06.03.2010 von Daniel Binswanger , 1 Kommentar
Der Fisch fault vom Kopf her, sagt ein Sprichwort, das sich grosser Aktualität erfreut. Was wäre, wenn sich der Normalbürger für einen Bausparkredit genauso wenig verantwortlich fühlte wie die Investment-Banker, die vom Steuerzahler aus der Falle ihrer Risikogeschäfte ausge¬kauft werden mussten? Was wäre, wenn der Mittelständler seinen Begriff von Anstand dem Geschäftsgebaren der Hochfinanz anpassen würde — jener Wirtschaftselite also, die doch beispielgebend ist? Der amerikanische Immobilienmarkt liefert ein aktuelles Lehrstück darüber, was geschehen könnte, wenn das Businesskalkül der Wallstreet Schule macht. Die Kon¬sequenzen wären verheerend — für Amerika und für die gesamte Weltwirtschaft.
Gegen 10 Prozent aller US-Hypothekarkredite wurden Ende 2009 nicht mehr bedient. Nachdem die dramatisch eingebrochenen Immobilienpreise sich in den letzten Monaten etwas stabilisiert hatten, sind sie erneut am Sinken. Die grösste Gefahr für das amerikanische Finanzsystem liegt heute jedoch nicht darin, dass arbeitslos gewordene Kreditnehmer ihre Zinsen nicht mehr bezahlen können. Sie liegt darin, dass die Hausbesitzer ihre Zinsen nicht mehr bezahlen wollen. Das Schreckgespenst der Stunde heisst «strategischer Konkurs».
Diese Form des Privatkonkurses ist eine Exit-Option für das Heer der Immobilienbesitzer, die zwar weiterhin über Einkommen verfügen, deren Haus aber so stark an Wert verloren hat, dass sein heutiger Marktpreis weit unter der Höhe der zurückzuzahlenden Hypothek liegt. Im Bundesstaat Arizona zum Beispiel sind heute zwei Drittel aller Immobilien weniger Wert als die Hypotheken, die auf ihnen lasten. Ein Haus, für dessen Erwerb ein Kredit von einer Million Dollar aufgenommen wurde, erzielt heute vielleicht noch 400 000 Dollar. Arizona gehört aber zu den zahlreichen US-Bundesstaaten, die ein sehr Schuldner-freundliches Privatkonkursrecht haben: Ein Hypothekarkredit ist nur mit der Immobilie besichert. Die Bank eines säumigen Hypothekarschuldners kann die Immobilie zwangsräumen lassen und dann verkaufen, alle entstandenen Verluste muss die Bank jedoch alleine tragen. Der Kreditnehmer haftet nicht mit seinem sonstigen Vermögen.
Die Schwelle liegt bei rund 75 Prozent. Wenn der Marktwert eines Hauses ein Viertel tiefer liegt als die ausstehende Hypothek, wird es für den Schuldner finanziell attraktiv, seine Koffer zu packen und den faulen Kredit aufzugeben. Der Marktwert von über 5 Millionen belasteten Immobilien dürfte diesen Sommer unter die 75-Prozent-Marke geraten. Wenn alle diese Hypotheken aufgegeben würden, hätte dies verheerende Auswirkungen auf den Immobilienmarkt, die amerikanische Konjunkturentwicklung — und die gesamte Weltwirtschaft. Wundersamerweise ist die Zahlungsmoral des amerikanischen Mittelstandes bisher aber recht intakt geblieben. Solange die Leute zahlen können, tun sie es meistens auch.
Der Konkursrechtsspezialist Brent White von der University of Arizona hat konstatiert, dass der Durchschnitts¬amerikaner an einer irrationalen «Norm-Asymmetrie» leidet. Er ist Endglied in einer Finanzierungskette, in der sich alle Akteure elegant aus der Verantwortung stehlen: Die Bauspar-Kassen durch die Kreditverbriefung, die Verbriefungsbroker durch den Weiterverkauf der Schuldobligationen an Investment-Banken, die Investment-Banken, indem sie die zu Müll gewordenen Verbindlichkeiten schliesslich beim Steuerzahler losgeworden sind. Nur der kleine Hausbesitzer steht, solange er kann, für seine Schulden gerade — obwohl er nicht dazu verpflichtet ist.
Jetzt aber droht der Trend sich umzukehren. Immer mehr Menschen sehen nicht ein, weshalb sie aus altmodischem Ehrgefühl ihre Schulden begleichen sollen, wenn sie doch in einer Welt leben, in der belohnt wird, wer sich aus dem Staub macht. Das Beispiel der Wirtschaftselite wird von mehr und mehr Amerikanern befolgt. Sollte es sich durchsetzen, steht der Weltwirtschaft der nächste schwere Schock bevor.

Fotografiert von Sébastien Agnetti
[...] Hypotheken: Der nächste Schock [...]