Ewige Mutter aus dem Emmental

Vierzehn Kinder, acht Väter — das ist die Bilanz von Irene Schär. Eine Familiengeschichte

08.01.2010 von Guido Mingels , 3 Kommentare

Als Irene Schär acht Jahre alt war, hat sie eine Zeichnung gemacht. Eine Zeichnung von ihrer Zukunft, wie sie sie sich wünschte. Es steht eine Frau vor einem Haus in einem Wald, oben ein Kreis mit gelben Strahlen dran, die wärmende Sonne. Irgendwo eine Katze, ein Hund. Neben der Frau, in absteigender Grösse aufgereiht: ein gutes Dutzend Kinder. «Einen Mann habe ich keinen dazu gezeichnet», sagt sie.
Und ungefähr so geschah es denn auch.
«Fehlt nur die Katze!», ruft Simon, elfjährig, der Zehntgeborene.
Unter ihrer unzähmbaren schwarzen Zigeunermähne hervor lacht Irene Schär ihr weltumarmendes Lachen, die ewige Mutter, Schöpferin so vieler Leben, La Mamma, von ihren Kindern meist nur Mam! gerufen, oder Muettr, oder Mami. 44 Jahre ist sie alt. Von den letzten 26 Jahren, also seit ihrer ersten Niederkunft, war sie rund elf Jahre schwanger. Vierzehn Kinder hat sie geboren, dazu kamen zwei Totgeburten.
Sie trägt ein Mädchen auf dem linken Arm, Lea, die Jüngste, eineinhalb, mit der Rechten rührt sie in einem grossen Topf Pouletgeschnetzeltes. Bald ist Mittag, Fütterungszeit. Es werden heute ungefähr zehn Mäuler erwartet, nicht alle Kinder essen und wohnen mehr daheim, zum Glück. An einem Wandschrank in der niedrigen Küche klebt ein Glückwunschplakat, «HAPIBORSDÄI TOPIAS, Fil Glück zu teinem 16. Gepurztag», geschrieben von einer der Kleinen für einen der Grossen. Zu jedem Geburtstag backt die Mutter einen Ananas-Schoggi-Kuchen. Sie muss viele Kuchen backen.
Nadja, 15. April 1983
Patrick, 3. August 1984
Cédric, 19. November 1988
Kevin, 18. März 1990
Pascal, 4. Juli 1992
Tobias, 26. November 1993
Matthias und Michael, 13. Mai 1995
Sandro, 11. September 1996
Simon, 8. August 1998
Florian, 24. Mai 2001
Janica, 5. März 2003
Raffael, 19. November 2005
Lea, 12. Juli 2008
Sie sagt: «Ich wollte es immer so haben. Das Haus voller Kinder. Jedes ist ein Wunschkind, keins ist zu viel.»

Organisatorisches
Dünner Schnee liegt auf den leeren Weiden von Obergoldbach im Oberemmental, Gemeinde Landiswil, Kanton Bern. Vor einem Stall steht ein verzagtes Rind in der Kälte, der Atem steigt ihm als weisse Wolke aus der Nase. Ein Schild am Strassenrand wirbt für «frische Schwarten-Würste».
1000 Einwohner hat das Dorf, viele auf Einzelhöfe auf die Fluren verteilt, eingebettet zwischen Moosegg und Aspiegg, im Süden liegt Biglen, im Norden Lützelflüh. An der einzigen Kreuzung im Ort duckt sich ein Bauernhaus in den Hang, altes Holz und schwere Ziegel, das Dach reicht fast bis zum Boden. Die Wäsche hinter dem Haus ist vom Wintereinbruch überrascht worden und steif gefroren, Wände aus Bettlaken versperren den Eingang. Im Vorgarten träumen zwei Plastik-Rutschbahnen und ein Trampolin von lustigeren Tagen. Raf¬fael, vierjährig, der Zweitjüngste, hat eine Idee und zerhackt sehr erfolgreich mit einer Axt den gefrorenen Regen im giftgrünen Planschbecken, Gott steh ihm bei.
Innen aber, in der Küche, ist es immer warm.
Willkommen auf dem Planeten Schär, wo Mutterliebe und Chaos Gesetz sind, ein Nest nicht nur für die Schar der Schärs, sondern auch für vier Geissen (Marco, Daisy, Felix, Flöckli), zwei namenlose Zwergschweine, zwei Nymphensittiche, beide nur «Piepmatz» gerufen, ein paar Land- und ein paar Wasserschildkröten, mehrere Hasen, einen hübschen Zwergschnauzer namens Laila und einen hässlichen Gecko. Die zusätzliche Anschaffung einer Kuh wird von Irene Schär seit Längerem erwogen, ein leerer Stall wäre vorhanden und günstige Milch sehr erwünscht.
«Den Winter hasse ich», sagt die Mutter. «Hundert Mal am Tag Kleider wechseln!» Und zieht Raffael den viel zu grossen Pulli über den Kopf. Den vor ihm schon Florian getragen hat. Und vor Florian Simon. Und noch davor Sandro.
Unaufhaltsam füllt sich der Raum. Unaufhaltsam überquillt die Garderobe, mit Mützen, Jacken, Handschuhen, Thermohosen, Gummistiefeln. Die Luft riecht nach Holzofen, nach Strumpfhosen, nach Babyshampoo. Sandro, 13, und Florian, 8, haben draussen ihre Schlitten abgelegt, die sie am Morgen geschultert hatten, um den Schulweg über den Hügel zu verkürzen und den Spass zu erhöhen, jetzt sitzen sie mit roten Backen und verschwitztem Haar auf der Eckbank und warten, bis sie ihre Teller kriegen. Simon hat schon den ganzen Morgen in der Küche verlungert, er hat etwas Fieber und muss nicht zur Schule, aber im Bett wars ihm zu langweilig. Janica, sechsjährig, im Kindergarten, ist eine von nur drei Töchtern. Die Zwillinge Matthias und Michael, 14, sind auch schon da und sehen kein bisschen aus wie Zwillinge.
Die Reihenfolge bei der Essensausgabe ist strikt. «Erst die Arbeiter, die haben den grössten Hunger, dann die ungeduldigen Kleinen, dann die Schüler», sagt Irene Schär. An Erwerbstätigen ist heute aber nur Cédric im Haus, 21 Jahre alt, der Drittgeborene, er wohnt eigentlich im Entlebuch, arbeitet jedoch bei einem Parkettleger in der Gegend und kommt mittags zum Essen. Die ganze Gesellschaft ist auf drei kleine quadratische Ikea-Tische verteilt, es sieht aus wie eine Kneipe für Kinder, mit der Mutter als Wirtin. Sie hat eine hohe Beige brauner Teller neben den Herd gestellt und füllt nun einen um den andern mit Hühnchen, Reis und Bohnen. Dann holen sie der Reihe nach ihre Teller. Erst also Cédu, wie man im Bernischen ruft. Dann Janica und Raffi. Dann Mättu, Michu, Sändu, Simu und Flöru. Lea saugt an ihrem Schoppen. Jetzt wäre die Mutter selbst an der Reihe, doch Cédrics Teller ist bereits wieder leer und muss nachgefüllt werden.
Frau Schär, erzählen Sie. Bitte. Wie kam es so, wies kommen musste?

Die Väter
Es fing bei ihr schlecht an mit den Männern und wurde nicht besser. Ihre Eltern, sagt Irene Schär, hätten ihr einen zum Heiraten ausgesucht, einen mit Geld, da war sie achtzehn, damals, in Basel. Bürgerliches Elternhaus. Vater Abteilungsleiter, Hobby Mineralien sammeln. Mutter äusserst ordnungsliebend. Nachdem sie ihre beiden ersten Kinder (Nadja, Patrick) geboren hatte, verliess sie den ersten Erzeuger, hatte zwei Kinder mit dem zweiten (Cédric, Kevin), zwei mit dem dritten (Pascal, Tobias) und vier mit dem vierten (Matthias/Michael, Sandro, Simon). Im Alter von 33 Jahren hatte sie zehn Kinder geboren und drei Ehen hinter sich. Irene Schär zählt die Männer und Stationen ihres Lebens auf wie die Kapitel eines Groschenromans.
«Man soll nicht schlecht von mir denken», bittet die Mutter ungewohnt sanft, als sie die Tische abräumt. Mit jedem neuen Mann, sagt sie, habe sie die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft verbunden, bei jedem habe sie gedacht: Der ist es nun. Der wird es ja wohl endlich sein. Aber irgendwann bot jeder Gründe zur Flucht. «Da bin ich kompromisslos», sagt sie, jetzt wieder ganz kämpferisch, «wenn sich einer gegen die Kinder wendet, bin ich weg.» Und irgendwann, viel zu spät, kam die Erkenntnis: Es geht ja eigentlich auch ohne. «Mein Leben gefällt mir heute so, wie es ist», sagt Irene Schär. «Die Kinder und ich. Wir brauchen keinen Mann im Haus.»
«Was heisst hier kein Mann im Haus!» Cédric protestiert. Es gibt, je nach Wochentag, bis zu zehn Männer im Haus, die Grösseren davon durchaus nützlich. Einer ist Gipser, einer Lastwagenfahrer, zwei andere Metallbauer, man neigt zum Handfesten. Derzeit wird der obere Stock ausgebaut, die Schär-Söhne haben der angrenzenden Scheune zwei neue Zimmer abgetrotzt, damit die Kleineren nicht länger zu zweit wohnen müssen. Sie haben Wände hochgezogen, Fenster eingebaut, Mauern isoliert, Parkett verlegt. Sie könne sich, sagt die Mutter, über mangelnde Unterstützung im Haus nicht beklagen. «Wenn die Buben nur genauso motiviert wären beim Putzen und Waschen!»

Ein reich gefüllter Genpool
Es ereigneten sich im weiteren Leben der Irene Schär dann noch mal vier Kinder, von noch mal vier Vätern, der Genpool der Familie ist reich gefüllt. Da sind blonde, braune und schwarzhaarige Kinder, kräftige und dünne, kurze und lange. Und sämtliche Augenfarben. Und es gibt mehrere Familiennamen, weil die Mutter anfänglich mit den Männern auch den Namen wechselte. Und es werden mindestens drei Dialekte gesprochen, die Mutter blieb beim Baslerdeutsch, Nadja redet Aargauisch, bei den Jüngeren kann man verschiedene Varietäten des Berndeutschen hören, Zeugnis der vielen Umzüge der Familie. Wer die versammelten Schärs zusammen sieht, wird das vielleicht für den Jahresausflug einer Gesamtschule halten, sicher nicht für eine Blutsbande.
Nach dem Mittagessen, bevor die Schule wieder beginnt, bietet sich kurz die Gelegenheit, das ganze Ausmass der gleichzeitigen Aktivitäten von zehn Kindern auf zwanzig Quadratmetern zu beobachten. Matthias, 14, macht in der Küche Geh¬übungen mit Lea, 1, während Cédric, 21, vor den beiden kniet und Lea erste Worte zu entlocken versucht. Sie kann «Mama!» sagen und «gib!» und «hau ab!». Florian, 8, klaubt Schneeresten aus den Sohlen seiner Schuhe und wirft sie nach Laila, dem Hund, der es sich auf einem Stapel Altwäsche bequem gemacht hat. Sandro, 13, und Simon, 11, haben die beiden Vögel aus dem Käfig gelassen und lassen sie im Wohnzimmer, das auch Florians Schlafzimmer ist, herumflattern. Michael, 14, hat den Fernseher eingeschaltet und guckt Spongebob Schwammkopf. Janica, 6, und Raffi, 4, sitzen vor einer Puppenstube und spielen Mann und Frau. «Und dann wärst du ins Schlafzimmer gekommen», sagt Janica im Konjunktiv des Kinderspiels, der alles Imaginäre Wirklichkeit werden lässt, und legt eine Ehemann-Puppe in ein rosarotes Plastikbett, wo schon eine Blondheit liegt, «und jetzt hättest du mich geküsst.» Der kleine Bruder guckt ahnungslos und lässt es geschehen.
Mittendrin die Mutter, der nichts entgeht. Hier hält sie eine Hand vor eine Tischkante, um einen drohenden Kopfstoss eines Kleinen abzudämpfen, dort schenkt sie ¬einen Becher Sirup nach, hier schnürt sie ein paar Schuhe, dort trennt sie zwei raufende Jungs. Man muss an einen Tintenfisch denken, der mit seinem Dutzend Armen alles um sich herum im Griff hat, dirigiert, ordnet. Darüber hinaus führt sie gleichzeitig mehre¬re Gespräche mit Kindern sowie das Interview mit dem Besucher. Nachfolgend die Abschrift eines Tonbandmitschnitts von einer Minute Leben live um 13.05 Uhr an einem Freitag in der Schär-Küche:
…, «ich habe gesagt nein», «iiiiiiiiii!», «gib ihr auch eins», «Mam! Mam!», «nein, Kevin ist nicht da», «die Vaterrolle für die Kinder, die…», «weiss ich doch nicht!», «nicht Fido, Guido heisst der Mann», «gib ihr jetzt ein Mandarinli, Sandro», «Uähuähuähuäh», «Michu! Michu!», «ich will ein Bier vom Chlamichlaus», «die kann man ersetzen», «auaaaa», «Kommt Päscu heut Abend heim?», «Mam!», «jeder zweite Hund heisst Fido», «jetzt hast du drei Stück da drin», «wir müssen dann noch das Elektrische hochziehen», «der Samichlaus ist schon lang vorbei», «ich glaube ja, aber erst spät», «jetzt tust du aufhören mit der Kerze zu spielen», «ich geh nachher mit dem Velo zur Schule», «huuuuuuuuu», «dann ist mir der Motor abverreckt», «Mam!», «du gehst zu Fuss, aber sicher gehst du zu Fuss», «Simon, kannst du noch schnell mit Janica aufs WC?», «Mam! Maaaaam!», «was, ein Red Bull? Du kriegst sicher kein Red Bull», «Mam!», «ich will aber!», …
Dies ist kein Ausschnitt von besonderer Dichte. Es ist das normale Grundrauschen im Hause Schär. Ruhe gibt es tagsüber nie, die Mutter ist niemals auch nur eine Minute allein, auch nicht am Wochenende, dann schon gar nicht. Twentyfour/seven, Jahr für Jahr, und ohne Schichtwechsel. Mit solcher Intensität unvertraute Besucher sind nach zwei Stunden blosser Zeugenschaft so erschöpft wie nach einem ganzen Arbeitstag. Abends, wenn die Kleinen schlafen, beseitigt die Mutter das Schlachtfeld vom Tage, morgens um fünf steht sie oft mit dem ersten wieder auf, Tobias, 16, der das Postauto erwischen muss um 6.10 Uhr, weil er nach Trubschachen zur Schule fährt. Wie sie es schafft? Sie zuckt mit den Schultern, antwortet mit einem Mutter-Teresa-Spruch, «was man ihnen gibt, geben sie doppelt zurück».

Wie leben?
Auch die Logistik ist beträchtlich. Fünf bis sechs Liter Milch werden getrunken pro Tag, zwei Kilo Brot verschlungen. Gibt es Teigwaren, landen pro Mahlzeit eineinhalb Kilo im Topf. Die Waschmaschine im Flur, ein Schwerstarbeiter, wird nur abends betrieben, weil der Strom dann billiger ist. Geld, natürlich, ist immer ein Thema. Das Familienbudget besteht aus den mehr oder minder zuverlässig eintreffenden Alimente-Zahlungen der abwesenden Väter, und Irene Schär hat aus der Not eine Art permanente Schnäppchen-Jagd gemacht, die ihr durchaus Vergnügen zu bereiten scheint. «Ich kenne im Umkreis von zwanzig Kilometern jedes Billigangebot in jedem Laden», sagt sie. Im Aldi gab es kürzlich Faserpelzpullis für 6 Franken das Stück, hat sie gleich ein halbes Dutzend gekauft. Im Coop soll es Bratwürste geben, 4 Stück zu 2.50, der Wahnsinn. Im letzten Jahr, sagt Irene Schär, hat sie sich sogar überlegt, das Weihnachtsfest um ein paar Tage zu verschieben, «weil man dann die tollsten Geschenke zum halben Preis kriegt». Weihnachten am 29. Dezember zum Beispiel, hätte doch niemanden gestört. Den Winter würde sie am liebsten ganz abschaffen. Wenn sie einen eigenen Staat gründen könnte, mit eigenen Feiertagen, eigenen Jahreszeiten, eigenen Gesetzen, mit ihr selbst als Ameisenkönigin und Mutter aller Bürger — sie würde es tun.
Frau Schär hat einen Löffel Kaffeepulver in einer Tasse heissen Wassers aufgelöst und sich damit auf die Eckbank gesetzt. Mit Matthias, im Stimmbruch befindlich, bespricht sie ihren am Nachmittag anstehenden Zahnarzttermin in Langnau, eine komplizierte Unternehmung, weil sie die drei Kleinsten nicht zu Hause lassen kann. Matthias hat Freitagnachmittag schulfrei, er muss mitfahren, um im Wartezimmer Lea, Raffael und Janica zu betreuen, während der Mutter eine Plombe ersetzt wird.

Pädagogisches
An der Küchenwand hat Irene Schär ein Motto aufgehängt. «Man kann seine Kinder noch so gut erziehen, sie machen einem ja doch alles nach.» Gesagt haben soll das ein gewisser Karl Kaltenegger, aber es könnte auch von ihr selbst stammen. Die zentrale Erkenntnis ihrer eigenen Pädagogik jedoch, gereift in 26 Jahren Massenmutterschaft, ist diese: «Du kannst nur die ersten beiden erziehen. Danach erziehen sich die Kinder untereinander von allein.» Sie glaubt, bisher seien alle ganz gut geraten. Keiner kam auf Abwege. Man hilft einander, man trägt einander. Die Kinder lernen Dinge von- und füreinander, die sie gebrauchen können. Verantwortung, Gemeinschaftssinn, Teamarbeit. Konflikte verhandeln, Kompromisse schliessen. Endloses Spielen. Einstecken, sich wehren. Sprüche klopfen. Aufbegehren, gehorchen. Und Matthias und Tobias können ziemlich gut kochen. Sand¬ro umsorgt die Ziegen. ¬Florian den Hund. Alle müssen mal abtrocknen, einkaufen, Staub saugen. Irgendeiner, der bei den Hausaufgaben helfen kann, ist auch immer da. Man kann hier 17-jährige Halbstarke beim Windelnwechseln beobachten. Das Nesthäkchen, Lea, wird alle paar Minuten von irgendjemandem geküsst.
Wo so viel Leben ist, ist auch der Tod nicht weit. Zweimal war er wirklich da, zweimal beinah. Der älteste Sohn, Patrick, fuhr einmal in seinen Flegeljahren mit 140 km/h an einen Baum und überlebte. Michael, einer der Zwillinge, lag mit zweieinhalb vierzehn Tage im Koma, nachdem er unter ein Auto geraten war. Irene Schär erzählt diese Geschichten mit Mühe, die Erinnerung scheint sie noch immer fast körperlich zu schmerzen. Noch wortkarger wird sie, wenn es um ihre beiden verlorenen Kinder geht, eines starb im vierten Monat, eines brachte sie im siebten tot zur Welt, erst zwei Jahre ist das her. Ein Foto des winzigen Fötus, von weissem Tuch umwickelt, steht auf einem Regal in der Küche, von einem Porzellan-Engel bewacht. «Ich wusste, das durfte auf keinen Fall das Ende sein», sagt Irene Schär. Noch ein Kind wollte sie haben, nur eines noch. Dem Tod ein neues Leben entgegensetzen. Sie nahm Hormone. Lea kam ein Jahr später zur Welt.
Ist es eine Sucht?
Kann man süchtig sein nach Kindern?

In der falschen Zeit
Irene Schär überlegt. So möchte sie es nicht bezeichnen. Obwohl es schon ein Wunder sei, wie die Liebe mit jedem noch wachse, statt sich abzunutzen. Obwohl sie sich wirklich nicht vorstellen mag, dass bald einmal keine Wiege mehr im Haus stehen wird. Obwohl es sie jedes Mal zerreisst, wenn wieder eines das Nest verlässt, sich eine eigene Wohnung nimmt. «Ein Kind ist etwas Reines», sagt sie. Das Natürliche, das Unverstellte, die Unschuld faszinieren sie. Dann sagt sie den Satz: «Aber irgendwann geht das ja leider zu Ende, irgendwann wird das Kind ja zum Mensch.» Und mit den Menschen hat sie nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Es gab und gibt Anfeindungen, schiefe Blicke, Vorurteile, oft fühlt sie sich beobachtet. Sie hat überlegt, einen blickdichten Zaun um ihr Gelände zu ziehen, «weil die Leute bei uns reingaffen wie in einen Zoo». Manchmal wünscht sie sich dann fort nach Italien, wo Mammas mit vielen Bambini «noch einen ganz anderen Stellenwert haben», wie sie glaubt. Einmal pro Sommer fährt sie dorthin, «das muss einfach sein», packt die Kinder in den alten VW-Bus, zwei Wochen am warmen Meer, in Spotorno oder Marino di Massa, herrlich.
Im Grunde, sagt Irene Schär, lebe sie doch einfach in der falschen Zeit. Nur eine oder zwei Generationen früher, in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, seien Familien dieser Grösse doch ganz normal gewesen. Viele der heutigen Mütter und Väter, die fast ausnahmslos nur noch eines oder zwei Kinder aufziehen, haben Eltern mit fünf oder acht oder zwölf Geschwistern. Dann jedoch schlägt sich Frau Schär den Gedanken von allein aus dem Kopf. «Aber in dieser Zeit hätte ich wohl das ganze Leben lang bei meinem ersten Mann bleiben müssen ohne aufzumucken.»
Es ist Abend geworden auf dem Planeten Schär, es sind noch ein paar Eingeborene mehr da als am Mittag. Pascal, 17, in Ausbildung, ist vom Arbeitstag zurück und Nadja, 26, kommt vorbei, um ihre eigene Tochter Leonie, 2, abzuholen, die mal wieder ein paar Tage bei der Grossmutter war. «Auf eins mehr kommt es nicht an», sagt diese. Zum Znacht gibt es belegte Brötchen und Pommes frites. Tobias, 16, fragt die Mutter, ob sie sicher sei, dass das zusammenpasse. «Nein, aber es schmeckt.»
Später ziehen sich die Buben auf ihre Zimmer im oberen Stock zurück, um Computergames zu spielen oder Musik zu hören. Bei Pascal, Tobias und bei den Zwillingen hängt dreimal dasselbe Bushido-Poster an der Wand, eine Vorliebe für deutschen Hiphop scheint sich von den je Pubertierenden auf die Nächstjüngeren zu vererben. In allen Zimmern stehen Spielkonsolen mit Bildschirmen, gebraucht gekauft. Bei Sandro kann man das Fussballgame Fifa spielen, bei den Zwillingen gibt es Wii-Varianten und Ego-Shooter, bei Pascal zum Beispiel das virtuelle Musikspiel Rock Revolution. Pascal, 17, drischt zum Playback von Van Halen auf ein Plastik-Schlagzeug-Set ein, sein Bruder Matthias hebelt an einer Spielzeuggitarre herum. Während man sich unten in der Küche manchmal in die Gotthelf-Zeit zurückversetzt fühlt, herrscht hier oben grelle Gegenwart.
Fragt man die Kinder, wies ihnen gefällt in der Grossfamilie im Jahr 2009, wirds einsilbig. «Super», sagt Pascal. «Kein Problem», sagt Michael, 14, und lacht, weil er immer lacht und immer «kein Problem» sagt. «War immer alles gut bei uns», sagt Tobias, 16, «für uns ist das ja auch völlig normal.» Nadja, die Älteste, die elf jüngere Brüder hat, und wahrscheinlich schon lange Mutter war, bevor sie selber gebar, findet, dass sie in dieser Familie gut vorbereitet worden sei aufs Leben. «Wenn du hier aufgewachsen bist, kann dich so leicht nichts mehr erschrecken.»
Florian, 8, führt den Hund noch mal raus, zieht die Mütze in die Stirn, verschwindet in die Dunkelheit. Janica schlürft einen Schoggidrink. Raffi ist auf der Sitzbank eingeschlafen, den Kopf auf dem Bein seines Bruders Simon. Sie würde sofort noch mehr Kinder nehmen, sagt Irene Schär. «Aber keine eigenen mehr, nur schon fertige.» Dann erzählt sie, dass sie, wenn es nötig werden sollte, auch ihren alten Vater bei sich beherbergen und pflegen würde. Und das Heim komme nicht infrage.
Wenn sie einen Wunsch frei hätte, nur einen, was wäre es?
Die Antwort kommt schnell und fällt sehr praktisch aus. Ein neues Badezimmer. Das jetzige sei viel zu klein und habe nur eine Dusche, keine Wanne.
Und das ist schon alles?
Doch Irene Schär, die ewige Mutter, Schöpferin so vieler Leben, hört nicht mehr hin, ein Kind hat gerufen im Nebenraum. Grosse Träume hat sie vielleicht nie gehabt. Oder sie hat sie vergessen. Oder sie hat sich längst alle erfüllt.

Guido Mingels ist Reporter des «Magazins».
Der Fotograf Linus Bill lebt in Biel.
chef@linusbill.com

Oben: Kevin, Tobias, Cédric, Michael (v. l. n.r.); Mitte: Patrick, Raffael (auf Knie), Irene Schär, Lea (auf Knie), Matthias, Nadja, Leonie; unten: Sandro, Janica, Florian, Simon, Pascal | Linus Bill
Oben: Kevin, Tobias, Cédric, Michael (v. l. n.r.); Mitte: Patrick, Raffael (auf Knie), Irene Schär, Lea (auf Knie), Matthias, Nadja, Leonie; unten: Sandro, Janica, Florian, Simon, Pascal | Linus Bill
Florian mit «Piepmatz» | Linus Bill
Florian mit «Piepmatz» | Linus Bill
Tobias sammelt Radkappen. | Linus Bill
Tobias sammelt Radkappen. | Linus Bill
Nadja mit ihrer Tochter Leonie | Linus Bill
Nadja mit ihrer Tochter Leonie | Linus Bill
Patrick fährt eigentlich Lastwagen. | Linus Bill
Patrick fährt eigentlich Lastwagen. | Linus Bill
Raffael im Stall | Linus Bill
Raffael im Stall | Linus Bill
Sie nähme noch mehr Kinder, aber nur «schon fertige». | Linus Bill
Sie nähme noch mehr Kinder, aber nur «schon fertige». | Linus Bill
Matthias mit Computerspiel-Gitarre | Linus Bill
Matthias mit Computerspiel-Gitarre | Linus Bill

Die Diskussion

3 Reaktionen

  1. CarmelaOneill

    I think that to receive the credit loans from creditors you must have a great motivation. However, once I have received a short term loan, just because I was willing to buy a bike.

  2. jojoneinei

    Ok den falschen Partner heiraten das kann Jedem passieren, zweimal vermag man auch noch zu akzeptieren, aber beim dritten Mal würde ich mich früher oder später fragen ob der Fehler eventuell nicht an mir liegt. Aber hier hat es sich gleich x mal wiederholt. Und immer war es der falsche Mann. Ja ich weiss Männer sind Schweine. Wenn man die Geburtenliste anschaut, dann kann ich mir kaum vorstellen das im Jahr 1983, in der Schweiz die Eltern zu bestimmen hatten wen man zu heiraten hat. Aufschlussreich währe es die Erzählung aus der sicht der ex Partner von Frau Schär zu hören. Vor allem würde es mich interessieren wer hier von wem geflohen ist.

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