10.10.2007 von Thomas Zaugg
Sind Sie an Politik interessiert und möchten Sie mehr über die FDP wissen? Zögern Sie nicht und melden Sie uns Ihr Interesse!
Nachdem ich mein Interesse angemeldet habe, erhalte ich noch am selben Abend einen Anruf. Im Hintergrund klimpert klassische Musik. Cordula Kaiss ist dran, die Ortsparteipräsidentin der FDP Meilen. Sie habe mein Mail gekriegt und würde sich natürlich freuen über jeden neuen Interessenten.
Ich will mit offenen Karten spielen. Naja, es sei eben lustig, sage ich, denn ich sei Schüler gewesen an einem Gymnasium hier an der Goldküste, wo es von Alt-68er-Lehrern nur so gewimmelt hätte, und da hätte ich mich halt marxistisch-leninistisch zu indoktrinieren begonnen, und jetzt sei das eben lustig, dass ich mich als Interessent bei einer bürgerlichen Partei melden würde, älter und vernünftiger vielleicht.
«Das ist doch völlig normal», sagt Cordula Kaiss. «Wenn jemand vor achtzehn noch nicht links gedacht hat, dann erschreckt mich das. Nur irgendwann muss man natürlich einsehen, dass man mit diesem Schwarzweissdenken nicht weiterkommt. Man muss pragmatischer werden. Man muss auf die Argumente des andern eingehen, denn auch er könnte recht haben. Das verstehe ich unter einer liberalen Diskussion.»
Im übrigen stehe sie für eine eigenständige liberale Politik. Das Zweierticket mit der SVP für die Ständeratswahlen sei ein Zweckbündnis, aber nicht unbedingt zwingend. Sie habe dagegen gestimmt.
Wir kommen uns näher.
Hier herrscht noch so etwas wie freisinniges Selbstbewusstsein, manchmal, manchmal sogar strahlt der Zürcher Goldküstenhimmel in der Parteifarbe. Natürlich, auch die SVP hat sich hier breitgemacht, hier war das ideologische Zentrum, das Epizentrum blocherscher Prägung. Aber vielerorts im Bezirk Meilen liegt die FDP dicht hinter der SVP oder ist sogar wählerstärkste Partei, vor allem im Küstenstreifen der reicheren Gemeinden.
Im Zug irgendwo mitten in der Goldküste, sagt Cordula Kaiss weiter, habe sie letzthin ein Gespräch aufgeschnappt. Ein Grüner, der auf jemanden eingesprochen habe. Eine Umweltschutzdebatte. Unwichtig, worum es genau ging, jedenfalls habe der Grüne den andern so richtig ideologisch verdroschen, das ist schon unglaublich, meint Cordula, wie ideologisch die Diskussionen heute immer verlaufen.
Ja, genau, sage ich. Aber ich denke auch zurück an ein anderes Gespräch, das mir in einem Zug auf Goldküstengleisen zu Ohren kam. Ein junger Mann sagte sehr laut, er werde mit fünfundzwanzig fünf Millionen besitzen. Der junge Mann war ein bisschen betrunken, und etwas später erkannte ich den Jungfreisinnigen wieder: als lächelnden Kandidaten auf einem Wahlplakat.
Nachhaltig eigenverantwortlich
An einem frühen Samstagmorgen parkiert Cordula ihren BMW-Offroader beim vereinbarten Treffpunkt neben der Feuerwehr Meilen. Es ist Anfang März, die kantonalen Wahlen stehen an. Cordula hat mich zum Plakatieren aufgeboten, sie meinte, dabei könne man Basisarbeit auf sehr realem Niveau kennenlernen. Es kommen fünf Leute zum Treffpunkt neben der Feuerwehr Meilen, den Journalisten miteingerechnet.
«Aber sagt mal, wo sind denn all eure Jungfreisinnigen geblieben? Die müssten doch jetzt anpacken?»
«Hast du gehört, Cordula? Da hat er ganz recht! Das müsste doch eigentlich unsere Jungmannschaft übernehmen?!»
«Ich weiss nöd», sagt Cordula. «Ich habe extra allen Mitgliedern ein Mail geschrieben. Wahrscheinlich haben so früh am Samstagmorgen einfach alle unglaublich viel zu tun.»
Nur auf Renzo könnten wir nicht verzichten, wir andern verziehen das Gesicht, wenn er seinen Holzhammer auf die Plakatpfosten niedersausen lässt. Renzo Simoni kandidiert für den Kantonsrat, nebenbei ist der Geschäftsführer der AlpTransit Gotthard AG verantwortlich für den längsten Tunnel der Welt. Auf seinem Wahlplakat steht: «Wir brauchen zukunftsorientierte und nachhaltige Lösungen auf eigenverantwortlicher Basis!»
Und man versteht das einfach nicht. Oder man kann sich nichts darunter vorstellen. Wischiwaschi-Freisinn. Dann sieht man Renzo die Pfosten einschlagen. Man versteht voll und ganz.
Renzo schletzt die Autotür, und wir fahren weiter. Renzo im Handwerkerbus. Cordula im Offroader. Und ich sitze neben Werner Bosshard, der aussieht wie Günter Grass. Er startet seinen alten Mazda, und wir fahren die Seestrasse entlang, das ist die verkehrstechnische Hauptschlagader der Goldküste.
Richtplan, nicht Geheimplan
Werni erzählt von früher, als er ein Linker wurde. Werni schmiss bei den Zürcher Jugendkrawallen 1968 Steine auf die Bullen, aber eigentlich war er lange kein politischer Mensch. An einem Demotag hatte er sich beim Bellevue mit einer Frau verabredet. Ein Polizeiknüppel auf den Rücken hat ihn dann politisiert. Werni sagt: «Es war gut, damals. Notwendig. Aber ich habe früh gemerkt, schon damals, dass das alles zu ideologisch war. Es gab keine richtigen Diskussionen. Es gab zu viele Ideen und Interessengruppen. Das war manchmal völlig irrational.»
«Dann bist du also ein Konvertit? Man wirft euch ja nicht selten – wie soll ich sagen – Opportunismus vor?»
«Ja. Und das ist sicher nicht ganz falsch. Ich hatte damals einen Job als Werber und habe mich dann langsam in diese Richtung verabschiedet. Lange wusste ich nicht, was ich wollte, aber diese Arbeit war unglaublich interessant, darin konnte ich mich endlich verwirklichen», sagt Werni Bosshard, heute Meilens Schulpräsident, und entflammt schon wieder eine Zigarette, das macht er alle zehn Minuten, ein Relikt aus revolutionären Tagen. «Politisch? Politisch würde ich mich heute als Realo bezeichnen. Eigentlich entspricht keine Partei meinen Ansichten voll und ganz. Nein, ich bin kein Fundi, der immer nur nach Steuersenkungen schreit. Wir müssen pragmatisch sein, auf keiner Seite ideologisch denken. Sonst finden wir keine Lösungen.»
Immer wieder begegne ich dieser staatstragenden Vernunft, selbst am FDP-Stammtisch im Restaurant Löwen in Meilen sucht man vergeblich: nirgends Polemik, nicht einmal Wahlkampfstimmung. Im Löwen liegen Zeitungen auf: «CVP ist FDP dicht auf den Fersen – Wäre Mitte August gewählt worden, hätte die FDP noch einen Wähleranteil von 15,8 Prozent erreicht, wie aus dem neuesten SRG-Wahlbarometer hervorgeht. Das sind 1,5 Prozent weniger als bei den Wahlen 2003 und 0,4 weniger als beim letzten Wahlbarometer im Juli. Als Hauptgrund für das weitere Abbröckeln der FDP bezeichnet das Forschungsinstitut GfS Bern die Schwierigkeiten bei der Mobilisierung.»
Und die fünf Freisinnigen am Stammtisch sprechen über Gemeindegeschäfte. über Strassen, die erweitert werden sollen. über ein ominöses Haus Wäckerling. über irgendwelche Richtpläne. Das alles scheint wichtig zu sein, wichtiger als die paar verlorenen Prozente auf dem Wahlbarometer. Und selbst in dieser Bedrohungslage sind die fünf Freisinnigen nicht immer einer Meinung. «Bei uns kommt nicht einer mit dem Hammer und sagt, was wir meinen sollen», erklärt einer. «Wir diskutieren lang, suchen uns eine Meinung. Bei uns entstehen Reibungen untereinander. Das unterscheidet uns von den andern.»
Einmal kommt die Rede auf eine Initiative dieser andern. Die fünf Freisinnigen haben einen Widerspruch in deren Argumentation entdeckt.
«Hm, aber das isch ja en Widrspruch. Odr, was meinsch?»
«Ja, das gaht gar nöd uf.»
«Das chame gar nöd erchläre.»
«Die dänked halt ideologisch. Odr?»
«Ja, jaja. Eigenartig.»
«Ja, isch eigenartig.»
Bald zieht es die fünf Freisinnigen wieder nach Hause.
Unweit vom Restaurant Löwen sitzt Bettina Schweiger im Kirchgass-Café. Die Präsidentin der FDP Bezirk Meilen, die Ortsparteipräsidentin FDP Herrliberg, das gewählte Mitglied der Alterskommission Gemeinde Herrliberg, das Vorstandsmitglied des Vereins Chance Volksschule, die derzeitige Präsidentin der innerparteilichen Konferenz in Herrliberg und im Bezirk Meilen, die Präsidentin der Herrliberger Vereinspräsidentenkonferenz, die Mutter dreier Kinder trinkt gerade ihren Grüntee. «Früher wählte man die FDP aus Tradition», erinnert sich Bettina. «Aber das ist vorbei. Die Stammwähler wandern ab zu anderen Parteien.» Und gerade hat sie in der Zeitung wieder eine Todesanzeige eines alten FDP-Stammwählers entdeckt.
Deuxpièces de résistance
Bettina ist eine Vollblutbasisarbeiterin. Ein «animal politique», sagen Parteikollegen über ihre Bezirkspräsidentin. Von Bettina Schweiger spricht man überall im Bezirk voller Respekt, mitunter fast ehrfürchtig.
«Je nach Versammlung», sagt Bettina, «passe ich nicht genau ins Bild, ich spüre es dann auch irgendwie: Ich solle doch auch einmal ein Deuxpièces tragen, das würde sich doch gehören.»
«Das Deuxpièces gehört halt zur FDP», sage ich, «wie die Krawatte und der Anzug.»
«Ja, aber verstehst du», sagt Bettina, «das ist mir völlig egal! Mir geht es nur um die Sache. Würklich nur um d Sach. Manchmal habe ich den Eindruck, dass in der Politik das äussere wichtiger ist als die sachpolitische Auseinandersetzung. Und Macht, es geht zu oft um Macht. Ich finde es zum Beispiel daneben, dass sich Leute nur der Partei anschliessen, damit sie in der Politik Karriere machen können. Oder solche, die ein Präsidium nur als Sprungbrett benutzen, und sich bei der erstbesten Gelegenheit zur Wahl aufstellen lassen. Das geht doch einfach nicht! Man missbraucht damit seine Position. Entweder die Parteiarbeit oder ein politisches Amt! Ich bin in einer freisinnigen Familie aufgewachsen und habe auf den Weg mitbekommen: Wer ein Präsidium übernimmt, kandidiert während dieser Zeit nicht für ein Amt in der Legislative oder Exekutive!» Bettina haut auf den Tisch.
Ich frage: «Wie stehst du eigentlich zum Zweierticket, das euer Felix Gutzwiller mit Ueli Maurer für die Ständeratswahlen eingegangen ist? Muss man sich damit irgendwie abfinden?»
Wie etwa FDP-Nationalratskandidat Oskar Denzler auf seiner Webseite: «Es gibt zwei Herrn Maurer. Der eine ist der, den ich als Parteipräsident einer Partei kenne, die Asylmissbrauchsplakate aufhängt und den Freisinn beschimpft. Davon distanziere ich mich entschieden. Das ist nicht mein Stil. Daneben gibt es den Herrn Maurer, wie ich ihn aus der ära nach der Wahl von Bundesrat Blocher kenne. Es ist ein Herr Maurer, der den Wandel seiner SVP zur staatstragenden Partei managt und auf eine Mässigung hinarbeitet. Mit diesem Herrn Maurer kann ich zusammenarbeiten. Ihm gebe ich eine Chance.»
Wir sind schon anders
Bettina schüttelt den Kopf.
«In meiner Gemeinde wird kein Plakat aufgehängt, wo irgendetwas von dieser Listenverbindung mit Ueli Maurer draufsteht. Die Mitglieder, die ihre Privatgrundstücke für Plakate zur Verfügung stellen, wollen das nicht. Das kann ich dir sagen. Nein, auf keinen Fall.»
«Könnt ihr das entscheiden?»
«Sicher!»
«Ist das Verhältnis zur SVP schlecht?»
«Es ist doch einfach so: Ueli Maurer hat jahrelang auf den Freisinn geschossen. Dann müssen wir ihn nicht auch noch auf unsere Plakate draufnehmen. Sonst habe ich keine Berührungsängste mit der SVP. Der politische Gegner kommt von links. Und auch auf Gemeindeebene haben wir es gut mit den SVPlern. Hier ist manchmal sowieso kaum erkennbar, wer von welcher Partei ist. Wir haben es auch mit den SVPlern gut. Aber die sind schon anders als wir. Die sind froh, wenn die von oben ihnen sagen, was sie zu tun haben. Bei der FDP geht das so nicht. Wir haben in vielen Punkten unterschiedliche Meinungen. Wir sollten es nur endlich fertig bringen, uns an einen Tisch zu setzen und zu einer Meinung zu kommen, die wir dann gegen aussen kommunizieren können!»
Sie haut wieder auf den Tisch.
Die Arbeit von Menschen wie Bettina lässt sich schwer in Worte fassen, sie besteht aus tausend kleinen Dingen, aus E-Mails um 06.25 Uhr und 00.13 Uhr, aus unzähligen Gesprächen und auch Enttäuschungen, aus Versuchen, die gewählten Kandidaten daran zu erinnern, wofür man sie gewählt hat, aus Versammlungen und Beschlüssen, aus Sitzungen und Sitzungen, immer wieder diese Sitzungen, die Menschen wie Bettina nach der Arbeit abhalten und von denen sie meist erst nach Mitternacht nach Hause kommen.
Das ist Basisarbeit. Eine staatstragende Vernunfttätigkeit, wie geschaffen für den Freisinn.
Bloss nicht zurückschauen
Am Abend des 1. August 2007 stehe ich auf einem Festgelände oberhalb Herrlibergs, ein herrlicher Ausblick auf die Goldküste und den Zürichsee, ein Seitenblick zur Villa neben dem Festgelände, über die einer am Grill sagt: «Für die Villa da hät d Gmeind extra d Stromleitige vergrössere müesse, will jede einzelni Ruum klimatisiert isch.»
Alain Schreiner tritt ans Rednerpult, er ist Präsident der Jungfreisinnigen Bezirk Meilen und kandidiert für den Nationalrat. Ich bin gespannt. Alain, der über seine Lieblingsschrift «Der Wohlfahrtsstaat zerstört die Wohlfahrt und den Staat» so kritisch sagt: «Ist natürlich zu polemisch alles.» Alain, dieser strebsame, sehr intelligente junge Mann, Student der Rechtswissenschaften an der Universität St. Gallen, der sich schon mit fünfzehn für Politik interessierte und auf dessen Webseite unter Hobbys steht: Geschichte, Sport, Informatik, Kultur.
Alain spricht in seiner Rede von der Alinghi. Ein wenig spricht er auch über Klimapolitik, von mehr Anreizen für die Wirtschaft, weniger Verboten und von der Förderung erneuerbarer Energien. Vor allem aber spricht Alain von Fortschritt. Von Pioniergeist, der belohnt werden müsse. Von stetigem Fortschritt als Lösung unserer Probleme. Dann wieder von der Alinghi, das Segelboot mit Schweizer Spitzentechnologie als Sinnbild für die Schweiz.
Einmal stockt Alain, aber sonst geht alles gut. Er bekommt Applaus. Dann steigt er vom Rednerpult, in seiner seltsamen Schüchternheit, und geht zu seinen jungfreisinnigen Freunden.
«Isch guet gsi?»
Seine Freunde: «Ja, isch guet gsi.»
Alain weiss, dass er diesmal noch nicht in den Nationalrat gewählt wird. «Wir haben Fehler gemacht», meinte er einmal über eine FDP-Vergangenheit, für die er nichts kann. Manche Ortsparteien hätten sich zum Beispiel lang gegen die «zu proletariermässigen» Standaktionen gesträubt.
Ein Mann steht vor Alain und gratuliert: «Das haben Sie ganz richtig gesagt, vielen Dank für diese Rede, Fortschritt, Fortschritt!, jawoll, ganz richtig, nüme zruggluege! Wissen Sie, ich als ehemaliger Historiker weiss, von was ich rede. Fortschritt! Nüme zruggluege!»
Der ehemalige Historiker setzt sich zurück an seine Festbank. Während die Nationalhymne verteilt wird, noch einmal der herrliche Ausblick auf die Goldküste und den Zürichsee. Die Schiffe fahren. Der See glitzert. Wir singen gemeinsam den Schweizerpsalm.

Was tut man nicht alles: FDP-Mann Felix Gutzwiller auf dem Gesundheitsschiff | Bild: Fabian Biasio

Jeder Kandidat wird zum Aushängeschild: Parteiarbeit in Uetikon am See | Bild: Fabian Biasio