09.08.2007 von Rico Czerwinski , 14 Kommentare
Ein Junge mit grünen Augen sitzt zufrieden auf seinem Sofa und starrt lächelnd auf die gegenüberliegende Wand. Er hat soeben einen Kollegen eingeladen, «nichts Aufregendes. Nur ein bisschen TV schauen. Fussball.» Gerade ist er von seinem Arbeitstag bei einer Autovermietung heimgekommen. «Ich geniesse das, mich hier ein bisschen zu entspannen.» Auf dem Tisch liegt ein Psychogutachten über ihn. Es beschreibt ihn als gefährlichen Sexualstraftäter. Jungen wie der heute 18-jährige Marko spalten derzeit die Schweiz. Sie lassen Politiker jahrzehntealte Ideale über Bord werfen und beschäftigen Medien, Jugendanwälte und Psychiater. Viele Jahre dachte man, dass es kaum Jungen wie Marko gibt.
Bisher war klar: Sexualstraftäter sind erwachsene Männer mit einer psychischen Störung. Sie springen aus Büschen, lauern Opfern in der Dunkelheit auf oder sind nicht selten Väter, nahe Verwandte oder Bekannte. Jedenfalls sind sie meist erwachsen und so gestört, dass sie sich nur in wenigen Fällen wieder ändern können.
Doch jetzt scheint sich da gerade etwas verschoben zu haben. Die Meldungen reissen nicht ab, es geht um Nachbarsjungen, Ausgangsbekanntschaften, Söhne von Kollegen, Banknachbarn. Alle sind besorgt, niemand weiss, warum plötzlich alles anders ist, warum plötzlich so viele Jugendliche und Kinder diese Dinge tun. Man sagt, die Täter kämen oft aus ex-jugoslawischen Migrantenkreisen. Man sagt, es habe mit dem Internet zu tun. Wie reagieren? Darüber streiten nun alle. Politiker wollen Parteiprogramme ändern, um dieser Straftaten Herr zu werden. Plötzlich scheint das Problem auf junge Menschen übergesprungen zu sein.
Doch das ist alles nicht richtig. Sagen die führenden Experten. Und sie sagen, als wollten sie alles nur noch schlimmer machen: Das Problem ist nicht plötzlich aufgetaucht. Schon seit langer Zeit existiert es. Diese Forscher sagen: In Wirklichkeit gibt es viel mehr dieser jungen Sexualstraftäter, als man glaubt.
Amin, heute 18, sitzt auf einer Terrasse über einem See im Tessin und erzählt, wie er im März 2005 eine Idee hatte. Mit einem gleichaltrigen Kollegen stand er auf seinem Schulhof im Zürcher Unterland und besprach mit ihm diese Sache: Wie es wäre, zusammen mit einer Freundin einen Dreier zu machen. Er hatte damals noch nicht mal mit einem Mädchen geschlafen. Er hatte drei- oder viermal Petting gehabt, aber mehr ging bei diesen Mädchen nicht. «Es waren alles so normale Mädchen, denen du fünf, sechs Bacardi Lemon spendierst und die doch nicht weitergehen als küssen und ein wenig rummachen.»
Internetzugang hatte er nicht. Daher kann die Idee nicht in seinen Kopf gebeamt worden sein. Dennoch faszinierte ihn dieses Bild. Nur: Mit wem sollten sie es machen? «Es gab noch eine andere Sorte Mädchen.» Amin hat dunkelbraune Augen, wegen der Hitze kein T-Shirt an, er hat eine ausgeprägte Oberkörpermuskulatur und versucht, sehr gelassen zu wirken. Diese «andere Sorte Mädchen» war irgendwann in seinem Blickfeld aufgetaucht. Er hatte recht früh angefangen, Mädchen in «normale Mädchen» und «Schlampen» aufzuteilen. Das machten in seiner Klasse die meisten coolen Jungen so. Es gab auch an seiner Dorfschule einige dieser «Schlampen». Erkennungszeichen: «Starkes Styling, superjung, Stöcklischuhe und Minirock».
Amin schweigt. Schaut belustigt: «Was würdest du denn denken, wenn eine 14-Jährige halb nackt, Minirock und wackelnder Hintern, Titten fallen fast raus, an dir vorbeigeht? Eine Schlampe, das würdest du denken. Eine, bei der du genau weisst, du kriegst sie – wenn du dich ein klein wenig bemühst. Denn sie will das eine auch.»
An dem Morgen auf dem Pausenhof steht da eine von ihnen. Sie heisst Sonja und trägt trotz dem kühlen Frühlingsmorgen wieder mal Overkneestrümpfe und Minirock. Optisch, erinnert Amin sich, ist sie eigentlich super. Gross, brünett, lange Beine. Dabei wirkt sie unsicher. Läuft immer allein herum. Man erzählt Geschichten über sie. Die Jungs haben von anderen Mädchen gehört: Sonja gibt älteren Schülern auf dem WC während der Stunde Blowjobs. Sonja hat nicht nur schon die Hälfte der Schule «gefickt», sondern das ganze Dorf. Sogar für Geld. «Ich glaube», sagt Amin, «viele Mädchen hassten sie. Weil sie die Schönere war. Und ein bisschen schlampig aufgetreten ist.»
Eine Woche später vor dem Coop sitzt sie plötzlich da. Raucht gleich eins mit ihnen. Ist wohl ein wenig in Amins Kollegen Janis verliebt. Der sagt: «Hey, lass uns irgendwo chillen.» Sie sagt: «Ja, gut. Warum nicht bei mir daheim. Ich hab sturmfrei.» Janis sagt: «Cool.» In ihrem Zimmer rauchen sie erst noch eins, dann sagt er: «Hey, leg mal einen Porno rein.» Die Jungs lachen. Sonja lacht. Und sagt erst Nein, jetzt grade keinen Porno. Amin und Janis bleiben hart. «Komm jetzt. Wir wollen jetzt einen Porno sehen.» Sie holt tatsächlich eine DVD heraus. Sie sitzt auf dem Bett, dann liegt sie plötzlich drauf. «Und das war», sagt Amin, «irgendwie so ein Startsignal.»
Janis gibt Amin ein Zeichen, aus dem Zimmer zu gehen. Zwei Minuten wartet er auf dem WC. «Gleich zwei Typen einladen für daheim», sagt er noch heute, «damit deutest du schon etwas an.» Er und Janis haben das damals nicht abgesprochen. Amin geht zurück ins Zimmer, legt sich zu den beiden ins Bett. Doch sie ist überrascht. Sagt zuerst nichts, doch dann: «Hey!» Und dann: «Nein!»
Dann setzt sich Amin auf ihre Brust. Sie schreit. Janis liegt zwischen ihren Beinen. Sie schreit. Das sei, sagt Amin heute, nur so halb an ihn herangedrungen. Er habe nur gedacht, das könne ja nicht sein, dass sie nicht wolle. Sie habe schliesslich schon mit vielen geschlafen.
Er will einen «Blowjob». Er wird wütend. Er denkt, «das kann ja nicht sein, dass sie nicht mit mir will». Er hört nicht auf. «Ab einem gewissen Punkt», sagt er, «wurde es sehr schwer aufzuhören.» Es dauert etwa zwei Minuten. Er zwingt sie zum Oralverkehr, sein Freund dringt in sie ein.
Einzige Gemeinsamkeit: jung
Es gibt viel mehr dieser sexuellen übergriffe durch Jungen und junge Männer, als man glaubt. Und zwar nicht erst seit Kurzem. Mit der dazu aussagekräftigsten nationalen Studie haben der renommierte Kriminologe der Universitäten Cambridge und Zürich Manuel Eisner und der Kriminologe Denis Ribeaud gezeigt: Mindestens jeder dritte missbrauchte Minderjährige wird in der Schweiz von einem Minderjährigen missbraucht. Es geht also um Hunderte Fälle jährlich; die Ergebnisse der Befragung von 2600 15-Jährigen aus dem Kanton Zürich werden von namhaften ähnlichen Erhebungen, etwa in den Niederlanden oder Deutschland, bestätigt. Die jungen Sexualtäter haben kaum gemeinsame Merkmale. Die Täterschaft ist soziokulturell absolut heterogen. Sie kommen aus allen sozialen Schichten, aus intakten oder zerbrochenen, in- oder ausländischen Familien. Die grösste Gruppe der Täter wurde von den Opfern in der Zürcher Studie als Schweizer deklariert, etwa 35 Prozent. Rund 25 Prozent stammten aus dem ehemaligen Jugoslawien, etwa 15 Prozent aus der Türkei. Studienleiter Eisner zufolge lässt sich das Problem damit nicht auf ausländische Täter reduzieren.
Esther erzählt von einer Beachparty der besseren Zürcher Gesellschaft Mitte 2006. Sie erzählt von einem Jungen, der 16 ist und ans Gymnasium geht wie sie. Esthers Mutter ist eine angesehene Medizinerin, auch der Junge kommt aus privilegiertem Haus. Auf der Party redet er über klassische Musik. «Die meisten Jugendlichen interessieren sich ja nicht so für klassische Musik. Am Anfang fand ich ihn sympathisch dafür.» Er versucht, sie zu küssen. Er versucht, ihr den Arm um die Schultern zu legen. Er ist betrunken. Sie sagt, er solle es lassen. Sie sagt zur Freundin: «Der Typ stresst.» Aber später denkt sie sich nichts, als er etwas weiter weg von den anderen am Seeufer neben ihr steht.
Die 15-Jährige hat keinerlei Misstrauen. «Ich dachte: Was kann der mir schon machen?» Esther sitzt in einer Psychotherapiepraxis in Zürich-Hottingen. Sie ist kaum geschminkt, sehr hübsch, intelligent, lacht oft. Sie trägt zwei dünne Shirts übereinander. Eine Swatch, in den Ohren zwei kleine Perlen. Sie erzählt völlig ruhig, völlig gelassen. Nur wenn man darauf achtet, wenn man genau hinsieht, merkt man, wie sie sich langsam verändert. Es wirkt ein bisschen, als ob sie sich nicht entscheiden kann, ob sie gleich lachen oder in Tränen ausbrechen soll.
«Und auch am Rand der Party hab ich gedacht», sagt sie locker, «okay, kann ich ja gleich noch ein bisschen mit ihm spazieren.» Am See küsst er sie. Er zerrt sie in ein Gebüsch, sie lässt ihn zunächst nicht, sie versucht, sich zu wehren, sie ruft, sie wolle das nicht. Aber er reagiert nicht. Sie versucht, sagt sie, noch mehr zu tun dagegen. Nun verändert sich ihr Gesicht endgültig. «Aber», sagt sie und weint, «er war einfach stärker.»
Man hat das Problem jahrelang verdrängt. Das sagen Opfertherapeutinnen wie Bettina von Uslar. Sie betreut seit den Achtzigerjahren Opfer sexueller übergriffe. Nach Jahrzehnten des Wegsehens sei in den letzten Monaten eine öffentliche Diskussion in Gang gekommen. Bisher habe man Mädchen und auch Jungen viel zu selten auf Risiken hingewiesen, die auch von Gleichaltrigen ausgehen. Neuerdings diskutiert man offener über diese Fälle. Daher werden jetzt auch mehr Täter angezeigt. Dr. Ulrich Lips, seit 19 Jahren der Spezialist des Zürcher Kinderspitals für solche Fälle, hat für «Das Magazin» alte Spitalakten durchgearbeitet. Er hat die Entwicklung jener Fälle nachgezeichnet, bei denen Mädchen, seltener Buben, sich in den letzten zwanzig Jahren mit Freundinnen, Lehrerinnen oder Müttern ins Kinderspital trauten und es einen eindeutigen Hinweis auf minderjährige Täter gab. Seit den Jahren um 1995 steigt diese Zahl mit jedem Jahr an. In jenem Jahr wurde das Opferhilfegesetz wirksam. Es hat die juristische Stellung von Opfern gestärkt, und es widerspiegelt ein sich damals zunächst langsam und unauffällig sensibilisierendes Klima in der Gesellschaft.
Erzähl es
Dieses Klima ändert sich in den letzten Jahren immer schneller. Fühlten sich Opfer bisher von ihrem Umfeld ignoriert, so sehen sie sich heute immer mehr durch Freunde und Angehörige darin bestärkt, einen sexuellen übergriff mitzuteilen. Sie kommen laut Ulrich Lips aus allen Schichten, Bildungs- und Einkommensgruppen, Quartieren, Dörfern, Ethnien. Jüngere kommen in Begleitung der Eltern ins Spital, Mädchen in der Pubertät eher mit Freundinnen, Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen. Bei denen, die mit den Eltern, aber ohne Polizei kommen, ist der Täter laut Lips nicht selten der Bruder, «wo dann die Eltern sagen: Zur Polizei gehen wir nicht, aber zum Doktor müssen wir dennoch.»
Die meisten Mädchen und wenigen Jungen wirken erstaunlich ruhig, sagt Lips. Sie beschreiben die Vorfälle. An den Erzählungen hat sich in den letzten Jahren offenbar wenig geändert. Offenbar ebenso wenig wie an der Zahl der tatsächlich begangenen Straftaten – und nicht nur der angezeigten.
«Es scheint, dass in der letzten Zeit mehr Fälle mit noch einem oder zwei Mitbeteiligten statt mit nur einem Täter aufgetaucht sind», sagt Lips. «Grössere Tätergruppen sind absolute Einzelfälle.» Die Mädchen sprechen meist von einem Haupttäter. Mehr als drei Täter sind offenbar extrem selten. Bei etwas jüngeren Tätern sind die Vorfälle oft verknüpft mit einem Spiel. Das Mädchen spielt draussen, die Buben locken sie an einen abgelegenen Ort, etwa in einen Keller. Dort setzen diese sie unter Druck. Etwa, sich auszuziehen. Dies tun offenbar nicht nur sehr junge, sondern auch noch zehn- oder zwölfjährige Buben. Typische Vorfälle sind Eindringen mit dem Finger, vaginale wie auch anale Penetration, in etwa der gleichen Häufigkeit. übergriffe älterer Täter ereignen sich oft nach Partys und im Zusammenhang mit Alkohol oder anderen Drogen auf beiden Seiten. Die Täter sind meist zwei bis drei Jahre älter als die Mädchen und mit diesen seit Kurzem oder Längerem bekannt.
Während die Mädchen die Vorfälle neuerdings öfter anzeigen, die angezeigten Taten in der Kriminalstatistik also zunehmen, gilt dies jedoch offenbar nicht für die Zahl der tatsächlich durch Minderjährige begangenen Sexualstraftaten. Doch immer wieder wird in der aktuellen Diskussion genau diese Zunahme behauptet. Auskunft über einen solchen Trend geben könnten aber vor allem sogenannte Dunkelfeldstudien. Mit ihnen ermittelt man die ungefähre Zahl der tatsächlich begangenen Taten. Man befragt möglichst viele Jungen und Mädchen anonym nach Erlebnissen sexueller Gewalt. Um einen Trend zu zeigen, muss man dieselbe Studie nach einigen Jahren wiederholen. Bis jetzt gibt es in der Schweiz zu diesem Thema aber keine nach Jahren wiederholten Dunkelfeld-Erhebungen – jedenfalls keine publizierten.
Es gibt nur eine bisher unveröffentlichte. Kriminologe Eisner plant, die mit Spannung erwartete zweite Folge der ersten Studie von 1999 in einigen Monaten zu publizieren. Doch fragt man ihn nach den Ergebnissen der Folgestudie aus dem Jahr 2006, sieht er auf Basis der bisher ausgewerteten Daten keinen Grund, das zu revidieren, was er schon zuvor aufgrund ähnlicher europäischer Studien vermutet hat.
Nämlich dies: dass die Deliktzahlen seit Jahren nicht etwa steigen, sondern eher abnehmen als zunehmen. Ein Anruf bei Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen, das ähnliche Studien für die deutsche Bundesregierung mit noch grösseren Befragtenzahlen durchführt: «Nein, die Fallzahlen bei sexueller Gewalt unter Minderjährigen steigen nicht. Sie bleiben gleich oder sinken sogar leicht.» Zu ähnlichen Ergebnissen kommen Dunkelfeldstudien der renommiertesten Forschungsinstitute aus mehreren europäischen Ländern. Weder die Zahl noch die Art oder Schwere der Vorfälle haben sich demnach in den letzten Jahren offenbar verschlimmert.
Stattdessen sieht man jetzt einfach zum ersten Mal in eine bisher blickdichte Kammer. Ulrich Lips: «Man muss sagen, die breite öffentlichkeit interessiert sich erst seit Kurzem für unsere Arbeit und für die Probleme dieser Mädchen.»
Esther sagt: «Ich liege da unten. Jemand hat mich wie von hoch oben von einer Leiter heruntergestossen, und jetzt liege ich da und kann mich nicht mehr bewegen. So fühle ich mich.»
Die Kinderschutzgruppe am Kinderspital betreut Patientinnen mit ähnlichen Problemen aus dem ganzen Kanton Zürich, ihr Einzugsgebiet reicht bis ins Unterengadin. Die Mädchen und wenigen Jungen, die nach solchen Vorfällen kommen, sagt Lips, wirken nicht etwa verängstigt. Die Gynäkologin untersucht sie auf mögliche Verletzungen. Es sind Rötungen und Schwellungen am Körper und im Genitalbereich oder auch schwere Verletzungen, etwa des Hymens. Die ärztinnen suchen in diesen Fällen fremde DNA, entnehmen Blut, testen auf Hepatitis, impfen gegen Hepatitis, geben oft die «Pille danach» und testen auf HIV. Diskutieren lange mit Infektiologen und Psychologen, ob eine HIV-Prophylaxe wirklich nötig sei, denn diese ist mit massiven Nebenwirkungen verbunden. «Die Mädchen selbst», sagt Lips, «haben dazu keine Meinung. Sie sprechen wenig. Sie wollen nichts sagen, sie wollen nichts tun. Sie wollen normal weitermachen. Kein Aufsehen. Sie würden gern sofort wieder in die Schule, es ist eine Art Totstellreflex. Und in der Schule weiss es ja meist schon jeder.»
Bei Esther hält dieser Zustand immer noch an. Sie weiss nicht genau, was schlimmer ist: dieses Gefühl oder das, was ihr passierte, nachdem sie mit Unterleibsschmerzen blutend kurz nach der Tat einem guten Kollegen begegnete. Sie sagte ihm kurz, was geschehen war. Sie beschrieb in ihrer Panik ein paar Details anders als am nächsten Tag ihrer Freundin. Später sprach der Kollege mit der Freundin. Der Kollege sprach mit seiner Schwester, die eine Kollegin des Täters ist. Die Schwester sprach mit dem Täter, er stritt alles ab. Kollege, Schwester und beste Freundin sprachen miteinander. Und dann lief es wie schon einmal. Sie fanden Widersprüche. Wie ihre Mutter damals.
Esther wurde schon einmal missbraucht. Von einem nahen Verwandten. Der damals alles abstritt, als sie ihn mithilfe einer Bekannten anzeigte. Die Mutter hat der Tochter das nie verziehen. Konnte das nie akzeptieren, das Verhältnis der beiden ist noch heute vollkommen zerrüttet.
Der junge Sexualstraftäter von jenem Partyabend gilt in der Clique als Esthers Opfer. Die Kollegen und Kolleginnen sehen in ihr eine Lügnerin. «Es ist nicht bei allen so, dass sie mir wirklich nicht glauben können», sagt Esther. «Einige wie meine Mutter oder meine exbeste Freundin wollen mir nicht glauben, weil sie mit dem Problem und mir nicht umgehen können. Wer mir nach den zwei Sachen im Freundeskreis geblieben ist: jene Bekannte; meine Schulsozialarbeiterin; meine Therapeutin. Und das wärs.»
Skandal tut gut
Nie ist man über ein ähnlich peinliches, ähnlich lange verdrängtes Thema schneller in eine gesellschaftliche Debatte geworfen worden. Dafür machen Experten nicht zuletzt die Berichterstattung verantwortlich. Man kann von vielen, nicht selten sensationslüsternen und das Recht auf Anonymität bei Opfern wie Verdächtigen schamlos verletzenden Berichten halten, was man will – eine Folge der Skandalisierung ist aber auch, dass sie das Thema wie in einem Zeitraffer enttabuisiert. Die Zahl der Leute, die nichts sehen und nichts hören und keine Probleme haben möchten, nimmt rasant ab.
Doch was dann? In einer Zürcher Gemeinde ertappte gerade erst eine Mutter ihre Achtjährige zusammen mit einem anderen kleinen Mädchen, einem kleinen Jungen und einem Zehnjährigen im Feld hinterm Haus. Die Mutter ist – nicht zuletzt durch die Zeitungszeilen in ihrem Kopf – entsetzt. Der Zehnjährige hat seinen Penis an der Vagina des Mädchens gerieben. Alles Kinder aus demselben Haus. Innerhalb von nur zwei Monaten verändert sich für Kinder und Eltern, Opfer und Täter alles. Zerbricht das gutnachbarschaftliche Verhältnis, das Haus ist heillos zerspalten, manche wollen den Vorfall am liebsten vergessen, die meisten nicht weiter mit dem Täter und seiner Familie zusammenwohnen. Gerüchte machen die Runde, der Tätername wird im Quartier bekannt, in der Schule. Auch der Name des Opfers wird unter der Hand diskutiert. Zwei Monate später verlassen der junge «Sexualverbrecher» und seine Eltern das Dorf.
Im Wahljahr 2007 fordern Parteien nicht zuletzt wegen der Vorfälle in Zürich-Seebach, Rhäzüns und anderswo verstärkt Zwangsmassnahmen gegen jugendliche Täter. SVP-Vertreter fordern, auch jugendliche ausländische Sexualtäter so schnell wie möglich auszuschaffen. SP-Politikerinnen wie Chantal Galladé fordern neu auch Freiheitsstrafen für unter 15-Jährige und grössere Vollzugsanstalten. Wie soll die Gesellschaft mit jungen Sexualverbrechern umgehen? Wie gefährdet sind diese Kinder, zu Gewohnheitsvergewaltigern oder pädophil zu werden? Wann genügt es, dass Eltern oder Psychologen eingreifen? Ab wann muss die Justiz reagieren?
Die Nachbarn in einem Mehrparteienhaus in einem Dorf im nördlichen Tessin ahnen nicht, dass einer der Jungen, über die jetzt alles spricht, direkt neben ihnen wohnt. Marko ist vor ein paar Wochen hier eingezogen, alle paar Tage kommt wie gerade jetzt für ein paar Minuten ein Betreuer namens Roland vorbei und sieht nach dem Rechten. Sie reden wie gute Kollegen. Dabei ist das Gutachten, das auf dem Küchentisch liegt, voll mit Angst einflössenden Gefährlichkeitseinschätzungen, Deliktrekonstruktionen und Rückfallprognosen.
Zu den Interviews und zahllosen Psychotests, die man mit ihm, einem jungen Sexualverbrecher, durchführt, gehören das Freiburger Persönlichkeitsinventar, die Psychopathie-Checkliste, der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest, der Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren. Man will nach der Anzeige im Jahr 2005 herausfinden, ob sein Geisteszustand oder seine Persönlichkeit gestört sind. Ob er die öffentliche Sicherheit gefährdet. Ob er wieder sexuell gewalttätig wird, ob er besonderer erzieherischer Massnahmen bedarf.
Bei den Tests betrügt Marko. Er versucht, ein positiveres Bild von sich zu vermitteln. Die Therapeutin hat den Eindruck, er wolle Probleme bagatellisieren. Er zeigt grosse Anpassungsbemühungen, manipuliert bei den Aggressivitätsfaktoren. Beschreibt sich als lebenszufrieden und zuversichtlich. Reagiert auf Nachfragen missmutig, unausgeglichen, verstimmt. Testergebnis 1: Voranschreiten seines problematischen Zustands. 2: Mangelnde Beeinflussbarkeit. 3: Erhebliche Gewaltbereitschaft. 4: Nicht sexuell abnorm.
Einmal – immer wieder?
In den USA betrachtet man jugendliche Sexualtäter seit einigen Jahren zunehmend wie Volljährige – als unverbesserliche, psychisch gestörte kleine Erwachsene. Und behandelt sie auch zunehmend so. Misst sie an den Folgen ihrer Taten. In etwa 25 US-Bundesstaaten wird inzwischen das Megan’s Law auch für minderjährige Sexualstraftäter angewendet. Es ermächtigt Behörden, die öffentlichkeit etwa auf Internetseiten darüber zu informieren, ob nebenan einer dieser Kriminellen wohnt. Das hat das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erhöht. Deshalb will man es demnächst in allen Bundesstaaten einführen.
Doch kann man jugendliche mit erwachsenen Sexualstraftätern vergleichen und so behandeln? Die meisten Mediziner glauben, dass das Gehirn eines Kindes und Jugendlichen weniger leistet als das von Erwachsenen. Ein Teil des menschlichen Gehirns, der besonders langsam wächst, heisst Lobus frontalis. Er entwickelt sich noch etwa bis zum 20. Lebensjahr. Lobus frontalis ist für die Kontrolle von Impulsen verantwortlich, für ihren Abgleich mit Trieben, Gefühlen. Für ihre Regulation. Erwachsene Sexualstraftäter, das ist erwiesen, übertreten zwanghaft klare Alters- und Rechtsgrenzen, oft, immer wieder. Nur eine verschwindend kleine Zahl aller jugendlichen Sexualstraftäter begehen laut US-Studien in ihrem späteren Leben wieder eine solche Tat. Man nimmt an: weil sich ihre Impuls- und Gefühlskontrolle, anders als etwa bei 40-jährigen Tätern, noch bis etwa ins 20. Lebensjahr weiterentwickelt – und vorher zu wenig ausgeprägt ist.
Die Gutachterin rekonstruiert Markos Kindheit. Er kommt im Kanton Aargau zur Welt, ist das behütete Einzelkind einer Schweizer Sekretärin und eines serbischen Gärtnereibesitzers. Mit 13 sucht er neue Freunde. Schaut ab und zu Pornos. Mit 13 hat er auch den ersten Sex. Bei Mädchen ist er hoch angesehen. Mit 14 hat er häufig drei bis vier Freundinnen parallel. Hat Sex bei ihnen daheim, nach Partys, im Auto, morgens um 6 Uhr 30 vor der ersten Schulstunde mit einer ebenfalls 14-Jährigen im Wald. Mit 16 schläft er auf einer Tischtennisplatte mit einer 15-Jährigen und zeugt sein erstes Kind. Er versucht, um den Vaterschaftstest herumzukommen, manipuliert ihn geschickt, was nur zufällig bemerkt wird. Marko: «Es war krass. Liebe war nicht dabei. So 08/15-Sex. Rumprobieren. Die Mädchen wollten übrigens auch rumprobieren. Es gab Typen, die waren nicht so charmant. Ich konnte den Mädchen Komplimente machen, Komplimente sind gefragt dort, von denen bekommen sie nicht so viele. Ich konnte ihnen alles erzählen. Ich hab immer den passenden Satz gefunden. Ich konnte einer Frau Hoffnungen machen, obwohl ich wusste, ich will sie nicht öfter sehen als einmal. Ich bin einfach zu intelligent für diese Sachen. Aber wenn eine nicht so weit gehen wollte, konnte ich das auch immer akzeptieren. Klar probierst dus. Aber wenn sie sagte Nein, dann war fertig.»
Dann häufen sich Probleme. Er nimmt Kokain. Hat ständig Streit mit seinen Eltern. Fliegt aus der Lehre. Stiehlt seinen Eltern Geld. Stiehlt mehrere Velos, um Kokain dafür zu kaufen. Seine Freundin, die er seit sechs Monaten hat und von der er sagt, dass sie seine erste Liebe ist, macht Schluss. Das ist ihm noch nie passiert. Ein paar Tage später verabredet er sich mit einem Mädchen, ein Jahr jünger, vor drei Monaten hat er mit ihr im Vollrausch in einem Club-Hinterhof geschlafen.
Jetzt treffen sie sich, rauchen etwas zusammen, er hat irgendwie Lust. Gegenüber ist ein Solarium. Er schlägt vor, hineinzugehen. Sie küssen sich, küssen sich erneut, dann will sie nicht weitermachen. Er rastet aus, er drückt sie zu Boden, er reisst ihr das T-Shirt, die Hose, den Tanga auf. Sagt, er werde sie durchnehmen wie nie einer, er presst seine Hand an und in ihre Vagina. Dann kommt er zu sich. Er sagt, wie das Mädchen später angibt: «Baby, ich han dir nöd welle weh mache.»
Die Gutachterin schreibt: «Marko hat nie Respekt vor Autoritäten gelernt.» Er hat nie Sanktionen erfahren. Er ist in seiner Kindheit massiv verwöhnt worden. Er ist von klein auf sofortige Lustbefriedigung gewohnt. Triebverzicht oder das Verschieben von Bedürfnissen sind bei Marko kaum ausgebildet. Sie deutet die Tat als Reaktion auf Zurückweisung, Kränkung, aus Wut über eigene Ohnmacht. Als Ergebnis mangelnder Selbstkontrolle.
Jugendliche Sexualstraftäter sind laut US-Studien bedeutend gefährdeter, einen Diebstahl zu begehen als einen zweiten sexuellen übergriff. Psychotherapeutinnen wie Bettina von Uslar halten auch wenig von offensichtlich scheinenden Schuldsprüchen über die «zunehmende Sexualisierung unseres Alltags», etwa durch Werbung, Medien, Internet. Natürlich sind Minderjährige stärker als früher einem offeneren Zeitgeist ausgesetzt. Der vor allem Mädchen sagt, dass leichte Bekleidung und sexuelle Attraktivität das Wichtigste sind auf der Suche nach ihrer Identität. Der Jungen sagt, schon mit 14 seien sexuelle Erlebnisse Pflicht. Natürlich würden auch oft Bilder in Köpfen auftauchen, Hardcore-Szenen, die man nicht einordnen kann. Aber dass vor allem dieser Zeitgeist viele Jugendliche in Sexualverbrechen treibt, passt einfach nicht zu der Entwicklung der tatsächlichen Fallzahlen, nehmen diese doch allem Anschein nach ab, im Gegensatz zur Zahl der Anzeigen.
Vor nicht langer Zeit kämpften Therapeuten und Opferanwälte diesen Kampf schon einmal. Damals an einer anderen Front. Sie kämpften dafür, sexuelle Gewalt durch erwachsene Täter ernst zu nehmen. Ab Ende der Achtzigerjahre wurden Helplines aufgebaut, Opferberatungsstellen eingerichtet. Frauen und Männer gingen mit ihren Geschichten an die öffentlichkeit. Das war nötig, um die Stellung der Opfer zu stärken. Das ist auch in der heutigen Situation nötig. Von denen, die damals für mehr Publizität bei Sexualdelikten durch erwachsene Täter kämpften, sagen einige heute aber auch, man habe es zuweilen ein wenig übertrieben. Für sexuelle Gewalt hat sich damals kein Mensch interessiert. Man musste ein wenig Druck ausüben. Aber man muss auch aufpassen, dass man sich an die Fakten hält.
In den Achtzigerjahren etwa interessierte sich kaum jemand für die schon damals zahlreichen Delikte durch Minderjährige und schon gar nicht für die vielen Taten von Verwandten. Zu dieser Zeit ging es vor allem um die wenigen, spektakulären Verbrechen durch fremde, erwachsene Täter.
Auch die aktuelle Diskussion nimmt zuweilen seltsame Züge an. Man fasst zum Beispiel unter dem Label «sexueller übergriff» medial alles Mögliche zusammen, macht es zum Skandal. Dabei gehören manche Vorfälle in den Bereich der in einem gewissen Alter relativ normalen sexuellen Experimente. Sie können teilweise auch einvernehmlich erfolgen. Bei vielen Fällen gerade mit sieben- bis elfjährigen Tätern wird es wohl nie eine verbindliche Kategorisierung als noch «normal» oder «nicht mehr normal» geben. Ist der Elfjährige, der nach dem Hintern eines Mädchens greift, gefährdet, sich zu einem Sexualverbrecher zu entwickeln? Ist ein Achtjähriger, der seinen Penis an der Vagina einer Sechsjährigen gerieben hat, bereits auf diesem Weg? Was diese Fälle verbindet: Im Kopf des Täters steckt ein Kindergehirn.
Nach ihrer Verurteilung wurden Marko und Amin in eine therapeutische Massnahme eingewiesen, die sie aus ihrem Umfeld isoliert und sie auf «sozial erwünschte Bekräftigungsmöglichkeiten» wie Ausbildung und selbst erarbeitetes Einkommen vorbereiten soll. Die Massnahme sollte sie zwingen, unter psychologischer Begleitung in einer Gruppe Gleichaltriger grundlegende gesellschaftliche Regeln zu lernen. In dem Geschäft, in dem Marko seit 2006 eine Lehre macht, hat er sich seinem Chef zufolge zu einer der Personen entwickelt, «die den Laden am meisten mitziehen».
Gerade durfte er aus der 24-stündigen überwachung im Therapieprojekt in einem Bergdorf in eine Aussenwohnung ziehen. Er fährt oft nach Zürich und sieht seine Tochter. Er sagt: «Es war ab 14 alles ein bisschen viel. Ich hab das nicht mehr auf die Reihe gekriegt. Jetzt wird es ruhiger, jetzt kehrt sich das.» Der Chef des Projekts, Hugo Zimmermann, sagt: «Er wird es, denke ich, schaffen.»
Es braucht keine härteren Strafen, wie sie etwa Teile der SP verlangen. Sondern mehr, möglichst intelligente Therapiemassnahmen. Am besten solche, die ganz zu Beginn ansetzen, überforderte Eltern unterstützen und das Problem im Frühstadium lösen. Noch immer thematisiert man im Aufklärungsunterricht nicht häufig genug sexuelle Gewalt unter Gleichaltrigen. Und kaum je erlernen Jungen gezielt Strategien, sexuell gewalttätiges Verhalten zu vermeiden. Was dann noch fehlt, ist mehr Unterstützung für Opfer – nicht durch Mediziner und Therapeuten, sondern durch Freunde und Kollegen.
Esther wird den Jungen nicht anzeigen, wegen dem sie nachts aufwacht. «Ich will irgendwie nicht, ich kann nicht. Ich hab erst mal genug von den beiden Sachen. Mir fehlt auch irgendwie ein bisschen die Hilfe. Einen Freund hab ich mal sicher nicht, hab ich nie gehabt. Hab mir darüber nie Gedanken gemacht. Ich würd schon gern einen wollen. Wäre auch einmal kurz davor gewesen eigentlich. Aber ich will irgendwie gar keinen. Ich hab viel zu viel Probleme. Kei Ahnig. Ich will gar nichts.»

Bild: Gregory Gilbert-Lodge
Ein bemerkenswerter Artikel, der aber nur von schuldigen und verführten Jugendlichen spricht, die nach der Tat von Spezialtherapeuten zum "Normalbürgertum" zurückgeführt werden. Was lernen denn die Jugendlichen von Sex? In jedem heutigen Film wird gebumst, gevögelt oder gefickt. Diese Worte können auch in hoch gelobten Romanen gelesen werden. Die Propaganda vieler Produkte zeigt nackte Haut in schon perverser Form. Die Mode verführt jugendliche Frauen, um dabei zu sein, zur Schaustellung nackter Haut von hinten bis vorne in aufreizender Form. Beim Porno wird die Grenze immer fliessender. Wozu dient Sex? Die Natur hat den Sex geschaffen, um damit die Fortpflanzung zu sichern. Bei Tieren wird durch Kämpfe der Bullen ausgemacht, wer zur Fortpflanzung zu gelassen ist. Die Konfessionen haben immer versucht, die Sexualität durch Gebote zu lenken, den Menschen damit Richtlinien zu geben. Die Obrigkeit hat sich vielfach nicht daran gehalten. Im Islam ist es die Macht, die den Männern durch ihre Kirche gegeben ist. Frauen gehören dem Mann mit dem sie verheiratet worden sind. Untersuchungen über Vergewaltigungen gibt es hier nicht. Mehrere Frauen sind möglich. Für Frauen westlicher Prägung und wohl auch für viele islamische ist diese Lösung eine Katastrophe, hat sich aber seit Jahrhunderten gehalten. Die Katholische Kirche versucht die Menschen durch sexuelle Verbote vor der Ehe zur sexuellen Enthaltung zu bringen, die Sexualität ohne Zeugung wird als Sünde dargestellt, die Priester durch das Zölibat davon ferngehalten. Sexuelle Schwäche wird damit zu einer Grosstat hochstilisiert, was zu sexuellen Übergriffen an Jugendlichen oder erworbener Homosexualität führt. Diese Art der Lösung wird vielfach abgelehnt. Die von der kirchlichen Obrigkeit nicht mehr Abhängigen, müssen jetzt einen eigenen Weg suchen, um eine individuelle Lösung mit der Sexualität zu finden. Hier ist leider vielfach das was Geld einbringt der Hintergrund des sexuellen Denkens und Handelns. Unabhängige sexuelle Aufklärung in der Schule wäre wohl ein erster Schritt. Und zwar über sexuelle Kraft, die in ihrer Potenz so verschieden ist, wie jede andere Fähigkeit, die dem Menschen von der Natur gegeben wurde. Menschen mit schwacher sexueller Kraft können ohne Beschwerden im Zölibat leben, andere nicht. Ein zweiter Schritt wäre die subtile Einführung in Gefühle, die ebenfalls von Mensch zu Mensch grosse Unterschiede aufweisen. Feinste Gefühle haben Künstler immer an Heiligen dargestellt. Für feinfühlende Menschen ist das Fühlen von Liebe mehr wert als Sex. Ein dritter Schritt wäre die Vermittlung gesetzlicher Grundlagen. Jugendliche sind heute weitgehend auf sich alleine angewiesen. Wo bleibt eine Schulung zum differenzierten Verständnis der Sexualität? Jeder Jugendliche muss seine Erfahrung auf irgendeine Art selber machen, bei den oben dargestellten heute so aufreizenden, negativen Vorbildern. Damit wird die Gefahr gross, aus Neugier (viele der dargestellten Fälle zeigen diese Neugier) oder sexueller Bedrängnis oder aus der falschen Ansicht Frauen seien zur Befriedigung der Sexualität da, gegen die Gesetze zu handeln. Hier kann nur ein offener, unverklemmter Unterricht zu Einsichten in vernünftige sexuelle menschliche Zusammenhänge Tore öffnen zum nicht gewalttätigen Umgang mit der so lebenswichtigen, für Viele nicht unterdrückbaren, schönen Sexualität.
Czerwinskis Artikel ist sicher wichtig, leider hat er den alles entscheidenden Faktor für sexuelle Übergriffe ignoriert, den Faktor Geschlecht. Ein Zwischentitel in Czerwinskis Text lautet: „Einzige Gemeinsamkeit: jung“. Treffender wäre gewesen: „Einzige Gemeinsamkeit: männlich.“ Statistiken zeigen, die Mehrheit der Täter sind Männer und Knaben. Diese Zahlen lassen sich nun mal nicht wegdiskutieren. Insofern scheint die ganze Diskussion um Täter mit Migrationshintergrund absurd. Aufschlussreicher wäre ein öffentlicher Diskurs über Männlichkeit. Bereits in den 70-er Jahren brachten Feministinnen das Thema Übergriffe auf Frauen und Mädchen als strukturelle Gewalt aufs Tapet und ernteten dafür bestenfalls Hohn und Spott. Feministischer Diskussionspunkt war übrigens auch damals nicht der böse Mann, der im dunklen auf sein Opfer lauert, sondern die nahen Verwandten, die sich an den Mädchen oder Knaben vergreifen. (Sowie Mütter, Gattinnen und Schwestern die sich aus Feigheit hinter ihre Söhne, Gatten und Brüder stellen und sich somit der Mittäterschaft schuldig machen.) Weshalb Czerwinski das Thema „Jugendliche Sexualstraftäter“ nicht in den Kontext von Macht, Geschlecht und Gesellschaft setzt, überrascht. Weltweit „fehlen“ demographisch jährlich 2 Mio. Mädchen und Frauen (Das ist ein Holocaust alle drei Jahre) – Sie werden Opfer von Gewalt in den verschiedensten Formen. Gewalt muss sich aber nicht nur physisch äussern: Die Tatsache, dass Frauen bei gleichwertigem Bildungsstand und gleichwertiger Arbeit bis zu einem Drittel schlechter entlöhnt werden als ihre männlichen Arbeitskollegen, verweist darauf, dass Frauen in unserem (kapitalistischen) Ordnungssystem weniger Wert sind. Diese sexistischen Signale, die in unserer Kultur täglich ausgesendet werden, werden auch von den Jugendlichen bestens verstanden: „Ich muss die Grenzen meiner Schulkollegin nicht respektieren, sie ist ja nur ein Mädchen.“ In diesem Zusammenhang scheint mir Czerwinskis Erklärung über den Lobus frontalis etwas befremdend. Mädchen haben bis 20 Jahre auch einen unterwickelten Lobus frontalis, sie verhalten sich aber oft anders als junge Männer. Es ist klar, dass man sich mit einem feministischen Zugang zum Thema Jugendgewalt nicht besonders beliebt macht. Czerwinskis Artikel hätte allerdings an inhaltlicher Differenziertheit gewonnen, wenn er auf seinem geschlechtsspezifischen Auge nicht blind gewesen wäre.
Inmitten des flauen Wahlkampfes 2007 scheinen die Parteien nun endlich ein Thema gefunden zu haben, welches für Emotionen aber auch den notwendigen Diskussionsstoff sorgt. Die Jugendkriminalität. Immer mal wieder ein beliebtes Themenfeld für Populismus. Der SVP kann attestiert werden, dass sie die Partei war, welche die Problematik von gewalttätigen Jugendlichen aufs Parkett gebracht hat. Einmal mehr aber fehlen die realistischen Lösungsansätze. Die SP auf der anderen Seite wagt sich für ihre Verhältnisse schon massiv aus dem Fenster und befürwortet in Teilen eine repressivere Praxis. Trotzdem, Patentrezepte liegen für ein solch komplexes Thema nicht auf der Strasse und die Gefahr der reinen wahlkampfmässigen Ausschlachtung ist gross. Schliesslich ist die Problematik der Jugendgewalt nicht erst seit gestern bekannt. Mehr Repression kann ein Ansatz sein, aber sicher nicht der Weisheit letzten Schlusses.
Das Problem – so Eisner – lasse sich nicht auf ausländische Täter reduzieren. Aber ist es nicht so, dass diese übervertreten sind?
- 35 Prozent der Täter sind Schweizer (inbegriffen die Secondos?)
- 25 Prozent sind Ex-Jugos, l5 Prozent Türken. Welchen Nationalitäten gehören die restlichen 25 Prozent an?
- Stimmt es, dass somit 40 Prozent der jugendlichen Männer dieses Alters Angehörige von Exjugoslawien und der Türkei sind? Beträgt der Anteil der Schweizer wirklich nur noch 35 Prozent an der Gesamtbevölkerung dieser Altersgruppen? Und noch etwas: Bis zum 20. Altersjahr entwickelt sich das jugendliche Gehirn noch. Ist es da klug, bereits den 16jährigen das Stimmrecht zugeben?
Sie nehmen die Schweizer mit 35 Prozent als die grösste Tätergruppe wahr. Der aufmerksame Leser kommt auf 40 Prozent Jugendliche vom Balkan (25 Prozent Albaner und 15 Prozent Türken), bzw. 65 Prozent Ausländer. Und das nennen Sie "soziokulturell absolut homogen". Sie nennen eine Vergewaltigung, die genauso wie ein Mord, unabhängig vom jugendlichen Alter der Täter und Opfer ein Verbrechen ist und bleibt, einen "sexuellen Übergriff". Wenn Sie weiterhin solche Multikultilügen verbreiten und die Tatsachen und das Recht verdrehen, landen wir in einem Staat mit 100 Prozent SVP-Wählern minus 1.
Es wird viel über jugendliche Sexualstraftäter geschrieben und die Meldungen häufen sich. Aber noch nie habe ich etwas Über die Eltern der "Täter" gelesen. Wie geht es einer Mutter, deren Kind sowas passiert ist? Wie kann sie es aushalten, wenn ihr das Kind weggenommen wird. Wer kümmert sich um solche Eltern? Wer hilft ihnen? Brauchen die Eltern der "Täter" weniger Hilfe als die der "Opfer". Werden sie gleich behandelt wie die der Opfer?
Was Herr Krajinovic zu Ex-Jugoslawien geschrieben hat, ist wichtig. In gewissen Kreisen gilt es als rassistisch, einen Kosovo-Albaner als solchen zu bezeichnen. Aus diesem Grund werden diese Personen als Ex-Jugoslawen bezeichnet, obwohl die Kosovo-Albaner sowohl im ehemaligen Jugoslawien als auch in Serbien eine Minderheit sind. So werden denn die Serben (und anderen Völker aus dem vormaligen Jugoslawien) aus falsch verstandener politischer Korrektheit für alles "haftbar" gemacht, was ein Kosovo-Albaner tut.
Was ich bei meinem ersten Beitrag vergessen habe:
Es ist ärgerlich, wie Ihr Autor als gegeben ansieht, dass speziell in albanischen Jugendmilieus zwischen sogenannten Bitches, die man haben kann und soll, und anständigen Mädchen unterschieden wird. Ihr Autor hinterfrägt diese nicht schweizerische Einstellung Frauen gegenüber keinen Augenblick, womit er diese diskriminierende Einstellung nicht nur als Erklärung sondern auch als Entschuldigung im Raum stehen und gelten lässt.
Und was bei meinem ersten Kommentar der Kürzungs- oder Zensurschere zum Opfer fiel: Mein Hinweis, dass wohl ungefähr die Hälfte der Täter einen islamischen Hintergrund hat, nämlich die Türken und die meisten Albaner.
gemäss bundesamt für statistik (ständige wohnbevölkerung nach alter und staatsangehörigkeit am jahresende 2005) beträgt der anteil der gesamten ausländischen wohnbevölkerung bei den 0-19 jährigen 22.2 % – der der schweizerInnen demnach 77.8 %. sollte die täterschaft tatsächlich soziokulturell heterogen sein, müsste doch der anteil der ausländischen täterschaft auch 22.2 % betragen? und nicht wie erwähnt 65 %. es scheint eher, als wäre der anteil der ausländischen täter im vergleich zur wohnbevölkerung überproportional gross. aber auch dafür lassen sich sicher integrationstechnische gründe und entschuldigungen finden…
Ob unsere Gesellschaft bisweilen hysterisch reagiert, wenn zwei Kinder sich intim berühren oder ein jugendlicher Sexualstraftäter statistisch gesehen als Erwachsener eher einen Diebstahl begeht, sei meiner Meinung nach vollkommen dahingestellt.
Faktum ist doch, dass wir noch immer von althergebrachten und somit vollkommen überholten Rollenbildern ausgehen.
Dies zeigt sich überdies gerade auch beim Text selber, lässt der Autor doch die Aussprüche des einen Jugendlichen, der den Unterschied zwischen normalen Mädchen und Schlampen macht und sagt, „Was würdest du denn denken, wenn eine 14-Jährige halb nackt, Minirock und wackelnder Hintern, Titten fallen fast raus, an dir vorbeigeht? … Eine, bei der du genau weisst, du kriegst sie – wenn du dich ein klein wenig bemühst. Denn sie will das eine auch“, gänzlich unkommentiert. Warum bietet man einem Jugendlichen ein Forum für frauenfeindliche Sprüche dieser Art? Und diskutiert nicht gerade anhand dieses markanten Beispieles von Respektlosigkeit, dass Vergewaltigungen auch mit mangelnder Achtung dem anderen Geschlecht gegenüber zu tun haben? Wie sollen Jugendliche ihre Triebe im Zaum halten können, wenn man ihnen die Vorstellung lässt (oder diese gar nährt), es gebe halt Frauen, die eine Vergewaltigung geradezu herausfordern würden?
Wir sollten eine gleichberechtigte Gesellschaft anstreben und dazu brauchen wir definitiv keine intelligenteren Therapiemassnahmen für Sexualverbrecher, sondern eine gescheitere Auseinandersetzung mit der Rolle der Geschlechter!
Es wird bereits wieder darüber diskutiert, welche Nationalitäten jetzt besonders schlimm sind. Mir scheint, je länger je weniger ist es möglich, Ursachen und Lösungsansätze gesellschaftlicher Probleme objektiv zu diskutieren, falls sich gewisse statistische Auffälligkeiten bezüglich einzelner Nationalitäten finden lassen. Jedem Opfer von Sexualstraftaten ist es vollkommen egal, welchen Pass der TÄTER hat. Hier liegt die Krux: Die grösste statistische Auffälligkeit liegt nicht in der Nationalität, sondern im Geschlecht: Gewalt im allgemeinen und sexuelle Gewalt im besonderen ist primär ein MÄNNLICHES Problem, kein ausländisches. Vergewaltigungen haben zudem auch selten mit sexuellem Verlangen zu tun, als viel mehr mit dem Verlangen nach Dominanz und Unterdrückung des Opfers. (= also normalerweise der Frau) Bei all dem geht aber der wichtige Satz in der Einleitung des Artikels vergessen: "Doch immer schon gab es mehr von ihnen, als man wissen wollte." Sexuelle Gewalt ist wohl so alt wie die Menschheit an sich. Wir tun gut daran, die Relationen im Auge zu behalten. Ohne zynisch zu sein wollen, muss man objektiv einfach festhalten, dass ein paar wenige Gräueltaten (Rhäzüns, Seebach etc.) einfach absolut nicht ausreichen, um daraus Rückschlüsse auf die Gesamtbevölkerung der Schweiz – oder nur schon der männlichen Jugendlichen der Schweiz – zuzulassen. Unser Bedürfnis nach Erklärung mag gross sein, dies darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass simple Antworten wie "Ausländer sind schuld" "Pornos sind schuld" und ähnliches einfach viel zu kurz greift. Wenn man sieht, wie lange sexuelle Gewalt gegenüber Frauen bereits existiert, ist z.B. das vergleichsweise junge Phänomen Pornographie bestenfalls ein kleines Steinchen im Mosaik.
Auf Seite 12 unten meint der Autor, dass bei 35 % Schweizertätern das Problem sich nicht auf das Problem Ausländer reduzieren lasse.
Da bin ich doch der Meinung, dass 65% Ausländeranteil signifikant genug ist, um dort das Hauptproblem orten zu können.
Zusätzlich würde ich mich brennend interessieren, wieviele der 35 % "Schweizertäter" aus Familien stammen, wo beide Elternteile als Schweizer geboren wurden.
An Daniel Caduff.
Sie bezeichnen Sexualstraftaten als gesellschaftliches und als primär männliches Problem, nicht als ausländisches. Ja, Sie haben recht, sie sind nahezu ausschliesslich ein männliches Problem. Aber meines Erachtes weniger ein "gesellschaftliches" als ein kulturelles Problem. Wenn die Täter zur Hälfte islamischen Hintergrund haben, obwohl nur eine verschwindend kleine Minderheit der hiesigen Einwohner bzw. der "Gesellschaft" einen solchen hat, dann ist auch die Rolle der Religion bei der Vermittlung von Moral und Sittenlehre zu hinterfragen.
Und wenn der Autor Rico Czerwinski die Charakterisierung der Opfer durch die Täter als aufreizende "Schlampen" unkritisch übernimmt, dann schiebt er die Schuld, die sich die jungen Männer aufgeladen haben, an die jungen Frauen (oder Mädchen) zurück. Die Moral aus seiner Geschicht’ ist: "Hätten die sich nur anders gekleidet, wären sie nicht zu Opfern geworden." Rico Czerwinski übernimmt damit in typischer Multikultimanier völlig unkritisch die Sicht der islamisch geprägten Unkultur, Frauen, welche sich irgendwo, auch in der abendländischen Schweiz, nicht islamkonform verhalten und kleiden, im Bedarfsfall das Recht auf ihren Körper und ihre Integrität und Würde abzusprechen.
Solange die blinde Toleranz von Multikulti jeder beliebigen Schein- oder Unkultur gegenüber die Täter aufgrund ihrer fremden "Kultur" automatisch entschuldigt, wird Multikulti wohl noch zahlreiche unschuldige Opfer zu verantworten haben.
@ Kuhn Werner
Sehr geehrter Herr Kuhn,
ich stimme vielem zu, was Sie sagen, jedoch nicht uneingeschränkt. Offensichtlich haben Sie recht, wenn Sie bemerken, dass der Anteil islamischer Täter im Vergleich zur Gesamtbevölkerung zu hoch ist. Trotzdem sind nur eine kleiner Minderheit aller Muslime Sexualstraftäter. (gilt für Jugendliche und Erwachsene) Die Frage muss also lauten, was aus einem Muslim einen muslimischen Sexualstraftäter macht.
Einen Punkt haben Sie angesprochen: Die oftmals frauenfeindlichen, patriarchalen Strukturen dieser Gesellschaften. Nur ist das auch bei gläubigen Christen so. Auch im Katholizismus und den meisten anderen Religionen ist die Frau gegenüber dem Mann Untertan. So betrachtet wäre die fortschreitende Säkularisierung der Schweiz zu begrüssen, da dadurch die religiös motivierte Schlechterstellung der Frau langsam aber sicher nachlässt.
Aus dieser kulturell definierten Minderwertigkeit der Frau jedoch automatisch auf eine höheres Risiko für Sexualstraftaten zu schliessen, ist sicher falsch. Ein zentraler Punkt, in dem sich der organisierte Islam von den westlichen Wertvorstellungen unterscheidet, betrifft ja gerade seine rigide Sex-Feindlichkeit. Noch heute gilt Sex in vielen islamischen Kulturen als tendenziell "schmutzig", ausserehelicher Sex sogar als sehr schlimme Sünde, der in einigen Ländern mit dem Tod bestraft werden kann. Vergewaltiger werden z.B. noch heute im Iran oder Saudiarabien öffentlich hingerichtet. Die bei Ihnen implizit vorhandene These, wonach "der Islam" (es gibt unzählige verschiedene Ausprägungen) sexueller Gewalt also Vorschub leistet, oder sie zumindest begünstigt, ist angesichst des starken Tabus, welches Sex allgemein und sexuelle Gewalt im besonderen, gerade auch in islamischen Kulturen darstellt, mehr als fragwürdig. In keiner mir bekannten islamischen Kultur würde das im Artikel geschilderte Verhalten geduldet.
Wo ich mit Ihnen überhaupt nicht einverstanden bin, ist Ihre Kritik an Rico Czerwinski. Der Autor gibt nur die Äusserungen des Täters weiter. Auch wenn es nicht explizit kommentiert ist, wir sofort klar, dass es sich dabei nicht um die Meinung des Autors handelt. Im Rahmen seiner journalistischen Arbeit hat er uns einfach die Denkweise des Täters aufgezeigt. Nur weil uns diese verabscheuungswürdige Denkweise nicht gefällt, soll man aber nicht dem Autor einen Vorwurf machen. Das ist in etwa so absurd, wie wenn Sie behaupten würden, dass die Kriegsberichterstattung der Tagesschau schuld an Kriegen sei.
Wo ich mit ihnen wieder absolut einig bin, ist der Punkt, dass in der Schweiz ganz allgemein aus falsch verstandener Toleranz heraus die kulturelle Unterdrückung von Frauen, wenn nicht geduldet, dann doch hingenommen wird. Aber ich bleibe dabei: Wenn man in diesem Punkt gegen den Islam schimpft, dann muss auch die "Frau an den Herd"-Mentalität vieler Schweizer Konservativer bekämpft werden. Das Christentum als Religion ist keinesfalls frauenfreundlicher als der Islam. Aber auch z.B. im Hinduismus (Stichwort: Zwangsheirat von tamilischen Frauen)läuft in der Schweiz einiges schief in dem Bereich.
Ihre Unterscheidung zwischen Religion und Kultur ist zudem relativ unscharf. Aber wenn Sie schon eine religiös geprägte Kultur verantwortlich machen, dann müsste die einzig logische Folgerung die sein, dass Religionen ganz allgemein bekämpft werden müssen, da sie in der Mehrheit de facto frauenfeindlich sind.
Und trotzdem: Im Artikel heisst es ja, dass Sexualstraftaten unter Jugendlichen ein altbekanntes Phänomen sind. ("Doch immer schon gab es mehr von ihnen, als man wissen wollte.") Der Anteil der musilimischen Jugendlichen ist in der Schweiz allerdings erst seit ca. 15 Jahren stark angewachsen. Was hat die Jugendlichen davor zu Sexualstraftätern gemacht? Und reicht es, wenn wir uns nur auf diesen einen Erklärungsansatz beschränken? Sollen uns deswegen die Schweizer Täter egal sein? Sollen wir uns über die Gründe für ihr Verhalten keine Gedanken mehr machen?
@ alle: Ihr Interesse an meinem Text freut mich sehr, herzlichen Dank für die vielen so interessanten wie differenzierten Beiträge zum Artikel und zu diesem komplexen Thema, per Mail oder hier auf der Seite.
@ Christa Wirth:
Die übergrosse Mehrheit der Täter ist männlich, die übergrosse Mehrheit der Opfer ist weiblich. Darin stimme ich Ihnen vollkommen zu!
@ Werner Kuhn, Pascal Baumann:
Bei der Definition von "soziokultureller Hintergrund" sind wir tatsächlich unterschiedlicher Meinung, denn diese Definition umfasst meiner Meinung nach weit mehr als Nationalität.
@Marcel Bertschi: Sie haben Recht, das Problem lässt sich nicht auf ausländische Täter reduzieren, aber diese sind übervertreten.
@ Livia Knüsel, Werner Kuhn:
Ich suche die Schuld wie Sie beide nicht bei den Opfern, sondern bei den Tätern – das ist der Grund, aus dem ich deren Aussagen nicht zensiere. Eine offensichtlich menschenverachtende Kategorisierung wie "Schlampe" durch die Täter nicht zu erwähnen, wäre meiner Meinung nach Zensur. Und sie entrüstet zu kommentieren, ein Misstrauensbeweis an das Gerechtigkeitsempfinden unserer Leser. Ansonsten würde ich gern auf Daniel Caduffs Beitrag verweisen.
@ Zeljko Krajinovic:
Ich finde wie Sie, dass viel zu häufig vom "Balkan" die Rede ist, wenn es etwa um Serbien und Montenegro, Kroatien oder Kosovo geht. Das wird natürlich nicht deutlich, wenn ich diese Kategorisierung an der Stelle, von der Sie sprechen, zitiere.