Der Müssiggänger: Am Pranger

Wenn Chefredaktoren ausgebuht werden.

28.03.2008 von Stefan Zweifel

Das Osterlachen, bei dem Priester und heilige Gebote zum Gespött gemacht werden, fand auch heuer statt. Nicht vor Altären, sondern vor Podiumsbühnen.
Lauthals lachte das Publikum bei einer Diskussion im Schauspielhaus Zürich («Was bleibt von Frisch und Dürrenmatt?»), als die Intelligenz der Fragen von Roger Köppel infrage gestellt wurde. Darauf folgten Pfiffe, weil sich Köppel hinter seiner Rolle als Moderator verschanzte, als ein Zuschauer den intellektuellen Zerfall der «Weltwoche» einklagte, die einst das Blatt der Debatten für Denker und Dichter gewesen sei.
Köppels Literaturredaktor Julian Schütt führte ins Feld, er habe zwanzig Autoren um politische Essays angefragt und nur Absagen erhalten, was ein Zeichen der Entpolitisierung sei. Im Gegenteil: Nicht in der «Weltwoche» zu publizieren ist ein politisches Statement.
Auch der Konkurrenz pfiff Gegenwind um die Ohren. Peter Hartmeier, Chefredaktor «Tages-Anzeiger», erklärte an einem Abend im Zürcher Kaufleuten («Das Schweigen der Denker»), er habe die «Silser Erklärung», in der sich Adolf Muschg als «Nietzsche kontra Blocher» in Szene setzte, nicht publiziert, weil sie «zu papieren» war. Als Gegenbeispiel rühmte er Lukas Bärfuss. Der wollte dieses zweischneidige Lob nicht annehmen und lenkte den Volkszorn auf Hartmeier zurück: Als dieser sich verteidigte, er veröffentliche nur, was «die Mehrzahl der Tagi-Leser versteht», erntete er für diese Einschätzung der eigenen Leserschaft anhaltende Buh-Rufe.
Denn links wie rechts wird mit den gleichen populistischen Argumenten die Substanz abgebaut. Als sollten die Zeitungen wie Dumm-Dumm-Geschosse nur noch mit möglichst lautem Knalleffekt Hirn und Herz der Leser kaltmachen. Das Publikum aber forderte mehr Substanz. Hier, jetzt und überall.
Und die NZZ? Sie war nur durch Philosoph Georg Kohler vertreten, der sich in einem Versprecher als «ehemaligen Chefredaktor der NZZ» bezeichnete. Da war das Ostergelächter perfekt.

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