27.06.2008 von Thomas Schenk , 8 Kommentare
Bei Benzinpreisen von 2 Franken pro Liter könnte man Mitleid bekommen mit all jenen, die diesen Sommer mit ihrem Auto in den Süden wollen. Sie werden trotzdem fahren, und so wird auch dieses Jahr der Verkehr stocken zwischen Amsteg und Göschenen und, etwas später, in der Gegenrichtung von Faido bis Airolo. Um den Tank zu füllen, braucht es allerdings etwas Überwindung. Als wäre das nicht schlimm genug, will jetzt Umweltminister Moritz Leuenberger, wie letzte Woche angekündigt, auch noch sogenannte Umweltzonen schaffen, womit sich schadstoffreiche Fahrzeuge aus den Innenstädten verbannen lassen.
Höchste Zeit für ein sparsames, im Idealfall emissionsfreies Auto. So eines, wie es der umtriebige Uhrenkönig Nicolas Hayek vor Kurzem versprochen hat. Bis die – zusammen mit dem Paul Scherrer Institut zu entwickelnden – Brennstoffzellen sich in Serienfahrzeuge einbauen lassen, werden noch ein paar Jahre verstreichen. Glaubt man der Industrie, existiert aber bereits heute eine Technik, dank der man ohne schlechtes Gewissen Auto fahren kann: der Hybridantrieb. Die Kombination aus Verbrennungs- und Elektromotor verspricht einen um dreissig bis vierzig Prozent höheren Wirkungsgrad. Bei tiefen Geschwindigkeiten wird das Auto elektrisch angetrieben, der Verbrennungsmotor schaltet sich erst zu, wenn mehr Leistung gefordert ist. Bergab und beim Bremsen wird die Energie in Elektrizität umgewandelt und in der Batterie gespeichert, ähnlich wie bei den SBB-Lokomotiven am Gotthard.
Ferdinand Porsche hatte das Prinzip bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Massentauglich hat es dann aber nicht ein deutscher Autofabrikant gemacht, sondern ein japanischer: 1997 brachte Toyota den Prius auf den Markt, einen Mittelklassewagen und nur als Zwitter aus Benzin- und Elektromotor erhältlich. Bis heute sind weltweit über eine Million Stück verkauft worden, zusammen mit seiner Tochterfirma Lexus hat der Konzern gegen 1,2 Millionen der Fahrzeuge abgesetzt. In der Schweiz erreichen die beiden Marken einen Anteil von 85 Prozent bei den Hybridautos. Jeder achte PW, den Toyota in der Schweiz verkauft, ist ein Hybrid, bei Lexus sind es drei von vier Fahrzeugen.
Noch handelt es sich um ein Nischenprodukt. Gerade einmal 8500 Stück sind derzeit bei uns im Einsatz, bezogen auf den Gesamtbestand von fast vier Millionen Fahrzeugen bescheidene zwei Promille. Der Aufpreis von 3000 Franken und mehr wirkt nicht umsatzfördernd. Und wer keine 100 PS braucht, kann aus verschiedenen, annähernd so sparsamen Kleinwagen auswählen, die mit herkömmlichen Benzin- oder Dieselmotoren ausgerüstet sind.
Verschrotten ist Schrott Toyota rechnet vor, dass seine Hybridfahrzeuge weltweit und pro Jahr eine Million Tonnen des Klimagases CO2 sparen helfen. Was nichts anderes heissen soll, als dass alle, die einen solchen Wagen fahren, Umweltschützer sind. Und dass die andern ihre alten Autos umgehend verschrotten sollen. Aber Hybrid ist nicht gleich Hybrid. Der Prius unterbietet bezüglich CO2-Ausstoss schon heute die europäischen Vorgaben für das Jahr 2012. Der Offroader (Motorenleistung 270 PS) und die Luxuslimousine (430 PS) von Lexus stossen dagegen doppelt so viel vom Klimagas aus. Und auch die Neuheiten der deutschen Hersteller lassen keinen Fortschritt im Umweltschutz erwarten. Audi bringt dieses Jahr den übergrossen Q7 als Hybrid, BMW und Porsche wollen ihre Zweitonner X6 und Cayenne nächstes Jahr mit dem kombinierten Antrieb lancieren.
Der CO2-Ausstoss ist das eine. Die Umweltwirkung eines Autos über den gesamten Lebenszyklus das andere. Hier ist das Wuppertaler Institut für Umwelt, Klima, Energie zu einem überraschenden Ergebnis gekommen. Die Forscher zeigen, dass ein Auto die Umwelt nicht hauptsächlich durch das Fahren belastet, sondern schon während der Herstellung. Dabei wird nicht nur die eingesetzte Energie berücksichtigt (bei diesem begrenzten Blick wird über die ganze Betriebszeit eines Autos mehr Treibstoff verbraucht als bei der Produktion). Es werden auch die effektiv verwendeten Mengen an Stahl, Edelmetallen, Kunststoffen und Naturfasern gemessen. Und dann wird für jeden der Stoffe ermittelt, wie viel «Umwelt» darin enthalten ist.
Ein Kilo Kupfer (von dem in Hybridautos deutlich mehr benötigt wird) bringt es in dieser Betrachtung auf ein Gewicht von 500 Kilo. So viel Material muss für Gewinnung, Verarbeitung und Transport des Rohstoffs zur Autofabrik aufgewendet werden. Nach dieser Methode stecken in einem VW-Golf (Leergewicht 1 Tonne) rund 22 Tonnen Material. Über die gesamte Lebensdauer von 150 000 Kilometern verbraucht das Fahrzeug dagegen 10 Tonnen Treibstoff und 2 Tonnen Material für Motorenöl und Reifen.
Das heisst, zwei Drittel der Umweltwirkung fallen bei der Herstellung an. Folglich ist es zweifelhaft, einen Benzinschlucker so rasch wie möglich durch ein Hybridfahrzeug zu ersetzen. Gesamthaft betrachtet, scheint es ökologischer, den alten Wagen, in dem viel Energie und Umwelt stecken, noch eine Weile weiterzufahren. Auf das Risiko hin, dass die Sammler von Oldtimern nun mit dem gleichen Argument versuchen, die Bedenkenlosigkeit ihres Hobbys zu beweisen.
Italien geht genau den entgegengesetzten Weg. 700 Euro bekommen Autofahrer vom Staat, wenn sie einen Altwagen einstampfen lassen und dafür ein sparsames Modell kaufen. Darüber hinaus wird ihnen ein Jahr lang die Motorfahrzeugsteuer erlassen. Was auch immer die Folgen für die Umwelt sind, ein paar Menschen können sich freuen: die Aktionäre und Angestellten des heimischen Fiat-Konzerns. Allein 2007 sind in Italien 2,5 Millionen Neuzulassungen registriert worden, sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Dass nun auch deutsche Automanager eine Verschrottungsprämie in ihrem Land fordern, ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nachvollziehbar.
Technisch gesehen nicht. Denn tatsächlich steigt das Durchschnittsalter der Fahrzeuge, was vor allem am verbesserten Korrosionsschutz liegt. In der Schweiz wird ein Wagen heute fast fünfzehn Jahre lang gefahren. Das führt dazu, dass pro Jahr noch 120 000 Fahrzeuge verschrottet werden, nur halb so viele wie vor zwanzig Jahren. Im gleichen Zeitraum haben sich die Exporte, vor allem nach Osteuropa und Afrika, auf über 100 000 Stück versechsfacht. Gemäss der Stiftung Auto Recycling Schweiz, die diese Zahlen erhebt, handelt es sich dabei «nicht (nur) um Schrottfahrzeuge, sondern vielfach um Autos in relativ gutem Zustand, aber mit hoher Laufleistung.»
Autos wirken auf unterschiedliche Weise auf die Umwelt ein. Und die Problemzonen verschieben sich laufend. In den Siebzigerjahren standen die Endlichkeit fossiler Treibstoffe und damit der Treibstoffverbrauch im Fokus. Ein Jahrzehnt später schreckte der saure Regen auf, was dazu führte, den Schwefelgehalt in Treibstoffen zu senken. Später machten steigende Ozonwerte den Stickoxidausstoss zum Thema. Und jetzt, angesichts der Sorge um den Klimawandel, zählt vor allem der CO2-Austoss.
Es gibt andere Wege Um ein paar Grundsätze für umweltverträgliches Autofahren aufzustellen, braucht es weder Schadstoffbilanzen noch Lebenszyklusanalysen: Erstens schneiden Carsharing-Modelle besser ab als exklusiver Besitz; bei Mobility teilen sich vierzig Mitglieder ein Fahrzeug, wodurch erheblich weniger Energie und Materie in die Produktion fliessen. Wer zweitens nicht auf ein neues Auto verzichten will, soll eines wählen, das in seiner Kategorie möglichst sparsam ist; ob Klein- oder Geländewagen, beide sind die nächsten fünfzehn Jahre auf der Strasse. Und wer drittens etwas für die Umwelt tun will, fährt wenig Auto, egal ob er eines besitzt oder mietet.
Was lässt sich aus all dem für Hybridautos ableiten? Im Stadtverkehr hat das Konzept klare Vorzüge, denn hier ist vor allem der schadstofffreie Elektromotor im Einsatz. Und der höhere Wirkungsgrad bessert die Schweizer Klimabilanz auf. Für ein gutes Umweltgewissen reicht das allemal – auch wenn auf weltweiter Ebene zusätzliche Umweltbelastungen resultieren. Die Rohstoffe werden in Südamerika oder im fernen Australien abgebaut, Autofabriken gibt es in der Schweiz keine mehr. Es ist fast so, wie es der kalifornische Flower-Power-Aktivist David Ross Brower einst gefordert hatte: Think globally, act locally.
ein duemmlicher artikel.
das hybrid nicht das gelbe vom ei ist, das wissen wir schon laenger als es den prius gibt (von den lexuessern mit ihrer uebermotorisierung ganz zu schweigen, die sind einfach nur eine ervertierung der hybrid-idee). duemmlich ist der artikel deshalb, weil er auf zwei der hauptprobleme des hybrid nicht eingeht: das zusaetzliche gewicht (= mehr verbrauch). und dann, bedeutend wichtiger, gerade, wenn man sich um die umwelt sorgen macht: das recycling – was geschieht denn mit den batterien nach ende des lebenszyklus des prius?
ausserdem: es war nicht ferdinand porsche, der den ersten hybriden entwickelt hat, sondern der spanier emilio de la cuadra, schon 1898, drei jahre vor dem lohner-porsche. und der prius war nicht der erste kaeufliche hybrid der automobilen neuzeit, das war der audi a4 duo, der war vor dem toyota zu kaufen, allerdings mit einem preis von 60′000 D-Mark zu teuer um eine marktchance zu haben.
ich wuerde von einer zeitschrift wie dem magazin erwarten, dass sie nicht zehn jahre zu spaet kommt mit einem solchen artikel. und dass die fakten stimmen.
peter ruch
Eine eigenwillige Interpretation
Ihre Interpretation, lieber Herr Ruch, ist recht eigenwillig. Weshalb ich ein paar Dinge klarstellen möchte: 1. Zwar macht der Hybridantrieb ein Auto schwerer, doch über alles gerechnet ist der Verbrauch eindeutig tiefer als bei einem Benzinmotor vergleichbarer Leistung. 2. Wem Lebenszyklusanalysen, wie sie das Wuppertaler Institut macht, geläufig sind, der weiss, dass darin auch das Problem berücksichtigt ist, welches sich etwa bei der Wiederverwertung von Batterien stellt. 3. Die Leistung von Toyota war es, den Hybrid-Antrieb «massentauglich» gemacht zu haben; das war bei dem von Ihnen erwähnten Modell eben nicht der Fall. Zum Schluss: Vielen Dank für den Hinweis, dass offenbar nicht Ferdinand Porsche den ersten Hybrid-Antrieb entwickelt hat, sondern der Spanier Emilio de la Cuadra. Die Spanier sind eben nicht nur auf dem Fussballfeld schneller als die Deutschen.
Thomas Schenk
Ich finde es gut, dass das grüne Mäntelchen von gewissen Produkten (hier Hybrid-Fahrzeugen) durchleuchtet wird. Da die Gesellschaft sich schrittweise an neue Gegebenheiten anpasst, hat aber wohl auch eine noch nicht vollauf befriedigende Lösung ihren Platz auf dem Markt.
Bei der Gegenüberstellung der für den Bau eines VW-Golfs benötigten “22 Tonnen” Material und den 12 Tonnen für den Betrieb dürfte ein Überlegungsfehler drin sein. Der Treibstoff muss auch in die Menge des Äquivalenz-Materials umgerechnet werden. Berücksichtigt man das, dann fällt die Umweltwirkung wieder vor allem beim Betrieb an.
Bitte schauen Sie sich folgenden Test der renommierten englischen BBC Kult-Auto Sendung “Top Gear” an. Ein 1500 ccm Prius bei Vollgas gegen einen BMW M3 mit 440 PS. Der Prius hat trotz Hybridantrieb und massiv kleinerem Hubraum den grösseren Verbrauch bei rassiger Fahrweise als der bayrische Kraftbolzen. Hier der Link:
http://www.youtube.com/watch?v=wq9ilgw1plc. Viel Spass
Dieser Vergleich zeigt eine bekannte Eigenschaft von Verbrennungsmotoren: Diese sind ausserhalb ihres optimalen Drehzahlbereichs sehr ineffizient. Wenn man eine Motorkennlinie betrachtet, stellt man fest, dass sowohl Leistung als auch Drehmoment im höchsten Drehzahlbereich unter Volllast stark abfallen, der spezifische Kraftstoffverbrach folglich zunimmt. Wenn man einen Prius “so schnell wie möglich” fährt, so ist der Anteil des Elektromotors an der abgegebenen Gesamtleistung übrigens sehr klein. Der BMW M3 mit seiner grossen Leistung kann in seinem optimalen Drehzahlbereich unter Teillast locker mithalten. Der Vorteil eines Hybridantriebs kommt nicht auf einer Rennstrecke zum Tragen, sondern vor allem im Stadtverkehr. Im Hinblick auf eine sparsame Fahrweise ist es von Vorteil, wenn man die Kennlinie des Motors kennt, damit man im richtigen Gang fahren kann.
@ S.C. Surace. Danke fürs Posting. Genau darum geht es doch. Natürlich ist der Prius nicht für die Rennstrecke geschaffen worden, sondern für eher flaches Stadtgelände. Das richtige Auto am entsprechenden Ort mit adäquater Fahrweise bringt beim momentanen Marktangebot an Fahrzeugen nach wie vor die effizientesete Energieeffizienz. Auch ein 6V SUV mit 4 Litern Hubraum kann Energieeffiezient sein, wenn ihn zum Beispiel 4 Arbeitskollegen beim Pendlen teilen, 3 Personen also auf ihr eigenes Fahrzeug verzichten. Trotz Kleinwagen fahre ich selber sehr ineffzient; dass heisst: Honda Jazz 1500 ccm, VTEC, 110 PS, Automat, kein Kat, immer eingeschalteter Aircon (wohne in Thailand), hügeliges Gelände oder Stadtverkehr. Verbrauche im Schnitt 10-11 lt /100 km. Das sagt alles
Als Präsident des Vereins Dominorm werde ich oft kritisiert, weil ich noch einen alten Panda fahre. Bisher musste ich mich mit meinen eigenen Argumenten rechtfertigen: Es sei wohl gescheiter, ich fahre die maximal 3000km jährlich mit meiner alten Karre, als dass ich ein neues Auto kaufe und der nächste Besitzer meiner Minidreckschleuder 20′000km fährt. Nun habe ich Ihren Artikel kopiert und gebe ihn jedem, der mich wegen dem Panda angreift.
Ein sehr guter Bericht, gerade in der Schweiz wo alle zwei, drei Jahre neue Autos gekauft werden wäre diese Info für alle Autofahrer wichtig!
Bericht auf AUTOLOS.COM zu diesem Artikel:
http://blog.autolos.com/stories/28688