26.10.2007 von Martin Beglinger
Der 1. Dezember 2006 war ein wunderbarer Tag in Linthal. Der Tödi frisch verschneit, nicht das kleinste Wölklein am tiefblauen Glarner Himmel, ein idealer Tag zur Präsentation der Zukunft der Spinnerei Linthal. An einer Fassade der Fabrik glitzerten fünf Solarpanels in der Sonne, die deren Licht in Strom verwandeln, an einer anderen prangte ein rotes Firmenschild mit der Aufschrift «Solar Plant Swiss». Das Fabrikareal war still und leer. Die Haupthalle, gross wie der Landsgemeindeplatz in Glarus: ausgeräumt; ebenso die Nebenhallen. Nur in dem Trakt, wo früher die Spulmaschinen standen, sassen an jenem Morgen gegen hundert Gäste: Ingenieure, Politiker, Bankiers, Investoren, Unternehmer, Medienleute.
Aus der ganzen Schweiz waren sie nach Linthal gekommen, einige auch aus Deutschland, und einer chinesischen Viererdelegation waren selbst die 7000 Kilometer aus Shanghai in die 1200-Seelen-Gemeinde im hintersten Glarnerland nicht zu weit. An einer kahlen Wand hingen die chinesische Flagge und die Linthaler Gemeindefahne, während ein Dutzend Referenten von der Solar Plant Swiss schwärmten («Linthal is not as busy as Shanghai – not yet»). Allseits wurde der legendäre Pioniergeist dieses Kantons beschworen, der das Glarnerland im 19. Jahrhundert zu einer der meistindustrialisierten Gegenden der Schweiz gemacht hatte. Daran wollte man anknüpfen und schon bald ein neues Kapitel Industriegeschichte in diesem Kanton und in den Mauern dieser ehemaligen Spinnerei schreiben, ein wegleitendes Kapitel für das angebrochene 21. Jahrhundert: den Bau der ersten Solarzellenfabrik in der Schweiz.
Der Motor hinter diesem Projekt war Hans-Peter Keller, jener Mann, der als Chef der Spinnerei Linthal bereits das vorherige Kapitel dieser Fabrik entscheidend mitgeprägt hatte, nämlich deren Schliessung. Doch jetzt präsentierte er «die nächsten Meilensteine» des neuen Projekts, vom Vorentscheid der Maschinenbestellung bis zum Produktionsstart im Frühling 2008. Ab diesem Zeitpunkt würden 140 Mitarbeiter Solarpanels herstellen wie jene, die probehalber an der Fassade hingen und immerhin 1 Kilowatt Strom pro Stunde liefern. Gewiss, es war noch mehr Kapital nötig. Aber gut 30 Millionen Franken waren bereits zugesichert. Und Hans-Peter Keller, selber einer der Hauptinvestoren, war auch in dieser Hinsicht optimistisch, dass man die 120 Millionen Franken auftreiben werde. Eine Reihe von Banken waren interessiert, und als Keller erfuhr, dass auch Robert Hösli, ein langjähriger Angestellter der Spinnerei, nach dieser Präsentation beschlossen hatte, einen Teil seines Ersparten als Kleinaktionär in die Solar Plant Swiss zu investieren, da war er schon fast gerührt über dieses Vertrauen. Der Applaus am Schluss der Ausführungen hallte lange nach im leeren Saal. Endlich hatte man eine helle Zukunft für das wirtschaftlich ziemlich darbende Tal entdeckt. Das Glarnerland sollte zum Schweizer «Solar Valley» werden.
Ein paar Wochen nach dieser Präsentation flog Hans-Peter Keller mit seinem Geschäftspartner Jan Niggeler nach Belo Horizonte in Brasilien. Es war eine Reise mit nostalgischen Zügen, denn 9000 Kilometer westlich von Linthal wurden sie Zeugen einer Art «Wiedergeburt», wie sich Jan Niggeler ausdrückt, dem der Betrieb in Linthal zusammen mit Keller gehörte. Vom Flughafen der Drei-Millionen-Stadt wurden die Besucher aus der Schweiz direkt auf ein Baugelände in der Nähe des Vorortes Pedro Leopoldo gefahren, wo 40 Arbeiter eine 14000 Quadratmeter grosse Halle auf die kupferrote Erde gesetzt hatten: die neue Bleibe der Spinnmaschinen aus Linthal. Keller und Niggeler standen sprachlos inmitten der zerlegten Maschinen, die auf ihre Remontage warteten. Sie waren beeindruckt von der raffinierten Klimatechnologie der Halle und erschlagen von den Dimensionen. Diese Riesenhalle war mehr als doppelt so gross wie die grösste in Linthal.
Benetton in Belo Horizonte
Die neuen Besitzer der Linthaler Spinnmaschinen, die Gebrüder Fernando und Massimo Matos, residieren etwas ausserhalb der Textilmetropole Belo Horizonte, aber es war nicht der Luxus hinter dem sechs Meter hohen Villentor der Matos, der dem Schweizer Unternehmer Keller wirklich imponierte. Es war ihr Drive, das unternehmerische Feuer, das in diesen Brüdern brennt. Die Eltern Matos hatten «im Lumpenhandel» begonnen, die Karriere ihrer Söhne, die 1983 mit einer kleinen Strickerei ihre Firma Franco Matos aufzubauen begannen, erinnert Keller «an die Benetton-Story». Den gut 50-jährigen Matos-Brüdern gehören heute mehrere Strickereien, Färbereien sowie eine Spinnerei, und mit dem Kauf der Linthaler Maschinen werden sie ihre Kapazität als Spinner verdoppeln. Rund 1000 Leute beschäftigt die Matos SA, doch damit sind sie längst nicht die grössten Textilfabrikanten in der Region. Aber sie wollen wachsen, sie wollen nach oben.
Nach knapp vier Tagen in Belo Horizonte flogen Hans-Peter Keller und Jan Niggeler wieder nach Europa zurück, beide ohne «bad feelings». Sie waren froh, dass ihre Maschinen nun in fleissigen, kundigen Händen waren, erzählt Keller in seinem Büro in der alten Spinnerei in Linthal. Es ist nur sein Teilzeitbüro hier, sein Hauptquartier ist in Zollikon, wo er stets an vielen Projekten gleichzeitig arbeitet.
Keller, gross, kantiges Kinn, Marathonläufer, ist 54-jährig und zählt zu jener Sorte Menschen, die mit scheinbar unbegrenzten Energiereserven gesegnet sind und Viertagevisiten nach Brasilien hinter sich bringen wie andere eine Retourfahrt Linthal–Glarus. Auch im Rückblick auf Belo Horizonte redet er sich rasch wieder ins Feuer über «diese zweite Generation der Matos», die so ganz anders sei als «die fünfte oder sechste De-Generation, wie man sie bei uns immer wieder antrifft. In der Schweiz leben wir in einer komplett übersättigten Welt. Was treibt uns denn hier noch an? Anderswo ist es die Freude an einem neuen Fernseher, an einem Auto oder vielleicht an einem Haus. Aber hier? Hier reisst sich die zweite Generation kein Bein mehr aus wie diese zweite Generation in Belo Horizonte.»
Hans-Peter Keller ist ein erblich vorbelasteter Textiler, der weiss, wie Arbeiter- und Unternehmerfamilien in dieser Branche Berg und Tal fahren. Sein Grossvater besass in den 1920er-Jahren mehrere Stickereien in der Ostschweiz und in Ostdeutschland, bis er in einer grossen Stickereikrise während der Dreissigerjahre fast alles verlor und wieder von vorn beginnen musste. Als junger Textilkaufmann ging Keller erst einmal nach Taiwan, dann kehrte er als Verkaufsleiter der Zuger Spinnerei an der Lorze in die Schweiz zurück, ehe er sich 1985 selbstständig machte und eine auf Textilmarketing und -management spezialisierte Firma gründete.
Das war allerdings eine ziemlich bescheidene Karriere im Vergleich zu jener des Mannes, von dem Hans-Peter Keller in seinem Büro ein Bild an die Wand gehängt hat: Heinrich Kunz, «Europas Spinnerkönig», wie man ihn ehrfürchtig nannte, aber auch ein Rüpel sondergleichen, wie die Gemeindebehörden von Linthal bald einmal merkten.Doch zunächst warfen sich die Linthaler Kunz zu Füssen, als der Mann aus Oetwil am See 1836 mit dem Vorhaben aufkreuzte, die üppige Wasserkraft im hintersten Glarnerland zu nutzen und dort eine neuartige Spinnerei aufzustellen. Die Region war damals schwer in der Krise, weil viele Handweber mit dem Aufkommen der mechanischen Webstühle ihre Arbeit verloren hatten. Die neue Spinnerei Heinrich Kunz, die er 1838 in Betrieb nahm, verschaffte bis zu 300 Menschen neue Arbeit und Brot.
Das Erbe des Schinders
Nur der vier Jahre früher gestartete Konkurrent am anderen Ausgang des Tales, Jenny in Ziegelbrücke, blieb immer grösser. Doch das Brot von Kunz war ein ausgesprochen hartes. Kunz schikanierte die Arbeiter, schwängerte wohl etliche Arbeiterinnen, er belegte die Leute wegen Nichtigkeiten mit Bussen oder jagte sie gleich ganz zum Teufel, während er die Kinder an den Spinnmaschinen – es dürfte ein Viertel der Belegschaft gewesen sein – selbst bei kleinsten Vergehen verprügeln liess. Mit seinem Kasernenregime trug «Europas Spinnerkönig» allerdings nicht wenig, wenn auch wider Willen bei, dass die Glarner Landsgemeinde 1864 das erste Fabrikgesetz auf dem Kontinent beschloss, das die Beschäftigung von Schulkindern verbot und den 12-Stunden-Tag vorschrieb. Als der offiziell kinderlose Junggeselle Kunz starb, hinterliess er acht Spinnereien in der Schweiz und je eine in Italien und Polen – sowie ein für damalige Verhältnisse gigantisches Vermögen von fast 17 Millionen Franken. Seine erbenden Verwandten wurden jedoch derart mit Klagen über den toten Schinder eingedeckt, dass sie zur Beruhigung der Gemüter 750000 Franken für allerlei gute Zwecke stiften mussten, wovon allein 400000 Franken an den Bau der Zürcher Irrenanstalt Burghölzli gingen.
Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Spinnerei Kunz von der jüdischen Textilfabrikantenfamilie Wolff aus Stuttgart übernommen, und diese verkaufte, aus Angst vor den Nazis, die Spinnerei im Kriegsjahr 1941 dem Schweizer Kanonenkönig Emil Bührle. Die Spinnerei Kunz lief gut und gehörte noch immer zum Oerlikon-Bührle-Konzern, als 1978 der damals 29-jährige Maschinenschlosser Robert Hösli in ihre Dienste eintrat. Er hatte «nach einer Stelle am Trockenen gesucht» und sich erfolgreich um den Posten eines Nachtschichtmeisters in Linthal beworben, wie Hösli an einem Tisch des Linthaler Hotels «Bahnhof» erzählt. Robert Hösli – «Röbi», wie ihn alle Kollegen nennen – ist ein gewissenhafter Schwerarbeiter, der es innert zehn Jahren zum Abteilungsleiter des sogenannten Vorwerks brachte.
Auch Hösli war bald jener speziellen Faszination des Spinnens erlegen, von der alle Textiler schwärmen. Die eine Hälfte der Baumwolle, die per Schiff und Bahn in Linthal eintraf, stammte aus den USA, die andere aus der Türkei, Usbekistan, Spanien, Australien und Westafrika. Jede dieser Fasern hat ihre Vorzüge und Tücken, und diese zu einem perfekten Garn zu mischen, das ist der Berufsstolz des Spinners. Spinnen ist eine Wissenschaft. Doch unter dem Druck des Marktes ist das Metier mehr und mehr zur Kunst der Kostenoptimierung geworden. Robert Hösli sagt es so: «Man muss aus einem Rohstoff, der so schlecht wie möglich ist, einen Rohstoff machen, der so gut wie nötig ist. Und um dies zu schaffen, muss man die Technik im Griff haben.»
Vom Textilgeschäft hatten die Oerliker zwar keine Ahnung, doch was die Technik anging, so wollten sie sich nicht lumpen lassen und hatten auch das nötige Geld dazu, das sie im Kalten Krieg reichlich verdient hatten. So investierte Oerlikon-Bührle von 1988 bis 1992 34 Millionen Franken in eine neue Spinnerei, aber nicht in irgendeine: Die beste in Europa sollte es werden, vielleicht die modernste der Welt. Röbi Hösli ist nicht der Typ, der sich an einem Tag der offenen Türe nach vorn drängt, doch stolz war auch er, als Delegationen aus aller Welt anreisten, um das Wunder in Linthal zu bestaunen. Linthal wurde zum Showroom der Maschinenfabrik Rieter für die meistautomatisierte Spinnerei der Welt. Wöchentlich führte Hösli Delegationen durch den Betrieb.
Nur vier Jahre nach dem Start der «modernsten Spinnmaschine der Welt» beschloss Oerlikon-Bührle den Verkauf aller seiner Textilbetriebe, die es in den Vierzigerjahren übernommen hatte. Konzentration aufs Kerngeschäft, hiess es aus der Zentrale. Fünf Jahre nach dem Ende des Kommunismus und der öffnung vieler Grenzen waren nicht nur der internationale Waffenmarkt und damit der Bührle-Konzern unter schweren Druck geraten, sondern nicht minder die westeuropäische Textilindustrie und damit die Spinnerei Kunz. Auch Robert Hösli sah, wie das Linthaler Garn seit Anfang der Neunzigerjahre von viel billigerem Garn aus der Türkei und Südostasien konkurrenziert wurde. So kreuzten 1995 aufs Neue Textiler aus der ganzen Welt in Linthal auf, doch diesmal als mögliche Käufer. Und wieder hatte Robert Hösli «das Vergnügen, die Herrschaften durch den Betrieb zu führen, diesmal war es allerdings ein zwiespältiges». über «seine» Maschinen beugten sich Männer, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sie kamen aus Indien und Bangladesh, und Hösli hatte keine Ahnung, ob er diesen Herren trauen konnte. Wollten sie die Spinnerei tatsächlich hier weiterführen, oder waren sie nur scharf auf gute Occasionsmaschinen, die sie dann nach Asien abtransportiert hätten – mitsamt den Linthaler Arbeitsplätzen?
Flinke Hände, billige Hände
Einer, den Robert Hösli in diesen ungewissen Monaten des Jahres 1995 oft zusammen mit Interessenten in Linthal sah, war ein Mann namens Louis Spälti. Ihn kannte er allerdings schon lange, denn Spälti ist kein Unbekannter unter den Textilern in der Schweiz. Selbst im Glarnerland geboren und aufgewachsen, war Louis Spälti sechs Jahre lang Direktor der Tuchfabrik Hefti in Hätzingen, dem «Flaggschiff der Glarner Textilindustrie», als das man sich selber gern bezeichnete. Eingestellt hatte ihn im Mai 1970 ein energischer Vizedirektor bei den Emser Werken, ein noch nicht 30-jähriger Mann namens Christoph Blocher, der später auch noch andernorts von sich reden machen sollte. Diesen Emser Werken, die unter anderem synthetische Textilfasern produzierten, gehörte damals der entscheidende Teil an der traditionsreichen Tuchfabrik Hefti. Es waren turbulente Jahre für Spälti, wie er in seinem von Textilgeschichte umstellten Haus in Hätzingen erzählt.
Von seinem Büro aus sieht er direkt auf das sogenannte Mädchenheim, in dem während mehr als hundert Jahren jeweils 60 italienische Mädchen zwischen 16 und 20 Jahren einquartiert waren. Ihrer feinen und flinken Hände wegen wurden sie von den Glarner Textilfabrikanten als billige Arbeiterinnen aus Norditalien abgeworben. Tagsüber arbeiteten die Mädchen in der Fabrik, ansonsten wurden sie auf Geheiss der fernen Eltern und der Glarner Fabrikanten streng von katholischen Ordensschwestern aus Ingenbohl bewacht. Auch Röbi Hösli, der im Nachbarsdorf Diesbach aufgewachsen ist, sah als Bub die italienischen Mädchen Sonntag für Sonntag züchtig in Zweierreihe durchs Dorf marschieren. Im Lauf der Jahrzehnte nahm trotzdem manche spätere Familie ihren Anfang in einem Mädchenheim.
Das Heim von Hefti hat Direktor Spälti 1972 geschlossen. Es war auch das Jahr, in dem Bernhard Russi sein Olympiagold in Sapporo mit einem Skianzug aus Hefti-Stoff holte. Der Firma ging es trotzdem schlecht, so schlecht, dass Louis Spälti seinen 240 Arbeitern mitunter nicht einmal mehr die Löhne auszahlen konnte. 1976 zog Spälti schliesslich weiter, weil er sich nicht mit Ems und den anderen Mitbesitzern auf ein Sanierungskonzept hatte einigen können. Es war dann Christoph Blocher, der «das Flaggschiff der Glarner Textilindustrie» 1986 ins Ausland verkaufte: an den türkischen Milliardenkonzern Sabanci. Schweizer Interessenten waren keine zu finden gewesen. Zurück blieb viel Bitterkeit unter den Einheimischen, die sich «ausgerechnet an Türken» verscherbelt fühlten.
Im Jahr 1995 geriet der frühere Hefti-Direktor Spälti in eine ähnliche Rolle wie Blocher 1986, indem er von Oerlikon-Bührle den Auftrag erhielt, die Spinnerei Kunz zu verkaufen. Grundsätzlich war das nichts Aussergewöhnliches für ihn, denn Spälti arbeitete mittlerweile als Konsulent für ein Beratungsunternehmen im Textilbereich, das nichts anderes tut, als Spinnereien und Webereien auf der ganzen Welt zu planen, zu verkaufen und zu versetzen. Diesmal war die Sache allerdings etwas anders, denn die Spinnerei in Linthal stand fünf Kilometer von seiner Haustüre entfernt. Und er kannte viele Leute, die dort arbeiteten. Nun lief Louis Spälti alle paar Wochen mit einer neuen Delegation durch die Fabrik, misstrauisch beäugt von Robert Hösli, doch Spälti redete die Fabrik gegenüber Indern und Bangladeshis absichtlich schlecht, weil er ebenso wie Hösli fürchtete, diese seien nur an guten Occasionsmaschinen interessiert, aber nicht am Produktionsstandort Linthal.
Tektonische Gewalten
Schliesslich fädelte Louis Spälti den Verkauf an einen anderen langjährigen Bekannten ein: Hans-Peter Keller. Dieser bewog seinerseits Jan Niggeler und dessen Firma Niggeler & Küpfer zum Einstieg. Die neuen Besitzer hatten von Beginn an völlig nüchterne Vorstellungen. Man hatte sich ein Schnäppchen ergattert und setzte nun auf maximale Effizienz. Weitermachen, solange es rentiert, war die pragmatische Losung. Dass man sich in Linthal auf lange Sicht gegen die tektonischen Gewalten der internationalen Textilindustrie würde stemmen können, dieser Illusion gab sich hingegen schon damals keiner der neuen Besitzer hin.
Doch vorderhand lief die Fabrik gut weiter. Im Jahr 2000 schrieb Linthal das beste Resultat seiner jüngeren Geschichte. Dann jedoch begannen die Kunden in Westeuropa mit ihrer Produktion in billigere Länder zu ziehen. Kam hinzu, dass 2001 die Baumwollpreise um die Hälfte fielen und mit ihnen die Produktepreise. Die verbliebenen 80 Angestellten, darunter solche mit 40 und 50 Dienstjahren, begannen zu ahnen, dass der Faden dünner und dünner wurde, an dem ihre Arbeitsplätze hingen. «Auch wir haben Zeitung gelesen», sagt Robert Hösli lakonisch. Kein halbes Jahr verging mehr, ohne dass die Schliessung einer weiteren grossen Spinnerei im Land vermeldet wurde. Wer es sich erlauben konnte, rettete sich in die vorzeitige Pensionierung. Für Hösli selber kam das nie in Frage. Er hätte es wie Fahnenflucht empfunden. Er mochte auch gar nicht länger darüber nachdenken, denn noch lief die Spinnerei; noch war er dafür verantwortlich, dass jede Garnspule das Werk in tadelloser Qualität verliess. Mehr als die Sorge um die eigene Stelle machte dem Abteilungsleiter Hösli zu schaffen, dass er mehr wusste, als er den Arbeitern sagen durfte; dass er dauernd in Loyalitätskonflikten steckte, eingeklemmt zwischen Kader und Kollegen, wie schon in früheren Zeiten, wenn er als Abteilungsleiter jeweils vorsondieren musste, wen die Direktion schliesslich entliess.
Hans-Peter Keller hat seinen Kaderleuten stets die aktuellen Zahlen auf den Tisch gelegt, und ab dem Jahr 2003 sagten diese Zahlen nur noch eines: Ohne ein Wunder war das Ende nicht mehr abzuwenden. «Die Speckschwarte wurde immer dünner», erinnert sich Robert Hösli. Doch den Standort Linthal tel quel zu schliessen, das gab der unternehmerische Ehrgeiz von Hans-Peter Keller nicht zu. Mit Louis Spälti und Jan Niggeler wollte Keller alles tun, um wenigstens einen ausländischen Standort zu finden, wo sie mit den Linthaler Maschinen weiterspinnen konnten. Zuerst hofften sie ihre Spinnerei nach Mauritius zu zügeln. Dann versuchten sie es im Baumwollland Usbekistan, wo sie jedoch Opfer einer Clanfehde zwischen einem Provinzfürsten und dem Staatspräsidenten wurden. Schliesslich schrieb Keller die Spinnerei Linthal Anfang 2005 im Internet zum Verkauf aus.
Die ersten Interessenten kamen aus Bangladesh, und so kam Robert Hösli im Mai 2005 zu seiner ersten Reise nach Asien. Bislang hatte er mit seiner Belegschaft jede der 25000 Spindeln gehütet wie seinen Augapfel, nun stand er am chaotischen Rand der Hauptstadt Dhaka «unter Kulturschock» und sollte Kellers Frage beantworten, ob es denn eine gute Sache wäre, die Maschinen hierher zu verkaufen, in ein Land, wo sie auf der einen Strassenseite die allerneusten japanischen Spinnmaschinen gesehen hatten und auf der andern Seite Hunderte von Bettlern; wo Lehmhütten neben pompöse Glaspaläste gebaut waren. Keller hatte nicht ohne Grund gefragt. Denn sein Abteilungsleiter war der wichtigste Mann, der die Maschinen in Bangladesh wieder aufbauen helfen sollte. Hielte Hösli einen solchen Einsatz für ausgeschlossen, dann würde Keller wieder umkehren und nicht verkaufen. Bangladesh, sagte sich darauf Hösli, «ist nicht gerade meine Traumdestination. Doch ist es mir immer gut gegangen im Leben, und nun könnte ich etwas dazu beitragen, dass es den Leuten dort ein bisschen besser geht.»
Um ehrlich zu sein, war Robert Hösli froh, dass dieser Kelch an ihm vorüberging. Die Bangladeshis waren zwar sehr an den Linthaler Maschinen interessiert, doch schliesslich entschied sich Keller für den Verkauf an einen deutschen Maschinenhändler, der seinerseits bereits einen brasilianischen Kunden im Auge hatte: die Gebrüder Matos aus Belo Horizonte. Und die unterschrieben sofort. Das Ende der Spinnerei Linthal war besiegelt.
Das wars
Am 6. April 2005 rief Hans-Peter Keller die verbliebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Kantine und teilte ihnen das Ende der Spinnerei mit. Das bedeutete die Kündigung für 55 Männer und Frauen. Einer von ihnen war Franz Schuler, ein damals 55-jähriger stiller Mann mit tief sitzenden Augen. Schon sein Vater war ein Leben lang Arbeiter in dieser Spinnerei gewesen, seine Mutter ebenfalls, und weil die Löhne so niedrig waren und das Geld zu Hause knapp, schickten die Eltern Schuler den jüngsten ihrer drei Söhne nach den obligatorischen acht Schuljahren direkt in die Kunz’sche Fabrik. Das war 1965, und Franz Schuler war 15 Jahre alt. Er verdiente 2 Franken Stundenlohn, aber für die Familie warf das immer noch mehr ab als ein Lehrlingslohn. Am 1. April 2005, feierte der Hilfsarbeiter Franz Schuler sein 40-Jahre-Firmenjubiläum, wozu ihm Hans-Peter Keller gratulierte und vier Drittel eines Monatslohns als Prämie überreichte. Fünf Tage später kam die Kündigung mit einer Frist von sechs Monaten. Franz Schuler war immer schmal durchs Leben gegangen, das letzte Mal war er vor 15 Jahren auswärts in den Ferien, mit den Schützen in österreich, und er war nie ein Mann der lauten Töne, auch am Tag der Kündigung nicht. «Jammern nützt ja doch nichts», erzählt er im Linthaler Restaurant «Eidgenossen», wo er vor einem Bier sitzt. Ihm blieb nur das RAV, die Regionale Arbeitsvermittlung, und die leise Hoffnung, dass es mit dem Projekt der Solarfabrik klappen werde, von dem bald einmal alle sprachen, und er dort noch irgendeinen Unterschlupf fände für die letzten paar Jahre bis zur Pensionierung.
166 Jahre, 8 Monate, 25 Tage
Eine Spinnerei legt man nicht mit einem einzigen Knopfdruck still. Es waren 14 Tage nötig, bis die Ringspinnerei, das gigantische Herzstück in der 6000 Quadratmeter grossen Haupthalle, wirklich keinen Ruck mehr tat. Am Freitagabend, dem 23. September 2005, war Robert Hösli allerdings ganz allein in der Halle mit seinem «schweren Klumpen im Bauch». Die Klimaanlage dröhnte noch immer so laut, als liefe der ganze Betrieb auf vollen Touren. Zuerst fuhr Hösli die letzten Maschinenteile Stufe um Stufe herunter, daraufhin die Klimaanlage, und schliesslich war es nur noch unerträglich ruhig. Die Spinnerei Linthal stand nach 166 Jahren, 8 Monaten und 25 Tagen endgültig still. «Ein Glück, dass du das nicht auch noch erleben musstest», dachte Röbi Hösli in jenem Moment in Erinnerung an einen guten Arbeitskollegen, der kurz zuvor an Krebs gestorben war. Dann ging er, Posaunist in der Blechmusikgesellschaft Tödi, in die Musikprobe, um auf andere Gedanken zu kommen.
In den folgenden Monaten hörte man in den Spinnereihallen nur noch Rock aus dem Radio. «Die Totengräberfraktion» war in Linthal eingetroffen, wie Tino Freiberg sich und seine drei gut 20-jährigen Kollegen von einer deutschen Montagefirma nennt. Sie waren aus Tschechien und Ungarn angereist, wo sie zwei Textilfirmen für den Abtransport nach Indien zerlegt hatten. Nun war Linthal dran, dieser Ort, an dem für sie nicht viel mehr lief als Rock aus dem Radio, der sie beim Auseinandernehmen der Maschinen unterhielt. Der 30-jährige Freiberg war einst Maschinenführer in der deutschen Spinnerei Nördlingen gewesen, und als er dann die eigene Fabrik auseinandernehmen musste, weil sie nach Bangladesh verkauft worden war, schloss er sich den Demonteuren gleich selber an und zieht seither als «Totengräber» der Textilindustrie quer durch den Kontinent. «In Europa ist die Branche am Arsch», sagte Freiberg einmal zwischen den leblosen Maschinen zu Robert Hösli. Doch was wollte der schon dazu sagen? Recht hatte er ja. Die Rockmusik war ihm auch egal. Höchstens, dass sie die Maschinen etwas sorgfältiger auseinandernehmen sollten.
Kurz nach den «Totengräbern» war auch Renato Salgado aus Belo Horizonte in Linthal eingetroffen, der Schwager der Matos-Brüder, dem der Transfer und der Wiederaufbau der Fabrik in Brasilien oblagen. Salgado ist ein Mann, der die Welt gesehen hat, der als Ingenieur U-Bahnen in Amerika und Eisenbahnen in Portugal gebaut hat. Nun stieg er im schwer angejahrten Hotel «Bahnhof» ab, das gegenüber der Spinnerei steht, und erduldete während der nächsten fünf Monate die Linthaler Enge und Kälte. Das Glarner Hinterland war, um es in der Art von Robert Hösli zu sagen, definitiv nicht Salgados Traumdestination. Immerhin verstand er sich gut mit Hösli – und dieser sich mit ihm, obwohl der Brasilianer sich nun an die grosse Zerlegung seiner Fabrik und damit auch seines Arbeitsplatzes machte.
Doch böse, nein, böse könnte ihm Hösli deswegen nie sein. «Es war ja nicht die Schuld der Brasilianer, dass der Laden hier nicht mehr lief.» Auch in diesen schwierigen Zeiten erlaubte sich Robert Hösli wenig Emotionen, erst recht nicht im Betrieb. Er dachte nicht an die Zukunft, sondern an die «saubere» Abwicklung der Vergangenheit. Im Juni 2006 lag die zerlegte Spinnerei, in 80 Containern verpackt, zum Abtransport bereit. über Embrach und Rotterdam wurden die Container nach Brasilien verschickt, und Robert Hösli war ziemlich sicher, dass die Maschinen in gute Hände geraten waren.
Hans-Peter Keller, der in seinem Büro auf die allerletzte in Linthal produzierte Färberotorgarnspule schaut, die nun als Erinnerungsstück auf seinem Aktenschrank steht, Hans-Peter Keller sagt: «Da haben wir in Linthal dauernd reduziert, rationalisiert und optimiert; wir haben mit unseren 76 Leuten in Linthal gar günstigeres Garn hergestellt als die Spinnereien in Italien, und trotzdem hat es nicht gereicht. Es hat nicht gereicht für einen Standort mit derart hoher Arbeitskultur, mit Qualitäts- und Effizienzbewusstsein. Das ist irgendwie pervers.» Wenn er von Perversionen spricht, meint Keller eher die Kosten: «Ich habe keine Ahnung, wie die Welt in 20 Jahren aussieht, doch es kann sehr schnell gehen, dass die Energie plötzlich zehnmal so teuer ist. Dann würden wir das Garn nicht mehr aus Indien und Usbekistan importieren, sondern wieder hier in Linthal spinnen.» Aber Hans-Peter Keller ist zu nüchtern, zu pragmatisch, zu realitätsbezogen, um sich lange über Dinge aufzuhalten, die er nicht ändern kann.
Jetzt nur nicht aufgeben
Auch Louis Spälti braucht all dies niemand zu erklären. In seinem Haus zieht er eine Studie aus seinen Unterlagen, die die Textilarbeiterlöhne in sieben asiatischen Ländern vergleicht: Pakistan, Indien, China, Bangladesh, Indonesien, ägypten, Vietnam. Am teuersten – oder besser: am wenigsten billig – ist ägypten mit Lohnkosten von 60 US-Cent pro Stunde. Dann folgt bereits China mit 57. Die Billigsten der Billigen sind Vietnam mit 29 Cent und Bangladesh mit 27 Cent. Nicht in der Studie ist Linthal. Dort liegt, oder eben lag, der Stundenlohn bei 36 Franken (wovon ein Schichtarbeiter 25 Franken effektiv ausbezahlt erhielt). Als Konsulent hat Louis Spälti in den letzten 20 Jahren täglich mit solchen Tabellen gearbeitet, hat den Ausstoss in Kilogramm pro Arbeitsstunde berechnet und hundert andere Standortparameter verglichen, wenn es darum ging, ob eine Spinnerei in Peru oder Pakistan oder doch in Indien gebaut werden sollte. Er war «durchaus ein globalisierter Manager», wie er sagt. Doch jetzt hat er langsam genug davon, nicht vom Textilen, aber vom Beraten, wenn dieses Beraten immer mit Entlassungen endet. In den letzten Jahren war Spälti oft in Indien. Er hat Spinnereien in Indien gesehen mit 750000 Spindeln in einem einzigen Saal – in Linthal waren es 17324. Er sass in vergoldeten Villen schwerreicher Textilbarone, er hat aber auch die Hütten der Textilarbeiter in Bangladesh gesehen, die für 27 Cent pro Stunde malochen.
Aus Ländern wie Indien oder Bangladesh hat sich Spälti als Konsulent zurückgezogen. Er ist jetzt 71 und von so mancher Turbulenz ernüchtert, und trotzdem hat er seine Träume als Textiler nicht verloren. Den nächsten, den er nach dem Ende in Linthal unbedingt realisieren möchte, ist «eine wunderbare Spinnerei mit modernsten Rieter-Maschinen» in seinem Lieblingsland Usbekistan.
Keller hingegen ginge nach all den Erfahrungen mit der politischen Vetternwirtschaft vor Ort nicht mehr nach Usbekistan. Doch entmutigen lässt sich auch er nicht. Nicht einmal als Spinner. «Hauptsache ist, dass ich meine Handlungsfreiheit erhalte.» Das hat er offenbar. Während Keller Linthal verkaufte, übernahm er 2005 mit zwei anderen Schweizer Geschäftspartnern die nächste Spinnerei in Ostdeutschland, ein Konkursobjekt, das entsprechend günstig zu haben war.
Sicher ist: Diese Textiler sind keine Spekulanten. Sie wollen etwas bewegen. Schnelles Geld könnten sie an der Börse verdienen, aber einer wie Keller schiebt lieber neue Projekte an. Fasziniert war er vor allem von einer Idee, die ihm der Linthaler Gemeindepräsident Hanspeter Zweifel und der Basler Architekt David Muspach vier Wochen nach dem Schliessungsentscheid der Spinnerei in den Kopf gesetzt hatten: eine Solarzellenfabrik in den Hallen der alten Spinnerei. Keller war zwar weitherhin Besitzer von zwei hauseigenen Wasserkraftwerken, die seit mehr als hundert Jahren billigen Strom für die Spinnerei lieferten, doch von der Solarindustrie hatte er bislang keine Ahnung. Aber es klang zukunftsträchtig.
So gründete er im November 2005 die Solar Plant Swiss und heuerte eine Handvoll Leute an, die ein Projekt ausarbeiten sollten. Mitten im Abbruch begann auch für Robert Hösli und seine Kollegen vom «letzten Aufgebot» wieder Hoffnung auf neues Leben in Linthal zu spriessen. Mit Spanplatten richteten sie ein neues Büro im Spulmaschinensaal ein und freuten sich, dass die Textiler sich plötzlich mit Dingen wie polykristallinen Solarzellen, Wafern und Modulen zu beschäftigen begannen. Keller reiste einmal und seine Leute nicht weniger als sechsmal nach China, nun aber nicht mehr wegen Spinnereien, sondern auf der Suche nach Silizium. Denn ohne sicheren Zugang zum Silizium – quasi dem öl der Solarzellenindustrie – würde in Linthal nie eine Panel produziert. So fanden sich Keller und seine Leute bald mitten im Rohstoffkrieg um Silizium wieder, das nicht nur die Computerindustrie für ihre Halbleiter braucht, sondern ebenso dringend die boomende Solarindustrie. Aber nicht irgendwelches Silizium, sondern solches mit einem Reinheitsgehalt von 99,99 Prozent. In dieser Qualität wird es nur an wenigen Standorten produziert. Einer davon liegt in China.
Zu langsam für die Welt
Hans-Peter Keller war denn auch recht stolz, als er am 1. Dezember 2006 jene vier Herren aus Shanghai in der leeren Spulmaschinenhalle begrüssen und verkünden durfte, der Import von Silizium sei nach einem Jahr des Verhandelns gesichert. Doch dies war erst die Vorbedingung für alles Weitere. Noch musste man die richtigen Maschinen, die richtigen Fachleute und genug Kapital finden. Aber die Finanzfachleute der Solar Plant Swiss sprachen von «sehr guten Aussichten» und verteilten an die Anwesenden einen Artikel, den die «Neue Zürcher Zeitung» am Vortag publiziert hatte: «Energieschub für Solartechnologie-Unternehmen in den USA. Das wachsende Interesse der Wall Street beschert der Branche viel Kapital.»
Am Tag nach dieser Veranstaltung ging Robert Hösli auf die Bank und zapfte sein Erspartes an, um ebenfalls Aktionär der Solar Plant Swiss zu werden. Kein grosser, aber immerhin. «Man kann doch nicht erwarten, dass andere Leute an dieses Projekt glauben und Risikokapital einschiessen, wenn man es selber nicht macht», sagte er zu seiner Frau, nachdem er das Geld einbezahlt hatte. Er selbst glaubte daran, umso mehr, als kein Tag verging, an dem nicht die Zeitungen über die Zukunftsträchtigkeit der Solarindustrie im anbrechenden Zeitalter der Klimaerwärmung schrieben. Und alle Politiker reihum gelobten, «grüne» Energie so stark wie möglich staatlich zu fördern. «Photovoltaik ist der Zukunftsmarkt, ist die Chance für die Volkswirtschaft, für Unternehmer und Handwerker», rief zum Beispiel der Glarner SVP-Vertreter This Jenny im März 2007 durch den Ständeratssaal, als er (erfolgreich) um eine Anschubfinanzierung für Solarstrom warb.
Die Spanplattenwände des Büroprovisoriums waren mit Plänen voll gepinnt, doch je genauer man hinschaute in dieser 18 Monate langen Planungsphase, umso grösser wurden die Berge. «Die Stolpersteine wurden uns einzeln hingelegt», sagt Robert Hösli. Zu Beginn hatten die Experten versichert, mit den Hallen stehe es bestens, mit dem hauseigenen Strom ebenso und mit dem Geld auch bald. Ein paar Monate später waren die Hallen plötzlich zu klein, der Strom aus den eigenen Werken zu knapp und das Kapital auch. Es fehlten 13 Millionen Franken Eigenkapital, die Grossbanken hatten abgesagt.
Hans-Peter Keller realisierte, dass er hier in einem explodierenden Markt Fuss zu fassen versuchte, der so gross und in rasender Veränderung war, dass sein Projekt schon überrollt sein würde, ehe es überhaupt stand. Bis er seine Siliziumlieferanten gefunden hatte, hatten sich die Preise dafür vervielfacht. ‘
Andere Solarpanel-Fabriken, die bereits im Bau waren, namentlich in Ostdeutschland, waren fünf- bis zehnmal grösser als die geplante Solar Plant Swiss. Also schneller. Und billiger. Kurz: In Linthal wäre man beim Start der Solarpanelfabrik so weit gewesen wie mit der Spinnerei am Schluss: zu klein und zu teuer, um konkurrenzfähig zu sein.
«Ich habs wenigstens versucht»
Im März 2007 entschieden sich Keller und der Verwaltungsrat für einen sofortigen Projektstopp. Ein Start wäre ihnen bei diesem 120-Millionen-Projekt schlicht zu riskant gewesen. Auch mit dem Stopp verlor Keller ziemlich viel Geld, obwohl er sich wenig davon anmerken lässt. «Die Gefahr eines Misserfolgs schwebt über jedem Investitionsentscheid. Man hat immer Angst vor dem Verlumpen. Aber ich kann mir sagen: Ich habs wenigstens versucht. Das ist eben der Unterschied zu den Performancerittern.»
Als Aktionär erfuhr Robert Hösli offiziell einen Tag vor der öffentlichkeit vom Ende des Projekts: aus dem Aktionärsbrief von Hans-Peter Keller. überrascht war er nicht mehr, denn die Signale waren schon Wochen vorher in die leeren Hallen durchgedrungen. Doch er war enttäuscht, schwer enttäuscht wie auch Franz Schuler, der Hilfsarbeiter mit seinen vierzigeinhalb Dienstjahren, der sich nun endgütig darauf einstellen musste, die letzten acht Jahre mit Gelegenheitsjobs zu überstehen.
Noch hatte Robert Hösli all die grossartigen Prognosen der Experten und Versprechen der Politiker in den Ohren. Und er ärgerte sich über die beiden Grossbanken im Land, die in jenen Wochen aufs Neue ihre Milliardengewinne vermeldet hatten, aber nicht einen Rappen in die Solar Plant Swiss investieren wollten. Das Projekt, glaubt Hösli, sei aber auch an der Unberechenbarkeit der globalen Märkte gescheitert, ganz ähnlich wie zuvor schon die Spinnerei: «Heinrich Kunz hat noch Strukturen geschaffen, die mehr als ein Jahrhundert hielten. Jetzt stellt man irgendwo neue Fabriken hin, und drei Jahre später werden sie wieder geschlossen.»
Im Frühling 2007 begann Hans-Peter Keller wieder kleine Brötchen in Linthal zu backen und verkaufte die ehemalige Rohstoffhalle zwei aufstrebenden Jungunternehmern aus der Holzbranche. Es soll der Kern für einen künftigen «ökopark Glarus Süd» sein. Gleichzeitig löste sich nach dem «No go» das «letzte Aufgebot» weiter auf. Die einen fanden eine neue Stelle, andere gingen endgültig in Pension, und Dritte wurden «bös gesagt lethargisch», wie sich Robert Hösli ausdrückt. Er selber ist jetzt 58 und hat nach diesen letzten Jahren im Schüttelbecher der Globalisierung wieder «zu einer gewissen inneren Ruhe zurückgefunden». Und zu Pragmatismus. Bis zur Pensionierung im Jahr 2014 will er nur noch in Halbjahresschritten denken, und die könnten in eine ähnliche Richtung gehen wie jene der Abräumtruppe von Timo Freiberg, auch wenn Hösli sich nie als «Totengräber» bezeichnen würde. Eher als «wedding gift». So hatte es zumindest Hans-Peter Keller formuliert, als er den Gebrüdern Matos seinen Abteilungsleiter Hösli als «Hochzeitsgeschenk» versprach, der dann in Belo Horizonte beim «Finetuning» der Linthaler Maschinen helfen werde. Auswandern, nein, das würde er nicht wollen, sagt Robert Hösli am Tisch im Hotel «Bahnhof», aber er freut sich auf Belo Horizonte, wohin er mit seinem Kollegen Franz Albert für einen Monat reisen wird. Und dann wieder im Sommer und im Herbst. Und im nächsten Jahr, wer weiss, in eine andere Fabrik in einem anderen Land. «Früher», sagt Hösli, «haben die Nomaden ein Stück Land abgegrast, dann sind sie weitergezogen. Heute machen wir das mit den Fabriken. Wir sind Industrienomaden geworden.»
Ende Mai 2007 mailte Robert Hösli aus Belo Horizonte: «Herr Renato Salgado hat das Resultat, das wir ihm präsentieren konnten, mit grosser Freude zur Kenntnis genommen. Als alles gut lief, wurde das Natel an die Maschine gehalten, damit die Obrigkeit der Franco Matos Gruppe hören konnte, dass sich etwas bewegt.»

Das Glarnerland, Sinnbild der Schweizer Industrialisierung | Bild: Fridolin Walcher

«Ich bin ein Industrienomade geworden»: Robert Hösli, ein Held der Arbeit | Bild: Fridolin Walcher