Die SP

Wie ist es, SP zu sein? Unsere Autorin wars auf Zeit. Und hat es: genossen. Das ist nicht zwingend ein Kompliment.

10.10.2007 von Michèle Roten , 1 Kommentar

Die Schweizer Demokraten waren schneller, sie haben am Zürcher Stauffacher einen Tisch mit einem Sonnenschirm aufgestellt, die SP hat ihren Stand etwas hinter ihnen platziert. Einer der SD versucht mich für eine Unterschrift der Kampagne «40 Meter sind genug» gegen Wolkenkratzer in Zürich zu gewinnen, und ich denke: Vierzig Meter sind erst der Anfang, du Höhlenmensch, aber ich lächle und sage: «Ich gehöre zur SP», und geselle mich zu den Genossen. So, jetzt ist es raus. Ich gehöre zur SP Zürich, Sektion Kreis 4, bin ein Pseudo-Mitglied auf Zeit und versuche, mich wie ein Mitglied zu verhalten.

Ich bin kein Vereinstyp, ich mag das Kollektiv nur kurzfristig und spontan, organisierte Gemeinsamkeit ist mir suspekt. Ich bin ergo auch kein Parteityp. Es liegt mir sehr fern, mich längerfristig einer Idee zu verschreiben, Meinungen zu Haltungen, Haltungen zu überzeugungen und überzeugungen zu Prinzipien verkommen zu lassen. Ich weiss: Meine Meinung ändert zu häufig für verbriefte Grundsätzlichkeiten. Ich weiss: Der Moment ist immer wichtiger als eine eventuelle Zukunft. Ich weiss: Kein Programm wird je ein Individuum einfangen, geschweige denn viele. Ich weiss: Wären alle so wie ich, wäre das wie ein Ameisenhaufen ohne den Haufen und ohne Plan, also einfach eine grossflächig verstreute Ameisenpopulation, und alle rennen in ihrem eigenen kleinen Kreis, und das führt zu nix.

Es ist also einigermassen seltsam für mich, mit einem Button an der Hose, wo draufsteht: Rot macht die Schweiz erst vollkommen! an diesem Samstagmorgen am Stauffacher in Zürich zu stehen und meine Partei zu repräsentieren.

Es ist mir aber nicht peinlich.

Im Gegenteil. Ich finds ziemlich cool.

Linkes Engagement fühlt sich gut an. So… richtig. Ich habe auch schon immer so etwas wie verständnislose Bewunderung empfunden für Bekannte, die politisch aktiv sind.

Standfest, irgendwie

Der Stand, den Genosse Fakir und ich aufgebaut haben, ist eine ziemlich wackelige Angelegenheit aus rotem Holz. Daran sind zwei Schilder aus Karton befestigt, wo SP draufsteht und viele Reste von Klebestreifen drankleben und eine kaputte tote Spinne. Die Schilder haben wir mit Klebband, das wir zu doppelseitig klebenden Röllchen gebastelt haben, am Stand befestigt, es hält aber nicht so richtig gut. Darunter hängen Plakate von Genossin Galladé (in den Ständerat) und Genossin Hubmann (wieder in den Nationalrat).

Dieser Stand, die Situation ist in mancherlei Hinsicht sinnbildlich für die SP.

Es werden Flyer verteilt und Buttons und Kugelschreiber und Gummiherzli und Schöggeli. Letztere freuen vor allem die Kinder, Susanne hat gesagt, es empfehle sich, vorher die Eltern zu fragen, ob es okay sei, dem Nachwuchs das Zuckerzeug zuzustecken. Fakir reicht den Vorbeigehenden seine Flyer mit den Worten «Darf ich Ihnen unsere Informationen mitgeben?», ich beschränke mich aufs Entgegenstrecken. Die Leute reagieren nach ein paar fixen Mustern.

Die meisten sagen gar nix und laufen einfach weiter. Ein paar sagen nix und nehmen den Zettel. Von denen schmeissen ihn einige ungelesen in den nächsten Abfalleimer. Dann gibt es die höflich Ablehnenden: «Nei messi.» Und die eher Unhöflichen: «Ganz sicher nöd», beziehungsweise Schmeissfliegen/Sekten-Handbewegung. Und dann gibt es die, die reden wollen. Alte Frauen, die im ersten Satz auf die SP eingehen («Ja, das ist schon gut, dass sie sich für die Schule einsetzen»), dann aber irgendeinen Schwank aus ihrem Leben erzählen («Mein Enkel nämlich, der hat einen schwulen Lehrer, aber der ist der Einzige, der darauf schaut, dass die noch ordentlich Schnüerlischrift lernen.»). Da sind solche, vor allem ältere Männer, die einen davon zu überzeugen versuchen, dass die SVP eigentlich viel besser sei als die SP. Und solche, die einfach politisieren wollen.

Die Schon-gut-aber-Partei

Und vor allem gibt es die, die sagen: «Also, ich finde die SP ja schon gut», und dann nehmen sie ein paar Flyer und Schöggeli und Gummiherzli, und dann kommts: «Aber!». Die SP ist die Schon-gut-aber-Partei. Alle finden die SP schon gut, aber.

Ist ja wirklich schon gut!

Den Reichen das Leben nicht noch leichter machen.

Den Armen das Leben nicht noch schwerer machen.

Nicht gemein sein zu Ausländern.

Nicht die Umwelt kaputtmachen.

Nicht Waffen rumliegen lassen zu Hause.

Mehr Krippenplätze, damit man beides haben kann: Kind und Karriere.

Eine Chance für die Jugend.

Eine weltoffene Schweiz.

Alles super!

Das Aber ist dabei eigentlich immer das Gleiche, es kommt nur in verschiedenen Schattierungen daher:

Aber ihr seid einfach ein Siffverein.

Aber ihr kriegt einfach den Finger nicht raus.

Aber ihr seid zu lasch.

Aber ihr habt es euch zu gemütlich gemacht in der Opferrolle.

Aber ihr seid immer so weinerlich.

Aber ihr seid so gut und moralisch, dass es komplett blutleer wirkt.

Und in der Stadt Zürich ist Polizeichefin Esther Maurer das grosse, dicke, fette Aber. Ihre repressive Verbotspolitik mit Bussen für alles und nichts, erschwerten Bewilligungsverfahren für Veranstaltungen, sogar dem Versuch, die Polizeistunde wieder einzuführen – diese Frau will Zürich zu einem Kurort machen. Nur SVP-Wähler über sechzig, die aus Versehen und wider Willen in der Stadt wohnen, mögen Esther Maurers Vision von Urbanität.

«Klar wärs schön, wenn ab und zu mal jemand kommen würde und sagte: Ich find euch toll. Einfach so. Aber das Maximum an Zuneigung, das ich bei Standaktionen zu hören kriege, ist: Ich wähl euch sowieso. … Aber!», sagt Heinz Bögle, der Friedensrichter der Kreise 4 und 5 werden will, und zieht an einer Zigarette. Bögle ist in gewisser Weise auch wieder sinnbildlich für die ganze SP: Ist ja ein netter Kerl, wirklich.

Ein Mann aus dem Volk, Drucker, schon lange im Kreis ansässig, ruhig, unauffällig. Dem gibt man den Friedensrichter. Aber seit Wochen schon kriegt er es nicht hin, endlich eine eigene Homepage zu organisieren.

Bögle war auch Thema in der Vorstandssitzung. Jeden ersten Montag des Monats trifft sich der Vorstand im urlinken Ristorante Cooperativo beim Werdplatz. Als wir den Saal betreten, sitzen da schon zwei Fremde, man schaut sich fragend an, dann sagen sie: «1.-Mai-Komitee?» Fakir erklärt ihnen auf Kurdisch, dass diese Sitzung woanders stattfindet.

Sieben Frauen, drei Männer des Vorstands sind anwesend, fünf von ihnen Brillenträger, keine Frisur länger als bis zu den Schultern, die Stimmung ist heiter, es wird auch mal ein Bier getrunken, gewitzelt und gefrotzelt, erfrischend unkorrekt ab und zu, da wird auch mal gesagt, bei einer Veranstaltung sei das Publikum bunt gemischt gewesen, «nicht nur der Pöbel, der organisiert hat».

Ideen, die quietschen

Bei Bögle ging es darum, ob noch mehr Geld in den zweiten Wahlkampf gebuttert wird, nachdem er das absolute Mehr beim ersten Mal knapp verpasst hatte. Man war sich zumindest einig, dass Bögle besser vermarktet werden muss. Dass der «ein Arbeiter ist, der die Probleme der Leute versteht». Man müsse halt provokative Schlagwörter bringen, nicht nur, dass «der gut und nett sei und es gut mit Menschen könne». Und irgendwann meinte Alice, ein bisschen resignierend, vielleicht müsse man halt wirklich den anderen etwas schlechter machen, um den Heinz besser dastehen zu lassen. Zum Beispiel rausstreichen, dass er, im Gegensatz zu seinem Rivalen, «nicht Nationalrat werden will, dass er dableibt».

Huuu.

Susanne hat den Prospekt einer PR-Firma aus Deutschland dabei, die Konzepte für Polit-Info-Aktionen anbietet. «Mal etwas anderes als die ewiggleichen Stände», der Katalog wird herumgereicht. Die Ideen sehen aus wie von 10-Jährigen. Aufblasbare Kinderschwimmbecken, auf deren Boden die Informationen stehen, vielleicht noch ein lustiges Quietschentchen dazu, «das schafft Aufmerksamkeit», versprechen die PR-Profis. «Lustig», finden das einige im Vorstand, und «herzig». Oder eine Bodenzeitung? Das ist Susanne «etwas zu Siebzigerjahre-spontimässig». Ihr Favorit sind Würfel aus Karton, die bedruckt und aufeinandergestapelt werden. Sie stossen im ganzen Vorstand auf Begeisterung, man beschliesst, welche zu bestellen.

Die Menschen, die politischen Positionen, das Auftreten: Die SP ist einfach nett. Ungefährlich, manchmal sogar ein bisschen trottelig vor lauter Fairness, nicht visionär, nicht aufregend, oft übermotiviert moralisch, aber immer erznett.

Und oft, wenn die SP versucht, etwas an ihrer grössten Schwäche zu ändern, nämlich dass sie meist aus der Defensive arbeitet und zu lau ist, um wirklich ein Gesicht zu haben und damit die nicht ganz so idealistischen, aber durchaus sympathisierenden Wähler verliert, dann gehts in die Hose. Vor allem, wenn sie lässig sein will. «Weder bierernst noch stocknüchtern», steht zum Beispiel auf der Website. Solche Konstruktionen funktionieren ja ganz wunderbar, wenn die beiden Adjektive zwei Pole darstellen. Aber «weder bierernst noch stocknüchtern» bedeutet ja eigentlich: ein bisschen besoffen und ziemlich albern.

Oder auch die Sache mit den Anti-Atomkraft-Plakaten, wo ein Flugzeug in ein AKW kracht, um den 11. September herum lanciert: «Glaubwürdigkeit», «Anstand» und die anderen interparteilich ins Gefecht geführten Argumente hin oder her – das Motiv ist einfach doof. Da versuchte die SP mal was Krasses zu machen, richtig für Sprengstoff zu sorgen, und heraus kommt eine unausgegorene Halbidee. Erstaunlich, denn die SP-Menschen sind alle so klug. Kaum jemand der Aktiven, die ich kennengelernt habe, der nicht studiert hätte. Und die SP-Menschen sind auch nicht besonders spontan. Nichts, was nicht ausführlich und ausgewogen besprochen wird. Unerklärlich, wie so etwas durchkommen konnte, ohne dass die 9/11-Hinterbliebenen-Solidaritätsbetroffenheits-Fraktion eingegriffen hat. Normalerweise ist die SP doch so sehr darauf bedacht, niemandem auf den Schlips zu treten.

Mein Zuhause, unsere Partei

Normalerweise hätte ich die Plakate auch belustigt zur Kenntnis genommen. Jetzt habe ich mich aber schon so sehr mit der Partei identifiziert, dass es mir peinlich ist.

Sich fremdschämen. Das gehört wohl auch zu den Gruppengefühlen, neben dem schönen Du-bist-nicht-allein und Gemeinsam-sind-wir-stark und Ich-bin-Teil-einer-guten-Sache. Oder auch Freude – die Plakate mit den Schafen, die grinsend den Blocher-Bock aus der Schweiz keilen, darunter der Slogan «Abzotteln, SVP», die find ich sogar so lustig, dass ich ein wenig stolz bin. Allerdings, halt leider auch hier wieder: Die SP reagiert. Aus der Defensive heraus. Und warum ist eigentlich keines der Schafe schwarz?

Nationalrätin Vreni Hubmann ist auch am Stand. Blendend gelaunt, lächelnd und vor Energie sprühend, die Königin der öffentlichkeitsarbeit. Sie strahlt aus, dass sie den Kontakt sucht und schätzt, und sie kriegt ihn auch – permanent ist sie in ein Gespräch verwickelt, und das findet sie «total lässig. Heute läuft es sowieso gut, die Leute sind sehr freundlich.» Aber es erschrecke sie, hier am Stauffacher so viele Leute zu sehen, die einfach den Tritt verloren hätten.

Neben dem Stand haben sich ein paar Alkoholiker installiert.   ‘

Peter Küng, Präsident der SP Kreis 4, ein intellektuell wirkender Mann mit Brille, kommt auch dazu. Er zögert, halb gespielt, sich einen Button anzustecken: «Die machen so grosse Löcher in den Stoff!» Und mokiert sich sogleich über seinen Cüpli-Sozialismus und durchbohrt forsch das Jackett.

Nagellack mit Köpfen!

Jedenfalls fühlt sich das besser an als erwartet, dieses Sich-engagieren. Vor allem, die Standaktion erfüllt, was sie auch wörtlich verspricht: Man steht zu etwas, bezieht Stellung, und das ist per se ein aufregendes Gefühl für den ungeübten Aktivisten. Im Fall der SP kommt dazu, dass ich mich ideologisch einigermassen entspannen kann – auch wenn einem das Parteiprogramm nicht in allen Punkten entspricht, man ist auf jeden Fall kein Arschloch mit einem SP-Button an der Hose.

Apropos: Bei der Standaktion beginne ich irgendwann, die Buttons an junge Frauen zu verteilen mit dem Satz: Politik ist chic. Das funktioniert gut.

Und ich hab noch eine Idee: Kleine Weiden aufstellen, darin grasen ein schwarzes und ein weisses Schaf friedlich nebeneinander. Vielleicht bocken sie sogar!

Oder: Diese Velosattel-Badekappen-Schutzdinger, damit man keinen nassen Po kriegt, wenns geregnet hat, mit dem Gesicht von Blocher drauf und dem Satz: SVP – My Ass! und dem SP-Logo.

Und: Roter SP-Nagellack! Von wegen «rot ist sexy» oder so. «Man trägt rot.» Als ich Susanne davon erzähle, sagt sie, sensationell unbegeistert: «ä-hä. Ja.» Machts in ihrem Kopf jetzt Nagellack-Sexy-Unterdrückungs-Prostitutions-Alarm?

Es ist vielleicht das Problem der SP, dass ich das befürchte.

Vollkommen nett: Heinz Bögle (rechts) an der Standaktion in Zürich | Bild: Fabian Biasio
Vollkommen nett: Heinz Bögle (rechts) an der Standaktion in Zürich | Bild: Fabian Biasio
«Weder bierernst noch stocknüchtern»: SP-Runde im Volkshaus | Bild: Fabian Biasio
«Weder bierernst noch stocknüchtern»: SP-Runde im Volkshaus | Bild: Fabian Biasio

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Stefan Locher

    Als einer, der das SP-Innenleben durchaus kennt, kann ich bestätigen, dass Sie der Partei tief in die Seele geschaut haben. Immer wieder musste ich laut lachen, die Mischung aus apolitischer Naivität und scharfsinniger Beobachtung sticht.
    Leider haben Sie sich mit der Partei offensichtlich derart identifiziert, dass ihre Wahlkampfvorschläge (weidende Schafe, Velosattel-Badekappen) leider auch aus der Defensive heraus kommen.

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