08.02.2008 von Thomas Zaugg , 2 Kommentare
Kurz, sagt man. Und superschnell muss er sein, der perfekte Text fürs Internet. Schnelle Sätze, Sätze ohne Metaphern, ohne viel Schnickschnack, und wenn möglich, wenn immer möglich: ohne Melodie. Denn vor dem Computer scheint der Leser auf keinen Duktus anzuspringen, die Flatscreens berauben den Text allen Klangs, und wenn es einmal trotzdem tönt, dann denkt sich der digitale Leser: Dieser Autor will tatsächlich, dass ich seinen Text mitsinge. Wie albern!
Ein guter Netztext muss nach Wikipedia klingen, er muss sich problemlos von einer Computerstimme lesen lassen, er muss platt sein, mit Kürzestsätzen wie die von Peter Kurzeck, dem Schriftsteller. Es ist, als würden die alten Texte etwas von ihrer Tiefenstruktur verlieren, wenn man sie am Computer liest. Dann merkt man, wie ihr Ton, ihre Tiefe und Ironie und alles, was sie sonst noch schön machte, vom Papier abhing, auf dem sie gedruckt wurden. überhaupt: Papier! Macht es nicht die Erotik des Lesens aus? Sind es nicht immer wieder von neuem diese Seiten, diese Blätter, die riechen, und manchmal, wenn sie frisch sind, duften sie?
Wie auch immer, zukünftige Autoren dürfen sich nicht mehr auf die mystische Kraft des Papiers verlassen. Und wenn Apple seinen iTunes-Store mit E-Books aufstockt und Steve Jobs das Buch für tot erklärt, werden es die Klassiker schwer haben. Dürrenmatt etwa. Der Anfang seiner Erzählung «Der Tunnel» von 1952: «Ein Vierundzwanzigjähriger, fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige), nicht allzu nah an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen konnte, zu verstopfen, derart, dass er Zigarren rauchte (Ormond Brasil 10) und über seiner Brille eine zweite trug, eine Sonnenbrille, und in den Ohren Wattebüschel: Dieser junge Mann, noch von seinen Eltern abhängig und mit nebulosen Studien auf einer Universität beschäftigt, die mit einer zweistündigen Bahnfahrt zu erreichen war, stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig, um anderentags ein Seminar zu besuchen, das zu schwänzen er schon entschlossen war.»
Ich liebte diesen Anfang – auf Papier. Der fette Student wurde lebendig in der groben Körnung. Auf dem Bildschirm hingegen flimmert alles viel zu klar, das Hintergrundweiss überstrahlt alles Bizarre, und plötzlich erscheint der Satz einfach nur langatmig und nicht mehr abgrundtief.
Dürrenmatt kann nichts dafür. Stifte und Schreibmaschinen prägten seine Sätze. Wer aber auf dem Bildschirm mit seiner Fabulierkunst überleben will, muss sich Peter Bichsel zum Vorbild nehmen. Der Schweizer Schriftsteller, 73, schreibt gerne im Zug und immer auf seinem alten Palm. Zum Beispiel diesen Text, der «Sehnsucht» heisst: «In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hiess Zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?»
Eine digitale Hammergeschichte, finde ich.

Könnte Apple nicht auch den Schriftsteller revolutionieren? | Bild: Julia Marti
Vergleich mal die Lektuere dieses Texts mit der Heftlektuere. Was liest sich besser? Ich vergleiche das jede Woche. Das Magi online ist fuer mich angenehmer, weil ich inzwischen Bildschirmlektuere eher gewohnt bin. Das Bildmaterial kann aber nicht mithalten.–Wenn Du sorgfaeltig gesetzte Buecher mit zufaellig umgebrochenen blind raufgeladenen Bildschirmtexten vergleichst, dann verlieren die natuerlich. In meiner Ausgabe beispielsweise war Ormond Brasil 10 in Kapitaelchen gesetzt. Was die 10 wie IO aussehen liess. Das hat mich als Zwoelfjaeheriger irrsinnig irritiert. Typographie traegt entschieden zum Lesegenuss (den Du hier mirnichtsdirnichts dem Papier zuordnest) bei. Gerade dieser Text mit den langen Zahlwoertern und bricht ganz fies um hier ohne Trennzeichen. Dass Du ihn mitten in der Zeile anspringen laesst, ist auch unstatthaft. Neinein, Thomas, so simpel ist das nicht. Und dass Bildschirmtexte keine Melodie haben, das hast Du jetzt einfach mal frei erfunden:
"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
Nicht mehr und nicht weniger Melodie als die gedruckte Version. Viel entscheidende ist das Frameset. Dass man "Das Magazin" im Café im Heft "Das Magazin" liest, "Der Tunnel" im Zug im Buch "Der Tunnel" (oder dem "Schweizerischen Lesebuch fuer Mittelschulen"), waehrend man dasmagazin.ch online im Computer im Browser im Internet auf http://www.dasmagazin liest. Meistens festgenagelt an Stuhl und Tisch. Hier nochmals Duerrenmatt mit etwas typographisch fairerem Einzug und Zeilenbreite:
Ein Vierundzwanzigjähriger, fett, damit das Schreckliche hinter den Kulissen, welches er sah (das war seine Fähigkeit, vielleicht seine einzige), nicht allzu nah an ihn herankomme, der es liebte, die Löcher in seinem Fleisch, da doch gerade durch sie das Ungeheuerliche hereinströmen konnte, zu verstopfen, derart, dass er Zigarren rauchte (Ormond Brasil 10) und über seiner Brille eine zweite trug, eine Sonnenbrille, und in den Ohren Wattebüschel: Dieser junge Mann, noch von seinen Eltern abhängig und mit nebulosen Studien auf einer Universität beschäftigt, die mit einer zweistündigen Bahnfahrt zu erreichen war, stieg eines Sonntagnachmittags in den gewohnten Zug, Abfahrt siebzehnuhrfünfzig, Ankunft neunzehnuhrsiebenundzwanzig, um anderentags ein Seminar zu besuchen, das zu schwänzen er schon entschlossen war.
Das Problem ist hier, dass die Schriftgroesse bei Bildschirmaufloesung zu klein ist. Aber ansonsten nicht allzu tonlos, will mir scheinen. (Ach ja, der Seitenhintergrund auf dasmagazin.ch ist bewusst nicht ganz weiss).
Aber mich alten Papiermystiker kannst du keines Besseren belehren: Buchstabe und Papier, das ist eine jahrhundertealte, heilige Symbiose. Erst durch sie dringen manche Texte zu uns vor.