Dieter Moor

Schnauze aufmachen bitte

13.03.2010 von Admin_Update

Sie sind vor sechs Jahren ins Berliner Umland gezogen, haben einen Bauernhof in Brandenburg gekauft. Warum kein schöner Hof, zum Beispiel im Appenzell?
Wir hatten uns überlegt, das Höflein im Zürcher Oberland zu kaufen und da quasi Hobby-Bauern zu sein, aber es stand nicht genug Land zur Verfügung. Wenn mir jetzt einer im Appenzellerland 40 Hektar anbieten würde, das wäre eine ziemliche Verführung — gerade diese Gegend liebe ich sehr. Aber hier, das ist Pionierland. Hier haben wir tatsächlich die Befriedigung, sogenanntes Unland wieder fruchtbar zu machen. In der Schweiz ist alles mehr oder weniger fertig und die Pfründe verteilt. Hier liegt noch viel Wissen, viel Fähigkeit, viel Kraft brach und wartet darauf, geweckt zu werden. Es riecht nach Möglichkeiten.

Was gefällt Ihnen an dem platten Land?
Ich geniesse die Weite sehr, es gibt mir ein sehr, sehr freies Ge¬fühl. Mir war es erst fremd, dass ich nirgendwo raufkann, um runterzugucken, bis ich merkte, muss ich ja gar nicht, ich sehe ja auch von unten ganz weit. Und dann entdeckten wir diese Grösse des Himmels, 180 Grad Himmel, und keine Felswand, die den Blick behindert.

Was erwarteten Sie von Brandenburg?
Ich war eigentlich frei von Erwartungen, aber natürlich kannten wir all die Klischees über Brandenburg: von den uninitiativen Jammer-Ossis, die nur faul vor der Glotze hocken und sich vom Staat aushalten lassen. Ich dachte, na, so schlimm wirds schon nicht sein, bis ich feststellte, das ist schlicht erfunden. Als ich merkte, wie anders es in Wahrheit ist, bin ich richtig zornig geworden.

Sie führen einen Demeter-Biohof. Ist bei der gigantischen deutschen Agrarindustrie nicht jede Migros-Tomate von besserer Qualität als eine deutsche aus dem Bio-Laden?
Ich weiss nicht, wann ich überhaupt die letzte Tomate gekauft habe. Aber in der Tat dachte ich, dass ich verhungern muss, als ich herkam und im hiesigen Supermarkt dieses läpperige Gemüse sah und verzweifelt ein Huhn suchte, das artgerecht gehalten worden war. Das Äusserste, was ich fand, war eins, wo ein Doktor auf dem Etikett bestätigte, dass kein Gift drin war. Aber das ändert sich hier gerade stark, habe ich den Eindruck. Doch tatsächlich ist das Qualitätsbewusstsein bei Lebensmitteln in der Schweiz sehr gross. Immerhin hat die Schweiz den Versuch unternommen, Tieranwälte einzurichten, während Tiere in Deutschland rechtlich noch als Ding gelten, und Geflügelmastbetriebe und Legebatterien, wie sie hier noch immer vorkommen, gäbe es in der Schweiz nie.

Wie haben die Brandenburger Sie aufgenommen?
Am Anfang wurde ich als Alien empfunden. Mit der Schweiz verbanden sie das Urlaubsland, also wunderten sie sich, warum bloss kommen die hierher? Mit ihrer preussischen Direktheit fragten sie uns schliesslich: Habt ihr da wegmüssen? Wir haben ihnen geantwortet, wir sind hier, weil es schön ist und weil wir hier einen Bauernhof betreiben können, den wir uns in der Schweiz nicht ansatzweise hätten leisten können.

Wann bemerken Sie selbst noch den Schweizer in Ihnen?
Ich dachte erst, ich habe keine Schweizer Gene mehr, aber hier merkte ich, natürlich, ich habe noch jede Menge. Wir wohnen mitten im Dorf, nach vorne raus mit Blick auf die Hauptstrasse — in der Schweiz hatten wir ganz abgelegen gewohnt. Unsere noch nicht eingewöhnten Hunde bellten bei jedem Auto, das vorbeifuhr, auch nachts. Ich dachte, na, das ist ja ein prima Einstand, was werden die Nachbarn denken? Ein anderer Schweizer Reflex von mir war es lange, sich ewig darum zu sorgen, ob es dem anderen wohl jetzt recht ist. Das habe ich dann irgendwann durchschaut als wirkliche Selbstüberhebung. Inzwischen, glaube ich, bin ich schon einigermassen gut darin zu sagen, wenn jemand was will, soll er die Schnauze aufmachen, und wenn er nichts sagt, selber schuld. Ich muss mich nicht mehr permanent drum kümmern, was für eine Figur ich abgebe.

Der gebürtige Zürcher Dieter Moor, 51, verbrachte viele Jahre seines Lebens im Ausland, heute bewirtschaftet er mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof bei Berlin. Der gelernte Schauspieler moderiert verschiedene TV-Sendungen im deutschsprachigen Raum und schrieb jüngst das Buch «Geschichten aus der arschlochfreien Zone» über seine neue Heimat Brandenburg.

Bild: Christian Lesemann
office@lesemannstudio.com

Fotografiert von Christian Lesemann
Fotografiert von Christian Lesemann

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