10.06.2007 von Stefan Zweifel
Viel weiss man nicht von Fischli/Weiss. Was sie eigentlich so machen in ihren Ateliers, dem «sauberen» und dem «dreckigen Atelier», irgendwo draussen bei Dietikon. Wo sie zum Beispiel essen. In einer Kantine vielleicht. Mitten unter den Arbeitern, unweit der Schrebergärten. Die sind ja nach dem Gerichtspräsidenten Dr. Schreber benannt, dessen Sohn heillos verrückt war und sich nackt von Sonnenstrahlen begatten lassen wollte. Vielleicht ist das Werk von Fischli/Weiss auch ein solcher Schrebergarten, ordentlich verschroben. Man weiss nur, dass sie zu den wichtigsten Gegenwartskünstlern der Welt gehören.
Ja, der Lichtstaub. Voll von bösartigen Partikeln. Vielleicht kann man, an ihnen vorbei, einen freien Blick auf das Gemälde von Vermeer dort an der Wand erwischen, wenn man über die Schultern eines anderen Museumsbesuchers schaut. Vielleicht kann man den Vermeer, von Abertausenden Augen abgeblickt, dann wirklich sehen, in all seiner Reinheit, fernab des Bösen. So denkt der «Idiot des Südens» im gleichnamigen Roman von Walker Percy. Er betrachtet sich als «Luftfeuchtigkeitstechniker», die andern nehmen ihn bloss als das, was er ist, ein banaler Museumswärter. Und so werde ich auch sie erleben: Fischli und Weiss. Nicht als Weltberühmtheitskünstler, sondern als Luftfeuchtigkeitstechniker beim Aufbau im Museum. Zwei Idioten in Paris.
Denn dafür sind sie berühmt, weltweit. Dass sie sich diesen reinen Blick bewahrt haben. Den Blick des Idioten. Denn der «idiotes», wie die alten Griechen sagten, ist immer bei sich, ganz Eigen-Sinn. Und das ist in der Tat ihre Kunst: Trotz aller Berühmtheit sich einen ganz eigenen Blick auf die Welt bewahren, auf Pilzgeflechte, auf Flughäfen, Karottenraffeln und Lehmklötze. Deshalb schauen wir uns ihre Werke an. Um unsern eigenen Blick wieder zu finden, unsere idiotischen Augen, Kinderaugen vor aller kunsthistorischen Bildung, vor allem Wissen, ohne bösartige Staubpartikel unter dem Lid.
Morgen also werden sie ihre Flughafenbilder hängen, drüben im Musée d’Art Moderne, wo die Allergrössten der Gegenwart ausgestellt werden. Jetzt sitzen die beiden in der Brasserie Bofinger, vor sich türmen sich Austern auf Eis. Sie freuen sich an den Austern, die wimpernschlau zucken, wenn ein Zitronentropfen auf sie fällt, an der Brasserie, an den Menschen, an Paris freuen sie sich, am Leben. Als wäre jeder Abend ein ganz besonderer Abend. Sie leben, denke ich mir, so, wie wir alle leben möchten. Immer frisch vernarrt in den Augenblick. Das klingt etwas banal. Dabei müsste man doch erwähnen: dass sie mit dem Goldenen Löwen an der Biennale in Venedig ausgezeichnet wurden, dass sie zu den Top Ten des Kunstmarkts gezählt werden, dass die «New York Times» dies und das «Artforum» jenes jubelte, dass der Philosoph Arthur C. Danto in einem Atemzug von «Meisterwerk» und «Geniestreich» spricht.
Doch genau das würde ihre Werke verfehlen: Sie leben im Beiläufigen, ziehen sich ins ergreifend Mittelmässige zurück, damit uns ein Blick vorbei an den Staubwolken des Kunst-Diskurses gelingt. Ihre Werke haben sich eine Unschuld bewahrt, als ob die tausend- und abertausend auf sie geworfenen Blicke alle an ihrer Neutralität abgeglitten wären – ein Geheimnis wie die Zusammenarbeit der beiden, die 1979 begann, als sie sich in einer Zürcher Bar trafen, wahrscheinlich dem Kontiki, und kurz darauf eine Bildungsreise unternahmen: in den Möbel Pfister in Suhr. Hinein in die Allerweltswelt.
Trash war damals noch nicht Mode und schon gar nicht Kult im Spätabendprogramm der TV-Sender. Und dann lag das Möbelgeschäft da: der Teppich eine Mortadella, die Verkäufer Essiggurken und dazwischen ein paar Hundeguetsli – «Die Wurstserie». Und eitle Cervelats schminken sich vor dem Spiegel mit Speck und Silberzwiebeln. Dabei zeigten Fischli/Weiss nicht wie andere, dass Fleisch verrottet, sie schockten uns nicht als Ekelerregungskünstler mit nach aussen gestülpten Innereien, sondern weisen uns sanft darauf hin, dass in unserem Kühlschrank ein kleines Museum liegt.
David Weiss hatte damals schon zartsinnige Zeichnungsbücher vorgelegt, Peter Fischli lag offenbar lieber in der Badewanne mit einem Punk-Heftchen in der Hand, gestaltete Covers für die Gruppe Kleenex. Doch anders als Punk wollten sie in ihrer Arbeit keine Tabus mehr brechen. Nicht mitmachen in der avantgardistischen Selbstüberschreitungskunst, nicht Teil der modischen Pose sein, mit der bis heute Päpste von Meteoren erschlagen, quellende Därme mit der Motorsäge zerfetzt und in Kirchen picklige Pornos projiziert werden.
Sie gehören zu einer weit subversiveren Bewegung, die nicht die offensichtlichen Tabus der Gesellschaft bricht, sondern die kleinen Stereotypen der Wahrnehmung. Jene unmerklichen Abläufe, die uns zu Gefangenen in den Kanälen des Alltags machen. Sie unterlaufen das System, setzen auf das Strahlen des Neutralen, setzen sich mitten ins Banale hinein. Dann überraschten sie mit geächtetem Material wie Lehm, mit einer Art Kinderfilm über Ratte und Bär, mit dem absoluten Meisterwerk «Der Lauf der Dinge» und wurden für ihre Arbeit im Abseits berühmt.
Das Bistrot ist kein Geheimtipp, sondern ein Ort, wo sich viele amerikanische Touristen treffen, am Nebentisch mit ein paar Franzosen ins Gespräch kommen. Fast schon eine Touristenfalle. Aber man muss ja nicht immer cool sein. Denn das wahre Leben, es spielt sich doch gerade neben uns ab: Vier ältere Frauen, die sich zum Essen treffen, rauchverhangen über einer Choucroute mit Würsten hängen, die Lippen rot und röter nachziehen, als sässen sie seit Jahrzehnten im Spinnengewebe der Zeit hier, jedes kleinste Erzittern eines Erinnerungsfadens spürend, jede Veränderung ihrer Umwelt registrierend. Vier essende, lachende Wesen, auf deren Tisch sich das Weltgespinst zusammenzieht. Ja, weshalb sollte man sich krampfhaft um neue In-Lokale bemühen, wenn Paris doch genauso wie New York oder Singapur immer da ist, wo man selbst sitzt, falls man das Einfältige zulässt und es selbst ins Vielfältigste entfalten kann?
Gleich hinter dieser Brasserie haben sich einst Flauberts Romanfiguren Bouvard und Pécuchet getroffen. Zwei Biedermänner in Paris. Die sich etwas leisten, den grössten Luxus: «Blödigkeit». «Blöd» nannte man früher auf Deutsch ein Glied, das taub ist, eingeschlafen wie ein Fuss. Und dann kitzelt beim Erwachen. Blödigkeit ist der Zustand beim Erwachen, wenn man die Augen aufschlägt und noch ganz Fuss ist, barfüssig durch eine Welt geht, in der alles neu entsteht. Bouvard und Pécuchet probieren alles aus, sie werden Landschaftsgärtner, Münzensammler, Hobbychemiker, die ihren Keller in die Luft jagen. Und zuletzt einen Blick auf ihre eigene Zeit werfen und das «Wörterbuch der Dummheit» verfassen. Blöd, dumm, idiotisch. Jedes Wort zwinkert, wenn man es genau betrachtet, anders. Dumm ist, wer die Mode seiner Zeit einfach mitmacht – die Kunstmoden etwa, die von Macht und Galerien gesteuert werden. Blöd aber fühlt man sich an der Schwelle zum Erwachen. Zum Erwachen als Idiot. Als eigenständiger, eigensinniger Mensch. Dafür müsste man sich den leicht benommenen Blick bewahren, den schielenden Blick vielleicht, wie Bouvard und Pécuchet, wie Fischli/Weiss.
Mehrere Räume bilden im Pariser Museum einen Gang durch ihr Werk, ein Höhlensystem der Fantasie. Noch steht alles ungeordnet herum, da und dort hängt ein Foto, flimmert ein Film. Schwarz und elementar versperren ein paar Werke den Eingang: das Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes neben einem kleinen Hocker, beides in gummiähnlichen Kunststoff gegossen. Dahinter Wände voll von Flughäfen und Flugzeugen, Stahlhüllen neben Menschenhüllen. Räume der toten Zeit. Orte, wo man nie wirklich ist, weil man schon am Ziel sein will. Wo uns zwischen Glas und Stahl die Stunden gestohlen werden, die wir eigentlich einsparen wollen. Wo uns aber auch die schönsten Sonnenuntergänge geschenkt werden, gespiegelt in Benzinpfützen.
Hunderte von Säulen stehen im Raum, auf denen die Tonskulpturen stehen werden, einen Horizont bilden. Jede erzählt eine Geschichte. Selbst der «Raucher», dem der Stummel aus dem Mund gefallen ist und nun noch grimmiger dreinschaut. Wie sollen sie ihn jetzt nennen? Das hat noch Zeit. Bis zur Eröffnung wird irgendwann ein Satz von irgendwem schon das Stichwort liefern. David Weiss trägt die Sockel durch den Raum, als wäre er nur der Luftfeuchtigkeitstechniker – als würde er nicht bemerken, wie viel Sinn-Gewicht vor seinen Schultern liegt, während sich dieser Raum sanft krümmt wie die Unendlichkeit, in der sich dann die Parallelen von Sinn und Unsinn schneiden. Mitten im Universum von «Ratte und Bär». Der Film flimmert schon an der Wand. Ich entgleite der Wirklichkeit.
Ratte und Bär
Ein kleines Tänzchen noch, denn es lässt sich so schön tanzen mit den Tatzen im Heidekraut, und ach wie schön umflutet das Wasser des Hochmoors die Pfoten, das Höchste und Niedrigste fluten zusammen, ich stecke mit den Pfoten im Schlamm. Und der Kopf, er erhebt sich in den Himmel, und ich wachse wie im Traum über mich selbst hinaus, blicke auf die Bäume hinunter, und mein Kopf sichelt als Mond am Himmel vorbei. Bin ich nicht der über-Bär? Umwölkt von Bienen, die mich mit ihrem Summ-Summ einwiegen ins wunderbare Dumm-Dumm.
Ei, wie warm grummelt das «Säuli» in meinem Magen, da wird ja das Hirn zum «Surrli» und kreist in immer prächtigeren Farben durch meine Fantasie. Ich habe das Säuli gejagt, gepflegt und gekocht. Ich bin nicht nur der Himmel, sondern das All in all seiner höheren Ordnung und unendlichen Ruhe. Die Baumstämme habe ich himmelwärts gedreht, die Wurzel zeichnete sich am Himmel ab wie ein Blitz. Und aus diesem Wurzelblitz entstehen die Tiere. Ich halte die Weltformel in Händen und zeichne sie auf ein Blatt. Ich bin die «Labyratte» und habe einen Ausweg aus dem alten Denken gefunden.
Ja, wir haben die Zwänge des Denkens überwunden – die «beliebten Gegensätze» wie Arm und Reich, unten und oben, hinten und vorn, sie fallen in eins zusammen. Elefant und Maus stehen gleich gross nebeneinander, gibt es das: den Gegensatz gross und klein? Plötzlich herrschen nicht mehr die harten Gegensätze wie Mensch und Tier, sondern die sanfte Differenz von Bär und Ratte. Die ganze Welt wird zu einem feinsinnigen Fluss. Und dem Sinn steht nicht mehr der Unsinn entgegen, sondern die Freude am Stumpfsinn.
Im Museum liegen nun die Kostüme von Ratte und Bär schlapp am Boden. Doch nun werden sie in riesigen Glassärgen hochkant gestellt, baumeln endlos lang im Raum. Im Licht, das geändert werden muss. Fischli und Weiss prüfen den Blick, die Perspektive, verlieren sich im Feinstofflichen. Sie stehen neben ihren baumelnden Hüllen. Den Zuschauer beschleicht Schwermut.
Wenn die beiden gestorben sein werden, denke ich, dann werden die Kostüme ihrer Geschöpfe noch da sein. Sie schwingen hin und her wie das Pendel einer Ewigkeitssekunde. Die Künstler mitten in ihrem Werk, das sie überleben wird, das mich überleben wird, uns alle. Wir sind nur Sternschnuppen, die durch diesen Kosmos ziehen und verglühen.
Ratte und Bär schenkten mir im Museum: einen stillen Nachmittag. Und schon am Abend in einem japanischen Restaurant ist man bereit, neue Erfahrungen zu machen. Vor einem Jahr noch schmeckte hier alles nach nichts. Jetzt aber liegt die ganze Welt auf dem Teller: Urschlamm von Algen, die feurige Hitze von Wasabi und darum herum erkaltet die Erdhülle als Entenkruste. Vielleicht isst man so, wenn man frisch verliebt ist. Nun, wenn man verliebt ist, möchte man eine Blume sein. Farbig, leuchten im Tanz der Bienen, ein Fest der Schönheit, das vom eigentlichen Zweck des Blühens – der Fortpflanzung – ablenkt. Statt sich zu bestäuben und so zu vereinigen, wäre es vielleicht eleganter, sich zu überblenden: wie die Blumen-Fotos von Fischli und Weiss.
Alles im Museum ist noch ganz Magma im Vulkan der Fantasie: Farben und Blumen im Aufbruch, sie werden von einem Team kreolischer Museumsarbeiter gehängt. Die turnen in einem hohen Gerüst, ganz rechts hängt einer über dem Abgrund im Freien, als wäre es eine Skulptur der beiden Künstler: Denn am schönsten ist das Gleichgewicht, kurz bevors zusammenbricht. Schön wie die erste Liebe. Doch dafür muss man empfänglich sein, locker mitschwingend wie die beiden Künstler im Verein der Arbeiter.
Sie lassen den Dingen ihren Lauf: so wie beim gleichnamigen Video, das sie weltberühmt machte und das wohl zu den wichtigsten zwanzig Werken des letzten Jahrhunderts gehört: «Der Lauf der Dinge». Schon Generationen vor uns staunten über dieses Werk: Es ist eine Art Endlosschlaufe des Kreativen. Ein Autoreifen rollt über einen Tisch, bringt ihn in Kipplage, das herunterkrachende Holz kippt Benzin aus, das sich an einer Kerze entzündet, schon brennt es, alles explodiert, und ein Fahrzeug rollt los mit Raketenantrieb, prallt auf, ein Ballon bläht sich, bringt das nächste Ding zum Rollen, schäumendes Wasser löst einen Zuckerberg auf, leckt ihn weg, voll Schadenfreude sieht man schon, was als Nächstes zusammenbricht. Eine endlose Kopulation von Dingen. Ein Slapstick voll Philosophie.
Ewig könnte man dem Video zuschauen und staunen, wie einst die vorsokratischen Philosophen über Wasser, Erde und Feuer staunten, über den Lauf der Dinge und Elemente, die unseren Horizont übersteigen. Im Eisschrank erblickt man so plötzlich eine Nordpol-Expedition, in den Falten des Bettlakens eine Berglandschaft.
Der Tanz der Atome wiederholt sich auf ihren Fotos: Statt H2O und CO2 vollführen ein Stuhl und eine Säge, ein Handschuh und eine Raffel solche Tänze mit einer plumpen Kartoffel, die gern entschweben würde in den Luftraum der Freiheit, getragen von einer Gabel, doch zwischen Ursache und Wirkung rollt kein Rad des Grundes mehr, sondern drei Frauenschuhe, die sich zu einem stöckelnden Kreis verzahnen.
Wer ist Fischli, wer ist Weiss? Wer macht was? Das fragten sich schon viele. Doch wie das Stossmichziehmich auf Dr. Dolittles Insel der Tiere wandeln sie durch das Museum. Der eine stösst hier einen Sockel vor, der andere zieht da ein Bild tiefer. Der eine findet es eigentlich schon okay, der andere will die Schwarzweissfotos aus einer Geisterbahn neu rahmen. Aber wie? In den einfachsten Rahmen, den man in jedem Kaufhaus bekommt. Schnippschnapp, klippklapp, und alles wird klar. Als ob kein Staub die Luft trüben würde.
Leben als Tippfehler
Der Komiker und Verleger Patrick Frei hat per Zufall die beiden 1985 beim Basteln für «Der Lauf der Dinge» gefilmt, erst vor einem Jahr tauchte das Band auf. Jetzt flimmert es noch gleich gross neben dem Meisterwerk. Als ob Fischli und Weiss die weltweite Wirkung ihres Werks neutralisieren möchten durch das Video, wo sie oft hilflos herumsitzen, wartend, wie sich die Zeit dehnt, wie die einzelnen Elemente noch nicht funktionieren, wie sie weiter basteln müssen, basteln an einer neuen Schöpfung, in der wir uns besser wiedererkennen als im Lauf der Welt.
Man sieht sie im Atelier. Von nebenan kommen ein paar Arbeiter aus einer Autowerkstatt. Heiss ist es. Sie hängen herum wie Paviane auf einem Felsen und lausen sich Ideen aus dem Haar. Der eine Arbeiter trägt keine Hosen unter dem Arbeitsgewand, wie ein blauer Rock hängt es über den Beinen. Im Spiel wird man zum Kind, das noch nicht als Mann oder Frau in eine Rolle gezwängt ist, sondern sich ganz verliert beim Schrauben einer Mutter, beim Kneten von Plastik wie Barbapapa.
Bis zur Ausstellung werden sie die beiden Videos vielleicht anders gewichten. Sie versetzen sich in die Zuschauer in Paris, die noch nie über diesen Film gestaunt haben. Immer wieder gehen sie im Kopf den Lauf der Ausstellung durch, das heikle Gleichgewicht von Einsichten und Aussichten. Dabei bleiben sie ganz Gelassenheit, gänzlich unbekümmert, egal ob ihr New Yorker Galerist auf Besuch kommt oder ein Mensch gewordener Finanzsegen. Ach, ob ich nicht schnell ein paar Worte auf einem Zettel mit Diagrammen ins Französische übersetzen möchte? Ihr Glaube an mein Französisch ist so Unschuld, dass ich sie nicht enttäuschen möchte. Mit zwei Dictionnaires sitze ich im Museumshof, rufe einen Freund an: Fast eine Stunde lang versuchen wir die Worte zu übersetzen, die doch so einfach scheinen wie ihr ganzes Werk. Wir kapitulieren vor der Schwierigkeit, so einfach zu bleiben. Wohl noch nie hing in einem französischen Museum ein Zettel voll so viel Unbeholfenheit und Fehlern – aber ich bin glücklich, kurz ein Teil von Fischli und Weiss zu sein, ein Tippfehler in ihrem Paris.
Im Schaum der Tage
«Wem gehört Paris?» Diese Frage leuchtet gerade aus dem Dunkel, als ich in den nächsten Raum trete. «Sono il mio auto?» Italienisch und französisch, englisch und arabisch ziehen die wesentlichen Fragen, die man sich nie stellt, vor mir vorbei: «Gibt es eine Welt ohne mich?» Vielleicht begann Sokrates seine Gespräche mit solchen Fragen, ehe sie sich wie hier zu einem Höhlengleichnis weiteten, an der Wand aufscheinen und vergehen im Takt des Vergessens und Erinnerns.
Fragen, die die beiden nach der Arbeit weiter umtreiben, das ganze Essen beim Japaner und am nächsten Tag noch, nach einer Nacht voll Träumen, die noch rasch in die Ausstellung eingebaut werden. Aus dem Dunkeln ins Licht drängen, aber unfertig bleiben wie ein Raum, der mich überrascht. Ich denke: Hier hat man noch nicht aufgeräumt! Bretter liegen herum, eine Pizzaschachtel, eine Seife und das Aluminium eines Chäschüechlis. Doch erst als ich über einen Draht stolpere, merke ich: Das alles sind keine Abfälle, sondern Reproduktionen realer Gegenstände aus ihrem «dreckigen Atelier». Die ganze Welt noch einmal, geschnitzt in künstliches Material. Man sieht alles, wie das erste Mal, in seiner Schäbigkeit und in seiner verlorenen Schönheit. Eine Fata Morgana. Ich taumle hinaus. Vorbei an einer goldenen Skulptur, die an den Tod von Lady Di unweit des Museums erinnert, drüben der Eiffelturm. Der Ewigkeitskristall aus Eisen und die kitschige Skulptur einer Märchenprinzessin, die in einem Feuerball verglühte. So wie die Erde dereinst verglühen wird im Aufprall mit der Sonne. Doch bis dahin ist unsere Welt ein Gleichgewicht voll Schönheit, bevor es zusammenbricht. So wie die schwebende Karotte über einer kleinen Raffel.
Vor dem Museum ist gerade Markt: Hier liegt der ganze Bauch von Paris vor mir: Austern und Rohmilchkäse, das rosafarbene Innenleben eines Lachses, der Kopf eines Hechtes, das Gehirn eines Lamms, Kalbszungen und Rindszungen, Himalajasalz, die ganze Welt liegt da wie auf der Fotoserie «Sichtbare Welt». Die Verkäufer schreien wie vor hundert Jahren ihre «cris de Paris». Doch die verlorene Zeit, sie ist hier gegenwärtig. Aussen vor dem Museum und innen. Wir alle sind Teil dieser Zeit, die schon bald verloren sein wird. Bis dahin klammern wir uns an die prekäre Schönheit der Kunst.
Nach der Eröffnung dann ein Gang durch das Höhlensystem. Die Leute neigen sich über die Töpfe mit «grossen Fragen», die Fischli und Weiss zusammengetragen haben, sie kleben in Trauben vor dem Film «Der Lauf der Dinge». Ich schaue über die Schultern von Kindern. Man wird selbst zum Kind. Die Lunge wird zum Luftballon, bläht sich und stösst mit ihrem Lachen die andern an, eine Frau, die dann leicht an ihren Begleiter lehnt, als würde sie wie der Stuhl im Film auf einer Seife stehen, die sich langsam im Schaum der Tage auflöst.