22.11.2007 von Albertine Bourget
New Bern ist in Aufwallung. In den letzten Wochen mussten sich die Stadtoberen immer wieder für ihren Entscheid rechtfertigen, Ende November eine Delegation ins alte Bern zu schicken, in die Schweiz. Bürger der Stadt in North Carolina zeigten sich sehr verärgert darüber, dass für diese Reise, die der Vernissage von Michael von Graffenrieds Ausstellung mit Bildern ihrer Heimatstadt gilt, ihre Steuergelder verwendet werden. Bei der Reise will die Delegation auch den Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät treffen sowie eine offizielle Einladung für die 300-Jahr-Feierlichkeiten hinterlegen, die die Amerikaner für das Jahr 2010 planen.
«Warum sollen wir für diese Reise bezahlen, wenn auf diesen Fotos ein negatives Bild von New Bern gezeichnet wird?», liess sich ein Einwohner der Stadt im Lokalblatt «Sun Journal» vernehmen, nachdem von Graffenried seine Arbeit in einer lokalen Galerie erstmals gezeigt hatte.
Als «wenig schmeichelhaft», gar als «rassistisch» werden die Bilder laut der Zeitung in New Bern empfunden. «Ich dachte», wird ein weiterer Bürger zitiert, «die Bilder sollten Werbung für New Bern machen. Aber Michael von Graffenried hat die düsteren Seiten gesucht.»
Die Empfindlichkeit ist vielleicht umso grösser, weil der Fotograf Michael von Graffenried aus der Familie des Stadtvaters Christoph von Graffenried stammt. 1710 ist dieser in der neuen Welt angekommen und hat in der Nähe des Ozeans die Kolonie New Bern gegründet. Seine Büste thront noch immer Downtown, und seine Nachfahren, von denen es verstreut über das Land wohl Tausende gibt, bleiben ihren Wurzeln treu.
New Bern mit seinen 23 218 Einwohnern gehört zur amerikanischen Provinz. Zu einem Amerika im Krieg, auf dessen beiden Militärbasen Lejeune und Cherry Point Marinesoldaten aufbrechen und ankommen. überall sieht man SUV, auf denen ein «Proud spouse»-Kleber klebt. Darin fahren die Gattinnen der Irak-Soldaten.
Als von Graffenried in New Bern seine Bilder suchte, stiess er auf offene Türen. Zwar kennt hier kein Mensch den Berner Fotografen, aber alle wissen, dass ein von Graffenried ihre Stadt gegründet hat. Vor den heruntergekommenen Einfamilienhäusern des schwarzen Viertels bestand jeder darauf, mit ihm ein Foto zu machen. Nicht vor seinem Kameraobjektiv, sondern an seiner Seite.
Man spürt in dieser Stadt die Berner Tradition. Der Slogan der Ortspolizei heisst «proud to wear the bear» (stolz darauf, den Bären zu tragen). Der Bär ist omnipräsent, insbesondere auf den Flaggen, die die Gemeinde am 4. Juli, dem US-Nationalfeiertag, neben dem Star-Spangled-Banner hissen lässt. Nur ein Detail ist anders: Das Geschlechtsteil wurde weggelassen. Der Bär sei eine Bärin, sagt man hier. Die Schweizer vor Ort amüsieren sich über den lokalen Puritanismus. Immerhin zählt die Ortschaft 135 Kirchen, von der ehrwürdigen Christ Church bis zu improvisierten Zelten, in denen die seltenen Fussgänger mit Brandpredigten traktiert werden.
New Bern immer neuer
Es gibt hier richtige Schweizfans. Der eifrigste ist John Sturman, der den Souvenirshop Bern Bear Gifts führt. Umgeben von Plüsch-Bernhardinern und Knorr-Suppenwürfeln sitzt der Ex-Berufsmilitär, der mit einer Bernerin verheiratet ist, im Ticken der Kuckucksuhren und beklagt, dass die Stadt «sich nicht genug für das Erbe einsetzt». Er selber liebt Bern so sehr, dass er sich einmal für den Bau einer Replik des Bärengrabens einsetzte.
«New Bern hat ein leicht europäisches Flair», sagt Thomas Dolder, der Zürcher, der die lokale Flugschule leitet und sich im Jahr 2000 mit seiner Familie hier niedergelassen hat. «Auch wenn ausserhalb des historischen Stadtzentrums die Entwicklung schnell vorangeht, hält sich ein bestimmter Geist. Das gefällt mir.» Kommt hinzu, sagt Dolder, dass die Schweizer Wurzeln ein wichtiger Faktor für den Tourismus sind. Dieses Erbe versucht auch das Komitee Swiss Downtown Development zu pflegen, besonders im Hinblick auf den 300. Geburtstag der Stadt.
«Ausser der Fahne gibt es hier nichts schweizerisches», meint hingegen Tom Bühler, der von der Schweiz nach Mexiko auswandern wollte, aber vor mehr als zehn Jahren hier hängenblieb. Er besitzt zwei Bäckereien in der Umgebung und verkauft auf dem Farmer’s Market Zopf und Rosinenbrot. «Ich habe nicht den Eindruck, dass die Einwohner diesem Erbe viel Wert zuerkennen. Sie sind sehr patriotisch und betrachten alles Fremde mit Misstrauen. Ich würde sagen, dass New Bern einfach ein typisches Städtchen der Südstaaten ist.»
Immerhin hat in der Stadt 1898 ein Apotheker Pepsi-Cola erfunden. Eine weitere Lokalgrösse ist der romantische Bestsellerautor Nicholas Sparks. Der grosse Stolz der Stadt bleibt jedoch das koloniale Erbe. Sein Symbol ist der Tryon Palace, der vor der Unabhängigkeit für den britischen Gouverneur gebaut wurde, als der Ort noch Hauptstadt von North Carolina war. Das südstaatliche Erbe ist nie sehr weit weg. «Es gibt hier immer mehr Yankees», sagt Howard Mathews, ein pensionierter Primarlehrer. Yankees? Mathews sagt: «Wir werden hier immer konservativer. Wir glauben an die Tugenden der Ehe, und wir glauben, dass Veränderungen nicht per se etwas Gutes sind. Wir müssen hart dafür kämpfen, unser Erbe nicht zu verlieren, denn New Bern verändert sich stark.»
In der Umgebung schiessen die Neubauten aus dem Boden. «Wirtschaftlich erleben wir hier eine Explosion. Das ist völlig verrückt», sagt Tom Bühler. «In ein paar Jahren wird man die Stadt nicht mehr wiedererkennen.» Und er lobt ungefragt die «fantastischen» Freiheiten, die es ihm erlaubten, seine Firma voranzubringen. «Mit meiner Frau und meinen Kindern habe ich wie ein Verrückter gearbeitet. Es hat funktioniert. Hier ist wirklich das Land der Möglichkeiten.»
Aber nicht für alle. Die 23-jährige Precious, die umringt von einem Kinderschwarm durch das schwarze Viertel läuft, kann nur seufzen. «Das hier ist eine gefährliche Gegend. überall Gangs. Neulich wurde in der Nähe ein Mann am helllichten Tag erschossen.» Ein paar Strassen weiter schnappen Michael und Anthony Davis etwas frische Luft. «New Bern ist meine Heimat», sagen sie. «Ich komme gern hierher zurück. Um arbeiten zu können, musste ich jedoch nach Tennessee gehen», meint Michael. «Hier bekommt man keine Chance.» Als sie Weisse auf den Strassen des schwarzen Viertels sieht, gerät die Frau eines Pastors in Panik und bittet uns, sofort wegzugehen. Zu unserer eigenen Sicherheit.
Der Bürgermeister der Stadt, Tom Bayliss, hat die Bern-Reise seiner 25-Personen-Delegation verteidigt. Der Fotograf, sagte er, sei schliesslich «ein Künstler. Und man kann einem Künstler nicht vorschreiben, was er darstellen soll.»

Am Abschlussball der Highschool | Bild: Michael von Graffenried

Der Waffensammler und Hobbyjäger (Bär selbst erlegt!) schläft mit einer Schweizer Ordonnanzpistole unterm Kopfkissen. | Bild: Michael von Graffenried

Ein Sohn tanzt mit seiner Mutter an ihrer Hochzeit. | Bild: Michael von Graffenried

Survivaltraining auf der Marine Corps Air Station Cherry Point | Bild: Michael von Graffenried

Verhaftung eines Irak-Krieg-Rückkehrers, der in Downtown an eine Hausecke gepinkelt hatte (auch Helden müssen mal) | Bild: Michael von Graffenried

Baselball-Team River Rats | Bild: Michael von Graffenried

In New Bern sind 40 Prozent schwarz | Bild: Michael von Graffenried

Muslimische Einwanderer aus der Ex-Sowjetunion, die von einer der 135 Kirchen des Orts aufgenommen wurden (auch dies eines jener Bilder, die in New Bern auf wenig Anklang stiessen) | Bild: Michael von Graffenried