20.02.2009 von Remo H. Largo und Martin Beglinger , 46 Kommentare
Alle reden von der Schule. Alle wollen mehr und bessere Bildung. Selbst in den Konjunkturprogrammen, die derzeit angeschoben werden, wollen die Regierungen Milliarden in diesen Bereich investieren. Investitionen in die Bildung seien Investitionen in die Zukunft, heisst es jeweils. Klingt gut. Nur: Sind es denn auch Investitionen in die Bildung, wenn ein Grossteil dieser Gelder in die Renovation von Schulhäusern fliesst? Ist das nicht eher ein Subventionsprogramm für die Bauindustrie und das lokale Gewerbe? Oder nehmen wir die Einführung von Frühenglisch in der Unterstufe: Auch dies klingt im ersten Moment innovativ. Die Wirtschaft verlangte es, viele Eltern wünschten es, und die Bildungspolitiker drückten es schliesslich durch, weil Englisch in unserer globalisierten Welt doch so wichtig ist und niemand leichter Fremdsprachen lernt als Kinder. Theoretisch. Doch in den wenigen Jahren seit der Einführung offenbart sich immer deutlicher, dass Frühenglisch in erster Linie eine teure und ineffiziente bildungspolitische Beruhigungspille ist. Man glaubt, eine besonders globalisierungstaugliche Jugend heranzuzüchten. Doch so, wie es – trotz vielerlei Warnungen vonseiten der Lehrerschaft – aufgegleist wurde, lernen unsere Primarschüler mitnichten Englisch.
Politiker und Wirtschaftsvertreter, etwas weniger die Eltern und Lehrer haben in den letzten Jahren das grosse Wort geführt in der Schul- und Bildungsdebatte. Von den Hauptpersonen – den Kindern – ist hingegen wenig zu hören. Sie sind zwar regelrecht umstellt von wohlmeinenden Erwachsenen und Institutionen, und doch scheint uns, dass es hauptsächlich um die Interessen der Erwachsenen und weniger jene der Kinder geht. Deshalb sei hier der Versuch unternommen, die Schule neu zu denken: vom Kind her. Wir möchten zu jener Frage zurückkehren, die für uns den Kern der Bildungsdebatte darstellt: Was für eine Schule brauchen unsere Kinder? Denn nur eine Schule, die sich an den grundlegenden Entwicklungsbedürfnissen des Kindes orientiert, kann eine kindgerechte Schule sein.
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Ohne Beziehung geht nichts
Beziehung ist für jedes Kind lebenswichtig. Sie ist nicht alles, doch ohne vertrauensvolle Beziehungen kann sich ein Kind nicht entwickeln, weder in der Familie noch in der Schule. Ein Kind muss sich geborgen fühlen, in den ersten Lebensjahren vorab bei seinen Eltern, später dann bei seiner Lehrerin. Das Kind will sich ebenso an die Lehrerin binden wie an seine Eltern. Die Frage ist bloss: Kann es dies auch tun? Ob sie es will oder nicht, die Lehrerin ist für das Kind eine wichtige Bezugsperson. Und das bedeutet, dass sie sich nicht nur fachlich, sondern auch emotional auf das Kind einlassen und es als einmalige Persönlichkeit akzeptieren muss. Eine gute Lehrperson ist sich im Klaren darüber, dass sie in erster Linie Kinder unterrichtet und nicht nur Fächer. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Unterstufe, sondern ebenso für die Mittel- und Oberstufe.
Für eine tragfähige Beziehung müssen aus Sicht des Kindes die folgenden Faktoren stimmen: ausreichend Zeit für Begegnungen – auch ausserhalb des Unterrichts, Kontinuität und Verlässlichkeit der Bezugspersonen. Und die Beziehung und Akzeptanz dürfen nicht ausschliesslich von der schulischen Leistung abhängig gemacht werden. Manche mögen diese Feststellungen als Plädoyer für eine Kuschelpädagogik belächeln, die man sich in Krisenzeiten erst recht nicht mehr leisten könne. Doch gerade ihnen sei gesagt, dass emotionale Geborgenheit die Grundlage zur Leistungsbereitschaft liefert – nicht nur bei Kindern. Welcher Erwachsene gibt schon sein Bestes bei einem Vorgesetzten, der ihn ignoriert oder mies behandelt? So vieles, was wir an der Schule lernten, haben wir wieder vergessen. Doch an Lob und Kritik unserer Lehrer erinnern wir uns, als wäre es gestern gewesen und nicht dreissig oder mehr Jahre her. Das sollte kein Lehrer vergessen, wenn er vor einer Klasse steht.
Eine gute Beziehung verbessert nicht nur die Lernbereitschaft, sondern führt, wie eine Reihe von Studien bewiesen hat, letztlich auch zu besseren schulischen Leistungen. Das gilt auch in umgekehrter Richtung: Erbringt ein Kind schwache Leistungen oder stört es oft den Unterricht, dann liegt es nicht selten auch an einer mangelhaften oder gar fehlenden Beziehung zur Lehrperson.
Die vielen Schulreformen der letzten Jahre haben die Etablierung tragfähiger Beziehungen zwischen Kind und Lehrperson nicht einfacher gemacht. Die Ausbildung der Lehrkräfte, um nur ein Beispiel zu nennen, hat zumindest bis vor Kurzem Didaktik und Methodik der Stoffvermittlung in den Mittelpunkt gestellt und nicht das Kind als soziales und lernendes Wesen. Das Fachlehrersystem hat selbst auf der Unterstufe Einzug gehalten, was dazu führen kann, dass eine Primarklasse von bis zu sechs Lehrkräften unterrichtet wird. Das ist für beide Seiten unbefriedigend, weil es das Kind ebenso wie die Lehrperson beziehungsmässig überfordert. Ein Kind kann sich nicht auf sechs Lehrpersonen gleichzeitig einlassen und ein Fachlehrer, der mehrere Klassen unterrichtet, ebenso wenig auf jeden einzelnen seiner hundertzwanzig Schüler. Mitunter kennt er ja nicht mal alle bei ihren Namen. Die Klassenlehrerin bietet noch immer die beste Gewähr für eine gute Beziehungsarbeit und für klare Verantwortlichkeiten. Ebenso wie für die Eltern gilt auch für die Lehrkräfte: Beziehung kommt vor Erziehung. Denn erst die Beziehung zum einzelnenKind macht eine Klasse überhaupt führbar. Wo sie fehlt, bleiben nur mühsame Disziplinierungsmassnahmen und Notendruck – ein sicherer Weg in Richtung Demotivation der Kinder und Burnout von Lehrkräften.
Gewiss, die Beanspruchung gerade der Klassenlehrer ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Doch wollen sie ihrem ursprünglichen Kerngeschäft, dem kindgerechten Vermitteln von Lerninhalten, auch in Zukunft nachkommen, dann braucht es entsprechende Rahmenbedingungen wie beispielsweise die Klassengrösse, die es der Lehrperson erlauben, Beziehungen zum einzelnen Kind zu pflegen und nicht nur möglichst viel Stoff zu dozieren.
Idealerweise umfasst diese Beziehungsarbeit nicht nur das Kind, sondern auch dessen Eltern. Der gegenseitige Kontakt kann sich nicht im Abhaken des jährlichen Elternabends erschöpfen. Auch die perfekte Powerpoint-Präsentation kann das persönliche Gespräch, zum Beispiel bei einem Hausbesuch, nicht ersetzen. Eltern kooperieren mit der Schule besser und unterstützen ihr Kind mehr, wenn sie sich vom Lehrer ernst genommen und verstanden fühlen. Eine gute Lehrer-Eltern-Beziehung wirkt sich wiederum positiv auf die Beziehung zum Kind, auf dessen Verhalten und damit auch auf dessen Leistungsvermögen aus.
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Die Schule erzieht mit
Doch wer sozialisiert eigentlich unsere Kinder? Für manche, insbesondere konservative Kreise ist der Fall klar: Für die Erziehung (respektive Sozialisierung) sind die Eltern zuständig, für die Bildung der Staat. Beides ist in dieser Absolutheit falsch und eine Haltung, die weder dem Kind noch der Gesellschaft dient. Spätestens seit den Pisa-Studien wissen wir, welch grosse Bedeutung der Bildungshintergrund der Familie für den Schulerfolg der Kinder hat. Andrerseits waren Eltern auch früher nie ausschliesslich für die Erziehung ihrer Kinder zuständig, und heute können sie es erst recht nicht mehr sein, wenn 75 Prozent der Mütter schulpflichtiger Kinder berufstätig sind und 40 Prozent dieser Kinder nicht beaufsichtigt werden. Ein Kind verbringt allein während seiner obligatorischen Schuljahre 10 000 bis 12 000 Stunden in der Schule – oft ein Vielfaches der mit den Eltern (und insbesondere den Vätern) aktiv verbrachten Zeit. Deshalb ist es schlicht unmöglich, dass die erzieherische Verantwortung einzig bei der Familie liegen kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich ein Kind so entwickelt, wie es die Lehrer gerne hätten, nämlich zu einem fleissigen, ordentlichen, anständigen und verhaltensmässig möglichst problemlosen Schüler. In der schulischen Gemeinschaft soll das Kind seine sozialen Kompetenzen entwickeln und sich ein solidarisches Verhalten aneignen. Denn nur wenn es dies im Klassenzimmer gelernt hat, wird es als Erwachsener auch in der Gesellschaft entsprechend handeln.
Die Schule sozialisiert die Kinder also zwangsläufig mit. Auch hier ist die Frage bloss: wie? Was für Vorbilder sind die Lehrer? Welche Werte vertreten sie? Wie lehren sie die Kinder, Rücksicht auf die Schwächeren zu nehmen und Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu tragen? Die Gesellschaft hat die Wahl, ob sie ihre Kinder über Mittag lieber alleine vor dem Fernseher sitzen, Chips essen und nach der Schule auf der Strasse herumlungern lässt. Oder ob die Kinder ausserhalb des Unterrichts gemeinschaftlich betreut, gefördert und mit gesunder Nahrung versorgt werden. Für uns steht ausser Frage, dass die kindgerechte Schule der Zukunft mehr betreuen muss und sich nicht mehr aufs ausschliessliche Unterrichten beschränken kann. Sie muss den Kindern sinnvolle Erfahrungsmöglichkeiten anbieten, weil viele Kleinfamilien selber diese Leistungen nicht mehr erbringen können. Das hat nichts mit der «Züchtung von Staatskindern» zu tun, aber viel mit Chancengerechtigkeit.
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Die Vielfalt verlangt individuellen Unterricht
Eine kindgerechte Schule ist eine individualisierte Schule. Anders kann sie die immense Vielfalt innerhalb einer einzigen Schulklasse nicht auffangen. Obwohl die Kinder einer Schulklasse in der Regel denselben Jahrgang haben, steht die Lehrerin bereits in einer 1. Klasse vor Schülern mit riesigen Entwicklungsunterschieden. Die leistungsmässig besten Erstklässler sind bereits so weit wie Drittklässler, die schwächsten gerade mal auf dem Niveau des ersten Kindergartens. Frappant auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Die Mädchen sind immer etwas weiter entwickelt als die Knaben, im Alter von zwölf Jahren im Durchschnitt um eineinhalb Jahre, also um mehr als ein Schuljahr. Diese Unterschiede zwischen den Kindern weiten sich im Verlaufe der Schulzeit immer stärker aus. So kommt es, dass die Kinder, wenn sie die Schule verlassen, verschiedener sind denn je – obwohl sie während mindestens neun Jahren mit mehr oder weniger dem gleichen Lernstoff unterrichtet worden sind.
Trotzdem sind nach wie vor Lehrpläne massgebend, die für alle Kinder Gültigkeit haben sollen – obwohl alle Fachleute wissen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Schlägt die Schule weiterhin jedes Kind über den gleichen Leisten, wie sie das in der Vergangenheit getan hat, wird man die einen Kinder zwangsläufig unterfordern und andere überfordern. Diese Kinder werden auf die Dauer entmutigt und verabschieden sich innerlich von der Schule – oder aber sie werden aus Protest verhaltensauffällig. So oder so leiden ihr Selbstwertgefühl und ihre Lernmotivation – und damit letztlich auch ihre Leistung.
Die Schule kann dem einzelnen Kind nur gerecht werden, indem der Unterricht individualisiert und das Kind also auf jenem Entwicklungsstand abgeholt wird, auf dem es sich gerade befindet. Manche Schulen haben bereits mit der Individualisierung des Unterrichts begonnen, doch der Weg von der schönen Absichtserklärung bis zur konsequenten Umsetzung ist noch weit. Er ist zugegebenermassen auch anspruchsvoll, nicht zuletzt für die Lehrkräfte. Eine Lehrerin, die dem einzelnen Kind gerecht werden will, versteht sich vorab als Spezialistin für das Kind als lernendes Wesen und nicht in erster Linie als Deutsch- oder Mathelehrerin. Sie interessiert sich mindestens so sehr für Kinder und Jugendliche wie für ihr Fach. Und sie weiss, dass man ein Kind «lesen» können muss, um es lesen lehren zu können. Oft genug glauben Erwachsene, Kinder würden nur lernen, wenn sie dazu angetrieben werden. Doch die Erfahrung mit kindlicher Entwicklung lehrt uns etwas anderes. Sie belegt, dass das Kind vom ersten Tag seines Lebens an eine innere Bereitschaft zum Lernen hat; eine Lernmotivation, die erhalten bleibt – sofern sich das Kind in der Schule geborgen fühlt und weder unter- noch überfordert wird. Die Kunst der Pädagogik besteht darin, diesen Punkt zu erspüren, der die natürliche Lernbereitschaft in Gang setzt, die in jedem Kind steckt.
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Kompetenzraster statt Noten
Meint es eine Schule wirklich ernst mit dem individualisierten Unterricht, dann ist es nur konsequent, auch die bisherigen kollektiven Lehrpläne aufzuheben und sie durch individuelle Lehrpläne zu ersetzen. Dies wiederum würde logischerweise auch das Ende von Einheitsprüfungen und des konventionellen Notensystems bedeuten. Denn warum soll man die Latte bei allen Schülern gleich hoch ansetzen, wenn sie doch einen völlig unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen? In einem individualisierten Unterricht lernen Kinder auch ohne Notendruck.
Die Forderung nach Abschaffung der Noten mag quer stehen zu den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft, obschon die Ungenauigkeit und Ungerechtigkeit bei der Notenvergabe seit Jahren wissenschaftlich belegt ist. Bemerkenswert ist allerdings, dass ausgerechnet die leistungsorientierte Wirtschaft immer öfter eigene Leistungstests durchführt, weil sie den Noten in den Schulzeugnissen misstraut. Der Lehrmeister will wissen, was eine Fünf in Deutsch oder Mathematik konkret heisst, weil «gut» nach seiner Erfahrung je nach Schule etwas anderes bedeutet. Er will sich also Gewissheit verschaffen, was ein Bewerber wirklich kann – ob zum Beispiel ein Lehrling mit einer Fünf in Mathe die Grössenangaben in einem Plan richtig auf ein Werkstück übertragen kann oder ob eine Schülerin am Ende der ersten Sekundarschule einen Brief schreiben kann, der für die Kunden verständlich ist. Bereits heute gibt es Schulen, die erfolgreich nur noch mit detaillierten Kompetenzrastern oder Portfolios arbeiten und auf Zeugnisnoten verzichten.
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Zählt nur die Leistung, scheitert die Integration
Die Individualisierung des Unterrichts wird auch deshalb umso dringlicher, weil die Schweizer Schulen vor einem gewaltigen Umbau stehen. Nachdem das Bildungsestablishment, insbesondere im Kanton Zürich, in den letzten dreissig Jahren die Parole «Separation» ausgegeben und lernschwache wie auch verhaltensauffällige Kinder in Sonderklassen ausgegliedert hatte mit der Begründung, Kinder mit speziellen Bedürfnissen liessen sich auf diese Weise besser beschulen, ist der ganzen Karawane vom selben Establishment nun eine Kehrtwende verordnet worden: Aufhebung der Sonderklassen und Integration der Sonderschüler in die Regelklassen. Gewiss, die Wende führt in die richtige Richtung, doch erfolgreich wird sie nur sein, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen.
Die Verschiedenheit in diesen Klassen wird noch einmal zunehmen, je konsequenter die Integration vollzogen wird. Ob die Klassen nicht zu gross sein werden und die Klassenlehrkräfte tatsächlich genügend Zeit und Unterstützung erhalten, wird sich in den nächsten Jahren weisen. Doch selbst wenn die notwendigen Gelder dafür gesprochen und die richtigen Lehrkräfte für diese Aufgaben gefunden werden, kann die Integration der Kinder mit besonderen Bedürfnissen nur gelingen, wenn die Schule es schafft, diese Kinder sozial und leistungsmässig in die Klasse zu integrieren. Und das heisst, dass sich die Kinder, trotz den unaufhebbar grossen Leistungsunterschieden, gegenseitig akzeptieren und respektieren. Gilt hingegen der Leistungsprimat, muss die Integration zwangsläufig scheitern. Noch ist nicht absehbar, wie sich insbesondere die bildungsbewussten Mittelstandseltern verhalten werden. Ihnen gilt es begreiflich zu machen, dass die Leistungen ihrer Kinder in integrierten Klassen nicht zu leiden brauchen und dass gerade die Leistungsstärkeren viel an sozialer Kompetenz gewinnen können, indem sie den schwächeren Kindern zum Beispiel bei den Aufgaben helfen. Kinder sind mitunter die besseren Lehrer als Erwachsene. Und Lernen durch Lehren ist eine höchst erfolgreiche Form des Lernens.
Löst eine verunglückte Integration hingegen eine Absatzbewegung Richtung Privatschulen aus, dann werden nicht nur die unzureichend integrierten Schüler die Leidtragenden sein, sondern auch die Institution Volksschule als letzte grosse Klammer dieser Gesellschaft. Die Integrationsgegner fürchten ja nichts mehr, als dass innerhalb einer Klasse die guten Schüler von den schwächeren am Lernen gehindert und leistungsmässig hinuntergezogen werden. Doch die Erfahrungen in Finnland zeigen, dass dies selbst in einer Gesamtschule, die neun Jahre dauert und alle Kinder unabhängig von ihrer Leistung miteinschliesst, nicht der Fall sein muss. Von allen OECD-Staaten hat Finnland in seinen Gesamtschulen die Chancengerechtigkeit am besten gewahrt. Wahrscheinlich liegt der Erfolg dieser Schulen aber weniger an den Strukturen, sondern mehr an einer kindgerechteren pädagogischen Grundhaltung, die dahinter steht. Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, warum Kinder überhaupt lernen und was für eine Verbesserung der Lernmotivation nötig ist. Beides beruht unter anderem auf vertrauensvollen Beziehungen, was sich in einem besseren Schulklima manifestiert.
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Ganzheitliches Lernen statt Fachidiotie
Gerade die aktuelle Krise zeigt, wie gefährlich die kurzfristigen Ansprüche der Wirtschaft an die Schule sind. Noch vor einem halben Jahr hielten viele eine Bankkarriere für den sichersten und einträglichsten Weg. Aber gewiss nicht den Beruf des Lehrers. Fast über Nacht ist alles anders geworden. Während die Banken wanken, werden die Stellen im Schuldienst wieder attraktiv, weil sie als krisensicher gelten. Welche Befähigungen in zwanzig Jahren auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein werden, das weiss ohnehin kein Mensch. Diese Unsicherheit kann vernünftigerweise nur bedeuten, dass sich die Schule nicht an irgendwelchen sprunghaften Sonderinteressen von Gesellschaft und Wirtschaft, sondern konsequent an der Gesamtheit der kindlichen Fähigkeiten orientieren muss. Wir brauchen keine kleinen Fachidioten, sondern Kinder, die ganzheitlich gefördert werden. Längerfristig ist mit einem solchen Ansatz nicht nur dem Individuum, sondern auch der Gesellschaft am besten gedient, weil sich auf diese Weise am meisten Menschen beruflich und sozial integrieren lassen.
Das oberste Ziel einer kindgerechten Ausbildung besteht nicht in einem Zeugnis mit lauter Sechsen in Wissen und Fertigkeiten, sondern in einem guten Selbstwertgefühl aller Schüler, also auch jener, die weder in Deutsch noch Mathe glänzen. Ein gutes Selbstwertgefühl kann nur entstehen, wenn das Kind die Schule erfolgreich bestehen kann, also weder über- noch unterfordert wird. Dies verschafft dem Kind die Gewissheit, dass es die Zukunft mit Zuversicht in Angriff nehmen, dass es die eigenen Stärken zu nutzen und mit den Schwächen umzugehen weiss. Eine kindgerechte Schule entlässt junge Erwachsene in die Gesellschaft, die emotional gefestigt, sozial kompetent und fähig sind, ihr Leben selbstständig zu meistern.
Selbstverständlich sollen sich die Schulabgänger auch ein solides Grundwissen und nicht zuletzt gute Lernstrategien angeeignet haben. Dabei soll der Lernstoff für das Kind von langfristigem nachhaltigem Nutzen sein. Um ein Beispiel aus der Geometrie zu nehmen: Was fördert die Raumvorstellung mehr und hat einen langfristigen Nutzen: das Auswendiglernen und die Anwendung der Sätze von Pythagoras oder ein kompetenter Umgang mit virtuellen Räumen am PC? Lernstoff, der nur den Fachlehrer, aber nicht die Kinder interessiert und der vor allem nichts zu ihrer langfristigen Entwicklung beiträgt, gehört nicht mehr in den Unterricht.
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Wider den Förderwahn
Wenn uns täglich eingetrichtert wird, dass Bildung unser einziger Rohstoff und die Schule der zentrale Weichensteller für ein erfolgreiches Leben sind, dann braucht sich niemand mehr über den Förderwahn zu wundern, dem mittlerweile bereits Kleinkinder zum Opfer fallen. Dabei gehen deren Eltern von der irrigen Vorstellung aus, ihr Kind werde umso klüger, je früher und intensiver man mit ihm übt – ob das Einmaleins, Chinesisch oder das Geigenspiel. Doch ein Kind lässt sich nicht beliebig wie ein Gefäss mit Inhalten abfüllen. Wer glaubt, ein Kind werde sich umso besser entwickeln, je früher ihm die Erwachsenen Wissen und Fertigkeiten mit allen möglichen Tricks und Kniffen aufzudrängen versuchen, der irrt. Man kann keine Gymnasiasten züchten. Oder wie ein afrikanisches Sprichwort sagt: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Was die Kinder brauchen, sind umfassende Erfahrungsmöglichkeiten, in den ersten Lebensjahren und auch in der Schule. Das Lernen besorgen sie dann selber.
In den letzten Wochen haben im Kanton Zürich erstmals Schulrankings die Runde gemacht. Man darf mit guten Gründen an deren Datenlage zweifeln. Sicher aber ist, dass diese Rankings – wie bereits die Pisa-Studien – den Konkurrenzkampf zwischen Kantonen, Schulen, Lehrkräften und nicht zuletzt zwischen den einzelnen Schülern weiter anheizen. Doch Köpfe sehen selten klarer, wenn sie sich noch ein bisschen schneller im Hamsterrad drehen als ohnehin schon. Der Run auf die Gymnasien hat längst hysterische Züge angenommen, doch bei nüchterner Betrachtung standen die Chancen aller Nichtgymnasiasten nie besser als heute, denn noch nie waren in unserem dualen Bildungssystem die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten ausserhalb der Gymnasien und Universitäten so vielseitig und gut. Die Qualität einer kindgerechten Schule kann sich nicht in der Quote erschöpfen, wie viele Abgänger den Sprung ans Gymnasium oder später an die ETH schaffen.
Skepsis gegenüber dem grassierenden Förderwahn und der Gymihysterie bedeutet aber mitnichten, die Eltern könnten keinen Einfluss auf den (schulischen) Werdegang ihrer Kinder nehmen. Ihre vornehmste Aufgabe ist und bleibt es, dem Kind jenes Grundgefühl der Geborgenheit zu vermitteln, das den Humus auch für einen erfolgreichen Schulweg bildet. Und es obliegt den Eltern, dem Kind möglichst vielfältige Entwicklungserfahrungen anzubieten. Doch anbieten heisst eben nicht aufdrängen. Entspricht das Angebot dem Entwicklungsstand des Kindes, dann setzt dessen Neugier von selber ein. Mit einem bisweilen absurden Förderwahn beeinträchtigen die Eltern hingegen die angeborene Lernmotivation des Kindes. Sie tun damit wohl den privaten Anbietern von Förderprogrammen und Lernstudios einen Gefallen, aber kaum ihren Kindern und letztlich auch nicht sich selber.
Zu guter Letzt: Bei allem verständlichen Willen, dem Kind einen erfolgreichen Start ins Leben zu ermöglichen, kann eine Prise Demut kaum schaden. Denn das Kind gehört nicht der Gesellschaft, nicht der Schule und auch nicht den Eltern. Es gehört nur sich selbst. Es ist nicht auf die Welt gekommen, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu jenem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Dies zu ermöglichen liegt in der Verantwortung der Eltern und der Schule.
Neues Buch zum Thema
Am 27. Februar erscheint von Remo H. Largo und Martin Beglinger das Buch «Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen» (Piper-Verlag), das sich ausführlich mit Schulfragen und kindlicher Entwicklung beschäftigt.
* Alle abgebildeten Kinder und Lehrpersonen sind aus Glarus. Sämtliche Zitate der Schüler sind Antworten auf die Frage, was für eine Schule sie sich wünschen.

«In meiner perfekten Schule ändert sich dies: Alle sind lieb und stressfrei. Es gäbe keine Streite mehr, und alle hören dem Lehrer zu. Dann wären sogar die Lehrer glücklich.» — Jascha, 12 | Véronique Hoegger

«Der Lehrer gibt nur einmal pro Woche Schule. Die andere Zeit muss man selbstständig Blätter lösen, die der Lehrer anfangs Woche austeilt. Der eine Tag, an dem der Lehrer Schule gibt, ist für Fragen reserviert. Und man muss Schuluniformen tragen, am besten japanische mit ganz kurzen Röcken.» — Gina, 12 | Véronique Hoegger

«In meiner Traumschule hätte ich auch noch gerne einen Fussballplatz, eine Kletterwand, einen Unterstand und einen Ort, wo man alles kaputt machen kann. Dort müsste man hin, wenn man wütend ist. Am liebsten hätte ich, wenn alle lieb zueinander sind und niemand Sachen klaut.» — Basil, 12 | Véronique Hoegger

«Ich hätte gerne, wenn wir noch mehr Tiere aufzüchten und zuschauen, wie sie sich verwandeln und entwickeln. Wenn man auf ein Fach überhaupt keine Lust mehr hat, dann darf man aufhören. Gut wäre auch, wenn die Pausen länger wären und es keine Schlägereien mehr gäbe.» — Eva-Maria, 12 | Véronique Hoegger

«Meine Traumschule wäre gar keine Schule. Aber wenn ich schon etwas dazu sagen muss, dann wünsche ich mir, dass man nie bestraft wird, wenn man jemanden verprügelt oder einen schlimmen Seich macht. Und ich möchte auch, dass man die ganze Zeit in einem Heim bleibt und nur am Wochenende nach Hause und die Familie besuchen kann. Und dass man nie beleidigt wird, wenn man neu in die Schule kommt.» — Turcel, 12 | Véronique Hoegger

Beziehung kommt vor Erziehung: Lehrkräfte Neva, Gabriel, Beatrice, Thomas, Nina (v.l.) «Ich träume von einer Schule, in der Lernen den Kindern Spass macht, da sie nicht nur auswendig lernen, sondern sich aktiv und engagiert mit einem Problem auseinandersetzen, nach draussen in die reale Welt gehen und vor Ort neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln können. Die Lehrer, Kinder und Eltern können voll und ganz hinter ihrer Schule stehen und sind stolz darauf, weil dort mit Freude gelernt und gelehrt wird.» — Neva, 25 «In meiner Traumschule werden individuelle Förderung und Gemeinschaftsbildung ernst genommen. Unterricht mit zwei Lehrpersonen gehört zum Schulalltag und ist je nach Klassensituation ausbaubar. Gute Rahmenbedingungen helfen mit, alle gesund und einsatzfähig zu halten. Der Teamarbeit und der Weiterbildung werden während der Arbeitszeit genügend Raum gegeben.» — Gabriel, 57 «In der idealen Schule können wir die Kinder dort abholen, wo sie sind und wir sie weder über- noch unterfordern müssen, um den Lehrplan einzuhalten. Es gibt mehr Ausgewogenheit zwischen kopflastigen und musischen Fächern, und es sind immer zwei Lehrpersonen gleichzeitig im Schulzimmer.» — Beatrice, 38 «In meiner Traumschule hätten die Kinder weniger Zeitdruck, um den Stoff zu erlernen. Erst wenn sie dazu bereit wären, müssten sie zum nächsten Thema oder gar in die nächste Klasse wechseln.» — Thomas, 25 «Meine Traumschule ist ein kleines, familiäres Schulhaus, welches fantasievoll gestaltet ist. Ich wünschte mir jeden Tag eine Sportlektion, in welcher sich Schüler und Schülerinnen austoben können. Im Lehrerteam werden Erfahrungen ausgetauscht, und man arbeitet eng zusammen.» — Nina, 23
Habe mich sehr über diesen sachlichen Artikel gefreut! würde mich freuen, ich könnte ein solches öffentliches!! Schulsysthem mal noch erleben!
vorneweg. ich bin sekundarlehrer. seit 1998. aber nicht permanent am schule geben seit da. viele unterbrüche. und vor allem als sekundarlehrerstellvertreter unterwegs.
fantastisch dieser artikel. ein grosses lob – ein grosses bravo. standing ovation, was ich selten bis nie mache – hier stehe ich auf und applaudiere minutenlang.
dennoch möchte ich gegen die ersten beiden sätze “Alle reden von der Schule. Alle wollen mehr und bessere Bildung.” argumentieren. Wenn ich auf die Strasse hinaus gehe oder in die Medien schaue – die letzten paar Jahre, bekomme ich nicht den Eindruck, dass “alle von der Schule reden”. Alle reden von der Wirtschaft. Alle reden von der Politik. Manchmal reden bestimmte Leute von der Schule. Nicht mal Lehrer “reden von der Schule” – weil sie schlicht keine Zeit haben.
Ich wünsche mir längst eine offene Diskussion. Ich träume längst von Podiumsdiskussionen in Schulen, mit Eltern, mit Politikerinnen und Politikern. Was ist mit wie viel Geld machbar. Welche personellen Ressourcen braucht die Schule, die sie scheinbar alle wünschen?
Und, meine Damen und Herren, wer schaut der Lehrerausbildung genau auf die Finger? Wer schaut den Lehrmittelmachern genau auf die Finger?
Ist es nicht so, dass sich “die Gesellschaft” teilweise um die Schule foutiert (schreibt man das so?)?
Und – wie wird denn überhaupt so eine gesellschaftliche Diskussion über Schule organisiert? So? Über die Medien? Wer sind denn eigentlich die Entscheidungsträger, die über das System “Schule” entscheidet? Und wer sagt realistischerweise auch mal, was überhaupt mit den zu Verfügung stehenden Mitteln machbar ist?
So – ich möchte nochmal betonen, dass der Inhalt des Artikels mir aus dem Herz spricht. Überübermorgen, also am nächste Montag, stehe ich wieder vor zwei 3. Sek-A-Klassen. Ich hätte Lust, diesen Artikel vorzulesen und die Schule neu zu erfinden – zusammen mit den Schülerinnen und Schülern.
Herzliche Grüsse, Urs Bachmann (urs_bachmann@hotmail.com)
PS: Wenn wir schon am wünschen sind… Ich wünsche mir, nicht mehr allein mit einer Klasse von 24 Jugendlichen arbeiten zu müssen – sondern zu zweit. Wäre das finanziell machbar? Meine Wunschliste ist natürlich noch länger… Ich wünsche mir ein besseres Französischlehrmittel, ein besseres Deutschlehrmittel, ich wünsche mir pro zwei Schüler einen Laptop. Ich wünsche mir ein grösseres Klassenzimmer mit zwei bis drei Gruppenräumen. Ich wünsche mir, dass jedes Schulhaus eine Art Ausstellungshalle (museumsähnlich) besitzt, ich wünsche mir pro Jahrgang im Schulhaus eine Mediothek, ich wünsche mir ein “TV-, Radiostudio”, ich wünsche mir einen festangestellten Informatiker/Mediamatiker, ich wünsche mir eine institutionalisierter Weiterbildung, ich wünsche mir einen engeren Austausch mit der wissenschaftlichen Pädagogik, ich wünsche mir vereinfachte Klassenaustausch- oder Kontaktprogramme (insbesondere mit der Romandie) und ja, ich wünsche mir ein modernes Geschichtslehrmittel, und ja, ich wünsche mir mehr Austausch unter den Lehrpersonen, und einen “Knowledgemanager” wünsch ich mir auch noch. Schulsozialarbeit ist ganz wichtig, Schulpsychologie auch, Integrationsfachkräfte und “Heilpädagoginnen und -pädagogen” auch – sie werden anscheinend in Kanada “facilitator” genannt…
Zitat Urs Bachmann: “Ich wünsche mir längst eine offene Diskussion. Ich träume längst von Podiumsdiskussionen in Schulen, mit Eltern, mit Politikerinnen und Politikern.”
Genau diese Diskussion wird geführt werden:
Ab dem 1. März wird das Online-Diskussionsforum auf der Website “www.kindgerechte-schule.ch” eröffnet. Darin werden nebst weiteren auch Thesen von Remo Largo zur Diskussion gestellt.
Habe den ganzen Artikel gelesen. Er zeugt von grosser Sachkenntnis.Das so genannte Modell Hamus des Kt.Solothurn zeigt deutlich, wie viel ein Politiker von Schule versteht. Da wird mit einem grossen Hammer versucht, die Allgemeinheit davon zu überzeugen. Das nennt man Knechtschaft. Früher jagte man solche Vögte zum Land hinaus. Heute werden sie mit Steuergelder am Leben erhalten! Sie wisse überhaupt nicht, von wem sie ihre feudale Zeche erhalten.
Dieser Artikel hat mich berührt. Dieses Gedankengut hat aus meiner Sicht einen grossen ethischen Wert und solch hohe Ansprüche an eine Schule braucht unsere Gesellschaft. In meinem Beruf als Ergotherapeutin, welche mit Kindern arbeitet, bin ich im Austausch mit Fachpersonen aus Schule/Kindergarten.Dabei stosse ich ab und zu auf sture, unflexible Lehrkräfte. Meistens jedoch lerne ich engagierte, warmherzige Menschen kennen, welche wohlwollend nach individuellen Lösungen suchen. Die Porträts der vier Lehrer und Lehrerinnen, die ihm Artikel gezeigt werden, bestätigen mir diesen Eindruck und repräsentieren sicher einen grösseren Teil der Lehrerschaft.
Deshalb ist es mir wichtig, zwischen dem Apparat Schule und den Menschen, die dahinter stehen, zu unterscheiden.
Marina Baumeler
Lieber Herr Bachmann
Eins vorneweg: Ich bin mir sehr bewusst, dass die Lehrerinnen und Lehrere heute grosse Herausforderungen zu meistern haben, und sie haben dafür meine Hochachtung.
Die von Ihnen gewünschte Diskussion ist sicher sehr wichtig, und früher oder später wird sie sicher kommen (und wird dann hoffentlich nicht von einzelnen politischen Parteien dominiert sein).
Eher stutzig wurde ich aber bei Ihrer Wunschliste. Ich bin in eine Steiner-Schule gegangen, wo wir zeitweise bis zu 29 Schülern in einer Klasse waren, mit einer einzigen Lehrperson. Das ist gut gegangen, und wir hatten auch weder festangestellte Informatiker noch Schulsozialarbeiter und -Psychologen noch Radiostudio oder Mediathek. In vielen Schulhäusern, die ich gesehen habe, würden kahle Gänge viel Platz für Ausstellungen bieten, und auch auf engem Raum kann man mit etwas Phantasie problemlos Gruppenarbeiten durchführen (und fördert damit nebenbei auch gleich das Zusammengehörigkeitsgefühl und gegenseitige Rücksichtnahme).
Ist ein immer weiterer Ausbau der von Ihnen gewünschten Punkte wirklich die Lösung (und finanzierbar)? Wäre es nicht viel wichtiger, eine grundlegende Atmosphäre zu schaffen, welche die bestehenden Probleme gar nicht erst entstehen lässt?
Der Artikel enthält viele bedenkenswerte Ansätze. Ich wende mich jedoch entschieden gegen einen so umfassenden Erziehungsauftrag der Schule, wie er hier anscheinend gefordert wird. Es kann nicht Aufgabe der Schule sein, den Kindern – überspitzt gesagt – beizubringen, dass andere Leute es nicht mögen, wenn man sie würgt oder ihre Buntstifte zerbricht. Das ist zuallererst die Aufgabe der Eltern und in zweiter Linie die des Kindergartens oder anderer vorschulischer Betreuungsformen, nicht aber die der Schule, die damit massiv überfordert wäre und ist.
Zum Zusammenhang zwischen dem Schulsystem und der sogenannten Bildungsgerechtigkeit empfehle ich als Lektüre PISA-E, die nach Bundesländern aufgeschlüsselten Ergebnisse der PISA-Studien in Deutschland. Es ist nicht alles Gesamtschule, was glänzt.
„Der Run auf die Gymnasien hat längst hysterische Züge angenommen.“
Zu denken sollte es doch geben, dass in den meisten Ländern der Zulauf zu den Gymnasien zugenommen hat. Läuft also in fast ganz Europa etwas falsch? Für mich zeugt das von mangelnder Selbstkritik.
Die Anforderungen an die Schule haben sich geändert, sie ist zwangsläufig weniger praxisorientiert geworden, so wie auch das Arbeitsleben sich verändert hat. Ob einem das nun passt oder nicht, ignorieren kann man es nicht.
Die Kritik an der Wirtschaftsorientierung ist nachvollziehbar, aber dennoch weltfremd. Gegen Lehrbetriebe und Arbeitgeber kann man keine Schule machen. Wer sollte auch die Verantwortung übernehmen, wenn Schulabsolventen keine Arbeit finden. Letztlich müssen die Schüler die Folgen tragen, also sollen sie auch selber über ihren Weg bestimmen können.
Vielen Dank für diesen hervorragenden Artikel. Einige der wichtigsten Punkte können nicht genug betont werden: Der Text ist nicht nur aus Sicht des Kindes, sondern auch aus Sicht der Wissenschaft geschrieben. Ein Schule wie die hier beschriebene bringt nicht nur bessere Leistungen (das zeigt Finnland); sie fördert auch die Gesundheit der Kinder und der Lehrkräfte – und das ist dringend nötig, wenn man die Zahlen zu Medikamentenmissbrauch durch Schüler und Schülerinnen sowie zu Burnout bei den Lehrkräften anschaut.
Wer (gerade in der Politik) weiter für ein “herkömmliches” auf frühe Selektion, auf Fachunterricht, auf unzureichende Beziehungsqualität, auf Notendruck, auf Konkurrenz statt Kooperation ausgerichtetes Schulsystem ‘alter Schule’ einsteht, der nimmt Leistungseinbussen und schulbedingte Krankheit in Kauf. Er wendet sich damit nicht gegen ‘Kuschelpädagogik’^, sondern gegen ‘effiziente Schule’ und verschleudert damit zentrale persönliche, kulturelle und nicht zuletzt ökonomische Ressourcen. Das können wir uns – nicht erst seit der Finanzkrise – schlicht nicht leisten.
Martin Hafen, Präventionssoziologe
Der Artikel ist grossartig.
Leider ist die Veranstaltung vom 3.März bereits ausverkauft. Gibt es ev. bereits neue Daten?
Interessanter Artikel. Akademisch auf hohem Niveau geschrieben. Etwas wird leider bewusst oder unbewusst ausgeklammert. Ich erinnere mich an eine vor längerer Zeit geführte Diskussion im Schweizer Fernsehen unter dem Titel “Schule in der Krise!”
Es diskutierten an vorderster Front:
Cécile Bühlmann, Expertin für Integrationsfragen, ehem. Nationalrätin Grüne/LU
Thomas Kessler, Integrationsbeauftragter BS
Beat Zemp, Dachverband Schweizer Lehrer/Innen
Gerhard Pfister, Präsident Verband Schweiz. Privatschulen, Nationalrat CVP/ZG
Mit mehr oder weniger guter Rethorik werden Probleme wie: Gewalt rund um die Schule und fehlende Disziplin im Klassenzimmer vorgetragen. Man war ist sich einig, auch die Eltern, die ihre Erziehungsverantwortung nicht wahrnehmen, müssen in die Pflicht genommen werden. Obwohl der hohe Ausländeranteil in gewissen Schulkreisen und dementsprechend auch in den Schulklassen als Problem erkannt wird, hütet man sich tunlichst, die nicht wegzudiskutierenden Probleme mit Migrationsfamilien in den Mittelpunkt zu stellen. Es ist ein zu heißes Eisen. Und man will nicht in die Ecke der polemisierenden SVP gestellt werden. Rührend auch das Statement von Gerhard Fischer: „Die Privatschulen kennen in Etwa die gleichen Probleme wie die Volkschule!“.Da habe ich meine leichten Zweifel. Kinder von Migrationsfamilien in den nicht ganz billigen Privatschulen??
Und das mit den Eltern in die Pflicht nehmen, ist auch mit kleineren Problemen verbunden. Man ist sich zwar einig, an Elternabenden sollten Lehrkräfte über die Hausordnungen der Schule, korrektes Verhalten dem Lehrpersonal gegenüber und den Lehrplänen mit vorgeschriebenen Zielen inkl. Sportunterricht, Schulreisen und Schullager informieren und diskutieren. Wenn eine Lehrkraft trotz Unterstützung von übergeordneten Schreibtischtätern, die von der Frontarbeit keine Ahnung haben und entsprechender Schulung das nicht schafft, ist sie überfordert und nicht belastbar. Überfordert und nicht belastbar?? Ich hege auch da so meine leichten Zweifel.
Nehmen wir mal an, 75% der Kinder (das ist in vielen Schulkreisen keine Utopie!) in einer Klasse stammen aus Migrationsfamilien mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Das erste Problem ist, die Eltern überhaupt an einen Elternabend zu bringen. Nicht zu unterschätzen, viele dieser Eltern sind sich schon wegen ihrer Nationalität (und) oder Religion Spinnefeind. Das ist das zweite Problem. Dann kommt das Sprachenproblem. Da haben wie schon das dritte Problem. Nebst den Eltern sitzen jetzt noch 5, 10 oder mehr Dolmetscher im Raum. In der Regel sind schon zweisprachige Diskussionen mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Das vierte Problem: Sind sich die Eltern bewusst, dass man von ihnen und ihren Kindern verlangt, dass sie sich unseren Gepflogenheiten anpassen? Und das ohne wenn und aber!
Wenn ich so an unsere Elternabende zurückdenke, an denen auch Eltern aus der Romandie teilnahmen, die aber Deutsch schon gut beherrschten und an die z.T während zwei bis drei Stunden emotional geführten Diskussionen über die Stoffvermittlung, Sportunterricht, Musikunterricht, Schullager, Dispensen, Kosten etc. — oh la, la! Das Lehrpersonal brauchte gute Nerven. Aber verglichen mit den oben beschriebenen heutigen Problemen, waren diese Elternabende für das Lehrpersonal lockere und erholsame Stunden.
PS
Ich bin weder Sympathisant noch Mitglied der SVP — aber ein kritischer Bürger, der zwischen blauäugigem Wunschdenken und schönen Worten und der leider manchmal brutalen Realität im Schulalltag unterscheiden kann.
Seit einigen Jahren verfolge ich als Nachhilfelehrer und Schülercoach die Entwicklung an “unserer” Volksschule und zwar in verschiedenen Gemeinden und quer durch alle Schulstufen. Die Anfragen von Eltern, ob wir noch freie Kapazität hätten, sind zahlreich. Nicht, dass dies Eltern aus privilegierten Schichten wären, nicht dass die Eltern keine Zeit für ihre Sprösslinge hätten. Der Grund ist die mangelnde Qualität unserer Schule. Den Frontalangriff von Remo H. Largo und Martin Beglinger etwa auf den Frühenglischunterricht kann ich blanco unterschreiben! Leider sehe ich gravierende Mängel nicht nur dort, sondern auf breiter Front in allen Fächern. Gähnende Leere starrt mich an beim Durchblättern von Französisch-Übungsheften, kaum ein Mathe- oder Geometrieheft ist von der Lehrperson korrigiert, Aufsätze in Deutsch werden infolge der riesigen Klassen und dem enormen Zeitaufwand beim Korrigieren gar nicht mehr geschrieben. Ist das die Schule, die unseren Kindern zus teht? Ist das die “gute Schule”, die wir alle wollen? (Die Pisa-Studie brachte es ja ans Licht). Wie soll bei Klassengrössen von 27 – 31 Schülern individuelle Förderung noch möglich sein? Wie soll es einer Lehrperson bei dem enormen Stoffdruck noch gelingen, die Kinder dort abzuholen, wo sie stehen? Wie Largo schreibt, ist primär einmal die Beziehung wichtig und dann kommen die Leistungen von selbst. Nicht selten entlasse ich Schülerinnen und Schüler nach wenigen Monaten Begleitung gestärkt mit gutem Selbstwertgefühl und Glanzleistungen. Doch dies – behaupte ich – ist nur dann möglich, wenn man sich genügend Zeit nimmt, den Kindern ein Ohr schenkt, sie ernst nimmt, mit ihnen eins zu eins arbeitet…, eben die Schule vom Kind und nicht von der Wirtschaft, den Bildungstheoretikern und den wohlmeinenden Erwachsenen her denkt.
Es wäre zu wünschen, dass dieser hervorragende Artikel nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht wird, insbesondere von Schreibtisch-Bildungsbürokraten. Allerdings könnte man das alles bei den klassischen und modernen Reformpädagogen, allen voran Hartmut von Hentig, auch lesen, von dem, wohl unbewusst, sogar ein Buchtitel zitiert wird: Schule neu denken. Leider sind aber die Autoren am einzigen inhaltlichen Beispiel in ihrem Plädoyer für kindgerechte Schulen meiner Ansicht nach gestrauchelt, nämlich wenn sie den Satz von Pythagoras als „Fachidiotie“ gegenüber dem Umgang mit virtuellen Räumen am PC als „Ganzheitliches Lernen“ disqualifizieren. Dieses soll räumliches Vorstellen fördern? Aber die Kids sitzen ja eh schon genügend lange vor Bildschirmen und entwöhnen sich dabei der dritten Dimension, so dass es einige nicht mehr schaffen, ein paar Schritte rückwärts zu gehen. Der Raum erschliesst sich durch Tun, durch Tasten und Bewegung, und nicht am flachen Bildschirm. Und was den Satz von Pythagoras betrifft, eignet sich dieser wie kaum ein anderes Exempel, den Bildungsgehalt von Mathematik erfahrbar zu machen. Natürlich ist Aquadrat = Bquadrat + Cquadrat banal. Aber ermöglicht man es Jugendlichen, diesen berühmten Satz in aller Ruhe, Musse und Gründlichkeit – allenfalls mit Unterstützung im Sinne von individuellem Unterricht – selber zu beweisen, so können diese dabei entdecken, dass es eine Art Wahrheit gibt, die ohne Rest verstehbar und sogar kommunizierbar ist. Computerfertigkeiten sind wie kaum etwas sonst instrumentalisierbar, Verstehen dagegen gehört allein dem Kinde. Welcher andere Lerninhalt liefert sonst so etwas? Und wem Bildung nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, muss diese pädagogische Dimension der Mathematik nicht weiter erklärt werden.
Ah, endlich! Nach dem Artikel im Januar 2008 blieb bei aller Zustimmung die Frage: Wie soll denn nun aber die kindgerechte Schule aussehen? So stürzte ich mich förmlich auf Ihren neuen Artikel, las ihn interessiert und stutzte: Wo soll denn nun da die Schule vom Kind her gedacht sein? Wieder verliert sich der Artikel in Allgemeinem, in Rufen nach Individualisierung und Abschaffung der Noten. Alles richtige Anliegen. Nur, wo ist auch nur ein konkreter Punkt, wo man sieht, wie die Schule vom Kind her gedacht wird? Vielleicht in den Äusserungen der Kinder? Aber nein: Da hat die Redaktion wohl auch einfach die lustigsten, absurdesten herausgepickt. Konkretes zum Schulalltag: Tiere, Uniform, lieb sein miteinander. Konkretes zum kindgerechten Lernen? Nichts! Schreiben Sie wirklich noch einen Artikel über eine Schule, die vom Kind her gedacht ist. Fangen Sie an bei den Bedürfnissen der Kinder. Wie soll denn nun der Schulalltag aussehen, wie die Schulhäuser, die dem hohen motorischen Bedürfnis der Kinder gerecht wird. Wie soll denn nun eine Schulstunde geplant werden, die jedes Kind mit seiner natürlichen Neugierde genau da abholt wo es bei der grossen Diversität in einer Klasse gerade steht?
Ich freue mich wieder von Ihnen zu lesen.
Danke für diesen Artikel. Ich hoffe, Sie bleiben dran …
Das Rad muss allerdings nicht neu erfunden werden – VordenkerInnen im pädagogischen Feld gibts zuhauf und das Thema ist viel zu wichtig, um nur als Verkaufskanal bestimmter Autoren zu dienen. Ich fände es nun interessant mehr über konkrete Erfahrungen alternativer Unterrichtsformen zu lesen, welche die aufgeworfenen Fragen und Lösungsansätze im (Schul)Alltag bereits umsetzen oder umsetzten. Mehr über den finnischen Ansatz oder Rebeca und Mauricio Wild’s Schulmodell in Equador.
Ihr Denkansatz, die Schulausbildung konsequent an den Bedürfnissen der Kinder zu orientieren ist richtig und lobenswert. Ganz besonders beeindruckte mich der letzte Abschnitt Ihres Essays: Das Kind ist nicht auf die Welt gekommen, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu jenem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Es hätte wahrscheinlich den Rahmen Ihres Artikels gesprengt, der Bedeutung der Rolle der Lehrperson speziellen Ausdruck zu verleihen. Trotzdem wage ich die Behauptung, dass alle wohl klingenden Theorien über sinnvolle Erziehung und ganzheitlichen Unterricht in der Praxis stehen oder fallen mit der Persönlichkeit der Lehrperson. Alle die grossen an sie gestellten Anforderungen in Bezug auf Charakter, Bildung, Einfühlungsvermögen, Begeisterungsfähigkeit und Zuwendungsvermögen grenzen schon im Ansatz an schiere Überforderung. Wollte man die von Ihnen propagierte ideale Schule verwirklichen, müsste der Lehrerbildung eine überragende Bedeutung zukommen. Es sei deshalb die Bemerkung erlaubt: Auch Lehrpersonen sind nicht dazu da, nach den Geigen der Schultheoretiker zu tanzen. Sie können nur überzeugend vertreten, was in ihnen selbst lebendige Form gefunden hat. Lehrerinnen und Lehrer, die beherzt in der Schule stehen, benötigen ganz speziell im heutigen Umfeld alle denkbare Unterstützung und Wertschätzung der zuständigen Behörden und der Öffentlichkeit.
Elern und Gesetzgeber handelten geradezu fahrlässig, würden sie einer Schule vertrauen, die auf der momentanen Gemütslage der Kinder beruhen würde. Einverstanden: Eine gute persönliche Beziehung ist die Grundlage aller Erziehung. Um diesen Anspruch bei einer Ganztagesbetreuung und Individualisierung (= pro Klasse 20 verschiedene Lernprogramme!) einzulösen, brauchte es ein Vielfaches von Lehrkräften. Dies scheint zwar voll im Trend zu liegen, denn solche Fachkräfte braucht es offenbar flächendeckend schon ab den ersten Lebensjahren.Doch wer bezahlt eigentlich all diesen zusätzlichen staatlichen Funktionären den Lohn? Und was geschieht nach 9 Schuljahren ohne verbindliche Leistungsstandards für alle? Aus der Traum. In der brutalen Realität des Lebens haben längst Leistungstests mit schweizweiter Geltung (Basiccheck, Multicheck) die oft diffusen Qualifikationen der Schulen ad absurdum geführt. Weiterführende Schulen werden weiterhin und zu Recht Aufnahmeprüfungen durchführen, die sich auf genau umschriebene Vorkenntnisse abstützen. Meine Erfahrung als Sekundarlehrer zeigt, dass die Förderung im Klassenverband einer klar definierten Leistungsstufe die besten Resultate bringt, und dies im Hinblick auf menschliche wie berufliche Ziele.
Ich arbeite erst seit 2 Jahren als DaZ-Kindergärtnerin, aber kann allen Lehrpersonen, Eltern und Kindern nachfühlen, was Schule „heute“ bzw. was Schule „damals“ bedeutete. Der Artikel spricht das Kernthema „Bedürfnisse der Kinder“ an, welche heute immer weniger im ganzen Schulwesen berücksichtig werden. Die Schule richtet sich mehr und mehr an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wünschen. Die Kinder werden oft nur als „Fertigprodukte“ zurecht geformt und weitergeben. Der Artikel spricht vielen aus dem Bauch heraus!
Mit den meisten Thesen der Autoren bin ich weitgehend einverstanden.
Vermisst habe ich den Hinweis, dass es die von ihnen entworfene Schule m. E. bereits gibt: Seit über einem halben Jahrhundert werden an den Rudolf Steiner – Schulen Kinder (so hab ich es als Schulvater erlebt) gemäss den skizzierten Grundsätzen unterrichtet.
Ein Wermutstropfen ist die despektierliche Bemerkung zu Pythagoras. Es gibt nur einen(!) Satz von Pythagoras. Er wird üblicherweise erst auf der Sekundarstufe thematisiert. Und offensichtlich ist es den seinerzeitigen Mathematiklehrern nicht gelungen, die Autoren von der geistesgeschichtlich einmaligen Dimension dieses unverzichtbaren Satzes zu überzeugen. In der Kürze überspitzt formuliert: Sein Beweis ist eines der Standbeine der abendländischen Kultur. Es scheint mir “unmöglich”, ihn gegen PC-Kenntnisse auszuspielen!
Sensationell und wohltuend: Hier wird offen und ehrlich schon in der Einleitung Klartext gesprochen. Mit diesem Frühenglisch in der Unterstufe lernen die Kinder mitnichten Englisch. Das Ganze ist nur, vom Magazin treffend formuliert, eine „ineffiziente bildungspolitische Beruhigungspille“. Die Lehrerschaft hat zwar in den Diskussionen um die entsprechenden Abstimmungen eindringlich davor gewarnt, aber auch das stimmt: die Politiker und Wirtschaftsvertreter führten das grosse Wort und wussten alles besser. Inzwischen trat das Fiasko klar zutage – und die Protagonisten von damals möchten am liebsten klammheimlich durch die Hintertüre, wo aus andern aktuellen Anlässen ohnehin schon ein Gedränge herrscht. verschwinden. Und um sich auszumalen, wie es dann erst noch um das zusätzlich obendrauf gepackte Französisch ab der 5. Klasse steht, braucht es wenig Phantasie.
So etwas Gehaltvolles, Konstruktives und Inspirierendes habe ich schon lange nicht mehr gelesen! Wie schön wäre es, wenn sich die Schule nach den Idealen ausrichten und diese zu leben versuchen würde, ganz im Gegensatz zu heute, wo die Schule nur aus Kummer und Sorgen zu bestehen scheint. Das wäre eine Renaissance der Schule, ganz im Sinne von Heinrich Pestalozzi. Setzen wir uns alle, jeder an seinem Platz, dafür ein, die Schule in diese Richtung zu entwickeln, dann wird sie sich auch verwirklichen.
An den Ausführungen Largos und Beglingers zur guten Schule gibt es gewiss wenig auszusetzen. Wer wollte nicht sofort unterschreiben, dass Lehren und Lernen nur in einer guten Beziehung gedeihen? Und trotzdem: Woran mag es liegen, dass ich mit dem Gesagten nicht so recht warm werde? Vielleicht, weil ich mir nicht wirklich vorstellen kann, was die Lehrerin denn genau macht, nachdem sie am Morgen vor ihre 25 Schüler getreten ist mit der Absicht: «Heute hole ich euch dort ab, wo ihr steht.» Macht sich da bei mir ein antimessianischer Reflex bemerkbar? Wir Lehrer sollten die Kluft zwischen unserem Tagesgeschäft und den Worten, die wir dafür verwenden, nicht allzu gross werden lassen, wenn wir uns die Freude an der Arbeit erhalten wollen.
Eine ganze Fülle von interessanten Denkanstössen wird hier der Leserschaft präsentiert. Wieder ist auch vom individuellen Unterricht die Rede, und wieder, scheint mir, stellt man an die Lehrkräfte Forderungen, die sie nie erfüllen können. Um völlig auf das einzelne Kind eingehen zu können, bräuchte es Privat- und nicht Volksschullehrer. Auch in Sachen Integration wäre deshalb weniger mehr, denn viel schöne Theorie ist in der Praxis kaum umsetzbar. Und ob Kompetenzraster oder Noten – ja, das Misstrauen von Lehrmeistern und anschliessenden Schulen ist gross. Man führt eigene Tests oder Prüfungen durch, denn irgendeinmal kommt der Moment, wo alle Stellenbewerber im Beruf die gleichen, messbaren Leistungen erbringen müssen und man die Leute nicht mehr individuell behandeln kann. Schon jeder Wagenführer beim Tram beispielsweise muss sich an ein normiertes Pflichtenheft halten und kann nicht herumgondeln, wie es seinem Wesen am besten entspricht.
Mit grossem Interesse und Genugtuung habe ich den Bericht über die Schule der Zukunft gelesen. Es wird aufgezeigt, dass sich die Schule am einzelnen Kind orientieren muss, dass man nicht jedes Kind über dieselbe Leiste schlagen kann, sprich alle Kinder mit der selben Prüfung testen kann, sondern dass jedes Kind dort arbeitet, wo es steht. Das tönt für viele wohl unmöglich und unrealistisch und die aktuellen Anstrengungen von Politikern, Schulleitungen und anderen Verantwortlichen Personen laufen genau in die andere Richtung. Aber es gibt diese Schulen. Überall in der Schweiz gibt es Menschen, die nicht warten wollen, bis dieses seit Jahren bekannte Wissen in vielleicht 40 Jahren in die Tat umgesetzt wird. Mit viel Engagement, Kraft, Ideologie und absolut ohne einen Franken Steuergelder (!!!) werden solche Schulen, wie Remo Largo sie propagiert, bereits umgesetzt. Spannend wäre es, wenn sie in einem der nächsten Magazine solche Schulen vorstellen können. Wir selber betreiben eine solche kleine Schule, die LernStatt in Gerlafingen und ich kenne daneben noch eine Handvoll anderer solch innovativer Schulen wie z.B. die Impuls Schule in Schindellegi, die Tagesschule Sesam in Düdingen, die Primaria in St. Gallen, die Arco Schule in Wohlen, die freie Volksschule in Biberist, aber es gibt in der ganzen Schweiz mindestens ein paar Dutzend andere von Beispielen.
Ist uns das Wohlergehen unserer Kinder wirklich wichtig? Was sind wir (auch als Eltern) bereit zu investieren? Haben wir den Mut, uns auf etwas Neues einzulassen oder bleiben wir beim Alten? Schauen zu wie die Kinder schubladisiert werden und leiden? Bemänteln diese Misere mit Sätzen wie etwa: da musste ich auch durch, es hat mir nicht geschadet.” Es ist unglaublich, dass in unserer sogenannten modernen Welt die Kinder immer noch nach alter Sitte unterrichtet werden – Druck, Leistung und Strafe. Es ist nicht unglaublich, dass immer mehr Lehrpersonen sich von diesem System abwenden. Es ist unglaublich, dass in unserer reichen Schweiz Privatschulen keine Unterstützung von Staat/Kantonen/Gemeinden erhalten. Es ist unglaublich, dass eine Abstimmung über freie Schulwahl nicht angenommen wird (Basel). Es ist unglaublich, wie wenig Kindergeld man in der Schweiz erhält. ES IST UNGLAUBLICH, WIE WENIG WERT UNS UNSERE KINDER SIND. UND UNSERE BANKEN?
Es ist vorallem an der Zeit, das Land von diesen Pädagogen zu befreien, die die Schulen mit Methodik und Didaktik überschwemmen bis wir ertrinken. Wahrscheinlich aus vorwiegend volkswirtschaftlichen Gründen wird das gefördert und getätschelt. Der Beruf des Lehrers ausserdem ist hart und viel zu wenig anerkannt, so viel steht fest. Das heisst aber nicht, dass man an den pädagogischen Hochschulen diesen Menschen lauter Pseudo-Wissenschaft eintrichtern muss, damit sie diese an den Kindern wieder ablassen.
Dass es wichtiger sei, den Umgang mit virtuellen Räumen am PC zu lernen, als den Satz des Pythagoras zu begreifen ist nicht wahr. Gerade heute, in einer auf rasante Weise digitalisierten Welt ist es wichtig, dass die Schüler auch einmal etwas begreifen
müssen, was eben nicht digital und farbig daherkommt und das zu erfassen einen gewissen, womöglich unbequemen Aufwand mit sich bringt oder einfach einen Moment des “geduldigen Nachdenkens”. Hier liegt es dann tatsächlich an den “didaktischen und methodischen Fähigkeiten” einer Lehrkraft, solche Dinge gewinnbringend zu vermitteln. Mathematik und allgemein naturwissenschaftliche Fächer sollten unbedingt einen höheren Stellenwert in unserem Bildungssystem bekommen, weil sie eben nicht bloss Althergebrachtes eintrichtern, sondern effektiv das konstruktive Denken fördern. Durch das Internet haben wir ungeahnte Möglichkeiten, schnell zu Wissen über alle möglichen Themen zu kommen. Es ist nicht mehr nötig, alle Staaten des afrikanischen Kontinents auswendig zu lernen, so wie ich das früher musste. Hingegen ist es mehr und mehr angebracht, Kindern von den komplexeren, auf den ersten Blick verborgeneren Zusammenhängen in der Welt zu erzählen und sie dafür zu begeistern, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. Das heisst ja nicht, man wolle eine Gesellschaft von Forschern oder Akademikern, sondern es fördert das Interesse und prägt die Persönlichkeit auf ganz enorm positive Weise. Und man kann auch getrost früh damit anfangen. Genau diese Zusammenhänge sind es nämlich, die die moderne Informationsgesellschaft uns grad nicht unter die Nase reibt und die einen erst lehren, seinen Standpunkt und den eines anderen in der Welt zu erfassen, Wichtig und Unwichtig trennen zu können, sich in dieser Flut von Informationen selbst zu finden.
Ähnlich ist es mit dem Frühenglisch: Die Kinder lernen mit der Zeit von selbst Englisch zu verstehen und zu sprechen, allein dadurch dass sie fernsehen und Musik hören. Ein wenig Grammatik vermittelt und zielgerichtet trainiert ist ideal.
Dabei reicht es völlig aus, drei Jahre ab der siebten Klasse Englisch zu unterrichten. Englisch ist eine einfache, omnipräsente Sprache und Frühenglisch ist verschwendete Energie.
Wenn in den Schulen wirklich keine Noten mehr gegeben werden sollen, dann ist das einfach nur noch traurig. Ich weiss, dass dies vielerorts bereits der Fall ist. Lehrer klagen laut über das fast unmögliche Ausfüllen von komplizierten Beurteilungsbögen, die Auskunft über irgendwelche soziale Kompetenzen der Kinder geben sollen, die nirgends sonst auf der Welt gefragt sind und aus denen sich keiner wirklich was machen kann. Es wird sich hoffentlich noch erweisen, dass eine Note von 1 bis 6, direkt bezogen auf eine erbrachte Leistung, ein ehrliches und realitätsnahes Mittel der Beurteilung ist. Noten mit dem Argument abschaffen, die Lehrer würden sie falsch verteilen, ist als wenn der Arzt mir bei meiner letzten Angina das Bein amputiert hätte.
Einen richtig guten Ansatz fände ich es, in der Schweiz die Tagesschulen zu fördern bzw zur Normalität zu machen, denn das wirkt entlastend, nicht nur auf die Eltern. Auch Wahlfächer zur Individualisierung des Stundenplanes sind äusserst sinnvoll.
Die Schule vom Kind her denken
Die beiden Autoren verdienen grossen Dank, dass sie in der aktuellen Reformdiskussion die Hauptakteure, nämlich die Kinder, wieder ins Zentrum stellen. Dabei rufen sie zwei pädagogische Wahrheiten in Erinnerung: Bildung in der Volksschule kann nur gelingen, wenn Zeit für tragfähige Beziehungen vorhanden ist und wenn Kinder als Individuen mit sehr unterschiedlichen Anlagen respektiert werden.
Beides scheint mir heute nicht mehr selbstverständlich zu sein. Die Lehrerbildung bewegt sich in Richtung professionelle Fächergruppenlehrkraft und in der Schulpraxis kommt es vor, dass Schülerstundenpläne einem Flickenteppich aus Einzellektionen gleichen. Die Forderung der Autoren, dass es wieder mehr ganzheitlich denkende Klassenlehrkräfte braucht, die Zeit und Musse haben, sich täglich mehrere Stunden mit den Kindern auseinanderzusetzen, unterstütze ich vorbehaltlos. Wenn es mir als Lehrer gelingt, zu Jugendlichen eine kontinuierliche Beziehung aufzubauen und sie so zum Lernen zu ermutigen, stellt sich längerfristig schulischer Erfolg ein. Dies bedingt aber, dass täglich grössere Unterrichtsblöcke zur Verfügung stehen, damit ein zusammenhängender Unterricht mit verschiedenen Lernphasen gestaltet werden kann. Ein massvolles Klassenlehrprinzip kommt einer Jugend, dies sich wieder mehr nach verlässlichen Partnern sehnt, sehr entgegen. Leider scheinen dies viele Bildungsstrategen noch nicht begriffen zu haben.
Etwas heikler ist die Forderung, jedes Kind entsprechend seinen Anlagen sehr individuell zu fördern. Der Wille der Autoren, jedem Kind gerecht zu werden, ist im ganzen Beitrag auf Schritt und Tritt zu spüren und beschäftigt mich selber auch täglich im Unterricht. Nur mache ich mir keine Illusionen, dass eine Vielfalt an massgeschneiderten Lernprogrammen unsere Volksschule und die Lehrpersonen völlig überfordern würde. Ja auch aus pädagogischen Überlegungen finde ich es wichtig, dass neben individuellem Lernen täglich mehrere Unterrichtssequenzen im gemeinsamen Klassenunterricht stattfinden. Eine Generation, die teilweise das Zuhören wieder lernen muss, kann durch einen farbigen Gemeinschaftsunterricht – manchmal etwas gedankenlos als Frontalunterricht bezeichnet – viel lernen und sozial grosse Fortschritte machen.
Richtig finde ich hingegen, dass bei der Stoffauswahl auf die Ressourcen der Kinder und Jugendlichen sorgfältiger geachtet und unnötiger Ballast radikal über Bord geworfen wird. Es ist eine dringende Aufgabe der Bildungspolitik, das stofflich Elementare zu definieren und die weiteren grossartigen Lernmöglichkeiten mehr dem individualisierenden Unterricht zuzuordnen. Leider stellt der Entwurf zum Lehrplan 21 mit seiner weitgehenden stofflichen Gleichschaltung dieses Prinzip auf den Kopf. Statt eines schlanken Deutschweizer Lehrplans mit verbindlichen Eckwerten droht ein Rezeptbuch von atemraubendem Umfang.
Die Anregungen der Autoren sind es wert, eingehend diskutiert zu werden. Vieles finde ich goldrichtig, anderes ist zu praxisfern und muss erst auf die reale schulische Situation adaptiert werden. Ab 1. März besteht ja die Möglichkeit, über Ideen und Thesen der beiden Autoren im neuen Schulforum Stellung zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass eine offene Diskussion mit pädagogischem Gehalt in Gang kommen wird.
Ein insgesamt gelungener Artikel, auch wenn ich Punkt 7 nicht zustimmen kann. Kürzlich hatte ich eine Diskussion mit einer jungen Lehrerin, die gegen HarmoS eintratt mit einer ähnlichen Begründung (”Förderwahn”). Dass Kinder bereits im Alter von 4 oder 5 Jahren lesen lernen dürfen, war ihr unheimlich. ABER: Jedes 10. Kind hat einen IQ von 120 oder mehr. Diese Kinder nicht zu fördern, ist genauso schlimm, wie die schwächsten Schüler nicht zu unterstützen. Nicht im eigenen Tempo lernen zu dürfen, ist geistige “Vergewaltigung”. Die Schweiz ist stolz auf die ETH, ABER lang nicht jede/r (Hoch-)Begabte schafft es bis dorthin! Manche verlassen die Schule bereits vorzeitig (aus Lernfrust, Mobbing, mangelnde finanzielle Unterstützung durchs Elternhaus etc.). Oftmals durchleben (hoch-)begabte Kinder Schuldramen, die leider selten den Weg in die Öffentlichkeit finden. Zum Glück gibts heute etwas mehr Förderprogramme, aber auch nur in gewissen Kantonen und auch so werden nicht alle (hoch-)begabten Kinder entdeckt. Was spricht gegen obligatorische IQ-Tests zu Beginn der Primarschule?
In ländlichen Kantonen werden begabte Jugendliche immer noch (auch vom Elternhaus her) zu einer Lehre überredet, obwohl sie das Gymnasium problemlos schaffen würden. Nicht immer ist eine Lehre schlecht, doch das Risiko ist da, dass diese Jugendlichen ihr intellektuelles Potential nicht mehr entfalten. Wer einmal gearbeitet hat, hat weniger Anreiz, später wieder studieren zu gehen und harte Grundlagen zu pauken.
Dieser Artikel beschreibt die Situation gut:
http://www.nzz.ch/magazin/denkplatz_schweiz/junge_talente_gesucht_1.1185547.html
Largo und Beglinger sei Dank! Ein für unsere Gesellschaft lebenswichtiges Thema wird hier profund angepackt: DIE SCHULE! Aus einem neuen Blickwinkel, dem der Kinder.
Würde es gelingen, in der Schweiz, eine wirklich offene, freie, alle Gesichtspunkte und ALLE Beteiligten mit einbeziehende Diskussion zu führen mit den RICHTIGEN Fragestellungen: “Schule, wohin willst Du die jungen Menschen bilden? Was müssen sie können und wissen und vor allem, was für Persönlichkeiten sollen sie geworden sein, wenn sie die Schule verlassen?” “Welche Lehrerpersönlichkeiten und Vorbilder brauchen wir?” Ich schliesse die Hochschulen mit ein. Sekundarlehrer Urs Bachmann stellt viele gute Fragen. So müsste es gehen.
Ich bin nicht so naiv, zu denken, dass dies heute – schnell – möglich wäre. Aber schön wär’s schon – und vor allem notwendig. Besonders im Hinblick auf die harten Zeiten, die die jungen Menschen nach der Schule erwartet.
Die wichtigsten Aussagen des Artikels sind für mich “Ohne Beziehung geht nichts”. “Beziehung ist für jedes Kind lebenswichtig”. “Ohne Beziehung kann sich ein Kind nicht entwickeln, weder in der Familie noch in der Schule.” Das stimmt und ist wissenschaftlich tausendfach untermauert. Aber leider ist viel zu wenig bekannt, was man unter “Beziehung” zu verstehen hat und ob man “Beziehungsfähigkeit” lehren und lernen kann. Natürlich könnte man das, machte man es zu einem Hauptfach für angehende Lehrer.
Ich empfehle gerne das wunderbare Buch von Tschingis Aitmatow “DER ERSTE LEHRER” ISBN (13): 978-3-88897-291-1. Man kann diese einfühlsame Geschichte eines kirgisischen Dorflehrers mit seinen Schülern auch auf CD hören, grossartig gesprochen von Harald Eggebrecht. Ein MUSS für jeden angehenden Lehrer.
Man merkt schon, dass ich von der heutigen Schule nicht derart begeistert bin, dass ich mir nicht eine bessere vorstellen könnte. Wobei ich explizit die Lehrer in Schutz nehmen möchte, die in diesem Schulsystem Schule geben müssen. Weder gut ausgebildet noch gut unterstützt geben viele frustriert diesen schönsten aller Berufe wieder auf. Wir hatten in dieser Zeitschrift das eindrucksvolle Beispiel „Warum ich nicht mehr Lehrer bin“ von Martin Beglinger. Was haben wir daraus gelernt? Es scheint, dass Martin Beglinger „am Ball bleibt“.
Ich schrieb vor einigen Jahren Herrn Buschor einen Brief. Wer möchte, kann ihn hier lesen: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=13&Itemid=53
Wir brauchen eine Schule, die ethische Werte vermittelt, die junge Menschen hervorbringt, die beziehungsfähig sind, die selbständig denken und hinterfragen können, die kooperieren und „über den Tellerrand“ blicken können, z.B. was in Afrika, Asien, Südamerika passiert. Das muss sie interessieren, denn davon sind sie betroffen. Und dabei müssen vor allem auch die Eltern mitwirken. Ohne einen gesamtgesellschaftlichen Konsens geht das nicht.
Der Raubtierkapitalismus hat versagt und nun geht es darum, das Chaos wieder zu ordnen. In die alten Bahnen zurück können und dürfen wir nicht. Wir brauchen eine neue Ordnung: Raus aus der Kriegswirtschaft – hin zu Friedenswirtschaft.
Darum plädiere ich für eine NEUE SCHULE, eine Schule, die der Natur des Menschen entspricht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dank Kooperation hat er in der Evolution überlebt. „Biologisch ist der Mensch nicht zum Krieg verdammt.“ Siehe die ERKLÄRUNG VON SEVILLA ZUR GEWALT hier: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=84&Itemid=43
Vor dreissig Jahren schrieb der Zürcher Sonderschullehrer Jürg Jegge ein Buch „Dummheit ist lernbar“. Daraus könnte die Schule Lehren ziehen. Es wäre wünschenswert, wenn die Diskussionsveranstaltungen, die Herr Largo und Herr Beglinger in Zukunft durchführen werden, die richtigen Fragen hervorbringen würden. Richtige Antworten findet man nur, wenn man die richtigen Fragen stellt. Hypothesenbilden nennt man das in der Naturwissenschaft.
«Ohne Beziehung funktioniert nichts. Erst eine gute Beziehung zwischen Schüler und Lehrperson schafft die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen», schreibt Martin Beglinger im Editorial zum besagten Artikel «Die Schule vom Kind her denken». Wie wahr doch! Da lag nämlich die einstige Zürcher Realschule goldrichtig. Sie orientierte sich an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen. Es war in der Tat eine in jeder Beziehung eine sehr gute, kind- und jugendgerechte Schule. Und heute? In den vergangenen zwölf Jahren haben Lehrplan 21-, Systemtechno- und andere selbsternannte Schul-Bürokraten auf der (Ein)-Bildungsdirektion die Realschule buchstäblich «zur Sau» gemacht. Der frühere hoch verdiente Direktor des Real- und Oberschu-Lehrerseminars des Kantons Zürich, Dr. hc. Hans Wymann würde mir da bestimmt zustimmen. Dazu ein Beispiel aus dem jetzigen ganz gewöhnlichen Schulalltag: Da werden verhaltensoriginelle (sprich «gestörte») Kinder und Jugendliche von «Weichspülern» (sprich Schulsozialarbeiter und psychologische Dienste) gehätschelt, nach behandelt und schlussendlich in Schulen mit Kleinklassen oder in sackteure Lernstudios gesteckt, weil eben leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler bei acht und mehr Lehrpersonen tagtäglich schlicht und einfach total überfordert sind.
Am Schluss dieses wegweisenden Artikels schreiben die Autoren: «Denn das Kind gehört nicht der Gesellschaft, nicht der Schule und auch nicht den Eltern. Es gehört nur sich selbst.» Tagi-Magi bleib mit dem Thema Schule dran!
Kindgerechte Schule (von Qualität): Die Vorstellung der Herren Largo und Beglinger
besticht. Die 7 Thesen müssten längst ansatzweise in der täglichen Schulpraxis verwirklicht sein. Nur: Manches ist gegenläufig und lässt Optimismus im Keim ersticken (Bsp. Stadt Zürich): Finanzielle Mittel: Zu viele für Bildung bestimmte fliessen in Schulverwaltungen und kommen nicht der Praxis zugut. Von den Verwaltungen ausgehende Ideologie drückt den Schulen ihren Stempel auf. Unterrichtliche Freiheit verkümmert. Musse im Unterricht und schöpferische Zeit für Vorbereitung sind weggerafft worden; Zeit fehlt. Unterrichtliche Qualität hat ihre Priorität verloren; Hüteschule hat Vorrang. Zu viele der extrem heterogenen Klassen sind und bleiben zu gross; die geforderte und theoretisch vorstellbare Individualisierung ist nicht realisierbar. Wertschätzung seitens der ‚Obrigkeiten’ ist sehr selten geworden; den Lehrer/innen fehlen Ombudspersonen bei Willkürakten. Die Abwanderung vieler erfahrener Lehrkräfte bedeutet einen nicht reparierbaren Substanzverlust. Viele begabte junge Lehrpersonen verlassen den Beruf bereits nach wenigen Jahren. Mehr und mehr Männer fehlen in den Schulen. Der Schule im Sinne Remo Largos dürfte ein langer Marsch bevorstehen.
Largo und Beglinger sei Dank! Ein für unsere Gesellschaft lebenswichtiges Thema wird hier profund angepackt: DIE SCHULE! Aus einem neuen Blickwinkel, dem der Kinder.
Würde es gelingen, in der Schweiz, eine wirklich offene, freie, alle Gesichtspunkte und ALLE Beteiligten mit einbeziehende Diskussion zu führen mit den RICHTIGEN Fragestellungen: “Schule, wohin willst Du die jungen Menschen bilden? Was müssen sie können und wissen und vor allem, was für Persönlichkeiten sollen sie geworden sein, wenn sie die Schule verlassen?” “Welche Lehrerpersönlichkeiten und Vorbilder brauchen wir?” Ich schliesse die Hochschulen mit ein. Sekundarlehrer Urs Bachmann stellt viele gute Fragen. So müsste es gehen.
Ich bin nicht so naiv, zu denken, dass dies heute – schnell – möglich wäre. Aber schön wär’s schon – und vor allem notwendig. Besonders im Hinblick auf die harten Zeiten, die die jungen Menschen nach der Schule erwartet.
Die wichtigsten Aussagen des Artikels sind für mich “Ohne Beziehung geht nichts”. “Beziehung ist für jedes Kind lebenswichtig”. “Ohne Beziehung kann sich ein Kind nicht entwickeln, weder in der Familie noch in der Schule.” Das stimmt und ist wissenschaftlich tausendfach untermauert. Aber leider ist viel zu wenig bekannt, was man unter “Beziehung” zu verstehen hat und ob man “Beziehungsfähigkeit” lehren und lernen kann. Natürlich könnte man das, machte man es zu einem Hauptfach für angehende Lehrer.
Ich empfehle gerne das wunderbare Buch von Tschingis Aitmatow “DER ERSTE LEHRER” ISBN (13): 978-3-88897-291-1. Man kann diese einfühlsame Geschichte eines kirgisischen Dorflehrers mit seinen Schülern auch auf CD hören, grossartig gesprochen von Harald Eggebrecht. Ein MUSS für jeden angehenden Lehrer.
Man merkt schon, dass ich von der heutigen Schule nicht derart begeistert bin, dass ich mir nicht eine bessere vorstellen könnte. Wobei ich explizit die Lehrer in Schutz nehmen möchte, die in diesem Schulsystem Schule geben müssen. Weder gut ausgebildet noch gut unterstützt geben viele frustriert diesen schönsten aller Berufe wieder auf. Wir hatten in dieser Zeitschrift das eindrucksvolle Beispiel „Warum ich nicht mehr Lehrer bin“ von Martin Beglinger. Was haben wir daraus gelernt? Es scheint, dass Martin Beglinger „am Ball bleibt“.
Ich schrieb vor einigen Jahren Herrn Buschor einen Brief. Wer möchte, kann ihn hier lesen: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=13&Itemid=53
Wir brauchen eine Schule, die ethische Werte vermittelt, die junge Menschen hervorbringt, die beziehungsfähig sind, die selbständig denken und hinterfragen können, die kooperieren und „über den Tellerrand“ blicken können, z.B. was in Afrika, Asien, Südamerika passiert. Das muss sie interessieren, denn davon sind sie betroffen. Und dabei müssen vor allem auch die Eltern mitwirken. Ohne einen gesamtgesellschaftlichen Konsens geht das nicht.
Der Raubtierkapitalismus hat versagt und nun geht es darum, das Chaos wieder zu ordnen. In die alten Bahnen zurück können und dürfen wir nicht. Wir brauchen eine neue Ordnung: Raus aus der Kriegswirtschaft – hin zu Friedenswirtschaft.
Darum plädiere ich für eine NEUE SCHULE, eine Schule, die der Natur des Menschen entspricht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Dank Kooperation hat er in der Evolution überlebt. „Biologisch ist der Mensch nicht zum Krieg verdammt.“ Siehe die ERKLÄRUNG VON SEVILLA ZUR GEWALT hier: http://seniora.org/index.php?option=com_content&task=view&id=84&Itemid=43
Vor dreissig Jahren schrieb der Zürcher Sonderschullehrer Jürg Jegge ein Buch „Dummheit ist lernbar“. Daraus könnte die Schule Lehren ziehen. Es wäre wünschenswert, wenn die Diskussionsveranstaltungen, die Herr Largo und Herr Beglinger in Zukunft durchführen werden, die richtigen Fragen hervorbringen würden. Richtige Antworten findet man nur, wenn man die richtigen Fragen stellt. Hypothesenbilden nennt man das in der Naturwissenschaft.
Super Artikel, danke TagiMagi, dass es dich neben diesen öden Tagesnews noch gibt. Super Ansatz und so wahr!
Leider allerdings ist die Machbarkeit der Idee des individuellen Unterrichts für mich nicht gesichert(nicht mit den heutigen Mitteln). Für einen einzelnen Lehrer scheint es mir doch schier unmöglich jeden Schüler seinem Können entsprechend zu fördern. Es wäre dann ja sozusagen Unterricht in verschiedenen Stufen aber in der selben Klasse. Unterricht in verschiedenen Stufen aber in der selben Klasse – genau das wäre eben auch das richtige, allerdings bräuchte es da vermutlich mindestens zwei Lehrpersonen. Zwei Lehrpersonen wären sowieso viel, viel besser, dafür gibt es etliche Gründe. Beispielsweise wäre die individuelle Behandlung der Schüler fairer und, was wohl das Wichtigste ist, die Bedürfnisse, Probleme und Charakter der Kinder werden von zwei Lehrkräften mehr als doppelt so gut erkannt als von einem alleine. Man hat immer noch eine andere Meinung, was beim intuitiven Einschätzen von Menschen extrem wichtig ist, Zudem kann man verschiedene Strategien diskutieren, usw. Erwähnenswert auch, dass es die Lehrer extrem entlasten würde, denn zu zweit ist man nicht alleine bei Problemen.
Das Wegkommen von der linearen Unterteilung (Rangliste mit Notendurchschnitt) erachte ich auch als längst überfällig, sie ist schlicht realitätsfremd. Viel besser wäre eine mehrdimensionale Einteilungspraktik (zB: Musische Begabung, Sprachliches Können und Mathematisch/Naturwissenschaftliches Verständnis) oder eben so etwas wie ein Kompetenzraster.
Viele befürchten die “stärkeren” Schüler würden durch die “schwächeren” am erfolgreichen lernen gehindert, daher solle man die ganz “schwachen” ausgliedern. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass damit das Problem nur umgelagert aber nicht kleiner wird. Je nachdem wo man die Grenzen setzt gibt es einfach neue schlechteste und beste in der neuen Klasse. Allerdings wird der Unterschied kleiner, er wird also eher nicht beachtet und alle werden eher als gleich angesehen. Damit sind wir wieder beim gleichen Problem, überforderte und unterforderte Kinder. Das Problem(vielleicht sollte man eher sagen das Glück) der individuell unterschiedlichen Begabung lässt sich nicht durch Unterteilung in ein paar Gruppen lösen. Eher sollte man eben das Unterschiedliche akzeptieren und eben jeden Schüler individuell fördern. Nicht jeder Schüler soll das gleiche Ziel erreichen, sondern jeder ungefähr gleich viel Zeit zur Erreichung seiner individuellen, passenden Ziele aufwenden.
Hierzu noch ein Beispiel: Die Leistungen waren sowieso immer im obersten Teil der Klasse, man musste gar nie etwas für die Schule tun. Daran änderte sich auch nichts als die Klasse in drei Stufen unterteilt wurden und man in der Sek A landete – kein Aufwand, dafür gute Noten. In diesem Alter und wenn man noch soviel Zeit frei zur Verfügung hat sucht man andere Herausforderungen, meistens nichts Gutes (Diebstahl, Drogen, Vandalismus usw.). Wenn man ein guter Schüler ist kommt noch dazu, dass einem das meiste durchgelassen wird – weil wenn man schon so gut ist auch ab und zu etwas Negatives drin liegt! Alles gut soweit, dann kommt das Gymnasium, der Schulstoff wird nicht leichter und vielleicht sollte man doch auch einmal etwas tun und sich ein bisschen, nur ein wenig, anstrengen. Und da ist nun das Problem, wie geht das? sich anstrengen? wie lernt man etwas das man nicht gleich kann wenn man es kurz anschaut? Natürlich ist man sich auch eine riesige Menge Freizeit gewohnt und nun soll man auf einmal seine grundlegenden Angewohnheiten ändern. Für viele tönt das jetzt vielleicht dumm, aber wenn man immer die Ziele übertrifft ohne sich anzustrengen wird man wohl faul, wozu denn sich anstrengen?
Deshalb braucht es eben individuelle Ziele, passend für das Individuum. Es müssen nun die Mittel für die Schule zur Verfügung gestellt werden damit auf jedes Kind einzeln eingegangen werden kann, alles andere kostet uns ein vielfaches durch die entstehenden Gesellschaftlichen Probleme. Eine verkorkste Schulausbildung kostet ein Leben lang Sozialhilfe! Zusätzlich wird die Problematik durch die Migrationsproblematik verstärkt. Wenn wir es nicht schaffen die zweite Generation angemessen auszubilden wird es noch viel, viel mehr Ausländerprobleme geben, kein Wunder will die SVP schlechte Schulen, sie profitieren ja davon!
Ich gratuliere zu dem ausführlichen und interessanten Artikel. Der Realisierung der vielen idealen Vorschläge steht eine gesellschaftliche Entwicklung entgegen, die in die Überlegungen einbezogen werden muss. Mein “weder noch“ bezieht sich auf die Frage
“Was fördert die Raumvorstellung mehr und hat einen langfristigen Nutzen: das Auswendiglernen und die Anwendung der Sätze von Pythagoras oder ein kompetenter Umgang mit virtuellen Räumen am PC?“ Meine Antwort: weder das eine noch das andere. Es braucht für die Raumvorstellung wie für die Anwendung der Pythagorassätze konkrete dreidimensionale Modelle, selber mit der eigenen Hand gebaut. Raumvorstellung benötigt Raum. Das ist die Voraussetzung. Der Mangel an Studierenden an den technischen Schulen könnte darauf zurückgehen, dass die Kleinen zu viel am Fernseher oder PC sitzen, statt sich mit Hämmern, Sägen und Hütten bauen zu beschäftigen.
Über 40 Jahre Schuldienst an der Oberstufe haben mir den nötigen Einblick in das Wesentliche gegeben. Beziehungsarbeit ist der Grundstein. Und ohne eine gute Grundstimmung in der Klasse wird Lernen sehr schwierig. Die Schule vom Kind her denken, so wie der Artikel es skizziert, ist eine riesige Herausforderung an das Volk. Es bedingt ein grundsätzliches Umdenken. Und noch etwas: Das Leben stellt schliesslich die Herausforderung an uns alle. Ein paar Sorgen: Armut, Klimawandel, Kriege, Hungersnöte. Oder: Streit, Rücksichtslosigkeit, Mobbing. Wer lehrt den Umgang damit ? Da sind Pythagoras und virtuelle Räume am PC Nebenschauplätze. Und das Erarbeiten von Vertrauen in die Zukunft eine der schwierigsten Aufgaben. Ich bin gespannt auf das Buch.
Walter Trottmann, Sekundarlehrer Urdorf
Interessanter Artikel,
habe ihn mit einem zufriedenen Lächen goutiert.
Daher auch eine direkte Rückmeldung aus unserer
“Traumschule” (laut Lehrerin NINA,23):
diese haben wir tatsächlich!
Ein kleines, familiäres Schulhäuschen mit drei grossen Räumen,
vielen kleinen Nischen und Rückzugsmöglichkeiten für individuelles Arbeiten und Lernen,
Lernstudios, Musik- und Sozialarbeiterinnen- zimmer,
einer ehemaligen (Lehrer-)Wohnung – umgestaltet in kleines Schulleiterzimmer, Sekretariat, Lernatelier, Material -und Teamzimmer und
einer Wohnküche, wo wir mittags sogar unser individuelles Menu kochen/aufwärmen.
Die tägliche Sporteinheit haben wir seit einem Jahr eingeführt unter “Bewex” (Konzept und Erfinder: Dani Alge, Rapperswil) mit regelmässiger Coach- Betreuung für Lehrerinnen und Schüler.
Das Lehrer/innen-Team tauscht sich laufend und über alles aus – über Stufen und Themen hinweg. Von so einer genialen Zusammenarbeit kann man nicht nur träumen – hier ist sie Wirklichkeit!
Was es dazu braucht: initiative, hilfsbereite, humorvolle, grosszügige, ehrliche, freundliche, offene, vielseitig begabte, arbeitsfreudige, sportliche, feinfühlige, spontane, einsatzwillige, begeisterungsfähige und genussfreudige Persönlichkeiten, welche bereit sind, im Team und an Strukturen sich selbst und andere zu fördern und fordern – eine permanente Neudefinition als Chance zu sehen.
Schüler und Schülerinnen besuchen unsere Schule gerne und fühlen sich wohl. Die Eltern schätzen unsere Arbeit sehr.
Leider ist an unserer Schule zur Zeit keine Stelle frei – im Schnee, am sonnigen Ricken – immer über der Nebelgrenze!
Trudy Stadler
Sprachen, Sport, Textiles Gestalten und Schulische Heilpädagogin, Rapperswil-Jona
Korrektur: “Lächeln” natürlich!
„Wow, das ist genau unsere Schule, die da beschrieben wird“, dachte ich während dem Lesen dieses Artikels! Ich unterrichte an einer Privatschule (www.weinlandschule.ch) in Pfungen. Während das Konzept anderer Schulen sich wahrscheinlich auf mehreren Seiten Papier erstreckt, kann man unseres in wenigen Sätzen erläutern. Unser Motto lautet: „Angstfrei, kreativ und individuell“. Die Grundlage fürs Lernen sehen auch wir in einer tragfähigen LehrerIn-SchülerIn-Beziehung. Wir legen Wert auf eine familiäre Atmosphäre, in welcher sich jedes Kind wohl fühlt und in seiner Eigenart angenommen wird. In kleinen Gruppen (5- max.10 SchülerInnen pro Gruppe) lernen die Kinder in ihrem eigenen Lerntempo und ihrem Leistungspotenzial und ihren Stärken entsprechend.
Leider stossen wir mit diesem eigentlich einfachen Konzept immer wieder auf Skepsis seitens der Eltern. Manche denken, ihre Kinder würden zu wenig lernen, zu wenig leisten. Sie setzen ihre Kinder und auch uns unter Druck. Eltern wollen für ihre Kinder ja bekanntlich nur das Beste, nur orientieren sie sich nicht an ihnen, sondern an gesellschaftlichen Normen, an Lehrplänen, vergleichen mit anderen, anstatt ihrem Kind die eigene Entwicklung zuzugestehen.
Mir gefällt das Wort „Entwicklung“ sehr, besser als der Begriff „Erziehung“. „Ziehen“ hat für mich den Beigeschmack von „etwas rausholen wollen“, in die „richtige“ Richtung ziehen, von aussen beeinflussen, drücken wollen. Wie wir aber im Artikel von Largo und Beglinger gehört haben, hat jeder Mensch eine eigene innere Lernbereitschaft, das Kind will sich entwickeln und lernt von alleine gehen, wenn wir ihm nur die richtige Lernumgebung (inkl. guter Beziehung etc.) lassen bzw. gestalten. Dazu ein Zitat aus der Schriftenreihe ‚Einfach, aber nicht leicht’ von Marianne und Kaspar Baeschlin (Selbstverlag ZLB Winterthur, 2005), in welcher unter dem Titel „Der WOWW Ansatz“ (3, Handbuch für lösungs(er)schaffende Strategien im Unterricht) der Abdruck des Buches „Classroom Solutions: WOWW Approach“ von Insoo Kim Berg und Lee Shilts herausgekommen ist. Zitat: „Wir glauben, dass Lernen eine Eigenleistung ist. Wir können Lernen nicht machen. „Lehren“ ist zunächst nicht ein Wissenstransfer, sondern eine Unterstützung des Lernenden.“
Zu „Entwicklung“ sehe ich das Bild von einem Wollknäuel vor mir. Einen Wollknäuel abwickeln als Metapher für „den Lebensweg gehen“. Der Ablauf dieser Entwicklung ist klar, das Ende kommt am Schluss, wenn ich versuche irgendwie zuerst die Mitte des Wollkäuels rauszuziehen, gibt es unweigerlich ein „Gnusch“. Jede Person, die schon mal gestrickt hat und ein Wolle-Wirrwarr auflösen musste, weiss wie mühsam das ist und das man gut daran tut zum Anfang zurückzukehren um den „roten“ Faden wieder zu finden. Viele Kinder, die zu uns kommen, haben schon eine schwierige, von Misserfolgen geprägte Schulkarriere hinter sich. Einige verweigern jegliche Leistung. Wer schon solche Kinder unterrichtet hat, weiss, dass hier jeglicher Druck von aussen gar nichts bewirkt oder sogar kontraproduktiv ist. Wir setzen im emotionalen und sozialen Bereich an, nehmen das Kind an so wie es ist, bestärken es im Positiven, geben ihm Zeit, helfen ihm Selbstvertrauen zu gewinnen, sich wohl und angenommen zu fühlen, damit es wieder eine innere Neugier und Hoffnung als Lernantrieb erhält. Oft sehen Eltern oder auch Behörden dann einen leistunsmässigen „Stillstand“ oder Rückschritt, weil sie nur die Leistung im kognitiven Bereich anschauen und diese mit den Normen der zu erreichenden Ziele, wie sie beispielsweise im Lehrplan stehen, innerhalb einer gewissen Zeitspanne vergleichen. Dass aber ein Kind, das vorher gar nichts mehr gemacht hat, auch etwas leistet, wenn es beispielsweise „nur“ eine Matheaufgabe pro Lektion beherzigt, sehen viele nicht, weil sie vergleichen. Auch erkennen viele Leistungen im sozialen Bereich nicht also solche an. Dass eine Stunde Kochen statt Matheaufgaben lösen das Kind viel weiter bringen kann (es macht etwas für die Gemeinschaft, bekommt die Anerkennung dafür, lernt mit allen Sinnen, muss wahrscheinlich sogar rechnen und sei es nur Teller abzählen u.v.m.) sehen viele nicht ein.
Es fehlt uns eben der Remo Largo der diesen Zusammenhang Eltern, aber auch anderen involvierten Personen im Schulalltag verständlich machen kann.
Auf jeden Fall hat mich dieser Artkel darin bestärkt, dass unsere Schule auf dem richtigen Weg ist – und das übrigens seit 25 Jahren
– auch wenn sie alles andere als perfekt ist. Aber vielleicht ist auch dies ein Teil des Gelingens, denn schliesslich ist auch das Leben nicht perfekt.
Das Plädoyer für eine kindgerechte Schule möchte ich gerne unterstützen, denn die im Artikel dargestellten Prämissen – das, was die Kinder in die Schule mitbringen, und das, was sie eigentlich brauchen – sind wissenschaftlich fundiert und überzeugend präsentiert. Widerspruch muss ich aber anmelden, sobald daraus Folgerungen für die Schule gezogen werden, weil dort die Wissenschaftlichkeit fehlt, schlimmer noch, weil dort Allgemeinplätze vertreten werden, die heute als unhaltbar nachgewiesen sind. Es ist richtig, dass die Schule den Kindern “sinnvolle Erfahrungsmöglichkeiten anbieten” soll. Es ist aber falsch, daraus abzuleiten, dass dies nicht im Rahmen der aktuellen Lehrpläne möglich sei. Auch die Abschaffung der Noten ist nicht notwendige Bedingung dafür, dass die Lernenden in der Schule ein “gutes Selbstwertgefühl” entwickeln können. “Umfassende Erfahrungsmöglichkeiten” sind innerhalb von Stoffplan, Lektionenstruktur und Notensystem möglich, sofern die Lernenden die Möglichkeit erhalten, sich selbstständig und intensiv mit den Sachverhalten auseinanderzusetzen und sie in einen individuellen und verbindlichen (meist schriftlich geführten) Dialog mit Lehrpersonen und Mitlernenden treten können. Sinn im Unterricht entsteht eben nicht zwingend durch Alltagsbezug, sondern dann, wenn je die Person individuell angesprochen ist und die Lernenden dabei erfahren können, dass sie ernst genommen werden und der Unterricht von ihren Beiträgen beeinflusst wird. Das im Artikel angeführte Beispiel zum Geometrieunterricht bringt die Sache auf den Punkt: Man solle doch einen “kompetenten Umgang mit virtuellen Räumen am PC” ermöglichen, anstatt die “Sätze des Pythagoras” auswendig zu lernen. Abgesehen von der Tatsache, dass es nur einen Satz des Pythagoras gibt, entlarvt diese populistische Forderung, dass die Autoren den Lehrplanthemen das Potential für eine intensive, kreative und persönlichkeitsbildende Beschäftigung absprechen. Dialogisch unterrichtet, trägt der Satz des Pythagoras ebenso zur geforderten “langfristigen Entwicklung” bei und hat ebensolchen “langfristigen Nutzen” wie die vermeintlich attraktiven Themen. Dies haben die Forschungen zum Dialogischen Lernen an der Universität Zürich gezeigt. Die Forderung der Autoren ist also nichts anderes als eine radikale Revolution der (zum Teil tatsächlich veralteten) Schule und lässt für die (zum Teil bereits angebahnte) sanfte Evolution einer kindgerechten Schule keinen Raum mehr.
Auch ich freue mich sehr, dass das Magazin die Schuldiskussion mit solchen Artikeln befruchtet. Gerade auch die Kommentare dazu fand ich sehr spannend und aufschlussreich.
Natürlich verstehe ich, dass viele unter uns, gerade auch direkt betroffene Lehrpersonen, an der Umsetzbarkeit einer kindgerechten Schule zweifeln. Aber lasst uns doch nicht deswegen gleich aufgeben und die Flinte ins Korn werfen.
Es gibt so viele Schulen, die andere Wege gehen, in der Schweiz und im Ausland. Wieso nicht von ihnen lernen und abschauen? Und da ich befürchte, dass es eine einzelne Schulform in unserer vielfältigen Welt einfach nicht mehr bringt, plädiere ich auch gleich für eine neue Schulvielfalt.
Statt kleine, alternative Schulen zu bekämpfen, könnte man sie als mutige Wegbereiter betrachten und von ihnen lernen. Es wäre toll, wenn solche Schulprojekte nicht mehr so viel in den Ueberlebenskampf investieren müssten, und wenn nicht nur Eltern ihre Kinder in alternative Schulen schicken könnten, die sich das leisten können, sondern alle, die vom angebotenen Modell überzeugt sind!
PS. Danke an Frau Maarsen für die Erwähnung der freien aktiven Schule arco, die inzwischen von Wohlen BE nach Meikirch BE umgezogen ist! http://www.arco-schule.ch
Es ist Herrn Largo zuzustimmen, dass das Lernen in Beziehung geschieht. In Beziehung zu den Menschen (LehrerInnen und KameradInnen, Eltern) aber auch in Beziehung zu den Objekten. (Bücher, Anschaungsmaterial etc.) Mir erscheint, dass im Artikel vernachlässigt worden ist, dass Lernen auch bedeutet Regeln zu anerkennen und Momente von Frustration auszuhalten, wenn z. B. nicht sofort die Lösung in Sicht ist. Zum Erlernen dieser genannten für das Lernen wichtigen Eigenschaften sind die Kinder wiederum auf gute tragende Beziehungen angewiesen. Sind bei einem Kind diese Eigenschaften vor dem Eintritt in die Schule nicht altersadäquat entwickelt und vom Elternhaus gefördert, wir das Lernen in der Schule zur grossen Herausforderung für Kind und LehrerIn.
Zum Aspekt der Integration möchte ich aus praktischer Erfahrung darauf verweisen, dass dieser wichtige Auftrag eine grosse Herausforderung ist. Zur Zeit fehlen, wie von Herrn largo bemängelt die notwendigen Strukturen und Mittel.
Der im Artikel gemachte Vergleich mit Finnland darf nicht unwidersprochen bleiben. Die Integrationsarbeit, die unsere LehrerInen zu leisten haben, ist nicht vergleichbar mit jener in Finnland. Die Schweiz hat sich zu einem multikulturellen Staat entwickelt mit einem um das 10 fache höheren Ausländeranteil als Finnland. Die dort ansässige ausländische Bevölkerung (2% der Gesamtpopulation) stammt mehrheitlich aus den angrenzenden Ländern und damit aus einem ähnlichen Kulturkreis.
Mir erscheint es wichtig, auch öffentlich über die tieferen Hintergründe der mangelnden Wertschätzung, die unsere Gesellschaft der anspruchsvollen Arbeit der LehrerInnen entgegenbringt, nachzudenken.
Innovative Schulen. Für alle, die das Plädoyer „Die Schule vom Kind her denken“ in die Tat umsetzen möchten, sei hier auf die sensationelle Dokumentation mit 3 DVDs des Journalisten Reinhard Kahl hingewiesen mit dem Titel: „Treibhäuser der Zukunft: Wie in Deutschland Schulen gelingen“ ISBN 3-407-85830-2 (BELTZ 2005)Fr. 53.80.
Auffallend bei den zahlreichen Portraits von Schulen und deren engagierten Akteuren ist unter anderem die Tatsache, dass die in weiten Teilen der Volksschule leider immer noch vorherrschende Unterrichtsmethode und Monokultur des lehrerzentrierten Frontalunterrichts keine dominante Rolle mehr einnimmt und in der modernen Schule faktisch verschwunden ist.
Chris Knecht, Freiberufler in Beratung und Verkauf,
Ex-Fahlehrer phil. I und Ex-Jugendarbeiter, Vater
Die Erfahrungen, Gedanken und Umsetzungsvorschläge von Remo Largo sprechen mich sehr an.
Doch bin ich in einem System eingebunden, das einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat.
Wir alle in der Schule Tätigen bewegen uns nach dem Diktat des neuen Volksschulgesetzes genau in Gegenrichtung zum von Largo beschriebenen “richtigen Weg”. Grosse Klassen, viele Bezugspersonen und Kostenneutralität sind angesagt.
Wenn man direkt an höchster Stelle vorstellig wird, erhält man beschwichtigende Antworten, welche zu interpretieren nicht schwierig sind: Am Kurs der “modernen Schule” wird momentan sicher nichts geändert. Eher müssen die Leute von Bord gehen, wenn sie diese Entwicklung nicht weiter mitmachen wollen. Aus dem Antwortbrief der Bildungsdirektion Zürich: “Ich hoffe, dass es Ihnen weiterhin gelingt, sich selber und Ihr ganzes Team zu motivieren, die anspruchsvollen Aufgaben, die eine moderne Schule an Schulleitungen und Lehrpersonen stellt, tagtäglich gut zu erfüllen.”
Viele Ideen finde ich sehr gut. Nur schade, dass ausgerechnet das einzige konkrete Beispiel zur Verminderung des Schulstoffs völlig daneben ist. Ich erlaube mir, die Frage der beiden Autoren etwas anders zu formulieren: “Was fördert die Raumvorstellung mehr und hat einen langfristigen Nutzen: Eine anschauliche und dennoch beweiskräftige Herleitung des Satzes von Pythagoras und der damit verbundenen Sätze wie Katheten- und Höhensatz und die kompetente Anwendung dieser Sätze an ebenen und räumlichen Figuren – oder der Umgang mit virtuellen Räumen am PC, der in einem Jahr nicht mehr möglich ist, weil der neue PC das entsprechende Programm leider nicht mehr unterstützt?”
So gestellt, dürfte die Antwort klar sein.
Der Satz von Pythagoras ist seit mehr als 2 Jahrtausenden bekannt, ist nach wie vor richtig und zur Lösung diverser Alltagsprobleme unerlässlich und wird auch in 2 Jahrtausenden mit Sicherheit noch richtig sein. Darüber hinaus lässt sich gerade am Satz des Pythagoras zeigen, welche Bedeutung ein Beweis hat. Die Erkenntis, dass eine Aussage mit Sicherheit wahr ist, wenn sie einmal bewiesen ist, und nicht, wenn sie tausendmal behauptet wird, ist eines der grundlegenden Resultate des Mathematikunterrichts.
Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin froh, dass die darin enthaltenen Erkenntnisse über die sehr unterschiedlichen Entwicklungstempi und -formen sowie die Vielfalt unter den Kindern einer breiten Leserschaft zur Kenntnis gebracht werden. Ich hoffe, dass das im eben erschienen Buch „Schülerjahre“ vertiefte Plädoyer für eine kindergerechte Schule viele aufgeschlossene Lehrkräften ermutigt, sich bei ihren Vorgesetzten und bei den SchulpolitikerInnen für Reformen einzusetzen, welche die Kinder und deren wirkliche Lernchancen in den Mittelpunkt stellen.
Unsere Schule wird mehrheitlich von engagierten Lehrkräften getragen.
Diese haben es nicht leicht bei den vorherrschenden Bedingungen (vollgepackter Lehrplan, sehr unterschiedliche Kinder, Integrationsanspruch, grosse Klassen, ungenügend ausgegorene Reformen ….). Es gibt Handlungsbedarf.
Dass jemand Remo Largo die Befugnis abspricht, als Nicht-Lehrer Handlungsvorschläge für den Unterricht zu formulieren, finde ich anmassend. Ich war lange Jahre Schulpsychologin und vorher Primarlehrerin. Bei meinen schulpsychologischen Abklärungen war ich froh, hie und da bei Stellen wie der Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ (während 30 Jahren unter Leitung von Remo Largo) des Kinderspitals Zürich eine Zweitmeinung einholen zu können. Weder SchulpsychologInnen noch Lehrkräfte sind gegen den Tunnelblick gefeit.
Anregungen „von aussen“ sind wichtig. Wer sich nach bestem Wissen und Können engagiert und dabei nicht selbst überschätzt, ist offen für andere Sichtweisen und muss nicht aufjaulen, wenn von ebenso kompetenter Seite ein neuer Input kommt.
Erstaunlich ist eigentlich, dass schon 12 bis 13-jährige SchülerInnen wissen, was Schule sein sollte – nur wir Erwachsenen/Lehrverantwortlichen (nicht LehrerInnen!) scheinen dies noch nicht kapiert zu haben.
[...] Die Schule vom Kind her denken (Remo H. Largo & Martin Beglinger) [...]