Die Revolution ertränkt ihre Kinder

Web 2.0, die zweite Generation des Internets, ist nicht Freund, sondern Feind der Kreativität. Ein Internet-Profi warnt.

21.09.2007 von Andrew Keen , 16 Kommentare

Die Alten waren gut darin, Verführungen nicht zu erliegen. Odysseus widerstand dem Gesang der Sirenen, indem er sich von seinen Männern an den Mast seines Schiffes fesseln liess, als sie an deren Insel vorbeisegelten. Sokrates war so erpicht darauf, die Bürger vor dem verderblichen Einfluss von Künstlern und Schriftstellern zu bewahren, dass er diese aus seiner imaginären Republik verbannte.

Wir Modernen sind weniger geschickt darin, Verlockungen zu widerstehen, vor allem nicht jener Sorte Visionen, die uns die Erlösung versprechen. Von der Französischen und Russischen Revolution über die gegenkulturelle Revolte der Sechzigerjahre und die digitale Revolution der Neunziger haben wir uns immer wieder, Manifest für Manifest, von politischen oder ökonomischen Utopien verführen lassen.

Nicht mehr in Paris, Moskau oder Berkeley, sondern im Silicon Valley hat die utopische Bewegung der Gegenwart ihr Hauptquartier. In ihr laufen zwei historische Strömungen zusammen: der gegenkulturelle Utopismus der Sechzigerjahre und der techno-ökonomische Utopismus der Neunziger. Hier, im Silicon Valley, hat sich die neue Bewegung der Welt offenbart; ihr Evangelium heisst «Web 2.0».

Was beinhaltet es genau? Ideologisch gründet die Bewegung auf einer Reihe ethischer Annahmen über die Medien, die Kultur und die Technologie. Sie verherrlicht den kreativen Amateur – den selbst ernannten Filmemacher, den Hinterhof-Musiker, den unveröffentlichten Schriftsteller. Sie legt nah, dass jeder, wie armselig ausgebildet und unartikuliert auch immer, die digitalen Medien nutzen kann und soll, um sich auszudrücken und sich selber zu verwirklichen. Das Web 2.0, wird gesagt, fördere Kreativität, demokratisiere die Medien und verflache die Hierarchien zwischen Experten und Amateuren. Der Feind, den dieses Web 2.0 im Visier hat, sind die «elitären», traditionellen Medien.

Ausgerüstet mit den Mitteln der Web-2.0-Technologie, können wir alle Bürger-Journalisten werden, Bürger-Filmer, Bürger-Musiker. Die Technik werde uns ein Leben schenken, wird geschwärmt, in dem wir morgens schreiben, nachmittags Filme drehen und abends Musik machen. Es ist genau das, was Karl Marx versprach, als er von der Aufhebung der Entfremdung des Menschen und seiner Selbstverwirklichung im Kommunismus redete.

Wie Marx eine Generation zuvor Europas Idealisten mit seiner Fantasie der Selbstverwirklichung in einem kommunistischen Utopia bezirzt hatte, so hat der Kult der kreativen Selbstverwirklichung des Web 2.0 die Technogemeinde im Silicon Valley bezirzt. Gegenkulturelle Radikale der Sechzigerjahre wie Steve Jobs von Apple bis zu Vertretern der zeitgenössischen Computerfreak-Kultur wie Googles Larry Page sind mit von der Partie. Zwischen den beiden ist der ganze Rest angesiedelt, darunter radikale Kommunitarier wie Craig Newmark von craigslist.com, Geistige-Eigentums-Kommunisten wie Stanfords Rechtsprofessor Larry Lessig oder ökonomische Schlaraffenland-Fantasten wie Wired-Chef Chris Anderson.

Doch das Web 2.0 wird die Vitalität der Künste schwächen. Es personalisiert Kultur auf eine Weise, dass diese nurmehr uns selber spiegelt statt die Welt, in der wir leben. Online-Läden personalisieren unsere Präferenzen, um uns hierauf ganz nach unserem Geschmack zu füttern. Blogs personalisieren den Medieninhalt, sodass wir nichts mehr lesen, was über unsere eigenen Gedanken hinausgeht. Google personalisiert unsere Recherchen, sodass alles, was wir am Ende zu sehen bekommen, Anzeigen für Produkte und Dienste sind, die wir ohnehin schon benutzen.

Alles, was uns die Web-2.0-Revolution schenkt, ist also mehr von uns selbst – statt dass sie, wie sie behauptet, neuen Mozarts, Van Goghs und Hitchcocks zum Durchbruch verhilft.

Der Gedanke des unaufhaltsamen technischen Fortschritts ist so verführerisch geworden, dass er zum Gesetz erklärt wurde. Das meistzitierte Gesetz im Silicon Valley, Moores Gesetz, besagt, dass die Anzahl von Transistoren auf einem Chip sich alle zwei Jahre verdoppelt, was heisst, dass die Speicherkapazität eines Computers im selben Mass und Tempo zunimmt. Natürlich ist Moores Gesetz nicht aus der Luft gegriffen, und es hat die Wirtschaft des Silicon Valley tatsächlich vorangetrieben. Doch es beinhaltet eine ethische Komponente, über die nicht gesprochen wird. Es gibt vor, jeder Fortschritt der Technologie gehe mit einer ebensolchen Verbesserung der Conditio humana einher. Wie Max Weber jedoch überzeugend demonstrierte, ist das einzig verlässliche Gesetz der Geschichte das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen.

Ohne Spitze keine Spitzenleistung

Die Folgen der gegenwärtigen digitalen Medienrevolution sind gravierend. Apple, Google und Craigslist krempeln unsere kulturellen Gewohnheiten um, verändern die Art und Weise, wie wir uns unterhalten, ja wie wir uns definieren. Traditionelle «elitäre» Medien werden von den digitalen Technologien zerstört. Die Zeitungen befinden sich im freien Fall, der iPod unterminiert das Milliardengeschäft der Musikindustrie, dem Kabelfernsehen sind die finanziellen Grundlagen entzogen, seit TiVo über Nacht der 30-Sekunden-Werbung den Garaus machte. Die digitale Piraterie – ermöglicht durch Hardware aus dem Silicon Valley und legitimiert von Kommunisten des geistigen Eigentums wie Larry Lessig – beraubt etablierte Künstler, Filmstudios, Zeitungen, Musiklabels und Songschreiber ihrer Einkünfte.

Ist das schlecht? Der Zweck unserer Medien- und Kulturindustrie – abgesehen vom nahe liegenden Bedürfnis, Geld zu machen und das Publikum zu unterhalten – ist es, aussergewöhnliche Talente zu entdecken, zu fördern und zu belohnen. Im vergangenen Jahrhundert haben unsere traditionellen Medien dies mit grossem Erfolg getan.

Nehmen wir als Beispiel Hitchcocks Meisterwerk «Vertigo», neben einer Anzahl brillanter Werke mit demselben Titel, wie etwa das 1999 erschienene Buch «Vertigo» (auf Deutsch: «Schwindel. Gefühle») des deutsch-englischen Autors W. G. Sebald oder den Song «Vertigo» des irischen Rockstars Bono von 2004. Hitchcock hätte seine teuren, komplexen Filme niemals ausserhalb des Systems der Studios von Hollywood machen können. Bono wäre nicht Bono geworden ohne das Schwergewicht-Marketing der Musikindustrie. Und W. G. Sebald, der merkwürdigste des Dreiergespanns, wäre ein unbekannter Universitätsprofessor geblieben, hätte nicht ein qualitätsbewusstes Verlagshaus den guten Geschmack gehabt, ihn zu entdecken und sein Werk zu verbreiten. Elite-Künstler und Elite-Medienindustrie leben in einer Symbiose. Was mit der Demokratisierung der Medien beginnt, wird mit der Demokratisierung des Talentes enden. Kulturelle Verödung ist das Resultat. Keine Hitchcocks mehr, keine Bonos und keine Sebalds. Nur der Lärm simpler Meinungsäusserungen – Sokrates’ Albtraum.

Jeder Künstler, keiner Publikum

Während Sokrates vor den Gefahren einer in Meinungen vernarrten Gesellschaft warnte, haben modernere Autoren der Anti-Utopie wie Huxley, Bradbury oder Orwell die Zukunft vollkommen falsch prognostiziert. Man hat viel von den ähnlichkeiten gesprochen zwischen der allgegenwärtigen, allwissenden Suchmaschine Google und dem Big Brother in Orwells «1984». Doch was Orwell fürchtete, war der Verlust des Rechts des Individuums, sich selber sein und sich ausdrücken zu dürfen.

In der Welt des Web 2.0 dagegen ist der Albtraum nicht die Knappheit, sondern der überfluss an Autoren. Wenn jeder von digitalen Medien Gebrauch macht, um sich selber auszudrücken, wird als einziger entscheidender Akt übrig bleiben, das nicht zu tun. «Nicht schreiben» als Rebellion klingt bizarr – wie aus einer Geschichte von Franz Kafka. Doch eine der unbeabsichtigten Folgen des Web 2.0 ist vielleicht, dass zwar jeder zum Autor wird, doch kein Lesepublikum mehr da ist.

Damit würden wir in eine Art kollektiver Amnesie fallen. Ohne Elite-Medien des Mainstream werden wir unsere Erinnerung verlieren an das, was wir gelernt, gelesen, erfahren oder gehört haben. Die kulturellen Konsequenzen sind düster, sie zu beschreiben, erforderte einen Oswald Spengler. Doch im Silicon Valley, an der Schwelle zur Web-2.0-Epoche, gibt es keinen Oswald Spengler. Alles, was wir haben, ist die grosse Verführung der Bürger-Medien, demokratisierten Inhalt und authentische Online-Gemeinschaften. Und Weblogs natürlich. Millionen und Abermillionen von Blogs.

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Andrew Keen ist Autor des Buchs «Cult of the Amateur» (Nicholas Brealey Publishing, 2007), das eine breite Kontroverse um das Web 2.0 auslöste (www.cultoftheamateur.com). Der Engländer, 47, hat im Silicon Valley Karriere als Internetunternehmer gemacht, er lebt in Kalifornien.

Die Diskussion

16 Reaktionen

  1. Ronnie Grob

    Was für eine Schreckensvision auch. Abermillionen Blogs. Und die meisten davon ungelesen. Schweigen als Protest? Keine Inhalte erzeugen als Gegenbewegung? Ach was, das ist gar nicht nötig. Und wenn auch, das wird niemand stören.

    Web 2.0 ist nicht mehr (allerdings auch nicht weniger) als die Demokratisierung der Medien. Weil die Mittel zur Medienerzeugung für viele heute erschwinglich sind, können nun alle Medien machen. Aber es ist und bleibt eine Möglichkeit. Längst nicht alle haben das Bedürfnis dazu und von denen, die das Bedürfnis dazu haben, haben noch längst nicht alle das Talent dazu.

    Das Entscheidende ist doch aber, dass jeder und jede die Möglichkeit hat, Medien zu machen. Wer Internetzugang hat, der hat eine Stimme irgendwo auf der Welt. Und er kann sie zum Klingen bringen lassen. Ungestört. Genau so wie er will. Ohne "Gatekeeper", "Berater", "Manager", "Staff", "Produzenten", "Verleger". Vielleicht kommt das "schlecht" raus, aber na und, muss ja niemand gucken. Was "gut" ist hingegen, pflanzt sich natürlich fort, ohne Werbekampagnen, ohne strategische Pläne, ohne Geheimpläne. So wie ein vom Wind davongetragener Same, nein, sagen wir, wie wie ein immer neuer Brief, der eine wachsende Anzahl Leser findet.

    Sicher wird "Vertigo" auch heute kaum ohne Geldgeber und Menschen im Hitchcock-Format entstehen können. Muss man deswegen aber tatsächlich der bisherigen Film- und Musikindustrie nachweinen? Gerade letztere hat meines Erachtens viele Ideen verunmöglicht, Karrieren manipuliert, Potentiale zerstört.

    Es ist sehr vermessen, zu glauben, es gäbe für Inhalte nach dem Tod der etablierten Medienindustrien (an dem sie durch ihre störrische Art zurzeit selbst emsig werkeln) keine alternativen Finanzierungsmodelle. Klar, in der Übergangszeit der nächsten Jahre wird das vermutlich ungeordnet sein, vielleicht chaotisch, die Geldflüsse werden umgebogen und fliessen kaum immer kontinuierlich. Aber ist das wirklich so schlimm?

    Weil Web 2.0 den Nutzern endlich das gibt, was sie wollen, ist das Resultat zwingend eine Gleichschaltung? Nein, denn offene Geister sind gestern aus Denkmustern ausgebrochen und sie tun das noch heute. Menschen, die nie denken, die haben das auch vor Web 2.0 nicht gemacht.

  2. Claudio Del Principe

    Ich spiele jetzt – dank Web 2.0 – auch mal Prophet: Nichts von dem, was Andrew Keen mit tiefschwarzer Farbe malt, wird tatsächlich so düster enden. Hält er das Publikum (auch seins) wirklich für so hirnlos, dass es nicht in der Lage ist, zu selektionieren? Keen liest sich wie die Mahner gegen seichte TV-Unterhaltung, die uns zur Verblödung und ins gesellschaftliche Verderben führt. Aber „uns“ schaut diesen Müll schon lange nicht mehr. Deswegen bezeichne ich mich nicht als elitär. Die Autoren und Künstler hingegen, die dank Web 2.0 schneller den Zugang zu einem breiten Publikum finden, pauschal als Amateure abzustempeln ist schon starker Tobak. Da versucht einer etwas zu verteufeln, um sich selber ins Rampenlicht zu stellen. Hey, Andrew, warum vertrauen Sie nicht einfach Ihrem Verleger und nehmen Ihre Website (inkl. Blog!) vom Netz?

  3. Christian Röthlisberger

    der autor kommt mir vor wie die skeptiker damals, die hinter der einführung des dampfmotors eine geistige verelendung vermuteten, weil sich die reisegeschwindigkeit vom pferdegalopp auf lokomotivenvollgas erhöhte. und wie jemand, der gegen das schlechte wetter mit philosophischem geschwätz anredet. seine thesen hinken an allen ecken und enden. vor allem die hitchcock behauptung – kaum auszudenken was dieses genie mit den heutigen mitteln alles zustande gebracht hätte und keine frage, ob dieses ausnahmetalent auf dem freien kapitalmarkt investoren gefunden hätte.

    herr keen schreibt:

    Der Zweck unserer Medien- und Kulturindustrie – abgesehen vom nahe liegenden Bedürfnis, Geld zu machen und das Publikum zu unterhalten – ist es, aussergewöhnliche Talente zu entdecken, zu fördern und zu belohnen.

    das ist blödsinn. die industrie hat noch selten was gefördert, sondern sie wirft nach dem giesskannenprinzip produkte auf den markt und wartet, bis eines ein hit wird. das mit dem entdecken und fördern ist fast ausschliesslich die sache von nichtindustriellen kulturtätern und die industrie "belohnt" gerade mal 3 prozent aller künstler, nämlich die best- und longsellers, den rest speist sie mit brosamen ab.

    oder dieser satz:

    Der Gedanke des unaufhaltsamen technischen Fortschritts ist so verführerisch geworden, dass er zum Gesetz erklärt wurde.

    tschuldigung, herr keen, aber auch das hatten wir spätestens bei der dampfmaschine schon mal, schon damals war technischer fortschritt hoch verführerisch, so verführerisch nämlich, dass er nicht aufzuhalten war.

    hochgradig naiv auch diese behauptung:

    … eine der unbeabsichtigten Folgen des Web 2.0 ist vielleicht, dass zwar jeder zum Autor wird, doch kein Lesepublikum mehr da ist. Damit würden wir in eine Art kollektiver Amnesie fallen. Ohne Elite-Medien des Mainstream werden wir unsere Erinnerung verlieren an das, was wir gelernt, gelesen, erfahren oder gehört haben.

    herr keen, sie unterschlagen die realen verhältnisse und die absehbaren entwicklungen im web 2.0 sträflich. nicht jeder will ein blog schreiben. nicht jeder will hochladen. bei youtube sind es gerade mal 10% der user, die hochladen. alle anderen laden runter.

    wenn schon amnesie, dann orte ich eine solche eher bei denen, die gerade mal knapp eine e-mail verschicken können und noch immer nicht wissen, was ein browser ist. diese im web 1.0 (oder vorher) steckengebliebene bevölkerungsgruppe ist die gleiche wie die, die sich täglich mit nichts als diesen flachgewalzten elite-medien versorgt, nämlich den stündigen news am radio, 10vor10 im tv und dem gratisblatt am bahnhof.

    was die elite-medien mit unserer erinnerung zu tun haben bzw. wie durch das fehlen der elite-medien die erinnerung verlustig gehen könnte, ähm … ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, wie das gemeint sein könnte. der satz tönt zwar irgendwie wichtig, aber ich empfinde ihn, da die argumente dazu fehlen, als unqualifizierten und aufgeblasenen kulturpessimismus. wie den ganzen rest des artikels.

  4. Ronnie Grob

    Als Kommentar an anderer Stelle im Internet kam übrigens dieses Video hier zurück. Colbert.

    Also bisher wurden Gegenpositionen als nichts mehr als Gegenpositionen nur der "Weltwoche" angekreidet. Gehört nun "das Magazin" auch dazu?

  5. Oliver Reichenstein

    …Bockmist.

  6. Franz Gnädinger

    In den frühen 1980er Jahren beschied mir Erwin Koch, damals Volontär beim Tagesanzeiger-Magazin TAM, dass meine Arbeit sehr interessant sei, aber leider sei nach Meinung der gesamten Redaktion über Leonardo da Vincis Mona Lisa schon alles gesagt … Wo könnte ich meine Arbeiten publizieren wenn nicht im Web 1.0, 2.0 3.0 … ?

  7. Sarah Genner

    Ich bin nur allzu einverstanden damit, dass die «Web 2.0-Revolution» – mal abgesehen vom Technischen – alles andere als revolutionär ist. Die ganze «Demokratisierungs»-Euphorie ist massiv übertrieben, aber die apokalyptischen Tiraden genauso.

    Der Autor Andrew Keen kommt mir vor wie ein Ex-Raucher oder direkt einer Sekte entflohen: einer, der seinen vormaligen völlig unrealistischen Überzeugungen abgeschworen hat und nun ins Gegenteil gekippt ist. Einer der einst glaubte, online werde die Welt einst nach völlig anderen Gesetzen funktionieren als offline.Ja, es gibt Abermillionen fürs breite Publikum irrelevante Blogs, die erstens niemand lesen muss und zweitens ja auch von kaum jemand gelesen werden. Interessanterweise – dies ein Ergebnis der Umfrage blogge?!» an der Universität Bamberg – verstehen sich die allermeisten «Produzierenden» im Web gar nicht als Kultur- oder Medienschaffende, wie dies oft unterstellt wird. Web 2.0 ist digitales soziales Interagieren, in den allermeisten Fällen ein Kreieren von Inhalten aller Art fernab eines professionellen Rahmens. Amateure gab es schon immer (und ganz wenige davon waren auch schon immer besser als so einige Professionelle) nur ist dies halt heute digitalisiert und theoretisch allen mit Internetanschluss zugänglich. Die Orientierungs- und Selektionsfunktion der Mainstreammedien hat in keiner Weise ausgedient, sie ist in der Flut sogar noch wichtiger geworden. Medienwatchblogs übernehmen zudem hervorragend deren Überwachung. Die Zahl der Internetuser und der genutzten digitalen Inhalte steigt zwar, dass sich aber die «Zeitungen in freiem Fall» befänden, ist trotz sinkender Auflagezahlen ziemlich übertrieben.
    «Blogs personalisieren den Medieninhalt, sodass wir nichts mehr lesen, was über unsere eigenen Gedanken hinausgeht», schreibt Keen weiter. Wer die Zahlen der Blog-Leserinnen und -Leser – im deutschsprachigen Raum rund 10% gemäss der Tages-Anzeiger), wird diese Aussage ebenfalls für ziemlich übertrieben halten. Traditionelle Medien werden sich mit grosser Wahrscheinlichkeit zunehmend ins Netz verlagern, doch professionelle Medienschaffende dürften immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Amateure (sei dies in professionell geführten Blogs oder sonstigen Medienportalen) – und das ist auch gut so.Für das persönliche Informationsmanagement, das Pflegen persönlicher Kontakte mit Gleichgesinnten weltweit sowie das Herstellen von Nischenöffentlichkeiten eignen sich Blogs und andere Web 2.0-Anwendungen nach wie vor bestens. Dem kann auch eine «Web 2.0-Demontage» im «Magazin» nichts anhaben, die leider tatsächlich mit einem unangenehmem «Weltwoche»-Pathos daherkommt (im Stil von: «Ich behaupte zur Aufmerksamkeitssteigerung jetzt einfach mal das Gegenteil, ungeachtet dessen, ob jegliche Empirie dagegen spricht»).Der [http://www.dasmagazin.ch/index.php/Internet:_Die_Revolution,_die_keine_war_(Nr._41/05) Artikel von Guido” title=”">Mingels zum Thema, den Sie im «Magazin Online» 2.0 nochmals aufgewärmt hatten, war hervorragend. Sie hätten besser diesen zum dritten Mal gebracht als Keens unsägliche Tirade, die zwar ein paar Silicon Valley-Euphoriker wieder etwas auf realistischeren Boden hinab holen mag, sich aber ansonsten als unhaltbar erweist.


    Andreas Künzi
    Eine Diskussion so schwarz/weiss wie die Schafsplakate der SVP.

    Daher hier ein Link zur Auflockerung des Themas:
    http://www.youtube.com/watch?v=o4mpJumHU-w

  8. Ronnie Grob

    @Sarah Genner: Warum ist die «Demokratisierungs»-Euphorie übertrieben? Nur weil es bisher nur wenige tun? Die Revolution ist doch schon damit gemacht, dass es heute für alle mit Internet-Zugang möglich ist, Inhalte zu produzieren. Dass damit nicht alle gleichzeitig loslegen, ist nur natürlich. Als Beispiel könnte man vergleichen, wieviele Leute 1997 regelmässig E-Mails schrieben und wieviele Leute 2007. Es war 1997 so einfach wie 2007 (Titel und Text eingeben, absenden). Und bloggen ist jetzt schon nicht schwieriger als E-Mails schreiben.

  9. Sarah Genner

    Die Frage, lieber Ronnie Grob, ist in dieser Diskussion doch zunächst, was denn genau «demokratisch» heisst.

    Sprechen wir von einer Demokratisierung der Produktionsmittel? D.h. alle können nun kostenlos, in Echtzeit und praktisch ohne technische Hindernisse ihre Meinung, ihre Texte, Filme und sonstigen Erzeugnisse einem Weltpublikum mit Internetzugang präsentieren, während dies davor bloss Verlegern, Filmproduzentinnen und anderen Personen «am Drücker» möglich war?

    Wie erwähnt, halte ich diese technische Entwicklung für enorm faszinierend und durchaus revolutionär. Auch das Beispiel E-Mail finde ich bahnbrechend praktisch – und gleichzeitig eine ungeheure Plage. Bedeutet die Tatsache, dass alle etwas tun, wie z.B. e-mailen oder bloggen, dass etwas demokratisch ist? Nicht viel mehr populär?
    Vergessen wird oft der Aspekt der «Aufmerksamkeitsökonomie». Nur wenig kann von vielen wahrgenommen werden. Wie könnte man «demokratisierend» denn sonst noch verstehen? Im politischen Sinne, z.B. im Sinne einer partizipativen Demokratie, würde «Demokratisierung» bedeuten, dass sich mehr Bürgerinnen und Bürger in die öffentliche Debatte einschalten und dass ihre Stimme dort mehr als vor den Verheissungen des Internets gehört würde.
    Leider – so das Ergebnis meiner sich im Abschluss befindenden Abschlussarbeit – ist das Gegenteil der Fall. Zwar mögen viel mehr Menschen dank Blogs ihre Meinung publizieren. In den Mainstreammedien werden allerdings in den allermeisten Fällen die Blogs jener zitiert, die auch vor dem Internet bereits eine gewichtigere Stimme im öffentlichen Diskurs hatten als andere: Politikerinnen und Journalisten. Und zudem überproportional viele gebildete Männer. Dies bedeutet faktisch eine Verstärkung der Ungleichheiten im Zugang zum breiten öffentlichen Diskurs, was eher nicht als «demokratisierend» gelten kann.
    In Ländern mit Pressezensur können dank dem Internet Informationsmonopole gebrochen werden. Nur leider wird genau in jenen Ländern, die von eingeschränkter Meinungsfreiheit und Zensur geprägt sind, das Internet immer noch mehr überwacht und «Cyberdissidente» landen zunehmend im Gefängnis.Vielleicht führe ich diese Diskussion vor allem deshalb so leidenschaftlich, weil ich insgeheim hoffe, es könnte mich endlich doch noch jemand von den tatsächlichen demokratisierenden Effekten des Internets überzeugen, an die ich – wenigstens im grossen Stil – nicht mehr glaube. Dennoch braucht man anderen Desillusionierten wie Andrew Keen als polemische Missionare des Gegenteils – des Untergangs der Mainstreammedien und der gesamten Kultur – keine solche Plattform zu bieten.

  10. Franz Gnädinger

    Kultur, als Aufgabe verstanden, heisst menschliches Mass in die technische Welt einbringen. Das gilt auch für’s Internet. Es ist ein Werkzeug der globalen Gesellschaft und verlangt viel Arbeit. Vint Cerf, einer der Gründer des Web, ist immer noch erstaunt, wie viel Kreativität es freisetzt. Ich glaube, dieses Potential wird genügen, um das Web in unser Leben einzubinden – aber es ist eine grosse Aufgabe, nicht umsonst zu haben.

  11. Marcel Zumstein

    Der gleiche alte Web-2.0-Hype, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Keen schiesst mit seinen Prognosen genau so übers Ziel hinaus wie die euphorischen Web-2.0-Apostel der ersten Stunde (die allerdings inzwischen bescheidener geworden sind). Mit Web 0.0 konnte man Tagebucheinträge und dilettantische Gedichte schreiben, die in der Schreibtischschublade landeten und von niemandem gelesen wurden. Mit Web 1.0 konnte man sie auf Geocities hochladen und die Leserschaft stieg auf zwei bis drei Personen. Und was ist jetzt das Neue bei Web 2.0? OK, ein paar wenige von denen, die Zugriff auf die neuen Medien bekommen haben, werden den "Durchbruch" schaffen. Und zwar mit Inhalten unterschiedlichster Qualität. Wenn die Qualität stimmt, wo liegt dann das Problem? Und wenn sie nicht stimmt: Ein kurzlebiger und stumpfsinniger Internet-Hype, der durch ein YouTube-Video ausgelöst wird, konkurrenziert vielleicht Stefan Raab, aber bestimmt nicht Marcel Reich-Ranicki. Alles in allem sind die "traditionellen" Kunst- und Medienschaffenden durch Internet-Dilettantismus etwa so stark bedroht wie die Grossverteiler von Flohmärkten.

    Ausserdem werde ich den Verdacht nicht los, dass hier wieder einmal ein Autor bei der Betrachtung der neuen Medien darin versagt, Inhalt und Medium zu trennen. Selbstverständlich wird der, der Inhalte ausschliesslich für ein traditionelles Medium produziert (und erst recht der, der das traditionelle Medium betreibt), durch die neuen Medien Schwierigkeiten bekommen. Aber das sagt noch nichts über die Auswirkungen auf die Inhalte aus. Selbstverständlich beeinflussen sich Inhalte und Medien gegenseitig, aber um diese Beziehung analysieren zu können, muss man sie erst einmal getrennt betrachten.

  12. Andreas Von Gunten

    Das Problem an Keens Artikel ist nicht, dass er eine Gegenposition vertritt. Eine solche zu postulieren, zu welchem Thema auch immer, ist grundsätzlich gut und die "Demokratisierung" der Produktionsmittel, bietet nun einige Möglichkeiten mehr, dies zu tun. Es macht auch durchaus Sinn, dass Gegenpositionen in Massenmedien wie dem Magazin verbreitet werden.

    Allerdings bietet Keen keine wirklichen Argumente, er blendet die Lesenden mit viel Balast, ohne seine Hauptthesen zu untermauern. Dadurch kann auch keine Diskussion entstehen, bzw. genau darum wird die Debatte radikal dualistisch und damit wenig fruchtbar.

    Die Fragen die Sarah Genner aufwirft im Bezug auf die tatsächliche demokratische Wirkung der "demokratisierten" Medienproduktionsmittel in diesem Zusammenhang allerdings interessant.

    Wird tatsächlich die Ungleichheit verstärkt? Vor dem Web 2.0 Zeitalter gab es die öffentliche und die private Debatte. Diese Grenze verwischt nun allmählich. Es mag zwar sein, dass die meisten Aussagen in Blogs keine Resonanz in den Massenmedien finden, aber sie haben nun das Potential dazu. Solang e diese nur im "privaten" Rahmen geäussert werden konnten, war das nicht der Fall. Das ist nicht viel, ich gebe es zu, aber dennoch eine Verbesserung.

    Ein weiterer Aspekt, besteht darin, dass der Kreis der Diskussionteilnehmer für den Einzelnen, der diese Produktionsmittel nutzt,zugenommen hat und damit auch die Chance, Meinungen zu lesen zu bekommen, die einem im engsten privaten Raum eventuell nicht erreicht hätten.

    Der private Raum wird grösser, die Vielfalt nimmt zu. Die öffentliche Debatte wird dadurch um eine Komponente erweitert, und deswegen auch gestärkt.

    In dem Sinne fördern die demokratisierten Produktionsmittel auch die Partizipation am demokratischen Meinungsbildungsprozess. Das Konzept der Massenmedien lässt nun einmal nicht zu, dass die Masse kommuniziert. Das sind few to many Medien. Die Web 2.0 Welt hingegen bedeutet many to many, da können nicht alle von allen gehört werden. Das ist aber auch kein Problem, denn die Konsolidierung der Meinungen findet durch die Vernetzung auf jeden Fall statt.
    Wir müssen uns das wie einen Trichter voller Ideen und Meinungen vorstellen. Dieser Trichter ist nun auf einen Schlag viel breiter und viel grösser geworden. Ob am Schluss etwas Besseres herauströpfelt wissen wir nicht, dass nun aber mehr Menschen etwas hineinfliessen lassen können, "schläckt kei geiss weg" :-)

  13. Ronnie Grob

    Was bei der Diskussion über die Demokratisierung der Medien etwas zu kurz kommt, ist der Fakt, dass von diesen Möglichkeiten vielleicht bisher 1% ausgeschöpft wurde. So wirkt das schon wie ein kleiner Flohmarkt mit Verrückten gegenüber dem grossen schicken Haus des Grossverteilers.

    Bisher haben zwei von sieben Bundesräten in der Schweiz herausgefunden, dass sie die etablierten (und oft mühsamen) Medien gar nicht mehr brauchen, um mit dem Volk (und auch mit den Medien) zu kommunizieren.

    Eine Frage zb ist: Wer ist in Zukunft bereit, Geld auszugeben für ein Gefälligkeitsinterview mit Blocher, wenn er das wöchentlich ohne zu bezahlen online sehen kann?

    Auch wenn sie zurzeit Grossverteiler sind – da werden die etablierten Medien mehr bieten müssen.

  14. Joel Weibel

    Genauso wie Keen über Huxley und Orwell heute schreibt, wird (vielleicht) jemand in zwanzig Jahren über Keen schreiben. Denn "erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt". Trotzdem nett mit einer Gegenposition in der allgemeinen Euphorie wenigstens ein bisschen privilegierte Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist doch schon mal was.

  15. Pascal Witzig

    Ich glaube die alte Journalistengarde ist einfach überaus skeptisch gegenüber Neuerungen wie dem Web 2.0. In ein paar Jahren wird sich dies wohl auch bereits geändert haben. Bin selbst Journalist, habe aber ein völlig entkrampftes Verhältnis zum "Web 2.0". Es ist bloss ein Neues Medium. Nicht mehr und nicht weniger. Ich finde die ganze Debatte ist Byte-Verschwendung.

  16. Roman Schürch

    Es ist doch schön, dass dank dem Web 2.0 jeder frei darüber entscheiden kann, seine Werke zu "veröffentlichen". Fast schon egal wie viel Beachtung sie finden. Hier handelt es sich ja nicht primär um ein Massenmedium, sondern eher um einen virtuellen öffentlichen Raum. Im Web 2.0 übernimmt der Konsument (und Produzent) selbst die Verantwortung. Wächst das Interesse für einen bestimmten Produzenten, wird er fairerweise auch mehr Aufmerksamkeit bekommen. So können auch im Web 2.0 immer noch aussergewöhnliche Talente entdeckt werden. Ganz ohne den Hürdenlauf in Richtung Industrie. Das soll einen Einfluss auf die "Vitalität der Künste" haben? Ganz im Gegenteil! Ist es nicht so, dass junge Kunstschaffende (oder meinetwegen auch Dilettanten), die sich einer Präsentationsplattform sicher sein dürfen, dadurch auch motiviert werden könnten? Ausserdem bietet das Web 2.0 vielleicht auch weniger Platz für eine elitäre Minderheit, die sich im schlimmsten Fall auf ihren Lorbeeren ausruhen kann.

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