23.01.2009 von Sandro Benini , 2 Kommentare
Deutschsprachige Leser haben allen Grund, neidvoll auf den angelsächsischen Literaturbetrieb zu blicken, denn diesem ist kürzlichein Grossereignis widerfahren. Am 11. November erschien im amerikanischen Verlag Farrar, Straus, and Giroux die Übersetzung von «2666», dem letzten Buch des 2003 verstorbenen chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño. Ein sich über 1100 Seiten ausbreitendes Mammutwerk. Ein literarischer Amazonas. Ein Gemälde auf Breitleinwand, eine unentwegt Figuren, Episoden, Handlungsstränge produzierende Erzählfabrik. Stammen solche Wälzer aus Lateinamerika, lässt sich ihnen oft das etwas verbleichte Etikett des «magischen Realismus» aufkleben: Die Konturen der Wirklichkeit verschwimmen, Zauber durchdringt den Alltag. Bei Bolaño ist das anders. «2666» entwirft eine wahnhaft verzerrte, gewalttätige Realität, doch es schildert sie über weite Strecken mit der Nüchternheit eines Polizeiprotokolls. Laut dem Hanser-Verlag erscheint die deutsche Übersetzung erst im Herbst 2009. Eigentlich schade, ist doch die Hauptfigur des Romans ein deutscher Schriftsteller. Und nicht irgendein Schriftsteller, sondern der beste deutschsprachige Erzähler der Nachkriegszeit. Sein Künstlername ist Benno von Archimboldi, sein Œuvre wirkt derart überwältigend und seine Biografie so geheimnisvoll, dass er gleich für vier Literaturprofessoren zur existenzbedrohenden Obsession wird.
Auch Roberto Bolaño war eine besondere Persönlichkeit. Jahrzehntelang von der Aura des Dachkammerpoeten umgeben, wurde er gegen Ende seines Lebens im internationalen Feuilleton zum literarischen Leuchtturm erklärt. Susan Sontag feierte ihn als durchdringendste Stimme seiner Generation, die «New York Times» kündigte die englische Publikation von «2666» an, indem sie Ruf und Legende des Chilenen mit einem Meteoriten verglich. Rund vierzig Jahre lang stand die lateinamerikanische Literatur im Zeichen des magischen Realismus, Bolaño vollendete die auch von anderen erkämpfte Ablösung durch ein Meisterwerk. Schluss mit schwüler Exotik, vom Himmel regnenden Blumen und Gespenstern aus einer Vergangenheit, die irgendwie auch Gegenwart und Zukunft ist. Stattdessen der Wahnsinn alltäglicher Wirklichkeit, ironischüberzeichnet, in seine makabren Bestandteile zerlegt.
Roberto Bolaño wird 1953 in Santiago de Chile geboren, seine Mutter ist Lehrerin, sein Vater Spediteur und Boxer. Als Kind leidet er unter Legasthenie. Mit zehn Jahren beginnt er, für eine Buslinie Fahrkarten zu verkaufen, fünf Jahre später wandert die vierköpfige Familie – Roberto hat eine Schwester – nach Mexico City aus. Dort gilt der Teenager bei Schulkollegen als verschrobener Aussenseiter, verbringt er doch fast seine ganze Freizeit lesend in einer öffentlichen Bibliothek. 1972 kehrt er nach Chile zurück – ein junger, schlaksiger Mann mit langen Haaren, der halb Lateinamerika per Bus und Autostopp durchquert hat, von der Hoffnung getrieben, seine Leserattenexistenz abzustreifen und die Visionen des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende vor dem drohenden Untergang zu bewahren. Nachdem sich General Augusto Pinochet am 11. September 1973 an die Macht geputscht hat, entgeht Bolaño nur um Haaresbreite einem Schicksal, wie es Studenten und Regierungsgegner tausendfach ereilt: über Nacht zu verschwinden, in irgendeinem Folterkeller mit Elektroschocks traktiert und schliesslich in einem Massengrab verscharrt zu werden. Bolaño hingegen kehrt nach Mexiko zurück.
Mexico Citys Künstlerbohème in den Siebzigerjahren: strampeln gegen den Sog der Verarmung, mit einem Gelegenheitsjob als löchrigem Rettungsring. Verstösse gegen bürgerliche Konventionen und Ängste vor dem staatlichen Repressionsapparat, gebündelt in der Erinnerung an den 2. Oktober 1968, als das Militär im Stadtteil Tlatelolco Hunderte demonstrierender Studenten niedermähte. Der Traum von einem lateinamerikanischen Sozialismus. Die jugendliche Überzeugung, durch ein paar in einer windschiefen Zeitschrift veröffentlichte Gedichte eine neue Ära spanischsprachiger Poesie einzuläuten. Fünfundzwanzig Jahre später wird Roberto Bolaño diese Epoche in «Die wilden Detektive» schildern, dem zweiten Grossroman innerhalb seines Gesamtwerks – und damit Mexikos zwischen Bewunderung und Zerknirschung schwankende Literaten zur Erkenntnis zwingen, dass das überragende zeitgenössische Mexico-City-Buch aus der Feder eines Chilenen stammt.
Gemeinsam mit ein paar wegen revolutionärer Umtriebe von der Universität geschmissenen Studenten gründet Bolaño eine Gruppe, deren Mitglieder sich «Infrarealisten» nennen. Zu ihren literarischen Heroen küren sie Beatnik-Poeten, Dadaisten und zerrissene Gestalten à la Rimbaud und Lautréamont. Das von Bolaño verfasste «infrarealistische Manifest» verpflichtet seine Anhänger weniger dazu, ästhetischen Prinzipien zu folgen, als zu reisen und sich kompromisslos der «Infrarealität» zu stellen: Alkoholexzesse in Unterweltsspelunken, sexuelle Eskapaden auf dünner Matratze, klamme Tagesanbrüche ohne Aussicht auf ein anständiges Frühstück. Und die Bereitschaft, notfalls für die Dichtung zu sterben.
Bolaño publiziert einen schmalen Gedichtband, gibt eine Anthologie junger lateinamerikanischer Poeten heraus (in die er auch sich selber aufnimmt), wirkt bei einer Novelle als Ko-Autor mit. 1977 verlässt er Mexiko für immer. Er erwägt, als Rentierzüchter nach Schweden zu gehen, bleibt jedoch zunächst in Spanien hängen, reist durch Europa und Afrika. «Haben Sie während dieser Zeit beissenden Hunger erlebt, knochendurchdringende Kälte, atemberaubende Hitze?», wird ihn später eine Redaktorin des «Playboy» fragen, und seine Antwort lautet: «In aller Bescheidenheit: ja.» Bolaño arbeitet als Nachtwächter auf einem katalanischen Campingplatz, als Tellerwäscher, Hafenarbeiter, Bijouterieverkäufer, Kehrichtmann, Kellner und Erntehelfer. Schliesslich lässt er sich mit seiner Lebenspartnerin Carolina López in Blanes nieder, einer kleinen Küstenstadt in der Nähe von Barcelona. Nach der Geburt seines Sohnes sieht er sich gezwungen, Romane zu schreiben, denn seit wann kann ein unbekannter, in Spanien lebender Lyriker aus Lateinamerika eine Familie ernähren? Mit 38 Jahren erfährt er, dass ihn eine lebensgefährliche Leberkrankheit befallen hat. «Schreiben im Wettlauf gegen den Tod» klingt abgedroschen, auf Bolaño jedoch trifft es zu. In rascher Folge entstehen über zehn Prosawerke, mit «Die wilden Detektive» schafft er 1998 den internationalen Durchbruch: Das Buch erhält den Premio Rómulo Gallegos, die wichtigste literarische Auszeichnung Lateinamerikas.
Roberto Bolaños Kernthema ist die Spannung zwischen Literatur und Leben, zwischen Fiktion und Realität. «Lesen ist wie denken, wie beten, wie mit einem Freund sprechen, wie deine Ideen darlegen, wie Musik hören (ja, ja), wie eine Landschaft betrachten, wie am Strand spazieren gehen», heisst es in «2666». Literatur ist für Bolaño und seine Figuren eine Obsession, ein Akt verzweifelten Widerstandes, ein Versuch, inmitten einer zerstörerischen Wirklichkeit zumindest Funken wahrer Individualität zu schlagen. Der argentinische Schriftsteller Rodrigo Fresán, der mit Bolaño befreundet war, schreibt über «2666»: «Was hier angestrebt und erreicht wird, ist der totale Roman, der seinen Verfasser in dieselbe Mannschaft einreiht wie Cervantes, Sterne, Melville, Proust, Musil und Pynchon.»
In der Tat ist «2666» Bolaños Meisterwerk, auch wenn er es nicht ganz zu vollenden vermochte. Der Roman enthält fünf Teile, die der Autor angesichts des nahenden Todes als eigenständige Bücher veröffentlichen wollte, um der hinterbleibenden Familie grössere Einkünfte zu verschaffen. Seine Witwe und sein Verleger waren sich einig, diesen letzten Willen zu missachten.
Im ersten Teil verfallen vier Literaten – ein Franzose, ein Spanier, ein Italiener und eine Engländerin – dem Werk und der Person des Schriftstellers Benno von Archimboldi. Sie lernen sich auf Literaturkongressen kennen und haben keinen Zweifel: Der vom Publikum weitgehend ignorierte achtzigjährige Deutsche ist der bedeutendste lebende Autor überhaupt. Aber wo hält sich Archimboldi auf, wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Eine Reise zur Witwe seines Hamburger Verlegers endet ergebnislos, und auch als der Schriftsteller allmählich bekannt und sogar als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wird, bleibt das Rätsel seiner Identität undurchdringlich. Der erste Teil des Romans ist nicht nur eine hinreissende Parodie auf den akademischen Literaturbetrieb, sondern zeigt auch eine von Bolaños grossen Stärken: die Schilderung tragisch-komischer Liebesbeziehungen und handfester sexueller Abenteuer. Irgendwann erfahren die selbst ernannten Archimboldi-Detektive, dass man den Gesuchten angeblich in der nordmexikanischen Grenzmetropole Santa Teresa gesichtet hat. Hinter dem fiktiven Namen verbirgt sich das reale Ciudad Juárez, die Stadt mit den vielen Frauenmorden. Drei der vier Literaten reisen nach Mexiko, wo ihre Energie inmitten flimmernder Wüstenhitze allmählich verdunstet. Und Archimboldi bleibt unauffindbar – ein Autor auf der Flucht vor der eigenen Bedeutung, ein Künstler, der sich der Sucht nach Personalisierung und massenmedialer Ausschlachtung entzieht, indem er im Nirgendwo verschwindet.
Das zweite Kapitel dreht sich um den in Santa Teresa lebenden chilenischen Literaturprofessor Amalfitano, das dritte um den schwarzen US-Journalisten Fate. Dieser ist für eine in New York erscheinende Zeitschrift nach Santa Teresa gereist, um von einem Boxkampf zu berichten. Die Lebensgeschichte Amalfitanos widerspiegelt die Enttäuschungen der linken lateinamerikanischen Intelligenzija, deren politische Ideale unter dem Ansturm von Diktaturen, Gewaltexzessen und Korruptionsskandalen in sich zusammengebrochen sind. Jene von Fate demontiert den Mythos journalistischer Aufklärung – denn als der Sportreporter über die Frauenmorde berichten will, pfeift ihn sein spesenbewusster Chefredaktor nach New York zurück.
Die reale Mordserie
Am 23. Januar 1993 wird im realen Ciudad Juárez auf einem unbebauten Grundstück die Leiche von Alma Chavira Farel gefunden. Die Dreizehnjährige ist vergewaltigt, gefoltert und erwürgt worden. Dies ist der Auftakt zu einer der unheimlichsten Mordserien in der jüngeren Kriminalgeschichte. Während der folgenden Jahre findet man Hunderte misshandelter und ermordeter Frauen, fast alle aus der Unterschicht – Schülerinnen, Studentinnen oder Arbeiterinnen. 1995 verhaftet die Polizei den Ägypter Abdul Latif Sharif als angeblichen Serienmörder, doch die Morde gehen weiter. Stecken Nachahmungstäter dahinter? Oder gelangweilte Oberschichtszöglinge, die ein adrenalinreiches Hobby betreiben? Es kommt zu weiteren Verhaftungen, ohne dass die Blutorgie abrisse. Über die Frauenmorde in Ciudad Juárez sind mittlerweile mehrere Romane, Sachbücher und Filme entstanden, doch nichts davon ist an Eindringlichkeit vergleichbar mit «2666».
Der fünfte Teil des Buches schildert schliesslich die Lebensgeschichte des Benno von Archimboldi, der in Wirklichkeit Hans Reiter heisst. Während des Zweiten Weltkriegs kämpft er als Soldat an der Ostfront, danach lebt er mit seiner kränkelnden Verlobten Ingeborg im zerstörten Nachkriegsdeutschland, beginnt zu schreiben, etabliert sich dank der Begeisterung seines Verlegers Bubis als mässig erfolgreicher Erzähler. Bolaños Beschreibungen der historischen Realität sind ebenso überragend wie die psychologischen Zeichnungen seiner Helden. Nachdem Ingeborg an einer Lungenkrankheit gestorben ist, lässt Archimboldi die Spuren seiner Existenz im Nichts verschwinden. Doch weil ein in Santa Teresa des Massenmordes angeklagter Deutsche sein Neffe ist, reist er am Ende des Romans nach Mexiko – in der vergeblichen Hoffnung, dem Verwandten irgendwie zu helfen.
So spannt sich «2666» zwischen zwei Kontinenten mit ihrer jeweils erbarmungslosen Wirklichkeit auf: dem mit perverser Rationalität und moderner Technologie begangenen Gemetzel des Zweiten Weltkriegs und den sinnlosen Verbrechen in der Wüstenstadt Santa Teresa – Barbarei als Selbstzweck, verübt von anonymen Mächten im Schutze öffentlicher Gleichgültigkeit und staatlicher Ineffizienz, begünstigt durch Armut und einer aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung. «Die Geschichte ist eine schlichte Hure. Sie besteht nicht aus umwälzenden Momenten, sondern aus einer Vielzahl von Augenblicken, die sich einen Wettkampf an Monstrosität liefern», heisst es in «Die wilden Detektive». Dieser Radikalpessimismus prägt auch «2666», trotz all seiner abgründigen Witzigkeit.
Was bedeutet «2666»?
Bleibt die Frage nach dem Titel des Werks, über die selbst Bolaños Freunde rätselten. Vielleicht hilft eine Passage aus dem Roman «Amuleto» weiter, in der die Erzählerin einen Gang durch das nächtliche Mexico City schildert: «Die Avenida ähnelt um diese Stunde vor allem einem Friedhof, aber weder einem Friedhof von 1974 noch einem von 1968 oder 1975, sondern einem Friedhof im Jahre 2666, einem Friedhof, vergessen hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, dem wässrigen Rest eines Auges, das etwas vergessen möchte oder alles vergessen hat.»
Zu Bolaños Qualitäten gehörte die Selbstironie, an der er umso kompromissloser festhielt, je mehr er zum Kultautor wurde. Schon wie er aussah: dürr und mit gewaltiger Nase, stets eine Zigarette zwischen den Fingern, die langfädigen Haare ungekämmt – da pfiff einer auf jeden Versuch, attraktiv zu wirken. Beim Schreiben trank er Kamillentee mit Honig, rauchte ununterbrochen und hörte Rockmusik aus den Siebzigerjahren. Interviews gab er meist per E-Mail, mit der Begründung, im direkten Gespräch zu viel Unsinn zu reden. Am Ende wartete er vergeblich auf eine Lebertransplantation. «Natürlichwill ich nicht sterben», bemerkte er in einem Interview, «aber früher oder später kommt die distinguierte Dame halt zu Besuch, bloss ist es oft keine Dame, und schon gar keine distinguierte, sondern eine rasende Nutte, vor der selbst dem Unerschrockensten die Zähne klappern.» Während der letzten Lebensjahre galt Roberto Bolaño als aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis, und die Kritik adelte sein Gesamtwerk mit dem Ausdruck «Planet Bolaño». Darauf angesprochen, sagte er gegenüber einem Journalisten: «Das klingt lustig. Aber mein Werk ist kein Planet, sondern höchstens ein Meteorit, und zwar ein harmloser. Einer jener Meteoriten, die auf die Erde fallen, ohne dass es jemand bemerkt. Es sei denn, sie zertrümmern den Schädel einer Kuh, dann bemerkt es wenigstens deren Besitzer.»
Roberto Bolaño: «2666», Farrar, Straus, and Giroux 2008
Auf Deutsch liegen unter anderem vor:
«Die wilden detektive», Hanser 2002«Der unerträgliche Gaucho», Kunstmann 2006
«Telefongespräche», dtv 2008
[...] Dass mir Bolaño zuerst zufiel, war reiner Zufall. Dass es mich interessierte, dagegen nicht. Ein Werk von mehr als 1000 Seiten von einem chilenischen Autor, der mittlerweile verstorben (an Hepatitis!), Marquez und überhaupt alle chilenischen Blumen der Literatur nicht mochte (ich dagegen sehr) und dessen «infrarealistische Manifest» seine Anhänger weniger dazu verpflichtet, ästhetischen Prinzipien zu folgen, als zu reisen und sich kompromisslos der «Infrarealität» zu stellen: Alkoholexzesse in Unterweltsspelunken, sexuelle Eskapaden auf dünner Matratze, klamme Tagesanbrüche ohne Aussicht auf ein anständiges Frühstück. Und die Bereitschaft, notfalls für die Dichtung zu sterben.” Sandro Benini in Das Magazin [...]
[...] Buch «Die wilden Detektive» des verstorbenen Ziegelschreibers und Stimmenimitators Roberto Bolaño, das mir weit besser gefällt als das posthum erschienene «2666». Eine grossartige Lektüre. ____ [...]