10.04.2010 von Sacha Batthyany , 11 Kommentare
Omars Haus ist ein Haus ohne Wasser und Fenster und steht am Ende einer holprigen Gasse in Mrirt, Mittlerer Atlas, Marokko. Es regnet seit Wochen, der Muezzin ruft zum Gebet, überall ist Schlamm.
Omar ist ein frommer Mann mit spitzem Gesicht. Er sitzt auf harten Kissen in seinem Wohnzimmer und wartet auf Geld seines Sohnes Moheb, der seit drei Jahren illegal in Spanien arbeitet. Doch er wartet vergebens.
«Täglich bete ich für ein Zeichen, ich esse nur noch Suppe», doch Allah schaut weg, und Omar wird immer dünner, weil das Geld nicht reicht, um Fleisch zu kaufen. Immer wieder schüttelt er den Kopf und sagt dann minutenlang nichts, Omar, der Koranlehrer aus dem marokkanischen Niemandsland, er versteht die Welt nicht mehr.
Es ist sechs Uhr morgens, als sich Moheb an den Bulevar de El Ejido stellt und auf die Lieferwagen wartet, Provinz Almería, Südspanien, siebenhundert Kilometer von seinem Vater entfernt. Jedes Motorengeräusch aus der Ferne bedeutet Hoffnung auf ein wenig Arbeit, doch um acht Uhr ist jede Hoffnung tot und Moheb wütend, weil es ihn demütigt, am Strassenrand zu stehen und zu betteln und zu frieren. «Wieder nichts», sagt der junge Marokkaner, der verstossene Sohn. In den letzten Monaten hat er gerade mal einen Tag lang Tomaten gepflückt, für dreissig Euro, und sich von einem Hinterhof-Barbier eine Cristiano-Ronaldo-Frisur verpassen lassen: hinten lang, vorne zum Kamm geschoren und aufblondiert.
So wie Moheb, so suchen Hunderttausende in den Gewächshäusern El Ejidos nach Arbeit, die Papierlosen, die Illegalen. Noch vor vierzig Jahren bestellten hier nur ein paar zähe andalusische Bauern ihr Land, El Culo wurde die Gegend genannt, der Arsch Spaniens. Sergio Leone drehte ein paar Spaghetti-Western mit Clint Eastwood, weil es ausser Kakteen nur Sand gab, dann entdeckten Francos Geologen ein System unterirdischer Seen mit nährstoffreichem Wasser, und aus Europas einziger Wüste wurde Europas Wintergarten. Drei Millionen Tonnen Gemüse werden seitdem jährlich produziert, Tomaten, Peperoni, Auberginen, Oro Verde nennen sie es jetzt, grünes Gold. Es hat die Bauern zu reichen Geschäftsmännern gemacht.
Jeden Morgen geht das so. An sämtlichen Kreuzungen dieser staubigen Stadt stehen Männer in Gruppen herum und bieten sich an, wie es die Prostituierten in den Gassen Barcelonas tun. Gemüse pflücken, Verpackungen kleben, Kisten stapeln, Sulfate streuen, Netze spannen. Sie warten, bis die Bauern in ihren fensterlosen Kastenwagen vorbeifahren, einer nach dem anderen, wie Freier, doch seit Monaten schon hält keiner mehr an.
Und wenn es hell wird, wenn die Kinder mit ihren bunten Schulranzen aus den Häusern kommen, wenn die Frauen in ihren fleischfarbenen Stützstrümpfen zum Einkaufen gehen, sind die Männer verschwunden. Weg. Unsichtbar. Wie die Ratten am Tag.
Narben der Rezession
«Letztes Jahr hat hier jeder einen Job bekommen, der kräftig genug war, zehn Stunden auf den Beinen zu stehen», sagt Abdelkader Shasha, «jetzt ist alles anders.» Es gibt keine Arbeit mehr. Kein Geld. Keinen Platz.
Nicht, dass die Menschen in der Schweiz, in Deutschland, England plötzlich weniger Gemüse ässen, doch seit dem Spaniens Baubranche zusammengebrochen ist und zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gingen, drängen die entlassenen Maurer und Spengler in die Landwirtschaft und vertreiben die Taglöhner auf die Strassen, wo Abdelkader, ein breitschultriger, ernster Mann, sich um sie kümmert. Abdelkader war einer von ihnen, als er Mitte zwanzig aus der marokkanischen Wüste nach El Ejido kam, um in den Gewächshäusern zu arbeiten. Heute ist er Mitte fünfzig und leitet eine Gewerkschaft, die sich für die Arbeitsmigranten einsetzt, die Europa nicht will, obwohl Europa sie braucht.
«Nirgends», sagt Abdelkader laut und theatralisch, als rede er von einem Podium zu einer Masse, «nirgends sind die Narben der globalen Rezession so hässlich wie hier.» Wie in El Ejido, wo sich Afrikaner mit Ukrainern um schlecht bezahlte Drecksarbeit streiten und jeder fünfte Spanier ohne Job ist. Wo der Bürgermeister Juan Enciso wegen Veruntreuung von Geldern im Gefängnis sitzt, aber noch immer im Amt ist. Wo die Strandsiedlungen aus den boomenden Neunzigerjahren verrotten und die Golfplätze verwaisen, weil die Briten statt in die Ferien zu fahren ihre Kreditkartenschulden abzahlen.
«Noch mehr Kohl?», fragt Kateryna, sie hat Kohlrouladen gekocht, Berge von Kohlrouladen, «ich mag es, wenn Männer viel essen», sagt sie. Kateryna, 52, stammt aus Rivne, einer Stadt im Westen der Ukraine. Zu Sowjetzeiten arbeitete sie als Hochschuldozentin, ihre Diplome bewahrt sie in Plastikmappen auf, wie Schätze. Heute pflückt sie Peperoni und leidet unter Rückenschmerzen. «Wichtig bei der Ernte ist, dass ein Stück des Stiels übrig bleibt», doziert die ehemalige Professorin für Vermessungstechnik, und ihre Goldkronen funkeln, «das sieht natürlicher aus, die Supermärkte verlangen das so.»
Kateryna holt weitere Rouladen aus der Küche, das Schlimmste, sagt sie, während sie noch mehr Essen verteilt, seien nicht die Rückenschmerzen, nicht das knappe Geld, «das Schlimmste sind die Demütigungen. Für Spanier sindwir Immigranten Analphabeten und Huren.»
«Wie viel?», habe sie letzten Monat ein Jugendlicher gefragt, der in einem schwarzen Sportwagen sass.
Kateryna: «Bist du verrückt?»
Er: «Ich steh auf Russinnen.»
Sie: «Erstens bin ich Ukrainerin, obwohl du den Unterschied nicht kennst.Zweitens könnte ich deine Mutter sein,und drittens versohl ich dir den Hintern, wenn du nicht sofort verschwindest.»
Der Spanier gab Gas.
«Das ist wilder Westen»
Die Globalisierung will es, dass eine ukrainische Akademikerin und ein Teenager aus Marokko in Südspanien Gemüse ernten, das in London, Bern und München in Salaten und Suppen landet. Seit der Krise, erzählte Moheb, würden die Löhne oft nicht ausbezahlt, Verträge nicht unterschrieben. Wer krank sei, bestätigt Kateryna, werde am gleichen Tag ersetzt, wer auf die Toilette wolle, müsse um Erlaubnis fragen. «Da draussen in den Gewächshäusern, das ist Wilder Westen. Ich kenne Rumäninnen, die mit den Bauern über Mittag Sex haben, damit sie ihren Job nicht verlieren.»
Spanien ist abgestürzt. Als einzige westliche Industrienation, so prophezeit der Internationale Weltwährungsfond, wird der ehemalige Musterschüler der EU auch im Jahr 2010 nicht wachsen. «Der Brandherd ist Spanien, nicht Griechenland», schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman in der «New York Times», die Arbeitslosenquote liegt bei fast zwanzig Prozent, bei den illegal Eingewanderten ist sie dreimal höher. Seit 2004, seit der sozialistische Ministerpräsident José Luis Zapatero an der Macht ist, kamen zweieinhalb Millionen Menschen illegal ins Land, so wie Kateryna, wie Moheb — nirgends in Europa waren es mehr.
Doch jetzt sollen sie zurück.
«Es gibt nicht genug Platz für alle», sagte Alicia Sánchez Camacho von der Rechtspartei Partido Popular (PP) und machte die Illegalen zum Wahlkampfthema, ein Tabubruch im einstigen Emigrationsland: Sie sollen weg, raus. Nicht nur aus Spanien. In der ganzen Welt ist die Jagd auf die Rattenmenschen eröffnet.
Die typische Ochsentour
— In Irland schickt man polnische Champignon-Pflücker wieder zurück nach Deutschland, wo sie zuvor Spargeln stachen, doch auch dort sind sie nicht mehr willkommen, weil der Markt mit Rumänen überschwemmt ist. Neuerdings auch mit Sachsen.
— In der italienischen Kleinstadt Rosarno gehen Einwohner auf afrikanische Saisonarbeiter los und vertreiben sie mit Steinen, Gewehren und Traktoren.
— Gemäss der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl setzt die griechische Küstenwache afghanische Flüchtlinge auf unbemannte Ägäis-Inseln ab oder lässt sie im Meer verdursten; noch vor ein paar Jahren hat man sie eingesetzt, um die Rio-Antirrio-Brücke zu bauen, die das griechische Festland mit dem Peloponnes verbindet.
— In Dubai sperrt man die Arbeiter aus Nepal und Bangladeshin Arbeitslager ausserhalb der Stadt, wo sie ohne Pass und Lohn auf neue Aufträge warten.
— Im thailändischen Mae Sot, Provinz Tak, abseits der Touristen in bunten Shorts, arbeiteten bis zur Krise burmesische Taglöhner in Fabriken am Fliessband. Jetzt sammelt sie die Armee jeden Abend ein und bringt sie über den Grenzfluss zurück nach Myanmar.
— In Hongkong rutschen ehemalige philippinische Kindermädchen in die Prostitution. Noch vor Monaten haben sie sich liebevoll um die Babys von Mittelstandsfamilien gekümmert, jetzt, da ihnen gekündigt wurde, kümmern sie sich in den kleinen Strip-Schuppen an der Portland Street in Kowloon um gestresste Geschäftsmänner.
Moheb kam nicht auf einem alten Kahn nach Andalusien, wie die meisten jungen Männer aus Mrirt. Stattdessen band er sich auf die Vorderachse eines Lastwagens und fuhr als blinder Passagier mit der Fähre von Tanger über die Meerenge von Gibraltar ins spanische Algeciras — und was dann folgte, war eine Ochsentour quer durch Europa, wie sie für postmoderne Migranten wie ihn so typisch ist: In Barcelona lebte er ein halbes Jahr unter der Brücke und versuchte sich als Bauarbeiter. In Tarragona buk er Brötchen für zwanzig Euro die Nacht. In San Sebastian zerrieb er Vitamintabletten und verkaufte das Pulver an betrunkene Touristen, die es sich die Nase hochzogen, weil sie dachten, es sei Koks. Dann reiste er weiter nach Belgien und lebte in einem leer stehenden Haus. Er tauschte Türschlösser aus, schraubte das Schild «A Vendre» ab, ass abgelaufene Konservenerbsen und verhökerte Anzüge aus den Schränken im Keller. Ein Jahr hielt er sich mit Ladendiebstählen über Wasser, dann kehrte er nach El Ejido zurück.
Heute lebt er in einer Chabola, wie viele Migranten, Hütten aus alten Gemüsekisten und Industrieschrott, ohne Wasser, ohne Strom, die aussehen, als stammten sie direkt aus dem hinterletzten Slum in Mumbai. «Meine Eltern erwarten, dass ich ihnen Geld nach Hause schicke», sagt Moheb, er sitzt auf seiner Matratze, der Regen hat den Fussboden zu Schlamm gemacht, «doch ich hab keins, verdammt. Sie wissen nicht, wie ich lebe, sie wissen nicht, dass es hier nichts mehr gibt. Wie die meisten Marokkaner denkt auch mein Vater, Spanien sei das gelobte Land. Er hat keine Ahnung von der Welt.»
Natürlich wisse sein Vater, dass in Europa Krise herrscht, antwortet er gereizt, «er ist nicht dumm, auch in Mrirt gibt es Fernsehen und Nachrichten». Aber dass Europa derart am Ende sei und es nicht mal mehr zum Tomatenpflücken reiche, «das glaubt in Marokko niemand».
Lieber die Hölle
Was der Ballermann auf Mallorca für Touristen, ist La Mojonera für Illegale. In diesem Dorf mitten in den Gewächshäusern, vierzig Kilometer von Mohebs Hütte entfernt, gibt es keine Diskotheken, keine Flamenco-Bars mit herabbaumelnden Serrano-Schinken an der Decke, dafür mehrere Bordelle, nicht grösser als Garagen, in denen afrikanische Taglöhner ihre mickrigen Löhne verprassen. Zwei Euro kostet ein Liter Bier, drei Euro kostet Sex mit Joy, fünf Euro kostet Sex mit Joy und Naomi aus Senegal, junge Mädchen, kaum älter als sechzehn, die auf der siebentägigen Überfahrt in rostigen Barken zuerst ihre Würde verloren und später auf den Matratzen in den Hinterzimmern dieser Löcher ihre Unschuld.
«Ich dachte», sagt Joy, die sich eine Plastikflasche mit heissem Wasser an den Bauch legt, um sich warm zu halten, «Europa sei so wie im Fernsehen, Wolkenkratzer und schöne Gärten.» Wüssten ihre Eltern, was sie tue, würde sie verstossen. «Ich erzähle ihnen, ich mache was mit Kindern.» Über ihre wahre Beschäftigung sagt sie: «Ich hoffe, Gott schaut nicht zu.»
Und dennoch würde sie wiederkommen, jederzeit, «bei uns im Dorf gibt es nicht mal Strom», sagt Joy. «Es gibt nichts zu essen», schiebt Naomi hinterher, ihre Freundin. Drei Jahre wollen sie in der Hölle ausharren, so lange dauert es, bis die spanischen Behörden Illegalen wie ihnen eine Aufenthaltsbewilligung erteilen. «Drei Jahre gehen schnell vorbei», redet sich Naomi ein und fasst jedem, der zur Tür hineinkommt, als Begrüssung in den Schritt.
Die Weltwirtschaftskrise schafft, was keiner Regierung, keinem Zaun in Melilla oder Ceuta und auch nicht der europäische Grenzwache Frontex gelungen ist: Die Zahl der Illegalen, die nach Spanien kommen, sinkt seit 2009. Zwar kommen sie noch immer jede Nacht, Hunderte auf ihren Booten, aber es sind doch weniger geworden. Und die ersten gehen zurück.
«Zurück nach Mrirt? Nein. Ich geh nicht zurück», sagt Moheb am nächsten Morgen. Er kocht Tee. Die Tatsache, im selben Land zu leben wie Cristiano Ronaldo, der Fussballer, wiegt für ihn mehr als alles Elend. Moheb kennt die Autos, die Uhren und Bikini-Frauen seines Idols aus dem Fernsehen, das will er auch — und immerhin, zur gleichen Frisur hat er es bereits geschafft.
«Da, wo ich herkomme», sagt er, «da nützt es nichts, früh aufzustehen, weil es nichts gibt. Die Hälfte meines Dorfes ist schon in Spanien, weil wir mehr erreichen wollen als unsere Väter. In Mrirt wirst du geboren, du lebst ein paar Jahre und stirbst. Ihr Europäer begreift das nicht. Man muss Mrirt sehen, um Mrirt zu verstehen.»
Auf nach Mrirt.
«Bei uns ist immer Krise»
Das Auto ist voll beladen, für jeden Verwandten zu Hause hat Ghazi, der Fahrer, eine Kiste geladen — und Ghazi hat viele Verwandte. Die Musik ist laut, die Fahrt von El Ejido nach Mrirt dauert zwanzig Stunden: von Europa nach Afrika, vom Christentum zum Islam, vom Rechtsstaat in einen Polizeistaat. Mrirt liegt auf 1200 Metern, Regen und Kälte, der Muezzin ruft zum Gebet, überall ist Schlamm.
Marokko ist nicht Marrakesch oder Essaouira, wo immer mehr Pauschaltouristen ihre Frühlingsferien verbringen, auf ein Kamel steigen und sich orientalische Teetassen aufschwatzen lassen. König Mohammed VI., genannt M6, einer der reichsten Männer der Welt, beschäftigt als privater Unternehmer dreissigtausend Angestellte, eisern regiert der Monarch sein Reich, mit seinen korrupten Spitzeln macht er das Land kaputt und aus den Menschen verängstigte Herdentiere. Sein «Plan Azur» sieht vor, einzelne Städte wie Tanger als neue Côte d’Azur zu vermarkten, schon erstrahlt der Boulevard Pasteur in neuem Glanz, während ganze Gegenden im Landesinnern verarmen.
Ähnlich wie Ghadhafis Libyen erhält auch Marokko Geld von der EU, um Menschen einzusammeln, bevor sie illegal in den Westen einreisen. Sie werden in Militärlager gesteckt, in Goulmin oder Oujda, einer Wüstenstadt im Niemandsland an der algerischen Grenze. Marokko erledigt Europas Drecksarbeit.
Das Haus von Mohebs Vater ist ein Haus ohne Wasser und Fenster. Omar ist Koranlehrer, ein frommer Mann mit spitzem Gesicht, er trägt eine braune Djellaba, und er hat seinem Sohn seinen grimmigen Blick vererbt. «Ich habe gehört, dass in Europa Krise herrscht», sagt Omar nach zehn Minuten Stille. Er sitzt auf Kissen in seinem Wohnzimmer, seine Frau bringt Tee, wieder vergehen zehn Minuten, Kälte dringt durch die Ritzen, die Luft beim Atmen wird zu Wolken. «Bei uns ist immer Krise», sagt er schliesslich, «was soll die Aufregung?»
Täglich bete er dafür, dass Moheb Geld nach Hause schicke. Er ist gereizt, er kann nicht verstehen, wo es bleibt. «Wir haben ihm all unsere Ersparnisse für die Überfahrt gegeben. In Spanien geht es ihm gut, während wir hier fast verhungern.» Mit seinem Sohn wolle er nichts mehr zu tun haben, er blickt auf den Boden, blickt dann zu seiner Frau, Fatima, Mohebs Mutter, als sei die an allem schuld und nicht die Krise.
Spekulanten irgendwo an der Wallstreet standen am Anfang einer langen Kette — am Ende stehen Schicksale wie das von Omar und Moheb aus einem Niemandsland namens Mrirt. Ein Vater, der seinen Sohn verstösst, weil er die neue Welt nicht mehr versteht.
Glück im Versteck
«Es war ein kalter Tag wie heute, als Moheb ging», erzählt Fatima. «Wir waren traurig, doch eines Tages wird er als erfolgreicher Mann zurückkommen», sagt sie, um ihren Mann zu besänftigen. «Inshallah» antwortet Omar. «Inshallah» sagt Fatima leise, so Gott will. Und die beiden Töchter, Mohebs jüngste Schwestern, sie nicken.
Die Strassen Mrirts sind menschenleer, der Markt besteht aus ein paar nassen Zelten, in denen Hühner und Gemüse verkauft werden. Hier stirbt man nicht aus Hunger. In Mrirt stirbt man an Langeweile.
Ghazi, der Fahrer und Übersetzer, fährt in eine dunkle Seitengasse, dreimal Klopfen, das ist ihr Zeichen: Ghazis Freunde öffnen die Tür, rechts ein Badezimmer, links ein enger Raum, Matratzen am Boden, ein Fernseher, Bier, Wein, Zigaretten, es ist ihr Versteck.«Europäer denken, wir Afrikaner kommen nur wegen des Geldes. Dabei wollen wir frei sein», sagt Ghazi, «frei von den Sitten und Konventionen unserer Länder, frei von unseren Vätern, die mit der modernen Welt nicht mehr klar kommen.» Er zieht an einer Shisha, es blubbert lange, «das Problem ist nur», der dichte Rauch der Wasserpfeife quillt ihm aus der Nase, «dass wir auch in Europa nicht frei sind, denn um frei zu sein, braucht man Geld».
Und so sind die jungen Männer aus Mrirt Gefangene beider Welten, richtig glücklich nur in ihrem Versteck. Es ist ihre Insel, hier sind sie sicher. Hier dürfen sie trinken, tanzen und ihr Land kritisieren, den König, M6, und ihre Väter. Bis zum Morgengrauen. Bis Ghazi wieder zurück muss nach Spanien, ins gelobte Land, nach El Ejido, in diese Stadt, in der man Gemüse besser behandelt als Menschen. Und auf der zwanzigstündigen Fahrt von Afrika nach Europa verwandelt sich der Mensch Ghazi zurück in eine Ratte.
Am nächsten Morgen stehen wieder alle am Bulevar de El Ejido. Wieder regnet es. Strassenlaternen schaukeln im Wind. «Was hat mein Vater gesagt?», fragt Moheb, der verstossene Sohn, doch er will die Antwort nicht hören. «Irgendwann ist diese Krise vorbei», sagt er, «puta madre, dann wird alles gut.»
Sacha Batthyany ist «Magazin»-Redaktor.
Thomas Knellwolf ist Reporter beim «Tages-Anzeiger», er hat in Andalusien studiert.
Der Fotograf Christophe W. Chammartin (Agentur Rezo) lebt in Lausanne.
photo@oeil-sud.ch

In den Gewächshäusern Almerías werden jährlich drei Millionen Tonnen Gemüse produziert. | Christophe W. Chammartin

Moheb vor seiner Hütte: «Mein Vater denkt, Spanien sei das gelobte Land.» | Christophe W. Chammartin

Omar, Mohebs Vater, mit seiner Familie:…| Christophe W. Chammartin

...«Bei uns ist immer Krise, was soll die Aufregung?» | Christophe W. Chammartin

In der Ukraine war Kateryna Hochschulprofessorin, heute pflückt sie Peperoni und hat Rückenschmerzen. | Christophe W. Chammartin

Moschee in einem alten Gewächshaus: Moheb wird als erfolgreicher Mann zurückkehren, hofft seine Familie. Inshallah, so Gott will. | Christophe W. Chammartin

Nebeneinkommen Schnecken sammeln: Die Restaurants werden sie später überteuert an Touristen verkaufen. | Christophe W. Chammartin
Solche Artikel lesen sich schwer in
so schön geheizten Wohnräumen
hier in der Schweiz! Immer wieder
beschäftigt mich die Frage: Was kann
ein einzelner – z.B. ich – beitragen,
dass solch menschenunwürdige Lebens-
situationen nicht mehr vorkommen?!
Welche praktischen Möglichkeiten
sind anwendbar?
Die Araber verbauen Milliarden in Mega-Projekte (Dubai etc.) zu reinen Prestige-Zwecken, aber für ihre “Brüder” haben sie keine Perspektive. Ausbildungsstätten, Wasserversorgung, Infrastruktur… Was mich auch irritiert ist das Angebot von Gemüse und Früchten aus Peru, Chile, Brasilien, Südafrika, Australien. Für veredelte Produkte habe ich ja noch ein gewisses Verständnis, Wein etc..
Die “Rattenmenschen” sind eine direkte Folge der Überbevölkerung, die niemand ernsthaft bekämpft. Stattdessen wird den Leuten vorgemacht, bei uns bekämen sie Asyl und Arbeit und es sei kein Problem, auf der Erde 12 Milliarden Menschen zu ernähren. Dass sich ein Land wie Spanien 20 Prozent Arbeitslose und gleichzeitig hunderttausende von Illegalen leistet, ist doch einfach lächerlich. Kein Wunder nehmen die einfachen Menschen in Orten wie Rosarno das Gesetz wieder in die eigene Hand, das der Staat dafür offensichtlich nicht mehr taugt.
Que tonteria esta historia … Ich komme aus der Gegend und der Bericht kommt mir vor wie wenn man vom Hanfueli repräsentativ über die Zustände in Zürich berichten würde.
Guter Text, danke!
Leider ist diese Geschichte überhaupt keine Dummheit, liebe María. Ich lebe in Spanien und jeder Spanier, dem das Geschehen in seiner Welt oder Umgebung interessiert, weiss, dass es in Almeria aber auch anderorts in Spanien so und sogar noch schlimmer aussieht. Man kann natürlich auch wegschauen und diese Gegebenheiten unter dem Teppich wischen, was wir Spanier, zu meiner Scham, sehr gut in Griff haben. Aber, wie Steve schon oben geschrieben hat; man fragt sich, was man als einzelner dagegen tun kann. Ich denke, leider nicht zu viel, aber auf jedenfall darf man solche Zustände nicht ableugnen.
Nun mal im Klartext wieso das so ist. Zum Beispiel Tomaten (die viel gerühmten aus Spanien)
In einer solchen Halle (Invernaderos) sind 200 bis 300 Tomaten Setzlinge das Stück zu 0.15 – 0.27 €.
Setzten, täglich bewässern, düngen, hochbinden (übrigens mit reiner Chemie) man will ja möglichst schnell viel haben. So, nun die Ernte. Da Saison für Tomaten ist erhält man beim abliefern wenn’s gut geht pro Kilo 0.80 €. Im Verkauf bei uns in der Schweiz kostet das Kilo dann CHF 4.50 – 8.50.
Oder
Avocados beim Abliefern pro Kilo 0.60 – 0.80 € (Pro Kilo ca. 5 bis 6 Stück). Im Verkauf in der Schweiz das Stück CHF 3.50 oder mehr. Wobei Spanische Avocados bekommt man schon gar nicht. Es werden einem lieber die aus Südamerika vorgesetzt.
Wussten Sie dass es Avocados mit ganz bestimmten Geschmacksrichtungen gibt? Wie z.Z. Hass, Fuerto, Melon (das Stück bis zu einem Kilo schwer), Beken.
Zitronen die verfaulen bei uns am Baum. Beim Abliefern erhalten sie wenn’s gut geht fürs Kilo 0.20 € bis 0.25 € Das lohnt sich nicht mal für den Treibstoff den sie verbrauchen zum abliefern.
Es ist somit wohl oder übel klar, weshalb den Hilfskräften nicht mehr als unbedingt nötig ist bezahlt werden kann. Zwischen 20.00 € bis 35.00 € im Tag wenn’s hoch kommt.
Wers nicht glaubt, kann ja mal bei einer Ernte von Avocados mitmachen. Vom 08:00 bis 15:00 mit einer halben Stunde Pause. Einzeln vom Baum pflücken, in Kisten abfüllen. Zum Sammelplatz. Tort wird jede Avocados einzeln nochmals in die Hand genommen um den Stiel abzuschneiden und wieder in Kisten a 25 Kilo eingelegt. Und nun ab zur Annahmestelle in 60 Km Entfernung.
Im Bezug auf den Begriff “Oro verde”, er wird von diesem Journalisten falsch verwendet. “Oro verde” nennt man hier in Andalusien nicht das Gemüse, sondern das Ölivenöl, das übrigens unter ziemlich guten Arbeitsbedingungen und mit Respekt zur Umwelt kultiviert wird.
Am Anfang ist’s eine riesen Überwindung, an den schön bunten Peperoni und den wunderbar roten Tomaten und grünen Salaten vorbei zu gehen. Und irgendwie kommt der Gedanke auf, dass die Menschen ja schliesslich noch weniger haben, wenn wir das Gemüse nicht mehr kaufen. Und ach, von was soll ich mich denn ernähren, wenn ich all das spanische, italienische, marokkanische, ägyptische und chilenische Gemüse nicht mehr kaufe? Erinnert bös an Kinderarbeit. Jetzt haben die armen Kinder nicht mal mehr Arbeit, wo sich doch alle entsetzt haben. Doch leider leider wird auch beim Gemüsehandel erst etwas passieren, wenn auch die Händler Einbussen haben. Und wir uns wider natürlicher ernähren. Saisongerecht. Aber klar. Auch ich esse nicht den ganzen Winter Kohl – aber mit jeder nicht gekauften Peperoni gehts meinem armen globalisierungsgeplagten Gewissen ein wenig besser. Obwohl es mein Lieblingsgemüse ist.
Statt Libyen oder Marokko zu bezahlen, damit sie arme Afrikaner daran hindern, nach Europa zu gelangen, sollte die EU das Geld besser an diese Menschen verteilen, damit sie sich eine Existenz aufbauen können. In Namibia läuft ein durch Spenden finanziertes Projekt mit bedingungslosem Grundeinkommen erfolgreich. Eine andere Sache sind die Arbeits- und Lebensbedingungen der Erntearbeiter, die eines zivilisierten Landes wie Spanien unwürdig sind. Aber auch bei uns schuften ausländische Erntearbeiter für Hungerlöhne, wenn auch die Zustände nicht so schlimm sind wie in Spanien oder Italien.
[...] erschütternde Reportage des schweizer Magazins “Die Ratten-Menschen von El Ejido” zeigt die Lebenswelt derer, die als Arbeitsmigranten auf den unzähligen andalusischen [...]