04.07.2008 von Peter Haffner , 14 Kommentare
San Francisco gleicht in vielem ihrer offiziellen Schwesterstadt Zürich. Ungewöhnlich für Amerika, ist es eine Stadt für Fussgänger mit einem so guten öffentlichen Verkehrsnetz, dass man auf das Auto gerne verzichtet. Und wie die Limmatmetropole ist «San Fran» liberal, hat internationales Flair trotz bescheidener Grösse und ein Wasser vor der Haustür – wenngleich einen Ozean statt einen See.
Doch San Francisco hat etwas in Fülle, was Zürich nur spärlich hat: Hot Spots. Zwar sind Pläne gescheitert, die Hafenstadt zur ersten City mit flächendeckendem draht- und kostenlosem Internetzugang zu machen. Auch so aber rühmt sie sich der höchsten Hot-Spot-Dichte der Welt, und die meisten Zugänge sind gratis – in Bars, Cafés und Restaurants, in Hotel-Lobbys, McDonald’s und Bibliotheken. Die Perle am Pazifik führt einen Trend in den USA, der weit reichende Folgen für die Gesellschaft hat: Dass man im Cyberspace surfen kann, wo und wann man will, setzt eine neue Migration in Gang – die der digitalen Nomaden.
Sie sind frei zu arbeiten, wo sie möchten, weil sie nichts als einen Laptop und das Internet brauchen. Es gibt kaum eine Branche, in der sie nicht Fuss gefasst haben; wer heutzutage nicht gerade Kartoffeln erntet oder Stahl giesst, verbringt seinen Arbeitstag meist vor dem Bildschirm. Ob man in einer Firma angestellt oder selbstständig ist – die Präsenz an einem realen Ort verliert an Bedeutung im Vergleich zur Präsenz in der virtuellen Welt.
Man sieht sie, wenn man durch San Francisco flaniert, in Cafés vor ihren Laptops sitzen, mit ihren Blackberrys und Smart-Handys an Strassenecken stehen. Der öffentliche Raum ist zum Arbeitsplatz geworden, wie es das eigene Heim längst ist. Und ein Ort, in dem man ein bisschen allein ist inmitten all der anderen, die im Starbucks ihren Latte trinken, das Notebook aufgeschlagen und den Kopfhörer auf, der die Umwelt auf stumm schaltet.
Wer darin die «Einsame Masse», den «Verfall des öffentlichen Lebens» oder gar den «Untergang des Abendlandes» wittert, übersieht den Gegentrend, der aus der Not eine Tugend und die «digitalen Nomaden» zu «digitalen Beduinen» macht. Der Anonymität eines überfüllten Lokals überdrüssig, suchen die Bewohner elektronischer Wüsten Oasen auf, die Namen wie «Citizen Space», «Sandbox Suites» oder «The Hat Factory» tragen: Bürogemeinschaften, die einen Arbeitsplatz für einen halben Tag, eine Woche oder auf Dauer vermieten und alles bieten, was der mobile Mensch braucht: Strom, drahtloser Internetzugang, Drucker, Kaffeemaschine, Mikrowellenherd, Kühlschrank mit Snacks und Softdrinks – und last but not least: Schicksalsgefährten.
Tara Hunt, Mitinhaberin von «Citizen Space» an der Second Street, ist so etwas wie die Evangelistin dieser Bewegung, die in der Bay Area einen Stützpunkt nach dem anderen eröffnet. Die 34-jährige Kanadierin hat eine Internet-Beratungsfirma und ist Expertin in Guerilla-Marketing, der Kunst, Waren an die Kundschaft zu bringen ausserhalb der traditionellen und teuren Wege herkömmlicher Werbung. Hört man ihr zu, fühlt man sich in die Zeit von 1968 versetzt, nur dass jetzt statt von «Basisgruppen», «Sit-ins» und «Demos» von «P2P», «Web 2.o» und «Twitter» die Rede ist. «Man kann es die Youtube-Ideologie nennen», sagt Tara, die mehr grün- als linksorientiert ist. «Jeder hat etwas zu sagen – der Reiche in seinem Palast zählt nicht mehr als das Mädchen aus der Provinz.»
Tara ist gerade daran, ihr Buch «The Whuffie Factor» zu beenden, das bei Random House erscheinen wird. («Whuffie» ist die Währung, die in Cory Doctorows Sciencefiction-Roman «Down and Out in the Magic Kingdom» das Geld ersetzt hat und den Ruf einer Person repräsentiert – je mehr Gutes jemand tut, desto grösser ist sein «Whuffie».) Tara, eine Realistin mit Idealen, will weder das Geld noch die Marktwirtschaft abschaffen, doch diese ergänzen mit einer Wirtschaft, die auf dem Austausch von Gefälligkeiten, Hilfeleistungen und Geschenken beruht. «Was die Marktwirtschaft an Effizienz bringt, bringt die Whuffie-Wirtschaft an sozialer Bindung und Gemeinschaftssinn.»
Tara Hunt versteht «Citizen Space» als Ort für den Handel mit dieser Art von Sozialkapital. Ein grosser Raum in einer alten Fabrik nicht weit vom Hafen: Für 350 Dollar im Monat bekommt man hier ein Pult für sich und hat rund um die Uhr Zutritt, für 250 Dollar einen Arbeitsplatz, der nicht fest ist. Doch man kann auch einfach vorbeikommen, sich an den grossen Tisch setzen und den drahtlosen Internetzugang benutzen, ohne etwas zahlen zu müssen – solche «Drop-ins» sind willkommen und ganz im Sinne der Sache. Mit der Ikea-Möblierung, dem Bambusboden und dem alten Kronleuchter, den Hunt auf Ebay ergattert hat, verbreitet «Citizen Space» die Atmosphäre einer gepflegten Wohngemeinschaft.
Partys und Filmabende, Seminare und Meetings, Wein- und Käseverkostungen, Buchvernissagen und Kunstausstellungen bringen immer neue Leute ins «Citizen Space», nicht zu reden von den «Hackathons», wo ein paar Programmierer sich die Nacht um die Ohren klacken für ein cooles neues Feature von Facebook. Die Hausordnung ist locker; Gebote sind wichtiger als Verbote. Man solle, heisst es, sich «für ein höheres Ziel im Leben einsetzen» und nicht stehlen, «weil dies das Karma schwer schädigt». Profitabel ist die Sache nicht, doch kostendeckend. «Die Idee ist, das Beste eines Cafés – sozial, energetisch, kreativ – mit dem Besten eines Arbeitsplatzes – produktiv, funktional – zu verbinden», sagt Tara Hunt.
Jeder sein eigener Schmied
Genau deshalb ist Kurt Smith hier. Der 32-jährige Industriechemiker ist für das holländische Unternehmen Culgi tätig, das Software zur Computermodellierung chemischer Verbindungen entwickelt. Er hat in Filialen seiner Firma in Holland, Frankreich und England gearbeitet und beackert jetzt den amerikanischen Markt. Mit seinen Arbeitskollegen ist er über Skype und das Internet in Kontakt; sie teilen sich einen Desktop mit einem virtuellen Anschlagbrett. Smith, mit seinem Velo und der Freizeitkleidung nicht der typische Firmenvertreter, hat «Citizen Space» zu seinem Arbeitsort gewählt, weil er nicht mehr alleine zu Hause vor dem Computer sitzen wollte. «Hier kann ich mit anderen reden, erzählen, was ich mache, und Nützliches erfahren», sagt er. «Tara etwa weiss viel mehr über Marketing als ich.»
Und Tara Hunt kennt eine Menge weiterer nützlicher Leute, mit denen sie ununterbrochen «twittert». Das Mikro-Blog «Twitter», in dem man bis zu 140 Zeichen lange «tweets» an sämtliche Teilnehmer oder eine ausgewählte Gruppe senden kann, ist das Kommunikationsmittel der digitalen Nomaden. Twitter wird via SMS, Instant-Messaging, dem Programm Twitterrific oder über andere soziale Websites bedient. Was Hunt, online «Missrogue», tut oder wissen möchte, wird von sechstausend Mit-Bloggern verfolgt, über deren Leben sie ebenso auf dem Laufenden gehalten wird. An welcher Party sie war, wie viel sie getrunken und wen sie getroffen hat – es gibt nichts, was nicht mitteilenswert wäre. «So ist man nie allein», sagt sie, während sie flink ihr iPhone nach Statusmeldungen checkt.
Der Übergang vom Geplauder zum Geschäftlichen ist fliessend. Als Tara Hunt ihre Enttäuschung über den Buchumschlag-Entwurf des Verlages ihrer Twitter-Clique kundtat, fand sie bald mehr als ein halbes Dutzend ausgearbeitete Alternativvorschläge in ihrer elektronischen Post. Einige darunter sind so gut, dass Tara sie dem Verlag präsentieren will: ein Beispiel für die Whuffie-Wirtschaft, von der ihr Buch ja handelt.
Es ist immer noch so, dass Menschen sich gerne persönlich sehen, und das wird wohl so bleiben, solange der virtuelle Kuss eine halbe Sache ist. Neu ist, dass man mehr Kontrolle über die Gesellschaft hat, in der man sich befinden möchte. Etwa mit dem Programm «Fire Eagle» von Yahoo!, das Informationen über den Aufenthaltsort eines Laptop-oder Handybenutzers liefert, sofern er seine Geräte dazu autorisiert hat. So erfährt man, ob an der Party, wo man Jane zu sehen hofft, nicht etwa auch Tarzan ist, den man meiden möchte. (Falls der nicht auf «Hide Me» geklickt und sich virtuell unsichtbar gemacht hat.)
Die Vermischung von Privatleben und Arbeit, wie sie «Citizen Space» propagiert, ist nicht neu. Der Dorfschmied hatte einst seine Werkstatt zu Hause, wo die Familie war; erst die Industrialisierung mit ihrer kapitalintensiven Maschinerie hat das Privat- vom Arbeitsleben getrennt. Diese Trennung hat die Telekommunikationstechnik in den Neunzigerjahren mit Fax und Internet via Telefonleitung teilweise wieder aufgehoben; für viele wurde es möglich, Arbeiten für ihre Firma zu Hause zu erledigen. Die jüngste technologische Revolution, die drahtlose, befreit von einem bestimmten Arbeitsort überhaupt – ob man im Büro, zu Hause oder irgendwo unterwegs ist, spielt keine Rolle.
Nach dem Dotcom-Crash von 2001 ist das Silicon Valley mit dem Web 2.0 wieder daran, Innovationen und Multimillionäre en gros zu produzieren. «Es ist deshalb ein so einzigartiger Ort, weil hier jeder jedem über den Weg läuft», sagt Paul Saffo, Trendforscher und Technologie-Prognostiker, der selber da wohnt. «Man sieht sich, schwatzt über alles mögliche und kommt so auf Ideen.»
Arme Einsiedlerkrebse
Saffo hat die Evolution des digitalen Nomaden seit Beginn verfolgt. Der aktuelle Trend sei, sagt er, dahin zu ziehen, wo man leben wolle, entweder hinaus in die Natur oder hinein in die Stadt. An der Pazifikküste lassen sich immer mehr digitale Nomaden nieder, bilden Gemeinschaften und verändern die Sozialstruktur der Gegend, die einst dominiert war von Arbeitern der Holzindustrie. Andere suchen die Nähe von kulturell attraktiven Metropolen wie San Francisco, Portland oder Seattle. Doch beides bewirke, dass das Silicon Valley weiterhin wachse, meint Saffo, weil alle immer wieder da hin müssten.
Saffo hat die digitalen Nomaden klassifiziert wie ein Biologe tierische Spezies. Als Nomaden, sagt er, kennzeichne sie weniger das, was sie mit sich herumtrügen, als das, worauf sie verzichteten. Wie Beduinen nicht Mengen von Wasser durch die Wüste schleppen, weil sie wissen, wo die Oasen sind, so weiss der digitale Nomade, wo er Hot Spots und einen Stromanschluss findet. Im Gegensatz dazu müssen sogenannte Astronauten, die sich in unbekanntem Gelände bewegen, Lebensnotwendiges wie etwa Sauerstoff mit sich führen. (Ein digitaler Astronaut ist zum Beispiel der Geophysiker, der im Dschungel ein Satellitentelefon, eine tragbare Bodenstation und einen Stromgenerator braucht.) Die sogenannten Einsiedlerkrebse wiederum sind etwas dazwischen – eine unglückselige Spezies von Geschäftsreisenden, die im Rollkoffer ein Arsenal von Kabeln und Adaptern für Computer, Handy und was weiss noch mitführen, weil sie den Sprung ins drahtlose Zeitalter nicht geschafft haben.
Wie man Wohnen und Arbeiten auf eine neue Weise verbindet, zeigt die «Hat Factory» in San Francisco. Das Loft in einer ehemaligen Hutfabrik im Dogpatch-Viertel, just am Geburtsort der Modelinie Esprit, ist eine Wohngemeinschaft von vier Männern, die ihre gute Stube tagsüber an digitale Nomaden vermieten. Für monatlich 200 Dollar können diese an dem riesigen Tisch arbeiten und haben alles Nötige zur Verfügung. «Das deckt ein Fünftel der Miete», sagt der Videoblogger Eddie Codel, der die Sache managt. Im Unterschied zu «Citizen Space» ist die «Hat Factory» nur tagsüber offen; die Abende gehören den Bewohnern, deren Schlafzimmer im oberen Stock sind.
Je mehr Hot Spots es gibt, desto mehr Nomaden gibt es, und umgekehrt. Welche Konsequenzen das für die Gesellschaft hat, darüber spekulieren die Soziologen. Einerseits stärkt die mobile Kommunikation bereits bestehende Bindungen. Familien und Freunde, wie verstreut auch immer, bleiben dank Handy und E-Mail in Kontakt miteinander. Politische Bewegungen und Interessengruppen aller Art haben mit dem Internet ein Instrument zur Mobilisierung Gleichgesinnter in der Hand, von dem frühere Aktivisten nur träumen konnten. Beziehungen werden gepflegt über Kontinente hinweg zwischen Menschen, die einander nie gesehen haben und womöglich nie sehen werden.
Dass der Computer die Menschen auseinanderbringt, stimmt also nicht. Andererseits verringert sich die Chance des zufälligen Gesprächs zwischen einander Fremden, wenn jeder sein Ohr am Handy und den Blick auf dem Bildschirm hat. Das Café, früher ein Ort geselligen Beisammenseins, wird mit der Kombination von Laptop und Latte zum gespenstisch stillen Raum von Gästen, die mit allen möglichen Personen in Kontakt sind, nur nicht miteinander.
Digitale Nomaden eint das Bedürfnis, in Gesellschaft allein zu sein. Ob politisch engagierte Grüne, technophile Computerfreaks oder Aspiranten auf die Forbes-Liste der Reichsten dieser Welt – sie alle haben ein Ideal von Arbeitsplatz, der sich mehr im Design als im Prinzip unterscheidet. In den «Sandbox Suites» in San Francisco etwa findet man sich umgeben von Leder und Chromstahl; die Türfalle hat einen Fingerprint-Scanner, der Mitgliedern den Eingang schlüssellos öffnet, es gibt Schliessfächer für die Habseligkeiten und einen Automaten für Snacks, der mit Münzeinwurf bedient wird. Roman Gelfer, ein junger smarter Russe, wollte etwas für Leute mit eher konventionellem Lebensstil, die sich im kreativen Chaos einer «Hat Factory» nicht wohl fühlen würden. Einst Aktienhändler an der Wall Street, hatte Gelfer genug auf die Seite gelegt, um in ein eigenes Unternehmen zu investieren. Läuft alles nach Plan, wird es nicht bei dieser einen Lokalität bleiben – die «Sandbox Suites» sind darauf ausgelegt, zur Kette ausgebaut zu werden wie McDonald’s.
«Ein schlechter Platz für Workaholics», sagt Gelfer ironisch, als er durch die mit Ölbildern von Frauen und Früchten geschmückten Räumlichkeiten führt. «Hier kann man nichts anderes tun als arbeiten.» Man wagt sie kaum anzusprechen hinter ihren Computern, wo sie brüten und die Welt vergessen haben. Tut man es, ist man überrascht von einer Auskunftsfreudigkeit, die verrät, dass es sich um Unternehmensgründer handelt, die für Publizität dankbar sind.
Wie etwa James Nicholson, den CEO von «MyStreet.com», einer Website, die Lokalnachrichten über Quartiere mit einer interaktiven Karte kombiniert und es Anwohnern ermöglicht, miteinander in Kontakt zu treten und etwas auf die Beine zu stellen. Online kann man Nachbarn eine Nachricht hinterlassen, sich über einen Garagen-Flohmarkt orientieren, einen Babysitter oder Fitnesspartner finden und erfahren, wo ein Verbrechen begangen wurde. Der virtuelle Nachbau des Quartiers, nur für Anwohner zugänglich, macht die gute alte Zeit wieder lebendig, als jeder jeden kannte. Über 150 000 Städte und Ortschaften sind in «MyStreet.com» zu finden, und Nicholsons Software durchpflügt täglich 15 000 Zeitungen auf Lokalnachrichten, die ausgeschnitten und platziert werden. Ein eigenes Büro braucht er nicht; hier in San Francisco sind sie zu zweit, das Entwicklungsteam ist in Seattle. James Nicholson hat vorher zu Hause gearbeitet; in die «Sandbox Suites», nicht weit von seiner Wohnung entfernt sind, kommt er zu Fuss.
«Hybride» Plätze
In der oberen Etage mit den Bücherwand-Tapeten findet man Heather Findlay, die den «Pride Guide» herausgibt, den seit elf Jahren erscheinenden Führer für Lesben und Schwule. In ihrem Leopardenmantel, dem knappen Jeans-Mini, den Wollstrümpfen und Lederstiefeln würde man sie, die auch für die Website «Wine Girl Online» verantwortlich zeichnet, eher im «Citizen Space» oder der «Hat Factory» vermuten. Doch sie schätzt, dass es hier «hübsch und sauber» ist. Ihre Freundin, von der sie als «meine Frau» redet, ist zu Hause, und Heather findet, sie komme hier viel besser zum Arbeiten: «Ich bin so viel produktiver!»
Findlay hat einen der festen Arbeitsplätze, die im Angebot als «Second Home» figurieren und 545 Dollar monatlich kosten; wer das nicht braucht, kann «Frequentflyer» oder «Digital Bedouin» buchen, was preisgünstiger ist und weniger Privilegien und Zutritt bedeutet. Zusätzliche Dienstleistungen sind im Angebot, unter anderem Laptopmiete, Conciergedienste oder eine Postadresse für die Schneckenpost.
Auch die «Sandbox Suites» pflegen das gesellige Beisammensein, doch etwas mehr geschäftsorientiert – von der «Russian Professionals Group» über den Workshop «Pimp your Website» bis zur «Happy Networking Hour» findet sich jede Woche etwas auf dem Kalender. Da knüpfen die Einzelgänger Beziehungen, die gut für den geschäftlichen wie für den seelischen Haushalt sind.
Die neuen Oasen für digitale Beduinen sind die Vorboten einer Entwicklung, die die Architektur von Gebäuden, die Struktur von Quartieren und den Charakter von Stadt und Land verändern wird. Die Trennung zwischen Büros zum Arbeiten und einer Cafeteria zur Verpflegung, wie sie das traditionelle Geschäftshaus kennt, wird einer flexibleren, multifunktionalen Struktur weichen. Je weniger Zeit Angestellte am Pult verbringen, desto begehrter sind «hybride» Plätze – Orte mit halböffentlichem Status, wo Erholung und Arbeit sich mischen.
Nach Prognosen von Städteplanern wird die typische amerikanische Stadt mit den Vorstädten zum Wohnen und dem Zentrum zum Arbeiten von den digitalen Nomaden umstrukturiert werden. Befreit von einem festen Arbeitsort, wünscht man sich seine Umgebung eher in der Art eines Dorfes, wo alles durchmischt und in Gehdistanz erreichbar ist. Das bedeutet weniger Pendelverkehr und eine Ausweitung des öffentlichen Raumes. Starbucks mit seinen Sofas, Steckdosen und Hotspots, die Buchhandlungskette Barnes & Noble, Kirchen, YMCAS und öffentliche Bibliotheken sind dank drahtlosem Internetzugang zu beliebten Treffpunkten und Arbeitsorten geworden.
Manchmal so beliebt, dass der Erfolg dem Besitzer Sorgen bereitet. Chris Waters, der seit fünf Jahren in Oakland das Nomad-Café führt, kann sich nicht über Mangel an Kundschaft beklagen. Unweit der Universität von Berkeley gelegen, war das Nomad der Pioneer mit kostenlosem Internetzugang. «Zuerst lief das Geschäft gut wegen des Internets, jetzt läuft es nicht mehr so gut deswegen», sagt der 38-Jährige, der so etwas wie die Seele des Quartiers ist und eine Menge dafür getan hat, dass in dieser von Drogen und Prostitution geplagten Gegend ein Kulturleben blüht, mit Live-Bands, für die das Nomad eine Auftrittsgelegenheit bietet. Waters, der fünfzehn Jahre in der Filmproduktion in Hollywood gearbeitet hat, ist mehr am Sozialleben gelegen denn am Profit. Strikt grün, rühmt sich sein Café einer staatlichen Auszeichnung für ökologisches Musterverhalten – 95 Prozent des Abfalls wird wiederverwertet oder kompostiert.
Doch die Sache muss sich rechnen, und Gäste, die Stunden vor dem Computer sitzen und nach dem ersten Kaffee nichts mehr bestellen, gefährden das Überleben. «Wir haben vieles ausprobiert, doch nichts hat geholfen», sagt Chris Waters. Jetzt erwägt er, ob er nur am Morgen gratis Internet anbieten soll. «Auch manche Gäste klagen, sie fühlten sich nicht wohl, wenn es hier still ist wie in einem Grab», sagt er, während wir an einem der Tische plaudern, umgeben von Nomad-Nomaden mit Kopfhörer und Laptop.
Hallo, du mit der Latte!
Zur Kundschaft gehören Studenten, Künstler aller Art, Junge, die ein «grünes» Business aufbauen wollen, sowie Prostituierte mit ihren Zuhältern, die ihre interaktiven Online-Anzeigen auf Kundentermine checken. Einmal, erzählt Waters, wurde der Server gesperrt; ein Gast hatte vom Café aus Spam für einen Escort-Service verschickt.
Er überlegt sich auch, wie man den Kontakt zwischen den Kunden via Internet fördern und so wieder etwas mehr traditionelle Café-Atmosphäre schaffen könnte. Er plant eine Website, «Welcome to the Nomad Café», die jedes Mal auf dem Bildschirm erscheinen würde, wenn man den Zugang benutzt. Wer möchte, kann da eintragen, wer er ist, was er macht und ob er gerade anwesend ist. Das würde Kontakte zwischen den Gästen animieren, ist doch eine der Attraktionen von Hot Spots die grosse Chance, da interessante Leute anzutreffen. Die meisten, die das Café zu ihrem Heimbüro gemacht haben, sind jung, ehrgeizig und voller Ideen.
Wie zum Beispiel Matthew Banghart, der täglich im Nomad ist. Der 28-jährige Student ist an seiner Doktorarbeit über ein von ihm mitentwickeltes Medikament, mithilfe dessen man die Aktivität von Neuronen via Licht steuern kann – eine Hoffnung, Blindheit zu besiegen. Banghart, klein, schmächtig und mit schwarzer Hornbrille, ist der Typ des ganz seiner Sache ergebenen Wissenschaftlers und der Einzige hier, der statt einem Mac einen alten Toshiba-Laptop hat, weil er sich nichts anderes leisten kann. «Wir sind hungernde Künstler», sagt er von sich und seinesgleichen; selbst das Postdoktorat bei einem renommierten Wissenschaftler, das er bekommen hat, wird ihn einkommensmässig nicht viel über die offizielle Armutsgrenze bringen. Im Nomad sitzt er bei einer Schale schwarzen Kaffees und einem Jogurtbecher voller Nüsse und Trockenfrüchte, die er mitgebracht hat.
Matthew Banghart verbringt fast seine ganze Zeit im Labor; das Leben im Cyberspace sieht er mit Vorbehalt. «Will man mit einem Mädchen ausgehen, wird man zuerst nach dem Profil in Facebook gefragt», sagt er. Er hat keines, weil er Persönliches nicht der ganzen Welt offenbaren will, und weil man, selbst wenn man sein Profil sauber hält, mit Leuten in Verbindung gebracht werden kann, die rufschädigend sind. «Aber wenn man nicht in Facebook ist, existiert man nicht», meint er. «Kürzlich sagte mir eine, sie wisse nicht, wer ich sei, wenn sie nicht online checken könne, welche Freunde ich habe. So ist das heute!»
Muss sich das Nomad um seine Existenz sorgen, spriessen die neuen Bürogemeinschaften in San Francisco und Umgebung wie Pilze aus dem Boden. Das sogenannte Coworking, das sie pflegen, wird weltweit populär; auf der Website coworking.pbwiki.com finden globale Nomaden heute Arbeitsoasen von Australien bis Asien, von Österreich bis Kasachstan, von Litauen bis zum Libanon.
Nur die Schweiz fehlt auf der Liste. Eine gute Gelegenheit etwa für Zürich, auf die Überholspur zu wechseln und die Stadt mit gratis Internetzugang zum Hot Spot Nummer eins zu machen. Die Schwestercity San Francisco, die es nicht geschafft hat, könnte die Pläne liefern – schliesslich gibt es auch in der Limmatmetropole genug Laternenpfähle, die leicht zu Internetzugriffsstationen aufgerüstet werden könnten.

Chris Waters, Besitzer Nomad-Café «Hier ist es still wie in einem Grab.»

Tara Hunt, Mitinhaberin «Citizen Space» «Man kann es die Youtube-Ideologie nennen.»

Eddie Codel, Manager «Hat Factory» «Mit unserem Konzept decken wir ein Fünftel der Miete.»

Matthew Banghart, Student im Nomad-Café «Wenn man nicht in Facebook ist, existiert man nicht.»

Kurt Smith, Industriechemiker im «Citizen Space» «Hier kann ich mit anderen reden und Nützliches erfahren.»
Die Reportagen von Peter Hafner gefallen mir, keine Frage. Was mich hier aber irritiert, ist der fehlende Hinweis auf den Economist Artikel vom 10. April 2008 mit dem Titel “Nomads at last” – oder dachte Herr Hafner dass wir hier in der Schweiz nicht merken, dass 50% des Inhalts bereits in anderer Form (auf Englisch) publiziert wurden?
http://www.economist.com/specialreports/displayStory.cfm?story_id=10950394
Schön und gut diese Freiheit, von dort aus zu arbeiten wo es einem gerade passt, stets Online und überall lokalisierbar mit dem Caffe Latte in der Hand. Als ich im letzten Urlaub einen vermeintlichen Klingelton mit Vogelgezwitscher verwechselte und mich darüber ärgerte das ich Sonntags keine E-Mails bekomme, war es Zeit echtes My-Space zu erleben. Einfach einmal alles abschalten und nicht erreichbar sein im Hotspotlosen Niemandsland.
Leider ist mystreet.com für die Schweiz nicht verfügbar. Schade, dass es keinen Hinweis auf eine Site in der Schweiz gab.
Interessanter Beitrag; irgendwie auch traurige Typen, die da vorgestellt werden. Nur: in Zürich und der Schweiz wird es nie flächendeckende Hotspots geben, die Diskussion um unnötigen Elektrosmog ist allgegenwärtig. Ausserdem surfen wir in der Schweiz wenn immer möglich via Kabelanschluss. Sicher ist sicher.
Lieber Florin Jaeger
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich kenne ich den Economist-Report “Nomads at last” und habe ihn auch als eine Informationsquelle benutzt.
Doch der Economist-Report vom 10. April 2008 berichtet nicht als erster über das Thema. Er selber benutzt Quellen, die er nicht nennt, wie etwa den Artikel “It’s all quiet at Nomad Cafe, but the place is still buzzing” im San Francisco Chronicle vom 4. Dezember 2007, oder “They’re Working on Their Own, Just Side by Side” aus der New York Times vom 20. Februar 2008.
Quellen pflege ich, wie branchenüblich, nur zu nennen, wenn sie exklusiv sind. Über das Thema “digitale Nomaden” und “digitale Beduinen” ist in den USA breit berichtet worden, was ja auch der Grund war, weshalb der Economist darauf eingestiegen ist und den Sonderteil gemacht hat.
Im übrigen trifft es nicht zu, dass sich die Hälfte meiner Reportage mit dem Economist inhaltlich deckt. Über die neuen Bürogemeinschaften wie “Citizen Space,” “Sandbox Suites” oder “The Hat Factory” – den Schwerpunkt meiner Reportage – findet sich nichts im Economist.
Mit besten Grüssen, Ihr Peter Haffner
Junge Menschen mit Kopfhörern sitzen isoliert vor ihren Notebooks und kommunizieren mit der niedrigsten Art der Kommunikation elektronisch mit anderen jungen Menschen. Der hippe Coffee-Shop wird zur Bühne der neuen hedonischen Gesellschaft. Youtube, Facebook, Live Messenger und andere soziale Tummelplätze mit Big Brother Charakter Tag und Nacht. Ohne Black-Berry geht nichts mehr. Die Menschen treiben sich gegenseitig zum Hyperaktivismus. Beschäftigen sich mit Dingen, welche die Welt nicht wirklich braucht – und wohl auch niemand bezahlt. Und immer ist von „Arbeit“ die Rede. Bringt das die Welt wirklich weiter?
Wenn Stephan Geiser lieber 8.24 Stunden pro Tag in einem womöglich dunklen, kleinen Büro arbeitet, zweimal 15 Minuten Kaffeepause machen und nicht vor 17 Uhr nach Hause darf, sei ihm das unbenommen. Wenn er sich dabei wohlfühlt – bitte! Alle sollen nach ihrer Façon glücklich werden.
Wenn er Kunde von mir wäre, fände er es aber sicher auch gut, wenn seine Probleme möglichst zu jeder Tageszeit schnell gelöst sind – dank ach so teuflischen Dingen wie Messengern oder mobilen Kommunikationsgeräten. Er sei beruhigt: Das kann man durchaus Arbeit nennen, ich und viele andere leben jedenfalls davon; und zumindest die Welt, in der ich lebe, bringt es sehr wohl weiter.
Ich halte dieses eine, einzige Leben für zu kurz und wertvoll, um mich zu 100% dem Diktat ewiggestriger Stachanowisten hinzugeben. Es gibt eine Arbeitswelt jenseits von Büropräsenzen und fixen Arbeitsplätzen – glücklicherweise ermöglichen mir die neuen Technologien ein Leben, in dem sich Arbeit, Familie, FreundInnen, Freizeit, Reisen usw. gewissermassen zu einem unterhaltsamen und kreativen Smoothie zusammenmischen. Ob nun im Café oder unter dem Olivenbaum… http://blog.jacomet.ch/?p=695
Etwas erstaunt bin ich schon, weiter oben als einer der “irgendwie auch traurigen Typen” bezeichnet zu werden, die “isoliert vor ihren Notebooks der niedrigsten Art der Kommunikation” fröhnten, und “hedonistisch und hyperaktiv” sich mit Dingen beschäftigten, die niemand brauche. Wohl die allerwenigsten von uns “digitalen Nomaden” verplempern ihre Zeit mit dem Anpassen ihrer Facebook-Profile oder dem Posten von sauglatten YouTube-Filmchen. Wissens- und Kulturarbeit wurden in unserem herzigen Ländli schon immer als unnötig oder gar subversiv beargwöhnt, das war schon zu Bibliotheks- und Papierzeiten nicht anders, und schon damals habe ich mich mit meinen Büchern lieber in ein Cafè gesetzt (isoliert!) und sei es nur, um mal aus dem Studierzimmer rauszukommen. Entsprechend bin ich froh, dass es auch in Zürich immer mehr nette “Beduinen”-Cafès mit offenem W-LAN- Zugang gibt, nicht bloss besagte amerikanische Vanille-Coffee-Tränke. Eine “Karavanserei” wie “Citizen Space,” “Sandbox Suites” oder “The Hat Factory” ist mir aber nicht bekannt. Auch Entsprechungen zu Twitter oder MyStreet und City-Blogs, in denen nicht bloss Ausgehtipping und Deutschenbashing betrieben wird, habe ich noch keine befriedigenden gefunden. Gibts die doch? Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar.
Übrigens: haben wir Zürcher Stimmberechtigten nicht vor 1-2 Jahren einen Kredit angenommen, mit dem die Stadt mit kostenlosen Hotspots bestückt werden sollte? Geht da etwas, oder habe ich das letzlich nur (wunsch-)geträumt nach einer langen Online-Arbeits-Nacht?
Wurde vor etwas mehr als einem Jahrzehnt nicht das Papierlose Büro beschworen? Und in den Fünfzigerjahren das Turbinengetriebene, fliegende Auto? Und jetzt also Arbeit von wo aus man immer will… ich würde ja gerne daran glauben- aber: Was ist mit all jenen Menschen, deren Arbeit sich nicht in irgendein Dateiformat umwandeln lässt? Der tertiäre Sektor unserer Volkwirtschaft mag ja beständig wachsen- doch der primäre wird uns auch in Zukunft noch, wenn alle irgendwo in irgendeiner Welt mit irgendjemandem für irgendjemanden für irgendetwas arbeiten, erhalten bleiben. Die Story klingt für mich zu schön, um wahr zu sein.
…ich meinte natürlich den sekundären Sektor, nicht den primären, sorry.
[...] und gäbe. Beim Lesen des “Tagimagi” fragte ich mich, warum ich mich – eigentlich als digitaler Nomade geboren – so lange in Büros einschliessen habe [...]
[...] weil mich der Inhalt irgendwie «getroffen» hat. Sei es inhaltlich oder persönlich. Der Artikel «Digitale Beduinen» von Peter Haffner ist so ein [...]
[...] Das W-Lan wird nicht weniger, sondern noch selbstverständlicher. Der Economist und das Schweizer Magazin brachten bereits im Frühjahr 08 Berichte über Mobility und die Digitalen Nomaden. In Deutschland [...]
[...] Das Magazin: Digitale Beduinen [...]