06.03.2010 von Elizabeth Weil , 10 Kommentare
Gewisse Eigenschaften meines Ehemannes machen mich wahnsinnig. Kürzlich hat er im Keller einen Schweinskopf zersägt, damit er für einen Fond in einen Kochtopf passte. Natürlich bin ich auch keine Ehe-Heilige. Ich hasse Zungenküsse, ich widerspreche zwanghaft, und ich stelle mich jedes Mal schlafend, wenn Dan mitten in der Nacht kotzen muss. Dan hat dafür meinen Bruder an einem Familienfest fast verprügelt. Aber im Grossen und Ganzen führen wir eine passable Ehe.
Die Idee, an unserer Ehe zu arbeiten, kam mir eines Nachts. Ich habe nie daran geglaubt, dass man einfach verheiratet ist — nach dem blossen Akt der Trauung. Sondern, dass man erst nach und nach verheiratet wird, dass man zusammengeschweisst wird durch all die vielen kleinen und grossen Alltagsmomente — Darmspülungen, Ausraster am Steuer und so weiter —, die man so nie erwartet hatte und schon gar nicht erdulden wollte. Aber dann passiert genau das: Man erduldet das alles.
Als ich so im Bett lag, fragte ich mich, warum ich mich nicht mehr anstrenge, eine gute Ehefrau zu sein: Meine Ehe funktioniert gut, ist absolut zentral für meine Existenz, und doch gibt es keinen anderen wichtigen Bereich meines Lebens, in dem ich so viel Laissez-faire walten lasse. Wie andere investiere ich viel Zeit und Kraft in Freundschaften, in meine Arbeit, meine Gesundheit und, bis zum Überdruss, in die Erziehung meiner Kinder. Aber das heikle Terrain der Ehe lassen wir alle brachliegen. Ich wollte verstehen, wieso. Auch Dan bemühte sich — manche würden sagen, geradezu besessen — darum, sich und seine Fähigkeiten laufend zu verbessern. In unseren neun Jahren Ehe hat er sich autodidaktisch in einen Meisterschreiner und Chefkoch verwandelt. Momentan liest er Handbücher über Hanteltraining in der Sowjet-Ära, damit sein 41-jähriger Körper zu dem eines Marinesoldaten wird. Dennoch hat er, wie ich und alle anderen, eine Aversion dagegen, die Qualität unserer Ehe zu überdenken. Wieso sind wir so passiv? Wovor fürchten wir uns?
In jener Nacht erschien mir unsere Ehe wie eine Ozeanwelle — was ich Dan später erzählte —, sie wird ebenso in der Tiefe geformt, durch Fügung und Universum, nicht durch mich. Das empfand ich plötzlich als lächerlich. Ich bin keine Fatalistin. Als Zwanzigjährige war ich sogar überzeugt davon, dass wir unseres eigenen Glückes Schmied sind. Ein Teil meines Glücks trat durch Dan in mein Leben, einen charmanten, gut aussehenden Surfer und Schriftsteller, den ich drei Tage nach meinem Umzug nach San Francisco kennenlernte. Elf Jahre später hatten wir zwei Kinder, zwei Jobs, ein Haus, einen Untermieter, eine riesige Verwandtschaft — das, was in «Zorbas, der Grieche» als die «absolute Katastrophe» beschrieben wird. Warum war es uns trotzdem egal, wie sich unser Ehebund entwickelte?
Vorbeugen statt heilen
So entschloss ich mich, mehr Anstrengung in unsere Beziehung zu stecken, solange sie noch gut war. Unsere zwei Mädchen, vier und sieben Jahre alt, waren nicht mehr ganz so betreuungsbedürftig, unsere Karrieren liefen, wir hatten den Totalumbau unseres Hauses überlebt. Böse Zungen würden behaupten, ich fürchtete mich einfach vor Stillstand; positiv ausgelegt, bedeutete es, Dan und ich hatten wieder Energie füreinander. Aus unzähligen Psychologie-Ratgebern, die sich schnell auf meinem Schreibtisch türmten, erfuhr ich, dass mein Vorhaben vernünftig, wenn auch unüblich war. Denn das Durchschnittspaar ist sechs Jahre lang unglücklich miteinander, bevor es eine Therapie beginnt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Aufgabe des Paartherapeuten laut «The Science of Clinical Psychology» «nicht mehr die eines Notfallarztes, der einen frischen Knochenbruch richten muss, sondern die eines Hausarztes, der einen Patienten kurieren soll, der sein Bein vor mehreren Monaten gebrochen hat und weiterhin darauf herumgehumpelt ist: Er muss auch den Bluterguss, die Hüft- und Fussschmerzen und die Entzündung behandeln».
Was ist eine optimierte Ehe?
Doch Dan war keineswegs voller Begeisterung, zumindest am Anfang nicht. Er fürchtete — wie sich später zeigte zu Recht —, dass die Ehe kein gutes Gebiet für Ehrgeizige ist. Er setzte meiner Ozean-Metapher die Weisheit eines kalifornischen Farmers entgegen: Wenn du im Gebüsch herumstocherst, sei darauf gefasst, dass du Schlangen aufscheuchst.
Dan und ich haben am 1. Juli 2000 in Olema, Kalifornien, geheiratet. Ich trug Weiss. Dan war 32, ich 30. Wir gelobten uns Treue in guten und in schlechten Zeiten. Wir hatten eine überheblich optimistische Vorstellung von der Ehe. Wir hatten nie darüber geredet oder nachgedacht, warum wir heiraten oder wie eine gute Ehe aussehen soll. Es schien uns offensichtlich: Wir liebten uns.
Bis zu dieser Nacht dachten wir kaum über unsere Erwartungen nach und noch weniger über die Ehen unserer Eltern, die beide mehr als vierzig Jahre lang verheiratet waren. Unsere Familien waren zwei sehr unterschiedliche Beispiele für eine gute Ehe. Dan wurde in Berkeley, Kalifornien, von VW-Bus-fahrenden Linken aufgezogen, die sich der Romantik so sehr hingaben, dass sich Dan manchmal ausgeschlossen fühlte. Jedes Dinner, jeder Sonnenuntergang war das Allerschönste. Wenn sich in der Schule Mädchen weigerten, mit Dan zu reden, erklärte ihm seine Mutter, die Mädchen seien von seinem unglaublich guten Aussehen eingeschüchtert. Die Ehe meiner Eltern dagegen glich einem kleinen Unternehmen. Sie zogen drei Kinder in Wellesley, Massachusetts, auf, wo das bürgerliche Leben so proper war, dass wir Kinder bei der städtischen Müllhalde Kuchen verkaufen konnten. Jegliche eheliche Zuneigung fand im Geheimen statt. «Du bist ein guter Kumpel», war das höchste Lob.
Nach unserer Hochzeit kauften wir mit einem Buchvorschuss ein heruntergekommenes Haus in San Francisco. Wir gingen davon aus, dass unsere grossen Probleme Geld (oder bei uns zwei Schriftstellern vielmehr dessen Mangel) und Religion (ich bin Jüdin, Dan ist Christ) sein würden. Keines von beiden wurde eins. Wir bauten — oder präziser schlitterten — in eine kameradschaftliche Ehe des 21. Jahrhunderts. Wir waren jedoch nicht nur ökonomische Partner, Geliebte (sehr bald), Ko-Eltern und beste Freunde. Wir waren zudem unsere gegenseitigen Chefredaktoren und erste Leser.
Wo sollten wir anfangen? Was sollte eine optimierte Ehe haben? Mehr Glück? Intimität? Stabilität? Mehr Grund zum Lachen? Weniger Streit? Wenig Reibung? Spannendere Gespräche? Herausragender Sex?
Das Ziel und der Weg waren völlig unklar. Wir wissen zwar alle, was eine Ehe ist: ein juristischer Vertrag zwischen zwei Personen. Aber eine gute Ehe? Ich suchte nach Parametern. John Gottman, der Direktor eines wissenschaftlichen Instituts zur Liebe in Seattle, behauptet, dass er aufgrund von Gesprächsanalysen zwischen Ehepartnern mit 94 Prozent Genauigkeit vorhersagen kann, ob sich dieses Paar innerhalb der nächsten sechs Jahre scheiden lässt. Viele Experten bezweifeln das. Jene, die weder Bücher zum Thema verkaufen wollen noch Workshops oder Therapien, geben zu, überraschend wenig zu wissen. Harry Reis, ein Psychologie-Professor an der Universität Rochester, vergleicht unsere heutigen Kenntnisse über Beziehungen mit einer buddhistischen Parabel: «Ein Blinder ertastet den Stosszahn und schliesst daraus, das Elefanten hart und scharfkantig sind, wie eine Klinge. Ein zweiter Blinder berührt das weiche Ohr und kommt zum Schluss, dass Elefanten weich wie Filz sind. Der dritte stellt sich die enorme Stärke vor, nachdem er die säulenartigen Beine angefasst hat.» Aber keiner von ihnen begreift das ganze Tier.
Schliesslich entschlossen wir uns, einfach einzutauchen in das Projekt, im Vertrauen darauf, dass sich die Definition einer besseren Ehe unterwegs herauskristallisieren würde. Die risikoloseste Methode schien uns, im Privaten zu beginnen, deshalb begannen wir mit dem Selbsthilfe-Bestseller «So viel Liebe wie Du brauchst: Der Wegbegleiter für eine erfüllte Beziehung» von Harville Hendrix, den selbst Oprah Winfrey pries. Ich liess Dan die erste Übung wählen. Das war nur fair. Ich dachte, er würde «die positive Überschwemmung» wählen: jene Übung, bei der man eine Liste all der Eigenschaften macht, die der Partner loben sollte, aber nie lobt. Man sitzt dabei auf einem Stuhl, während der Ehepartner um diesen herumläuft und die Liste immer lauter und mit immer mehr Nachdruck vorliest. (Ich bin äusserst schlecht im Loben, obwohl ich weiss, dass Dan sich danach sehnt; ich halte mich da an den Psychologen Adam Phillips, der schreibt, dass «anhaltender Applaus in einer Ehe irritiert».) Stattdessen wählte Dan «Re-Romantisieren». Keine Überraschung — bei Dans leidenschaftlichen, romantischen Eltern.
Schritt 1: Vervollständige diesen Satz mit so vielen Varianten wie möglich. «Ich fühle mich geliebt, wenn du…» Dan notierte schnell «dich küssen lässt, die Küche putzt, wenn du mir sagst, dass ich knackig aussehe».
«Lass uns zehn Dinge finden», schlug ich vor.
«Zehn!», sagte Dan, stichelnd und zugleich ernsthaft, eine unserer häufigsten Kommunikationsmodi. «Dir fallen wirklich zehn Dinge ein?»
Konkurrenzkampf
Im Buch «Liebe macht Angst: Wege aus dem Beziehungsterror» beschreibt der Psychologe Michael Vincent Miller die Ehe als Karikatur unserer «grössten Träume», weil sie nicht jener Brunnen der Liebe sei, den wir uns wünschen. Stattdessen ist sie eine Wüste, ein «barbarischer Wettstreit darüber, wessen Bedürfnisse erfüllt werden». Und plötzlich begann ich Dan als Gegner zu sehen, als jemanden, mit dem ich die Bedingungen unseres Zusammenlebens stets neu aushandeln muss. Ich erinnere mich gut, aber ungern an das Gefühl zu Beginn unserer Ehe, als noch fast alles offen war: Wo würden wir leben? Wie viel Geld wäre genug? Nach welchem Algorithmus würden wir entscheiden, wer das Baby hütet und wer ins Fitnessstudio darf? Diese Fragen waren mittlerweile beantwortet, und unsere Ehe fühlte sich deshalb stimmig an. Doch jetzt meldete sich unser Konkurrenzdenken mit aller Heftigkeit zurück. Ich rechnete mir aus, dass jede Veränderung zugunsten Dans gleichbedeutend war damit, die Oberhand zu verlieren. Also verteidigte ich mein Terrain hartnäckig. Aber auch mir gelang es nicht, zehn Dinge aufzuzählen, mit denen Dan mich glücklich macht.
Schritt 2: Erinnert euch an die romantische Phase in eurer Beziehung. Vervollständige folgenden Satz: «Ich fühlte mich damals geliebt, wenn du…»
Dan malte auf sein Blatt einen Kreis mit einem Strich in der Mitte, der den «Null Satz» symbolisieren sollte. Dann griff er sich meine Liste. «‹Wenn du mich liebestrunken angesehen hast, wenn du zur Tür reingekommen bist›», las er vor. «Willst du mich hochnehmen? Du bemerkst mich ja nicht einmal, wenn ich zur Tür reinkomme. Du bist ja blind und taub für jeden ausser für die Kinder.»
Ich dachte, ich hätte darauf geachtet, keine jener Mütter zu werden, die all ihre romantische Energie vom Ehemann auf die Kinder übertragen. Anscheinend hatte ich da versagt. Aber Dan hatte meiner Meinung nach die Partner-Eltern-Balance auch nicht gemeistert, nur war sein Problem das Gegenteil: Er ignorierte die Kinder manchmal. Als wir so re-romantisierten, fragte ich ihn gereizt: «Glaubst du wirklich, dass ein Einsneunzig-grosser-neunzig-Kilo-Mann, der zu Hause arbeitet, mit seinen Kindern um die Aufmerksamkeit der Mutter wetteifern sollte, bevor sie in die Schule müssen?» Grossartig, jetzt hatten wir Krach. Dan zog sich ins Badezimmer zurück, um die Fortschritte seines Waschbrettbauches zu prüfen. Mir kamen erste Zweifel. Das ist genau die Angst, oder? Man bemüht sich darum, die Ehe zu verbessern, und sie implodiert. Was, wenn meine Ehe nicht auf einem Meer der Güte dahingleitet, vielleicht auch nur treibt, dafür ziemlich stabil ist? Was, wenn sie auf einer Klippe schaukelt und bei jedem Windstoss zerschellen könnte?
Ehekurs als Prävention
Ein Grossteil der Studien zu Ehen ist schlicht Furcht einflössend. Miller beschreibt das «eheliche Ghetto» — Ghetto? — als «die menschliche Entsprechung eines Aquariums, in dem Fische und Pflanzen ewig im Gleichgewicht von den gegenseitigen Abfallprodukten leben». Vielleicht engagieren wir uns in der Erziehung der Kinder und nicht in der Ehe, weil Erziehung eine Diktatur ist und die Ehe eine Demokratie. Die Kinder haben kein Mitspracherecht, wie sie diszipliniert werden. Für einen Ehepartner dagegen ist Gleichberechtigung heute die Basis. Ein Freund meinte, ich hätte die Hosen an bei uns beiden. Wollte ich meine Ehe wirklich erneut verhandeln und einen Machtverlust riskieren? Aus dem Badezimmer rief Dan: «Glaubst du wirklich, dass dieses Projekt eine gute Idee ist?»
Mir fiel auf, dass in meinen Lieblingsbüchern über Ehen — Calvin Trillins «About Alice» und Joan Didions «Das Jahr magischen Denkens» — immer ein Ehepartner tot war.
An einem Samstag schliesslich fuhren wir über die Golden-Gate-Brücke, um einen Ehekurs zu besuchen. In akademischen Kreisen gelten Ehekurse als Präventionsprogramm, denn wenn Paare den nächsten Schritt machen, zur Therapie, ist es bereits zu spät. Solche Kurse haben traurigerweise den intellektuellen Glamour einer Fahrstunde. Sie basieren auf der optimistischen Idee, dass man lernen kann, eine gute Ehe zu führen. Bernard G. Guerney Jr., Familientherapeut und Pate der Ehekurs-Bewegung, schrieb 1977 in seinem Buch «Relationship Enhancement», dass eine unglückliche Ehe keine Krankheit ist: Wenn ein unglücklich verheirateter Ehepartner nicht «an einem biochemischen Mangel leidet, dann ist er genauso wenig krank wie jemand, der Tennis spielen lernen will und nicht weiss, wie. Der Therapeut muss seinen Klienten also nicht heilen, genauso wenig heilen wie ein Tennislehrer seinen Schüler.»
Wir hatten uns für einen 16-stündigen Kurs «Meistern Sie die Mysterien der Liebe» an zwei Samstagen angemeldet. Im Kurs lernen die Teilnehmer, wie eine «geschulte Konversation» abläuft, oder in unserem Fall, wie vermeiden wir das Wer-kann-den-anderen-rhetorisch-übertrumpfen-Scharmützel, das bei uns zu Hause an der Tagesordnung war. Eine geschulte Konversation ist eine Übung in forcierter Empathie. Einer beschreibt seine Gefühle, der andere verstärkt diese Gefühle, indem er sie beinahe wortwörtlich wiederholt.
Als wir uns an diesem Nachmittag auf diese gestelzte, ernste Art unterhielten — über so hochstehende Themen wie Rückenkraulen und verirrte Socken —, fühlte ich, wie sich in unserer Ehe eine Falltür öffnete. Intimität beginnt, nach gängiger Meinung, sobald einer tiefen Einblick in seine Gefühle erlaubt, sie wächst, wenn das Gegenüber mit Empathie antwortet, und ist vollkommen, wenn sich der andere verstanden, bestätigt und wertgeschätzt fühlt. Das ist nicht neu. Einem verheirateten Paar dieses Modell zu erklären, ist, als ob man einem Übergewichtigen sagt, er solle weniger essen und sich mehr bewegen.
Doch in den Tagen und Nächten nach dem Kurs wuchs unsere Intimität. Wir hatten unsere verbalen Zweikämpfe nie als Schutzmassnahme gegen unangenehme Gefühle gesehen. Aber genau das wars. Wieder zu Hause, erzählte ich Dan, ohne jede Ironie, viele wenig heldenhafte Geschichten aus meiner Kindheit, Geschichten, die ich ihm noch nie erzählt hatte, weil ich mich zu unsicher gefühlt hatte. Es waren Geschichten über Bat Mizwas in Vororten und die Radlerhosen, die ich dazu tragen musste, Anekdoten aus der bürgerlichen Ostküstenwelt, die wir in unserer Ehe ausschlossen. Ohne die hundertprozentige Garantie auf Empathie war meine Angst gewesen, dass ich mit diesen Geschichten schlecht abschneiden würde, verglichen mit Dans Schilderungen einer glorreichen Jugend mit Frisbee spielen in Berkeley.
In den folgenden Wochen war sogar unser Sex offener und vertrauter. Bis ich begann, mich zurückzuziehen. Als ob ich Newtons Aktionsgesetz gehorchen müsste, antwortete ich auf unsere neu gefundene Intimität mit einer Gegenreaktion: Vom «Wir» der süssen Eheverheissungen wollte ich wieder zum «Ich» zurück. Ich liebte zwar die Vorstellung, mich aus meinem emotionalen Bunker auszugraben und zu Dan rüberzugehen, um mit ihm zu leben. Und ich genoss es auch, dort zu bleiben, eine Weile lang. Aber Dans Persönlichkeit ist grösser und schriller als meine. Ich fürchtete mich davor, in unserer Zweisamkeit unterzugehen. Vor ein paar Jahren hatte ich mal gleichermassen fasziniert wie abgeschreckt von einem buddhistischen Paar gelesen, das einander gelobt hatte, nie weiter als fünf Meter voneinander entfernt zu sein. Beim Yoga atmeten sie gemeinsam ein und aus, sie begleiteten einander zum Schreibtisch, wenn einer der beiden mitten in der Nacht eine Inspiration hatte. Diese Form der Intimität — wie an der Hundeleine — empfand ich als schrecklich.
Nach unseren intimen Nächten lief ich manchmal in die Küche und wollte tun, als wäre nichts passiert. Wenn Dan meinen Rücken streichelte, drehte ich mich weg. Ich kenne ältere Paare, die in getrennten Schlafzimmern schlafen, ein Arrangement, das mich als frisch Verheiratete erschüttert hatte, aber jetzt sah ich es als eine Chance, um über fünfzig Jahre hinweg die Balance zwischen Intimität und Autonomie zu halten. Doch Dan und ich würden weiter im gleichen Zimmer schlafen — wir hatten ohnehin zu wenig Platz.
Während wir also an unserer Ehe arbeiteten, stiess ich meinen Mann weg. Ich hatte das Projekt in dem Glauben begonnen, je mehr Nähe, desto besser. Aber das schien sich nicht zu bewahrheiten. Zumindest nicht für mich.
Ein Feld vor, zwei zurück
Von Beginn des Projektes an hatte Dan darauf gewartet: die Sextherapie. Die gute und die schlechte Neuigkeit dazu: Den Sex in unserer Ehe zu verbessern, war viel einfacher, als gedacht, doch das Verfahren selbst verursachte uns Brechreiz.
Wir konsultierten wieder Bücher. Der Psychoanalytiker Stephen A. Mitchell betont in «Kann denn Liebe ewig sein? Psychoanalytische Erkundungen über Liebe, Begehren und Beständigkeit», dass die Annahme, der Ehepartner und das Sexleben werden langweilig und vorhersehbar, lediglich ein «gedankliches Konstrukt» ist. Dieses spiegle vielmehr das Bedürfnis nach einem zuverlässigen, berechenbaren Partner, der nicht in extreme Richtungen abdriftet.
Von Mitchell inspiriert, entschied ich mich für ein gedankliches Experiment: Während wir Sex hatten, stellte ich mir vor, Dan sei unberechenbar. Bis dahin hatten Dan und ich geregelten Sex in jeder Hinsicht: ein paar Mal die Woche, nicht sehr einfallsreich. Wie auch in anderen Bereichen unseres Lebens hatten wir eine gewisse Stabilität erreicht, die unseren Bedürfnissen entsprach, und dabei blieben wir. Aber jetzt, da ich mir vorstellte, Dan sei ein freier Geist, der irgendwann irgendwas tun könnte, wollte ich ihm paradoxerweise näherkommen, um sein Geheimnis zu lüften. Während vieler Jahre hatte ich das Gefühl gehabt, Dan gut zu kennen und Angst davor, dass wir ohne kleine Abstände zwischen uns im Beziehungskollaps enden würden. Jetzt überfielen mich jene schweisstreibenden Gefühle, die ich mit Anfang zwanzig gehabt hatte, wenn zu Beginn einer neuen Affäre meine Seele in die eines neuen Liebhabers sickerte.
Wahnsinn! Eine bessere Ehe bedeutet mehr leidenschaftlichen Sex, klar. Doch nun fiel mir ein Muster auf: Wenn ich meine Ehe auf einem Gebiet verbesserte, tauchten Probleme woanders auf. Mehr Intimität bedeutete weniger Autonomie. Mehr Leidenschaft führte zu weniger Stabilität. Ich fühlte mich deshalb mies.
Eine Denkschule sieht Sex als Metapher für die Ehe. Deren Verfechter schreiben Bücher wie «Heisse Liebe in festen Partnerschaften» von Patricia Love und Jo Robinson und behaupten, dass «Paare, die sich ihre Gedanken und Gefühle offenbaren, eine starke emotionale Bindung haben, die es ihnen erlaubt, ihre Sexualität freier zu erkunden». Aber es gibt auch die gegenteilige Theorie: Sex — auch Sex in der Ehe — braucht Grenzen und Ungewissheit, und wir sind naive Idioten, wenn wir uns nicht daran halten. «Romantische Liebe ist heute peinlich», klagt Cristina Nehring in «A Vindication of Love: Reclaiming Romance for the Twenty-first Century». Sie verdammt das konventionelle Ehearrangement: zwei Ehepartner, ein Haus, ein Schlafzimmer. Sie empört sich angesichts der Bemühungen um Gleichberechtigung. «Es ist eben diese Gleichberechtigung, die unsere Libido zerstört, eine Gleichmacherei, die Frauen und Männer langweilt.» Ich kann mir vorstellen, wie sehr sie hyperkameradschaftliche Idioten wie uns verachtet.
Die solide 08/15-Nummer
Dennoch stimme ich mit Nehring darin überein, dass wir «das Recht auf Distanz und das Recht, Fremde zu bleiben, neu entdecken müssen». Könnte meine postkoitale Flucht eine Strategie sein, um erotische Distanz zurückzugewinnen? Ein reizvoller Gedanke, aber leider nur die halbe Wahrheit.
Meine Beziehung zu Dan hatte einen schweren Start gehabt. Als wir uns kennenlernten, war Dan gerade dabei, die Nachwirkungen einer quälenden Affäre mit einer grausamen, sich sexuell selbstverherrlichenden Frau zu verarbeiten. Sie hatte ihm Gemeinheiten an den Kopf geworfen. Jetzt warf er mir Gemeinheiten an den Kopf («Wieso küsst du so?»). Keine perfekte Basis für eine Ehe. Auch nicht förderlich war die Tatsache, dass Dan die ersten Jahre unsere Ehe damit verbracht hatte, einen erotischen Bildungsroman über diese Albtraumbeziehung zu schreiben, einen Roman, der auf 500 Seiten anschwoll, mit Verweisen auf jede Frau, mit der er jemals Sex gehabt hatte. Sogar nachdem das Buch publiziert worden war, wurde ich das Gefühl nie ganz los, dass ich in Dans Leben die Rolle der soliden 08/15-Nummer innehatte. Wir haben nie darüber geredet. Wir bemühten uns zwanghaft, normalen Sex zu haben, Jahr für Jahr für Jahr.
Eines Tages begann ich mit der Lektüre von «Die multi-orgasmische Beziehung. Taoistische Geheimnisse erfüllter Sexualität und Intimität». Ich schrieb Dan ein E-Mail mit dem Betreff: «Neun Tao-Stossmethoden»:
Seite 123, geschrieben von Li T’sunghsuan Tzu, einem Arzt aus dem 17. Jahrhundert:
1. Greife links und rechts an, um mutig durch die feindlichen Flanken durchzubrechen.
2. Erhebe dich und bäume dich auf wie ein Wildpferd.
3. Stosse aufs Meer herunter wie ein Schwarm Seemöwen.
4. Rucke hin und her, mal stark, mal sanft wie ein Spatz, der Reiskörner pickt.
5. Beginne mit flachen Stössen und stosse allmählich stärker.
6. Presche langsam vor wie eine Schlange, die sich in ihre Höhle schlängelt.
7. Schiesse schnell ins Mausloch wie eine erschrockene Maus.
8. Schwebe in der Luft und schlage plötzlich zu wie ein Adler, wenn er einen Hasen fängt.
9. Segle hoch und tauche ins Wasser wie ein Boot im Sturm.
Kaum hatte Dan das E-Mail bekommen, rannte er von seinem Büro im Keller hoch, zu mir in den Dachstock, und fragte mich, welche Methode am verlockendsten tönt. Das war unser Aufbruch — nachdem ich mich zurückgestossen gefühlt hatte bei früheren Versuchen, erotische Hochzeitsgeschenke auszuprobieren, machten wir es uns jetzt in unserem sicheren, gut sortierten, kleinen Sexleben gemütlich.
Unsere Probleme brachen dann im Büro unserer Therapeutin Betsy Kassoff hervor. (Wir hatten uns für eine Psychologin entschieden, die sich mit Sexualität beschäftigt, aber nicht im Sinne körperlicher Störungen.) Dan rollte seine er¬schöpfende Vergangenheit auf. «Als ich mit fünfzehn Jahren mit einem Mädchen ausging…» Ich hatte es so unglaublich satt, noch einmal von Dans Ex-Freundinnen zu hören. Betsy sagte nur «Wow».
Trauma mit der Ex-Freundin
Dan und ich hatten schon früher darüber geredet — das Trauma mit der Ex-Freundin, der unerfreuliche Beginn unserer Beziehung. Aber nur andeutungsweise. Komischerweise fühlten wir uns nun erleichtert, als wir die stinkende alte Kiste geöffnet hatten. Betsy hatte keine zwei Sätze gesagt, als Dan schwieg und ich zu reden begann.
Erinnern Sie sich an das heisse Detail beim Eliot-Spritzer-Skandal? Der Gouverneur von New York trug Socken beim Sex. Wir enthüllten viel Schlimmeres. Dan und ich hatten beim Sex nie miteinander geredet. Uns nie in die Augen geschaut. «Und wie sieht es mit der dunkleren, aggressiveren sexuellen Seite aus, die du in früheren Beziehungen ausgelebt hast?», fragte Betsy Dan. «Fällt es dir schwer, diese Seite deiner Persönlichkeit in eure Beziehung einzubringen?»
Betsy ging sanft und effizient vor, wie eine Krankenschwester, die den Verband abnimmt und eine Wunde offen legt. Ich beichtete mein Verlangen, aber auch meine Sorge, dass wir nicht sexuell aggressiv sein konnten, ohne ans alte Trauma zu rühren.
Dan schwor, dass dies nicht der Fall sein würde. Unser erotisches Innenleben schälte sich Schicht um Schicht heraus. Ich gestand, dass ich mich von unserem übertrieben geregelten Sex eingeengt fühlte und dass ich verärgert darüber war, dass nur Dan eine angeblich wichtige sexuelle Vorgeschichte hatte und ich nicht. Dan gestand dann seine Fantasien zu meinen verflossenen Liebhabern und seine Angst, dass sie Zugang zu Seiten von mir gehabt hatten, die ihm verschlossen blieben. Wie konnte es nur sein, dass unser Sexleben nach neun Jahren Ehe immer noch von Ex-Partnern beeinflusst wurde, mit denen wir keinen Kontakt mehr hatten und die wir schon gar nicht begehrten. Dieser Gedanke machte mich wütend.
Fünfzig Minuten später stolperten Dan und ich auf die Strasse, ausgewrungen und benebelt. Dann fuhren wir nach Hause und lösten das Problem, zumindest fürs Erste. Ich hasse es, das herauszuposaunen, aber wir hatten grossartigen Sex. Wir hatten panische Angst vor schlechtem Sex gehabt. Doch kaum hatten wir uns gegenseitig bewiesen, dass es kein Schwachsinn war, dass wir verheiratet waren — dass wir ein genauso erotisch aufgeladenes Leben haben konnten wie früher mit anderen — da begann der Rückfall.
Diesmal war der Rückzug schmerzhaft und abrupt. Eines Tages fand Dan einen Karton mit alten Fotos im Keller und brachte ihn hoch, um seinen Töchtern sein altes Selbst zu zeigen. Der Karton enthielt aber auch Fotos meiner Ex-Freunde, Bilder, die Dan zur grossen Erheiterung der Mädchen quer durchs Zimmer warf. «Erklär mir noch mal, warum du so viele Ex-Freunde zu unserer Hochzeit eingeladen hast?»
Dan schickte mir am nächsten Morgen um sechs Uhr ein E-Mail — keiner von uns hatte schlafen können. «Damals hast du behauptet, du hättest mit zweien nie geschlafen. Es stellte sich erst später heraus, dass du es doch getan hattest. Wieso? Warst du noch nicht bereit, die Vergangenheit loszulassen? Wars Unreife? Selbstschutz? Geniesst du es, ebenfalls eine sexuelle Vergangenheit zu haben?»
Im Buch «Als sie mich noch nicht kannte. Roman einer Eifersucht» erkundet der Schriftsteller Julian Barnes die rasende Eifersucht, die wir gegenüber Ex-Partnern unserer Lebenspartner empfinden, als ob wir schon in Erwartung unserer künftigen Ehepartner leben könnten. Diese Eifersucht, schreibt Barnes, kommt «als heftiger Ausbruch, der dir die Luft nimmt». Das war exakt die Erfahrung, die wir machten. Die Inquisition dauerte Tage. Wieso hatte ich Dan nicht erzählt, dass ich mit XY geschlafen hatte? Ich hatte vor elf Jahren aus dem dümmsten Grund gelogen: Ich hatte nicht die Geistesgegenwart gehabt, Dan die Wahrheit zu erzählen, und weil ich fand, er habe noch nicht das Recht, alle Details meines Sexlebens zu erfahren. Aber jetzt war Dan mein Ehemann. Er stöberte rücksichtslos in allen dunklen Ecken unserer Ehe. Für ihn war ich nicht mehr vorhersehbar und zahm, mich schmerzte diese alte Lüge.
«Das ist das zentrale Vertrauensproblem in einer Ehe», sagte Dan am nächsten Tag, als er für mich kochte. «Kann ich dir denn noch vertrauen, wenn du behauptest, dass du mit keinem anderen schläfst als mit mir?»
Am Wochenende darauf: wieder Eifersucht (oder war es ein Versuch, unsere Erotik mit Spannungen anzuheizen?). Ich sagte mit etwas zu viel Nachdruck «Ja», als mich Dan fragte, ob mir der muskulöse junge Mann am Pool aufgefallen war. Dan erlaubte mir sexuelle Freiheit und gewährte mir mein volles Menschsein. Wir lebten zusammen, zogen gemeinsam Kinder auf, arbeiteten und schliefen miteinander. Jetzt mussten wir wieder den Funken zwischen uns überspringen lassen.
Es war aufreibend. «Dieser Typ ist der Inbegriff von falschem Hanteltraining!» Einem aus reiner Eitelkeit — in Dans Augen eine Todsünde. «Du bist wie ein Kerl, der zugibt, dass er auf Silikonbrüste steht. Der Typ hatte Hühnerbeine. Hast du das auch bemerkt?»
Genug gut ist gut genug
Was ist eine gute Ehe? Wie gut ist gut genug? Letztlich fühlte sich jede Philosophie zu einer guten Ehe an wie ein Handschuh mit nur vier Fingern. Die Verfechter der Leidenschaft hielten nichts von den Freuden eines trauten Heims. Die Kommunikationsgurus beschworen das Jetzt und ignorierten die Vergangenheit. Das Projekt erschien mir plötzlich wie ein gigantischer Versuch, alles aus einem unordentlichen Schrank, der unser Leben war, herauszureissen und es wieder so zu versorgen, dass es wie in einer Werbung für einen vorbildlichen Vorratsschrank aussah.
Es passt nicht alles hinein. Das würde es nie. Wir könnten jeden Winkel aufräumen, aber auch mit ständigen Sitzungen mithilfe unzähliger Experten würden wir es nicht schaffen, alle Bereiche unserer Ehe gleichzeitig tipptopp in Ordnung zu halten.
Trotzdem krieche ich Nacht für Nacht zu Dan ins Bett. Er schläft oft mit einem weissen T-Shirt, weissen Boxershorts und einem weiss bezogenen Kissen über dem Gesicht, um nicht vom Licht meiner Leselampe geblendet zu werden, seine Kochbücher und Trainingshandbücher liegen auf dem Boden verstreut. Er sieht aus wie ein Baby, unschuldig und voller Versprechen. In der Psychiatrie kennt man den Begriff «good enough mother» für einen Elternteil, der sein Kind genügend liebt, damit es sich zu einem emotional gesunden Menschen entwickeln kann. Das Ziel ist mentale Gesundheit, definiert als die Stärke und Flexibilität, ein eigenständiges Leben zu führen. Nicht Freude. Das ist der essenzielle Unterschied. Dementsprechend zeichnet sich eine «genügend gute Ehe» dadurch aus, dass sie es den Ehepartnern ermöglicht, weiter zu wachsen, ihnen die Kraft und den Mut zu geben, den man braucht, sich der Welt zu stellen.
Am Schluss entschied ich mich für diese Vorstellung einer Ehe, die ich auf uns anwenden wollte. Vielleicht sträuben wir uns perverserweise so gegen die Idee, an unserer Ehe zu arbeiten, weil wir kein klares Ziel vor Augen haben. Anfangs betrachten wir unsere Ehen als Vehikel, um uns unsere Wünsche zu erfüllen: Wir bekommen den Typen, vielleicht ein Haus, das Ende der Einsamkeit, Kinder. Aber zu erwarten, dass unsere Ehe stets all unsere Bedürfnisse befriedigt — dass sie uns das unendliche Glück, die Leidenschaft, Intimität oder Stabilität bringt, nach der wir uns sehnen — das ist naiv. Natürlich ist eine Ehe anstrengend, sie ist auch ein Joch. Monatelang hatten Dan und ich in unserer Ehe gekämpft, wir hatten uns abgemüht, wir hatten unsere Egos gezügelt, wir hatten um Positionen gerungen. Dan war sauer auf mich gewesen; ich hatte mich von ihm zurückgezogen. Ich hatte Neues über mich und über unsere Beziehung gelernt, Sachen, die ich nie hatte wissen wollen. Aber als ich den schlafenden Dan anschaute, fühlte ich mich ihm mehr verpflichtet denn je. Ich spürte, dass wir unser Projekt nun ernsthaft angehen konnten: Jetzt konnten wir uns selbst und dem anderen den Mut und die Geduld abverlangen, einander wachsen zu lassen.
Elizabeth Weil ist Autorin des «New York Times Magazine».
Übersetzung: Thaïs In der Smitten, redaktion@dasmagazin.ch
Für mich war das enervierend zu lesen. Kommt mir vor wie zwei Musterschüler am Examen, total neurotisiert: Meister, machen wir jetzt alles richtig? Nabelschau zu zweit. Letztlich belanglos.
How very true, indeed, Skeptiker!
Absolut richtig, Skeptiker! Ich glaube, der Grund dafür, dass alles in diesem Artikel so superneurotisch rüberkommt ist a) das zwanghafte Bemühen zu verhindern, dass man irgendwie banal rüberkommen könnte und b) das fehlende letzte Quentchen Mut, das wirklich Innerste zu offenbaren – vielleicht gerade darum, weil es so banal wäre. Darum ergehen sich die AutorInnen solcher Berichte oft in einem Meer von kopflastigen, pseudokryptischen (das heisst, kryptisch erscheinenden aber im Endeffekt doch nichts wirklich Relevantes verbergenden) Ergüssen. Ich finde: man soll so einen Erfahrungsbericht nur schreiben, wenn man wirklich etwas mitteilen will und nicht um zu demonstrieren wie wendig der eigene Intellekt ist, wenn es darum geht, emotionale Themen abzuhandeln.
Ein Upgrade für die Beziehung- wie bei einem Computer. Eine grauenhafte Vorstellung! Sind Frauen wirklich so kompliziert- oder nur die Autorin? Wie bringe ich die Bäume dazu, auch weiterhin in den Himmel zu wachsen? So kam dieser Artikel bei mir rüber: Wirklich grau-en-haft. Zwanghaft innovativ und frisch und immer supergut drauf sein mit dem Versuch, wieder supertolle, multiple Orgasmen zu haben- wer um gottsheiligenwillen hat denn je so etwas von einer Beziehung erwartet, ausser gewissen Frauen vieleicht?
@Marcel Zufferey
Es hat sich eine Species von bestenfalls zweitklassigen Eheberatern und ebensolchen Psychologen eine Marktlücke ergattert. Marketing ist alles, das Produkt oder der Produktnutzen spielt keine Rolle.
Dazu kommt der amerikanische Trend, jede Abweichung von einem Durchschnitt als “Disorder”, also als “Krankheit” zu dramatisieren und gegen Bares reparieren zu wollen/müssen. Das betrifft schon lange sämtliche Körperteile [vorab der Frauen, sind die leichteren Opfer], aber die Seele wird inzwischen ebenso gründlich bewirtschaftet. Gleichmacherei als Geschäft.
Als jemand, der all das schon erlebt hat, kann ich folgendes zu den Vorschreibern und zum Artikel schreiben:
- In einer Gesellschaft, in der immer alles immer perfekt sein soll (die Medien, unsere Ansprüche, die Drücke von aussen, z.B. unserer Familien) treiben uns immer wieder in die Ecke des Hinterfragens, auch wenn es gar nichts zu hinterfragen gäbe. Ja, ich gehe sogar weiter: Nach 10 Jahren Ehe müsste man sich schon fragen, warum man überhaupt schon 10 Jahre zusammen ist. Andere schaffen das in der Regel nicht mal halb so lange.
- Die Psychiater und solche, die es sein wollen, reden uns irgendwelche x-beliebigen Theorien an den Kopf. Zu jeden Thema findet man x Bücher für und y Bücher gegen eine Theorie. Schade nur, dass es Personen gibt, die dafür empfänglich sind. Das hat rein gar nichts mit amerikanischen Gegebenheiten zu tun. Es ist schlicht eine Folge der Globalisierung: Man hat leichter Zugang zu Informationen und konsumiert die, ohne diese zu hinterfragen.
- Es gibt heute zu dem Thema kaum mehr jemanden, der aus seiner Erfahrung heraus erzählen könnte, wie sie es getan haben: Grosseltern, die ein Leben lang verheiratet waren. Ich habe von meiner Grossmutter erfahren, was das Geheimnis ihrer Ehe war (über 40 Jahre). Sie wies mich aber gleich im nächsten Satz darauf hin, dass das ihr Rezept war, und für andere mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu funktionieren würde.
Ich finde den Artikel deswegen gut weil er aufzeigt, dass manchmal einfach die Demut vor dem erreichten und das damit zufrieden sein reicht. Es muss nicht immer ‘länger, weiter, höher’ sein. Manchmal ist es einfach gut so, wie es ist.
@HANSAM
“Ich finde den Artikel deswegen gut weil er aufzeigt, dass manchmal einfach die Demut vor dem erreichten und das damit zufrieden sein reicht. Es muss nicht immer ‘länger, weiter, höher’ sein. Manchmal ist es einfach gut so, wie es ist.”.
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Für diese grossartige Erkenntnis musste die Autorin und ihr Partner aber eine lange Reise unternehmen und nacher reichlich viele Worte schreiben…
Der Artikel ist in der Tat sehr langweilig. Die beiden sind nach einer so kurzen Ehezeit auch keineswegs Ehe-Profis oder “altgediente” Eheleute. Das ist man bestenfalls nach 20 Jahren Ehe und mehr. Der Text wäre bedeutend spannender, wenn er aus der Feder eines Paares aus der Schweiz oder sonstwo in Europa käme. Die US-Ehen dünken mich gleich langweilig und unerheblich wie das wenig authentische Leben dort allgemein. Ich kann mich irren, aber der Artikel – und auch die bsiherigen Lesermeinungen – bestätigen diesen Eindruck.
Der Artikel ist in der Tat sehr langweilig. Die beiden sind nach einer so kurzen Ehezeit auch keineswegs Ehe-Profis oder “altgediente” Eheleute. Das ist man bestenfalls nach 20 Jahren Ehe und mehr. Der Text wäre bedeutend spannender, wenn er aus der Feder eines Paares aus der Schweiz oder sonstwo in Europa käme. Die US-Ehen dünken mich gleich langweilig und unerheblich wie das wenig authentische Leben dort allgemein. Ich kann mich irren, aber der Artikel – und auch die bsiherigen Lesermeinungen – bestätigen diesen Eindruck.
Das hätte bestimmt eine gute, halbseitige Kolumne gegeben. Alles, was es zu sagen gibt, könnte auch darin gesagt werden.