Der Mädchen-Effekt

Afrika braucht mehr Frauen wie Edna Adan. Mit ihrem Spital in Somaliland zeigt sie, wie man Extremismus und Armut bekämpfen kann.

29.01.2010 von Birgit Schmid , 1 Kommentar

«Tausend Hebammen», sagt Edna Adan, «tausend Hebammen will ich ausbilden. Vorher sterbe ich nicht.» Die Direktorin sitzt hinter ihrem schweren Schreibtisch im Büro der Maternité in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland, und blickt auf die Landkarte an der Wand gegenüber. Manche Orte sind mit Bleistift eingekreist. Xudun. Kalabaydh. Garadag. Wie ein Kriegsstratege, der Schlachtpläne ausheckt, um ein Land zu erobern, stellt sich Edna Adan vor die Karte, wandert mit dem Zeigefinger von Name zu Name, verbindet sie zu einem unsichtbaren Netz.
«In all diese Gemeinden braucht es noch Hebammen und Krankenschwestern», sagt sie. «Hier im Süden an der Grenze zu Äthiopien haben wir erst zwei. Auch dort oben fehlt eine. Und da. Da. Da.» Sie rafft ihr hellblaues Kleid hoch, sodass die lackierten Zehennägel zum Vorschein kommen, und setzt sich wieder vor den Computer. Es gibt noch viel zu tun, wenn man sich vornimmt, eine der höchsten Mütter- und Kindersterblichkeitsraten der Welt zu bekämpfen.
Genauso gut hätte Edna Adan selber an einem dieser Orte geboren werden können, wo bis heute Grossmütter oder abergläubische Heilerinnen den Frauen bei der Niederkunft helfen, wenn überhaupt. In ein Leben in einer der vielen Hütten aus Dornbuschzweigen und Lum¬pen, auf denen grauer Wüstenstaub liegt. Sie hätte Kind um Kind geboren, «weil es alles ist, was sie können», wäre vielleicht beim siebten Kind verblutet oder hätte das achte verloren, da kein Hörrohr die schwächer werdenden Herztöne gemessen hätte. Sie hätte Ziegen und Schafe gehütet, hätte hin und wieder ein Tier geschlachtet, um die Familie zu ernähren, während ihr Mann mit der Kamelherde unterwegs gewesen wäre.
Vielleicht wäre ihr Mann vor zwanzig Jahren im Bürgerkrieg umgekommen, und sie hätte ihre Kinderschar allein durchbringen müssen. Gut möglich, dass das sowieso ihre Aufgabe gewesen wäre. Es kann sein, dass ihr Mann den ganzen Tag im Schatten gelegen und Khat gekaut hätte, das Drogenkraut, das in dieser Region nicht nur Ehen und Familien, sondern die ganze Gesellschaft ruiniert.
Glücklich ist schon nur, wer in Somaliland nicht in den Sand geboren wird. Manchmal fast noch glücklicher konnte sich bis vor Kurzem schätzen, wer in der traditionellen Stammeskultur nicht als Frau zur Welt gekommen ist. Die einheimischen Kamele hatten oft mehr Freiheiten als eine Frau. In Mädchen zu investieren, die irgendwann sowieso heiraten, lohnte sich nicht.
Edna Adan war die Erste, die bewiesen hat, dass es sich lohnt. Von klein auf wurde sie durch ein Elternhaus begünstigt, das zwischen Söhnen und Töchtern keinen Unterschied machte. Das kam ihren Landsfrauen zugute. Es zahlte sich für Somaliland aus. Jetzt, mit 72, wird Edna Adan auch schon als Kandidatin für den Friedensnobelpreis genannt.
Sie hat im Moment andere Sorgen. Sie braucht ein eigenes Bohrloch und einen Tankwagen, der das Spital täglich mit Wasser beliefert. Es fehlt eine Lampe für den gynäkologischen Stuhl, die keine Schatten wirft und Organe ausleuchtet. «Von glücklichen Zufällen leben wir nicht», sagt sie.

Eine First-Lady
Wenn man sie heute durch die Spitalgänge eilen sieht, kann man sich gut vorstellen, dass sie schon immer gerne auffiel. Das Gesicht unter dem mit Goldperlen bestickten Turban gehört einer stolzen Herrscherin. Wenn sie lacht und ihre schönen Zähne zeigt, ist das ein Freundschaftsangebot. Edna Adan skandalisierte ihr Land zuerst damit, dass sie als Mädchen schreiben und lesen lernte. «In meiner Generation gab es keine Schulen für Mädchen. Wenn man sie unterrichtet hätte, wären sie bald fähig gewesen, über Geschlechtsorgane zu reden», sagt sie.
Ednas Vater, Adan, war ein in ganz Somaliland bekannter Arzt, ihre Mutter die Tochter des Postministers. Das Land am Horn von Afrika, das an den Golf von Aden mit Jemen vis-à-vis angrenzt, stand damals unter britischem Protektorat. 1960 wurde Somaliland unabhängig und schloss sich mit Italienisch-Somalia zu einer einheitlichen Republik Somalia zusammen. 1991, nach Jahren des Bürgerkriegs, spaltete sich der Norden erneut ab und nennt sich heute wieder Somaliland. Wenn der Privatlehrer ins Haus von Doktor Adan in Hargeisa kam, erlaubten die Eltern, dass Edna während des Unterrichts für ihre Brüder im Hintergrund herumlungerte. Sie lernte schnell, und so schickte man sie in eine Mädchenschule in der französischen Kolonie Djibouti. Als erste Studentin ihres Landes ging Edna Adan nach England, wo sie sich zur Krankenschwester, Hebamme und in Spitalmanagement ausbilden liess. Sie war nicht nur Pionierin mit ihrem Diplom, sondern auch die erste Frau in Somaliland, die Auto fahren lernte — und wurde gleich auch noch First Lady.
Immer die Erste, Edna.
Sie heiratete Ibrahim Egal, den Premierminister von Somaliland und späteren Premierminister von Grosssomalia. Als First Lady hatte sie 1968 eine Audienz bei Präsident Lyndon B. Johnson im Weissen Haus. Auf den Fotos sieht man eine grazile Variante von Michelle Obama in weissem Kostüm, daneben der amerikanische Präsident, sichtlich angetan.
«Wie schlank ich war», sagt sie 42 Jahre später nur dazu. Durch die gezogenen Vorhänge in ihrem Wohnzimmer im Spital dringt das weisse Sonnenlicht Afrikas, durch den Stoff orange gefärbt. Edna Adan trinkt ungezuckerten Grüntee. Die dicken Mauern kühlen den Raum, es ist nicht wirklich heiss in diesen Tagen. Hargeisa liegt auf 1300 Metern, nachts ist der Himmel mit Sternen übersät. An der Wand hängen die verblichenen Porträts ihrer Eltern. Sie gehörten der gehobenen Schicht an, trotzdem konnte Unglück geschehen. Auch in ihrer Familie starb ein neugeborener Bruder, weil die Hebamme ihn auf den Kopf fallen liess. Mit acht Jahren wurde Edna beschnitten, wie es zur somalischen Tradition gehört. Auch Ednas Mutter glaubte, dass ihre Tochter dank verstümmelten Genitalien unschuldig und rein bleiben und bis zur Heirat kein sexuelles Verlangen verspüren würde. Sie liess das Ritual heimlich durchführen. Als der Vater nach Hause kam und davon erfuhr, weinte er.
Die Reaktion des Vaters bestärkte Edna Adan darin, dass gewisse Dinge nicht passieren durften. Und wer konnte das den Leuten besser beibringen als eine der ihren?
Zuerst aber liess sich Edna Adan von Präsident Egal scheiden. Sie heiratete noch zweimal. Sie machte bei der WHO Karriere und reiste als Uno-Beamtin um die Welt. Sie lebte das gute Leben in London, Kabul, Dubai. Sie verbrachte Tage in Flughafen-Lounges und schlug sich die Zeit mit Shopping tot. Sie, die 1961 sogar für den Pirelli-Kalender posierte, «allerdings noch nicht topless», sagt: «Auch ich mochte Luxuslabels. Handtaschen von Gucci. Schuhe für 900 Dollar. Die brauche ich heute nicht mehr und gehe noch immer auf dem Boden.» Sie kehrte in ihre karge Heimat zurück, um endlich das Spital zu gründen, «in dem mein Vater hätte arbeiten wollen».
Um etwas für die Frauen zu tun.
Wie eine kleine leuchtende Festung steht das Edna Adan Hospital inmitten des Chaos von Hargeisa. Umgeben von einer Mauer und abgesperrt durch eine Eisenschranke, vor der ein bewaffneter Sicherheitsmann steht. Ende Oktober 2008 kam es an drei Orten der Stadt zu Anschlägen islamistischer Extremisten. Seither hat die Maternité aufgerüstet. Sie könnte exponiert sein, da hier immer wieder ausländische Ärzte und Krankenschwestern arbeiten. Betonblöcke im Innenhof sollen Selbstmordattentäter davon abhalten, mit einer Sprengstoffladung im Auto ins Spital zu rasen.
Wenn Gäste aus westlichen Ländern bei Edna Adan weilen, lässt sie diese nie ohne Schutz aus dem Haus. Ein Soldat kauert im Kofferraum ihres Land Cruisers, die Kalaschnikow umgehängt. Er folgt auf der Strasse mit ein paar Metern Abstand. Edna Adan will kein Risiko eingehen, Angst hat sie nicht. Sie selbst bewegt sich ohne bewaffneten Schatten. «Mein Schutz ist das Volk von Somaliland», sagt sie.
Überall blühen Bougainvillea. Studentinnen sitzen in Grüppchen auf Bänken, von Weitem sehen sie aus wie farbige Pyramiden. Besucher kommen und gehen, sie halten sich nie an die Zeiten. Eine Frau kauert unter einem Baum und wäscht Bettlaken, von Hand. Zum Glück für sie sind selten alle 69 Betten belegt. Edna Adan bezahlt in ihrem Privatspital 85 Angestellte und lässt zurzeit 200 junge Männer und Frauen ausbilden.
Bis die Maternité 2002 eröffnet wurde, gab es Hürden zu überwinden. 1997 trat Edna Adan bei der WHO in den Ruhestand. Sie verkaufte ihren gesponserten Mercedes-Benz, steuerte ihre Ersparnisse von 300 000 Dollar hinzu und steckt seither auch ihre Pension in das Spital. Somalilands damaliger Präsident, ihr Ex-Mann, war bereit, ihr ein Stück Land zu geben. Allerdings am Stadtrand, dort, wo die einzige geteerte Strasse im Land durch die Wüste ans Meer führt. Prob¬lem Nummer eins. «Für wen soll dieses Spital sein?», fragte Edna Adan empört, «für Kamele und Ziegen? Bestimmt nicht für Frauen, die nachts um zwei ein Kind gebären.» Sie erkämpfte sich einen Ort inmitten der Armenviertel Hargeisas. Auf dem Militärgrundstück, auf dem früher Leute hingerichtet wurden und das später als Müllhalde diente, sollten bald Babys geboren werden.

Schwierige Geburt
Das zweite Problem: Experten nannten ihre Vision zu ambitioniert, und das mit guten Gründen. Afrikanische Länder sind übersät mit unvollendeten Projekten. Skepsis war angebracht, da das Spital viel mehr erträumt, als durch eine Finanzierung gesichert war. Auf den Support der Vereinten Nationen und privater Hilfsorganisationen konnte sie nicht zählen. Diese engagieren sich wenig in einem abtrünnigen Staat wie Somaliland. Somaliland fehlt nach wie vor die internationale Anerkennung.
Dank einigen Sponsoren in den USA bekam die Maternité am Schluss das noch fehlende Dach. Das Geld war tatsächlich ausgegangen. Die Organisation nennt sich heute «Friends of Edna Hospital» und bleibt als Fundraiser wichtig. Die Geburtsklinik stellt niemand mehr infrage. Unicef hat für Somalia berechnet, dass auf 100 000 Geburten 1600 Mütter kommen, die sterben, weil während der Schwangerschaft oder der Geburt etwas schiefläuft. Aufgerechnet und verglichen damit, konnte Edna Adan die Rate in ihrem Spital um über 70 Prozent auf 403 Todesfälle pro 100 000 Geburten senken.
Cawo Liban ist eines von durchschnittlich drei Babys, die täglich bei Edna Adan geboren werden, am 9. Januar per Kaiserschnitt. Cawos Mutter Hadra hatte ein zu enges Becken. Oft wird die Geburt wegen der verstümmelten Genitalien gefährlich verlängert; 97 Prozent der Patientinnen sind beschnitten. Cawos Herztöne wurden schwächer, da entschloss sich Dr. John, der Chefarzt aus Uganda, zum Eingriff. Hadra und ihrer Familie liegt genug an ihrem Leben, sodass es kein Problem war, dass ein Mann sie behandelte und unverhüllt sah. Ansonsten hätte eine wütende Edna Adan dem Ehemann eine Verzichtserklärung unter die Nase gehalten. Da Hadro aus Hargeisa stammt, wurde ein holpriger und mehrstündiger Transport nicht zum Wettlauf mit dem Tod. Das Edna Adan Hospital ist aber nicht nur die erste Adresse bei Geburtskomplikationen. Selbst den Nomadenfrauen, die an einer Fistel leiden, was häufig vorkommt und sie zu Aussätzigen macht, kann nun geholfen werden.
Die Universität Pretoria verlieh Edna Adan letzten Dezember einen Preis für ihren Einsatz für Menschenrechte. Das «beste Spital Afrikas» nannte der Laudator ihre Maternité. Kein Wunder, werden ihre Hebammen inzwischen sogar von der Caritas in Hargeisa abgeworben.
Edna Adans Wohnung liegt an einem Ende des Ganges im zweiten Stock, die Direktorin muss nah und erreichbar sein. Ist sie ausserhalb unterwegs, läutet ihr Handy, «meine Nabelschnur», mindestens dreimal, und dann folgt ein scharfer Wortschwall auf Somali. «Die Leute sollen endlich lernen, selbst zu entscheiden», sagt sie dann. Eigenverantwortung soll ihnen beigebracht werden, den angehenden Hebammen, Labortechnikern und Pharmazeuten, die am andern Ende des Ganges in den Schulzimmern sitzen. Die abgenutzten Bänke stehen kreuz und quer, Männer und Frauen sitzen getrennt. Manche Mädchen halten sich die Hand oder den Saum ihres Schleiers vor den Mund. Auf der Wandtafel ist das Apothekensymbol gezeichnet. Edna Adan nimmt dem Lehrer die Kreide aus der Hand und ergänzt Giftschale und Schlange. Sie spricht Englisch, die Unterrichtssprache. Wieder auf dem Gang sagt sie: «Das sind Studenten, die die Produkte von Novartis auswendig lernen.»
Doktor John und seine Assistentin Dekka kommen um die Ecke. Dekka zeigt ihrer Chefin stolz lächelnd einen zwei Monate alten Embryo, der in der Fruchtblase in einem Döschen schwimmt. Eine Eileiterschwangerschaft. Es war ihre erste Operation. Edna Adan sagt: «Dekka ist unsere Zukunft. Sie gehört zum zweiten Jahrgang, den ich ausgebildet habe.» Im «Happy Room», dem Gebärsaal, stehen drei Betten, nur durch Vorhänge voneinander abgetrennt. Der Rundgang durch das Spital und sein Equipment wird zur Länderkunde: Das Ultraschallgerät ist die Spende eines deutschen Arztes, der ein neues kaufte. Die zwei Inkubatoren kommen aus Holland. Die Ambulanz sponserte United Nations Refugee Agency. Grossbritannien stattete den OP aus.

Killer Khat
In der Maternité suchen heute auch normale Patienten Hilfe. Herzinfarkte. Blinddärme. Nebenan werden unterernährte Kinder behandelt, man hört sie nachts wie Kätzchen schreien. Sie erhalten Porridge, das auch Edna Adan zum Frühstück isst, aber mit Cornflakes gemischt, dazu Omeletten und Honig. Edna Adan, die oben am Tisch sitzt, sagt: «Die Mütter sollen Porridge kochen lernen, es ist einfach und billig und viel nahrhafter als Reis.» Der Tisch in ihrer Wohnung ist täglich auch für Dr. John und dessen Frau und Baby gedeckt. Für die norwegische Krankenschwester Helena. Für die «Matrone» Catherine aus Nairobi und Ednas Neffe Ismael, der in Hargeisa Elektroingenieur studiert. «Mein Sohn», nennt sie ihn.
Sie hätte gerne eigene Kinder gehabt, konnte keine bekommen. Sie tröstet sich: «Mit Kindern wäre das alles nicht möglich gewesen. Nur deshalb mache ich jetzt solche verrückten Dinge.» Darum hat sie auch keine adoptiert. Edna Adan wacht als Mutter aller über ihre Maternité. Ohne mütterliches Pathos sagt sie: «Ein Kind ist hungrig und muss emotional gefüttert werden. Es braucht viel Aufmerksamkeit. Diese gebe ich hier ja schon die ganze Zeit.» Dass die Quellen der Zuneigung nicht unerschöpflich sind, so wenig wie die Wasserlöcher draussen auf dem Land, versucht sie auch den Frauen Somalilands einzutrichtern. Noch immer kriegt eine Frau hier durchschnittlich sechs bis acht Kinder, gerade liegt eine zum fünfzehnten Mal in den Wehen. Die Hebammen werden in Familienplanung unterrichtet. Kehren sie in ihre abgelegenen Gemeinden zurück, sollen sie das Wissen an die Frauen weitergeben: das Wissen, «dass es sich bei Kindern nicht um rote, blaue oder grüne Krawatten handelt», die man folgenlos vermehren kann. Die Bildung von Frauen ist wie der erste Stein, der geworfen wird und Kreise zieht. Weniger Kinder, grösserer Wohlstand. Und Wohlstand bedeutet in Somaliland oft, Bleistifte und Schulhefte kaufen zu können.
Es gibt dafür den Begriff «Global Female Empowerment». Frauen und Mädchen in der Dritten Welt zu fördern, ist ein Mittel, Armut und Extremismus zu bekämpfen. Deshalb ist die Entwicklungshilfe zunehmend an Frauen gerichtet. Frauen, die Hüterinnen der Familien, gehen verantwortungsvoller mit Geld um, weil für sie das Wohl der Kinder zuerst kommt. Mikrokredite werden in Drittweltländern fast ausschliesslich an Frauen vergeben. Die Männer, die in Hargeisa rumsitzen, schwatzen, Khat kauen und abends glänzende Augen haben, illustrieren auf fast abgedroschene Weise, weshalb. Sie wecken Edna Adans Zorn. «Sie stehlen das Geld, das die Mütter für die Medizin ihrer Kinder brauchen und scheren sich darum, ob Ende des Tags etwas auf dem Tisch steht.» Als sie das Spital bauen liess, feuerte sie Bauarbeiter, die so high waren, dass sie nicht mehr einen Backstein auf den andern setzen konnten. Sie stellte stattdessen deren Frauen ein.
Heute sieht man in Somaliland Frauen Strassen reparieren. Sie sind diejenigen, die Tiere schlachten. In der Hauptstadt entstehen immer mehr kleine Geschäfte, die von Frauen geführt werden. Sie bemalen in ihren Beautysalons Hände mit Hennamustern oder nähen Kleider. Viele junge Frauen studieren. Dass Hargeisa derzeit einen Bauboom erlebt und die verschiedenen Stämme relativ friedlich nebeneinander leben, ist nicht zuletzt dem tatkräftigen und vorausblickenden Zupacken der Frauen zu verdanken.
Man findet ganz pragmatische und ökonomische Gründe, weshalb alle von mehr Edna Adans auf dieser Welt profitieren würden. In seinem neuen Buch «Half the Sky. Turning Oppression into Opportunity for Women Worldwide» schreibt der «New York Times»-Reporter Nicholas D. Kristof: «Frauen sind die am wenigsten genutzte Ressource auf der ganzen Welt.» Er plädiert für eine neue Bewegung, die radikal für die Rechte der Frauen in armen Ländern eintritt, denn: «Frauen und Mädchen sind nicht das Problem; sie sind die Lösung.» Als Musterstaat gilt Ruanda, wo Frauen via Gesetze gefördert werden und die Wirtschaft schneller wächst als anderswo auf dem afrikanischen Kontinent. Je besser es den Frauen geht, je mehr man sie am Arbeitsmarkt teilnehmen lässt, desto prosperierender ein Land. Wenn Frauen mehr wirtschaftliche Macht haben, bekämpft man gleichzeitig Übel wie Frauenhandel, Müttersterblichkeit und sexuelle Gewalt.

«Hilfe von unten»
Die Weltbank hat ausgerechnet, dass für jedes zusätzliche Schuljahr, das tausend Mädchen absolvieren, zwei Frauen weniger an den Folgen der Geburt sterben. Egal, wie sie das berechnet hat, der Effekt ist klar. Wer gebildet ist, geht eher ins Spital. Dank qualifizierten Hebammen passieren weniger Fehler. Idealerweise kommt die Initiative aus dem Entwicklungsland selbst: als «Hilfe von unten». Einheimische übernehmen die Führung über Projekte, statt dass die Regierung Geld erhält oder Hilfswerke irgendwo eine Schule hinpflanzen.
Für eine Somaliländerin hat kein Wort mehr Gewicht als das von Edna Adan. Edna Adan ist Teil der islamischen Kultur, hat selbst die Geschichte Somalilands mitgeprägt und nennt sich eine gläubige Muslimin. Sie sagt: «Es braucht diplomatisches Geschick, um seine Botschaft rüberzubringen. Man darf ein Thema wie die Mädchenbeschneidung nicht zu sehr pushen, sonst blockiert man die Ohren. Es bringt auch nichts, wenn man Gesetze von oben erlässt.» Internationale Kampagnen seien nutzlos. Sogar auf ¬Ayaan Hirsi Ali oder «Wüstenblume» Waris Dirie, beides erst noch Somalierinnen und nicht aus Somaliland, würden die Leute nicht hören; zu prominent, als dass deren Stimmen im Kampf gegen die genitale Verstümmelung glaubwürdig wären. «Will man eine Kultur erneuern, muss man Haltungen ändern. Das braucht Nähe, Einfühlung und Geduld.» Feministinnen mögen sich über den vorsichtigen Ansatz ärgern. Edna Adan aber weiss, dass es ein erster Schritt ist, wenn die Leute selbst entscheiden können, ob sie eine Tortur auf sich nehmen wollen, die ihr Glaube nicht mal vorschreibt. Völlig unspektakulär müssen ihre Studenten, Frauen und Männer gemischt, in Rollenspielen die schlichte Frage beantworten: Was ist gut für die Gesundheit und was schadet meinem Körper?

Starkes Nationalgefühl
Wenn Edna Adan mit dem Auto unterwegs ist, ist es nicht anders, als wenn Michelle Obama durch Washington fährt. Die Leute winken, jeder will ein paar Worte wechseln. An einem Abend hält sie an der Universität Hargeisa einen Vortrag über die nationale Identität. Schon als sie den Saal betritt, klatschen die Studenten rhythmisch. Handykameras blitzen, als sie auf der Bühne steht und sagt, warum es wichtig ist, in Somaliland zu bleiben und den Staat bei seiner Entwicklung zu unterstützen. «Wir haben diese Nation aus dem Nichts heraus gebildet, und wir sind stolz darauf», ruft sie auf Somali. «Wir beweisen, dass wir in Frieden leben wollen und es nicht nötig haben, uns gegenseitig in die Luft zu jagen.» Unter grossem Beifall verlässt sie dann eilig die Veranstaltung, die noch in vollem Gang ist. Sie will auf keinen Fall das Finale der amerikanischen Castingshow «So you think you can dance» verpassen.
Doch eigentlich existiert ihr Land offiziell ¬gar nicht. «Somaliland ist die dunkle Seite des Mondes, die niemand kennt», sagt Edna Adan oft. ¬Somaliland hat 3,5 Millionen Einwohner und ist dreimal so gross wie die Schweiz. Es wird von einem Präsidenten regiert und hat eine relativ gut funktionierende Demokratie aufgebaut. Somaliland ist das positive Gegenbeispiel zu Somalia im Süden. Somalia mit der Hauptstadt Mogadiscio steht auf Platz eins der Liste mit den gescheiterten Staaten weltweit. Obwohl die Anarchie geografisch so nahe liegt, herrscht in Somaliland eine überraschende Ruhe und Stabilität. Trotzdem wird das Land von der Internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt, da diese noch immer von einem Grosssomalia träumt. Dream on, sagt Edna Adan: «Wir sind erfolgreich und erhalten trotzdem keine politische Unterstützung. Die ganze Hilfe bekommt Somalia, wo das Geld, wie jeder weiss, nutzlos irgendwohin fliesst und versickert.» Mogadiscio ist für sie heute ein Nicht-Ort. In den Siebzigerjahren liess Diktator Siad Barre, Präsident von Grosssomalia bis 1991, sie und ihren Mann, Premierminister Egal, ins Gefängnis werfen. Er beschlagnahmte ihre fünf Häuser in Mogadiscio, in die nach seinem Sturz fünf Warlords verschiedener Stämme einzogen. Heute sind sie zerstört. Sie hat in Mogadiscio auch ein Spital im Aufbau verloren.
Alles Vergangenheit, sentimental zu werden, lohnt sich nicht. Vielmehr soll man endlich ihr unabhängiges Land am Horn von Afrika zur Kenntnis nehmen. Die Region ist zwar in den Schlagzeilen. Somaliland aber, das im Sandwich zwischen den Al-Qaida-Brutstätten in Jemen und Somalia und dem Golf von Aden mit seinen Piraten liegt, wird nie erwähnt. «In meinem Spital arbeiten und lernen dreihundert Leute, die Menschenleben retten und nicht Krieg führen wollen», sagt Edna und klopft auf das Statistikbuch der Klinik. «Dies hier soll man lesen. Aber nur wenn man Terroranschläge verübt und Ausländer entführt, hat man die Aufmerksamkeit auf sicher.»

Ednas Zöglinge
Edna Adan steuert den Geländewagen über die Buckelpiste auf den nahen Berg, von wo man ganz Hargeisa überblickt und die Gebetsgesänge aus den Minaretten sich zu einem fernen Klangteppich verweben. «Ich fühle mich geliebt und respektiert», sagt sie und schreitet mit einem Stock über das Geröll. «Die Leute geben mir viel zurück, was man mit Geld nicht aufwiegen kann. Genauso ist das Spital, das ich für sie gebaut habe, nicht mein wichtigstes Geschenk. Sondern das wertvollste Geschenk, das ich an die nächsten Generationen weitergebe, ist mein Wissen.»
Sie zeigt auf ein flaches Gebäude weit unten. «Das ist die ärmste Schule von Hargeisa. Die Fadumo Bini School. Sie ist nach einem erstaunlichen Mädchen benannt, das durch Landminen beide Beine verlor.» Fadumo ist eine von Ednas Zöglingen. Nach dem Unglück kümmerte sie sich um sie, dann lud das Rote Kreuz Fadumo nach Genf an eine internationale Konferenz über Landminen ein. Lady Di war dort. Auf die Frage nach ihrem grössten Wunsch antwortete Fadumo: zur Schule zu gehen. So liess Unicef eine Schule gleich neben ihrem Elternhaus bauen. Heute ist Fadumo 21 Jahre alt, studiert und hat eine einjährige Tochter. Sie bekam gratis das «VIP-Einzelzimmer» in Edna Adans Spital, wo auch die Frau des Präsidenten gebären würde. Egal, wer der Vater des Kindes ist. Edna Adan: «Als Hebamme interessiert mich einzig, dass das Kind gesund auf die Welt kommt und es der Mutter gut geht.»
Hadumos Mutter und Tanten verarbeiten draussen im Gewusel einer Kinderschar ein Kamel. An einer Schnur hängen Fleischstreifen, welche die Sonne trocknen soll. Kinder küssen Edna Adans Hand. Aus der Hand pickt sie bald frittierte Fleischstückchen, die man ihr offeriert. Unter einem Baum liegen die riesigen Knochen des Einhöckers. Edna Adan steckt Fadumo, deren Beinprothesen durch das lange rosenrote Kleid verdeckt werden, zehn Dollar zu und fragt: «Was macht das Studium?» — «Edna, ich muss dir etwas sagen. Ich studiere nun doch nicht Recht, sondern Informatik.» — «Schade. Ich fand deine erste Idee besser. Als Anwältin könntest du für die Leute sprechen, ihnen Gehör verschaffen. Du musst doch eines Tages mich ersetzen! Ich brauche junges Blut!»
Sie wolle, dass junge kluge Frauen wie Hadumo stark werden, sich wichtig fühlen, sagt Edna Adan auf dem Heimweg. «Sie sollen sich die höchsten Ziele setzen und wissen, dass sie erreichbar sind.» Dasselbe trägt sie den Schülern vor, die sie anderntags in Hadumos Schule besucht. Sie überbringt die Spende einer Klasse aus Dubai, Hefte, Kreiden, Stifte. Die Teenager stehen schlafend im Hof herum. Ronaldo müsste angekündigt sein, damit sie sich endlich ins Schulzimmer bewegen, in dem die Gabe aufgetürmt liegt. Würde ein TV-Team übertragen, Dubai wäre masslos enttäuscht. Erst Edna Adan, die sich vor die Klasse hinstellt, wirkt wie Ritalin. Doch haben diese Kinder wirklich eine Zukunft? Sie braust auf: «Genau dieses Denken versuche ich zu verhindern! Man muss Kinder ermutigen! Wieder und wieder sagen, dass es sich lohnt, etwas anzustreben.»

Dummheit ist sträflich
Edna Adan jammert nicht über das Elend auf ihrem «vergessenen Kontinent». Ihr Glaube an den Fortschritt ist unerschütterlich. Genau deshalb hat Bill Clinton sie kürzlich zu einem Panel nach New York eingeladen.
Manchmal fegt Edna wie der Januarwind, der vor den Fenstern heult, durch die Spitalgänge. Sie diszipliniert da eine vergessliche Köchin, erteilt dort einen Befehl. «Ich bin der einzige Taliban hier», sagt sie oft. Was sie nicht ausstehen kann, ist fehlendes Verantwortungsgefühl. Dummheit. «Er ist so dumm!», schimpft sie eines Abends. Sie meint den Labortechniker, den sie sogleich feuert. Dieser erschien einfach nicht zur Arbeit, während die Mutter, welche die Eileiterschwangerschaft verlor, auf eine Bluttransfusion wartete. «Es ist ja nicht so, dass er nicht schon ein paarmal verwarnt worden wäre. Mein Vater sagte immer: Take only care of somebody when you care for him — Pflege nur einen Kranken, wenn du Menschen magst. Man muss in einem Spital nicht nur eine Spritze richtig setzen, sondern auch mit emotionalen Traumata umgehen können. Eine Frau einfach im Stich zu lassen, die dringend Hilfe braucht, ist, wie die Schlacht in einem Krieg zu verlassen. Die Leute kommen zu uns in Pflege, weil sie erwarten, dass wir uns um sie kümmern. Tun wir das nicht, sollten wir uns nicht Spital nennen.»
Um sich vom alltäglichen Ärger zu erholen, geht es für einen Tag ans Meer. Die Hafenstadt Berbera liegt zwei Stunden Autofahrt von Hargeisa entfernt. Edna hat einen Teil ihrer Kindheit hier verbracht, man winkt und küsst Doktor Adans Tochter durch die Luft willkommen. Ein paar Seemeilen entfernt im Golf von Aden kapern somalische Piraten ausländische Schiffe. Im Hafen von Berbera sorgen einzig Hunderte von Kamelen und Ziegen für Betrieb, die nach Saudiarabien verfrachtet werden. «Unsere Bankomaten auf vier Beinen», nennt sie Edna Adan.
Am Strand liegt der Panzer einer Riesenschildkröte. Sie mag die Tiere wegen eines Sinnbilds, das sie gerne zitiert: «Du kannst nur Fortschritte machen, wenn du deinen Kopf rausstreckst.» Edna Adan zieht Kleid, Schal und Turban aus, setzt Taucherbrille und Schnorchel auf, rennt in T-Shirt und dünner Hose Richtung Meer und wirft sich in die Wellen.
Tausend Hebammen. Tausend Hebammen werden Somaliland helfen.

Weiterführende Informationen:

www.ednahospital.org

Nicholas D. Kristof, Sheryl WuDunn:
«Half the Sky. Turning Oppression Into
Opportunity for Women Worldwide» (2009)

Wir bedanken uns bei Caritas für die Hilfe bei der Organisation der Reise.

Birgit Schmid ist Redaktorin des «Magazins».

Der Fotograf Nathan Beck arbeitet regelmässig
für «Das Magazin». contact@nathanbeck.com

Edna Adan, 72, managt eine Maternité mit 69 Betten, 85 Angestellten und 200 Studentinnen.
Edna Adan, 72, managt eine Maternité mit 69 Betten, 85 Angestellten und 200 Studentinnen.
Es ist ein Mädchen: Cawo Liban kam am 9. Januar per Kaiserschnitt im Edna Adan Hospital zur Welt.
Es ist ein Mädchen: Cawo Liban kam am 9. Januar per Kaiserschnitt im Edna Adan Hospital zur Welt.
Grossmutter, Tanten, Schwestern, Cousinen bewundern den Neuankömmling, Baby-Girl Cawo.
Grossmutter, Tanten, Schwestern, Cousinen bewundern den Neuankömmling, Baby-Girl Cawo.
«Das beste Spital Afrikas»: Wie eine kleine leuchtende Festung steht die Geburtsklinik inmitten des Chaos von Hargeisa.
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Blick auf Hargeisa, die Hauptstadt Somalilands
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«Man muss ihnen eine Richtung geben»: Erst wenn Edna Adan vor der Klasse steht, wachen die Schüler auf.
«Man muss ihnen eine Richtung geben»: Erst wenn Edna Adan vor der Klasse steht, wachen die Schüler auf.
Auf dem Weg in die Hafenstadt Berbera geht es durch Wüste, Wüste, Wüste — nur hin und wieder ein Checkpoint.
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Ein MiG-Kampfflugzeug der ehemaligen somalischen Flugwaffe erinnert in Hargeisa an den Bürgerkrieg gegen Diktator Siad Barre.
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