Eine ungäbige Wahrheit

Roy hat eine neue Freundin, und sie ist wirklich sehr nett. Sogar mehr als das, leider.

27.06.2008 von Michèle Roten , 7 Kommentare

Neulich in der Badi, zwischen einigen Magersüchtigen mit schlotternden Badeanzügen, beängstigend entwickelten Gerade-mal-Teenagerinnen (ich werde mich nie! nie! nie! daran gewöhnen), Solarium braunen, komplett enthaarten Heterojungs, die wie Schwule aussehen, Kaiserschnitt und Bikini tragenden Müttern, Männern, die ein Buch vor sich halten und durch die Sonnenbrille Frauen begaffen und denken, niemand merke es, und übellaunige Badetuchnachbarinnen, die Zigarettenrauch wegwedeln, weg in die unendlichen Weiten des blauen Himmels über uns – da also entdeckte ich neulich Roy. Er hatte eine ganz bezaubernde junge Frau dabei, und die beiden machten einen wirklich entspannten, glücklichen Eindruck zusammen.
Sie ging dann schwimmen, Roy zog es vor, komplett angezogen im Schatten sitzen zu bleiben, teils, wie ich vermute, weil das fast die einzige Möglichkeit ist, sich in der Badi von den anderen abzuheben (Roy ist ein Meister darin, Roy ist der, der zwar wie alle bei H & M einkaufen geht, aber dann der Masse den Finger zeigt, indem er das Preisschild dran lässt), und teils, weil er kürzlich herausgefunden hat, dass er in fünf Jahren regelmässig zehn Kilo zuzunehmen scheint, was er mitunter auch seiner Vaterschaft zuschreibt, weil man anscheinend immer alles aufisst, was das Kind übrig lässt. Als sie weg war, fragte ich Roy – schweissglitzernd in seinen ganzen Klamotten, und dann ist er ja auch noch so dicht behaart, es muss wirklich heiss sein als Roy –, ob das seine neue Freundin sei, denn ich habe mir abgewöhnt, solche Sachen nicht gleich zu fragen. Er sagte ja, sie hätten gerade eben beschlossen, dass sie sich ab jetzt so bezeichnen würden, nach einer längeren Phase des Ja-nein-Bettgeschichte-plus-mal-schauen-ganz-easy-bloss-nichts-Definieren, ja, das sei seine neue Freundin. Toll, sagte ich, sie scheint wirklich sehr nett zu sein. Ja, sagte Roy und seufzte wohlig, sie ist wirklich eine gäbige.
Ich wollte gerade weiterplaudern, als ich realisierte, was er da gerade gesagt hatte: eine gäbige.
Gäbig ist es, die Tramhaltestellte direkt vor der Haustür zu haben.
Gäbig ist es, eine eigene Waschmaschine zu haben.
Gäbig ist es, wenn der Zahnarzt am anderen Ende der Stadt genau dann einen Termin frei hat, wenn man, was selten vorkommt, eh am anderen Ende der Stadt ist.
Gäbig ist es, wenn man einen schlimmen Hangover mit extremer Übelkeit hat und die Freundin, die vor einigen Tagen ihr Neccessaire bei einem zu Hause vergass, Anti-Brech-Tabletten darin hat.
Eine Frau ist nicht gäbig.
Beziehungsweise: Ich weiss schon, was Roy damit meint. Keine Dramaqueen, keine Tussi, keine endlos fordernde Überemanze, aber es hört sich wahnsinnig falsch an, eine Frau als gäbig zu bezeichnen. Ich bat Roy, ihr das wenigstens bitte nie zu sagen, dass er sie gäbig findet.
Sie hat sich selber so bezeichnet, sagte Roy.
Mir fehlten die Worte.
Sie ist eben WIRKLICH gäbig, sagte Roy.

Von Michèle Roten ist soeben die 4. Folge ihres Fortsetzungsromans «Vier. Eine Geschichte in sechs Teilen» erschienen. www.echtzeit.ch

Die Diskussion

7 Reaktionen

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    Oliver Reichenstein

    Klar, das ist so ein Berner Evergreen. In Basel hört man analog “Dü, s’Andrea: dasch es Lässigs!” Was ja auch nicht bedeutet, dass sie eine geschlechtslose Schlampe ist — und trotzdem, wie alle diese naiv-gut gemeinten Sprüche (”Si isch e ganz e Tolli”, “Es isch es Uffgschtellts”, “E schampaar Glatti”, “E Flotti”, “E Gmögigi”), hat mich das immer genervt. Warum eigentlich? Das ist Schweizerdeutsch. Aber stimmt schon: Es hängt ja davon ab, WER dieser Wörter WANN WIE braucht; und wenn ein wolliger Roy in der Badi angezogen meint, seine Freundin sei “gäbig” — und sie das bestätigt, dann ist das sicher etwas kurios.

  2. Miriam Geiger

    Bikini und Kaiserschnitt tragende Mütter??
    Soll das lustig sein???
    Falls Sie jemals einen Kaiserschnitt haben sollten, Frau Roten, dann ziehen Sie bitte direkt nach der Entbindung für immer und ewig den Badeanzug an, damit man dieses Desaster nicht mit ansehen muss.

  3. Peter Aufenast

    Neulich in der Badi: Sorry, Michèle Roten — sagte man mir: Ich sei ein “gmögiger” und ich stelle zusätzlich fest: Ich bin auch ein “gäbiger” obwohl ich gegenüber den weiblichen “Spezies” immer wieder etwas klarstellen muss und Michèle bezüglich den komplett enthaarten Heterojungs nur beipflichten kann:

    Es geht schlicht und einfach um die Körperbehaarung. Und was entnehme ich nun meiner Tageszeitung: “Jetzt kommt der Waschbärbauch!” Nach Jahren der jünglingshaften Glattheit scheinen Haare auf der Brust wieder angesagt zu sein. Geht die Metrosexualität auf ihr Ende zu — stellt meine Zeitung die berechtigte Frage? Eine Frage, die ich als behaarter Zeitgenosse ohne wenn und aber mit einem klaren und unmissverständlichem “ja” beantworten muss!

    Radikaler kann ein Jugendlicher sein Erwachsenwerden nicht zeigen: Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe zeigt sich stolz auf der Bühne mit Haaren auf Brust und Bauch. Zuletzt galt das Brusthaar in den Achtzigerjahren als sexy. Davon zeugten Stars wie David Hasselhof oder Tom Selleck, mit denen ich mich schon damals in bester Gesellschaft befand. Wenigstens in Bezug auf die Behaarung! Dann aber geriet der Wildwuchs ins abseits. Nur noch glatt rasierte “Bubis” wie David Beckham & Co schienen sich sehen lassen zu können. Aber das ist Schnee von gestern. Die Zukunft gehört den Haarigen. Pech für jene, die sich ihre Brusthaare für immer weggelasert haben!

    Und jetzt freue ich mich auf die Badesaison. Wenn ich daran denke: Mit mehr oder weniger eingezogenem Bauch über die Ruhewiesen Richtung Strand oder Poolrand zu schlendern, permanent verfolgt von den bewundernden Blicken unzähliger Schönheiten von jung bis alt, überkommt mich ein angenehmes Kribbeln. Störend könnte eventuell nur noch mein buschiger Schnauz wirken. Aber auch da bin ich zuversichtlich. So sicher wie das Amen in der Kirche werden in absehbarer Zeit buschige Schnäuze, kunstvoll geschnitten, wieder dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und Frauen in Begeisterungsausbrüche versetzen.

    Und ohne Hemmungen werde ich dieses Jahr wieder Marbella in Spanien besuchen: “Dem Ort der Schönen und Reichen!” Reich bin ich leider nicht — aber mit dem ersteren Merkmal kann ich jetzt locker mithalten!

  4. Katia Silva

    Kaiserschnitt versus Bikini. Ist das wirklich eine Diskussion wert?
    Wer Kaiserschnitt hat kann ruhig Bikini tragen, falls dies nicht der Fall ist wurde der Kaiserschnitt schlecht gemacht und man sollte den Arzt verklagen.Ganz einfach.
    Ach ja, und Michèle Roten ist ganz ne gäbige, ihre Texte sind einfach genial.

  5. Katia Silva

    Zitat von Lickup: “Ich bemerke Katia Silva hat etwa soviel Ahnung vom Kinderkriegen wie Herrin Roten!”
    Antwort an Lickup: Ich bemerke, Lickup hat entweder einen Katastrophalen Kaiserschnitt hinter sich und trägt vielleicht nur noch Badenazüge (Ist Lickup überhaupt eine Frau?) oder sie/er hat sonst keine Ahnung was die Medizin/Ästhetik auch beim Kinderkriegen heute alles leistet und ja, man kann locker einen KNAPPEN Bikini anhaben und KEINEN Kaiserschnitt sehen.

  6. Katia Silva

    Erstaunlich was man hier alles verpasst wenn man nur mal kurz weg ist…………………
    Ich hoffe Thommy Thomson und Lickup hatten nicht einen Hitzeschlag.
    Ich glaube für die nächste Kollumne von Michèle Roten ist bereits gesorgt, hier ist ja viel geliefert worden in den letzten Tagen…………..

  7. fraulehmann

    Kinder, Kinder.
    Wie wär’s mit etwas Friede, Freude und Eierkuchen zum Nachtisch?
    Eine eher schwache Kolumne, aber nächste Woche bleibt nächste Woche.