22.01.2010 von Georg Diez , 14 Kommentare
Er sei ein Hallodri, ein schief denkender Scharlatan, ein gefährlicher Radikaler, das sagen, schreiben, schreien seine Gegner. Die 2500 Menschen, die zu seinen Vorlesungen in New York, Buenos Aires oder London kommen, strömen, pilgern, sehen in ihm einen Geist, der sich und sie von den Gängelbändern des konventionellen Denkens befreit. Es hat etwas Erweckungshaftes, wie er da seine Worte in den Saal schleudert und die Zuhörer so tun, als verstünden sie, worum genau es geht. Sie greifen gierig nach seinen Gedanken, die sich manchmal wie von selbst in Luft auflösen. Dabei hasst Žižek eigentlich nichts so sehr wie trübe, verschwommene, erweckungshafte Gedanken. Das Widersprüchliche ist sein Metier. Er ist ein Aufklärer in der ganz widersprüchlichen, komplizierten europäischen Tradition.
Žižek ist Hegelianer, Marxist, vor allem aber ein Schüler des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, den er, so sagt er es selbst, wie ein Werkzeug benutzt, um den deutschen Idealismus neu zu denken. Kant, Schelling, Hegel treffen bei ihm auf Kafka, Starbucks und die amerikanische Fernsehserie «Heroes». Žižeks Originalität besteht in einer Mischung aus Elastizität und Engagement, was dazu führt, dass man nie sicher sein kann, was hinter der nächsten Ecke seines Denkens auf einen wartet. Zuletzt ist auf Deutsch sein Buch «Auf verlorenem Posten» erschienen, ein wütendes Traktat, in dem er den herrschenden Kapitalismus frontal angreift.
Wir besuchen ihn in Ljubljana, wo er eine enge Dreizimmerwohnung in einem Neubauviertel bewohnt. Seine Socken bewahrt er in Küchenschränken auf, sein Wohnzimmer wird beherrscht von einer postsozialistisch scheusslichen Couch, daneben stehen ungefähr fünfzig Plastiksoldaten, mit denen sein Sohn spielt, wenn er zu Besuch ist. Bis vor Kurzem war Žižek mit dem ehemaligen argentinischen Unterwäschemodel Analia Hounie verheiratet, der Tochter eines Lacanianers und selbst trainiert in der lacanschen Psychoanalyse. Žižek fasst sich beim Sprechen oft an seinen Bart, der mehr und mehr wie eine unheimliche Art von Lebewesen wirkt.
Wenn Žižek spricht, spuckt er die Worte hervor. Er ist konzentriert, er hat gute Laune. Er ist ein Renegat der Postmoderne. Er ist der letzte Kommunist. Oder der erste.
DAS MAGAZIN: Slavoj Žižek, was sehen Sie, wenn Sie morgens die Augen öffnen?
Slavoj ŽIŽEK: Was ich sehen will? Oder was ich tatsächlich sehe? Ich habe dieses kleine zwanghafte Ritual: Wenn mein Sohn bei mir ist, wie heute, stelle ich den Wecker auf 7 Uhr 25, damit er rechtzeitig in die Schule kommt. Aber dann wache ich immer schon früher auf, weil ich mich frage: Wird der Wecker wirklich funktionieren? Ich bin wach, beobachte und warte. Wenn das nicht die ganze Schönheit einer Zwangsneurose zeigt.
DAS MAGAZIN: Was sagt Ihnen das über sich selbst?
ŽIŽEK: Ich will mich nicht analysieren. Ich finde das widerlich.
DAS MAGAZIN: Analysieren Sie andere?
ŽIŽEK: Schauen Sie mich doch an. Man muss wirklich ernsthafte Probleme haben, um zu einem Analytiker wie mir zu gehen. Ausserdem würde ich sofort das Fenster aufmachen und sagen: Hier, spring!
DAS MAGAZIN: Sie waren nie in Therapie?
ŽIŽEK: Einmal. Vor fünfundzwanzig Jahren in Paris. Ich hatte damals eine persönliche Krise. Aber ich habe alles dafür getan, die Analyse zu sabotieren.
DAS MAGAZIN: Macht das nicht jeder?
ŽIŽEK: Klar, in den ersten paar Monaten testet man den Analytiker, um herauszufinden, wie intelligent er ist. Man erfindet Träume und so einen Quatsch. Für einen wirklich guten Analytiker ändert das nichts, man verrät sich immer. Aber ich habe versucht, mit den Wünschen meines Analytikers ein schmutziges Spiel zu spielen.
DAS MAGAZIN: Was war das für eine Krise?
ŽIŽEK: Oh Gott, es war Liebe! Ich war völlig verzweifelt. Und die Analyse hat mich gerettet. Ich wollte mich umbringen, sagte mir jedoch: Heute nicht, ich habe noch einen Termin um zwei beim Analytiker. Und morgen auch nicht, da habe ich wieder einen Termin. Dieses Spiel ging einen ganzen Monat lang.
DAS MAGAZIN: Sie wollten sich aus Liebe umbringen? Würden Sie nicht sagen, dass das erniedrigend ist und obszön?
ŽIŽEK: Es war wirklich intensive Liebe. Ich habe das damals nicht reflektiert. Und ich war verdammt verzweifelt. Ausserdem: Warum nicht? Da bin ich ziemlich pathetisch.
DAS MAGAZIN: Sie nennen sich selbst ein Monster.
ŽIŽEK: Ich meine damit nicht die Brutalität des Monsters. Ludwig Wittgenstein hat zwei Arten von Idioten unterschieden: Der eine Idiot ist zu sehr gefangen in Klischees, benutzt nur Phrasen und Floskeln und hat keine eigene Meinung. Der andere Idiot ist der, der alles wörtlich nimmt, der die Phrasen gar nicht versteht. Ein Monster. Wie mein Freund, der israeli¬sche Schriftsteller David Grossman: Als man ihm in den Sechzigerjahren sagte, dass die Palästinenser die Juden ins Meer werfen wollen, hat er sofort einen Schwimmkurs gemacht. Diese Art von Wahnsinn ist mein Wahnsinn.
DAS MAGAZIN: Sie mögen Menschen nicht, präsentieren diese Fehlfunktion aber als philosophisches Konzept. Ganz guter Trick.
ŽIŽEK: Milan Kundera, den ich eigentlich auch nicht besonders mag, hat mein Problem auf den Punkt gebracht. Es ist eine Sache zu sagen: «Lasst uns hungernden Kindern helfen.» Etwas ganz anderes aber ist es zu sagen: «Ist es nicht wunderbar, wie gut man sich fühlt, wenn man hungernden Kindern hilft?» Und das hasse ich. Diese Selbstgerechtigkeit. Starbucks verkündet: «Wenn Sie bei uns einen Cappuccino kaufen, ist er teurer, weil Sie nicht nur den Cappuccino kaufen, sondern auch die Ethik, denn ein Teil des Gewinns geht an…»
DAS MAGAZIN: Oder wenn Sie einen Kasten Bier kaufen, retten Sie ein Stück Regenwald.
ŽIŽEK: Schön, dass wir nicht mehr gegen Konsum sein müssen. Konsum selbst wird zum Kampf, für Ökologie, Antirassismus, was auch immer. Diese Verlogenheit hasse ich.
DAS MAGAZIN: Würden Sie etwas grundlegender sagen, dass Ethik im Allgemeinen obszön ist?
ŽIŽEK: Oh nein, nein. Da bin ich Psychoanalytiker im Sinne Jacques Lacans: Ethik ja, aber Ethik ohne Moral.
DAS MAGAZIN: Moral ist obszön?
ŽIŽEK: Moral hat für mich immer das Element narzisstischer Befriedigung. Indem man sie herablassend anderen auferlegt. Was man besser weiss als der andere, ist gut für den anderen.
DAS MAGAZIN: Die Wohlfühl-Linke.
ŽIŽEK: Ich streite mich immer mit Feministen, wissen Sie. Wenn zum Beispiel eine Frau vergewaltigt wird, hört man oft als Ausrede: «Sie wollte es doch, sie hat es provoziert.» Was ist, wenn es Frauen gibt, die wirklich davon träumen, ein wenig misshandelt zu werden? Rechtfertigt das die Vergewaltigung? Nein! Und trotzdem sage ich: Menschen haben das Recht zu träumen, was immer sie wollen. Wenn ich einer Frau verbiete, masochistische Träume zu haben, gebe ich in gewisser Weise dem Opfer die Schuld.
DAS MAGAZIN: Was uns die Psychoanalyse lehrt.
ŽIŽEK: Es ist abscheulich, wenn das, wovon man heimlich träumt,einem brutal von aussen aufgezwungen wird. Eine demütigende Erfahrung. Aber lassen Sie mir meine Träume! Es gibt einen schönen Namen für einen verwirklichten Traum: Albtraum.
DAS MAGAZIN: Ein Psychoanalytiker würde sagen: Es gibt ein Muster hinter dem, was Sie sagen. Wo kommt die Wut her, der biblische Zorn des Slavoj Žižek?
ŽIŽEK: Ist das eine psychologische Frage? Oder allgemein: Warum Menschen rebellieren sollten?
DAS MAGAZIN: Eine persönliche Frage.
ŽIŽEK: Darauf habe ich nur eine sehr christliche Antwort: Ich bin wütend aus Liebe! Kierkegaard ist hier mein Lehrer, der grosse dialektische Materialist. In seinem Meisterwerk «Die Taten der Liebe» schreibt er den wunderbaren Satz: «Wahre christliche Nächstenliebe bedeutet, dass du bereit bist, deinen Nächsten aus Liebe zu töten.» Kierkegaard war einer der wenigen, der diese Worte Christi wirklich ernst nahm: «Ich bringe das Schwert, nicht den Frieden.» Und: «Wenn du deine Mutter und deinen Vater nicht hasst, bist du nicht mein Jünger.»
DAS MAGAZIN: Was bedeutet das für Sie?
ŽIŽEK: Wenn ich dich wirklich liebe, bin ich bereit, für dich gegendich zu kämpfen! Ich akzeptiere dich in deiner inneren Widersprüchlichkeit, ich bevormunde dich nicht Deshalbist für mich Wohltätigkeit oder Charity nicht christlich.Liebe ohne kalten Hassist nicht christliche Liebe. Es darf keine pathologische Liebe sein. Es muss die kantische reineLiebe sein. Und die braucht den Hass.
DAS MAGAZIN: Hass.
ŽIŽEK: «Hasse deinen Vater» bedeutet nicht, dass man ihn als Person hassen soll. Sondern den Vater als Vater, als Teil der hierarchischen Struktur. Das hängt alles mit dem Heiligen Geist zusammen. Die Menschen vergessen übrigens, dass «Heiliger Geist» der erste Name für die Kommunistische Partei war.
DAS MAGAZIN: Hängt Ihr Interesse am Christentum mit Ihrem Kampf gegen die Postmoderne zusammen?
ŽIŽEK: Ich kann den postmodernen Jargon nicht leiden. Ich bin aber auch gegen diese ständige ironische innere Distanz.
DAS MAGAZIN: Die ewigen Anführungszeichen.ŽIŽEK:
Diese erkenntnistheoretische Ausle¬gung, die sich im Sinne Michel Foucaults weigert zu sagen: «Wir sind vernünftige Wesen.» Ich höre dann immer so Sätze: «Unter welcher Bedingung und welcher diskursiven Potenz sind wir in der Lage, eine Erklärung abzugeben, dass wir vernünftige Wesen sind?»
DAS MAGAZIN: Der wahre Feind in dem Buch ist aber nicht die Postmoderne, sondern die Demokratie.
ŽIŽEK: Als ich jung war, wurde der Sozialismus mit dem Argument verteidigt: «Träum nicht vom idealen Sozialismus, das hier ist der real existierende Sozialismus.» Genauso geht das heute. Wir leben in der real existierenden Demokratie, wir sollen nicht von der wahren träumen.
DAS MAGAZIN: Also wollen Sie die Demokratie abschaffen.
ŽIŽEK: Ich sage nicht, dass die Demokratie nicht ihre guten Seiten hat. Doch die Art von Gesellschaft, die sie repräsentiert, ist nicht so neutral, wie es scheinen mag. Die Menschen wollen nicht entscheiden. Sie wollen eine Autorität, die ihnen sagt, was sie tun sollen. Sie wollen den Anschein von Freiheit, nicht wirkliche Freiheit.
DAS MAGAZIN: Menschen wollen regiert werden.
ŽIŽEK: Aber eben auch nicht immer. In Krisenzeiten ist eine aktivere Beteiligung erforderlich. Ich weiss auch nicht genau, wie das aussehen wird. Es wird passieren, wenn sich die Menschen mobilisieren.
DAS MAGAZIN: Und dieser Moment könnte jetzt sein?
ŽIŽEK: Das ist meine Überlegung.
DAS MAGAZIN: Eine kollektive Bewegung.
ŽIŽEK: So eine Bewegung muss universell sein. Unsere Prob¬leme sind global.
DAS MAGAZIN: Vielen Menschen geht es besser durch Demokratie und Kapitalismus.
ŽIŽEK: Und auch ich gestehe ja dem Teufel zu, was dem Teufel gebührt: Nie zuvor haben so viele Menschen einen so hohen Lebensstandard gehabt wie in den letzten fünfzig Jahren in den Wohlfahrtsstaaten Westeuropas. Das Problem ist: Dieses Modell ist am Ende.
DAS MAGAZIN: Mit der aktuellen Finanzkrise?
ŽIŽEK: Nein, nein. Ich bin kein naiver Marxist. Mir scheint vielmehr, diese Krise wurde in irgendeiner kapitalistischen Machtzentrale erfunden, um die Ohnmacht der Linken zu zeigen.
DAS MAGAZIN: Den Linken fehlt die Antwort.
ŽIŽEK: Die Linken üben sich in moralischer Masturbation. Für einen Marxisten ist die gegenwärtige Situation sehr verwirrend: Die Menschen, die überhaupt arbeiten, werden nicht nur von den Kapitalisten ausgebeutet, sondern mehr noch von den Menschen, die nicht arbeiten.
DAS MAGAZIN: Und was kommt nach der Krise?
ŽIŽEK: Ein neuer und noch effizienterer Kapitalismus.
DAS MAGAZIN: Schon wieder?
ŽIŽEK: Schon wieder. Der Kapitalismus wird seine Widersprüche nicht selbst überwinden. Wenn wir den Kapitalismus bekämpfen wollen, brauchen wir neue Formen der Disziplin und der Solidarität, die eben nicht faschistisch sind.
DAS MAGAZIN: Sie wollen den Menschen Disziplin beibringen?ŽIŽEK:
Eine gewisse Disziplin, ja.
DAS MAGAZIN: Sie sind für Terror.
ŽIŽEK: Ich bin für Freiheit und Demokratie, es geht mir nicht darum, irgendeine böse leninistische Partei zu gründen, um Terror zu verbreiten. Aber wir stehen nun einmal vor grundlegenden Fragen, und es wird brutale Antworten erfordern, ob wir in einer neuen rechtsextremen Apartheidsgesellschaft leben wollen, wo sich die Reichen hinter hohen Toren verschanzen, oder ob wir eine Art von Kommunismus neu erfinden wollen. Beides trägt Elemente des Terrors in sich.
DAS MAGAZIN: Welche Art von Terror meinen Sie?
ŽIŽEK: Der Terror, von dem ich rede, ist ein existenzieller Terror. Um wirklich zu verstehen, was die ökologische Krise bedeutet, müssen wir Angst erfahren, müssen wir Terror spüren, müssen wir lernen, wie es sich anfühlt, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Ich lehne die sehr simple Vorstellung einer guten «Mutter Erde» ab — wir machen uns damit vor, wir hätten noch etwas an Boden, den wir zurückgewinnen könnten, wenn wir nur das natürliche Gleichgewicht wieder herstellen. Es gibt aber nichts mehr, wohin wir zurückkehren können.
DAS MAGAZIN: Das ist der wahre Terror.
ŽIŽEK: Wir müssen uns das Ausmass der Katastrophe bewusst machen. Wir brauchen eine Autorität, um darauf zu reagieren. Sogar mit gewissen Elementen des Terrors.
DAS MAGAZIN: Und woher soll diese Autorität kommen?
ŽIŽEK: Der Staat wird nicht ausreichen, er ist zu korrumpiert. Irgendeine Art von Selbstkontrolle muss neu erfunden werden.
DAS MAGAZIN: Sie verwenden dafür manchmal das Wort «Höflichkeit».
ŽIŽEK: Nein, nein, ich meine jetzt schon Massnahmen, konkrete Massnahmen. Strafen zum Beispiel.
DAS MAGAZIN: Geheimpolizei?
ŽIŽEK: Der Druck der Öffentlichkeit. Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, die am Verhungern ist.
DAS MAGAZIN: Das sind wir nicht.
ŽIŽEK: Noch nicht. Aber seien Sie nicht zu optimistisch. Es könnte Katastrophen geben.
DAS MAGAZIN: Es muss also etwas geschehen?
ŽIŽEK: Ja. Aber es kommt nicht von aussen.
DAS MAGAZIN: Und dann ist der Kapitalismus am Ende?
ŽIŽEK: Nein. Aber der Kapitalismus wird Gegensätze schaffen, mit denen das liberal-demokratische System nicht fertig wird. Wohin das führt, sehen wir schon in Singapur, wo der Premierminister Lee Kuan Yew einen «Kapitalismus mit asiatischen Werten» erfunden hat. Autoritären Kapitalismus.
DAS MAGAZIN: Ist China für Sie ein Modell für soziale Disziplin?ŽIŽEK:
Ein negatives Modell, in dem die kommunistische Elite sich zum Diener des explodierenden Kapitalismus gemacht hat und sich damit selbst rettet. Es gibt natürlich auch andere Beispiele. Eine Diktatur wie Korea etwa, wo der Kapitalismus langfristig Demokratie erzeugt hat: Erfolgreicher Kapitalismus war dort ohne Demokratie nicht möglich. Was China angeht, bin ich allerdings pessimistisch.
DAS MAGAZIN:Ist Hugo Chávez in Venezuela ein Modell für Sie?
ŽIŽEK: Dieser Idiot? Chávez verwandelt sich in einen Fidel Castro mit Dollars. Er sitzt in der populistischen Geld-Falle, er muss verteilen, verteilen, verteilen. Aber er hat tatsächlich die Ausgeschlossenen politisch mobilisiert. Chávez und Evo Morales in Bolivien. Alle sollten ihnen dankbar sein, weil nur so ein langer Bürgerkrieg verhindert wurde.
DAS MAGAZIN: Was ist mit Lula in Brasilien?
ŽIŽEK: Ich habe nichts gegen Lula. Aber die Ausgeschlossenen hat er nicht mobilisiert. Es ist ein Wunder, wie gut seine Kompromisspolitik funktioniert, wie enorm sich das Leben der Menschen verbessert hat. Obwohl ich ein Radikaler bin, habe ich dafür einen gewissen Respekt. Ich hasse Marxisten, die es sich leicht machen und sagen: «Oh, er hat aber die grundlegenden bürgerlichen Verhältnisse beibehalten!» Verdammt, na und?
DAS MAGAZIN: Man nennt Sie den «gefährlichsten Philosophen des Westens».
ŽIŽEK: «Der gefährlichste Philosoph der Welt!» Machen Sie mich nicht kleiner.
DAS MAGAZIN: Und jetzt wollen Sie Disziplin und Höflichkeit in eine kollektive Bewegung schleusen?
ŽIŽEK: Höflichkeit ist gut und wichtig. Ich glaube nicht, dass Menschen grundsätzlich brutal sind. Wir werden alle mehr und mehr die Ethik der Krisen spüren.
DAS MAGAZIN: Das heisst, wir werden nach und nach dazu gedrängt, neue Regeln aufzustellen?
ŽIŽEK: Genau. Im Kalten Krieg gab es unausgesprochene Regeln, die von allen respektiert wurden. Das ist jetzt vorbei. Als ich einmal eine Art Welt-Polizei vorschlug, waren die Leute schockiert. Aber ich hasse Linke, die sagen: Saddam ist gut, Ahmadinejad ist gut. Unsinn! Nehmen Sie einen relativ liberalen Präsidenten wie Bill Clinton und ein Land wie den Kongo. Er will dort einmarschieren? Warum nicht? Wenn Millionen von Menschen getötet werden, wäre es mir auch ziemlich egal, wenn der Teufel da reinginge, um eine minimale Ordnung wieder herzustellen.
DAS MAGAZIN: Aber der amerikanische Imperialismus ist am Ende.
ŽIŽEK: Und George W. Bush ist sein Totengräber. Er war einfach nicht höflich genug. Wir leben in einer typischen Henry-James-Situation. Der grosse amerikanische Hegelianer Robert Pippin hat darüber ein Buch geschrieben. Die Helden in den Romanen von Henry James sind immer verloren und können dabei nicht auf alte Regeln zurückgreifen. Vor dem Chaos bewahrt sie nur oberflächliche Höflichkeit.
DAS MAGAZIN: Was unterscheidet Höflichkeit und Respekt?
ŽIŽEK: Respekt reicht nicht. Respekt im Sinn von: «Ich respektiere dich, also lass uns ehrlich kämpfen»? An Höflichkeit mag ich diesen entfremdeten Aspekt. Wenn sich zwei Menschen auf der Strasse treffen und sagen: «Hallo, schön Sie zu sehen! Wie gehts?» Höflichkeit ist ehrliches Lügen. Es geht nicht darum, ob man es so meint. Im Gegenteil. Aber die Lüge schafft als Ritual Raum. Und in diesem Raum kann Respekt effizient funktionieren. Es gibt keine Freiheit ohne Höflichkeit. Freiheit ohne Höflichkeit ist Homo homini lupus.
DAS MAGAZIN: Wie entsteht diese neue Höflichkeit?
ŽIŽEK: Wir brauchen ein grosses neues Wir. Nicht diesen liberalen Zusammenschluss von Individuen und auch nicht das alte archaische, organische, totalitäre Wir. Ich bin vielleicht romantisch oder naiv, aber in einer Fernsehserie wie «Heroes» sehe ich einen solchen Ansatz. Es gibt dort einige Leute mit übernatürlichen Fähigkeiten. Das macht sie zu Freaks. Einer kann durch die Zeit reisen, ein anderer kann mit Feuer werfen. Sie alle sind exkommuniziert, ausgestossen, und das macht sie zu einer seltsamen Gemeinde. Sie bilden eine Solidarität der Freaks. Ich mag diese Idee sehr.
DAS MAGAZIN: Sie sind gerade 60 geworden.
ŽIŽEK: Wollen Sie wissen, ob ich meine Jungfräulichkeit verloren habe?
DAS MAGAZIN: Was sehen Sie, wenn Sie die Augen schliessen?
(Eine lange Pause, Stille.)
ŽIŽEK: Da ist es sehr dunkel. Meine Träume sind voller Ka¬tastrophen. Ich erinnere mich meistens nur sehr vage, ich bin in der Regel repressiv. Aber das Grauen ist da, das Grauen, dass die Monstrosität siegt. Einschlafen ist Terror. Ich sehe immer wieder Szenen von einer Art sowjetischem Fiasko, mit einer riesigen runden und rostigen Atombombe, die über der Stadt hängt. Ich gehe auf die Strasse hinaus und schaue sie an, und sie bewegt sich nicht. Wir wissen, dass sie in ein paar Sekunden explodieren wird. Wir werden alle tot sein. Und wir können nichts tun. Es ist sehr, sehr finster!
(Slavoj Žižek sieht aus dem Fenster. Glocken läuten. Es ist 12 Uhr mittags in Ljubljana.)
Dummerweise taucht da keine hübsche nackte Frau auf. Ich versuche immer, an der Oberfläche zu bleiben. Ich glaube nicht an Tiefe. Wenn man tief in eine Person hineinblickt, findet man Dreck. Ich glaube an die Oberfläche. Wahre Metaphysik ist die Metaphysik der Oberfläche.
(Die Glocken läuten immer noch, sehr laut.)
Deshalb mag ich auch «Die Maske», diesen doofen Film mit Jim Carrey. Die magische Kraft kommt von der Oberfläche. Nimmst du die Maske ab, siehst du nur ein dummes Gesicht. Ich glaube an Masken.
DAS MAGAZIN: Wer sind Sie?
ŽIŽEK: Ich bin ein progressiver Kommunist, der ein radikaler Kulturpessimist ist. Ich glaube nicht, dass man den Menschen trauen kann, deshalb sollte man sie kontrollieren. Ich glaube, dass die Menschen grundsätzlich böse sind und nur aus Versehen gut. Es kommt über einen wie ein Wunder. Eine Art göttliche Gnade. Ethik ist für mich immer ein Moment der Gnade, sie kommt aus dem Nichts. Materialistische Gnade. Wenn man etwas Grosses tut, dann ist es nicht tief in einem drin. Die unentdeckte Perle gibt es nicht. Die Perle ist immer Dreck.
«Auf verlorenem Posten», Slavoj Žižeks neustes Buch, ist bei Suhrkamp erschienen.
Ausserdem ist Žižek einer der Paten der ein Jahr andauernden Zeitreise «80 * 81» von Georg Diez und Christopher Roth. In einer Buchreihe, in Theaterstücken und weltweiten Labor
situationen wird der Frage nachgegangen: «Was, verdammt, ist da genau vor 30 Jahren passiert?» Das komplette Interview mit Slavoj Žižek und vieles mehr findet sich im ersten Band der bei Edition Patrick Frey erschienenen 80 * 81 Book Collection, «What Happened?». www.80881.biz
Georg Diez schreibt regelmässig für «Das Magazin». georgdiez@aol.com
[...] Die Perle ist immer Dreck [...]
Schade für den abwertenden Teaser auf der Front “Der komunistische Modedenker”. Ihr seid ja ganz offensichtlich Fan von Zizek, warum denn die pseudo-Distanzierung “Modedenker”?
[...] Text DAS MAGAZIN: Slavoj Žižek, was sehen Sie, wenn Sie morgens die Augen öffnen? Slavoj ŽIŽEK: Was [...]
Der arme Žižek, er greift den herrschenden Kapitalismus frontal an, offensichtlich ist ihm entgangen,dass wir seit 1913 keinen Kapitalismus mehr haben. Vielleicht sollte er sich eine Windmühle zulegen, als Don Quixote würde er eine gute Figur abgeben.
@A20000: Es geht doch nicht um “den Kapitalismus”. 1913 ist wohl eine Ausformung davon untergegangen, aber andere Formen haben seinen Platz eingenommen.
Es geht letztlich um das romantische, “Grosse Neue WIR”, um den Menschen, der natürlich die Demokratie will und an genau derselben Demokratie verzweifelt.
Ohne die das komplexe und widersprüchliche Menschenbild, das uns die Psychiatrie vorhält, gibt es keine beachtenswerte Philosophie.
Danke, Slavoi Žižek, danke Georg Diez.
[...] This post was mentioned on Twitter by Matthias Daum and Ricardo Pozzo, Ricardo Pozzo. Ricardo Pozzo said: Slavoj Žižek, Das Magazin (pra treinar o alemão): http://migre.me/hs4C [...]
RE Skeptiker:
Unsinn, seit 1913, Gründung der FED und seitdem FED und andere Notenbanken Geldmengen und Zinsen manipulieren haben wir eine Planwirtschaft und Oligarchie, keine neue Form des Kapitalismus, und seit dem die Kommerzbanken das so genannte Fractional reserve banking System anwenden ist es auch ein Schneeballsystem par excellence.Kurz gesagt, ein Schwindel.
Und das “Grosse Neue WIR” habe ich 29 Jahre erleben dürfen, es ist 1989 in Osteuropa bankrott gegangen.
Zizek ist wahrscheinlich einer der interessantesten lebenden Denker. Egal ob man seine Ideen teilt oder nicht, kann es sehr sehr stimulierend sein, sich mit ihnen zu beschäftigen. Auf meinem Blog habe ich viele seiner Vorträge geschaltet.
re A20000: Ok, Oligarchie akzeptiere ich gerne. Begriffe wie eben auch “Kapitalismus” verhalten sich halt wie ein Chameleon. Planwirtschaft? Wohl eher gut gemeinte Konzeptlosigkeit, heute (historisch unfair) “Liberalismus” genannt. Was “gut gemeint” bedeutet ist wohl bekannt. Ja, ein Schwindel ist auch dies allemal, da gebe ich Ihnen recht.
Das WIR der “Heroes” war so ziemlich anders gemeint; es ist ja nur eine romantische Utopie, die eher mit einem Leuchtturm zu vergleichen ist. Daher ist diese WIR eben gerade nicht mit korrupten Apparatschiks in Bezug zu setzen, denen wie den globalen Oligarchen jeder soziale Anstand abgeht.
Ganz abgesehen vom Inhalt dieses Artikels von Herrn Georg Diez finde ich es eine Zumutung, dass Journalisten im TA-Magazin immer und immer wieder redaktionell Werbung im eigenen finanziellen Interesse machen dürfen. Man denke an Max Küng, Michèle Roth, Alain de Botton und ihre Bücher. Oder hier eben Georg Diez. Das ist einfach kein seriöser Journalismus. Es fehlt die kritische Distanz zum Selbst. Das Magazin verkommt zum reinen Steigbügelhalter seiner Mitarbeiter. Diese stehen auf gleicher Stufe wie der befangene Börsenanalyst, der bei jedem Satz sein eigenes Aktienportfolio im Hinterkopf hat. Oder der Autojournalist, der den Testwagen ganz gerne auch noch für die nächsten Familienferien “zum Testen” hätte.
Ist die Chefredaktion dermassen schwach, dass sie keine strengeren Vorgaben erlässt und solche Selbstbevorteilungen nicht verhindert?
Ach, Herr JGWERDER: Das sollte man nicht so eng sehen; die Zeitungen verdienen wohl nicht die Welt dabei. Irgendwie muss ich herausfiltern, was in der Kultur so läuft. Welche Instanz ausser der Presse soll denn die Kompetenz haben? Denken Sie, die Radiofeuilletons mit Buch-, Oper-, Konzert-, Film-, CD-Besprechungen seien anders als subjektiv? Mit der Zeit kennt man seine Vertrauenspersonen in den Medien und denkt, wenn DER/DIE das oder jenes positiv bespricht, dann kann ich ja mal wenigstens hingucken.
Hin zu den eigentlichen Publireportagen wie die “Besprechungen” von Autos, Bankanlagen, Immobilien, Elektonik-Gadgets, Heilmittel u.a.m. sehe ich noch gewaltige Unterschiede! Letztlich müssen sogar Kulturträger ihre Brötchen verdienen. Ob eine Plattengesellschaft einen Journalisten “motiviert”, die 500′001-ste CD von Madonna zu vermarkten, oder Herr Žižek noch einige Bücher mehr verkaufen kann, ist schon ein Unterschied.
Wenn ein Journalist dann im Sommer mit Žižek im Koffer statt mit einem geliehen SUV in den Urlaub fährt, ist mir das nochmals recht.
Re Skeptiker:
Nun es ist nicht so, dass die Begriffe sich „ verhalten“ sondern es wird bewusst laufend Etikettenschwindel betrieben und es passt sowohl den Rechten als auch den Linken sehr gut in den Kram. Die Rechte schreit „rettet den Kapitalismus“ und meint natürlich Ihre Bankensponsoren, auf Kosten der Steuerzahler versteht sich, und die Linke nimmt es gerne entgegen, schiebt die Krise in die Schuhe des Kapitalismus und verkauft ihre ewig gestrige Utopie. Was die gut gemeinte Konzeptlosigkeit betrifft, vor allem in den USA kann man es nicht gelten lassen. Es geht vielmehr um rupfen der Steuerzahler und Gläubiger bis auf den Knochen durch die kriminelle Banken- und Politmafia. Nur, diesmal haben sie aber den Bogen überspannt und werden durch den Kreditkollaps mitgerissen.
re A20000: Sie haben recht: Die Begriffe werden per Etikettenschwindel systematisch missbraucht, ich will auch präzise sein.
Bei “gut gemeint” bin ich teilweise einverstanden. Juristisch gesehen ist die zitierte Mafia ja [meist] nicht einmal kriminell, aber schamlos, gierig etc. und nützt systematisch alle Lücken des Systems aus. Es gibt eine lauwarme Species von Politikern, die sich nicht von Geld bestechen lassen würden, aber eben lauter faule Kompromisse eingehen, niemals ordentlich hingucken und schon gar nicht denken, was sie denn wirklich tun und bewirken. Daher handeln sie niemals konsequent. Diese Politiker bilden die Classe P. und wird vom ebensolchen Parlamentariern in die Exekutive gehievt. Die meisten gelten als Ehrenmänner, integer, fleissig u.s.w. und halten sich für unbestechlich nur weil sie kein Bargeld einstecken. Sie meinen es “gut”, sprechen von Realpolitik u.s.w.. Das hatte ich gemeint.
Wer versucht, diese Zusammenhänge zu Ende zu denken, kann radikal werden.
Es ist amusant: vor 1989 hörte man von den West-Sozialisten bei Kritik am Ostblock immer: ja, aber das da drüben ist/war ja gar kein richtiger Sozialismus. Heute nach den paar jüngsten Crashs: ja aber das war halt kein richtiger Kapitalismus…
Es ist wirklich schade wenn man von Zizek nur das Interview hier mitnimmt. Leider schreibt er viel zu viel und viel zu schnell. Ich empfehle ein paar der längeren Talks und vielleicht das zweitjüngste Buch “First as tragedy then as farce.” (Verso)
Ich bin sooooooo froh wieder mal inelligente (und ja: humorvolle) Kritik von Links zu lesen/hören – und Z. geht dann auch v.a. auf die Linke los.