Die Jungen Grünen

Die Jungen Grünen machen so cleveres Politmarketing, dass sogar wir ergriffen wurden. Von der Polizei.

10.10.2007 von Rico Czerwinski , 1 Kommentar

17 Uhr an der Limmat, Bastien Girod sitzt in Feierabendstimmung in seiner Lieblingsflussbadi. Es ist Sonntag, er hat schwer gearbeitet und nimmt einen Schluck Turbinenbräu. Er möchte mit seinen Freunden von den Jungen Grünen die Früchte dieser Arbeit geniessen. Und ruft den Verfasser dieses Artikels an. Beim Gespräch werden seine Augen immer grösser, wie er später erzählt, auf seinem Gesicht erscheint ein Lächeln.

An diesem Sonntag haben er und ein paar andere Junge Grüne eine ihrer typischen, spektakulären Politaktionen durchgeführt. Diesmal vor der grössten Zürcher Polizeiwache. Anschliessend ist es, wie er jetzt erfährt, zu einem Kollateralschaden gekommen. Er erzählt seinen Freunden nach dem Telefonat, wie vor überbordenden Emotionen einiger mit Schlagstock, Funkgerät und Dienstwaffe ausgestatteter Polizisten ein ebenso talentierter wie unberechenbarer Politaktivist, nämlich er, verwechselt wurde mit einem harmlosen, 30-jährigen «Magazin»-Redaktor.

Manchmal ist Politik wie Bungeejumping. Die Luft wird warm, Leute kippen innerlich aus der Uniform. Bei den Jungen Grünen erlebt man Dinge, die grösser und gefährlicher sind als Kletterwochenenden oder Ferien per Autostopp. Bei ihrer Zielgruppe scheint das hervorragend anzukommen. Die Jungen Grünen haben anders als alle anderen Parteien in kurzer Zeit die Zahl ihrer Sektionen verdreifacht, sie haben die Zahl ihrer Mitglieder in den letzten zwei Jahren verdoppelt, die Stapel mit den Beitrittsgesuchen wachsen mit jedem Monat schneller, sie treten mit sechsmal mehr Listen zu diesen Nationalratswahlen an als zu denen von 2002.

Die Striptease-Methode

Im Sekretariat der Partei wird früh  an diesem Sonntag im August eine folgenschwere Aktion vorbereitet. Ein Mädchen steht am Kopiergerät, sie ist 24, hat kurze Haare, die zu winzigen Locken zusammengedreht sind, und sie hat ihren Bikini mitgebracht. Neben ihr steht ein Parteikollege, die ebenso talentierte wie unberechenbare Lichtgestalt der Jungen Grünen. Bastien Girod hat vor einem Jahr eher zufällig von einer bis dahin kaum bekannten polizeilichen Methode erfahren. Ein Velofahrer ohne Vignette wurde nach einer Polizeikontrolle wütend, und er wurde daraufhin von den Beamten auf die Zürcher Hauptwache Urania geführt und zu einem, wie Bastien Girod sagt, Striptease gezwungen. Das Gemeinderatsmitglied Girod hat eine dringliche Anfrage gestellt, wollte Zahlen, fragte, wie viele Personen diese Ermittlungspraxis jährlich betreffe. Sein Instinkt sagte ihm, dass dies für seine Partei das perfekte Thema sei. Mehrere Personen wandten sich mit weiteren Fällen an ihn und die Jungen Grünen, etwa jener IT-Spezialist ohne Trambillett, alle wurden laut Girod auf der Wache im Anschluss an ein Bagatelldelikt ausgezogen.

Girod hat im Gemeinderat nachgehakt, doch die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer hat ihm die Zahlen nicht gegeben. Es gebe darüber keine Statistik. Und eine Schätzung, um welche die Jungen Grünen gebeten hatten, sei nicht möglich. Vielleicht glaubte man auch, die Jungen Grünen auf diese Weise loszuwerden. Vielleicht kannte man diese junge Partei und ihren kreativen Kopf noch nicht richtig.

Vielleicht war es ein Fehler.     

Für diesen Sonntag ist einer der entscheidenden Schläge der Jungen Grünen in ihrem Kampf gegen die Leibesvisitationen auf Polizeiwachen geplant, jenem Kampf, der seit ihrer Anfrage im Gemeinderat schon zahlreiche Artikel vor allem in Gratiszeitungen hervorgebracht hat. Dieser Tag soll die Kampagne «Kein Striptease auf dem Posten» zum Stadtgespräch und endgültig auch zum Thema in den politischen Leitmedien machen.

Christina nimmt eines der beiden unerlässlichen Accessoires dieser entscheidenden Episode, ein A3 grosses Blatt, das gerade aus dem Kopiergerät gekommen ist, und ihre Umhängetasche mit dem zweiten wichtigen Accessoire, ihrem Bikini.

Einst war Girod, der nicht untypisch ist für die Aktivisten in diesem Parteisekretariat, das Mathematik-Genie der Steiner-Schule in Biel; Eurythmie hingegen fand er «ätzend». Er war, ähnlich wie die anderen, stets wenig angepasst, wie bei vielen von ihnen ist diese Partei in der Politik nicht die erste Station. Bei den JungsozialistInnen etwa hielt Girod es sechs Monate aus. Irgendwann hatte er sich auch Greenpeace angeschlossen.

Bei den Jungen Grünen haben quer durch Schichten hoch motivierte junge Leute eine Heimat für sich entdeckt. 25-jährige Umweltstudenten, 19-jährige Grafikerinnen, gestylte Sprachwissenschaftsstudentinnen, langlockige Agraringenieure, KV-Angestellte und TV-Journalisten. Sie sprechen über Ungerechtigkeit, «den Dreck in der Luft» und die Eisschmelze an den Polkappen. Sie glauben daran, einen Unterschied machen zu können. «Ich wills selbst in die Hände nehmen», sagt Christina, 24. «Die Jungen Grünen haben mich seit langer Zeit wieder zu etwas motiviert», sagt Pascal, 34. «Sie haben mir den Glauben gegeben, dass ich politisch etwas erreichen kann.»

Bei Greenpeace nahmen einige ihrer Mitglieder teil an Workshops über Medienarbeit, über chinesische Kriegstheoreme und deren Meister wie Sun Tsu. Bastien Girod erlebte mit, wie Greenpeace-Aktivisten in das AKW Leibstadt eindrangen und sich Stunden an der Reaktorkugel festketteten, um auf dortige Sicherheitsmängel aufmerksam zu machen. Bei Greenpeace haben einige Mitglieder der Jungen Grünen gelernt, dass es nicht immer grosse Mittel braucht, um grosse Wirkung zu erzielen. Nur ein paar begeisterte Menschen. Eine Idee. Und einen oder mehrere Journalisten.

Anarchisch professionell

Neun Velos biegen um eine Ecke am Zürcher Bahnhofquai. Acht Junge Grüne steigen eine Treppe hoch. Ehepaare flanieren im Schatten unter Bäumen, Teenager liegen auf Holzbänken, Rentner werfen Vögeln Weissbrotstücke zu. Plötzlich beginnt ein Mädchen auf dem Parkplatz der Polizei, sich auszuziehen.

Alles schaut ihr zu. Sie lässt ihre Shorts auf die Pflastersteine fallen. Sie entkleidet sich bis auf die Flipflops, zwei silberne Ohrringe. Und ihren roten Bikini. Neben ihr ziehen sich noch drei weitere Kolleginnen aus. Ein bisschen ungewohnt ist es für einige, sie haben noch kaum Erfahrung mit solchen politischen Methoden. Man nennt es Guerilla-Strategie. Provozierende, subversive, symbolische Aktionen. Girod und einige alte Kollegen haben sie erfolgreich von Greenpeace auf die parteipolitische Ebene exportiert. Sie schaffen Bilder, die Informationen und Botschaften enthalten. Bilder, die sich leicht von den Medien transportieren lassen und die man nicht so schnell vergisst.

Die Kinder des Internet- und Fernsehzeitalters gehen mit anarchischer Verspieltheit ans Werk, mit ein wenig Chaos und viel Talent. In einer emotional intelligent geführten, gut inszenierten Kampagne halfen sie mit, innert eines Jahres etwa die Fahrer von Offroadern in Städten von allseits beneideten Statusträgern zum Feindbild einer breiten öffentlichkeit zu machen. Wobei Girod betonen möchte, dass man gegen den Besitz von Offroadern und nicht etwa gegen die Fahrer sei. «Man muss immer das Verhalten verurteilen und nicht den Menschen.»

Ihre grosse Wirkung verdankt sich auch einer für ihr Alter überraschenden Professionalität und Disziplin. Bastiens Arbeitstag etwa hat zwölf Stunden, sechs an der ETH als Klimaschutzforscher, sechs bei der Partei. Besprechungen der Jungen Grünen unter seiner Leitung sind alles andere als Chaosveranstaltungen, unabdingbare Werkzeuge dabei sind ein Flipchart sowie ein Notebook, mit dem man Ergebnisse festhält. Pressemitteilungen schickt der 26-jährige Bastien nicht erst kurz vor Redaktionsschluss, sondern schon etwa um neun Uhr morgens ab, denn für ihn sind Redaktoren Verbündete, denen er nicht unnötig Stress bereiten möchte.

Und jetzt: Action!

Die vier Mädchen gehen hinüber zu den drei Jungen. Diese tragen sehr knappe Badehosen – und stehen nun ganz dicht vor zwei Polizeifahrzeugen, unter den Fenstern der Hauptwache. Ein Parteikollege umkreist sie mit einer Fotokamera und macht Bilder, mit ihnen will man später Werbematerial, Poster und Postkarten zum Thema «Kein Striptease auf der Wache» herstellen. Die sieben halten die Blätter mit den Nummern ihrer Listenplätze hoch. Sie sollen an Sträflingsnummern erinnern. Ausserdem kann ein Grafiker dank diesem Trick später am Computer die an den Seiten ein wenig hervorschauenden Bikinis und Badehosen entfernen. Es auf den Bildern so aussehen lassen, als stünden sie da völlig nackt.

Nun betreten Beamte der Stadtpolizei den Schauplatz – und antworten auf diese Aktion. Sie zögern kurz, glauben wohl, bei dieser Provokation, deren Hintergrund sie nicht verstehen, eingreifen zu müssen. Wissen nur nicht, wie am cleversten. Und umstellen einen zweiten, am Rand stehenden, 1 Meter 65 grossen Fotografen, Mitarbeiter des «Magazins», der diese Form von Politaktivismus lediglich dokumentiert. Die Urheber der Aktion nehmen ihre Kleider und ihre Velos. Die Polizisten halten den «Magazin»-Fotografen fest. Der weigert sich, einfach so Auskunft über die Identität der Aktivisten zu geben. Der Fotograf der Partei und die anderen verlassen den Schauplatz. Die Beamten «überprüfen» im Verlauf einer guten Stunde statt der Aktivisten den «Magazin»-Fotografen und dann auch den Verfasser dieses Artikels. Sie glauben, dass sie die Rädelsführer vor sich haben und dass diese hier möglicherweise ein Dessouswerbeshooting organisiert haben.

Grund zu Nachforschungen haben sie schon, wie sich dabei später herausstellt. Allerdings eigentlich in Richtung der Jungen Grünen, wegen eines zweiten, etwas grösseren Kollateralschadens. Einer der Dienstwagen weist nach Aussage der Polizei seit der Aktion Dellen auf, der Verdacht der Polizei geht in Richtung des Hinterteils von Bastien Girod – die Dellen seien ein «Versehen, eine bedauerliche Unachtsamkeit», wie er später sagt, Girod hatte sich bei der Aktion offenbar leicht auf einen der Wagen gesetzt.

Die Jungen Grünen und er selbst sind dank jenem Sonntag in den nächsten Wochen medial so präsent wie selten zuvor. Auch grössere Tageszeitungen berichten nun über die Aktion und ihr Nachspiel. Das Thema wird langsam immer bekannter. Immer mehr Leute werden aufmerksam. Auf die Leibesvisitationen und auf die Jungen Grünen. Die Ermittlungspraxis wird Stadtgespräch. Auch das Lokalfernsehen berichtet nun. Sogar eine Zeitung in Genf, hört Girod, druckt eines ihrer Fotos ab. Der politische Druck auf den Stadtrat, auf die Polizeivorsteherin, wächst und wächst. Esther Maurer und Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle müssen sich sogar am TV rechtfertigen. Der Name der Partei ist endgültig mit dem Einsatz gegen diese Polizeipraxis, mit dem Eintreten für «Bürgerrechte und Freiheit», wie Girod es formuliert, verbunden.

«So läuft das heute»

Ihr Erfolg, gemessen an ihrer Grösse, macht die Jungen Grünen auffälliger und anziehender als alle anderen Nachwuchsparteien. In den vergangenen Monaten hat die halbe Zürcher Journalistenwelt Girods Handy-Nummer im eigenen Kontaktspeicher hinterlegt. Wenn mal nichts los ist, man eine Idee oder einen originellen Kommentar benötigt, kann man ihn und die Jungen Grünen immer erreichen. Nirgendwo kann man als 19-jährige Auszubildende oder Student im ersten Semester die öffentliche Meinung in seiner unmittelbaren Umgebung so wirksam beeinflussen wie bei ihnen. Polizeipressesprecher Michael Wirz hält diese Entwicklung für nicht unproblematisch. Wirz sagte bei einem Telefonat nach jener Aktion: «Es erstaunt schon, dass zunehmend mit gezielten Provokationen oder Guerilla-Werbeaktionen garantierte Medienaufmerksamkeit erreicht wird. Dies birgt meines Erachtens die Gefahr, dass sich die Medien so für Gratiswerbung instrumentalisieren lassen.»

In der Wahlwerbung der grünen Mutterpartei findet man Argumente wie «ökologisch konsequent, sozial engagiert, global solidarisch». In den Prospekten der Nachwuchspartei: «Junge Grüne in den Nationalrat. Mindestens haltbar bis 2050: Christina Hug… ist auch Frontfrau einer Band. Mirjam Kosch… hat ihr Auto zu Schrott gefahren. Lars Gubler… der jüngste Kantonsrat überhaupt. Beatrice Tamburrino… jung, grün, sexy.»

Vertreter älterer Generationen lassen die Jungen Grünen nicht selten ratlos oder auch empört zurück. Doch genau wie sie müssen sich Parteien wohl verhalten, wenn sie in zehn Jahren noch Mitglieder haben wollen.

Die Grüne Partei muss sich, anders als alle anderen, keine Sorgen um Nachwuchs machen. Künftig werden die Jungen Grünen die politische Kultur des Landes vermutlich noch mehr verändern. Denn immer öfter schmückt sich die Mutterpartei mit ihr. Das Gesicht von Girod erscheint bereits auf ihren Flyern und Plakaten. Jetzt hat man ihn für die Nationalratswahl gar auf Platz 4 der eigenen Liste gesetzt.

«Bei der Sache mit dem Striptease», sagt er, «bestand einfach eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es medial aufgenommen wird. Ja sorry, aber so läuft es doch heute!»

Zum Problem der Dellen auf dem Dienstwagen schlägt Girod der Polizei anschliessend vor: «Wir werden für den Schaden aufkommen, ihn meiner Haftpflichtversicherung übergeben. Die Jungen Grünen vertreten eine absolut gewaltfreie Politik.» Polizeisprecher Wirz sagt dazu auf Anfrage: «Wenn Herr Girod das tut, ziehen wir den Strafantrag wegen Sachbeschädigung zurück.»

Die Polizei hat, wie Wirz sagt, zwar nicht gleich die Dienstanweisung betreffend der Leibesvisitationen geändert. «Doch man hat mit unseren Beamten vor einiger Zeit über das Thema gesprochen. Alle Mitarbeitenden wurden zu erhöhter Sensibilität aufgefordert.» Girod gibt sich überzeugt, dass das auch das Verdienst der Jungen Grünen ist. Ebenso überzeugt wie Wirz, dass die Polizei selbst aktiv wurde. «Wir haben intern dieses Thema bereits im Januar 2007 aufgegriffen, denn wir analysieren Medienberichte und erhalten auch selbst Rückmeldungen von Bürgern, und treffen entsprechende Massnahmen.»

Girod hofft stark auf eine Wahl in den Nationalrat, er rechnet sich aufgrund seines Listenplatzes, der Bekanntheit seines Engagements und seines im Moment äusserst populären Berufs als Klimaschutzforscher gute Chancen aus. «Im Parlament arbeiten wir selbstverständlich genau wie alle anderen Parteien in den entsprechenden Gremien an der Lösung von Problemen.»

Manchen erinnert der 26-Jährige dennoch schon jetzt ernsthaft an Christoph Blocher. Schon einige Male wurden ihm tatsächlich ähnlichkeiten unterstellt. Inhaltlich, sagt Girod, fände er den SVP-Bundesrat und seine Partei jenseits von Gut und Böse. «Aber die Kampagnen», sagt er, «die in den letzten Jahren zu ihrem Aufstieg geführt haben, die waren rein strategisch gesehen gut. Beängstigend gut.»

Nacktcorpus Delicti: die folgenreiche Protestaktion in Zürich (Bastien Girod ist Nr. 4) | Bild: Fabian Biasio
Nacktcorpus Delicti: die folgenreiche Protestaktion in Zürich (Bastien Girod ist Nr. 4) | Bild: Fabian Biasio
Die Sympathisantinnen sind wirklich jung und wirklich grün | Bild: Fabian Biasio
Die Sympathisantinnen sind wirklich jung und wirklich grün | Bild: Fabian Biasio

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Claudio Notz

    Ein ganz schöner Beitrag von Ihnen, Rico Czerwinski. Das Spiel mit den Perspektiven ist gelungen. Einmal etwas Anderes, als der alltägliche Stil. Vor allem die Berichte vom Stil des Kopierenden Mädchen, das gar nicht beobachtet wurde, aber trotzdem berichtet wird wie die Aufnahme einer Überwachungskamera.

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