Firmenkunde des Verbrechens

Die Mafia lebt. Und exportiert ihre Methoden, wie Duisburg zeigt. Mafia-Experte John Dickie über eine wandlungsfähige Branche.

04.09.2007 von John Dickie

Ich werde oft gefragt, ob es gefährlich gewesen sei, meine Untersuchung «Cosa Nostra. A History of the Sicilian Mafia» zu schreiben. So, als hätte ich mit Teleobjektiv und Richtmikrofon durchs Gebüsch kriechen müssen, um verborgene Wahrheiten über die berühmteste kriminelle Organisation der Welt herauszufinden. Die Leute scheinen enttäuscht, wenn ich darauf hinweise, dass man, um eine fundierte Geschichte der sizilianischen Mafia zu schreiben, nur auf bereits vorliegendes Material zurückzugreifen braucht. Das Gleiche gilt für die vier anderen grossen Verbrechersyndikate in Italien – Struktur, Methoden, Kommunikationsformen, Rituale und Kultur sind weithin bekannt.

In Wahrheit sind die kriminellen Geheimbünde Cosa Nostra, Camorra, ‘Ndrangheta, Sacra Corona Unita und Stidda nicht besonders geheim. über sie etwas herauszufinden, ist ungefähr so riskant wie ein Gang in die Bibliothek oder sich im Internet einzuloggen. In Italien gibt es mittlerweile einen ständigen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der sich mit Fragen der organisierten Kriminalität befasst. Die Direzione Investigativa Antimafia, das italienische äquivalent des FBI, veröffentlicht zweimal im Jahr einen Bericht auf ihrer Website. In den grossen überregionalen Tageszeitungen arbeiten ausserordentlich gut informierte Mafia-Experten. Die betreffenden Untersuchungsrichter sprechen offen über die Schwierigkeiten ihrer Tätigkeit, und einige, wie Giancarlo Caselli und Antonio Ingroia, sind prominente Figuren. In italienischen Buchhandlungen gibt es zahlreiche einschlägige Titel, und manche Untersuchungen von investigativen Journalisten sind Bestseller. Das Fernsehen hat das Leben einiger Helden im Kampf gegen die Mafia (zum Beispiel der Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino) verfilmt.

Doch ungeachtet all dieser Informationen ist das Mafia-Problem in Italien so ernst wie eh und je. In Teilen von Kalabrien und Apulien, auf Sizilien und in den Vorstädten von Neapel hat der Staat nichts zu melden. Kriminelle können ihren Geschäften relativ ungestört nachgehen. Sie ziehen eigene «Steuern» ein und betreiben die lokale Verwaltung in ihrem eigenen Interesse. Sie posieren als Schlichter und Richter. Sie führen illegale Geschäfte, deren Umsatz etwa zehn Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts entspricht. In Italien ist Wissen aber leider nicht Macht. Es gibt keinen politischen Transmissionsriemen, der das gebündelte Wissen über die Mafia in eine radikale Kampagne zu ihrer Vernichtung übersetzen würde.

In Zeiten offener Grenzen ist das Problem der organisierten Kriminalität in Italien nicht bloss eine italienische Angelegenheit. Sie ist eine Bedrohung, die sich nicht mehr auf den Mezzogiorno oder auf italienische Einwanderersklaven in den Vereinigten Staaten beschränkt. Ein Verbrechen wie in Duisburg musste irgendwann passieren, und etwas ähnliches wird vermutlich wieder passieren.

Blutspur aus Palermo

Wie sehen die verschiedenen italienischen Mafia-Gruppierungen nun aus? Die sizilianische Cosa Nostra ist das aufschlussreichste Modell, die anderen können als Varianten gelten. Die Unterschiede zwischen der Cosa Nostra und ihren Entsprechungen auf dem Festland, Camorra und ‘Ndrangheta, sind der Hauptgrund, warum die beiden Letztgenannten auf dem Schachbrett des internationalen Verbrechens inzwischen sehr viel mächtiger sind.

Die sizilianische Mafia entwickelte sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts in der Region Palermo. Sie hat ihren Ursprung in Schmuggel, politischer Gewalt und vor allem der Erpressung von Schutzgeldern, die die Besitzer investitionsintensiver und hoch lukrativer Zitronenplantagen zahlen mussten. Die Existenz der Cosa Nostra als einer einflussreichen, zentralistisch organisierten kriminellen Vereinigung wurde jahrzehntelang vermutet. Doch ihre endgültige Anerkennung durch das italienische Justizsystem kam erst 1992. Aus dem bahnbrechenden Urteilsspruch des italienischen Kassationsgerichts ergab sich folgendes Bild:

Die Mitglieder der Cosa Nostra absolvieren eine Lehre, zu der fast immer auch Mord gehört. Bestandteil des Aufnahmerituals ist der Treueschwur, der über dem brennenden Bildnis eines blutbefleckten Heiligen abgelegt wird. Als «Soldaten» stellen die Aufgenommenen die unterste Ebene in der Organisationspyramide dar. Sie sind einem «capodecina» (Zehnerhauptmann) unterstellt, der seinerseits dem Boss der Familie verantwortlich ist. Die Familie beherrscht ein Gebiet, dessen Namen sie trägt, also Famiglia di Ciaculli, Famiglia di Partanna-Mondello und so weiter. Drei benachbarte Familien bilden ein «mondamento» (Distrikt), der seinen eigenen Boss hat. Und jeder dieser Bosse hat einen Sitz in einer der Kommissionen, die die Geschäfte der Cosa Nostra in den verschiedenen Provinzen Siziliens kontrollieren. An der Spitze der Organisation (mit insgesamt etwa 5000 Mitgliedern) steht der «capo di tutti capi» – der Boss aller Bosse.

Die oberen Führer der Cosa Nostra sind verantwortlich für kollektive Disziplin: Um einen anderen Ehrenmann (wie sich die Mafiosi nennen) zu ermorden, braucht es die Genehmigung von oben. Der Boss der Bosse und die Kommission können ihr Veto einlegen gegen Aktionen, die die Gesamtorganisation möglicherweise gefährden – etwa Morde an Politikern oder Richtern.

Flickenteppich Camorra  

Die Cosa Nostra ist die mit Abstand bestorganisierte der Verbrecherorganisationen Italiens. Das genaue Gegenteil, die am wenigsten organisierte Gruppe, ist die Camorra in Neapel. Obschon gewisse Camorra-Gruppen seit ihrer Entstehung im frühen 19. Jahrhundert Initiationsriten pflegen, gibt es keine einheitliche Aufnahmeprozedur und keine historisch etablierte Einflusssphäre. In Neapel bilden sich ständig neue Gruppierungen, die sich spalten, neue Bündnisse eingehen und einander bekämpfen. Die Camorristi betrachten einander als gleichrangig. «Gehört er zum System?», fragte etwa ein Mitglied ein anderes. «Camorra» ist aber kein Name für eine Organisation wie Cosa Nostra, sondern die Dachbezeichnung für einen Flickenteppich verschiedener Banden.

Konflikte sind in der Camorra an der Tagesordnung, Camorra-Bosse leben schnell und sterben jung. In den späten Achtzigerjahren lag das Durchschnittsalter eines sizilianischen Verbrecherbosses bei 57 Jahren, in Neapel bei 35 Jahren. Heute hat sich daran nicht viel geändert. Zweimal wurde versucht (in den Siebzigern und dann 1992), die zersplitterten Camorra-Banden nach dem Modell der Cosa Nostra zu vereinen. Beide Versuche wurden in Blut ertränkt.

Die San Luca-Duisburg-Connection

Die ‘Ndrangheta, die in Kalabrien, der Stiefelspitze, beheimatet ist, steht zwischen diesen beiden Extremen. Sie ist weder so fragmentiert wie die Camorra noch so hierarchisch strukturiert wie die Cosa Nostra. Historiker datieren die Ursprünge der ‘Ndrangheta auf die 1880er-Jahre – etwas später also als die sizilianische und die neapolitanische Mafia. Und schon früh zeigt sich, dass die unterschiedlichen Banden in den kalabrischen Bergdörfern «in Kontakt zueinander standen, einander halfen und die Mitglieder des einen Verbands Gespräche mit Mitgliedern eines anderen führten» – wie es in einem Gerichtsdokument von 1890 heisst.

Die ‘Ndrangheta-Fehde, die kürzlich in Duisburg ausgetragen wurde, hat ihren Ursprung in San Luca, einer Ortschaft im Herzen der Region Aspromonte, im Zentrum der ‘Ndrangheta. Unweit von San Luca liegt das Heiligtum der Madonna di Polsi, wo in den ersten Jahrzehnten die Führer der ‘Ndrangheta-Banden, die ‘Ndrine, einmal im Jahr zusammenkamen, um Streitigkeiten beizulegen. Möglicherweise geschieht das noch heute, aber es wird vermutet, dass diese Konferenzen eher in der Stadt Africo stattfinden. Es gibt einen Boss, dessen Prestige in der gesamten Vereinigung anerkannt wird – eine Art oberster Repräsentant, aber sehr viel mehr Koordination zwischen den ‘Ndrine gibt es nicht. Die ‘Ndrangheta ist ein Verband eigenständiger Banden mit gleichen Strukturen und Regeln.

Der aussergewöhnliche Erfolg von Mario Puzos «Der Pate» (21 Millionen verkaufte Exemplare) und die von ihm inspirierten Filme haben zu einer gewissen Verwirrung hinsichtlich des Verhältnisses zwischen dem organisierten Verbrechen und der Familie geführt. «Der Pate» ist in Wahrheit eine als Gangsterstory verkleidete amerikanische Familiensaga. über die Realität der Mafia erfährt man wenig. Ich möchte also klarstellen, dass Camorra, Cosa Nostra und ‘Ndrangheta nicht einfach bewaffnete Familienverbände sind. Tatsächlich ist in jeder dieser drei mächtigen und gefährlichen kriminellen Gruppen das Verhältnis zwischen den Mitgliedern und ihren Ehefrauen, Söhnen und Töchtern auf ganz unterschiedliche Weise strukturiert.

Töte deinen Nächsten

Die Cosa Nostra geht am strengsten vor. Sie begrenzt die Anzahl der Mitglieder einer jeden Familie, die in die Mafia-Familien aufgenommen werden. Mit anderen Worten: In der Welt der Cosa Nostra ist Familie ein organisatorischer Begriff. Mitglieder müssen die Interessen der Organisation über ihre persönlichen Beziehungen stellen. Wenn zwei Brüder der Mafia angehören und einer von ihnen gegen das Gesetz der Bruderschaft verstösst, wird der andere meist vor eine brutale Wahl gestellt: Entweder du tötest deinen Bruder oder ihr sterbt beide. Die Organisation kommt immer zuerst.

Die ‘Ndrine sind eher in blutsverwandten Familien organisiert. Die Vaterfigur an der Spitze einer Gruppe ist bestrebt, möglichst viele männliche Nachkommen in die Welt zu setzen, um über einen möglichst starken Verband zu verfügen. Der Sohn eines sizilianischen Mafia-Bosses dürfte bei der Aufnahme in die Bruderschaft meist siebzehn oder achtzehn Jahre alt sein. In Kalabrien dagegen werden die Jungen oft schon als Babys aufgenommen. Taufe in der Kirche und Taufe im Familienunternehmen finden gleichzeitig statt. Wie in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Königshäusern Europas, gibt es auch in der ‘Ndrangheta diplomatisch und politisch motivierte Eheschliessungen zwischen verschiedenen Dynastien, werden Bündnisse geschmiedet und militärische Macht aufgebaut. Aus dem gleichen Grund geraten die Clans oft in blutige Fehden, die Jahre andauern können. Die Fehde von San Luca, deren jüngster Akt unlängst in Duisburg zur Aufführung kam, geht auf das Jahr 1991 zurück. Die ‘Ndrangheta kennt aber nicht das Vorrecht des Erstgeborenen: Das Erbe übernimmt der entschlossenste und durchsetzungsfähigste Sohn, nicht unbedingt der älteste. Der Aufstieg innerhalb der Gruppe bestimmt sich nach Verdienst und Hintergrund – ja, es finden sogar jährlich Wahlen für Führungspositionen statt.

Weil die Camorra so fragmentiert ist, sind allgemeine Aussagen kaum möglich. Allerdings kann man sagen, dass die einzelnen Gruppen meist blutsverwandtschaftlich organisiert sind, um einen Kern von Vater und Söhnen, wie etwa der Di Lauro-Clan aus Secondigliano. Weil der Kitt, der Camorra und ‘Ndrangheta zusammenhält, eher blutsverwandtschaftlich geprägt ist, können Frauen hier eher eine führende Rolle übernehmen als in der Cosa Nostra. Wenn eine Frau aber das Kommando übernimmt, dann fast immer in Vertretung ihres Mannes oder eines Bruders, der gerade auf der Flucht ist oder im Gefängnis sitzt.

Vertrauen ist ein Gut

Zurzeit sind es vor allem die Camorra und die ‘Ndrangheta, die den italienischen Behörden am meisten Sorgen bereiten. Ihre dezentralisierte Struktur ist besonders geeignet für erfolgreiche Operationen in einer zunehmend offenen und flexiblen Gesellschaft. ‘Ndrangheta-Clans sind intern ebenso diszipliniert wie die Familien der Cosa Nostra, doch weil sie sich vor allem auf Blutsverwandte stützen, sind sie weniger verwundbar durch sogenannte pentiti – Mafiosi, die sich nach ihrer Festnahme zu einer umfangreichen Zusammenarbeit mit den Behörden bereit erklären. Pentiti sind in der Camorra öfter anzutreffen, aber weil die Landkarte der kriminellen Macht in Neapel ständigen Schwankungen unterliegt, sind ihre Informationen viel schneller überholt.

In der Welt des organisierten Verbrechens in Italien ist der Lohn für Erfolg immens. Laut Schätzungen der unabhängigen statistischen Agentur Eurispes kommen die kalabrischen ‘Ndrine auf einen Jahresumsatz von insgesamt 36 Milliarden Euro – der Grossteil davon im Drogengeschäft. Die Camorra folgt knapp dahinter. Diese gigantischen Einnahmen wären nutzlos, wenn sie nicht in die legale Wirtschaft geschleust würden: Das schmutzige Geld muss gewaschen und investiert werden.

Und genau hier kommen die ausländischen Filialen der Mafia ins Spiel. Ihre Hauptfunktion besteht darin, Geld in Immobilien und Hotels und Restaurants zu investieren. Weil die ‘Ndrangheta-Gruppen im Ausland enge, oft familiäre Beziehungen zu den ‘Ndrine in Kalabrien haben, können ihnen enorme Geldbeträge anvertraut werden. (In der Unterwelt ist Vertrauen ein seltenes und wertvolles Gut). Im jüngsten Bericht der Direzione Investigativa Antimafia wird die ‘Ndrangheta als «transnationale» kriminelle Vereinigung bezeichnet, die über ständige Vertretungen in Norditalien, Australien, Kanada, Venezuela, den USA, Deutschland, Brasilien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz verfügt. Diese ausländischen ‘Ndrine sind mittlerweile integraler Bestandteil der italienischen Verbrechersyndikate. Die ‘Ndrangheta hat bewiesen, dass sie im Export ihrer Methoden wesentlich erfolgreicher ist als die Cosa Nostra.

Von den Schlimmeren lernen

Ein führender Untersuchungsrichter in Palermo sagte mir einmal, dass er sich die Cosa Nostra als «kollektives Gehirn» vorstelle, als eine Vereinigung, die strategisch denke, aus ihren Fehlern lerne und angesichts gewandelter Herausforderungen sich auch selbst verändere. Das trifft auch für die anderen führenden Verbrechersyndikate zu. Die unterschiedlichen Strukturen von Cosa Nostra, ‘Ndrangheta und Camorra sind keine genetischen Merkmale der jeweiligen Mafiosi aus den verschiedenen süditalienischen Regionen. Die kriminellen Machtstrukturen wurden gezielt für spezielle lokale Bedingungen entwickelt, und sie werden sich weiterentwickeln, wenn sich die äusseren Gegebenheiten verändern. Die Direzione Investigativa Antimafia weist darauf hin, dass die Cosa Nostra bereits von der ‘Ndrangheta lernt. Sie räumt ihren Familien mehr Autonomie ein und sieht sich nach Investitionsmöglichkeiten im Ausland um. Die Gefahr, die vom italienischen organisierten Verbrechen ausgeht, wird zunehmen.

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