23.10.2009 von Birgit Schmid , 17 Kommentare
Es fehlt an Frauen in der Finanz- und Wirtschaftswelt. Der weibliche Anteil in Verwaltungsräten von Unternehmen ist verschwindend klein. Dabei mehren sich die Belege, dass eine Firma erfolgreicher ist, wenn Frauen in ihren Aufsichtsgremien sitzen. Sogar die «Financial Times» fordert inzwischen eine freiwillige, zeitlich limitierte Frauenquote in Verwaltungsräten, um die Idee der Diversität voranzutreiben. Zur Tat geschritten ist die Berner Betriebswirtschafterin Michèle Etienne. Da in Schweizer Firmen nicht mal auf jedem zehnten Verwaltungsratsstuhl eine Frau sitzt, hat die 37-Jährige vor zwei Jahren gemeinsam mit der Unternehmerin Barbara Rigassi das Netzwerk GetDiversity gegründet. GetDiversity vermittelt Geschäftsfrauen, die gerne ein VR-Mandat übernehmen würden, an Firmen, die explizit eine Frau für ein solches Mandat suchen. Im Pool von GetDiversity befinden sich heute 85 Frauen im Alter von 38 bis 62 Jahren. Etienne, Mutter eines zweijährigen Sohnes, leitet mit ihrem Mann auch noch eine Managementberatungsfirma.
Die Finanzkrise wurde mehrheitlich von Männern verschuldet. Männer bekommen auch die wirtschaftliche Baisse stärker zu spüren, da die Arbeitslosigkeit typisch männliche Berufe in der Exportindustrie oder im Finanzbereich trifft. Bricht jetzt das Zeitalter der Frauen an?
MICHÈLE ETIENNE: Ich bin ambivalent. Das Thema ist omnipräsent: Frauen in der Wirtschaft, Frauen in Verwaltungsräten, darf eine Managerin schwanger werden? Durch meine Tätigkeit bei GetDiversity bin ich natürlich sensibilisiert. Es gibt aber auch die Gegenbewegung, die «Frauen zurück an den Herd» fordert, das ist nicht erst seit Eva Herman wieder salonfähig. Also: Die Krise könnte eine Chance für die Frauen sein.
Es braucht mehr Frauen in Führungspositionen, darüber herrscht heute ein Konsens. Frauen müssten jetzt doch von der Situation auf dem Arbeitsmarkt profitieren?
In Krisenzeiten holt man tatsächlich eher Frauen in ein Unternehmen. Das zeigen Studien. Die Frauen müssen die Firma wieder auf Kurs bringen — scheitern sie, bestätigt sich das Vorurteil, dass Frauen es nicht können. Sie erhalten eine Chance, stehen aber gleichzeitig unter starker Beobachtung. Sie sind stärker gefordert als auf dem Höhepunkt eines Wirtschaftszyklus. Wenn alle Stricke reissen, ruft man die Frauen, damit sie aufräumen. Das können Frauen in der Regel gut.
Kennen Sie wirkliche Krisengewinnerinnen in Ihrem persönlichen Umfeld?
In den Verwaltungsräten tun sich Fenster auf. Das beobachte ich, und darüber freue ich mich. Es sind letztlich die strategischen Gremien, die Verantwortung tragen, wenn ein Unternehmen Schiffbruch erleidet. Der Verwaltungsrat wählt die Leute in die operativen Funktionen einer Firma und bestimmt die Strategie. Werden VR-Mitglieder ausgewechselt, will man heute den Mehrwert eines gemischten Gremiums mehr zum Tragen bringen und wählt eher mal eine Frau. Damit verjüngt es sich automatisch. In einem Verwaltungsrat ist das Durchschnittsalter heute 59 Jahre.
Muss erst die alte graue Garde abtreten, damit Frauen selbstverständlich werden?
Jüngere Männer bringen eine Offenheit mit, die sie bereits als moderne Familienväter und gleichberechtigte Partner beweisen. Ältere sind oft noch im traditionellen Rollendenken verhaftet und haben mehr Mühe mit der Neuorientierung. Doch das eigentliche Problem liegt woanders. In Verwaltungsräte wird man berufen. Man wird angefragt — dies im Gegensatz zu Linienfunktionen, wo es sehr strukturiert abläuft, mit Ausschreibung, Assessments, alles ist öffentlich. Auch da muss ein Umdenken stattfinden. Wenn Besetzungen nur über Berufungen stattfinden, wird man die fähigen und willigen Frauen nie suchen und auch nicht finden. Sie sind nicht sichtbar, da in den Männernetzwerken schlicht nicht präsent.
In Norwegen müssen mindestens vierzig Prozent der Verwaltungsräte von börsenkotierten Unternehmen weiblich sein. Sind Sie für Frauenquoten?
Ich bin eigentlich gegen Quoten, weil mich das Beispiel Norwegen nicht überzeugt. Damit eine Firma die Regelung erfüllen konnte, mussten anfangs gut qualifizierte Männer den Sessel für Frauen räumen, welche die Voraussetzungen nicht mitbrachten. So etwas ist der Sache nicht dienlich.
In Norwegen soll es nun aber sogar den Effekt geben, dass die Quotenregelung den Frauen den Weg ins Topmanagement ebnet, weil sie sich dank VR-Mandat bekannt machen. Statt dass man für die Gremien auf die immer gleichen Managerinnen zurückgreift, findet ein umgekehrter Prozess statt.
Das leuchtet ein. In Unternehmensleitungen liegt der Anteil der Frauen unter zehn Prozent, in Verwaltungsräten genauso. Es ist die Huhn-Ei-Frage: Fehlen die Frauen zuerst in den strategischen Gremien oder in den Konzernleitungen? Dort, wo es fast keine Frauen hat, entsteht auch nicht der Druck, mehr Frauen zu befördern. Fehlen Frauen in Verwaltungsräten, so fehlen sie auch in Linienfunktionen.
Man hört oft, dass ein VR zwar eine Frau möchte, aber keine findet. Was antworten Sie?
Meine Geschäftspartnerin Barbara Rigassi und ich sitzen beide in mehreren Verwaltungsräten. Anfangs wurden wir oft gefragt, ob wir keine Frau kennen, mit der man das Gremium ergänzen könnte. Wir mussten zu unserer Beschämung zugeben, dass wir, abgesehen von den usual suspects, die ständig in der Öffentlichkeit stehen, und unserem eigenen engen Bekanntenkreis, auch keine Frauen nennen konnten. Die Kollegen hingegen kamen, zack!, mit x Kandidaten, die sich eignen würden.
Ein Problem, das sich in Norwegen stellte: Es waren plötzlich so viele Frauen nötig, dass die kompetenten und erfahrenen mehr Mandate annehmen mussten, als sie bewältigen können.
Es wäre fatal, wenn Frauen unter diesem Druck Mandate ohne sorgfältige Prüfung annehmen würden. Das wäre unprofessionell — sowohl bei Frauen wie bei Männern. Mandate brauchen Zeit, gerade in schwierigen Zeiten.
Wie wählen Sie bei GetDiversity die Frauen aus?
Jede potenzielle Teilnehmerin muss sich schriftlich bewerben. Danach laden wir sie zum mündlichen Aufnahmegespräch ein. Und da erlebe ich häufig, dass Frauen sich trotz bester Ausbildung und tollem Leistungsausweis fragen, ob sie der Aufgabe gewachsen sind. Bin ich fähig dazu? Kann ich die Erwartungen erfüllen? Sie sind unsicher und glauben zu wenig an ihre Talente, statt dass sie sich hinstellen und sagen: Das, was Männer können, kann ich auch!
Dabei kommen sie doch zu Ihnen, weil sie bereit dazu sind. Trotzdem müssen Sie noch Überzeugungsarbeit leisten?
Frauen unterscheiden sich von Männern. Das sieht man, wenn sie eine konkrete Anfrage für ein VR-Mandat erhalten. Ruft man einen Mann an und er hört nur schon das Wort Verwaltungsrat, wird er ganz euphorisch und sagt, ohne gross zu überlegen: Ich will, ich kann. Das habe ich mehrmals erlebt. Einsitz nehmen in ein strategisches Gremium ist the cherry on the cake. Es ist eine prestigeträchtige Aufgabe, man kann zeigen, dass man jemand ist. Frauen hinterfragen zuerst ihren Input und wissen nicht, ob sie den Mehrwert einbringen können, den man von ihnen erhofft. Das ist auch wieder positiv, sie sind sich der Verantwortung bewusst und wollen wissen, welche Konsequenzen die Aufgabe haben könnte.
Müssen Sie Frauen auch mal abweisen?
Ja. Wenn wir sehen, dass grundlegende Fähigkeiten für ein solches Amt fehlen. Eine Frau, die über mangelnde Kommunikations- oder Konfliktfähigkeit verfügt oder zu introvertiert ist. Man darf in einem Gremium auch nicht zu harmoniebedürftig sein.
In wie vielen Verwaltungsräten sitzen Sie, und wie kamen Sie da rein?
Die erste Anfrage erhielt ich mit 33. Ich machte damals eine Strategiepräsentation in einem Unternehmen. Unter den Zuhörern war ein Verwaltungsrat, der mich danach für das Gremium vorschlug. Hat man mal ein Mandat, ist es einfacher. Wer hat, dem wird gegeben. Heute habe ich vier VR-Mandate.
Viermal als einzige Frau?
In zwei Gremien bin ich die einzige Frau, im dritten sind wir zwei Frauen und vier Männer, im vierten drei Frauen und fünf Männer.
Wie unterscheidet sich die Kultur in Gremien mit Frauen von jener in rein männlichen?
Es ist anders. Nicht dass Frauen immer derselben Meinung wären — es gibt keine geschlechtsspezifischen Fraktionen. Ich stelle aber immer wieder fest, dass in Gremien mit mehr Frauen die Diskussionen vertiefter und kritischer ablaufen. Frauen bringen völlig neue Perspektiven hinein, sie ziehen Analogien aus dem privaten Umfeld oder aus sozialen Engagements.
Es werden sicher manchmal auch Sprüche fallen. Ist das schlimm, wenn man die einzige Frau ist?
Nein. Ginge mir etwas völlig gegen den Strich, würde ich es sagen. Zum Beispiel hätten mein Mann und ich gerne ein zweites Kind. In einem VR raportiere ich regelmässig unter Varia: Liebe Leute, ich bin im Fall noch nicht schwanger. Die Bemerkung verträgt es, weil das Klima in diesem Gremium sehr gut ist. Mein Spruch ist zum Running Gag geworden, nachdem ein Mitglied mich mal so anschaute und fand, ich sei doch sicher wieder schwanger. In manchen Gremien geht man kollegialer miteinander um, in andern formeller, das ist auch abhängig vom Charakter der Frau. Ich bin es gewohnt, mit Männern zu arbeiten. Ich habe gelernt, mich zu behaupten.
Geniesst man die Sonderstellung als einzige Frau nicht auch? Das geben manche erfolgreichen Frauen zu, die sich gegen Quoten aussprechen: Als Frau, die es auch so geschafft hat, fühlt man sich durchaus wohl allein unter Männern. Die weibliche Rivalität fällt weg. Was ist da Wahres daran?
Ich höre beides. Manche erleben während ihres ganzen beruflichen Werdegangs eine grosse Frauensolidarität. Sie wurden von Frauen portiert und gefördert. Andere erzählen genau das Gegenteil. Ich glaube, das ist keine Frage des Geschlechts, sondern des Charakters. Das Pendant zum Alphagüggel gibt es auch, die Primadonna, die die alleinige Aufmerksamkeit braucht und Konkurrenz fürchtet.
Dann ist es ein Klischee, dass, wo viele Frauen aufeinandertreffen, der Hennenkampf ausbricht?
Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mich mal für Frauenanliegen starkmachen würde. Jetzt umgebe ich mich mit Frauen. Ich habe bisher nichts von Neidkultur oder dergleichen erlebt.
Passt man sich als Frau nicht automatisch dem männlichen Verhalten an?
Frauen sollen sich nicht vermännlichen. Sonst verkommt Diversität zum Witz. Aber auch die Frau muss sich gewissen Spielregeln beugen und mitspielen. Ich vergleiche das Wirtschaftsgeschehen mit einem Spiel, dessen Verhaltensregeln uralt sind. Aber auch wenn man mitzuspielen lernt, heisst das nicht, dass man seine Persönlichkeit verändern muss.
Eine Spielregel bitte!
Wie sage ich etwas, damit es bei den Männern ankommt? Frauen haben oft eine indirekte Sprache. Wenn ich etwas erkläre, verstehen das Frauen deshalb in der Regel viel schneller, während man es für Männer anders, direkter und pointierter formulieren muss. Man sollte sich dann anpassen und es auf ihre Weise erklären.
Führen Frauen besser als Männer?
Untersuchungen weisen darauf hin. Männer führen stärker über Kontrolle und sachorientierter. Frauen vermitteln lieber Visionen. Die Mitarbeitenden erkennen dadurch den Sinn ihrer Arbeit besser und zahlen es mit grösserem Einsatz zurück.
Wird bei dieser ganzen Diskussion um die Frage, warum Frauen es nicht nach ganz oben schaffen, nicht gerne unterschlagen, dass viele vorher freiwillig aussteigen?
Wenn ich die Lebensläufe unserer Kandidatinnen betrachte, sehe ich viele, die zwischen vierzig und fünfzig Jahren den klassischen Karrierewechsel machen. Sie fragen sich, was sie auch nach Erreichen einer hohen Kaderposition in den nächsten 25 Jahren noch unternehmen wollen. Viele steigen um, gründen ein eigenes Unternehmen und starten neu. Hier kommt das Multidimensionale zum Tragen, das Frauen von Männern unterscheidet.
Was meinen Sie mit «multidimensional»?
Frauen fällt es leichter, verschiedene Dinge miteinander zu vereinbaren: Beruf, Familie, Hobbys, Freunde. Soziale Netzwerke sind ihnen wichtig. Männer sind eindimensionaler, man kann es auch fokussierter nennen. Wenn diese zwei Mentalitäten aufeinandertreffen, kann es sein, dass eine Frau irgendwann nicht mehr bereit ist, unter den männlichen Spielregeln mitzuspielen.
Die «Weltwoche» findet Topmanagerinnen verantwortungslos, die in ihrer Firma vier Monate fehlen, weil sie im Mutterschaftsurlaub sind. Sie haben heftig widersprochen. Warum?
Wenn gesagt wird, dass man als Manager in einer Topposition der Söldner ist und alles dem Erfolg des Unternehmens unterordnen muss, so ist das falsch. Wir sind kein eindimensionales Konstrukt. Nur wenn im Privaten alles in Ordnung ist, kann man die volle Leistung bringen. Deshalb bin ich dagegen, dass man alles der Firma unterordnet. Das hat ja letztlich zur Krise geführt, die wir nun haben. Es ist eine Egomanenkultur, die sich so verhält und spricht, als wäre man in einem Krieg. Söldner, die mit ihren Panzern und Maschinengewehren auf andere losgehen! Das ist nicht das Bild, das ich von unserer Gesellschaft und Wirtschaft habe.
Wir stehen an einem völlig anderen Punkt als ältere Generationen von Frauen. Das muss man sich doch auch mal vor Augen halten: Karriere zu machen und Kinder zu haben ist selbstverständlich geworden. Sind unsere Probleme aus Sicht älterer Frauen nicht ein Luxus?
Tatsächlich hat sich in den letzten fünfzig Jahren viel zugunsten der Frauen verändert. Über fünfzigjährige Frauen haben sich ihre Position viel härter erkämpfen müssen. Sie mussten auf Beziehungen und Familie verzichten, wurden von den Männern nicht unterstützt. Beeindruckt hat mich das Buch von Rosmarie Michel, der einzigen Frau im VR der Credit Suisse. Darin beschreibt sie eindrücklich die Hürden auf ihrem Karriereweg.
Man spricht ständig von der «gläsernen Decke». Was verstehen Sie darunter?
Die gläserne Decke ist für mich nicht undurchlässig oder willentlich angebracht. Fakt ist aber, dass es auf Geschäftsleitungsebene nur sechs Prozent Frauen gibt und in VRs nicht viel mehr. Daran sind nicht einfach die Männer schuld. «Gläserne Decke» ist vielleicht das falsche Wort. Es impliziert, dass die Frauen gern möchten, aber es nicht durchstehen. Dass sie den Garten Eden hinter der Decke sehen und hungrig vor der Glaswand lauern. Die Gründe sind vielschichtiger. Der Preis, um ganz nach oben zu kommen, scheint für viele Frauen zu hoch zu sein.
Zum Beispiel muss man auch dem Druck standhalten, auf zeitweise sehr einsamem Posten zu stehen.
Ich sprach kürzlich mit der CEO eines grossen Unternehmens. Als sie CEO wurde, krempelte sie ihre Geschäftsleitung um. Neu finden sich darin drei Frauen, womit sie vorbildlich ist. Gleichzeitig, sagt sie, habe sie häufig das Gefühl, sehr allein zu sein. Denn sie ist CEO. Als oberste Chefin muss man sich ein dickes Fell zulegen. Man steht im Rampenlicht. Gleichzeitig will man geliebt werden. Frauen wollen geliebt werden, sie wollen gefallen und brauchen Anerkennung. Der Managerjob aber ist ein einsamer Job. Nicht weil man weniger Leute um sich hat, sondern man muss oft allein Entscheidungen treffen. Frauen sind Teammenschen. Man sieht es daran, wie sie Netzwerke knüpfen und Freundschaften pflegen. Sie sind im sozialen Umfeld stark verankert. Viele Männer betrachten Netzwerkanlässe als Ersatz für Freundschaften. Für sie sind Wirtschaftsapéros eher Freizeit, für Frauen Arbeit. Frauen pflegen Freundschaften im ausserberuflichen Umfeld und im Privaten.
Wie wichtig ist in dieser Situation der Mann zu Hause, der die Frau stützt und Krisen abfedert?
Wichtig. Es geht aber nicht nur um Krisen und Unterstützung. Ich brauche meinen Partner auch, um Ideen zu testen, um Themen zu explorieren. Wenn der Partner fehlt, muss diese Sparring-Funktion anderweitig gesucht werden. Das braucht dann wieder Kraft und Überwindung. Wobei viele Frauen in diesen Positionen keinen Partner haben. Das zeigt sich auch bei vielen Verwaltungsratsanwärterinnen in unserem Netzwerk. Dann wird die Einsamkeit noch einmal virulenter.
Warum bleiben diese Frauen immer noch allein, wo sie sich gerade in einem Umfeld bewegen, in dem es viele Männer gibt?
Das sind archaische Muster. Ein Mann, der Erfolg hat und in einer gewichtigen Stellung ist, ist attraktiv für Frauen. Eine erfolgreiche Frau aber macht Angst. In meinem Beruf habe ich zu 95 Prozent mit Männern zu tun. Ich sage manchmal zu meinem Mann: Wenn ich allein wäre, würde ich wohl nie einen finden. Nicht weil es keine hat. Sondern weil sich die Männer nicht getrauen würden, mich anzusprechen, und ein falsches Bild von mir hätten. Es braucht einen sehr selbstbewussten Mann, damit er das toll findet.
Es gibt noch so rückständige Männer, die erfolgreiche Frauen weniger weiblich finden?
Sicher. Männer, die denken: So verhält sich ein Mann, aber doch keine Frau. Es ist wohl die Angst, dass man selber weniger wert ist oder sie einen übertrumpft und man nicht mithalten kann. Die alten Bilder spielen nach wie vor eine Rolle.
Sind Männer deshalb von der Wirtschaftskrise existenzieller getroffen, weil die herkömmlichen Bilder des Mannes ins Wanken geraten, falls er den Job verliert?
Männer konzentrieren sich voll auf eine Aufgabe. Fällt die weg, gibt es eine Art Klumpenrisiko. Mit dem Jobverlust stellen sie sich die Frage der Daseinsberechtigung. Für eine Frau dürfte es ebenfalls ein Schock sein, aber sie kann sich sagen, dass sie noch ein gutes soziales Umfeld hat und die Chance sieht, etwas anderes zu tun. Männer sind viel eher bereit, alles der Karriere unterzuordnen, sie investieren alle Zeit der Welt ins berufliche Vorwärtskommen. Verlieren sie das, ist alles weg.
Obwohl Frauen beweisen, dass sie Veränderung besser bewältigen, und obwohl sie sich nie so stark einbringen konnten wie heute, bleibt dieser Hemmschuh: Frauen wollen geliebt werden. Warum haben wir diese Selbstbestätigung nur so nötig?
Da scheinen wohl wieder alte Verhaltensmuster durch: der Mann allein als Jäger und Sammler unterwegs, die Frau in der Sippe, der Gemeinschaft, im Netzwerk aufgehoben. Sie muss in der Gruppe akzeptiert werden, sucht ihre Funktion und die Berechtigung für ihren Platz. Frauen sind auf äussere Bestätigung angewiesen und können positive Selbstgefühle weniger gut aus sich selbst schöpfen. Leider.

«Wenn alle Stricke reissen, ruft man die Frauen.» Michèle Etienne | Maurice Haas
Ich habe in zwei Firmen mit weiblichen Top-Managern gearbeitet. Die erste ging konkurs, weil die Mangerin ihre falschen Ideen um jeden Preis durchsetzen musste. In der zweiten Firma wurden viele gute Mitarbeiter von der Managerin rausgemobbt, wodurch die Firma während Jahren keine Gewinne machte. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen.
Ob jemand ein guter Manager ist oder nicht, hängt nicht von den primären Geschlechtsteilen ab. Von DEN Frauen und DEN Mannen zu sprechen, ist Unsinn. Frauen können harte Chefs sein und Männer Softies. Mein Lieblingsbeispiel: Margaret Thatcher war der einzige Mann unter den britischen Konservativen.
Ein Verwaltungsrat ist kein Organ, das für Repräsentativität zu schauen hat. Der alte Swissair-VR war ein Musterbeispiel dafür, wohin es führt, wenn nicht die Qualität, sondern die Representativität im Vordergrund steht. Verwaltungsrat sein bedeutet, dass jemand die Gesamtverantwortung für die Firma (mit-)übernimmt. Im Vordergrund muss die die Fähigkeit einer Person, nicht deren Repräsentativität stehen.
Das grosse Problem bezüglich des Frauenanteils ist, dass es in vielen Branchen zuwenig Frauen gibt. Der grösste Teil der Industrie wie des Finanzwesens ist bezüglich Frauenanteil zwar nicht eine Wüste, aber doch eine karge Steppe. Ein Hoffnungsfunke ist wenigstens, dass der Anteil der Frauen an der HSG inzwischen schon auf 30% angestiegen ist. So besteht doch Hoffnung, dass in 10, 20 Jahren sich auch der Frauenanteil im VR auf dieses Niveau anhebt.
PS: Lieber Stefan: In den 30 Jahren meiner Berufskarriere habe ich in drei Firmen gearbeitet. Alle drei wurden zu meiner Zeit ausschliesslich von Männern geführt. Die erste ging bankrott. Die zweite geht seit 25 Jahren von einer Restrukturierungsübung zur andern. Die dritte ist erfoglreich. Und hier hat soeben der Vater die Firma an die Tocher übergeben.
Frau Etienne ist eine sehr begabte Frau die es auch schafft auf dumme Fragen intelligente Antworten zu finden. Bei einer Frage sehe ich hingegen noch verbesserungspotential
“Es gibt noch so rückständige Männer, die erfolgreiche Frauen weniger weiblich finden?” Wie wärs mit “Ja, weil es noch so rückständige Frauen gibt, die nicht erfolgreiche Männer weniger männlich finden.”
Ein gutes Interview sollte ohne Suggestiv Fragen auskommen, Frau Schmid!
[...] Und zweimal die Schweiz: Das Magazin im Interview mit Michèle Etienne. Sie hat das Netzwerk GetDiversity gegründet, das Frauen in Verwaltungsräte vermittelt. [...]
Kompliment! Endlich ein Bild von Frausein, das nicht vor lauter Bescheidenheit die vorhandenen Fähigkeiten versteckt und dann vergebens im stillen Kämmerlein darauf wartet, entdeckt zu werden.
Stellen wir unser Licht nicht unter den Scheffel! Holen wir uns ermächtigende Unterstützung auf dem erfolgreichen Weg und erlauben wir uns, grossartig zu sein. Wie es Nelson Mandela schon in seiner Antrittsrede gesagt hat:
Ria Eugster, Frauencoach und Verwaltungsrätin, Stäfa
Das Intervieuw war sehr interessant zum Lesen. Kompliment dazu!
Heutzutage sollte man weg vom dem Jäger/Kochherd-Gedanken zum neuen Familienalltag, indem nicht unbedingt der Mann arbeitet und die Frau zuhause auf das Kind schaut. In diesem Bereich müssten noch einige Männer an ihrer Einstellung arbeiten.
Danke für diesen Bericht!
Ich (Mann) wäre froh, wenn mehr Frauen Ihre Meinung hören/teilen würden. Genauso gilt dies für die Männer. Es nervt mich unheimlich, wenn gewisse Gruppen schon fast kriegerische Formationen und Stimmung verbreiten (siehe kommende Demo in Bern).
Ein gesunder Mix in einem Unternehmen ist gut, er soll aber auf keinen Fall erzwungen werden.
gruss overunity
Interessant, unter anderem auch, was die Kommunikation zwischen Frau und Mann betrifft. In der Tat ist es so, dass Venus und Mars verschiedene Sprachen sprechen und über unterschiedliche Gehör- und Verständnissysteme verfügen. Dies zu bewältigen bedeutet heute noch ein Meilenstein.
Mann und Frau haben jedoch dazu beigetragen, die Menschheit dort hin zu bringen, wo sie sich heute befindet. Dem haben wir unseren Alltag zu verdanken. Daher stimme ich Ihnen zu, dass eine gesunde Mischung mit präzisen Aufgabenzuteilungen ein Unternehmen und einer Institution den Mehrwert bringen wird.
Vielen Dank, Frau Schmid und Frau Etienne, für das äusserst anregende Interview! Wie viele wichtige Themen Sie interessant behandeln! Von erotischer Anziehung zwischen Manager-Männern und -Frauen, geteilter Verantwortung für das Nich-nach-oben-Können von Frauen bis hin zum Zeitpunkt des Auf-Frauen-Zurückgreifens!
Die Firma von Frau Etienne macht Hoffnung, dass mehr Frauen in Toppositionen gelangen werden. Gut finde ich, dass diese “GetDiversity” und nicht “GetWomen” oder ähnlich (was natürlich auch missverständlich wäre…) heisst. Es ginge ja tatsächlich um die Ergänzung von Perspektiven in den Entscheidungsgremien (”diversity”).
Und gerade heute wäre eine solche Ergänzung von Perspektiven, wie Sie zeigen, sehr wichtig: Vielleicht würde an der “Eindimensionalität” des Mannes gerüttelt, die uns, wie Sie glauben, in die Krise geführt habe oder aber Männer die Krise nicht zu bewältigen erlaubt habe.
Und genauso wie Frauen mehr Selbstbewusstsein manchmal durchaus guttäte, ist es wiederum positiv, davon nicht zu viel zu haben, um verantwortungsvoll handeln zu können – hier könnten die Männer wiederum dazulernen.
Ich könnte Ihren Text noch mehrmals lesen und immer wieder neues Interessantes darin finden.
Es würde einigen Unternehmen gut anstehen, qualifizierte Frauen in den VR zu beordern.
Frauen sehen die ganze Angelegenheit in der Wirtschaft mit anderen Augen und haben, wie von Frau Etienne im Interview beschrieben, ebenfalls ein anderes Verständnis für die ihr übertragenen Verantwortung.
Leider gibt es in der Schweiz zu wenig Frauen die sich dieser Aufgabe gewachsen fühlen, so kommt es, dass immer mehr Deutsche Frauen sowie auch Männer in den Markt eintreten.
Jedoch ist Frau nicht gleich Frau, eine Frau aus dem Wirtschaftsraum Deutschland bringt sich total anders ein als eine Schweizerin.
Ein sehr interessanter Artikel. Meines Achtens jedoch ein wenig übertrieben.
Ich bin mir nicht ganz sicher ob viele Frauen wirklich bereit wären, eine so wichtige Position, wie VR, auch anzunehmen und langfristig ausüben werden. Ich finde die Kombination Karrierefrau/Mutter sehr anspruchsvoll. Deshalb bin ich der Meinung, dass VR-Mandate eher für Männer geeignet sind.
It’s a mens world!
Verantwortung und Einsitz in ein wirtschaftliches Gremium hat nicht zwingenderweise mit der Auswahl des Geschlechts zu tun. Wenn eine Frau die gleichen Strapazen auf sich nimmt, wie sie ein Mann zu durchlaufen hat, dann finde ich deren Wahl in einen Verwaltungsrat als gerechtfertigt. Die Diskussion, dass Frauen gewisse Dinge besser/ schlechter machen als Männer mag wohl stimmen, dennoch finde ich diese Tatsache für dieses Thema nicht relevant. Das einzige was bei der Besetzung eines VR Mandats wichtig ist, sind die Fähigkeiten, welche zusätzlich eingebracht werden….egal ob dies nun von einem Mann oder einer Frau geliefert wird.
Bei meiner Arbeit habe ich des Öfteren mit osteuropäischen Kunden (Filialen) zu tun. Dort sind auch auf höherer Management-Stufe Frauen anzutreffen.
Meine Erfahrungen sind druchwegs positiv.
Interessanter Beitrag! Scheint eine mutige und starke Frau mit Erfahrung zu sein. GetDiversity ist eine sehr gute Option für Frauen, die ein geeignetes Mandat suchen.
Ein interessantes Interview, welches einen Bereich beleuchtet über den selten gesprochen wird und wo die Gleichberechtigung noch fast ein Fremdwort ist.
Meiner Meinung nach sollte ungeachtet des Geschlechts der- / diejenige den Job erhalten, der am Besten dafür geeignet ist – entsprechend kann ich mich auch für die Quotenregelung nicht erwärmen.
Leider herrschen immer noch viele Vorurteile gegenüber Frauen in Spitzenpositionen. Entsprechend härter müssen die Frauen arbeiten, um sich gegenüber den männlichen Kollegen zu behaupten.
Frauen müssen sich auch in Zukunft durchsetzen, wenn sie vorwärts kommen wollen. Gesetze werden da nichts ändern, wie das Beispiel von Norwegen zeigt. Die Tendenz zeigt aber eindeutig nach oben.
Das Interview hat diverse Themen angeschnitten, weshalb es schwer ist sich als Frau in den Führungspositionen sowie im VR durchzukämpfen. Sicher sind auch Frauen selbst zum Teil Schuld, dass sie nicht weiter kommen jedoch darf man nicht vergessen, dass viele Unternehmen, leider, auch heutzutage wo es im Trend ist Jobsharing anzubieten einfach nicht bereit sind oder möchten Teilzeitstellen einrichten. Es braucht noch viele Jahre bis es ein Umdenken sowie Handeln im Unternehmen statt findet.