06.03.2010 von Anuschka Roshani , 9 Kommentare
Was haben Sie über die Schweiz begriffen?
Für viele Schweizer kommt nichts vor ausser der Schweiz. Ich habe bei Radio Argovia drei Jahre Talkradio gemacht, da habe ich gelernt, viele Schweizer haben das Gefühl, ausserhalb der Grenze gibt es nur Elend. Es gibt kein Land, das schöner ist, keins mit mehr fleissigen Menschen, und es ist klar, dass jeder — egal, wo er lebt — nur ein Ziel hat: einen Schweizer Pass.
Reisen viele nicht, um es nicht überprüfen zu müssen?
Man trifft schon welche im Ausland, aber die sagen gerne: Du, bei uns sieht das nicht so aus. Sie verlassen die Schweiz, aber nicht wirklich, sie nehmen sich und die Schweiz mit, im Rucksäckchen. Das tut jeder Tourist ein Stück weit, aber die Schweizer Akzeptanz gegenüber der Restwelt ist minimal.
Schollen-Denken?
Man muss, wenn man über ein Land generalisiert, im Hinterkopf behalten, dass es Klischees sind. Aber ich denke schon, dass die Schweizer mehr als andere eine Bauchnabelsicht haben, die fast peinlich ist. Die wehtut.
Schämen Sie sich als Schweizer dafür?
Ich schäme mich für nichts, schon gar nicht für Dinge, die andere tun. Schon als Kind war mir klar, ich kenne Oberent¬felden und die Grossstadt Aarau, mehr nicht. Irgendwann zeigte man mir einen Globus und sagte, hier, das ist die Schweiz. Da wurde mir bewusst, wie winzig diese riesige Schweiz ist und wie viel noch drumherum. Da war ich eher verzweifelt, dass ich nie eine Chance haben werde, das alles kennenzulernen.
Waren das erste Fluchtgedanken?
Nein, Neugierde. Was mir so fremd ist, ist die aktive Verdrängung von Neugierde. Wenn ich überzeugt bin, ich lebe im schönsten Land der Welt, dann muss ich doch interessiert sein, stimmt das? Oder gibts andere Schönheiten? Kann nur ein Berg schön sein? Oder auch eine Wüste?
Verhindert Angst Neugier?
Das ist das Problem der Schweiz: die Angst der Besitzenden. Wenn ich etwas besitze, muss ich immer Angst haben, dass ich es eines Tages nicht mehr besitze. Liebende haben das auch: kaum verliebt, schon Angst, den anderen zu verlieren. Ich hatte auch Phasen, in denen ich dachte, jetzt ist alles im Eimer. Aber jeder lernt, alles ist vergänglich. Mittlerweile frage ich mich, ob dieses Beharren und Festhalten weniger mit Angst als mit schlechtem Gewissen zu tun hat.
Wird das nicht erst seit Kurzem geschürt?
Es ist ein Thema, seit ich denken kann: dass sich die Schweiz bereichert hat an zwei Weltkriegen, an sämtlichen Schweinegeschäften, die es gibt. Von Menschen- über Drogenhandel. Dass es nicht so ist, wie ich es in der Schule lernte, dass wir zwei Weltkriege gewannen, weil unsere tapferen Soldaten an der Grenze standen und die Frauen ihnen Socken strickten. Sondern dass niemand die Sparbüchse der Welt kaputtschlägt. Ansonsten war das Ding in keinster Weise relevant. Jean Ziegler schreibt seine Bücher nicht erst seit gestern.
Fand Vergangenheitsbewältigung statt?
Null. Weil es beim Volk nie auf Gegenliebe stiess. Mir wurde nur beigebracht, dass es einen ganz bösen Menschen gab, Hitler, der hat ganz viele Menschen umgebracht und war schuld am Krieg. Die Schweiz hat all dem widerstanden, weil Hitler von seinen Generalen ausrechnen liess, was es ihn kosten würde, die Schweiz zu erobern: auf einen toten Schweizer sechs tote Deutsche; deshalb griff er nicht an. Und weil wir den General Guisan hatten, weil wir ein wehrhaftes Volk waren. Dass ganz viele plombierte Züge durch die Schweiz gefahren sind und niemand wusste, sind da Granaten drin oder halb tote Menschen — die Achse Mussolini–Hitler — das kapierte ich erst später. Ich habe damit auch nicht wirklich ein Problem: Es ist damals viel Scheisse gemacht worden in Europa; wenn die Schweizer auch Scheisse gemacht haben — okay. Was mich stört, ist, dass es nicht benannt wird. Man müsste sagen dürfen, wie es war. Wie es jetzt ist. Die Schweizer wollens einfach nicht, die wollen ihr komisches Klischeebild verkaufen.
Der gebürtige Aargauer Dieter Moor, 51, verbrachte viele Jahre seines Lebens im Ausland, heute bewirtschaftet er mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof bei Berlin. Der gelernte Schauspieler moderiert verschiedene TV-Sendungen und schrieb jüngst das Buch «Geschichten aus der arschlochfreien Zone» über seine neue Heimat Brandenburg.
Bild: Christian Lesemann
office@lesemannstudio.com

Fotografiert von Christian Lesemann
… Ausser zu Hause!
Manfred Deix: “Die Oaschlochquote ist überall gleich.”
Bravo, auf den Punkt gebracht! Braucht es die Entfernung Berlin / Schweiz um diese Klarsicht zu bekommen? Dieses Winken mit dem roten Pass und das Einfordern von Streicheleinheiten ist auch für einen C-Niederlassungswilligen manchmal peinlich. Die Standardfrage eines CH-TV Reporters an den ausländischen Gast : wie finden sie die Schweiz ? In seinen Teleprompter Augen kann die vorgemerkte Frage bereits gelesen werden : “ein Paradies” ! Wehe dem der die Antwort vermasselt.
ich wünschte mir an dieser stelle raum für leute die was zu sagen haben, nicht für schwätzer.
AD Brand:
Der Mann hat eindeutig was zu sagen, bloss weil es Ihnen nicht passt, sollten Sie es nicht als Geschwätz abtun.
„Es gibt kein Land, das schöner ist, keins mit mehr fleißigen Menschen, und es ist klar, dass jeder — egal wo er lebt — nur ein Ziel hat: einen Schweizer Pass“.
So ist es, lieber Dieter Moor und uns Eidgenossen eine Bauchnabelsicht zu unterstellen verbitte ich mir.
Auf das rote Büchlein, mit dem ich nicht nur meine Identität beweisen kann, sondern auch meine Nationalität, bin ich stolz. Vor Jahren, anlässlich meiner ersten Geschäftsreise nach Übersee, fragten mich zwei Fischerjungs, irgendwo an einer abgelegenen Karibikküste Südamerikas: “Von wo kommst du?” Stolz antworte ich: “Ich bin Schweizer und komme aus der Schweiz” Darauf der eine Junge: “Und wo liegt die Schweiz?” Darauf der zweite Junge: “Du bist ein Dummkopf — die Schweiz ist doch eine kleine Insel im Pazifik! Das war ein herber Rückschlag auf mein Selbstbewusstsein. Wir sind zwar in vielen Belangen eine Insel mit etlichen seltsamen Eingeborenen von links bis rechts — aber doch nicht im Pazifik!
Aber es kommt noch viel schlimmer, wie folgende weitere kleine Episode, die sich einige Jahre später irgendwo in einer südamerikanischen Großstadt zugetragen hat beweist. Also das war so: Am Vorabend meiner Rückreise in die Schweiz, besuchte ich mit Geschäftsfreunden ein Feinschmeckerlokal. Auf meine Frage: “Was können sie mir empfehlen?” antwortet der Kellner freudestrahlend: “Señor, ich empfehle ihnen unseren neusten Hit — ein “Käsefondue” — mit Sicherheit haben sie diese Nationalspeise aus Schweden noch nie gegessen“. Dem verdutzten Kellner musste ich klar machen, dass er, wie viele andere auch, die Schweiz mit Schweden verwechselte und ich am nächsten Tag, wieder zu Hause, mit meiner Frau und Freunden — nein, nicht ein schwedisches, sondern schlicht und einfach ein echt schweizerisches Neuenburger-Fondue genießen werde. Schande über den Kellner im Feinschmeckerlokal und die zwei Fischerjungen!
Allen Staaten rund um den Globus sollte langsam klar werden: Wir sind der Nabel der Welt! Deprimierende Episoden wie ich sie erlebt habe, dürfen nie mehr passieren. Wir sind in jeder Beziehung ein Musterstaat, sagen der erstaunten Welt was gut oder schlecht ist und wo’s lang geht. Auch die Amis, Obama hin oder her, müssen das endlich begreifen und sich uns ohne wenn und aber anpassen. Schließlich haben wir immer noch die besten Banken, die besten Schulen, das beste Bildungswesen, die besten Akademiker, die besten Unternehmen, das beste Gesundheits- und Sozialsystem, die beste Polizei, die beste Justiz, die beste Regierung und fast hätte ich vergessen, die besten roten Pässe, mit oder ohne Chip und nicht zuletzt auch die beste Armee der Welt — sagt doch unser oberster Kriegsherr! Oder sehe ich da etwas falsch?
Vielen Dank! Lieber Dieter Moor! Schöner, eindrücklicher und klarer kann man die Schweiz und die Schweizer gar nicht beschreiben. Der Text ist schlicht genial.
Ein Teil der Reaktionen auf dieser Seite ( Herr Brand ) beweist genau die Richtigkeit der Aussagen von Moor…
Ich muss Herrn Aufenast zustimmen: An der Schweiz ist rein GAR NICHTS falsch, ALLES ist richtig. Oder sehe auch ich etwas falsch?
Noch um einige Runden peinlicher als passschwenkende Schweizer sind die Schweizer, die regelmässig uralte Kamellen ausgraben und glauben, bei jeder Gelegenheit die Schweiz bepissen zu müssen. Schreibt doch mal was schönes über eure wirklichen Lieblingsländer, falls es denn solche gibt. Mit solchen Artikeln zeigen sie doch nur, was sie selber wert sind, dass sie in einem solchen Land leben. Müssen. Dürfen. Wollen. Können.
So ist es, Markus Schmidli. Aber wenn man nicht SVP Mitglied- oder Sympathisant ist, darf man solche Statements schon abgeben.
Die lieben Vollbluteidgenossen, die ihren Pass in die Luft recken, als müssten sie deswegen eine Sonderbehandlung kriegen, sind auch in den Speisesälen rund um den Globus leicht erkennbar durch die auf dem Tisch deponierten Mitbringsel wie: Knorr-Aromat, Maggi-Würze, Hero-Konfitüre und natürlich den Nescafe aus der Plastikdose.
Ich nehme mal an, die gleiche “Spezies” bucht auch volkstümliche Kreuzfahrten in die Karibik & Co mit Jodel, Handorgel- und Alphornklängen und natürlich dem Fondueplausch unter tropischer Sonne! Man spricht “Dialekt” und ist auch in der Karibik & Co unter sich!