15.05.2008 von Thomas Zaugg
Endlich kommt ein Quäntchen Wahrheit über die digitale Jugend in die Kinos. Der Film heisst «Ben X», und man findet sich darin gut getroffen als zwar leicht beknackter Nerd, der durch die Welt stolpert und kaum mehr unterscheiden kann zwischen dieser und der Spielwelt – aber trotz allem: Der Film hat ein Happy End. Endlich also auch für uns, die ach so digital verseuchte Generation, über die es heisst, sie verrohe wegen Handypornos und laufe nach dem Videospielen Amok: endlich einmal Aussicht auf ein glückliches Ende!
Ben sei ein halber Autist, sagt der Arzt. Das Leiden der Hauptfigur, heisst es im Pressematerial zum Film, «ist im Grunde nur eine Metapher» für die heutige Jugend. Einverstanden. Soviel Pessimismus muss sein. Die digitale Jugend wird überflutet mit Einflüssen, Internet, Cybermobbing, ständiger Erreichbarkeit übers Handy und sowieso seit jeher mit Leistungsdruck, pubertären Aggressionen, Eltern, Drogen.
Ben flüchtet also erst einmal. Flüchtet in die Spielwelt «Archlord», wo alles etwas einfacher ist und er ein Held. Dort heisst er nicht Ben, sondern Ben X. In der Schule dagegen hänseln sie ihn. Sie ziehen ihm die Hosen runter und filmen alles mit ihren Handys. Dann stellen sie das Video ins Internet.
Als Zuschauer hat man diese Angst, alles könnte schief gehen. Bei jeder Alltagsszene diese Gefahr, Ben könnte entscheiden, Ben X zu werden. Und durchdrehen. Seine Feinde in der Schule, die ihm tagtäglich auflauern, die das Video, das sie von ihm drehten, als sie ihm die Hosen runterzogen, im Internet zum meistgesehenen Video pushen – diese Orks könnte er mit einem Schwerthieb ausschalten. Wenn Ben zur Schule läuft, denkt er: «Alles ist Planung, alles ist Strategie», und Strassen, Gebäude und Menschen werden zu Objekten aus seiner Spielwelt.
Dann ein Schnitt in die Zukunft zu Bens Mutter, die weint: «Es muss immer jemand sterben, bevor gehandelt wird.»
Und hier macht der Film den mutigen Schritt. Ben, merkt man, lebt besser, seit er sich das Leben als Game vorstellt. Das gibt ihm Klarheit darüber, wer die Bösen sind und wer die Guten. Auch, als er sich mit Selbstmordgedanken trägt, hilft ihm das Spiel. Denn da ist die Heilerin. Scarlite heisst sie. Ben X besteht mit ihr all seine Abenteuer, sie heilt seine Kampfwunden, und er hat sie schon oft aus höchster Not gerettet. Scarlite ist es schliesslich, die in der echten Welt den Zug nimmt, Ben besuchen will, weil er im Chat seine Selbstmordgedanken äusserte.
Der Film beginnt unheilschwanger, plädiert letztlich aber nicht gegen die virtuelle Welt, auch und vor allem das Filmende nicht. Es fällt einem wie grüne Schuppen von Drachenaugen. Um was geht es in Games? Um Kampf, ja. Aber immer für eine gute Sache. Immer ist da am Ende ein gerechter Kampf, Held und Heilerin, das Konzept einer gerechteren Welt dahinter. Wenn die reale Welt morgen zu komplex wäre, um sie zu verstehen, wären Games für die Jugend ein ausgezeichneter Wertekanon.
«Ben X» läuft seit dem 15. Mai im Kino Riffraff in Zürich.
