schon passiert.
Wenn man die Anonymität zwingend aufhebt, die bisher Folge einer Entscheidung ist, denn man kann auch mit seinem Klarnamen teilnehmen, verdirbt man einen Freiheitsgrad dieses Mediums, man zerstört damit also eine Eigenschaft, die gerade einen gewissen Spielraum eröffnet. Vielleicht kann man das mit Drogenkonsum vergleichen: Eine Betrunkene sagt und macht auch Dinge, die sie im nüchternen Zustand unterlassen würde.