Die Ehre der Agnellis

Der mächtigen Fiat-Dynastie gehörte einst halb Italien. Nun entzweit Agnelli-Tochter Margherita, was übrig blieb von der Sippe. Notizen zu einem bizarren Erbschaftsstreit.

10.08.2007 von Peter Hartmann

öffnete Margherita de Pahlen, geborene Agnelli, geschiedene Elkann, die Büchse der Pandora? So wie die erste irdische Frau in der griechischen Mythologie, die aus ihrem Tongefäss alle Plagen und übel entweichen liess, hat die Signora mit der Löwenmähne vor einem Turiner Gericht das Testament ihres vor vier Jahren verstorbenen Vaters Giovanni («Gianni») angefochten und damit einen Streit, einen Familienstreit, provoziert, der ganz Italien beschäftigt. Die in Genf lebende 52-Jährige will die Erbschaftsverwalter ihres legendären Vaters, drei seiner verschwiegenen alten Weggefährten, zwingen, sein verschleiertes Privatvermögen offenzulegen.

Margherita geht die Zerreissprobe mit ihrer Mutter Marella und mit ihrem erstgeborenen Sohn John («Jaki») Elkann ein, den der Patriarch noch zu Lebzeiten als Kronprinz inthronisierte. Die Zeitung «La Repubblica» nennt sie eine «Zeitbombe». Jetzt herrscht Erbkrieg. Ein Fressen für die Anwälte, Medien und das erwartungsvolle Massenpublikum. Und das in einem Land wie Italien, in dem zum Beispiel eine mutmassliche Kindsmörderin in Dutzenden von Fernsehtribunalen verurteilt wird, bevor ein Gericht überhaupt Recht spricht. Ein Schock für die weitverzweigte Agnelli-Sippe, denn die Besitzverhältnisse und Dividendenquellen im gerade wieder auferstandenen Automobilkonzern Fiat, den der Clan über ein raffiniertes System von Schachtelfirmen, Kaskadenbeteiligungen und einem Syndikatsvertrag beherrscht, müssen vielleicht neu verteilt werden.

Das Unerhörte an dieser Familienfehde: dass eine Frau, eine dilettierende Malerin, Dichterin und öffentlichkeitsscheue achtfache Mutter an den Fassaden des traditionellen Spaghetti-Familienkapitalismus rüttelt, in dem Frauen, mit Ausnahme der Modebranche, wenig oder nichts zu sagen haben. Ausser bei Ehescheidungen. Aber dies ist keine gewöhnliche Familie, die Agnellis sind die Kennedys Italiens. Gianni Agnelli war, wie die Verlegerin Katharine Graham (die ihn in einem Grade bewunderte, dass sie sich dauernd fürchtete, ihn zu langweilen) in der «Washington Post» schrieb, «ein Botschafter Europas mit dem Charisma Kennedys». Tatsächlich war Gianni Agnelli eng befreundet mit John F. Kennedy, mit Jacky hatte er angeblich ein Techtelmechtel, ebenso mit Churchills Enkelin Pamela, aber auch mit Anita Ekberg, der schwedischen Sexbombe aus Fellinis Fim «La dolce vita».

über die Agnelli-Frauen zu schreiben, über die Frauen in seinem Machtschatten, bedeutet unweigerlich auch, über Gianni Agnelli und sein Magnetfeld als Pater familias und als «Tombeur de femmes», als tonangebender Dandy und absolutistischer Wirtschaftsboss Italiens zu schreiben.

Margherita, fünfter Beatle

Es gibt dieses Familienfoto (siehe rechte Seite), Vater, Mutter, zwei Kinder, eine Momentaufnahme aus dem Jahre 1968, zwei Jahre nachdem Gianni Agnelli Präsident von Fiat geworden war nach einem ausschweifenden, hektischen Leben als Bonvivant: Die maskenhaften Figuren sind zu einem Kreuz gruppiert in einem Dekor, das wie geschaffen schien für einen Film noir. Obwohl die vier Agnellis direkt in die Kamera schauen und sich nahe sind, erinnern sie irgendwie an die verlorenen Gestalten eines Tableaus von Eward Hopper. Ein kaltes Dezemberlicht fällt schräg ins Halbdunkel, die Nasen werfen kleine Schatten auf die Gesichter. über dem Kamin hängt ein Bild von Francis Bacon, dem Maler des menschlichen Zerfalls. Im Hintergrund, schwach erkennbar, beugt sich ein Bediensteter über etwas Unsichtbares.

Gianni Agnelli, der kapitalistische Monarch, der Wettermacher, der das Konjunkturklima des Landes bestimmte, stützt seine gebräunte Linke auf die Schulter seiner Frau Mariella, die als Einzige ein Lächeln aufgelegt hat. Der Schriftsteller Truman Capote sagte über die junge Prinzessin Marella Caracciolo di Castagneto Meleto, die aus verarmtem neapoletanischem Adel stammt und in New York als Model arbeitete, sie habe den «längsten und aristokratischsten Hals», den er je gesehen habe, «wie geschaffen als Schmuckträger im Schaufenster von Tiffany’s».

Marella Caracciolo gehörte mit Audrey Hepburn und Grace Kelly zu den elegantesten Frauen der Fünfzigerjahre. Als sie 1955 in Strassburg heirateten, erschien Agnelli am Stock, sein Fuss war noch unbeweglich nach dem schweren Autounfall an der Côte d’Azur. Er liess sich, Kavalier in jeder Lage, erst mit der Ambulanz wegtransportieren, nachdem seine Begleiterin den Unfallort inkognito verlassen hatte. Playboys lebten schnell und gefährlich. Von Giannis Freunden starben Ali Khan, Porfirio Rubirosa und der Marquis de Portago im Wrack ihrer Wagen.

Auf dem Familienporträt berührt die andere Hand Gianni Agnellis zögernd den Rollkragen seines Sohnes Edoardo. Der Junge sitzt mit hölzern verwinkelten Beinen auf einem Kissen, sein vorgestreckter linker Fuss scheint sich gegen das Gewicht der ganzen Familie zu stemmen und findet doch keinen Halt.

Die beiden Männer auf diesem Bild sind tot. Edoardo Agnelli warf sein Leben mit 46 Jahren weg. Er wurde als Mystiker beschrieben, als ewiger Sinnsucher, er hatte in Princeton Geschichte studiert und konvertierte später zum Islam. In Malindi wurde er mit 300 Gramm Heroin erwischt und aus dem Gefängnis herausgekauft. Sein Vater, der als Offizier im Russlandfeldzug verwundet wurde, bedauerte, dass er ihn nicht nach West Point geschickt hatte, und längst hatte er andere Nachfolger ausersehen, als sein Sohn sich im Pyjama von einer Brücke der Autobahn Turin–Savona stürzte. Drei Jahre später, verlor Gianni Agnelli, den alle «L’Avvocato» nannten, wie er zuerst unter den Sekretärinnen bei Fiat hiess, mit 82 seinen Kampf gegen den Prostatakrebs.

Margherita, das Nesthäkchen, hockt auf dem Foto im Schneidersitz auf dem Teppich, Trotz und Neugier im Blick.

Ist ihre Rebellion, die es auf die Titelseite des «Wall Street Journal» schaffte, fast vierzig Jahre danach eine Revanche, weil sie sich als einzige Tochter und Haupterbin über den Tisch gezogen fühlt? Treibt sie die Sorge um ihre eigene Familie oder das vom Magazin «Panorama» diagnostizierte «Syndrom des fünften Beatle», des Schlagzeugers Pete Best, der zu früh aus der Band ausstieg und damit den Irrtum seines Lebens beging?

Tatsächlich liess sich Margherita vor drei Jahren überreden, auf ihre Anteile an Fiat zu verzichten. Der Autohersteller fuhr damals bedrohlich nahe am Abgrund, der Aktienkurs fiel auf 6 Euro, und für eine kurze Zeitspanne hatten die Banken der Familie die Kontrollmehrheit sogar entwunden.

Inzwischen ist das Papier auf 23 Euro hochgeschnellt, dank einem spektakulären Turnaround unter dem italo-kanadischen Firmensanierer Sergio Marchionne und dem Präsidenten Luca di Montezemolo, die das verkalkte, auf Privilegien sitzende alte Management entliessen. Im Gleichschritt erholten sich auch die börsenkotierten Beteiligungsgesellschaften Ifil und Ifi, von deren Anteilen sich die einzige Tochter des Padrone ebenfalls getrennt hatte – mit schweren finanziellen Nachteilen. Allein der Reingewinn von Fiat kletterte im ersten Halbjahr 2007 auf 1,003 Milliarden Euro. Mittlerweile beträgt die Marktkapitalisierung von Fiat, Ifil und Ifi zusammen 33 Milliarden Euro, die ganze Familientorte ist also wieder rund 10 Milliarden Euro wert.

Als Margherita den fatalen Erbschaftspakt unterschrieben und als Mutter Vorsicht auf die sichere Karte gesetzt hatte, nämlich auf Immobilien und eine Barabfindung, alles in allem Vermögenswerte von kaum 109 Millionen Euro, schien sie glücklich. «Nie ist die Familie so geeint gewesen wie jetzt», sagte sie an jenem 4. September 2004, dem Tag, als auf der Isola Madre im Lago Maggiore («das Paradies, der sinnlichste Ort auf Erden», schrieb Flaubert) ihr ältester Sohn John «Jaki» Elkann die von «Vogue» als schönste Aristokratin bezeichnete Lavinia Borromeo Arese Taverna zum Traualtar führte, deren Familie den Borromäischen Inseln den Namen gab. Und auch Margherita und ihre Mutter Marella hatten sich wieder lieb.

Seither verfügt Jaki Elkann über 50 Prozent der Privat-Holding «Dicembre», der innersten Schachtel des Imperiums, an der zuvor seine Mutter Margherita und seine Grossmutter Marella noch je 37 Prozent und er selber 25 Prozent gehalten hatten. Den Rest teilen sich seine Geschwister Lapo und Ginevra Elkann.

Erbverwalter in der Schweiz

Margherita erklärte in ihrem einzigen ausführlichen Interview mit dem Magazin «Panorama», es gehe ihr mit ihrer Klage «nicht um Geld, sondern um Transparenz.» Sie möchte «Klarheit über das persönliche Vermögen meines Vaters». Sie wünscht sich, dass ihre fünf Kinder aus der De-Pahlen-Ehe nach einem gerechteren Schlüssel behandelt werden. Sie vermutet, dass Teile des väterlichen Vermögens im Ausland gebunkert sind. Käme tatsächlich noch viel Geld zum Vorschein, müsste nach Ansicht ihrer Anwälte das ganze Erbe neu geregelt und verteilt werden.

Mehrmals ersuchte Margherita die Testamentsverwalter um konkrete Auskünfte und lief jedes Mal ins Leere. Sie fragte nach Firmen wie der Sadco in Zürich, der Sacofint in Genf und einen Rattenschwanz weiterer Gesellschaften. Diese Ausland-Assets sind nach Erkenntnis von Margherita de Pahlens Anwälten in der luxemburgischen Stiftung «Alkyone» zusammengefasst, deren Statut den drei Administratoren (identisch mit den Testamentsverwaltern) erlaubt, Kontobewegungen auch «in Abwesenheit von Gianni Agnelli» vorzunehmen – also selbst nach seinem Tod.

Vorgeladen werden, frühestens im kommenden Januar: Gianluigi Gabetti, 83, ein versierter Finanzberater des alten Agnelli, Präsident der Ifil und ein Feindbild für Margherita. Denn Gabetti war der Ausbildungscoach ihres Sohnes Jaki, 31, und sie hält ihn für den Grund der Entfremdung («er hat aus Jaki einen Agnelli gemacht»). Franzo Grande Stevens, der lebenslange Vertrauensanwalt des «Avvocato», der jedoch als Testamentsvollstrecker bereits zurückgetreten ist. Und der dritte Mann: Sigfried Maron, Schweizer Anwalt, ein Meister der spurlosen Diskretion, der hauptsächlich Agnellis Investitionen in den USA betreute und, über die luxemburgische Exor, Geschäfte mit Offshore-Destinationen. Maron leitete auch eine Zürcher Ifil-Filiale an der Voltastrasse in Zürich, die 2006 geschlossen wurde. Margherita droht Gabetti, Grande Stevens und Maron auch mit einer Schadenersatzklage.

Die Sippe ist sofort empört auf Distanz gegangen: «Niemand von uns ist an deiner Seite», heisst es in einem Brief im Namen der ganzen Verwandtschaft. Sohn Jaki liess verlauten: «Ich will mit dieser Frau, die meine Mutter ist, nichts mehr zu tun haben.» Sein Bruder Lapo, ein Dandy wie sein Grossvater Gianni und auch sein einstiger Lieblingsenkel, gab einige Grausamkeiten von sich: «Ich sehe und höre meine Mutter nie. In meinem Leben ist kein Platz für sie.» Lapo, der seiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten ist, hat gerade eine Sonnenbrille entworfen und ist in der amerikanischen «Vogue» auf einer Strecke von zwanzig Seiten vorgestellt worden. Aber für das Kernbusiness der Familie erscheint er unbrauchbar, seit er vor zwei Jahren im Drogenkoma aus der Wohnung eines 53-jährigen Mannes mit Brüsten transportiert wurde.

Stammvater Giovanni Agnelli, genannt «Der Senator», war ein Kavallerieoffizier und Gutsbesitzer in Villar Perosa in den grünen Hügeln bei Turin. 1899 gehörte er zu den Mitbegründern von Fiat. Er drängte seine Partner allmählich aus dem Unternehmen und machte sein erstes Vermögen nicht mit Autos, sondern mit Armeefahrzeugen. Sein Sohn Edoardo, der Vater von Gianni, wurde 1934 vom Propellerblatt eines Fiat-Wasserflugzeugs zerfetzt und hinterliess sieben Halbwaisen. In dieser Familie sind die Männer die handelnden und die tragischen Figuren, erzogen werden sie auf zwei Charakterschulen: im Sport und, wie der Buchautor Oddone Camerana schreibt, ein Enkel des «Avvocato», «durch das Training mit Frauen, und das ist nicht banal oder verächtlich gemeint. Sie zu verführen, zu verlassen und wieder zu gewinnen, ohne sich beeinflussen zu lassen, gehört in der Familie zum Kodex der menschlichen Beziehungen und gilt als Beweis der Durchsetzungskraft.»

Susanna («Suni») Agnelli, Giovannis Schwester, enthüllte in ihrem Bestseller «Vestivamo alla marinara», was ihr Bruder von Liebesgefühlen hielt: «Verlieben ist etwas für Dienstmädchen.» Gianni Agnelli war Jäger und Sammler mit der Attitüde eines modernen Renaissancefürsten. Er investierte in Glamouranlagen wie das Rockefeller Center in New York oder das Châteaux Margaux (obwohl er nur ein halbes Glas Wein trank zum Essen), er kontrollierte die wichtigsten Meinungsblätter «La Stampa» und «Corriere della Sera». Er kaufte nicht einen Ferrari, sondern die ganze Fabrik und den Rennstall. Er sammelte Fussballstars für seinen Klub Juventus Turin, um die Fiat-Arbeiter am Sonntag bei Laune zu halten, er sammelte intelligente, amüsante Freunde, er sammelte moderne Kunst und schöne Frauen.

Es gibt nur noch einen Agnelli

Agnelli war Fiat, die «Fabbrica Italiana Automobili Torino», und Fiat war Italien. Fiat löste die grösste Völkerwanderung des Industriezeitalters aus, eine halbe Million Arbeiter strömten nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Mezzogiorno nach Norden. Abgeschottet von Importen, beherrschte Fiat den nationalen Automarkt bis zu neunzig Prozent. Wer immer in Turin Geld ausgab, die Agnellis waren schon da und kassierten: für Kredite beim Autokauf, an den Mautstellen der Autobahn nach Mailand, in den Bars, wenn Cinzano ausgeschenkt wurde, wenn sie bei Rinascente und Upim einkauften, wenn sie zur Schule gingen mit Fabbri-Schulbüchern, wenn sie Belletristik lasen aus den Verlagshäusern Bontempi und Sonzogno, wenn sie zum Spiel von Juventus gingen oder zum Skifahren nach Sestriere.

Und die Agnelli-Ehefrauen dienten dazu, von Generation zu Generation die bäuerlichen Wurzeln der Agnellis zu verfeinern. Sie stammen meist aus italienischem Adel und schmücken den Stammbaum. Sie gebären und erziehen Kinder und sind für Wohltätigkeit zuständig. Giannis Mutter Virginia Bourbon del Monte di San Faustino war die erste Nobeldame in der Agnelli-Genealogie, nicht aus dem Bourbonen-Königshaus, sondern Kleinadel, 1861 von Papst Pius IX. verliehener Grafentitel. Als Witwe, und vielleicht schon zuvor, führte sie ein wildes Leben mit dem Schriftsteller Curzio Malaparte, der als Gegner Mussolinis in die Verbannung geschickt wurde, während das Haus Agnelli sich mit dem Faschismus arrangiert hatte. Gianni Agnelli erwähnte seine Mutter nie, die ihn und seine Geschwister meist der Obhut einer englischen Gouvernante überlassen hatte. Susanna Agnelli beschrieb in ihrem Bestseller über ihre Kindheit, wie sie verzweifelt vor Einsamkeit das Bett genässt hatte, nur um ein bisschen körperliche Wärme zu spüren.

Sie war die einzige von Giannis Schwestern, die sich ein eigenes emanzipiertes Leben erkämpfte. Sie hatte eine lange Liebschaft mit Raimondo Lanza di Trabia, einem aristokratischen Herzensbrecher aus Palermo, der sich 1954 aus dem Fenster des Hotels Eden in Rom in den Tod stürzte. Die alte Dame, mittlerweile 85, hat selber sechs Kinder. Sie zog 1976 für die kleine Republikanische Partei ins Parlament ein, wurde 1983 Senatorin und war bis 1991 in wechselnden Regierungen Staatssekretärin, 1995 gar Aussenministerin.

Gianni selbst war ein traumatischer Vater, aber er mochte seine einzige Tochter Margherita, weil sie widerspenstig war und ihn nicht langweilte in den seltenen Momenten, wenn er Zeit für sie hatte. Als sie sich als Teenager mit kahl rasiertem Kopf zum Essen einfand, zog er bloss die Augenbrauen hoch: «Wenn du glaubst, du könntest mich überraschen, irrst du dich.»

Margherita heiratete den Journalisten und Buchautor Alain Elkann, einen gescheiten, ungeheuer produktiven Buch- und Fernsehautor. Er ist der Sohn des früheren Grossrabbiners von Paris, eines Stahlindustriellen, der auch eine erfolgreiche Kosmetiklinie lancierte. Mit ihrem zweiten Mann, dem russisch-französischen Adeligen Serge de Pahlen, zeugte Margherita fünf Kinder und nahm den russisch-orthodoxen Glauben an. Sie schrieb einen Gedichtband für ihre Mutter Marella, versuchte sich als Malerin, scheiterte – nicht zuletzt auch an der respekteinflössenden Aura des mächtigen Vaters. Hatte sie wieder mal eine Krise, führte er sie zum Austernessen aus.

Während Europas Königshäuser von Windsor bis nach Oslo, Stockholm und Madrid vom bürgerlichen Aushölungsvirus befallen sind, bleiben die Agnellis besessen vom Zwang, sich mit Adelsgeschlechtern zu paaren. Umberto Agnelli freite in zweiter Ehe Allegra Caracciolo di Castagneto, die Kusine der Gattin seines Bruders Gianni. Zugeheiratet wurden Etiketten wie Brandolini d’Adda, de Faucigny-Lucinge (damit entstand eine Verbindung zum ehemaligen französischen Staatspräsidenten Giscard d’Estaing), Fürstenberg, Hohenlohe, Dondi dell’Orologio, Scognamiglio, Campello della Spina, Torlonia, Ferrero de Gubernatis Ventimiglia und so weiter. Unter der Patina dieser Titel ist der Name Agnelli beinahe ausgestorben. Der 32-jährige Andrea Agnelli, Sohn von Umberto, trägt ihn in fünfter Generation als bislang letzter männlicher Spross. Er ist mit dem Elkann-Zweig zerstritten und leitet eine eigene Investmentfirma. Den Schandbrief an Tante Margherita hat er nicht unterschrieben.

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