Ein schreckliches Geheimnis

Im österreichischen Dorf Rechnitz wurden kurz vor Kriegsende 180 Juden während eines Festes ermordet. Margit Batthyány-Thyssen, die Grosstante des Autors, war die Gastgeberin. Eine Familiengeschichte.

11.12.2009 von Sacha Batthyany , 33 Kommentare

Ich stehe vor Tante Margits Grab und versuche, mich an ihr Gesicht zu erinnern, aber es gelingt mir nicht. Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen, der Luganersee wirkt kalt und finster. Wenn ich an Tante Margits Gesicht denke, sehe ich immer nur ihre Zunge.
Es ist ein schlichtes Grab, Friedhof Castagnola, am Fusse des Monte Brè — nur eine einfache Granitplatte, obwohl Margit eine der reichsten Frauen Europas war, und Bescheidenheit nicht ihre Tugend. «21. Juni 1911–15. September 1989 Margit Batthyány-Thyssen». Jemand hat ihr gelbe Chrysanthemen vorbeigebracht, die Erde im Topf ist frisch.
In meiner Kindheit gingen wir zweimal im Jahr mit ihr essen, immer im Hotel Dolder in Zürich, mein Vater fluchte schon auf der Hinfahrt und rauchte in unserem Opel eine Zigarette nach der anderen, meine Mutter kämmte mir die Haare mit einem Plastikkamm.
Wir nannten sie Tante Margit, nie Margit, als wäre Tante ein Titel, in meinen Erinnerungen trägt sie Kostüme, zugeknöpft bis zum Hals und Seidenfoulards mit Pferdemotiven. Sie ist gross, ein gewaltiger Oberkörper auf dünnen Beinen, ihre Krokodilledertasche ist bordeauxrot und hat goldene Verschlüsse, und wenn sie erzählt, von der Rehbrunft oder von Schiffsreisen in die Ägäis, dann streckt sie in den Pausen zwischen den Sätzen ihre Zungenspitze heraus, wie eine Eidechse, sie tut es, wie andere Menschen dauernd in den Haaren spielen oder sich an die Nase fassen. Ich sitze soweit wie möglich von ihr entfernt, Tante Margit hat Kinder gehasst, und während ich in der geschnetzelten Kalbsleber rumstochere, schaue ich immer wieder zu ihr hin. Ich will diese Zunge sehen.
Nach ihrem Tod sprachen wir nur noch selten von ihr, meine Erinnerungen an diese Mittagessen verblassten, bis ich im Jahr 2007 zum ersten Mal von diesem österreichischen Dorf las. Rechnitz. Von einem Fest. Von einem Massaker. Von 180 toten Juden, die sich erst nackt ausziehen mussten und dann erschossen wurden, damit ihre Leichen schneller verwesen. Und Tante Margit?
Sie war mittendrin.
Ich rufe meinen Vater an und frage ihn, ob er davon gewusst habe. Ich höre, wie er eine Weinflasche entkorkt und sehe ihn vor mir auf diesem abgewetzten Sofa, das ich so mag, in seinem Wohnzimmer in Budapest.
«Margit hatte eine Affäre mit einem Nazi namens Joachim Oldenburg, das hat man sich in der Familie erzählt.»
In der Zeitung steht, sie habe ein Fest organisiert und als Höhepunkt, «als Nachspeise», 180 Juden in einen Stall gelockt und Waffen verteilt. Alle waren stockbesoffen. Alle durften schiessen. Auch Margit. Das behauptet ein englischer Journalist namens David Litchfield. «Killer-Countess» nennt er sie im «Independent». In der FAZ heisst sie «Gastgeberin der Hölle», und die «Bild»-Zeitung schreibt: «Thyssen-Gräfin liess auf Nazi-Party 200 Juden erschiessen.»
«Das ist Quatsch. Es gab ein Verbrechen, aber dass Margit damit etwas zu tun hatte, halte ich für unwahrscheinlich. Sie war ein Monster, aber dazu war sie nicht in der Lage.»
Wo war Margits Mann, Ivan? Auch am Fest?
«Ivan war mein Onkel, der Bruder deines Grossvaters. Während sich Margit in Rechnitz auf ihrem Schloss mit Nazis vergnügte, war Ivan in Ungarn. Ihre Ehe war von Anfang an ein Desaster. Sie war die deutsche Thyssen-Milliardärin und Ivan der verarmte ungarische Graf.»
Wieso war Margit ein Monster?
«Das sind alte Geschichten.»
Kurz nach dem Krieg kam es zu mehreren Prozessen. Liest man die Zeugenaussagen zum Massaker von Rechnitz, Akte Vg 12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, so ergibt sich folgendes Bild.
Die Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 ist eine mondhelle Nacht. Im Schloss von Margit Batthyány-Thyssen in Rechnitz, Burgenland, österreichisch-ungarische Grenze, findet ein Gefolgschaftsfest statt. Mitglieder der Gestapo und lokale Nazi-Grössen wie SS-Hauptscharführer Franz Podezin, wie Josef Muralter, wie Hans-Joachim Oldenburg unterhalten sich mit Hitlerjungen und Angestellten des Schlosses und setzen sich an runde Tische im kleinen Saal im Erdgeschoss. Für die Nationalsozialisten ist der Krieg verloren, die Russen sind schon an der Donau, doch das soll die Stimmung nicht trüben. Es ist acht Uhr abends. Zur selben Zeit stehen am Bahnhof in Rechnitz etwa 200 jüdische Zwangsarbeiter aus Ungarn, die beim Bau des Südostwalls eingesetzt wurden, einer gigantischen Verteidigungslinie von Polen über die Slowakei, Ungarn bis nach Triest, welche die anrollende Rote Armee hätte stoppen sollen. Um halb zehn Uhr abends lädt der LKW-Unternehmer Franz Ostermann einen Teil der Juden in seinen Lastwagen und übergibt sie nach kurzer Fahrt in die Hände von vier Männern der Sturmabteilung, SA, die den Gefangenen Schaufeln in die Hand drücken und ihnen befehlen, einen L-förmigen Graben auszuheben.

Wo sind die Toten?
Es ist Frühling, als ich zum ersten Mal nach Rechnitz fahre, alles grün, die Wiesen, die Wälder, noch sind die Trauben an den Rebstöcken klein und hart, Rechnitz ist kein schönes Dorf: eine Hauptstrasse, an der links und rechts niedrige Häuser stehen mit schmalen Fenstern und blickdichten Vorhängen. Es gibt kein Zentrum, keinen Hauptplatz, das Schloss, das der schwerreiche deutsche Unternehmer und Kunstsammler Heinrich Thyssen seiner Tochter Margit, unserer Tante Margit, in seinem Testament überschrieb, steht nicht mehr. Die Russen zerbombten es bei ihrem Einmarsch 1945, und die Dorfeinwohner plünderten alle Möbel, Bilder, Teppiche. Jedes Jahr organisiert der Verein Refugius eine Gedenkfeier für die ermordeten Juden. Am Ortseingang beim Kreuzstadel, einem Mahnmal, wird gesungen und gebetet, das Verbrechen darf nicht vergessen werden, Löwenzahn blüht, das Gras ist knöchelhoch, irgendwo darunter befinden sich 180 Schädel.
Den Zeugenaussagen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg 12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, ist zu entnehmen:
Mit Schaufeln und Krampen graben die ungarischen Juden eine L-förmige Grube, sie sind müde und schwach, die Erde ist hart, im Schloss von Tante Margit wird getrunken und getanzt. Um zirka 21 Uhr erhält SS-Hauptscharführer Franz Podezin einen Anruf. Weil der Lärm im Festsaal zu gross ist, muss er ins Nebenzimmer, das Gespräch dauert keine zwei Minuten, Podezin sagt: «Ja, Ja!», und er beendet es mit den Worten «verdammte Schweinerei!». Er beauftragt Hildegard Stadler, sie ist die Leiterin des örtlichen Bundes Deutscher Mädel (BDM) und Podezins Geliebte, etwa zehn bis dreizehn Festteilnehmer in einen Raum zu führen. «Die Juden vom Bahnhof», teilt er ihnen mit, «sind an Fleckfieber erkrankt und müssen erschossen werden.» Keiner widerspricht. Der Waffenmeister Karl Muhr verteilt den Festgästen Gewehre und Munition. Es ist kurz nach 23 Uhr. Im Schlosshof stehen drei PKW bereit. Nicht alle aus der Gruppe haben Platz in den Autos, einige gehen zu Fuss. Es ist ja nicht weit.
«Wir haben die Pflicht zu erinnern, damit es nicht mehr passiert», sagt der katholische Pfarrer von Rechnitz vor dem Kreuzstadel, dem Mahnmal, die meisten Trauergäste tragen eine Kippa, im Hintergrund heulen Benzinmotoren, es klingt wie hundert kaputte Rasenmäher, auf der nahen Speedarena «Ready to Race», einer Kart-Bahn, herrscht Hochbetrieb.
Es ist Sonntag, die Sonne scheint. Die Einwohner von Rechnitz bleiben der Gedenkfeier fern, sie essen Eis in der Eisdiele, zum ersten Mal in kurzen Hosen in diesem Jahr, nur der Bürgermeister ist anwesend. Engelbert Kenyeri, ein korpulenter, freundlicher Mann, er steht in seinem besten Anzug etwas abseits, die Hände verschränkt auf seinem Bauch. «Natürlich würde ich gerne wissen, wo das Grab ist», sagt er am nächsten Tag in seinem viel zu grossen Büro, anders als seine Vorgänger, unterstützt er die Aufarbeitung des Massakers. «Solange die Toten nicht gefunden werden, solange werden die Gerüchte nicht verschwinden.» Die Juden seien in einen nahen Stausee geworfen worden, flüstern die einen, sie wurden längst zubetoniert und lägen unter dem Fussballplatz der Schule, behaupten die andern. Jedes Jahr laufen Wünschelrutengänger im Zickzackschritt die Felder ab und melden eigenartige Schwingungen. Die «New York Times» war schon da, CNN auch, das kleine Dorf im Süden Burgenlands ist weltberühmt — doch niemand kommt wegen des trockenen Rieslings, der hier gekeltert wird, alle kommen wegen des Massengrabs, von dem keiner weiss, wo es ist.
Und die Dorfbewohner schweigen.
Die Suche nach dem Grab wird für Rechnitz zum Fluch. In den 65 Jahren seit dem Verbrechen ist der Ort zu einem Symbol für Österreichs Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit geworden. Wer Rechnitz sagt, der meint Verdrängen.
Ich rufe meinen Vater an. Du wusstest, sag ich ihm, dass Tante Margit in jener Nacht dort war, und du wusstest auch vom Massaker.
«Ja.»
Aber du hast dir nie überlegt, ob sie damit was zu tun haben könnte?
«Ist das ein Verhör?»
Ich frage nur.
«Nein. Nie habe ich gedacht, dass es zwischen dem Fest und dem Massaker eine Verbindung geben könnte, wie das seit Neustem alle behaupten. Warte kurz», er hustet, ich höre, wie er sich eine Zigarette aus der Schachtel nimmt.
Du rauchst zu viel.
«Wie gehts der Kleinen?»
Sie bekommt ihren dritten Zahn und sie krabbelt. Wieso hast du mit Margit nie über den Krieg gesprochen?
«Was hätte ich fragen sollen? Du, Tante Margit, willst du noch einen Schluck Wein? Und übrigens, Tante Margit, hast du Juden erschossen?»
Ja.
«Sei nicht naiv. Es waren Höflichkeitsbesuche. Wir haben übers Wetter gesprochen, und sie ist über Familienmitglieder hergezogen. ‹Verfaulter Keim›, sagte sie, wenn sie über die Thyssens und Batthyánys sprach, die, laut Margit, alle nicht ganz bei Trost waren. ‹Verfaulter Keim›, das war ihr bester Spruch. Kannst du dich noch an ihre Zunge erinnern?»

Archive in Russland
Die ersten Grabungen fanden bereits 1946 statt, schon damals widersprachen sich alle Aussagen zum Grab. Es gab eine Handskizze von zwei Rechnitzer Dorfbewohnern, die sich beide sicher waren, die Stelle zu kennen: In der Nähe eines kleinen Waldstücks, genannt Remise, da sollen die getöteten Juden liegen, doch man fand sie nicht.
Es gab Flugaufnahmen von Piloten der Royal Air Force, die kurz nach dem Krieg über das Gebiet flogen. Ein Grab dieser Grösse wäre aufgrund der frischen Erde zu erkennen gewesen, doch die Wolken hingen tief, ausgerechnet an diesem Tag, die Sicht war schlecht, die Fotos unbrauchbar.
Zwanzig Jahre später starteten das Österreichische Bundesministerium für Inneres (BMI) und der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge (VDK) einen neuen Versuch. Ein gewisser Horst Littmann leitete die Grabungen und fand die Gebeine von achtzehn Leichen am Hinternpillenacker in der Nähe des Schlachthauses. Nur das Massengrab, das er suchte, fand Littmann nicht; dafür lag auf der Windschutzscheibe seines Autos ein anonymer Drohbrief: «Wenn du nicht aufhörst, dann liegst du dort, wo die anderen auch liegen.»
1990 machte sich das Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien ans Werk. Erneut wurden sämtliche Quellen und Zeugenaussagen sondiert, erneut kam es zu Grabungen, über die Margareta Heinrich und Eduard Erne einen Dokumentarfilm drehten. Die beiden Filmemacher klopften an jede Haustüre im Dorf, klapperten Altersheime ab, suchten in abgelegenen russischen Archiven nach zusätzlichen Hinweisen und gaben Zeitungsannoncen bis nach Israel auf: Wer etwas über das Massaker von Rechnitz wisse, schrieben sie, der solle sich melden. Bitte. Dringend. Sie recherchierten fünf Jahre: wieder nichts.
Die letzten Bodenproben und geoelektrischen Messungen nahm man 2006, mit verbesserter Technik und teurer Software. Zum ersten Mal wurden auch Blutspürhunde eingesetzt, sie fanden Tierknochen, wahrscheinlich von Hühnern.
In den Zeugenaussagen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg 12 Vr 2832/45, Landesarchiv Wien, steht geschrieben:
Zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens fährt der LKW-Unternehmer Franz Ostermann insgesamt siebenmal vom Bahnhof zum Kreuzstadel, auf der Ladefläche 30–40 Juden, die er den vier SA-Männern übergibt. Die Juden müssen sich ausziehen, vor der Grube stapeln sich ihre Kleider, nackt knien sie am Rand ihres L-förmigen Grabes, der Boden ist hart, die Luft ist kalt, es ist eine mondhelle Nacht. Podezin steht da, Oldenburg auch, beides fanatische Nationalsozialisten. Und sie schiessen den Juden in den Nacken. Ein gewisser Josef Muralter, NSDAP-Mitglied, schreit, während er schiesst: «Ihr Schweine gehört ins Feuer. Ihr Vaterlandsverräter!» Die Juden sacken zusammen und fallen ins Erdloch, wo sie in der Sardinentechnik aufeinandergestapelt werden. Im Schloss wird getrunken und getanzt, jemand spielt auf der Ziehharmonika, Margit ist jung, und sie mag es gerne lustig, und sie hat die schönsten Kleider an von allen. Einem Kellner namens Viktor S. fällt auf, dass die Gäste, die um drei Uhr morgens wieder im Saal erscheinen, wild gestikulieren, sie haben gerötete Gesichter, SS-Hauptscharführer Podezin, der mutmassliche Anführer, eben noch hat er Frauen und Männern in den Kopf geschossen, jetzt tanzt er ganz ausgelassen.
Nicht alle Juden werden in dieser Nacht erschossen. Achtzehn lässt man vorerst am Leben. Sie erhalten die Aufgabe, die Grube mit Erde zuzuschütten. Totengräberdienst. Zwölf Stunden später, am Abend des 25. März, werden sie im Auftrag von Hans-Joachim Oldenburg, Margits Geliebtem, ebenfalls umgebracht und in der Nähe des Schlachthauses beim Hinternpillenacker verscharrt. Die achtzehn Leichen werden im Frühling 1970 von besagtem Horst Littmann gefunden, exhumiert und auf dem Jüdischen Friedhof Graz-Wetzl bestattet.

Margits letzter Abend
Es ist Ende Sommer, als ich zum zweiten Mal nach Rechnitz fahre, die Luft ist schwül, die Weinbeeren sind jetzt rot. Ich besuche Annemarie Vitzthum an der Prangergasse, sie ist 89 Jahre alt und wahrscheinlich die letzte Lebende, die an Margits Fest teilgenommen hat, damals vor 65 Jahren.
«Ich habe mich extra fein gemacht», taucht sie ein in ihre Erinnerungen, «wir sassen an runden Tischen im kleinen Saal im Erdgeschoss, das Grafenpaar mittendrin, die Gräfin Margit sah aus wie eine Prinzessin, so schöne Kleider, wie die anhatte».
Dauernd seien Männer in Uniformen gekommen, die das Fest wieder verliessen, sie könne sich an deren Namen nicht erinnern, «es war ein Wirbel», das habe sie auch dem Staatsanwalt erklärt, 1947, als sie verhört wurde. «Alle tranken Wein, alle tanzten, ich kannte das nicht, ich war doch nur ein einfaches Mädchen, nur die Telefonistin.» Um Mitternacht sei sie von einem Soldaten nach Hause begleitet worden, bis zu diesem Zeitpunkt habe die Gräfin das Schloss nicht verlassen. «Des von die Juden», sagt Frau Vitzthum, wir essen ihren hausgemachten Apfelkuchen, habe sie erst später erfahren. Schrecklich. «De oarmen Laid, gonz knochert sollns gwesn sei.»
Ich besuche Klaus Gmeiner. Er war Tante Margits Förster, und er war der Letzte, der sie lebend gesehen hat. Margit besass 1000 Hektar Land in Rechnitz, und sie kam jedes Jahr zur Jagd, Hochwild, Schwarzwild, Niederwild, «sie war eine hervorragende Schützin, eine erfahrene Afrika-Jägerin», an Gmeiners Wand im Büro hängen Hirschgeweihe, «sie hat sich sehr gefreut, wenn sie was erlegt hat, einen Muffelwidder oder ein Reh, nie sah ich sie glücklicher». In all den Jahren sei nicht ein einziges Mal über die Nazi-Zeit gesprochen worden, sagt Gmeiner, der wie so viele im Dorf für Margit schwärmt, wie Untertanen für ihre Königin: so grosszügig sei sie gewesen, so liebenswürdig, so fromm, so hübsch, mit dem Massaker habe sie ganz sicher nichts zu tun.
«Wir waren auf der Pirsch», erzählt er über den Abend vor ihrem Tod, «mit einem abgezirkelten Blattschuss traf sie einen Mufflon.» Zwanzig, vielleicht dreissig Schritte sei das Tier in ihre Richtung gewankt, er erinnere sich genau, dann erst zusammengebrochen. «Wir wünschten uns Weidmannsheil und tranken im Jagdhaus ein Glaserl Wein.» Er wisse noch — und Gmeiners Stimme, sonst kräftig und satt, beginnt zu zittern, wie sie sich an diesem Abend darüber beschwerte, von vielen Menschen um Geld angebettelt zu werden. «Das war ihr letzter Satz.» Am nächsten Morgen erschien sie nicht zum Frühstück. Klaus Gmeiner ging hoch, 15. September 1989, und klopfte an ihre Tür, 10 Uhr 15, Margits Augen waren zu. Herzversagen.
«Wie wars in Rechnitz? Hast du was rausgefunden?», fragt mich mein Vater am Telefon. Er klingt müde, vor wenigen Wochen ist ihm ein junger Hund zugelaufen, der nicht von seiner Seite weicht, vielleicht deshalb.
Die Menschen im Dorf nannten mich Herr Graf, das ist komisch. In der Schweiz denken viele, Batthyany sei indisch, am Telefon sprechen sie deshalb sehr langsam und überdeutlich. Und im Burgenland machen sie beinahe einen Knicks vor mir. Dann bin ich lieber Inder.
«Ich mag dieses Getue auch nicht.»
Zeugen behaupten, dass Margits Mann Ivan, dein Onkel, auch am Fest war.
«In der Familie hiess es immer, er sei in Ungarn gewesen an jenem Abend.»
Ich habe langsam das Gefühl, dass jeder diese Geschichte für seine Zwecke manipuliert. Die Familie will nicht hineingezogen werden und zieht sich zurück. Die Medien wollen die Schlagzeile von der blutrünstigen Gräfin, welche die Juden massakriert, und die Einwohner von Rechnitz wollen das Ganze unter den Teppich kehren. Für sie ist Tante Margit eine Heilige — wer von ihr spricht, fängt an zu weinen.
«Und was willst du?»

Von der Hölle in den Himmel
Gemeinsam mit seinen Eltern floh mein Vater 1956 aus Ungarn, er war damals 14. «Ich bin in Budapest und sehe tote Pferde auf der Strasse», seit ich ein Kind war, begann er die Geschichte seiner Flucht mit diesem Satz, und er erzählte sie oft. «Mit zwei Rucksäcken überqueren wir die Grenze nach Österreich und reisen von dort weiter in die Schweiz.» Zu Margit und Ivan, die sie bei sich aufnahmen, Lugano, Villa Favorita, am Fusse des Monte Brè: Schöner gehts nicht. «Ein Chauffeur wartet auf uns beim Bahnhof, man bringt mich in ein Zimmer, ich fühle mich fiebrig, am nächsten Morgen wache ich auf, die Sonne scheint direkt aufs Bett, im Garten stehen Palmen, dann kommt Ivan rein, mein Onkel, er fragt mich, ob ich Lust hätte auf eine Spritztour im Ferrari, und ich denke: Bin ich im Himmel?»
In den Protokollen der Rechnitzer Prozesse, Akte Vg 12 Vr 2832/45, ist zu lesen:
Sieben Personen werden des vielfach vollbrachten Mordes und der Quälerei beziehungsweise des Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt. Josef Muralter, Ludwig Groll, Stefan Beigelbeck, Eduard Nicka, Franz Podezin, Hildegard Stadler, Hans-Joachim Oldenburg. Doch der Prozess gerät ins Stocken, weil 1946 die beiden Hauptzeugen ermordet werden. Der Erste ist Karl Muhr: Waffenmeister im Schloss. Er händigt in jener Nacht am 24. März die Gewehre aus und sieht den späteren Tätern direkt ins Gesicht. Ein Jahr später liegt Muhr mit einer Kugel im Kopf im Wald neben seinem toten Hund — sein Haus steht in Flammen, die Patronenhülse, welche die Polizei am Tatort sicherstellt, verschwindet. Der Zweite ist Nikolaus Weiss: ein Augenzeuge. Er überlebte das Massaker, flieht und versteckt sich bei einer Rechnitzer Familie im Schuppen. Ein Jahr später, er ist auf dem Weg nach Lockenhaus, wird sein Wagen beschossen und gerät ins Schleudern, Weiss ist auf der Stelle tot.
Seit diesen beiden Fememorden leben die Einwohner von Rechnitz in Angst vor Vergeltung. Niemand spricht. Das Schweigen hält bis heute.
Mein Vater hat Tante Margit viel zu verdanken. Sie hat ihm und seinen Eltern die Flucht ermöglicht, sie hat ihm das Internat in St. Gallen bezahlt, später das Studium an der ETH, er stand in ihrer Schuld, deshalb diese Höflichkeitsbesuche im Hotel Dolder. Nie hätte er sie brüskiert, obwohl er litt, wenn er sie besuchen musste. Nie hätte er ihr unangenehme Fragen gestellt.
In den Prozessakten steht: Am 15. Juli 1948 werden Stefan Beigelbeck und Hildegard Stadler gemäss § 259/3 StPO einhellig freigesprochen. Der Angeklagte Ludwig Groll wird zu acht Jahren schweren Kerkers, Josef Muralter zu fünf Jahren und Eduard Nicka zu drei Jahren verurteilt. Podezin und Oldenburg, die beiden mutmasslichen Haupttäter, sind auf der Flucht. Es heisst, sie seien bei Gräfin Margit Batthyány-Thyssen in der Schweiz, einquartiert in einer Wohnung oberhalb von Lugano.
Interpol Wien benachrichtigt die Luganeser Behörden per Telegramm am 28. 08. 1948: «Es besteht die Gefahr, dass sich die beiden nach Südamerika begeben. Bitte um Festnahme.» Die Verhaftungsbefehle gegen die Flüchtigen werden am 30. 08. 1948 im «Schweizer Polizeianzeiger», Seite 1643, Art. 16965, ausgeschrieben. Doch da sind beide schon weg.
In seinem Schlusswort sagt Dr. Mayer-Maly, Staatsanwalt in Österreich, der das Massaker in Rechnitz aufzuklären hatte: «Die wahren Mörder sind noch nicht gefunden.»

Lieber Pferde als Kinder
Tante Margit war nicht bloss «reich». Sie war unendlich reich. Die Thyssen-Familie, über die sie immer hergezogen sein soll, der «verfaulte Keim», hat finanziell vom Zweiten Weltkrieg profitiert, von der Kohle aus der Zeche Walsum, vom Stahl, von Bankgeschäften. Margit hatte Häuser in der Schweiz, in Rechnitz und in Kanada sowie das Appartement Le Mirabeau in Monte Carlo — wohl aus steuerlichen Gründen —, auf dessen Terrasse ich als Kind durchs Fernrohr aufs Meer und die Rennstrecke guckte. Wie viele reiche Deutsche mit nicht ganz lupenreiner Vergangenheit besass auch sie eine Hazienda in Uruguay mit 2800 Hektaren Land, und in Moçambique gehörte ihr das Gut Mafroga, auf dem auch ein gewisser Günther-Hubertus von Reibnitz verkehrte, ein Baron — und ein ehemaliges Mitglied der Waffen-SS.
Margit lebte ein Leben in Luxus. Sie hatte unzählige Affären, ihr Mann Ivan wusste davon und erhielt für jede Bettgeschichte seiner Frau, so sagt man sich, eine angemessene Summe, um den Schein zu wahren. Denn eine Scheidung, die lag für Margit nicht drin, sie war eine fromme Katholikin. Mehrmals im Jahr unternahm sie grosse Reisen, sie liebte die Jagd und die Jagdgesellschaften noch mehr und war dem Kir Royal nicht abgeneigt. Doch am Allerglücklichsten war sie bei ihren Pferden. Margit war Deutschlands erfolgreichste Pferdezüchterin, Nebos, ihr bester Hengst im Stall, wurde 1980 Galopper des Jahres, berühmt für seinen Antritt auf den letzten Metern. Zu Nebos hatte Margit ein innigeres Verhältnis als zu ihren beiden Kindern Ivan, benannt nach dem Vater, und Christoph, genannt Stoffi. Als ihr Sohn Ivan bei einem Flugzeugabsturz von Wien nach Lugano ums Leben kam, vergoss sie keine Träne, eine Anekdote, die in meiner Familie jährlich die Runde machte. Margit kannte keine Mutterliebe — nie hat sie die beiden umarmt.
Aber sie war grosszügig.
Nicht nur meinem Vater und meinen Grosseltern, auch anderen Verwandten zahlte Tante Margit Geld. Wenn sie in Wien war, speiste sie immer im Hotel Sacher, und viele aus der Familie standen Schlange und machten sich Hoffnungen. Auch zu ihrem Personal war sie spendabel. Ihrem Förster Klaus Gmeiner sicherte sie eine Lebensanstellung. Der Gemeinde Rechnitz verschenkte sie Waldland, das später zu Bauland wurde. Und ihre ehemaligen Schlossangestellten erhielten Grundstücke, was Theresia Krausler, die damalige Zofe, bestätigt. «Wir haben alle was gekriegt. Häuser. Grund. Die Herrschaften haben uns alle beschenkt, niemand darf sich beklagen. Ich habe noch ein Kleid der Gräfin Margit im Kasten, ein Samtkostüm mit Mascherln.» Tante Margit machte aus Bauernmädchen Landbesitzer, jahrzehntelang lebten sie ohne fliessendes Wasser, plötzlich besassen sie ein kleines Stück Garten, eine Garage, ein Galakostüm mit Mascherln — nie werden sie ihr das vergessen. Jedes Jahr spendete «die Gräfin Margit» den Weihnachtsbaum auf dem Rechnitzer Dorfplatz, «sie war eine Seele von Mensch», sagt Frau Krausler mit Tränen in den Augen in ihrem Wohnzimmer ausserhalb des Dorfes, eine Kuckucksuhr tickt an der Wand.
«Der Hund ist verrückt», sagt mein Vater am Telefon. «Er ist unzähmbar. Im Auto springt er nach vorn und setzt sich auf meine Knie. Was macht dein Artikel über Tante Margit?»
Offenbar hat sich rumgesprochen, dass ich über sie schreibe. Ich erhalte Anrufe von Verwandten, die ich noch nie gesehen habe. Sie sagen: «Wozu alte Geister wecken?» Sie finden, es würde mehr schaden als nützen.
«Und was antwortest du ihnen?»
Ich antworte: Vergangenheitsbewältigung ist nur möglich, wenn man immer wieder erzählt, was sich ereignet hat. Dieser Satz stammt natürlich nicht von mir, es ist ein Zitat von Hanna Arendt. Findest du auch, der Artikel bringe nichts?
«Nein. Aber ich zweifle daran, dass unsere Verwandten was wissen.»
Darum geht es ja. Niemand weiss was, weil niemand je gefragt hat. Ihr alle wusstet von diesem Massaker, und ihr wusstet, dass Tante Margit dort war. Aber ihr wart zu höflich, um zu fragen. Ihr wolltet es euch nicht mit ihr verscherzen.
«Warte.» Ich höre das Klicken eines Feuerzeugs, es raschelt, der Hörer muss ihm aus der Hand gefallen sein, dann wieder seine Stimme: «Bist du noch da?»
Natürlich bin ich noch da. Es ist das Geld, stimmts? Es hat euch alle stumm gemacht. Tante Margit hat bezahlt, und deshalb hatte sie die Macht. Sie entschied, worüber man spricht — und worüber man eben nicht spricht. Ihr seid wie die Dorfbewohner von Rechnitz. Tante Margit hatte euch, ohne es zu wollen, alle in der Hand.

Flucht nach Südafrika
Nur einmal wurde Margit von der Polizei zum Massaker verhört, so steht es auch in ihrer Schweizer Staatsschutz-Fiche, Akteneintrag C.2.16505. Am 07. 01. 1947 gab sie der Kriminalabteilung für Vorarlberg in Feldkirch zu Protokoll: «Weder mein Gatte noch ich haben das Fest je verlassen. Am folgenden Tag in der Früh ist mir ein Wagen aufgefallen, der mit Kleidern beladen war. Es wurde mir erzählt, dass in der Nacht Juden umgebracht worden seien, zirka zwei Kilometer von unserem Schloss entfernt.» Im Verhör wird sie auch auf Hans-Joachim Oldenburg angesprochen, einen der beiden mutmasslichen Haupttäter: «Oldenburg hat sich die ganze Nacht auf dem Schloss aufgehalten», sagt sie, «ich kann versichern, dass er nichts mit der Sache zu tun hatte.» Sie schützt ihn, ihren Geliebten, denn Oldenburg ist von Zeugen beim Massaker gesehen worden. Ihrer Schwester Gaby schreibt sie in gedrängter Handschrift am 11. 11. 1946: «Damit es nicht auffällt, habe ich mit Oldenburg besprochen, dass er vorerst zwei Jahre nach Südamerika alleine geht. Habe Visa für ihn in Aussicht, was sagst du dazu?» Zwei Jahre später ein erneuter Brief an Gaby: «Oldenburg hat ein fabelhaftes Angebot nach Argentinien zur grössten Molkereiwirtschaft. Im August ist er dort.» Sie hat ihm zur Flucht verholfen, dem mutmasslichen Massenmörder, Oldenburg kehrte erst in den Sechzigerjahren nach Deutschland zurück, wo er sich in der Nähe von Düsseldorf niederliess.
Der andere Haupttäter, SS-Sturmscharführer Franz Podezin, tauchte nach dem Krieg 1945 in der westlichen Besatzungszone unter, wo er später als Agent in der DDR arbeitete. Auch er kehrte zurück in den Westen und zog nach Kiel. Podezin, im Krieg ein Nationalsozialist durch und durch, wer ihn erlebte, beschrieb ihn als eisig und ungehobelt, lebte in Kiel ein ganz unauffälliges Leben als Versicherungsangestellter.
Auch ihm wird Tante Margit später zur Flucht verhelfen.
Als die Staatsanwaltschaft Dortmund 1963 doch noch ein Verfahren wegen mehrfachen Mordes gegen Podezin eröffnet, flieht er nach Dänemark und von dort unbehelligt in die Schweiz, nach Basel, von wo er Margit und Oldenburg erpresst: Sie sollen ihm für seine Flucht Geldmittel zur Verfügung stellen, andernfalls werde er beide «durch den Schmutz ziehen». Absender: Hotel Gotthard-Terminus, Basel, Centralbahnstrasse 13.
Zuletzt gesehen wurde Podezin in Johannesburg, Südafrika, wo er ganz offiziell bei einem gewissen Herrn Josef Helmut Hansel in Untermiete stand, 74 Clifford Avenue, Limbro Park, unweit des Alexandra-Townships.
Ich rufe an.
Natürlich ist das naiv, Podezin, Jahrgang 1911, wird schon lange tot sein — und wenn er sich doch meldet? Was soll ich ihn fragen? Wo ist das Massengrab? Was hat Tante Margit damit zu tun? Es klingelt, lange passiert nichts, dann: «Hello?» Eine Frauenstimme.
«Ja, ich kannte Herrn Podezin, ein lieber Kerl, sehr belesen», sagt Anette Wilkie auf Deutsch, die Tochter von Herrn Hansel, bei dem Podezin lebte. «Er war sportlich und immer elegant gekleidet, am Ende hatte er Hüftprobleme, der Arme, er hinkte.» Podezin hatte einen Wohnwagen und viele Freunde an der Küste, er arbeitete für eine Firma namens Hytec, hydraulische Geräte, Ventile, Pumpen, die bei Baustellen zum Einsatz kommen, um Gruben trockenzulegen.
Gruben und Gräber — damit kannte sich Podezin ja aus.
Die Firma, für die er tätig war, Hytec, arbeitet heute noch zusammen mit dem deutschen Unternehmen Thyssen-Krupp. Ob ihm Tante Margit, die geborene Thyssen, in den Sechzigerjahren zur Flucht verhalf und ihm auch noch einen Job vermittelte in Südafrika? Ob Ivan und Margit ihn dort besuchten, schliesslich fuhren sie oft auf Safari, ihr «Afrika-Zimmer» in ihrer Villa in Lugano war voll gestopft mit Büffelhörnern und Elfenbein. «Herr Podezin hinterliess eine Schachtel mit privaten Dingen», sagt Anette Wilkie am Telefon, «ich habe sie aufbewahrt, falls jemand danach fragen sollte. Einen Moment bitte.» Schritte. Stille. Wieder Schritte. «Es sind Fotos aus seiner Zeit in Afrika und ein paar alte Kleider mit dem Firmenemblem. Sonst nichts.» Podezin starb Mitte der Neunzigerjahre, zu seiner Beerdigung, so Anette Wilkie, erschienen drei, vier Freunde in Hansels Haus, alle mittlerweile tot, alles Deutsche, die nach dem Krieg nach Südafrika auswanderten und sich wöchentlich zum Kartenspielen trafen. Wahrscheinlich Skat.

Jüdische Propaganda
Das letzte Mal ins Burgenland fahre ich Ende Herbst. Es ist neblig, die Häuser, die Felder, der Himmel, alles grau, die Weintrauben sind längst geerntet. Ich fahre an ein Familientreffen. Tanten, Onkel, Cousins, Menschen, die ich kaum kenne, wir sitzen an einen langen Holztisch, das Massaker führt uns zusammen.
Die meisten können sich gut an Margit und Ivan erinnern, an ihre Reisen, an ihre Häuser, an Margits Pferde und Ivans Eitelkeit, und je länger ich an diesem Tisch sitze, desto wohler fühle ich mich. Die Art, wie sie reden, ihre Witze, die alten Möbel, das Porzellan, das Silberdöschen mit Zucker — alles vertraut.
«Was in den Zeitungen steht, ist Unsinn», behaupten die Älteren, auch Elfriede Jelineks Theaterstück «Der Würgeengel», das von Rechnitz und Margit handelt, vermittle ein falsches Bild. Margit habe mit dem Massaker nichts zu tun, «sie war zwar unbeliebt und den Männern hörig», sexbesessen soll sie gewesen sein — aber eine Mörderin? «Bestimmt nicht.» Und ich nicke, wie alle nicken, und als jemand aus der Runde, ein älterer Mann, der mich so nett begrüsste, obwohl wir uns nicht kannten, und der so nett aussieht mit seinen weissen Haaren, über Juden spricht, über jüdische Propaganda, da hören alle weg und tun so, als ob sie ihn nicht verstünden. Auch ich bleibe stumm. Ich widerspreche ihm auch nicht, als er sagt: «Vielleicht hat das Massaker gar nie stattgefunden?»
Wir trinken Schwarztee und essen belegte Brote mit Schinken.
Am Tisch diskutieren jetzt alle laut durcheinander, über das Grab, über die Suche, die Jüngeren stellen Fragen, die Älteren weichen aus. «Was bringt das alles?» — «Wozu?» — «Was haben wir damit zu tun?» Kopfschütteln. Schweigen. «Will noch jemand Tee?» Stille. «Über die Verbrechen an den Juden ist schon genug geschrieben worden», verteidigt sich der alte Mann, «die Verbrechen der Kommunisten waren genauso schlimm», und wieder hören alle weg, niemand geht darauf ein, «die Jelinek ist auch eine Jüdin, deshalb schreibt sie so einen Mist». Witze fallen, und alle lachen, und auch ich lache, wie man halt lacht und nickt in Familien, zwei Stunden später verabschieden wir uns.
Wieder werde ich nett umarmt, diese Menschen, diese Möbel, diese Tassen, alles so vertraut, «gib Acht auf den Namen der Familie», sagt ein Onkel zu mir, der den ganzen Abend still war, «du darfst ihn nicht verschmähen». Fast zärtlich fasst er mich ans Kinn und legt seine Hand an meine Wange, wie es mein Vater immer tut, erst später im Auto fühle ich mich erbärmlich.
Es gab viele Gründe, warum niemand mit Tante Margit über das Massaker sprach: Verdrängung, Faulheit, das Geld.
Und Gleichgültigkeit.
Weil es sich bei den Toten «nur» um Juden handelt, ist dieses Verbrechen heute noch vielen egal. Ich rufe meinen Vater an und frage ihn, ob er das nicht auch glaube.
«Nein, das glaube ich nicht.»
Warum dann diese Bemerkungen am Familientreffen über die Juden und über Jelinek?
«Er hat die Verbrechen der Nazis mit den Verbrechen der Kommunisten verglichen. Das macht zwar wenig Sinn, ist aber legitim.»
Mich erinnert es an eine Begegnung mit einem älteren Herrn im Speisewagen von Zürich nach Wien, mit dem ich lange über meinen Artikel diskutierte. Er meinte, die Juden wären ja eh gestorben, ob im KZ oder in diesem Massaker — oder vor Hunger. Bevor er in Salzburg ausstieg, sagte er: Was spielt das für eine Rolle?, und er sah mich ganz verdutzt an.
«Wirst du den Familienbesuch in deinem Artikel erwähnen?», fragt mich mein Vater, «das wird für böses Blut sorgen.»
Ich weiss noch nicht.

Wer schweigt, wird schuldig
Ich stehe vor Tante Margits Grab und versuche, mich an ihr Gesicht zu erinnern, aber es gelingt mir nicht. Wind weht die letzten Blätter von den Bäumen, es ist Mitte November, ein paar Sonnenstrahlen haben sich durch den bedeckten Tessiner Himmel gekämpft — und für einen kurzen Moment beginnt der Luganersee zu glitzern. Nach all den Gesprächen bin ich mir sicher:
Tante Margit hat nicht geschossen in jener mondhellen Nacht am 24. März 1945. Sie hat keine Juden ermordet, wie der englische Journalist David Litchfield und all die Zeitungen behaupten.
Es gibt keine Beweise. Es gibt keine Zeugen.
Tante Margit stand um Mitternacht nicht in der Kälte vor dieser Grube, wo die nackten Frauen und Männer in einer Reihe knieten. Sie lachte und tanzte im Schloss, als die ausgemergelten Körper zusammensackten und in die Erde fielen, sie lachte und tanzte mit den Mördern, als diese um drei Uhr morgens wieder aufs Schloss zurückkamen, während draussen die ermordeten Juden wie Sardinen aufeinandergestapelt wurden in einer Grube, irgendwo in Rechnitz.
Und während die 180 Leichen verwesten, fuhr Tante Margit alljährlich mit einem Kreuzschiff durch die sommerblaue Ägäis, trank Kir Royal in Monte Carlo und jagte Rehe in den Herbstwäldern des Burgenlands.
Tante Margit genoss den Rest ihres langen Lebens, obwohl sie alles über das Massaker gewusst hat. Verfaulter Keim.

Bücher Zum Massaker von Rechnitz:
David R. L. Litchfield, Caroline Schmitz,
«Die Thyssen-Dynastie. Die Wahrheit hinter dem Mythos», assoverlag, 2008
Prof. Walter Manoschek, «Der Fall Rechnitz», Braumüller, 2009 Jürg Schoch, «In den Hinterzimmern des Kalten Kriegs», Orell Füssli, 2009

Margareta Heinrich, Eduard Erne, «Totschweigen», Dokumentarfilm 1996

Das Theaterstück «Rechnitz (Der Würgeengel)» der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat am 19. Dezember Premiere im Schauspielhaus Zürich.

Sacha Batthyany ist Redaktor des «Magazins».

Die Familie unter sich, in Champagnerlaune im Hotel Palace in Davos — Das Bild entstand zirka 1941, im übrigen Europa wütete der Krieg. Margit Batthyány-Thyssen, Tante Margit, sitzt zwischen ihrem Mann Ivan Batthyány (rechts) und ihrem Vater Baron Heinrich Thyssen. Margits jüngerer Bruder Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, genannt Heini, ganz rechts | Aus dem Archiv von David Litchfield
Die Familie unter sich, in Champagnerlaune im Hotel Palace in Davos — Das Bild entstand zirka 1941, im übrigen Europa wütete der Krieg. Margit Batthyány-Thyssen, Tante Margit, sitzt zwischen ihrem Mann Ivan Batthyány (rechts) und ihrem Vater Baron Heinrich Thyssen. Margits jüngerer Bruder Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, genannt Heini, ganz rechts | Aus dem Archiv von David Litchfield
Der Vater des Autors, im Hintergrund Tante Margit, irgendwann Ende der Siebzigerjahre auf der Terrasse von Margits Wohnung in Monte Carlo mit Blick aufs Meer. | Privatarchiv
Der Vater des Autors, im Hintergrund Tante Margit, irgendwann Ende der Siebzigerjahre auf der Terrasse von Margits Wohnung in Monte Carlo mit Blick aufs Meer. | Privatarchiv
Margits Staatsschutz-Fiche — Die Schweizer Behörden wussten über die «Judenhinrichtung» in Rechnitz, der Verdacht, sie wäre darin verwickelt, spielte bei Tante Margits jahrelangen Einbürgerungsbemühungen nie eine Rolle. Dass es mit dem Schweizer Pass erst beim dritten Versuch klappte, lag vielmehr am Vorwurf, Margit und ihr Mann Ivan seien zu «kosmopolitisch». Erschwerend kam hinzu, dass Ivan verdächtigt wurde, Kommunist zu sein. Am 22. Juli 1969 unterschrieb Bundesrat Ludwig von Moos höchstpersönlich den dritten Antrag auf Schweizer Staatsbürgerschaft mit einem einzigen Wort: «Ja». | Schweizerisches Bundesarchiv
Margits Staatsschutz-Fiche — Die Schweizer Behörden wussten über die «Judenhinrichtung» in Rechnitz, der Verdacht, sie wäre darin verwickelt, spielte bei Tante Margits jahrelangen Einbürgerungsbemühungen nie eine Rolle. Dass es mit dem Schweizer Pass erst beim dritten Versuch klappte, lag vielmehr am Vorwurf, Margit und ihr Mann Ivan seien zu «kosmopolitisch». Erschwerend kam hinzu, dass Ivan verdächtigt wurde, Kommunist zu sein. Am 22. Juli 1969 unterschrieb Bundesrat Ludwig von Moos höchstpersönlich den dritten Antrag auf Schweizer Staatsbürgerschaft mit einem einzigen Wort: «Ja». | Schweizerisches Bundesarchiv
Schloss Thyssen in Rechnitz, Burgenland, um 1940 — Fünf Jahre später wurde es von der anrückenden Roten Armee zerbombt. Anstelle des Schlossparks steht heute ein sogenannter Bachblüten-Kraftpark, in dem die Einwohner des Dorfes ihre Hunde spazieren führen. Am Ortsrand, unweit vom Schloss entfernt, liegen 180 verscharrte Juden. Wo genau, weiss niemand. Das Rätsel um das Massengrab wird für Rechnitz zum Fluch. | Gemeinde Rechnitz
Schloss Thyssen in Rechnitz, Burgenland, um 1940 — Fünf Jahre später wurde es von der anrückenden Roten Armee zerbombt. Anstelle des Schlossparks steht heute ein sogenannter Bachblüten-Kraftpark, in dem die Einwohner des Dorfes ihre Hunde spazieren führen. Am Ortsrand, unweit vom Schloss entfernt, liegen 180 verscharrte Juden. Wo genau, weiss niemand. Das Rätsel um das Massengrab wird für Rechnitz zum Fluch. | Gemeinde Rechnitz
SS-Sturmscharführer Franz Podezin, einer der mutmasslichen Haupttäter des Rechnitzer Massakers — Mit Tante Margits Hilfe floh er in den Sechzigerjahren nach Südafrika, wo er ein unauffälliges Leben führte. «Ein lieber Kerl und sehr belesen», sagt die Tochter seines ehemaligen Vermieters heute, die Podezin in Johannesburg kennenlernte. | Filmstill Eduard Erne
SS-Sturmscharführer Franz Podezin, einer der mutmasslichen Haupttäter des Rechnitzer Massakers — Mit Tante Margits Hilfe floh er in den Sechzigerjahren nach Südafrika, wo er ein unauffälliges Leben führte. «Ein lieber Kerl und sehr belesen», sagt die Tochter seines ehemaligen Vermieters heute, die Podezin in Johannesburg kennenlernte. | Filmstill Eduard Erne
Die wahrscheinlich letzte Zeugin des Festes vom 24. März 1945: Annemarie Vitzthum, 89, aus Rechnitz. Sie war an jenem Abend dabei und erinnert sich gut: «Alle tranken und tanzten ganz wild. Ich kannte das nicht, ich war doch nur ein einfaches Mädchen.» | Sacha Batthyany
Die wahrscheinlich letzte Zeugin des Festes vom 24. März 1945: Annemarie Vitzthum, 89, aus Rechnitz. Sie war an jenem Abend dabei und erinnert sich gut: «Alle tranken und tanzten ganz wild. Ich kannte das nicht, ich war doch nur ein einfaches Mädchen.» | Sacha Batthyany

Die Diskussion

33 Reaktionen

  1. Petra Volpe

    Vielen Dank für diesen grossartigen, bewegenden Text!

  2. Heinz Moll

    Ein wahrhaftiges Stück Journalismus. Zum Aufheben.

  3. domeisen

    genau bei diesem weghören an familienfesten, im büro etc….fängt das übel an. es ist feiges mitläufertum das zwar bequem ist, aber niemals zur verbesserung der welt beiträgt, geschweige denn eine wahrheit zu erfahren. und nein, es ist nicht allen familien üblich einfach mitzulachen und zu nicken. zum glück. aber ein lehrreiches stück wie schweigen auch heute noch existiert.

  4. irma

    sehr guter text. glückwunsch.

  5. Peter

    grossartige schilderung – das gleichgültige wegschauen hervorragend getroffen – diese grundvoraussetzung allen übels muss allen immer wieder vor augen geführt werden – preiswürdig – gratuliere

  6. jgwerder

    Ich würde dem Artikel gerne mehr Glauben schenken. Aber es gelingt mir nicht. Ich sehe ihn deshalb mehr als Allegorie des moralischen Versagens denn als Versuch einer Chronik.

  7. William Tell

    Sorry, aber diese Story habe ich schon mehrmals gelesen. Wo – wer kann mir weiterhel?fen

  8. hombi99

    Dass auch die nächste Generation dieses Verdrängen, Verharmlosen und Wegschauen übernommen hat ist für mich als in Oesterreich 1943 Geborener das Unerträgliche und Beschämende. Es erinnert mich schmerzhaft an all die antisemitischen Aesserungen eines “Opfer Volkes” auch nach dem Krieg. Solange dieses nationalistische Gedankengut sein Unwesen treibt ist Aufklärung oberstes Gebot. Meine Hoffnung setze ich auf die Jugend, trotz allem.

  9. Judith

    Der aufgewärmte Eintopf aus den eingemachten Familiengräueln der Familie Batthany schmeckt auch dann nicht, wenn er mit frischem Kitsch (Hund, Weintraube, Familientreffen) angereichert wird.
    Ein überflüssiger, viel zu langer Artikel

  10. Litchfield

    A brilliant damage limitation exercise for the Batthyanys but ‘The Lady Doth Protest Too Much, Methinks’. For English translation and Litchfield’s comments, log onto:
    http://www.davidrllitchfield.com

  11. Finn Canonica

    Judith sollte begründen, nicht einfach meckern. Aber dazu fehlt ihr wohl die Chuzpe oder die Intelligenz.

  12. PAUL

    Erschütternd.
    Solche Unmenschlichkeit soll nicht vergessen werden.
    Ob wahr oder nicht ganz wahr, erschreckend möglich, leider auch heute noch.

    Ein Leben ohne Schuld gibt es nicht – das wäre Lüge. Es geht – ob grosse oder kleine Schuld, ob grosse oder kleine Vergehen – weniger um die Darstellung einer Schuld als um das, was einen sich schuldig fühlen lässt.
    Hans Keilson

  13. Profile Pic
    Sacha Lenz

    Ich finde es schon ziemlich arrogant und unerhört wie Herr Canonica in seinen Kommentaren immer wieder die Intelligenz seiner Leser anzweifelt, wenn sie kritische Kommentare (vielleicht auch zu wenig begründet) äussern. Ich denke etwas mehr Diplomatie und eine ausgesuchtere Wortwahl könnten einige solchermassen kritisierte Leser vor der Aboabbestellung abhalten.

  14. egni

    Nötig. Mutig – wegen der Androhung auf familiäre Nebengeräusche. Sehr gut gewählt das Titelbild: die spindeldürre, so naiv + schüchtern wirkende junge Frau mit Gewehr und totem Reh. Sagt mehr als tausend Worte. Und belegt zweifellos das anschliessend Beschriebene. Von Schüchternheit keine Spur. Solche Frauen sind ekelerregend.

  15. jgwerder

    Handelt es sich bei “Finn Canonica” tatsächlich um den Chefredaktor des Magazins? Falls ja, würde ich Herrn Canonica empfehlen, von “Publikumsbeschimpfungen” abzusehen – selbst in denjenigen Fällen, in denen ich ein gewisses Verständnis dafür habe.

  16. maude

    Ich habe das Gefühl, der Autor will dem Leser ein allzu bescheidenes Bild seiner heute noch lebenden Familie vermitteln.
    “Mit dem Opel ins Dolder, Vater auf der abgewetzten Couch mit dem zugelaufenen Hündchen, Wurstbrote und Schwarztee”.
    Die Batthyanys sind im Besitze etlicher Burgen und Schlösser und einer riesigen Anzahl von Liegenschaften. Da wird es auch klar, weshalb alle am Tisch weghörten. Normal ist das bestimmt in den meisten Familien nicht!!!!
    Wer den Würgeengel im Schauspielhaus sieht wird geschockt sein. Will man mit diesem Artikel diese Gefühle schon mal präventiv abschwächen?

  17. hermann

    1.In einem Rechtsstaat gilt bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuld.
    2.Sacha Batthyany sollte sich einem Psychiatrischen Untersuch unterziehen ( würde wahrscheinlich auch sein Grossvater Ferry empfehlen, der sich sicher im Grab umgedreht hat), bevor er sich wieder einmal einer pseudo-vergangenheitsbewältigung auf so billiger und primitifer Art widmet.

  18. Wiho

    Der Artikel hat mich von der menschlichen Seite her betroffen gemacht: Mehr als die historische Tatsache selbst (die Erschiessung der 180 Juden in Rechnitz) hat mich die “Nichtaufarbeitung” des Themas betroffen, weder von der Seite der Familie, noch des Dorfes. Es wird auch keine gewünscht, im Gegenteil! Da Sie so ausführlich, ehrlich und betroffen schildern, sieht man auch, dass der Fall “Rechnitz” im Grunde genommen hoffnungslos verfahren ist und die Ortung der Leichen kaum zustande kommen wird – und das nach beinahe 65 Jahren! Ich empfinde Ihren Artikel von der Gewissensseite her als eine Art Hilferuf.

  19. esther

    mehr zum historischen Hintergrund: http://www.refugius.at/zip/massaker.pdf

  20. Finn Canonica

    Herr Lenz: Wer austeilt, muss auch einstecken können. Zu dumme Kommentare kann ich sonst einfach auch löschen. Und dieser Volltrottel der sich hinter dem Pseudonym Hermann versteckt, soll doch mal etwas Mut zeigen und sich outen.

  21. Jan Holler

    Ein, trotz des schrecklichen Themas, sehr schöner und literarischer Text. Betroffen und gerührt sind die Worte, die nach dem Lesen übrig bleiben. Das Schreckliche, Monströse ist dem Menschen heute schon oft vor Augen geführt worden und erschüttert doch immer wieder. – Hier wäre nun mein Kommentar eigentlich fertig, …

    …doch dann während des Lesens des Forums bleibe ich bei Litchfields Beitrag hängen, verfolge den Link, lese dort die in Klammern gehaltenen Kommentare unter der englischen Version des Texts – und erfahre, welchen persönlichen Einsatz Sacha Batthyany riskiert hat, mit welchem Mut er diesen Text verfasst hat. Nun bekommt er eine Verantwortung zugeschoben, die er als Nachgeborener doch gar nicht tragen kann.
    Litchfield stellt einige Fragen über Auslassungen und Nichterwähnungen, denn er bemerkt den literarischen Stil des Texts nicht. Er widerspricht in inhaltlichen Details, was zweifellos seine historische Berechtigung haben kann. Doch das ist alles für diesen Text nicht weiter wichtig. Der Text ist ja eine zaghafte aber drängende Auseinandersetzung mit einem monströsen Thema, in das Betthyany ungefragt hineingezogen wird, weil hineingeboren: ein typisches Schicksal der Nachtätergeneration. Betthyany hat sich entschieden, sich damit öffentlich auseinanderzusetzen.
    Litchfield denkt, in Kürze ausgedrückt, Betthyanys Text sei eine Art selbst gereichter Reinwaschung der Familie, die ja immer noch vom Reichtum profitiere. Letzteres mag bestimmt so sein, ob es für Betthyany direkt auch gilt? Und wenn? Und ist das hier von Belang? Ersteres hingegen vermag ich nicht zu erkennen. Dass sich die Familie, zum Teil vorerst für den Autoren noch unbekannte Familie, mit den bekannten, immer wieder zu hörenden Argumenten gegen eine moralische Auseinandersetzung wehrt, wird uns ja erzählt. Dass sich in der Familie der eine oder andere Unverbesserliche befindet, der, auch wieder wie bekannt, den Juden eine Verschwörung anhängt und damit die Auseinandersetzung beendet, kommt in vielen (allen?!) dieser Familien vor, die ein schlechtes Gewissen haben müssen und darum lieber schweigen. Aber bis wohin muss das schlechte Gewissen reichen? Es gibt keine Erbschuld, vielleicht eine Erbsünde, aber das gilt für uns alle. Betthyany erwähnt doch, dass es keine innere Ruhe geben kann, bis die Wahrheit bei allen akzeptiert wird.
    Die Vorwürfe Lichtfields gegen Betthyany laufen ins Leere. Seine Arbeit hat bestimmt viel zur Aufklärung beigetragen. Die Schädel (ja, die Skelette, aber es ist einerlei, wir wissen, dass es Menschen sind!) braucht es nicht mehr, um das Geschehene zu akzeptieren. Auch der Fund würde diejenigen nicht von ihrer Überzeugung abbringen, die getöteten Juden wären eine Seuchengefahr gewesen oder hätten dies verschörerisch gestellt.
    Lichtfield sollte den Text als Chance begreifen. Betthyany scheint ja der erste dieser Familie zu sein, der die Courage hat, sich einer schrecklichen Vergangenheit zu stellen, die zwar die seine ist, die er sich aber nicht ausgesucht hat. Auch wenn er ungefragt davon profitiert hat und nicht in ärmeren Verhältnissen wie andere aufwachsen musste, so drückt doch ganz offensichtlich eine schwere Last auf seinen Schultern. Er hat das Recht, selber die Art der Aufklärung zu wählen. Man stelle sich vor, man wäre in seiner Situation. Und dann schaut die Welt zu und wartet. Auf Busse? Nein, das kann und darf nicht sein!

  22. Jan Holler

    Batthyány statt Betthyany, sorry!

  23. Litchfield

    Dear Jan Holler

    (Und LItchfield statt Lichtfield). Vielen Dank für Ihre interessante Nachricht. Ich antworte Ihnen am besten hier, in diesem Forum.

    Ich kann Ihren Aeusserungen nicht gänzlich widersprechen, da ich Sacha Batthyany mag. Ich mochte ihn, als ich ihn traf und mag ihn noch immer. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich den Artikel mehr als ein Stück Propaganda der Familie ansehe, denn als einen Akt individueller Courage. Was genau war denn das Risiko, welches Sacha einging?

    Wenn es in Ihrer Familie Leute gäbe, die glaubten, dass solch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit auf einer jüdischen Verschwörung beruhte, wäre Ihnen dann allen Ernstes daran gelegen, weiter mit diesen Leuten zu verkehren?

    Vielleicht werden Sie ja, nachdem Sie mein Buch über die Thyssens gelesen haben, verstehen, warum ich für solche Familien wenig Verständnis habe. In der Zwischenzeit zeigt mir Ihre Reaktion nur, wie erfolgreich Sacha die Verteidigung seiner Familieninteressen vermittelt hat.

    Wenn ich Ihre, zugegebenerweise bewundernswerten Empfindungen teilen würde, dann hätte ich nie mein Buch über die Thyssens geschrieben und meinen Artikel für die Frankfurter Allgemeine, ohne den, das gibt Sacha selbst zu, die Batthyanys heute noch die Umstände ihrer Verstrickung in dieses Verbrechen verbergen würden. Und vergessen wir nicht, dass die Verbindung zwischen Thyssen und Batthyany nicht in Rechnitz endet!

    Und dann wäre da natürlich auch noch die Schutzhaltung der Schweiz, die bis heute anhält……

    P.S.: Vielleicht können Sie auch noch Sacha dazu überreden, mein Buch zu lesen, denn soviel ich von ihm gehört habe, hat er dies immer noch nicht getan.

  24. Jan Holler

    Lieber David Litchfield

    Um direkt zur Antwort auf die eine Frage zu kommen: Nein, ich würde nicht mit Menschen verkehren, die, noch dazu in dieser Lage, weiter an eine jüdische Verschwörung glauben würden. – Ich persönlich habe mich viele Jahre sehr engagiert in Foren (unter Pseudonym) gegen den wieder erstarkenden oder vielleicht auch nur immer weniger verhohlenen Antisemitismus (euphemistisch Antizionismus genannt) zur Wehr gesetzt (der immer mehr von links kommt) und bin massivst (darum unter einem Pseudonym) angegangen worden bis hin zur Vermutung, ich sei in zionistischer Agitator. Es ist ein Angehen (Kampf wäre übertrieben) gegen Windmühlen. Dabei habe ich es nicht gesucht, sondern bin immer wieder, viel zu oft darüber gestolpert. Die Forenredaktion (eines bekannten und bedeutenden Forums) war und ist halb blind und hat oft erst auf grossen Druck eindeutigen Antisemiten den Hahn abgedreht. Daher bin ich sensibilisiert für das Thema und wohl auch durch meine Eltern, die mich in meine jungen Jahren mit dem Thema Shoa (Film Holocaust) konfrontiert hatten.

    Bitter ist, dass es so viele junge Menschen gibt, die auf der Schiene Antiamerikanismus, Antiisraelismus beim Antizionismus/Antisemitismus landen, nicht wie alte und neue Nazis, eher mitlaufend. Als hätte es nie die Monströsität IIWK/Judenvernichtung gegeben, lernen sie nichts. Auch darum muss es Aufklärung geben.

    Und Sie haben natürlich alles Recht der Welt, Aufklärung zu betreiben und dafür sollte man sein und ist man Ihnen dankbar. Ich kann Ihre Enttäuschung auch verstehen, wenn Sie viel mehr von S. Batthyány erwartet haben. – Sie haben auch Recht, wenn Sie wenig bis nichts für solche Familien übrig haben, das habe ich auch nicht. Verachtung ist auch eines der Gefühle, die bei mir geweckt werden. – Doch kann ich nicht über Sacha Batthyány urteilen. Sein Text erscheint mir auch nicht als Propaganda und die Familie wird auch in meinen Augen nicht rein gewaschen, im Gegenteil. Meine Reaktion bezog sich eigentlich erst auf den Text, den ich als literarisch und gut geschrieben empfinde, bis ich Ihren Beitrag und den Text hinter dem Link las. Empfand das als ungerecht gegenüber Sacha Batthyány, aber nur gegenüber ihm. Seine Familie, mind. der Teil, der (ver)schweigt, liess und lasse ich aussen vor.

    Thyssen, Flick, Krupp, Quandt … und die Nazionalsozialisten. Statt Enteignung und Verurteilung beliess man es bei wenig, um Aufzuklären, noch weniger beim Bestrafen . Gut gibt es Menschen wie Sie, die dahinter leuchten. Vielleicht finde ich Zeit, Ihr Buch zu lesen und vielleicht tut das auch Batthyány.

    Doch denke ich, Sie erwarten zu viel von Sacha Batthyány. Er kann nicht die Verantwortung für seine (erweiterte) Familie tragen und verkehrt hat er ja mit Ihnen gar nicht, die meisten kannte er nicht und seine Tante Margrit konnte er nicht leiden. Wie und ob er heute verkehrt wäre interessant zu wissen, aber haben wir das Recht, Offenbarung und Rechtfertigung zu verlangen?

    Es ist so schwer, sich als junger und älter werdender Mensch von der “Wirklichkeit” zu lösen, mit der man aufgewachsen ist. Manche schaffen das nie. Was soll nun Sacha Batthyány machen? Wenn er mit der Familie völlig bricht, dann wird er nie mehr etwas erfahren. Ich denke, er wird nach diesem Text erst recht auf eine Mauer des Schweigens stossen. Der Bruch ist wohl schon geschehen.

    Warten wir doch ab. Vielleicht recherchiert S. Batthyány weiter und legt später weitere Erkenntnisse vor. Ob er Ihr Buch lesen wird, sei ihm überlassen. Er hat auch das Recht, wie jeder andere, das Thema zu ignorieren. Dafür hätte ich Verständnis, es versaut einem das Leben, und es ist nicht sein Kampf.

    Die Schweiz hatte lange Zeit eine Schutzhaltung, doch seit dem Bergier-Bericht ist der Mythos des heldenhaften Verteidigens gegen die Nazis Makulatur.

    Wenn Ihnen so viel daran liegt, dass die Familie Batthyány Ihr Buch liest, dann schicken Sie diesen (ich würde die jüngere Generation beachten) doch Ihr Buch.

    Eine Frage hätte ich noch an Sie: Wo genau sehen sie die (erfolgreiche) Verteidigung welcher Familieninteressen von S. Batthyány? Das einzige Interesse, dass die Familie (alle?) heute haben kann, ist doch, dass niemand darüber redet und berichtet. Dass sie zur Rechenschaft gezogen wird oder gezogen werden kann ist äusserst unwahrscheinlich. Also kann sie nur die Publizität fürchten und genau für die hat S. Batthyány doch mit seinem Text gesorgt.

    Mit Gruss und bitte entschuldigen Sie die Falschschreibung Ihres Namens, den ich Anfangs gar richtig schrieb.

  25. Litchfield

    Dear Jan
    Sorry, I’m all out of German. Let me simply say these two old English proverbs:
    1) There’s nought so blind as them who won’t see.
    2) You can lead a horse to water, but you can’t make it drink.
    You choose whichever answers your questions best.
    Kindest regards,
    Very very happy Christmas,
    David

  26. Jan Holler

    Dear David

    (I repeat my question in English, wiederhole meine Frage auf Englisch)

    Please let me know where S. Batthyany is successfully defending what interests of the family? They must not fear a trial nor recourse. The only interest the family can have nowadays is not having any publicity. But (more) publicity is the consequence of S. Batthyany’s story.

    Thanks, and a merry christmas to you as well, regards!
    -jan

  27. sefardi.tahor

    Hervorragend. Auf dem Punkt gebracht: Kol Hakavod Sacha Batthyany!

  28. alexander.batthyany

    Das ist ein hervorragender Artikel, von dem ich viel gelernt habe. Was mir allerdings nicht eingeht, und was mir auch unter rein pragmatischen Gesichtspunkten kaum haltbar erscheint, ist die in manchen Kommentaren anklingende Meinung, dieser Artikel sei “für die Familie” geschrieben worden. Scheinbar gehen jene, die dies annehmen, davon aus, dass die Familie (oder auch nur irgendeine andere Familie) eine geschlossene Gruppe darstelle, die einen der ihren losschickt, um für sie zu sprechen oder zu schreiben.
    Das liest sich als Idee vielleicht gut, ist aber kaum praktikabel: und das kann sich wohl jeder vor Augen führen, der den Versuch unternehmen wird, für seine eigene Familie zu sprechen oder einen Artikel zu veröffentlichen; und das Scheitern dieses Versuchs wird dann hoffentlich zeigen, wie unwahrscheinlich es ist, dass dies in einer doch recht grossen Familie wie der unserigen geschehen soll. Im Übrigen halte ich dies – neben der wie gesagt fehlenden Umsetzbarkeit eines soclhen Unterfangens – auch für eine bedenkliche Modellierung der Familie als “Sippe”, die geschlossen für die Meinung und Reflexionen eines Einzelnen einstehe und umgekehrt. Bedenklich ist dies deswegen, weil das ein Bild ist, das üblicherweise nicht zuletzt eben jene zeichneten, über deren Verbrechen wir hier diskutieren und für deren Ideologie vermutlich keiner der hier Diskutierenden nur die geringste Sympathie empfindet. Darin dürften sich – über alle anderen Meinungsunterschiede hinweg – alle hier Diskutierenden in Konsens befinden.

    Was ich eigentlich sagen will – und was meiner Lesart zufolge auch Sacha Batthyány nicht anders sieht und in einem in meinen Augen sehr gelungenen Text zum Ausdruck bringt: Am Ende steht jeder, der in seiner Verwandtschaft einen solchen “Fall” zu beklagen hat, alleine damit da: Hier konkret mit der Frage, was genau in dieser Nacht geschah und der nicht minder bohrenden Frage, was in den Jahren danach war, in denen die Beteiligten, inkl. Margit B., hoffentlich einmal ausgenüchtert genug gewesen sind, um über diese Nacht in Rechnitz nachzudenken. Auch alleine bleibt man mit der entscheidenden Frage, wie man selbst mit Schuld im eigenen Umfeld umgeht. Und man findet auch nicht allzu schnell eine Antwort darauf, und vermutlich wird auch diese Antwort immer nur Stückwerk bleiben. Schon daher – und auch, weil hoffentlich die historischen Recherchen über das Massaker von Rechnitz weitergehen werden – kann es keine “allgemeine Stellungnahme” geben – weder eine abschliessende, noch eine allgemeine. Bleiben wird allerdings das Problem der Schuld und des Umgangs mit Verantwortung. Auch das sollte die Vermutung, es handle sich bei dieser oder anderen Stellungnahmen um quasi in Auftrag gegebene Pressemitteilungen im Namen der Familie, oder für die Familie, relativieren. Die Familie besteht, wie jede andere Gruppe auch, aus Individuen; und Fragen der Schuld, Verantwortung und des Umgangs damit sind grundlegend und eigentlich individuelle Fragen. Das ist hier der Fall wie in allen anderen existentiellen Bereichen des Lebens ebenfalls.
    Das scheint mir auch in dem Text von Sacha Batthyány zum Ausdruck zu kommen, zumindest so, wie ich ihn lese.

  29. Litchfield

    An Alexander Batthyany:
    Ich habe Ihren Beitrag immer wieder durchgelesen, kann aber leider nirgends einen Ausdruck Ihrer Sympathie für die 180 jüdischen Menschen entdecken, die in dieser Nacht getötet wurden; oder Ihres Bedauerns ob der grausamen Tat.
    Ihre einzige Sorge scheint dem Ruf Ihrer Familie zu gelten.
    Ich schliesse meine Beweisführung ab.
    David R L Litchfield
    http://www.davidrllitchfield.com

  30. alexander.batthyany

    Sehr geehrter Herr Litchfield,

    manche Dinge sollten so selbstverständlich sein, dass sie zu erwähnen nicht mehr notwendig sein müsste. Aber da man das Selbstverständliche dann eben doch noch ausformulieren muss: Ich bedauere die 180 Opfer des Massakers ebenso wie ihre Angehörigen und Nachkommen.

    Möglicherweise war mein Schreiben missverständlich formuliert, und wenn dem so sein sollte, will ich das gerne korrigieren: ich wollte primär zum Ausdruck bringen, dass Fragen der Schuld (der eigenen wie der innerhalb einer Familie) als existentielle Fragen individuell zu beantworten sind. Da ich ein Mitglied dieser Familie bin und einige der Beitragenden hier den Eindruck äusserten, dies sei eine Stellungnahme “für die Familie” wollte ich daher auf diesen einen Punkt gesondert hinweisen.

    Ich beschäftige mich bereits lange genug mit diesem Thema – daher habe ich als gegeben vorausgesetzt, was ohnedies keine Frage mehr sein sollte: das Bedauern, bzw. die Sympathie mit den Ermordeten. Aus eben diesem Grund schrieb ich ja auch von Schuld und Verantwortung.

  31. Litchfield

    Sehr geehrter Herr Alexander Batthyany

    Bitte entschuldigen Sie die Verspätung meiner Antwort, aber ich musste erst noch ein Buch fertig schreiben, welches sich wiederum mit einer eminenten Familie beschäftigt, die ihre faschistische Vergangenheit verleugnet – diesmal eine englische Familie.

    Was die deutschsprachige Bevölkerung angeht, so ist es meine Ueberzeugung, dass das einzige was ‘selbstverständlich’ ist, bzw. wobei keine Gefahr des ‘Missverstehens’ besteht, die Tatsache ist, dass viele Deutsche und Oesterreicher weiterhin glauben, dass es den Juden recht geschah, und dass keinerlei Reue gezeigt wird, sondern im Gegenteil die Gelegenheit – falls gegeben – willkommen geheissen würde, das Gleiche morgen wieder zu verbrechen. Dies ist meine Sicht, die ich leider aus persönlicher Erfahrung gewinnen musste. Uebrigens wurde sie auch von Margit’s Bruder Heini Thyssen mit mir geteilt.

    Ich denke, es ist auch bemerkenswert, dass Sie die Thyssen Familie nicht erwähnen, deren Giftbecher Ihre Familie gern in Empfang nahm, wofür die Einwohner von Rechnitz bis heute bezahlen müssen.

    Während ich akzeptiere, dass Sie persönlich das Massaker bedauern, die Opfer beklagen und mit ihren Familien trauern, so vermittelte mir Sacha Batthyany andererseits mündlich – im Gegensatz zu seinen gedruckten Aeusserungen – den Eindruck, dass Sie wohl die Ausnahme und nicht die Norm innerhalb des Batthyany Clans darstellen.

    Sollte Ihnen daran gelegen sein, die Position Ihrer Familie in direkterer Weise aufzustellen, warum probieren Sie nicht, einen diesbezüglichen Beitrag auf http://www.batthyany.at freizuschalten, der Ihre Sympathie für die Opfer und Ihr Bedauern ob des Rechnitzer Massakers widerspiegelt, und eine Einladung an andere Mitglieder Ihrer Familie enthält, diese Haltung öffentlich zu unterstützen?

    An Ihrer Stelle würde ich allerdings bei dieser Aktion lieber nicht die Luft anhalten. Wie Sie vielleicht wissen, enthält die Batthyany Webseite bisher keine einzige selbständige Information zum Thema Rechnitz.

    Mit freundlichen Grüssen,
    David R L Litchfield
    http://www.davidrllitchfield.com

  32. Seven Days With The Batthyanys | David R. L. Litchfield

    [...] The original article by Sacha Batthyany, published on 11.12.2009: http://dasmagazin.ch/index.php/ein-schreckliches-geheimnis/ [...]

Kommentar Schreiben

Nur angemeldete Benutzer können Kommentare schreiben.