Dieter Moor Teil 4

Das will ich jetzt

27.03.2010 von Anuschka Roshani , 1 Kommentar

Sie haben in allen drei deutschsprachigen Ländern Fernsehen gemacht. Gibts grundlegende Unterschiede zwischen den Fernsehanstalten?
Leider nein. In allen Fernsehanstalten ist eine erschreckende Zunahme von Angst zu spüren: Angst, Entscheidungen zu treffen, für Dinge geradezustehen, an die man selbst glaubt. Gute Projekte werden nicht realisiert, weil keiner sagt, ich steh dafür ein. Und die Quotengläubigkeit, zumindest die, die ich aus meiner Zeit bei DRS kenne — dieses sklavische Auswerten von Minutenprotokollen —, ist hier wie dort immens.

Sie haben vor Kurzem eine neue Literatursendung fürs Schweizer Fernsehen mitentwickelt, eine Alternative zum «Literaturclub». Was ging da schief?
Das war eben so ein Projekt, wo man die Entscheidung einfach nicht treffen wollte, aber darüber möchte ich nichts sagen, weil es sonst aussieht, als wäre ich sauer. Man konnte sich zu einer radikal anderen Sache nicht durchringen, sondern wollte lieber das Alte ein bisschen erneuern. Aber das ist kein Schweizer Phänomen, sondern ein Fernsehphänomen.

Hat Sie die Absage gekränkt?
Ich habe mich sehr gefreut, als ich gefragt wurde. Der Gedanke, etwa alle anderthalb Monate in der Schweiz zu sein, gefiel mir. Und es hat mich gefreut, dass anscheinend keine Ressentiments mehr gegen mich da waren. Es wäre eine schöne Aufgabe gewesen. Und es hätte mich gefreut — so eitel bin ich —, sagen zu können, ich arbeite wieder in allen drei deutschsprachigen Ländern im Fernsehen. Ich mag es, der deutschsprachige EU-Mann zu sein, für den keine Landesgrenzen gelten. Alles in allem war es eine sehr schöne Erfahrung.

Eigentlich sind Sie gelernter Schauspieler. Sie hatten schon früh, 1981, als junger Mann, einen beeindruckenden Auftritt in dem Agententhriller «Der Maulwurf» — an der Seite von Michel Piccoli und Lino Ventura.
Das war ein super Glücksfall, der mich sehr geprägt hat. Allein, dass ich in einer Szene auf der Rudolf-Brun-Brücke mit quietschenden Autoreifen Ringelpiez machen konnte, war toll. Es war erst meine zweite Filmrolle, und neben Ventura zu spielen, war gigantisch. Ich war ein Nichts, Ventura ein Weltstar. Und er hat sich in wunderbarer Weise kollegial verhalten — natürlich weil er klug ist. Weil er wusste, wenn der Kleine weiter so nervös ist, dann dauert das ewig mit dem Dreh. Er hat es geschafft zu sagen, vergiss, wer ich bin, wer du bist, es ist nur Film, wenn die Kamera auf dir ist, bist du genauso ein Star, lass uns zusammen arbeiten. Dabei war sein Image damals ganz anders.

Was heisst das?
Ventura galt damals zwar als ausgezeichneter Schauspieler, aber auch als konservativer Sack, während Piccoli überall als liberaler Linker angesehen war. Beim Dreh habe ich erlebt, wie verschieden die tickten. Nur war Ventura derjenige, der seinen Job machte, und Piccoli zickte rum und hielt Hof. Ich merkte, dass die wirklich tollen Leute sehr normal sind. Und dann hat er mir eine Lektion fürs Leben beigebracht, denn eines Tages hiess es, wir haben ein Problem, der Wohnwagen von Herrn Ventura hat die falsche Farbe. Der ist cremeweiss, er wollte aber einen blauen. Ich habe mich gewundert, das passte gar nicht zu ihm, höchstens zu Piccoli. In der Drehpause habe ich mich getraut, ihn zu fragen, warum die Wohnwagen-Farbe so wichtig sei. Und er hat gesagt: «Mon Ami, die Farbe ist mir doch scheissegal!» Er erklärt mir, wenn er den blauen Wagen kriegt, dann wird er am Set auch sagen können, ich möchte diese Einstellung so oder so. Er testete damit einfach ab, wie ernst er genommen wird.

Wieso gleich Lektion fürs Leben?
Es beeindruckt mich sehr, weil es mir klar gemacht hat, dass man in der Filmwelt völlig normal bleiben kann. Bleiben muss. Und dass du das, was du im Film oder Fernsehen bist, nicht mit der Wirklichkeit verwechseln darfst. Was zum Beispiel über dich in der Zeitung steht — egal ob Gutes oder Schlechtes —, hat mit dir kaum etwas zu tun. Nur mit einem Bild. Und dass es wichtig ist, ab und zu die Wertschätzung, die man geniesst oder eben nicht geniesst, zu testen und zu sagen: Das will ich jetzt.

Der gebürtige Zürcher Dieter Moor, 51, verbrachte viele Jahre im Ausland, heute bewirtschaftet er mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof bei Berlin. Er moderiert unter anderem das Kultur-Magazin «Titel, Thesen, Temperamente» in der ARD und schrieb jüngst das Buch «Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht» (Rowohlt Verlag) über sich als Schweizer in Brandenburg.

Bild Christian Lesemann
office@lesemannstudio.com

Fotografiert von Christian Lesemann
Fotografiert von Christian Lesemann

Die Diskussion

Eine Reaktion

  1. nibordooh

    Guten Tag – bezugnehmend auf folgendes – “Man konnte sich zu einer radikal anderen Sache nicht durchringen, sondern wollte lieber das Alte ein bisschen erneuern.”, möchte ich zu bedenken geben, dass es nicht nur “kein Schweizer Phänomen”, auch nicht nur ein “Fernsehphänomen”, sondern leider überall in der Gesellschaft anzutreffen ist. Die egoistischen Strukturen sind leider so verhärtet, dass vernünftige Projekte leider oft nicht mal mehr nur beredet werden, Resignation macht sich breit, sie werden im Keim erstickt. Ich bin in der Automobilbranche tätig. Hier sieht es doch nicht anders aus, leider. Der Gesamtverband der Automomilindustrie ist immer noch nicht an Elektroantrieben interessiert, es werden weiter “Kunstwerke” produziert und vernünftige Lösungen blockiert. Wer den Film “Strom im Tank” gesehen hat, weiß was ich meine (http://www.daserste.de/doku/beitrag_dyn~uid,h6083vlrxedoot6b~cm.asp). Mit Grüßen aus dem brandenburgischem Höhenland

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