08.01.2010 von Das Magazin
Sie ist achtzig Kilometer lang und fünfzig Kilometer breit, und wie ein Y liegt sie im Atlantischen Ozean, als Höhepunkt mittendrin: der Pico del Teide, der Vulkan, der die Insel einst ausspuckte. Teneriffa ist die Grösste der Kanarischen Inseln und seit 1885, als sich erstmals eine Handvoll Briten auf ihr verloren, das, was man gemeinhin eine Urlaubsinsel nennt, oder auch: Sehnsuchtsdestination. Zu den knapp 900 000 Einheimischen, den Tinerfeños, kommen jedes Jahr mehr als fünfmal so viele Touristen dazu, die auf Teneriffa das finden, was Touristen suchen: Auch im Januar liegen die Durchschnittstemperaturen bei humanen 18 Grad. Wasser: 19 Grad. Aber nebst den Fremdlingen suchen auch ein paar Eingeborene nach der Nähe zum Meer und einem Leben in der Natur. Und manche gehen so weit, wie sie können. Oder: so nah.
Es sind vielleicht vierhundert Tinerfeños, die sich ihren Traum vom Meer auf ganz eigene Art verwirklichten. Zum einen sind es Aussteiger, Posthippies, sozial Angeschlagene, nach Alternativen Suchende, zum anderen aber auch ganz normale Bürger, die sich für ein einfaches, aber nahes Leben am Meer entschieden. So wie Julio und Soraya.
Julio und Soraya haben ganz normale Jobs, und sie hatten auch eine ganz normale Wohnung in der Stadt. Irgendwann, es war Anfang der Achtzigerjahre, entdeckte Julio diese Stelle am Meer, eine unzugängliche Bucht, in die sich niemals eine Menschenseele verlor — wozu auch? Ein Stück Strand, der purer Felsen ist, ein Stück Land, das niemand brauchte, das niemand wollte. Julio fing an, mit seinen eigenen Händen sich seine eigenen vier Wände zu schaffen — er baute beim Ort Las Caletillas, eine halbe Autostunde südlich der Hauptstadt Santa Cruz, eine Höhle zu einem weiss getünchten Mittelschichtstraum der etwas anderen Art um.
Sie sind Romantiker, und sie sind Anarchisten: Sie nehmen sich, was niemandem zu gehören scheint. Ganz nach dem Motto: Erlaubt ist, was nicht stört. Sie bezahlen keinen Preis und keine Miete. Das Meer lädt nur Hartgesottene zum Baden ein, denn der Atlantik ist dort, was der Atlantik ist: ein wildes, unnachgiebiges Meer, so ganz anders, als wenn es sich als handzahmes Sehnsuchtswässerchen gibt, dort, wo die Touristen wie von Magneten angezogen werden, im Süden bei Los Cristianos und an der Nordküste bei Puerto de la Cruz.
Nun erinnern sich die Behörden vermehrt an ein Gesetz, das in den späten Achtzigerjahren erlassen wurde: das Ley de Costas — das Küstengesetz, das in Spanien verbietet, direkt am Meer zu bauen (je nach Region sind zwanzig, manchmal auch fünfhundert Meter Mindestabstand einzuhalten). Lange scherte dieses Gesetz niemanden, vor allem nicht in der Boomzeit der Neunzigerjahre. Nun wird in ganz Spanien enteignet, und es wird abgerissen. Und dieses Gesetz wird auch gegen die Behelfsbehausungen auf Teneriffa angewandt. Bis anhin drückte man beide Augen zu. Bald aber wird es mit der wilden Romantik vorbei sein.
Der Fotograf Gunnar Knechtel lebt in Barcelona. Er träumt auch von einem Haus am Meer. Ein Höhle wäre ihm aber auch recht. gknechtel@telefonica.ne

Möglichst nah am Meer. | Gunnar Knechtel

Das Schlafzimmer von Julio und Soraya in der Höhle in der Bucht, die niemand kennt | Gunnar Knechtel

Badespass für Hartgesottene | Gunnar Knechtel

Es sind keine hübschen Touristenstrände, die nur wenige Kilometer südlich der Hauptstadt der Insel zum Bade einladen. Und auch das Hotelprojekt bei Santa Maria del Mar verlief im Sand: Über das Rohbaustadium kam das Hochhaus nicht hinaus. Und so wird es auch bleiben. | Gunnar Knechtel

Ein Traum in Weiss: Julio und Soraya sind zwei von vielleicht vierhundert Einheimischen, die das Leben am Meer suchen. | Gunnar Knechtel

Höhlenmenschen mit dem Hang zum Nass: wilde Romantik auf Zeit | Gunnar Knechtel