Die Wundertäterin

Sollen die Kolleginnen doch nackt Konzerte geben: Geigerin Julia Fischer macht durch ihre blosse Kunst die Kunst zum Ereignis.

10.11.2007 von Ursula von Arx , 1 Kommentar

Nur schon, wie sie die Bühne betritt. Von Verzagtheit keine Spur. Sie geht durch den Applaus wie durch eine hohe Blumenwiese, strahlend und selbstverständlich. Wenn sie dann die Geige ans Kinn setzt, schlägt ihr lockeres Siegerinnenlächeln in empfindliche Konzentriertheit um. Und mit den ersten Tönen altert das Gesicht der jungen Frau um Jahre. Um Jahrtausende: Plötzlich trägt ihr Antlitz antike Züge. Wer nah bei der Bühne sitzt, mag in diesem Gesicht vielleicht die Einlassstelle für das Weltunglück erkennen, oder, je nachdem, für Jubel oder Triumph, Trauer, Krieg, Grösse, das ganz grosse Glück.
Wir leben in einer Zeit, in der junge Talente beachtet werden, gerade so, als ob Jugend allein schon ein Verdienst wäre. Das Sensationelle zum Beispiel einer jungen Geigerin liegt dann meist nicht in ihrem Können. Stärker als ihr Spiel bleibt die Inszenierung in Erinnerung, und das nicht nur wegen Vanessa Mae im nassen T-Shirt oder dem finnischen Model Linda Lampenius, das auch im Badekleid auftritt und so wild spielt, dass sich die wasserstoffblonden Haare im üppigen Décolleté verfangen. Auch von Sarah Chang weiss die öffentlichkeit wohl mehr über ihr Verhältnis zum Shopping als zu Chopin.
Sehr anders bei der Münchnerin Julia Fischer. Dass die Kunst nur noch den Vorwand liefert für ein neues Unterhaltungsfach, will sie um jeden Preis vermeiden. «Für mich», sagt sie, «ist die Trennung von Kunst und Unterhaltung unendlich wichtig.»
Fischer sitzt in Jeans und im Schneidersitz auf einem Stuhl einer dieser Künstlergarderoben, die sie rund um die Welt kennt. San Francisco, Amsterdam, Luzern, New York, Zürich, Prag, Paris, Potsdam, St. Petersburg, Salzburg, Budapest, Berlin, Frankfurt, London, Moskau, heute Meran. Sibelius, Tschaikowsky, Mozart, Brahms, Paganini, auch schon einmal die Uraufführung eines zeitgenössischen Komponisten, Matthias Pintscher zum Beispiel, dann wieder Bach, Mendelssohn, Prokofjew, Glasunow; und heute Abend, das Beethoven-Violinkonzert in D-Dur, das manche für etwas vom Schwierigsten halten, was je für die Geige geschrieben wurde. Als Fischer es erstmals öffentlich spielte, war sie zwölf Jahre alt.
«Ich bin doch kein Popstar. Ich gehe doch nicht auf die Bühne, um zu unterhalten, um Gottes willen», sagt Fischer jetzt und wirft die langen Haare nach hinten, eine schmollende Schönheit, doch nur kurz. Die Frage, was denn schlecht an Unterhaltung sei, bekommt eine pfeilschnelle Antwort: «Es interessiert mich einfach nicht. Es hat mit Konsum zu tun. Passiv sich berieseln lassen.» Kunst hingegen, Kunst sei etwas Aktives, sagt Fischer, sie aktiviere unser emotionales Leben, sie lehre uns etwas über unsere Gefühle, ja, sie erziehe uns, verschaffe uns neue Erfahrungen.

Einsamkeit gibt es nicht

Julia Fischer spielt Geige seit sie drei ist, sie gewann alle Wettbewerbe, die man gewinnen kann, sie spielt unter den bedeutendsten Dirigenten der Welt, es gibt zahlreiche CD-Einspielungen von ihr, sie ist die jüngste Professorin Deutschlands, sie ist heute 24 Jahre alt. «Wunderkind» würde passen, wenn man sich darunter nicht ein kindliches Wesen vorstellen würde. Julia Fischer aber war immer schon älter, als sie war.
«Bestimmt gibt es Kunst auch in der Popmusik, ja, sicher», schiebt sie jetzt nach. Sie selber hört trotzdem keine: «Wieso auch?», fragt sie. Ihre Neugier hat sie bis jetzt nicht dahingeführt, keine Notwendigkeit, sie ist auch so immerzu von Musik umgeben. Einen Sonnenaufgang etwa kann sie nicht sehen, ohne innerlich dazu «Also sprach Zarathustra» zu hören, die sinfonische Dichtung von Richard Strauss. «Das ist einfach so. Ich kann nie wirklich einsam sein. Musik ist immer bei mir», sagt Fischer, und sie betrachtet das als Glück, das sie weitergeben möchte.
Genau deshalb mag sie Konzerte: «Die Leute sitzen da und sind doch anderswo. Wenn wir alles richtig machen, können wir ihnen das Zeitgefühl nehmen. Wenn jemand auf die Uhr schaut, haben wir etwas falsch gemacht.» So streng ist Fischer mit sich und ihrer Rolle. Sie sieht sich strikt als Vermittlerin: «Wenn die Aufmerksamkeit der Leute bei mir liegt, dann habe ich etwas falsch gemacht.»
Einer, mit dem Fischer oft und gern zusammenarbeitet, ist Yakov Kreizberg, der quirlige und ernsthafte Chef des Netherlands Philharmonic Orchestra Amsterdam. Jetzt stürzt er herein, weil er Julia Fischer zur Orchesterprobe holen will. Auf die Frage, was er von ihr halte, schickt er sie lachend hinaus, um dann in Superlative auszubrechen. Er kenne sehr, sehr viele Geigentalente, sagt er, aber Julia Fischer sei «das absolut grösste Talent», das ihm je begegnet sei. Er lobt ihre «unglaubliche Musikalität», er kenne niemanden, der so selbstverständlich «in der Musik denkt», und er kenne niemanden, der zugleich so selbstkritisch sei. Wenn bei Julia Fischer mal etwas nicht perfekt sitze, so sitze es am nächsten Tag «zu 200 Prozent».
Ein anderer Bewunderer von Julia Fischer ist Sir Neville Marriner, Gründer und Dirigent der Academy of St. Martin in the Fields und selber Geiger. In einer Fernsehdokumentation bezeichnete er Fischer nicht nur als «intellektuell hoch begabt und ausserordentlich willensstark», er lobte auch ihre musikalische Ansteckungskraft: «Sie ist in der Lage, alle, das Publikum wie das Orchester, zu infizieren mit ihrem unglaublichen Temperament.»
Als in der Diskothek von DRS 2 verschiedene Interpretationen von Bachs Solo-Sonaten und -Partiten blind verglichen wurden, war ein Experte ganz begeistert von der «Reife und der analytischen Kraft» von Fischers Chaconne, dem berühmten Monument der Mehrstimmigkeit, Schwierigkeit und musikalischen Tiefe. Als der Experte erfuhr, dass die von ihm favorisierte Interpretation von einer damals Einundzwanzigjährigen eingespielt wurde, verschlug es ihm fast die Sprache. Nichtblinde Kritiker halten sich noch zurück, wohl aus einer gewissen Vorsicht – zu viele junge Talente verschwanden wieder, kaum waren sie hochgeschrieben. Fischer spiele «in jeder Phrase kontrolliert und durchdacht», meint etwa Christian Berzins («Aargauer Zeitung»). Rolf Urs Ringger, Komponist und freier Musikjournalist, spricht von «überzeugender Reife in der musikalischen Umsetzung» und zeigt sich erfreut von der «unverbrauchten Erscheinung: so jung und frisch». Susanne Kübler («Tages-Anzeiger») hingegen betont, Fischer sei «kein Zirkuspferdchen, sondern eine überlegte, dabei durchaus temperamentvolle Gestalterin».

Kein Opfer der jungen Jahre

Tatsächlich lässt Julia Fischer eine schnelle Vereinahmung nicht zu, und abgerichtet wirkt sie auf keine Art. Eher schon originell, etwa wenn sie einem Journalisten, der einen Interviewtermin mit ihr hat, drei Wochen im Voraus ausrichten lässt, sorry, ihr Telefon sei kaputt. Einem verdienten Konzertveranstalter, der sie nach dem Konzert backstage beglückwünschen möchte, nur drei Minuten, bitte, lässt sie ausrichten, nein, geht nicht, zu müde. Ein älterer Herr, der es in Luzern hinter die Bühne geschafft hatte, fiel vor Fischer auf die Knie: «Ich habe Sibelius schon tausendmal gehört, aber noch nie so, so», er suchte die Worte, und die Tränen schienen nah, als er sagte: «noch nie so innig und wahr.» Es war eine rührende Szene, Fischer blieb cool. Sie trug ihr bodenlanges, engelweisses Konzertkleid, aber sie stand da wie auf dem Pausenplatz, einen Fuss und die Schultern zur Wand, so liess sie sich die Hand küssen, sie lächelte, etwas abwehrend.
Auf der Bühne spielt sie ein wenig Theater. Wie sie dem ersten Geiger die Hand reicht, das wirkt pathetisch, aufgesetzt. Wenn sie beim Flötensolo einen schmachtenden Blick ins Orchester schickt, wirkt sie wie eine Diva. Sie kann das, weil sie sich ihrer Sache sehr sicher ist und das auch nicht verstecken will. Ihr Element aber ist das der Kontrolle. Ein einigermassen schulterfreies Kleid und nach dem Konzert ein Lächeln fürs Publikum, das ist die ganze Fischer-Show. Alles andere soll in der Musik passieren.
«Und Lächeln war nicht immer selbstverständlich», sagt Elisabeth Ehlers, ihre deutsche Agentin. Aber das sei auch das Einzige, was sie Julia Fischer je gesagt habe, «bitte manchmal etwas lächeln», sonst könne man ihr ja nichts sagen, Fischer bestimme alles selber, seit sie sie kenne. Sie wisse exakt, was sie wolle, was nicht. Wie viele Konzerte, rund sechzig im Jahr, wann und wo und mit welchen Dirigenten, möglichst wenig Pressearbeit. Nein, Fischer sei kein Opfer ihrer jungen Jahre, und nein, kein grosses Konzept dahinter, wie sich positionieren oder so, nur ein langer Atem, Fischer denke langfristig, so etwa versuche sie durchzusetzen, dass Radioaufnahmen mit ihr nicht länger als drei Jahre lang gesendet werden: «Wer weiss, wie ich mich entwickle», sage sie. Fischer besitze das Vermögen, die eigenen Kräfte einzuschätzen und den Willen, Schwerpunkte zu setzen. Nie etwa würde Fischer in vierundzwanzig Stunden rund um die Welt fliegen, drei Konzerte und erst noch Interviews geben, wie das Kollegen von ihr tun, sagt Ehlers.
Fischer sagt: «Ich hatte das mal, dass ich mich nach einem Jahr, in dem ich unglaublich viele Konzerte gegeben hatte, nicht mehr erinnern konnte: Was habe ich eigentlich gemacht? Die Zeit war spurlos weg. Ich fing dann an, Tagebuch zu schreiben.» An den Ohren trägt Fischer kleine Perlen, und man fragt sich, ob sie je ungezogen war.

«Warum? Na darum.»

Aber diese Art von Demonstration, sich selbst zu sein, hatte sie wohl gar nie nötig. Weil sie sich sowieso nimmt, was sie will: «Ich habe keine Mühe, Entscheidungen zu treffen – auch nicht für andere», sagt sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Dass das vermessen sein könnte, daran verschwendet sie keinen Gedanken. Nicht aus Mangel an Sensibilität, sondern aus Mangel an Zeit. Unnötige Diskussionen mag sie nicht führen. Wenn schon, liegt Julia Fischers Arroganz in der Demut vor dem, was sie für wesentlich hält: «Wenn man nicht jeden Tag etwas erlebt, was über diesen Tag hinaus bleibt, dann hat man diesen Tag nicht gelebt», sagt sie. Und dass sie morgen nicht die Gleiche sein möchte wie heute.
Das sind natürlich hohe Ansprüche. Aber damit ist Julia Fischer gross geworden. Sie war drei oder vielleicht auch vier Jahre alt, da spielte sie schon jeden Tag eine halbe bis eine dreiviertel Stunde Geige und Klavier. Zu Hause stand ein Klavier, an dem ihre Mutter, die slowakische Pianistin Viera Fischer, jeweils unterrichtete. Dass sie, Julia Fischer, heute Geigerin sei und nicht Pianistin, sei fast ein bisschen zufällig, sagt sie, das Klavier sei halt häufig besetzt gewesen, so übte sie mehr Geige.
Julia Fischer erzählt ohne Brimborium, alles in grosser Selbstverständlichkeit, ja, so ab der sechsten Klasse sei es schon so gewesen, dass sie ihre gesamte freie Zeit mit Musik beschäftigt gewesen sei, so fünf bis sechs Stunden täglich hätte sie geübt. Sie sei immer sehr diszipliniert gewesen, aber ohne elterliche Prügel, sondern einfach, weil sie die Konsequenzen ihres Wunsches, Musikerin zu werden, gesehen hätte. Natürlich sei es da manchmal eng geworden, neben Konzerten, üben, Wettbewerben, noch fürs Abitur zu arbeiten. Aber Musik sei ja nun wirklich kein Zwang für sie, noch heute mache es für sie keinen Sinn zu sagen, «ich bügle mein Kleid oder ich gehe wandern, um mich von der Musik zu erholen», nein, so ein Satz sei in ihrem Fall absurd.
Man kann Julia Fischer alles Mögliche fragen, ihren Antworten mangelt es nie an Entschiedenheit. Etwa über Dirigenten («Dirigenten, die machen, was ich will, sind keine Herausforderung. Dirigenten, die sagen: ‹Ich will das so, weil ich es so empfinde›, da kann man ja auch nicht diskutieren. Ich mag Dirigenten, die stark sind im Emotionalen wie im Analytischen.»). Oder Kinder («Aber natürlich will ich Kinder. Wozu sonst ist man denn auf der Welt?»). über ihre Geige, eine Guadagnini aus dem Jahr 1750 («Ich habe sie nicht gesucht, sie wurde mir angetragen. Und ich habe eigentlich einfach ‹Ja› gesagt. Man lernt eine Geige ja sowieso erst nach einiger Zeit richtig kennen.»). über Hass («Menschen, die hassen, kann ich nur bemitleiden. Nur unglückliche Menschen hassen.»).
Liest Julia Fischer? Ja, sie lese viel, sagt sie. Was als Letztes? «Leo Tolstois ‹Krieg und Frieden›.» Warum? Fischer schiesst nach vorn, aus dem Schneidersitz heraus: «Warum? Na darum.» «Krieg und Frieden» sei doch ein Buch, das man einfach gelesen haben müsse. Neu liest sie
«Eugen Onegin», einen Roman in Versen von Alexander Puschkin. «Auf Deutsch habe ich ihn schon gelesen, jetzt lese ich das Buch noch auf Russisch.» Julia Fischer ist nicht nur als Musikerin geschärft für neue Töne: «Ich muss immer irgendeine Sprache lernen. Das macht mir einfach grossen Spass.» Es klopft, nochmals Kreizberg, jetzt müsse sie aber wirklich kommen.
Es ist das Eröffnungskonzert der Südtiroler Musikfestspiele, die lokale Prominenz gibt sich die Ehre. Man zieht in den Saal, viele freuen sich wohl auf Entspannung, ein Nickerchen vor dem eigentlichen Anlass, dem Empfang nach dem Konzert. So ist das auf der ganzen Welt. Doch heute steht Julia Fischer auf der Bühne. Sie spielt virtuos, selbstverständlich, das tun Geiger ihrer Klasse. Dazu kommt aber eine Konzentration und Wärme, der sich niemand entziehen kann. In den Rängen gibts kein Husten, kein Schnarchen, kein Lesen. Nach dem letzten Ton bleibt es lange still. Dann Applaus. Manche Leute klatschen so fest und lange, bis ihnen die Hände schmerzen.
Hinter der Bühne nimmt Fischer die Gratulationen entgegen. Sie sind überschwänglich, und Julia Fischer ist es auch. «Mein liebstes Konzert. Das reinste und edelste Violinkonzert, das es gibt. Wenn ich Beethoven spiele, bin ich einfach glücklich», sagt sie in einer Umarmung. «Julia Fischer ist wirklich ein ganzer Mensch», hat Yakov Kreizberg gesagt. Er neigt zum Pathos. Zur Steigerung betont er diesmal jedes einzelne Wort. «Julia Fischer ist: Wirklich. Ein. Ganzer. Mensch.» Der ganze Rummel um ihre Person wird daran nichts ändern können.

Sie weiss, was sie will. Sie weiss, was sie kann. Und was sie kann, ist grossartig: Julia Fischer, 24 | Bild: Jörg Koopmann
Sie weiss, was sie will. Sie weiss, was sie kann. Und was sie kann, ist grossartig: Julia Fischer, 24 | Bild: Jörg Koopmann

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. Gerd Biondi

    Ist ein Zufall, dass, wenn endlich mal wieder eine Frau im Männer-Magazin schreiben darf, auch eine Frau portraitiert wird?

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