25.09.2009 von Roger de Weck , 3 Kommentare
Die Krise ist allgegenwärtig, eine Krise der Finanz, der Wirtschaft, der Politik, der Medien — dahinter eine Wertekrise. Schon seit Langem ist die Rede vom Wandel der Werte in einer Epoche pausenloser Umbrüche: elektronische Revolution, Globalisierung, europäische Einigung, Untergang der Sowjetunion, Ende des Kommunismus, Aufbäumen des Islamismus, Auftrumpfen des Populismus, Aufstieg der Ökologie, Durchbruch der Gentechnik, Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft. Und zehn Jahre nach der 1968er-Revolte der Linken entfaltete sich die neoliberale Gegenbewegung. Selten in der Geschichte gab es solchen Umschwung in fast allen Lebensbereichen. Daraus erwuchs ein Kult der Geschwindigkeit. Er hat viele Menschen beflügelt, viele überfordert.
Im Westen traf die Krise labile Gesellschaften. Die Amtszeit des amerikanischen Präsidenten George W. Bush hatte mit 9/11 am New Yorker World Trade Center begonnen und endete im Debakel an der benachbarten Wallstreet, zwei Traumata. Auch Europa war schon vor dem Finanzcrash verunsichert. Der Staat und «Brüssel» stehen seit Langem unter Dauerbeschuss. Zusehends fehlen Vorbilder. Die Wirtschaftselite giert, die Medienwelt fiebert, die Kirchen kränkeln. Der bedrängten Mittelschicht und der wachsenden Unterschicht bietet niemand Orientierung. Im grossen Umbruch schwanken wir Europäer zwischen Zuversicht und Beklemmung.
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Die elektronische Revolution hat einerseits das Internet und weitere wunderbare Möglichkeiten geschaffen, andererseits Ängste geweckt: Werden Arbeitsplätze wegrationalisiert, Gesellschaften noch anonymer? Kommt der rundum überwachte, gläserne Mensch?
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Globalisierung und Europäisierung lassen Grenzen fallen. Manche Europäer geniessen den grösseren Auslauf. Die anderen, denen die Staatsgrenzen Schutz boten, fürchten nun den Einbruch des Fremden und die Macht anonymer Bürokraten in der Brüsseler EU-Zentrale oder in Konzernzentralen.
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Das Ende des Kalten Kriegs war befreiend, doch mittlerweile herrscht eine ungemütliche «Weltunordnung». Die latente Sorge um Atomkrieg und Weltuntergang ist einem verbreiteten Gefühl persönlicher Bedrohung durch kriminelle oder politische Gewalttäter gewichen, zumal ein Teil der Massenmedien immer penetranter die menschlichen Ängste bewirtschaftet.
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Das neue Umweltbewusstsein eröffnet Chancen und Märkte für die Wirtschaft, von den erneuerbaren Energien bis zu den Bioprodukten — aber es verärgert den Teil der Firmenwelt, den die neuen ökologischen Auflagen behindern. Das Volk, notorisch ambivalent, fürchtet die Erderwärmung ebenso wie den Anstieg des Benzinpreises.
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Die Gentechnik nährt Hoffnungen im Kampf gegen den Welthunger und unheilbare Krankheiten, aber auch die Urangst vor dem Frevel, in die Schöpfung einzugreifen.
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Der Übergang vom Industrie- zumDienstleistungszeitalter ist eine Zäsur wie einst der Wechsel von der Agrar- zur Industriegesellschaft, mit Gewinnern und Verlierern. Statt der Konzentration von Arbeitskraft in den Fabriken sind nun dezentrale Netze gefragt. Unmerklich bröckeln altgewohnte Kategorien der Industriegesellschaft: Die Grenzen zwischen Büro- und Heimarbeit, Voll- und Teilzeit, Selbstständigen und Lohnabhängigen verwischen. Wer eigentlich ist Arbeitgeber, wer Arbeitnehmer, wenn Investmentbanker mehr verdienen als ihre Vorgesetzten?
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Die Nach-68er-Jahre haben das Zusammenleben verändert. Die Familie istnicht länger alleinige Stammzelle der Gesellschaft. Behutsam beginnen Frauen, die Männer zu überholen. Der neue Kult der Jugendlichkeit mindert den einstigenRespekt vor dem Alter.
Zahlenerfolg
Noch radikaler aber haben Ultraliberale die bürgerlichen Werte zerrüttet. «Macht aus dem Staat Gurkensalat», hatten die linken 68er gesagt — aber nicht getan; gern gingen sie in den Staatsdienst. Die wahren Antietatisten sind ihre rechten Nachfolger. Und ihr Kasinokapitalismus belohnt nicht mehr die echte Leistung, «sondern die Performance, den in Zahlen aufscheinenden Erfolg», vermerkt Klaus Gretschmann, Generaldirektor beim Brüsseler EU-Rat, früher Wirtschaftsberater des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder: «Tradierte alteuropäische Tugenden des ehrbaren Kaufmanns wie Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, langfristige Geschäftsbeziehungen, Kontinuität, Vertrauen, Rücksicht sind verloren gegangen, ersetzt worden durch Zielgrössen wie Dynamik, Innovation, kurzfristiger Profit. Seitdem Finanzmärkte die Güter- und Arbeitsmärkte dominieren, ist trickreiche Virtuosität statt hergebrachter Solidität zur Devise geworden.» Der forsche angelsächsische Kapitalismus war dabei Schrittmacher.
In Deutschland warnte schon vor zwei Jahrzehnten der 2008 verstorbene Ökonom und Staatssekretär Claus Noé: «Solcher Wertewandel ist Wertezerstörung.» Werden die reellen Werte und Tugenden jetzt wiederhergestellt? Rücken immaterielle Werte in den Vordergrund, nachdem die Banken 4000 Milliarden Dollar vernichtet haben und im Börsenkrach 30 000 Milliarden implodierten?
In den Augen des Leiters des Liberalen Instituts in Zürich ist diese Frage falsch gestellt, denn für ihn gilt: Markt ist Moral. Der freie Markt, schrieb Pierre Bessard noch im Mai 2009, sei «die umfassendste moralische Anstalt». Er gründe auf der Achtung des Individuums und seines Eigentums. Er ersetze kriegerischen Kampf durch «wechselseitig vorteilhaften Tausch». Der Markt fördere «aus der eigenen Logik heraus Werte wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit». Bekanntlich macht Liebe blind, das gilt auch für Bessards Marktliebe in der Marktkrise.
Erosion der Ethik
Laut Jacob Burckhardt, dem berühmten Kulturhistoriker, sind Krisen «beschleunigte Prozesse», deren Ursprung er in seinen «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» aus dem Jahr 1870 anhand eines geologischen Bilds erläuterte: Bei der Komplexität jeder Gesellschaft, wo Staat, Religion, Kultur (und Wirtschaft, ergänzt man heute) «neben- und übereinandergeschichtet sind» und unablässig aufeinander wirken, wo vieles eine neue Form annimmt und deshalb seine ursprüngliche Rechtfertigung verliert, erlangen bestimmte Kräfte zu viel Platz, zu viel Macht und missbrauchen sie «nach Art alles Irdischen, während andere Elemente eine übermässige Einschränkung erleiden müssen». Dann kann «irgendwo irgendwas ausbrechen».
Tatsächlich berührt die Finanzkrise, die in Nordamerika und Westeuropa ausbrach und Asien etwas milder trifft, den Kern der westlichen Kultur. In der Leistungsgesellschaft haben die Jahre des schnellen Gelds ausgerechnet den Arbeitsbegriff entwertet, der einen Grossteil unserer Identität stiftet, seit der Genfer Reformator und Vorvater des Kapitalismus, Jean Calvin, die menschliche Arbeit heiligte; er sah den Beruf «als Wachtposten, den uns der Herr zugewiesen hat».
In seinem Buch «Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus» erahnte der amerikanische Soziologe Daniel Bell schon 1976 «eine Erosion der protestantischen Ethik». Eine Studie der zwei Ökonomen Thomas Philippon von der New York University und Ariell Reshef von der University of Virginia illustriert seine These. Die beiden Forscher haben die Entwicklung der Gehälter von US-Investmentbankern seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 untersucht: Bis 1980 verharrten sie auf dem Anderthalbfachen vergleichbarer Industrielöhne, dann schnellten sie aufs Vierfache empor. In Teilen der Finanzbranche und auf mancher Chefetage stehen seither Arbeit und Lohn der Arbeit in keinem Verhältnis mehr. Zwischen Leistung und Entgelt klafft ein Abgrund, der sich in der Krise (noch?) nicht schliesst. Das Bonus-Virus hat das Arbeitsethos befallen: Wer über sein Spitzengehalt hinaus noch Riesenboni braucht, um sich zu motivieren, hängt nicht an seiner Arbeit. Die Aufgabe, der man sich widmet, verkommt zum Job, den man wechselt wie das Brioni-Hemd. Überzogene Anreize ziehen Spielernaturen und Zyniker an, die sich weder dem Arbeitgeber noch dem Kunden verpflichtet fühlen, sondern der Ausbeute und dem Nahziel, Multimillionär zu werden.
Performanceorientierte Arbeit hat sofort Früchte zu tragen, weit weg von der alttestamentarischen Mühsal «im Schweisse unseres Angesichts». Um die Börse zu befriedigen, muss von Quartal zu Quartal «besser gearbeitet werden». Zur «Optimierung der Prozesse» werden Konzerne so oft und fahrig umgebaut, dass ihre Effizienz eher sinkt. Dem Spezialisten einer Bank, der innert sechs Jahren vier neue Chefs begrüsst hat, sind der fünfte Chef und die fünfte Neuorganisation egal. Solche strukturelle Selbstbeschäftigung, die Riesenunternehmen auf Trab hält, ist Scheinarbeit.
Eine Sekunde zu lang
In den Années folles der Finanz wuchs ohnehin der Eindruck, auf Dauer lasse sich mit Geld mehr Geld verdienen als mit Arbeit — eine Täuschung, denn Spekulation ist ein Nullsummenspiel: Was einer gewinnt, verliert ein anderer, genau wie im Kasino. Spekulation schafft keinen Mehrwert und stiftet keinen volkswirtschaftlichen Nutzen, ausser dass sie die Croupiers gut beschäftigt und einzelne Märkte in Gang hält, indem sie ihnen Marktteilnehmer zuführt. Im Jargon der Börsianer heissen die Baissiers (die mit fallenden Kursen rechnen) Bären und die Haussiers (die auf Kursanstieg spekulieren) Bullen. Kraft ihres Herdentriebs sorgen sie für unsinnige Trends und willkürliche Preisausschläge, was die Märkte noch launischer macht als ohnehin und der Industrie die Planung erschwert.
Unternehmen planen Jahre im Voraus. Beim Zocken ist manchmal eine Sekunde zu lang. Der Finanzinformationsdienst Thomson Reuters tüftelt an einer Software, die neue Quartals- und Jahreszahlen von Unternehmen einige Zehntelsekunden schneller versendet als die Wettbewerber. Reflex statt Reflexion: 0,7 Sekunden nach Eintreffen der Kurzmeldung über den Anschlag vom 11. September 2001 ergingen an der Börse erste Orders. Inzwischen gibt es computergestützte «Hochfrequenz-Händler», die in Zeitfenstern von Millisekunden eine Wertschrift kaufen und mit winziger Gewinnmarge wieder verkaufen.
Ohne Rücksicht
Mehr und mehr Konzerne geraten unter das Diktat der kurzen Frist. Die seit Mitte der Achtziger angesagte «Shareholder Value»-Doktrin hat nicht das beständige Unternehmen, sondern den unsteten Aktionär (Shareholder), der mit seinen Aktien schnellen Mehrwert (Value) erzielen möchte, in den Mittelpunkt des Wirtschaftslebens gerückt. Der Topmanager ist unter diesen Umständen dazu da, die ungeduldig spekulierenden Aktionäre — oft Hedgefonds und Pensionskassen — zu befriedigen. So schwingt das Pendel von der beharrlichen Strategie zu den fiebrig erwarteten Vierteljahreszahlen, die so gut wie nichts über die Solidität und die langfristigen Aussichten einer Firma aussagen.
Das Vertrauen in ein Unternehmen ist nämlich eine Frage der Kontinuität und Berechenbarkeit. Von heute auf morgen verspielt man dieses Vertrauen, gewinnen lässt es sich nicht über Nacht. Geht es verloren, heisst es: Rien ne va plus. Als Mitte 2007 die besten Banken der Welt plötzlich einander beargwöhnten und beispielsweise die Credit Suisse der Deutschen Bank oder der Bank of America kein Geld mehr auslieh, brach die Krise aus. Und inzwischen gilt: Kommt Zeit, kommt vielleicht Vertrauen. Für Unternehmen ist es der Grundwert — nicht nur für sie.
Die allgemeine Beschleunigung inWirtschaft und Gesellschaft ist das Pendant zum Wertezerfall, denn wer blitzschnell handeln muss, nimmt wenig Rücksicht auf Mitmenschen, Mitarbeiter und Mitwelt. Unter der Despotie der kurzen Frist werden überdies viele Zeit(not)genossen unkritisch, vom Topmanager bis zum Kleinanleger. Sich abwägend ein Urteil zu bilden, erfordert Ruhe, besser noch Musse. Doch wer sich Zeit nimmt, verliert Geld.
Hastig bleiben selbst diejenigen, die bereits eine Menge Geld haben: Zeit ist Geld, aber Geld ist nicht Zeit. Der Essayist Christian Graf Krockow vermerkte, früher sei es das Vorrecht des Adels gewesen, Zeit zu haben, nichts zu tun. Statussymbol des postmodernen Geldadels ist die pralle Agenda — Terminsucht als Denkflucht. Reichskanzler Otto von Bismarck arbeitete fünf Stunden am Tag. Heutzutage geniesst derjenige hohes Ansehen, der von Termin zu Termin und mit dem Trolley von Terminal zu Terminal hetzt, Blackberry am Ohr und Thinkpad-Tasche umgehängt. Der «flexible Mensch», den der Turbokapitalismus braucht, ist überall, nur nicht bei sich.
Stunde der Gaukler
Das ist die Chance von Gauklern und Gaunern wie Bernie Madoff. Vor allem aber ist es die Stunde der Autoritären, die sich auf das Gesetz der Dringlichkeit berufen, um ihren Autoritarismus zu begründen und unbotmässiges Fussvolk zu verschüchtern: «Ruhe auf den billigen Plätzen», es herrscht «Handlungsbedarf», man braucht keine «Bedenkenträger». In den Jahren vor der Krise verstummte mancher Kritiker des Turbokapitalismus, der nur Häme erntete, während viele Meinungsmacher sich vom Geld- und Gleichstrom mitreissen liessen. Zu einem Zeitpunkt, da konstruktive Systemkritik nötiger denn je gewesen wäre, trieben etliche Medien den flatterhaften Wirtschaftsführerkult und erlag mancher an sich nüchterne Ökonom der Faszination der Macht. Umso grösser die Arroganz ebendieser Macht: Topmanager, die dank goldenen Fallschirmen und Abfindungen bestabgesicherte Angestellte sind, beklagen die Vollkasko-Mentalität ihrer risikoscheuen Mitbürger. Während viele Konzernchefs Jahr für Jahr mehr Geld verdienen, mahnen deren Arbeitgeberverbände die Gewerkschaften zu Lohnmässigung. Nichts ist langwieriger als fairer Ausgleich der Interessen. Vertrauen zu bilden ist zeitraubend und kostspielig. Deshalb wird das Dringlichkeitsrecht des Stärkeren angewandt.
Man brauche eine Elite, klingt vielstimmig der Kehrreim: Zu dem heiklen E-Wort stehe man, beteuern Managerrunden. Doch eine Elite, die diesen Namen verdient, will Vorbild sein, denkt langfristig, bescheidet sich. Stattdessen wirkt oft ein Selbstbedienungskartell: Die Aufsichts- oder Verwaltungsräte, die die Managerbezüge festlegen, sind meistens selbst Manager — in anderen Konzernen. Wer da die Kollegen bedenkt, denkt an sich selbst. Das trägt nicht zur Gehaltsmässigung auf hohen Etagen bei. Die Finanzkrise ist auch eine Elitekrise.
Die «Herren der Welt» liessen sich aber nicht beirren, als die demokratische Öffentlichkeit aufwachte und die Vergütungsexzesse geisselte. Weniger mit Argumenten als mit Macht verteidigten die Spitzenverdiener ihren Besitzstand, bis der Krach sie vorübergehend entwaffnete. Aber Abrakadabra, kaum schmilzt der Bonus, schnellt das Gehalt empor. Kaum erholt sich die Börse, erhöht sich der Bonus wieder. Der grosse Ökonom Joseph A. Schumpeter vermutete schon 1947, der Kapitalismus sei «in Tat und Wahrheit eher das letzte Auflösungsstadium dessen, was wir Feudalismus genannt haben».
Die Krisen gleichen sich
Selbst die Finanzfürsten des New Yorker Versicherungskonzerns AIG (American International Group), der gut 180 Milliarden Dollar Staatshilfe entgegennahm, bequemten sich nur unter Zwang zu Abstrichen: Das war Machtverblendung und Realitätsverlust. Seit den Neunzigerjahren hatte AIG gezockt und sich schliesslich verzockt, tagaus, tagein im Geschwindigkeitsrausch. «Doch kann man wirklich im Hier leben, wenn alles Jetzt ist?», fragt Paul Virilio, der Philosoph der Langsamkeit und Autor von «Rasender Stillstand».
Es ist ein Grundmuster der Wirtschaftsgeschichte, dass Finanzleute leicht abheben, während Industrielle auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Hersteller brauchen langfristige Darlehen, Banken horten eher kurzfristiges Geld, denn der Einleger mag sein Konto schnell räumen. Die Unternehmer bleiben eine Zeit lang bei ihrer Strategie, die Börsianer steigen ein und aus. Güter sind träge, Geld ist flink.
Die beiden Forscher Carmen M. Reinhart von der University of Maryland und Kenneth S. Rogoff von Harvard, ein früherer Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, haben die einundzwanzigsten wichtigsten Bankenkrisen seit 1899 untersucht. Ihr Fazit: Die Krisenmuster gleichen einander. Börse und Immobilienmarkt schlingern jeweils sechs bis acht Jahre. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Schnitt um sieben Prozent und sinkt nach etwa vier Jahren. Die Produktion fällt um rund zehn Prozent, erholt sich aber rasch. Die Staatsverschuldung schnellt empor, im Schnitt um fast neunzig Prozent — aber nicht so sehr wegen der Hilfen an die Banken, sondern wegen des Einbruchs der Steuereinnahmen. Und, so der Befund der zwei Wirtschaftshistoriker: Wo kräftig liberalisiert wird, häufen sich Blasen und Finanzkrisen.
Im Zeitalter der Beschleunigung sind die zwei grössten Börsenblasen von schlecht geerdeten Bankern und Internet-Profis aufgepumpt worden, deren Gewerbe darin besteht, die menschliche Fantasie — auch die eigene — zu bedienen. Sowohl bei der Subprime-Blase von 2007 als auch bei der New-Economy-Blase war der Realitätsverlust zur Doktrin schlechthin erhoben worden. Es hiess, die im World Wide Web beheimatete «neue Wirtschaft» gehorche ganz anderen Gesetzen als die althergebrachte, die «Old Economy». Die Finanzleute durften bislang streng verbotene Wege gehen und aus allem oder nichts Wertschriften machen. Die meisten Papiere sind nicht faul geworden, sie waren es von Anfang an.
Zum Beispiel: Kunterbunt bündelt eine Bank ihre Forderungen aus mehreren Krediten (die sie guten und weniger guten Kunden gewährt hat) zu einem heterogenen «Forderungspaket». Dieses Sammelsurium verbrieft sie: Sie macht daraus Wertpapiere, die sie weltweit als vielversprechende, «strukturierte Finanzprodukte» verkauft. Indem die Bank ihr undurchschaubares Gemisch von Forderungen versilbert, kommt sie rascher zu neuem Geld, als wenn sie darauf wartet, dass ihre Schuldner die ausstehenden Kredite tilgen. Und mit dem frischen Geld macht sie sogleich neue verwegene Geschäfte, da ja auch diesmal das Risiko nicht bei der Bank verbleibt, sondern unter die einfältigen Kunden breit verteilt wird — das jedenfalls meinten viele Banker. Solche und ähnliche, wesentlich ausgefeiltere Produkte seien «Massenvernichtungsmittel», sagte schon 2003 der zweitreichste Mann der Welt, Warren Buffett, Grossanleger und einsame Stimme des gesunden Menschenverstands, die freilich verhallte. Der ehemalige Kapitalmarktchef der (mittlerweile von der Commerzbank übernommenen) Dresdner Bank, Jens-Peter Neumann, rechtfertigte sich nachträglich: «Wissen Sie, was passiert wäre, wenn ich in den guten Zeiten gesagt hätte, diese Papiere sind gefährlich? Man hätte mich rausgeschmissen.»
Dahinter stand die Diktatur der kurzen Frist, deren Untertanen sich Masters of the Universe nannten. In einem Essay kurz vor seinem Tod beschwor Ralf Dahrendorf: «Ein neues Verhältnis zurzeit in Wirtschaft und Gesellschaft ist der zentrale Mentalitätswandel, der aus der Krise hervorgehen könnte.» An solche Verlangsamung mag der Philosoph Paul Virilio nicht glauben. Neben der herkömmlichen Volkswirtschaftslehre bedürfe es künftig einer Ökonomie der Geschwindigkeit, um das Geschehen zu fassen. In der Tat ist es ein epochaler Widerspruch, dass fast gleichzeitig der Gedanke der Nachhaltigkeit und das hektische Quartalsdenken in den Konzernen aufkamen: die Überzeugung, dass Politik und Wirtschaft sehr langfristig angelegt sein sollten, und der Zwang, von Vierteljahr zu Vierteljahr einen höheren Gewinn auszuweisen. Die beiden konträren Denkmuster nisten oft in denselben Köpfen. Als besonders nachhaltig — durch alle Umbrüche und Epochen hindurch — erweist sich aber die Gier, deren Verhängnis der französische Essayist und Politiker Michel de Montaigne im Jahr 1572 aufzeigte: «Die Heftigkeit und Wucht des Begehrens behindert die Ausführung dessen, was wir unternehmen, mehr als sie es fördert. Wir betreiben die Sache nie gut, von der wir besessen und umgetrieben sind.»
Zwischenergebnis 4
Ein stabiler Kapitalismus
— verbietet die Spekulation, wo sie viel Schaden stiftet;
— erdet die Geldhäuser, indem er ihnen viel Eigenkapital abverlangt und sie mithaften lässt, wenn sie Risiken auf ihre Kunden abwälzen;
— besteuert massiv Gehalts- und Bonus-Exzesse;
— schafft Anreize für nachhaltige Firmenstrategien, namentlich durch Steuerrabatte auf Gewinne, die wieder ins Unternehmen fliessen und durch Vorgaben für langfristig ausgerichtete Bonus-Systeme.
Nächste Folge: Der neue Rahmen
Roger de Weck ist Publizist und schreibt regelmässig für «Das Magazin». Dieser Text ist Teil eines Buchprojekts, das Mitte November unter dem Titel «Gibt es einen anderen Kapitalismus?» im Verlag Nagel & Kimche, Zürich und München, erscheinen wird. «Das Magazin» publiziert in loser Folge Auszüge.

“Noch radikaler aber haben Ultraliberale die bürgerlichen Werte zerrüttet.”
Ich denke so kann man das nicht sagen. Eher sind es die Scheinliberalen die die bürgerlichen Werte zerrütten. Ein echter Liberaler steht auch für Eigenverantwortung ein. Das würde bedeuten dass die Banker, die diese Kriese verursacht haben, für alle Kosten aufkommen würden. Also für Steuerverluste, Arbeitslosengelder, verlorene Pensionskassenvermögen, usw. Nur so hätten wir eine echte liberale Marktwirtschaft.
“Der bedrängten Mittelschicht und der wachsenden Unterschicht bietet niemand Orientierung.”
Ich finde diese Bezeichnungen sowas von gestern. Ab wieviel Einkommen darf man sich übrigens zur Mittelschicht zählen? Und ist es nicht ein Witz, dass Menschen, die “im Schweisse ihres Angesichts” auf den Baustellen, in den Fabriken usw. unseren Wohlstand erarbeiten, gemeinhin zur sog. Unterschicht zählen, während beispielsweise ein Werber, der für das fertige Produkt lediglich Werbung macht, oder ein Journalist, oder allerlei Verwalter, in der Regel viel mehr verdienen und als gehobene Mittelschicht gelten?! SO entwertet man auch die Arbeit. Es müssen ja nicht immer nur die Manager und die Finanzelite dafür herhalten.
Im Uebrigen kenne ich mehrere Leute aus der “Unterschicht.” Sie erwarten weniger Parolen und Orientierung von oben, sondern mehr Gerechtigkeit. Wer hart arbeitet, seine Gesundheit ruiniert, und trotzdem arm bleibt, der sehnt sich vor allem nach mehr Lohn und allenfalls kürzeren Arbeitszeiten. Die “Unterschicht” findet das System (zu Recht) ungerecht und fühlt sich ohnmächtig.
Diagnose Übermaßunmäßigkeit: Unvernunft und Ungerechtigkeit als Verbündete der Gier.
Geld verliert immer mehr den eigentlichen Zweck – ein Zwischentauschmittel für den praktischen Gebrauch zu sein – es ist Selbstzweck und Spekulationsobjekt.
Die Zahl und der Umfang internationaler Finanztransaktionen sind so unglaublich stark angestiegen, dass weniger als zwei Prozent der Geldbewegungen durch Handelsaktivitäten begründet sind. Die weltweiten Finanztransaktionen betragen ein Vielfaches der weltweiten Wirtschaftsleistung. Der kurzfristige Handel mit Finanzprodukten verzeichnet Rekorde über Rekorde und die Jagd nach hohen Renditen geht immer mehr auf Kosten der Allgemeinheit. Denn im Spiel Gewinner gegen Verlierer im Finanzmarkt-Casino wird mit fremden Spielkapital gespielt.
Wer kann bezweifeln, dass die maßlose Gier, der kurzfristige Handel am Finanzmarkt mit Derivaten, Leerverkäufen und Spekulationen auf fallende Kurse die Weltwirtschaft destabilisiert und die Armut auf dieser Welt vergrößert ?
Was ist das für ein Wirtschaftssystem, wenn der Ölpreis – ohne erklärbare Veränderung in der Kostenstruktur der Förderung – innerhalb weniger Monate um ein Vielfaches steigt und dann wieder fällt oder wenn Banken innerhalb weniger Monate vom begehrten Investitionsobjekt zum Milliardengrab mutieren ?
Wenn das das Ergebnis des Spiels der freien Kräfte ist, dann gute Nacht Freiheit. Maximale Freiheit – JA, wenn sie mehr Leistungsansporn und Lebensfreude bringt und – NEIN, wenn viele Unbeteiligte, ohne es beeinflussen zu können, massiv bedroht werden.
Beim guten Wirtschaften sind es längerfristige Einflussfaktoren welche den Erfolg bestimmen: Das Weiterentwickeln einer Unternehmenskultur und die Verbesserung der Qualifikation der Mitarbeiter, die Entwicklung neuer Technologien und Produkte, der Aufbau einer Marke, eines Kundenstocks – alles braucht Zeit und ist nicht kurzfristig zu erreichen.
Daneben wirkt ein um Größenordnungen umfangreicheres Finanzsystem, dass mit affenartiger Geschwindigkeit den realen Wirtschaftskreislauf beeinflusst.
Es könnte so einfach sein und viele Probleme mit einem Schlag lösen: Es muss Schluss sein, mit den kurzfristigen Transaktionen in unvorstellbaren Größenordnungen.
Aber warum geschieht es nicht und was spricht gegen die Beseitigung dieser Ursache einer Bedrohung für die gesamte Menschheit ?
Was wird hier verteidigt und welche Argumente rechtfertigten diese Zeitbomben ?
Was rechtfertigt ein System, das es möglich macht, innerhalb weniger Sekunden mehr zu verdienen als tüchtige und ehrliche Menschen in mehreren Menschenleben nicht verdienen können ? Warum regiert Raffsucht und Habgier und nicht Fairness und Ehrlichkeit ?
Robert Lackner
http://www.h-eureka.com – Die Website über Ethik, Moral und Qualität in der Wirtschaft.