03.10.2008 von Roger de Weck , 2 Kommentare
Falls das Kapital irgendwo eine Heimat hat, dann ist es die Schweiz. Die Vermögensverwalter betreuen im Auftrag ihrer reichen Kunden 4000 Milliarden Franken. So hat das Debakel auf den Finanzmärkten die Grundfesten der Eidgenossenschaft erschüttert. Angeschlagen sind die UBS, das Selbstbewusstsein und das Schweizer Modell.
Keine andere Volkswirtschaft in Europa hat sich so stark und zielstrebig globalisiert. Das hat sich gelohnt, aber jetzt erweist sich, dass das Land gleichzeitig sehr anfällig geworden ist – die Kehrseite der Globalisierung. Der Krise verdanken wir eine ungemütliche Erkenntnis: Die Grossbanken UBS und Credit Suisse sind zu gross für die Schweiz. Die UBS hat an die 50 Milliarden Franken verloren – zehn Prozent des Schweizer Volkseinkommens. Ihr Bankrott würde ein blühendes Land ruinieren. Zwangsläufig müsste der Staat die Riesenbank auffangen. Müssen müsste er, aber könnte er einen solchen Kraftakt stemmen?
Die Bilanz der UBS beträgt 2000 Milliarden Franken, die der Credit Suisse 1200 Milliarden, macht zusammen 3200 Milliarden. Hätte die Eidgenossenschaft im Ernstfall auch nur zehn Prozent dieser Unsumme zu schultern, wäre sie überfordert: Die 320 Milliarden wären knapp zwei Drittel des Volkseinkommens; der Bund würde seine Schulden mehr als verdreifachen.
Daran dachte vor der Krise niemand, doch jetzt wird klar: Das von den zwei Grossbanken ausgehende «Systemrisiko» erweist sich für die Schweiz als untragbar. «Die UBS wird einen schönen Teil ihres Geschäfts aufgeben müssen», befindet Hans Geiger, Professor für das Bankwesen: «Vereinfacht gesagt, muss sie ihre Bilanzsumme halbieren.»
Kann man schadlos nationale Institutionen hälften? Der Kleinstaat Schweiz sieht sich vor allem als Wirtschaftsnation. UBS und Credit Suisse haben über viele Jahre Identität gestiftet, Identifikation geboten. Obendrein halten sie einen Anteil von achtzig Prozent am heimischen Markt. Gerät die UBS ins Schlingern, droht eine nationale Katastrophe.
Kein Wunder, dass Bundesrat und Aufsichtsbehörden beklommen sind. Unter ihrem Druck werden die beiden Grossbanken künftig mit mehr Eigenkapital weniger Geschäfte machen dürfen. Das verringert ihren Gewinn und verbilligt ihre Aktien – was eine Übernahme durch ausländische Institute wie die voll globalisierte HSBC (Hongkong and Shanghai Banking Corporation) erleichtert. Der Staatsfonds von Singapur kaufte bereits neun Prozent der UBS, als die Krise ausbrach – Rettung in höchster Not.
Das Swissair-Grounding 2001 entsetzte die Nation, aber für die Volkswirtschaft waren die Folgen unerheblich. Allerdings zeigte sich damals, dass die Bankenchefs und andere Schweizer Mitglieder der «globalen Klasse» (Lord Dahrendorf) nicht mehr willens waren, nationale Heiligtümer zu erhalten. Doch 2008 geht es um die Substanz: Sollte die UBS als eine Säule unserer Volkswirtschaft demnächst einer ausländischen Bank gehören, geriete das helvetische Wirtschaftsmodell in Schieflage. Unser globalisiertes Land verlöre allmählich die Kontrolle über seine weitere Globalisierung. Die Schweiz, seit jeher ohne Geltung in der Weltpolitik, hätte bald auch keine mehr in der Weltwirtschaft.
Das Dilemma des globalisierten Kleinstaats: Seine Machtelite wir immer multinationaler und hat je länger, desto weniger Sinn für die Schweiz. In der heterogenen Eidgenossenschaft bildeten die alteingesessenen Konzerne einst eine Klammer der Nation. Die eigelbe Post oder die orange Migros erfüllen bis heute die staatspolitische Aufgabe, Nähe und helvetische Gemeinsamkeit zu schaffen – damit stets von Neuem zusammenwächst, was nur bedingt zusammengehört. Doch Nestlé und Novartis, Roche oder Swiss Re, diese Riesen würden zwar nie ihren Sitz ins Ausland verlegen, aber innerlich entwachsen sie der Schweiz.
In Europa haben nur England, Deutschland und Frankreich mehr Weltkonzerne als die Eidgenossenschaft. Uns schmeichelt das. Aber das Mitspielen mit den Global Players bringt nicht nur hohen Ertrag, sondern auch gewaltige Risiken. Die UBS wollte mithalten und hat sich übernommen. Nach dem traumatischen Untergang der nationalen Fluggesellschaft wird abermals Undenkbares denkbar, Unfassbares rückt greifbar nah: Überlebt die UBS? Allein die Frage ist ein zweiter Schock. Die Schweiz hat in Frankfurt vorgefühlt, ob die Europäische Zentralbank (EZB) helfen würde, wenn es für eine Rettungsaktion aus eigener Kraft nicht reicht; die Rede ist von einem Geheimabkommen.
Falsche Standortpatrioten
Bundesräte und Wirtschaftsführer hüten sich, solche Abhängigkeiten zu thematisieren und das Zweischneidige an der Globalisierung zu erörtern. Die Stimmung im Lande ist unreell. Das Volk des Alleingangs ist sich nicht bewusst, dass es im Ernstfall auf EZB und EU angewiesen wäre. Die SVP zelebriert unverdrossen die nationale Souveränität, obwohl die Finanzkrise und ihre Kettenreaktionen die globale Interdependenz verdeutlichen. Schweizer und Schweizerinnen sind stolz auf «ihre» Konzerne, die sich der Heimat entfremden, zumal wenn der enge Heimmarkt bloss ein, zwei Prozent des Weltmarkts ausmacht.
Viele Manager stammen aus dem Ausland – das Gesetz der grösseren Zahl. Jedoch betrachten auch manche schweizerische Wirtschaftsführer ihr Vaterland gleichsam von aussen als einen «Standort». Und Standortpatrioten à la Tito Tettamanti sind so lange patriotisch, als der Standort stimmt. Um die Schweiz besser aufzustellen, neigen viele zur sogenannten City-State-Nischenstrategie: Vorbild ist der Stadtstaat und neue UBS-Hauptaktionär Singapur. Wenn es nach ihnen geht, soll auch die Eidgenossenschaft «offshore» sein, in Europa mittendrin und doch aussen vor, total global und bergbauernschlau neutral in ihrer kleinen Ecke.
Jetzt hat ein globaler Orkan ausgerechnet diese Ecke mit aller Wucht heimgesucht. Der Finanzplatz, der gut zehn Prozent des Volkseinkommens erbringt, schrumpft bereits und wird es weiter tun. Behauptet sich die Schweiz als Insel der Stabilität? Sie lebt zum Teil vom Lohn des Vertrauens: von den Milliarden, die ins Land strömen. Schwindet das Vertrauen, schmilzt das Geld wie Alpenbutter an der Sonne. Die ungestüme Globalisierung des Finanzplatzes hat die legendäre Stabilität – den grössten Standortvorteil – untergraben.
Der glänzende Wirtschaftshistoriker Hansjörg Siegenthaler vergleicht die Zeitenwende, die wir erleben, mit der Zäsur von 1875 in der britischen Geschichte. Jahrhundertelang hatte nicht die Krone, sondern hatten private Handelsgesellschaften wie die Britische Ostindien-Kompanie die Schlüsselrolle gespielt in der Kolonisierung der Welt. Doch Wirtschaftskrisen und die Rivalität mit aufstrebenden Kolonialmächten erforderten schliesslich das Eingreifen des Staats. Wie einst die Kolonisierung, tritt heute die Globalisierung in ihre zweite Phase: Nachdem Weltkonzerne diese Grundbewegung trugen, beschleunigten und ausarten liessen, ist es unausweichlich, dass die Staatengemeinschaft das Heft in die Hand nimmt und Regeln setzt, um einer neuerlichen Weltfinanzkrise zuvorzukommen.
Das ändert das Spiel auch für die Schweiz: In der zweiten Epoche der Globalisierung dürfte es für sie schwieriger werden, ihre Interessen zu verfechten. Wenn künftig weniger die Marktmacht globaler Unternehmen als vielmehr die politische Macht grosser Staaten und weltregionaler Staatenbünde zählt, verliert die Eidgenossenschaft der Konzerne weiter an Stellenwert.
Immerhin birgt die Krise auch Chancen. Schweizer Bankiers, die blosse Dienstleister hätten bleiben sollen, hatten sich zu «Masters of the Universe» aufgeplustert. Jetzt kommt die Industrie wieder zur Geltung. Während der Finanzplatz umzubauen bleibt, gedeiht der solide Werkplatz. Hier geht die Schweizer Globalisierungsstrategie nach wie vor auf. Es sei denn, die Finanzkrise schlägt in eine Weltwirtschaftskrise um. Sie träfe die Schweiz, die jeden zweiten Franken auswärts verdient, härter als andere. Und in der Wirtschaftsnation gilt erst recht: leidet die Wirtschaft, leidet die Nation.
Wahrscheinlich ist es so wie in der Erziehung: Der Erziehende muss viel grösser sein, als der Zu Erziehende.
Daher denke ich, dass in einem kleinen Land wie der Schweiz alles, was wirtschaftlich wesentlich grösser ist als ein Kiosk, das Land einfach überfordert.
Sonst könnte es nämlich sein, analog in der Erziehung (oder ist es etwa so?, dass der Grössere dem Kleineren sagt, wie er jetzt zu singen hat.
Diese pertinente Analyse bestätigt einmal mehr:
“Die Welt ist meine Vorstellung.”
Absolute Wahrheit gibt es nicht, ist nur Wahrnehmung. Jedes Lebewesen sieht,hört,riecht und fühlt entsprechend seinen Sinnesorganen. Daraus folgt “Quot capita,tot sensus”.
Könnte es sein, dass “Schielende” der Wahrheit näher kommen?
Von allen Artikeln die die aktuel weltweite Finanzkrise und die daraus resultierenden Debakel analysieren schwebt dieser oben aus.
Die GRUNDFESTEN sind “erdweit”(bleiben wir bescheiden)erschüttert.
Bravo Herr Robert de WECK. Sie sprechen Klartext…
PS Auch die “welsche” Presse fand es nützlich Ihren Artikel übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. (Siehe Le Temps du 10.10.2008)