04.09.2007 von Margrit Sprecher , 19 Kommentare
Nichts ist leichter, als den Weg zu einer SVP-Veranstaltung zu finden. Wer dem Strom der Grauhaarigen folgt, sieht schon bald die ersten Polizeiwagen auftauchen und dahinter die Uniformierten vom parteinahen Sicherheitsdienst Ruvor. Beflügelt vom Anblick, beschleunigen die Senioren ihren Schritt: Wieder was los heute, in ihrem Leben.
Lange versuchten die Medien, SVP-Treffen und ihre Protagonisten zu übersehen und zu überhören: schlicht zu unappetitlich diese Meinungsschleudern, die mit Inbrunst die Rüpel spielen und nicht mal zum Schein die Polit-Höflichkeit wahren. Erst, als sich die Partei um die Jahrtausendwende verdoppelte und nicht mehr ignorieren liess, begannen die Journalisten, mit spitzen Fingern an ihrem Gedankengut herumzuzupfen – am liebsten in Form einer Glosse. Heute, wo die SVP zum grössten bürgerlichen Block geworden ist, kommt niemand mehr um die Berichterstattungspflicht herum. Viele entledigen sich der Aufgabe mit der minimalen Zeilenzahl und der Einflechtung von ein paar Spitzen, die ihre eigene Einstellung deutlich machen sollen.
Noch weniger Lust zeigen die Medien, sich mit der Parteibasis zu beschäftigen, mit jenen fast 100 000 Frauen und Männern, die die Parteiideale leben. Ausflüge in ihre Welt sind deshalb Expeditionen in eine nie gezeigte und selten beschriebene Schweiz – der Fotograf Fabian Biasio erforschte den weissen Fleck auf der Schweizer Landkarte vier Jahre lang. überall herrscht dichte Gemütlichkeit. An einer SVP-Versammlung ist die Musik laut, der Händedruck fest und das Schnitzel gross. Im SVP-Heim hängt an den Wänden Patriotisches – gemalt, geschnitzt, gestickt oder in Zinn gegossen. Zur Grundausstattung gehören die Schweizer Fahne, Rütlischwur, General Guisan und Ankers «Strickendes Mädchen». Letzteres lismet auch auf den Dankeskarten, die Blocher seinen Getreuen schickt, versehen mit den Begleitworten: «Das Bild stellt solides handwerkliches Schaffen dar, eine Eigenschaft, die gerade in der heutigen Zeit dringend notwendig ist: handwerkliche Grundsätze in der Führung, der Wirtschaft und der Politik sowie im Alltag.»
In einer SVP-Familie haben noch immer die Männer das Sagen und den Beruf, und die Frauen den Haushalt und die Kinder. Die Väter stehen um sechs Uhr früh in der eigenen Bude, die Mütter tischen selbst gemachten Holundersaft und Apfelstückli auf. Vor den Riegelbauten blühen die Geranien, traulich wedelt der Hund, die Kinder – auffällig viele heissen Christoph – geben artig die Hand und kennen die Namen aller sieben Bundesräte. Viele SVP-Mitglieder sind aus dem Gefühl persönlicher Machtlosigkeit der einzigen politischen Gruppierung beigetreten, von der sie sich vertreten fühlen. Erstaunlich die Nonchalance, mit der die andern Parteien sie dort rechts liegen lassen.
Roger Postchauffeur, Oberhof AG
Seine Eltern wohnen im Dorf, seine Schwiegereltern wohnen im Dorf und seine Schwester auch, nur einen Steinwurf entfernt. Hier gehen seine vier Kinder zur Schule, und sogar seine Dienststrecke führt immer durchs Dorf und ums Dorf herum: von Aarau nach Frick und zurück, eine halbe Stunde hin und eine halbe Stunde her, quer durch den Jura, über sanfte Hügel und durch Wälder, deren Stämme in der Sonne silbern glänzen.
Beim Fahren hört er Nachrichten. Manchmal will ein Fahrgast danach mit ihm über das Gehörte diskutieren. Denn die Leute wissen, dass er «e chli hart» politisiert, fast auf der Zürcher Linie. Dass ihn manche Medien sogar «de chli Blocher vom Fricktal» nennen, ist ihm nicht unlieb. Tatsächlich hat er der Lokalzeitung schon gedroht, eigenhändig «das Büro aufzuräumen», wenn sie ihm nicht gleich viel Platz geben wie seinen politischen Gegnern. Ganz sicher ist: Eine linke Frau hätte er nie heiraten können. Und er wäre durchaus dafür, ein musisches Schulfach zu kippen, um die Kinder dafür wieder Anstand zu lehren. So muss er halt selbst für Ordnung sorgen. Wenn die Bezirksschüler morgens im Postauto sein «Grüezi miteinander» nicht erwidern, stellt er den Motor ab, steht auf, dreht sich um und sagt: «So geht das einfach nicht!»
Nun sieht Roger Fricker nicht aus wie die konsequente Vollendung eines SVPlers. Als Texasfan trägt er ein kariertes Holzfällerhemd und einen Gürtel mit breiter, texanischer Silberschnalle. Auch ist das Haus der Familie Fricker keineswegs ein Modell schweizerischer Ordentlichkeit, sondern, seit sieben Jahren, eine einzige Baustelle. überall halb fertige Mauern, und über die Stubendecke spannt sich der weisse Plastik. Letzthin hat die Frau reklamiert, sagt Roger Fricker. Aber er macht eben, in der Freizeit, alles selbst. Das Täfer in der Stube, beispielsweise – Brett für Brett eigenhändig gesägt und eingepasst. Jetzt richtet er den unteren Stock für seine Eltern her. Auch den Garten besorgt er, als gelernter Topfgärtner, persönlich. Zwischen den Setzlingen prangt eine mächtige Haubitze. Weil die Nachbarn der Anblick des auf sie gerichteten Mündungsrohres «e chli störte», hat er es jetzt gegen die eigene Haustüre gedreht.
Rogers Augen schauen zutraulich, wie bei vielen Menschen mit festen überzeugungen und ohne böse Erfahrungen. Es gibt kaum Arbeitslose im Dorf und seines Wissens keine Süchtigen – der einzige Drögeler ist an seiner Sucht gestorben. Nur 26 der 560 Einwohner sind Ausländer, aber alle aus dem christlich-abendländischen Kulturkreis. Die Zahlen kennt er auswendig, denn er ist nicht nur Postchauffeur, sondern auch Gemeindeammann von Oberwil. Schon als Fünfzehnjährigen hat ihn sein Grossvater, ein Schreiner, an die Parteiversammlungen mitgenommen: «Eifach luege und lose.» Seither hat er eine einzige Parteiversammlung ausgelassen, wegen Lungenentzündung.
Auch seine eigenen vier Kinder wissen, obwohl erst vier, sechs, acht und zehn Jahre alt, welche Bundesräte gut und welche schlecht sind. Als die Familie am Gotthardtunnel in den Ferienstau geriet, hätte Tochter Stefanie den Verkehrsminister Moritz Leuenberger zur Strafe am liebsten in den Tunnel eingesperrt. Sie möchte Regierungsrätin werden. Das findet der Vater gut. Weniger gut findet er, dass sie erst aufs Lehrerseminar will.
«Weil doch 90 Prozent aller Lehrer und Lehrerinnen links sind.»
Seine Reden probiert er erst an seinen Kindern aus. Wenn sie etwas nicht verstehen, muss er nochmals über die Bücher. Fremdwörter gebraucht er ohnehin keine. Besonders allergisch ist er auf den Begriff «Vision». Ein Wischiwaschi-Wort, das alle brauchen, wenn sie nicht wissen, was sagen. «‹Zukunftsplanung› heisst es richtig.»
Andere Ausdrücke, mit denen ihm niemand kommen muss, sind «professionell» und «effizient». Damit wollte der Kanton Aargau dem Dorf Oberhof eine Fusion mit der Nachbargemeinde schmackhaft machen. Doch Geld ist nicht alles, erklärte er den Stimmbürgern. Statt ein 560stel wie heute hätte ein Oberhöfler nach der Fusion nur noch ein 1800stel zu sagen. Erwartungsgemäss wurde die Vorlage wuchtig verworfen. überhaupt hat ihn sein Dorf noch nie enttäuscht. Er dankt für das Vertrauen, indem er die direkte Demokratie, «unser höchstes Gut», hochhält. So lässt er sogar bei Ausgaben unter 15 000 Franken öffentlich abstimmen, obwohl dies das Reglement nicht vorsieht.
Ständig klingelt an diesem dienstfreien Vormittag sein Telefon. Jedes Mal möchte ihn ein anderes Familienmitglied zum Mittagessen einladen, weil doch, wie alle wissen, seine Frau mit den Kindern heute im Tessin ist. Ja, sagt er, er hat es gut getroffen im Leben. Zu verbessern gibt es eigentlich nur noch eines: seinen eigenen Auftritt. In der Politsendung «Arena» wirkte er «fast e chli bös, mit so stechenden Augen». Dabei, beteuert er, ist er kein böser Mensch. «Doch sobald ich das Reizwort EU höre und mit Herzblut diskutiere, entwickle ich eine Energie, die…» In Ermangelung des passenden Ausdrucks pocht er mit beiden Fäusten auf seine Brust. Er hat sich fest vorgenommen «zu trainieren, damit ich lustiger wirke».
Anita Sekretärin, Zürich
In diesem Wohnzimmer bewegt man sich am besten auf Zehenspitzen und mit angehaltenem Atem, die Ellbogen eng an den Körper gepresst. Denn jede unbedachte Bewegung kann die Katastrophe auslösen. Es kippen die Vasen, Lampen und gläsernen Kelche, die am Boden herumstehen, und bringen, in einer Kettenreaktion, die künstlichen Blumensträusse ins Wanken, die ihrerseits die achtundachtzig Porzellanteller von den Wänden fegen, bis schliesslich auch die Büchergestelle, voll gepfropft mit Nippes und «Readers Digest»-Bänden, kippen. Hier, ganz klar, hat nur eine Platz: die Schöpferin dieses Reiches. Der Eindruck täuscht nicht. Anita, die sich wieselflink und mit schmalen Schultern zwischen ihren Schätzen bewegt, kann, sagt sie, nur allein leben. Die «Verheiraterei» hielt sie gerade zwei Jahre aus. Ihren jetzigen Freund, einen Techniker bei einer Firma für Sicherheitsanlagen, kennt sie zwar seit 34 Jahren, sieht ihn aber so selten, dass es «jedes Mal neu» ist. Anita braucht keinen Mann im Haus, um wie aus dem Trückli auszusehen. «Das Gesicht reicht ja», sagt sie, «von hier bis hier.» Und zeigt von der hohen, klaren Stirn bis ans Brustbein.
Sie vermutet, dass ihre Lust am Single-Leben in ihrer Kindheit wurzelt. Ihr Vater war 71, ihre Mutter 39 Jahre alt, als sie «in die Stube der Niderösts in Brunnen trolte» und «Einzelkind unter lauter alten Leuten» blieb. Ihr Vater arbeitete als «Facteur» bei der Post, als Briefträger, der auch Geld und Pakete ins Haus brachte und damit Augenzeuge des Fabrikler-Elends in der Innerschweiz wurde. Im Schwyzer Kantonsrat machte er diese Armut zum Thema – als Beamter musste er keine Rücksicht auf die Herren nehmen.
Auch das Kraftwerk im Bisithal war sein Werk; es sollte den Kanton Schwyz in Sachen Stromversorgung unabhängig machen. Seine Fertigstellung erlebte er nicht mehr. «Ich weiss noch», sagt Anita, «wie er mir, als ich fünf war, die Baustelle zeigte und wie stolz ich darauf war, dass mein Vater ein so riesiges Haus baute.»
Schon in der Schule imponierte Anita, dass «es sofort stiller wurde, sobald eine Klosterfrau oder ein Pfarrer auf dem Pausenplatz zirkulierte». Disziplin, Pünktlichkeit und Ordnung sind ihr noch heute das Wichtigste im Leben. Deshalb liebte sie auch ihre Büroarbeit bei der Zürcher Kantonspolizei: «Gesagt – getan – erledigt». Zudem hatte sie schon immer eine Schwäche für Uniformen.
Auf ihrer Homepage stehen die Sätze: «Fünf Prozent denken. Zehn Prozent denken, dass sie denken. Und 85 Prozent sterben lieber, als dass sie denken.» Sie zählt sich zu den denkenden fünf Prozent. «Ich wollte früh wissen, wie der Karren läuft.» Und als sie die Zusammenhänge zu erahnen begann, erstaunte sie selbst honorige Versammlungen mit ihrem energischen Widerspruch: «Das stimmt nicht!» Nicht jeder Chef ertrug so viel ungeschminkte Meinung. Egal. Im Gastgewerbe, wo sie als junges Mädchen bald hinter dem Buffet, bald im Service oder in der Lingerie arbeitete, war häufiger Stellenwechsel ohnehin üblich.
Auf ihrer Eckbank liegt ein Kissen mit dem Wappen der Niderösts, selbst gestickt: rechts ein halbierter Adler, links das Malteserkreuz und das blaue Band für das Muotatal. Ihre Familie wurde schon vor 700 Jahren in den Akten erwähnt. Deshalb fühlt sie sich noch heute direkt verantwortlich für alles, was mit der Eidgenossenschaft geschieht. «Ich will, dass wir die Schweiz so sauber und ordentlich weitergeben, wie wir sie von den Vorfahren bekommen haben!» Dass frisch Neueingebürgerte wählen, die keine Ahnung haben, dass 750 Kommunikationsarbeiter in Bern die Politik bestimmen und man den Leuten mit Klimawandel und Vogelgrippe Angst macht, nur damit die Basler Chemie mit ihrem Tamiflu Milliarden macht – «Himmel noch eins!» ruft sie und lässt ihre kleinen Fäuste auf die selbst gestickte Tischdecke niedersausen. «Das lasse ich nicht zu!» Auch der Keckeis muss weg, der die Armee ruiniert, und der Sämi Schmid dazu! «Ich bin ständig am Kämpfen! Ich will schon lange eine unblutige Revolution! Eine Demonstration vor dem Bundeshaus mit Treicheln und Fahnen zum Beispiel! Aber man lässt uns ja nicht…» Erst hatte sie bei den Ultra-Rechten, den Schweizer Demokraten, Kampfgenossen gesucht. Ein zu kleines und deshalb wirkungsloses Grüppchen, wie sie bald einsehen musste. Jetzt erhofft sie sich von der SVP die nötige Durchschlagskraft. Seit sie überfallen wurde, getraut sie sich abends nicht mehr mit dem Bus nach Hause. Zwei halbwüchsige Ausländer hatten sie auf dem Heimweg links und rechts überholt und versucht, ihr die Handtasche zu entreissen. «Ich gab sie nicht her! Ich gab sie einfach nicht her.» Verblüfft über die enorme Kraft des zierlichen Persönchens, starrten sie die beiden «so lange blöd» an, bis sie sich ihre Gesichter genau gemerkt hatte. Danach, schliesst Anita Nideröst befriedigt, «war es für die Polizei ein Leichtes, sie zu finden und einzukapseln».
Naveen Elektromonteur, Rorschach SG
Bei der Begrüssung streckt er die Rechte zum Händedruck hin, mit der Linken überreicht er ein Flugblatt. Druckfrisch. Auf den Hintersitzen seines Autos stapelt sich weiteres Propagandamaterial, am Heck kleben bunte SVP-Parolen. Als Blocher gewählt wurde, hat er den Tag freigenommen, und als seine Wahl feststand, «einen regelrechten Luftsprung» gemacht. «Heute betrachte ich Herrn Bundesrat Blocher als meinen persönlichen Vertreter in der Regierung.»
Auch auf dem Bau steht Naveen Hofstetter ganz im Dienst der SVP. Ohne grossen Erfolg. Den jungen Schweizern sind Autos und Konsum wichtiger als Politik. Spricht er gar davon, dass er nicht mehr Lohn will, tippen sie an die Stirn. «Klar», sagt Naveen, «sind wir Elektromonteure schlecht bezahlt.» Besonders, weil Schuhe und Jeans bei der Arbeit im Nu durch sind. Zudem – er dreht die Handflächen nach oben – schneidet man sich ständig in die Finger. Trotzdem findet er die Gewerkschaften kurzsichtig, die jetzt mehr Lohn verlangen, wo eben noch mancher Betrieb hart am Konkurs entlangschlitterte. «Ich bin meinem Chef dankbar, dass er nicht nur für sich, sondern auch für uns Angestellte kämpft.»
Die ausländischen Arbeitskollegen gehen ihm aus dem Weg. Höchstens, dass einer mal fragt, warum die SVP so fremdenfeindlich sei. Dann stellt er richtig: «Wir sind nicht fremdenfeindlich. Wir sind nur gegen die Ausländer, die unsere Sozialkassen plündern.» Dem Albaner beispielsweise, der lange herumdruckste, bis er ihm sein Einbürgerungsgesuch zu gestehen wagte, klopfte er freudig auf die Schultern: «Du bist genau der Richtige! Du lebst wie ein Schweizer und du krampfst wie ein Schweizer. Du musst nicht eingebürgert werden, um integriert zu sein.» Jetzt will der Albaner in die SVP eintreten. Er möchte nicht für die Sozialschmarotzer bezahlen.
Im Block, wo Naveen wohnt, eilen Mütter mit gefüllten Wäschezeinen durch den hallenden Treppenschacht; vom Spielplatz kommen helle Kinderstimmen. Er ist der einzige Junggeselle im Haus. Seine Freundin ist Physiotherapeutin im Thurgau und kommt nur am Wochenende auf Besuch. Schon am ersten Tag hat er ihr klipp und klar erklärt: «Ich bin sehr politisch und ein Blocher-Fan.» Die Freundin hat Blocher «eher ein bisschen ungern».
Naveens Wohnung ist radikal auf Ordnung getrimmt, alles kuscht auf seinem Platz: Die Schuhe stehen parallel gestellt, die Servietten liegen im rechten Winkel. Einziger Wandschmuck sind ein paar Blätter mit Namenslisten. «Ich verteile Punkte», erklärt er. Jedes Mal, wenn ein Politiker in den Medien etwas sagt, was ihm gefällt, bekommt er einen Strich. Das hilft ihm am Abstimmungstag, die Richtigen zu wählen. Neben den SVP-Politikern schafften es auch ein paar Freisinnige auf die Liste. Die Freisinnigen wären gar nicht so übel. Nur todlangweilig. Nichts los an ihren Anlässen. Alle Luft draussen. Das sieht man schon an den Wegmarkierungen: Erst kurz vor dem Ziel klebt ein dürftiger Hinweis. Nicht wie bei der SVP, wo bereits Kilometer vorher Sicherheitsleute den Verkehrsstrom kanalisieren und alle wissen, jetzt geht gleich die Post ab.
Das linke Gutmenschentum hat er schon als Halbwüchsiger durchschaut. Als er bei der SP herumschnupperte, «säuselte» man ihm ins Gesicht: «Uns sind alle Menschen willkommen.» Gemeint war: auch dunkelhäutige Menschen wie Naveen. Später kam ihm zu Ohren, dass sie ihn «als typischen Inder» einstuften. Dabei hat er mit Indien ebenso wenig zu tun wie, sagt er, beispielsweise, mit Deutschland oder Italien. «Ich bin stolzer Schweizer.» Wenn er in Bregenz ein paar Kilometer weit ins österreichische fährt, hat er schon Heimweh.
Angesichts von so viel Heuchelei sind ihm die Grobheiten seiner Parteigenossen lieber. Die murren offen: «Was will der Mohrenkopf bei uns…» Dann kann er klarstellen, dass er als Baby von einem Schweizer Treuhänder adoptiert wurde und jetzt sechzehn Stunden am Tag krampft, weil er seinen Beruf gern hat. Worauf er ein für alle Mal akzeptiert ist. Im übrigen findet er es gut, dass die Schweizer «die Dunkelhäutigen in diesem Land wahrnehmen». Schliesslich haben viele schlechte Erfahrungen mit Schwarzen gemacht. Er trägt auch dem Rechtsextremen nichts nach, der sich kürzlich in der Disco vor ihm aufbaute und ihn «Negerschwein» titulierte. Naveen begleitete den Mann vor die Tür und legte ihm seine Ansichten und politischen Ziele dar. Am Schluss standen dem Skinhead die Tränen in den Augen: Um ein Haar hätte er einen verprügelt, der ihm politisch so nahe stand.
Brigitte Büroangestellte, Dielsdorf ZH
Früher klopfte in solchen Notlagen der Pfarrer an die Tür und bot Hilfe an: Beziehung futsch, ohne Job und mit den Nerven am Ende. Heute klingelt das Telefon, und der SVP-Sektionspräsident fragt, ob man sich für Politik interessiere. Im Prinzip schon, antwortete Brigitte, obwohl eher allgemein und weniger nach Parteien ausgerichtet. Damals war Brigitte daran, ihr ganzes Leben umzukrempeln – mit jener spontanen Radikalität, wie sie besonders Langmütige und Friedfertige überfällt. Sie verabschiedete sich aus ihrer monoton gewordenen Ehe mit einem Schulfreund, wechselte Beruf und Wohnort und trat aus der reformierten Kirche aus. In der Leere ihres neuen Lebens erschien ihr die SVP wie ein rettender Hafen. «Alle waren wie ich. Ein bisschen bürgerlich, ein bisschen ländlich, Menschen, die schon zu Hause gelernt haben, anzupacken.»
Auf ihrer Terrasse in einem Dielsdorfer Wohnblock steht eine grosse Satellitenschüssel. Ihr zweiter Mann möchte al-Jazeera empfangen. Kennengelernt hat sie ihn an ihrem letzten Ferientag in Marokko; es war Liebe auf den ersten Blick. Erst konnte er sie nur im Dreimonatstakt in der Schweiz besuchen, von Touristenvisum zu Touristenvisum. Dann arbeitete er acht Jahre lang als Nachtportier in einem Zürcher Fünfsternehotel. Seit einigen Monaten besitzt er seinen eigenen Taxibetrieb. Um keine Bestellung zu verpassen, nimmt er sein Handy in die Dusche mit und steht für eine Fahrt auch nachts um vier auf.
Sie überlässt ihm gern das Reden, auch wenn es eigentlich um ihr Leben geht. Und sitzt, während er erzählt, still da. Hört zu, wie er, als Nordafrikaner, an der Grenze regelmässig durch Schikanen gedemütigt wird, und dass er nichts gegen die SVP hat, nur gegen einzelne Menschen in der SVP. Jedes Mal, wenn er einen weiteren marokkanischen Schatz aus Schubladen und Kästen zieht, lacht sie ihr gutmütiges Lachen. Hier, die schönen Gläser und die Teekanne für den Pfefferminztee aus Marokko. Dort, die Wasserpfeife. Das gute Olivenöl in einer Zehnliterflasche, ein paar Djaballahs… Schliesslich sieht das durch und durch schweizerische Wohnzimmer mit Glastisch und Ikea-Möbeln aus wie ein nordafrikanischer Basar. «Er spricht mehrere Sprachen fliessend», sagt sie, als wäre er nicht anwesend.
Auf Rat der Berufsberaterin hatte sie «etwas Handfestes» gelernt, Innendekorationsnäherin, und im renommiertesten Geschäft Zürichs gearbeitet. Doch nach der ölkrise in den Siebzigern verging den Kundinnen die Lust auf schwere Kordel-Vorhänge und üppige Draperien. Brigitte wurde Vorhang-Verkäuferin in einem Warenhaus. In den boomenden Achtzigerjahren gelang ihr der Sprung ins Büro. «Man musste damals ja praktisch nichts können. Viele Frauen mit handwerklicher Ausbildung wie ich, Coiffeusen und so, schafften es.» Anfangs durfte sie nur kleine Arbeiten ausführen. «Später liess man mich auch das Telefon abnehmen.»
Als die Rezession sie arbeitslos machte, nutzte sie die Freizeit für die SVP. Und beschloss, «an einem heiterhellen Tag», nach Zürich zu fahren, um mal zu sehen, wo denn das kantonale Parteisekretariat untergebracht ist. Dort herrschte, wie immer zwischen Januar und März, Hochbetrieb; alle wichtigen Parteianlässe standen an. Ohne lang zu fackeln, stellte sich Brigitte an den Tisch und half mit, die 12 000 Briefe in die Umschläge zu stecken. Weil das bei ihr so rasch ging – ihre Hand macht zack, zack, zack, als würde ein Meisterkoch Zwiebeln schneiden –, bekam sie den Job und 25 Franken pro Stunde, bar auf die Hand. Noch immer arbeitet sie auf dem Sekretariat.
Ein einziges Mal wurde Brigitte Sabouni in der SVP Dielsdorf auf ihren ausländischen Ehepartner hin angesprochen. «Sind Sie sicher, bei der richtigen Partei zu sein?», fragte eine. Doch inzwischen hat sich das gegeben. Schliesslich hat auch ihr Sektionspräsident, ein Lastwagenchauffeur, eine Philippinin zur Frau.
Thomas Geschäftsinhaber, Möriken AG
In der Autobahn-Raststätte könnte er noch immer als Lastwagenchauffeur durchgehen. Obwohl es zwanzig Jahre her ist, seither. Ein schwerer Mann, der zu schweren Maschinen passt. Ein Mann, der die Dinge am liebsten von Mann zu Mann regelt und nichts von Schreibkram und Frauen im Betrieb hält.
Die Denkweise liegt in der Familie. Schon sein Vater hatte gesagt: «Frauen im Geschäft bringen nur Unfrieden.» Das war 1947 gewesen, nachdem der Störmetzger und Kleinbauer einen Traktor gekauft und begonnen hatte, die Güllenlöcher der Einfamilienhäuser leer zu pumpen. Der Traktor steht, hochverehrt, noch heute auf dem Firmengelände der Lüpold AG. Daneben parken dreissig modernste Reinigungswagen, vom Supersauger und ölschlammentsorger bis zu Spezialbehältern für Bauschutt, Staub und Splitt. Sowie, natürlich, Thomas Lüpolds private Autos. Er fährt, unter anderen, ein Jaguar Cabriolet, einen alten Mercedes 250 SL und einen Mercedes G-Class – ein Gefährt, kompakt wie ein Kassenschrank. «Die Grünen hätten keine Freude daran…», lächelt er grimmig.
Seinen Beruf beschreibt er mit drei Worten: «Ich wasche Dreck.» Das ist wörtlich zu nehmen. Die Gebrüder Thomas und Willi Lüpold leben, wie sie sagen, «von Dreckgeschäften» und saugen in hundert Aargauer Gemeinden den Kehrricht auf. Danach trennen sie das Wischgut in Materie, die wiederaufbereitet werden kann, und solche, die entsorgt werden muss. In den auf dem Parkplatz eingelassenen Becken schwappt eine ungut schillernde schwarze Flüssigkeit; aus Rohren rieseln Körner und formen spitze Kegel oder runde Haufen. Was genau womit zusammenhängt, mag Thomas Lüpold nicht erklären. Erstens dauert es ihm zu lange; zweitens sind technische Details an Frauen ohnehin verloren. Nur so viel: Die 2002 eröffnete Anlage haben die Gebrüder Lüpold selbst konstruiert. Sie kostete vier Millionen Franken, und daran hat der Staat keinen einzigen Rappen bezahlt.
Im Büro kippt er mit einem einzigen, gezielten Griff einen Ordner aus dem Wandschrank. Er wünscht keine Sekretärin und weiss deshalb auswendig, wo was ist. Hier – lauter Interpellationen aus dem Aargauer Parlament. Grossrat Lüpold ist stolz darauf, noch keine einzige Anfrage verfasst zu haben. «Dient doch nur der eigenen Profilierung und kostet viel.» Da, beispielsweise, geht es um die Schaffung einer Stelle für Findeltiere. Die Beantwortung kam den Staat 1989 Franken zu stehen. Oder hier – er blättert in den Akten – die Behandlung der Frage nach behördlichen Massnahmen «gegen eingeschleppte Fremdpflanzen und so Zeugs: 2697 Franken». Die Interpellation bezüglich der Postautofarbe im Kanton Aargau: 2343 Franken. Nur das Passivrauchen ist nicht mehr so teuer, weil schon mehrmals beantwortet.
Seine Abneigung gegen Interpellationen hat einen Nachteil: Sein Name taucht selten in den Zeitungen auf. Umso häufiger ist sein Foto zu sehen. Denn Thomas Lüpold präsentiert sich als derart ausgeprägter SVPler, dass kein Pressefotograf widerstehen kann.
Zwischen den Zähnen steckt der patriotische Stumpen (16 Stück täglich, Aargauer Tabakindustrie), auf dem Kopf trägt er den patriotischen Strohhut (Aargauer Strohindustrie), und in der Hand hält er häufig ein Glas Aargauer Riesling. Wie hier, auf der Aargauer Jagd. Ja, bestätigt der Gelegenheitsschütze: «Am liebsten an der Jagd ist mir das Vorher und das Nachher.» Auf dem nächsten Foto sitzt er auf dem alten Traktor seines Vaters und hält eine 1.-August-Rede. Einen Verstärker braucht er dabei nicht. Die Stimme des Majors im Generalstab trägt auch so bis in die hintersten Reihen. Auch privat läuft bei Thomas Lüpold alles rund. Der einzige Sohn beginnt demnächst eine Kochlehre. Die Frau hat sich damit abgefunden, dass ihr Mann in den Ferien lieber mit ein paar Kollegen als mit der Familie nach Sibirien fährt und mit der Firma verheiratet ist. Tatsächlich sitzt er jeden Tag um halb fünf an seinem Schreibtisch – egal, wie spät es am Vorabend geworden ist. Meist wird es sehr spät: «Ich mache jeden Seich mit.»
Seit zehn Jahren muss Thomas Lüpold kein Stelleninserat mehr aufgeben, obwohl der Personalbestand ständig steigt. Seine Mitarbeiter, alles Schweizer, bleiben ihm treu. Denn die Firma bezahlt nicht nur alle fünf Jahre einen Monatslohn extra, sie finanziert auch die Frühpensionierung mit 62 Jahren; und sorgt inmitten dieser Männerwelt aus Rohren, Schläuchen, Dreck und Motoren für eine überraschend zarte Gemüthaftigkeit. Jeder Mitarbeiter darf sich seinen Servicewagen nach eigenen Vorstellungen bemalen lassen. Die meisten wünschen sich eine grüne Wiese mit Chalet. Oder einen Bach mit roten Blumen und Kühen. Am buntesten ist der Wagen eines heimwehkranken Berner Oberländers. Auf den Schiebetüren prangen Eiger, Mönch und Jungfrau, und über das Heck klettern die Gämsen.
Seppi Gemeindearbeiter, Emmen LU
Sein Reihenhäuschen ist das einzige, das grün gestrichen ist. Lieber hätte er es noch grüner gehabt, richtig SVP-grün, doch das wäre zu auffällig gewesen. Davor weht mächtig die Schweizer Fahne. Die hat Seppi beim Umziehen als Erstes aufgezogen, noch bevor er den Wandschrank mit Fernseher montierte und im Keller seine Baumaschinen-Modell-Sammlung in die Vitrinen stellte. Der Umzug geschah nicht freiwillig. Der Block im Dorf, wo die Odermatts wohnten, wurde von Albanern gekauft.
Seppi legt die Karten offen auf den Tisch, wenn es um Ausländer geht. Deshalb gab ihm auch jeder Zweite im Dorf die Stimme, als er für den Einwohnerrat kandidierte. Denn Ausländer sind in Emmen – mit einem der höchsten Ausländeranteile der Schweiz – ein Problem. Bisher konnte die Gemeinde wenigstens an der Urne verhindern, dass sie auch eingebürgert wurden. Seit das Bundesgericht diese Praxis verboten hat, stieg die Einbürgerungsquote um 34 Prozent. «Jetzt genügt es», sagt Seppi, «dass einer keine Schulden und einen Arbeitsplatz hat.»
Er sagt es im gewollt ruhigen Ton eines Menschen, der schon zu viel gesehen hat. Und sich über nichts mehr wundert. Oft ist er froh, dass ihn der Overall mit dem Gemeindeschriftzug vor eigenen Handgreiflichkeiten schützt. Beispielsweise, wenn die Jugo-Weiber absichtlich nicht zur Seite gehen, wenn er mit seinem Reinigungswagen hinter ihnen herfährt. Oder wenn ihm das ausländische Pack leere Flaschen vor die Räder wirft und ein Türke an die Schläfe tippt und ihn mit gestrecktem Mittelfinger «Arschloch» tituliert. Fragt er dann: «Was hab ich falsch gemacht?», hört er: «Heb d Schnorre, huere Schiiss-Schwizer.»
Seppi Odermatt hiesse eigentlich anders. Odermatt ist der Name seines Adoptivvaters. Er hatte ihn, zusammen mit drei andern Kindern, aus dem Kinderheim adoptiert, als sie schon aus dem Gröbsten heraus waren und fast wie Knechte und Mägde zupacken konnten. Das Haus der Adoptiveltern war ein besonders frommes Haus. «Der Vater kniete in der Kirche immer in der ersten Reihe.» Noch mit 23 Jahren krüppelte Seppi zu Hause gratis. Wenn er auf den Lohn zu sprechen kam, wurde er auf das spätere Erbe vertröstet: Schliesslich war der Hof fünfeinhalb Millionen Franken wert. Erst nach dem Tod des Adoptivvaters stellte sich heraus, dass der schon bei der Adoption seine Kinder enterbt und das ganze Gut der Lefebvre-Sekte vermacht hatte.
Seither will Seppi nichts mehr mit der katholischen Kirche und ihrer Trabantin, der CVP, zu tun haben. Seither ist für ihn Ehrlichkeit das Wichtigste im Leben und die SVP die ehrlichste Partei im Land. «Wenn ich etwas sage, dann ist es so.»
Das bekamen auch die Tochter und der Sohn zu spüren. Die Tochter absolvierte die Hauswirtschaftsschule, der Sohn eine kaufmännische Lehre mit Berufsmatura.
Seppi holt einen Stumpen und geht in den zimmerbreiten Garten: «Drinnen darf ich nicht mehr rauchen, sonst krieg ich auf den Ranzen.» Draussen ist es warm. Es gibt alles, was es auch in einem grossen Park gibt, freilich in winzigem Format. Das nierenförmige Schwimmbecken ist so gross wie eine Kinderbadewanne, die Mini-Zypressen erreichen kaum die halbe Zaunhöhe. Sorgsam hebt Seppi ein paar Tannenzweige hoch; darunter spriesst schon das Edelweiss aus dem Supermarkt. In der Ferne verschwimmt der Pilatus im Dunst. Auf dem Flugplatz neben dem Haus landet heulend eine Maschine.
Er wartet, bis er sein eigenes Wort wieder versteht. Dann stellt er, durchaus zufrieden, fest: «Das war eine Swiss; die werden hier überholt.» Morgen hat er wieder Frühdienst. Zwischen drei und vier Uhr sind ausschliesslich Ausländer unterwegs, die von der Disco kommen und zum Schlafen nach Hause fahren. Er kennt ihre Autos inzwischen: «Sie haben alle hohe Nummern.»

Roger Fricker mit seiner Familie: «So geht das einfach nicht!» | Bild: Fabian Biasio

Seppi Odermatt: «Wenn ich etwas sage, dann ist es so.» | Bild: Fabian Biasio

Anita Nideröst: «Ich will eine unblutige Revolution!» | Bild: Fabian Biasio

Thomas Lüpold: «Ich mache jeden Seich mit.» | Bild: Fabian Biasio

Naveen Hofstetter: «Wir sind nur gegen bestimmte Ausländer.» | Bild: Fabian Biasio

Brigitte Sabouni und Ehemann Abdallah Sabouni: «Alle waren wie ich. Ein bisschen bürgerlich, ein bisschen ländlich.» | Bild: Fabian Biasio
Gelesen und betrachtet mit dem Kiefer auf der Tastatur… Der gemeine Mensch ist der besondere und der besondere ist der gemeine.
Mir läufts kalt den Rücken runter und ich bin wie erschlagen, wenn ich das Bild der Familie Fricker anschaue. Der Vater, mit seiner Mission, allen Kinder am Morgen im Bus das Grüssen zu lehren, versucht auch mal lustig zu wirken, das Familienzeugs dahinter, und die karge Ordentlichkeit sind für mich Ausdruck dieser Tragik, wenn sich jemand gänzlich an eine von Idealen getragene Instanz bindet und damit sich und seiner ganzen Familie die Lebensfröhlichkeit vermiest. Margrit Sprecher beschreibt sachte dafür aber umsomehr erschütternd die Schicksale der Menschen, die für sich den totalen Anspruch haben, ein guter Mensch, Bürger, Schweizer zu sein.
Da fahren ein Kunstfotograf und eine Journalistin auf eine ethnologische Expedition – auf der Suche nach den arbeitenden Menschen. Sie verlassen den Multikultikreis 4, in dem ihre Redaktion gelegen ist, und wagen sich in den finsteren Aargau vor. Dort werden sie fündig. Die Ethnologen führen diese aus ihrer sicht seltsame Spezies auf Fotos mit sorgsam gewähltem Hintergrund als rückständige Hinterwäldler vor.
Das oberflächlich Gemeinsame an diesen Menschen ist die Mitgliedschaft bei der SVP.
Das wirklich Gemeinsame ist eine engagierte Haltung der Arbeit, der Familie und der Gemeinschaft gegenüber.
Falsch ist die Analyse, dass die "anderen Parteien" diese Leute nonchalant rechts liegen lassen. Die "anderen Parteien" erschrecken diese Menschen durch ihr Verhalten den Faulen und den Fremden gegenüber. Dieses falsche Verhalten der "anderen Parteien" besteht im Schaffen fehlkonstruierter Gesetze, welche damit rechnen, dass auch alle Menschen aus anderen Kulturen so anständig sind, wie die unseren Ethnologen Gezeigten oder Vorgeführten aus dem Hinterland. Womit werden diese ach so intoleranten Hinterwäldler geschreckt?
Beispiel 1: Eine Familie, die Sozialhilfe erhält, hat sofort wesentlich weniger zur Verfügung, wenn gearbeitet statt auf den Check vom Sozialamt gewartet wird. Dieses trotz oder wegen eben erneuerter Richtlinien, welche die "anderen Parteien" ersonnen haben.
Beispiel 2: Ein Asylbetrüger, der seinen Pass im Flughafen im WC versenkt, kann jahrelang hier auf Unterkunft und Geld gegen Nichtstun rechnen. Im Gegensatz zum Sozialamtsbetrüger wird von ihm nichts zurückverlangt und er geht nicht nur stets ohne Betrugsanzeige aus, sondern es werden ihm noch ein Paar Tausender mitgegeben, wenn er dann doch abreist. Was noch schlimmer ist als der finanzielle Betrug des Asylbetrügers: Er nimmt einem wirklich Verfolgten den Platz weg, der nun irgendwo auf dieser Welt im Elend der politischen Verfolgung untergeht.
Beispiel 3: Wer hartnäckig simulierte, erhielt bis vor Kurzem ohne weitere Prüfung IV-Rente. Er ist zwischenzeitlich ins Ausland abgereist, und der Fall kann nicht mehr überprüft werden, selbst wenn überhaupt einer überprüft würde.
Liebe Ethnologen: Es ist diese stupide Multikulti-Toleranz der "anderen Parteien" auch den kriminellen unter den Ausländern gegenüber, welche die von euch gefundenen, untersuchten und fotografisch dokumentierten Objekte eurer Forschungsexpedition er SVP zutreibt.
Herr Kuhn, So viel ich sehe, spricht hier niemand von Multikulti. Und das Gemeinsame der Portraitierten ist auch nicht die SVP Waehlerschaft oder die harte Arbeit, sondern die Parteimitgliedschaft. Im Uebrigen sind die SVP-Waehler ja nicht die einzigen, die hart arbeiten (obwohl sie das gerne glauben wuerden). Sowie die SVP-Waehler ja nicht die einzigen Schweizer sind (obwohl sie auch das gerne glauben wuerden). Sowie die Schweiz der Vierziger Jahre ja nicht die beste aller Schweizen ist.
Ich verachte die SVP primär aus drei Gründen:
1. Der Allgemeinheitsanspruch. Obwohl die SVP nicht mal 30% des (Stimm)-Volkes vertritt, glaubt sie die alleinig selig machende Wahrheit zu kennen. Aus diesem Grund sieht sie sich auch als einzig legitimes Sprachrohr "des Volkes". Aus dieser Perspektive werden solch typisch Schweizerische Errungenschaften wie Konsensbereitschaft und Kompromiss je länger je mehr belächelt.
2. Geringschätzung des Rechtsstaates. Aktionen wie die Einbürgerungs-Initiative oder das öffentliche Beschimpfen von Bundesrichtern zeugen von einer Abneigung gegenüber der Gewaltentrennung. Wer eine unabhängige Justiz nicht akzeptieren kann, will im Endeffekt eine Volksdiktatur.
3. Populismus um jeden Preis. Obwohl ich einen Meinungswettkampf in einer Demokratie nicht nur akzeptiere, sondern absolut als notwendig erachte, verachte ich die meisten Kampagnen der SVP. Regelmässig werden gefälschte Zahlen veröffentlicht (wer erinnert sich noch an das kaputte Fax-Gerät?), oder wie jetzt im aktuellen Fall, Jugendliche angelogen und unter falschen Angaben zur Mitarbeit in einem Propaganda-Video animiert.
Die porträtierten machen vordergründig zwar alle den Eindruck von tüchtigen, anständigen Leuten, die "nur" die "guten" Seiten der Schweiz bewahren wollen. Einzig Seppi steht offen zu seiner Fremdenfeindlichkeit. Und bringt damit auf den Punkt, womit diese Partei ihre Stimmen holt. Insgesamt ist dieser Beitrag damit zu beschönigend und muss so kurz vor den Wahlen durchaus auch als Gratis-Werbestrecke im redaktionellen Teil einer namhaften Zeitschrift erachtet werden. Eine kritischere Haltung gegenüber den Porträtierten währe sicherlich nötig gewesen. Denn so unterschiedlich die Parteimitglieder auch sind: Die Gemeinsamkeit besteht vor allem darin, dass keiner von ihnen sich zu den totalitären, demokratiefeindlichen und lügnerischen Propagandaaktionen ihrer Partei geäussert hat. Man muss damit annehmen, dass die Leute diese Aktionen und Verhaltensweisen somit akzeptieren, wenn nicht sogar begrüssen.
Ich finde es immer wieder beängstigend, dass die Schweiz welche in diesen "SVP-Portraits" gezeigt wird so weit entfernt von mir entfernt ist, und das obwohl ich – nur um Bezug auf andere Leserbriefe zu nehmen – im Oberaargau in einer Bauernfamilie aufgewachsen bin. Hart arbeitende, traditionelle Schweizer sind nicht immer mit der SVP-Anhängerschaft gleichzusetzen. Viele dieser Menschen sind nämlich bereit, zu diskutieren und nehmen andere Meinungen auch ernst – wenn man denn mal ohne Vorbehalte mit ihnen spricht.
Der Bericht über den Elekromonteur Naveen zeigt genau, wie es in der SVP läuft: Vorurteile und Unwissen beherrschen ihre Politik. Ein Mensch wird sofort aufgrund seiner Hautfarbe oder ähnlichen Kriterien in einen Topf geworfen. Dass hinter diesen Menschen Individuen sind, die sich alle voneinander unterscheiden und zu einem sehr grossen Teil ehrliche Arbeit verrichten, das will in der SVP niemand wahrhaben. Natürlich, sie können nicht anders. Ihre Propaganda beruht gerade darauf, die Politik dem Schweizer im Dorfe verständlich zu machen. Und eben dies ist nur mit unfairen Verallgemeinerungen und Unwahrheiten möglich.
Zum Glück gibt es noch andere, vernünftige Schweizer.
Herr Caduff, so pro-SVP wie Sie, lese ich diesen Beitrag nicht. Wäre ich SVP Anhängerin gewesen, ich wärs jetzt nicht mehr.
Ich frage mich, ob die Porträtierten sich bewusst sind wie verschroben sie in den Beiträgen rüberkommen. Die Personen wirken naiv und die Bilder sind gestellt. Ein Beitrag bei dem zuerst die Message feststand und dann nach Personen gesucht wurde, die diese untermauert. Ich zweifle ob die Mehrheit der SVP Anhänger diesem Bild entsprechen. (und wenn doch, dann… HILFE!)
Eben lese ich Boris Vians Gedicht "Der kleine Mann ist der wahre Schuldige" und muss zwei Zeilen daraus zitieren.
"… Hitler ganz allein! Ein herrliches Schauspiel. Aber 85 Millionen kleine Leute hinter ihm, da hört der Spass auf." … und ganz schön: "Die kleinen Leute hassen sich untereinander; aber vereinigt nennen sie sich Volk und sind nicht zu schlagen." Individualismus ist, so Vian, die Waffe dagegen. Aber Rockerbraut sein, wie die junge Frau auf dem "Magazin"-Titel, reicht eben nicht… Jetzt müsste eine Tirade gegen Oberflächlichkeit folgen. Ich lasse es. Aber Merci für den Artikel von Magrit Sprecher!
Was mich schockiert ist die Episode wie der Elektromonteur aus Rohrschach nicht von Nazis verprügelt wird, weil er ihnen erzählt das er in der SVP ist. Aber auch der Postchauffeur der seine kleine Tochter indoktriniert hat und davon stolz erzählt, hinterlässt ein flaues Gefühl in der Magengegend. Hoffentlich sind das nur die Extremfälle, die der Autor bei seiner Recherche gefunden hat.
OK. jetzt wissen wir’s alle:
Schuld am Gotthardstau sind nicht die vielen Automobilisten, welche in der Ferienzeit in den Süden fahren, sondern der Leuenberger. Eigentlich sollte man einen Vater im Gotthardtunnel einsperren, der seinen Kindern ein derart verzerrtes Bild von Politik übermittelt. Ich kann diesen Kindern nur einen Rat geben: Lasst nicht zu, dass andere für euch das Denken übernehmen! – Ist auch ein gutgemeinter Tipp für des Bus-Chauffeurs Ehefrau. Über die Dame,welche eine Vorliebe für Uniformen hegt, ihre Handtasche nicht hergibt, sondern Handtaschenräuber einkapseln lässt, wünscht sich die CH etwa so sauber wie ihr Appartement. Zu solchem Kitsch ist jeder Komment überflüssig. – Aber einen Glückwunsch an den Fotografen für diese herrlich – skurillen Aufnahmen!
Inwiefern grenzt es an offenem Rassismus, wenn SVP-Leute einen dunkelhäutigen Mohrenkopf titulieren? Ist doch ein erfüllter Tatbestand gegen das Rassismusgesetz, aber diese Gesetzesgrundlage will die SVP weghaben. Naveens Begegnung mit den Dumpfbacken aus der Neo-Nazi-Szene lässt einem kalte Schauder über den Rücken laufen.Nachdem sie ihn aufs übelste Beschimpft haben, macht er den Skinheads glaubhaft klar, dass sie miteinander für dasselbe kämpfen. – (jagt meine Brüder und Schwestern, aber mich bitte nicht- ich bin sogar bei der SVP) Zu Jacqueline bleibt nur noch zu sagen, dass man ihr viel Glück und Befriedigung wünscht mit der SVP. Solange, wie sie es zulässt, dass andere das Denken für sie übernehmen!
Eigentlich ein wunderbarer Artikel, der Einblick gibt in die Welt des Durchschnitts, der aber wiederum so vielfältig sein kann. Aber trotzdem: die Klischees fallen schon aus den Bildern über einen her, vom Text ganz zu schweigen. Kann es sein, dass genau das gewollt war? PS: Bin selber weder SVP-Mitglied noch SVP-Wähler; da habe ich ja noch mal Glück gehabt, wenn Ihr Artikel denn tatsächlich den Prototypen des SVP-lers beschreibt!!
…zum lachen wenn es nicht zum weinen wäre…
@ Oliver Reichenstein
Sie schreiben "Herr Kuhn, So viel ich sehe, spricht hier niemand von Multikulti."
Das ist genau das Problem im Hintergrund, nämlich dass Multikulti tabu ist. Wenn Sie einmal genau analysieren, was die "kleinen Leute", die normalerweise SP wählen würden, zur SVP treibt, dann ist es die Multikulti-Toleranz unserer Beamten und Politiker, welche diese noch so anmassenden und frechen Betrügereien gegenüber walten lassen. Es ist diese Multikultitoleranz, welche alles mit dem Migrationshintergrund entschuldigt, welche die ärgerlichen und massenhaften Asyl- und Sozialmissbräuche überhaupt erst aufkommen lässt. Diese von blauäugigen und naiven Schweizern verursachten Missbräuche freuen keinen arbeitsamen und anständigen Menschen, sondern sie ärgern ihn. Und diesen berechtigten Ärger benutzt die SVP für ihre demagogische Propaganda.
In perfekter Multikulitperspektive stellen die Autorin und der Fotograf die von ihnen vorgeführten Presseopfer als Vertreter einer Minorität dar, als eine von vielen gleichberechtigten Kulturen in unserem Land, wie die Türken, Italiener, etc. dar.
Das Ganze ist wie ein Aufruf an die anderen Kulturen aufgemacht, diese "Hinterwälder-Schweizer" in toleranter Weise zu erdulden, bis sie ausgestorben sind, und bis nur noch die penibel genauen Fotografien von ihnen künden werden.
…und wems nicht passt, der soll doch auf den Ballenberg zügeln.
Quatsch. Es ist nicht immer alles multikulti. Frau Sprecher hat einen sorgfaeltigen, journalistisch meistergueltigen Artikel geschrieben. Und hey, die Fotografien sind eifach weltklasse. Natuerlich sind die Hintergruende gewaehlt. Die erzaehlen ja ganze Lebensgeschichten. Da gibt es nicht dran zu zetteln. Was Sie, Herr Kuhn, da an multikulti reinlesen wollen, weiss ich wirklich nicht. Aber viellleicht bin ich da wirklich blauaeugig, als Schweizer mit Italienischer Grossmutter, welschem Grossvater, Deutschen Urgrosseltern, in Japan mit einer Japanerin verheiratet, bin ich ja vielleicht selber multikulti, und verstehe den "100 Karat Einzelkulti Ansatz" einfach nicht…
@ Oliver Reichenstein
Es geht nicht darum, irgendjemand Mulitkulti auszureden. Es geht nur darum, dass Politiker und Beamte, wenn sie Multikulti-Träume und -Naivität im Amt ausleben, die besten Wahlhelfer der SVP sind. Das betrifft die Praxis des Asylwesens, wo jeder freche Betrüger seinen Anwalt findet, und wo kein einziger die vom Staat ertrogenen Gelder zurückzahlen muss, selbst wenn sich sein Gesuch als vollkommener Schwindel entpuppt. Das betrifft die Praxis des Sozialamtes, welches sich weigert, bei Leuten heineinzuschauen, bei denen es offensichtlich ist, dass sie an der angegebenen Adresse nicht wohnen, sondern nur kurz in die Schweiz ihr Geld kassieren kommen. Das betrifft Lehrer, welche aus Multikultitoleranz dulden, dass sich junge Ausländermachos beispielsweise bei Lagern um "weibische" Aufgaben drücken. Das betrifft Polizisten, welche von Anzeigen gegen gewisse Ausländer abraten. Die Liste könnte unendlich fortgesetzt werden.
Multikulti soll Privatmeinung bleiben und hat bei der Amtsführung nichts zu suchen.
@Kuhn: Ob Ihre Multikulti-Schwarzweissbilder nun stimmen oder nicht… Dieser Artikel hat schlichtweg NICHTS mit Multikulti zu tun.
Da habe ich doch kürzlich wieder mal den besten Werbespot aller Zeiten gesehen (http://www.youtube.com/watch?v=MwV3jInwrMg ) und muss sagen: die Parallelen zur SVP sind schon sehr krass…