07.09.2007 von Peter Hartmann
Der als «Plastik-König» hofierte Armaturenbrett-Hersteller Franco Cimminelli, 72, hat unlängst sein Imperium verloren: Er musste sein Lebenswerk, die Ergom mit 27 Fabriken in Italien, der Türkei, Polen, Argentinien, Brasilien und Südkorea, mitsamt 3600 Beschäftigten seinem wichtigsten Klienten überlassen, dem Autobauer Fiat. Für 1 Euro. Abgegolten sind mit diesem Spottpreis allerdings auch mindestens 200 Millionen Schulden. Der Selfmade-Unternehmer Cimminelli berauschte sich im Jahre 2000 an der Idee, er könne als Erster im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten mit der angeblich schönsten Meisterschaft der Welt einen Fussballklub in ein gewinnsprudelndes Geschäft verwandeln. So kaufte er, auf den schlechten Rat eines Fiat-Managers, die AC Torino, den Lokalrivalen des Fiat-Klubs Juventus.
Schon nach fünf Jahren ereilte Cimminellis «Toro» (Stier), der in Turin weit populärer ist als die arrogante «Alte Dame» Juventus, die Pleite. Der Konkurs riss riesige Löcher in die Bilanzen der Ergom, über die Cimminelli die Fussballdefizite abgewickelt hatte. Der weisshaarige Zauberlehrling muss sich nun wegen betrügerischen Bankrotts und Bilanzfälschung auch vor Gericht verantworten. Der Toro aber hat dank einer Sonderregelung überlebt, in seiner neuen Haut als FC Torino.
Vielleicht ist Cimminelli nur ein weiteres Opfer des Fluches, der diesen Klub überschattet. Die Torino-Mannschaft, die in den Vierzigerjahren fünf Meistertitel gewann, wird von Fussballhistorikern als die Beste geschildert, die in Italien je gespielt hat. Sie wurde in einer Katastrophe ausgelöscht: Am 4. Mai 1949 stürzte die Unglücksmaschine der Fussballer auf dem Flug von Lissabon auf den Hausberg Turins. Alle 31 Menschen an Bord kamen ums Leben.
Der Pilot hiess Meroni. Der Name kehrte wieder, wie eine Wiedergutmachung des Schicksals, in der Person des schlafwandlerischen Dribbel-Poeten Gigi Meroni, einer Mischung aus James Dean und George Best, der allein die Stadien füllte. Am Abend des 15. Oktober 1967 wurde Meroni mit erst 24 Jahren auf dem Corso Umberto vom Studenten Attilio Romero überfahren. Wieder stand Turin unter Schock. Romero wurde später Pressesprecher des Fiat-Chefs Gianni Agnelli. Und noch später, unglaublich makabre Fügung, Präsident der AC Torino als Strohmann und Totengräbergehilfe des ahnungslosen Autozubehör-Königs Cimminelli.
Als «neuer Meroni» in den Reihen des Toro war Anfang der Neunziger Gianluigi Lentini auch dem Milan-Präsidenten Silvio Berlusconi aufgefallen, der das Stürmertalent für die damalige Weltrekord-Transfersumme von 60 Milliarden Lire (fast 50 Millionen Franken) nach Mailand holte, ein Teil davon floss über Schwarzgeldkonten. Doch der Angeklagte Berlusconi rettete sich mit juristischen Tricks in die Verjährung. Lentini raste auf der Fahrt zu seiner heimlichen Geliebten, der Ehefrau des Juventus-Stürmers Totò Schillaci, in die Autobahn-Leitplanke. Er lag tagelang im Koma, seine Karriere knickte ein.
Jeder Klub in Italien braucht einen politischen Padrone, und der Mächtige spekuliert, umgekehrt, auf die Sympathie der Masse im Stadion. Auf diesem Prinzip basierte Berlusconis Start mit Forza Italia. Nach dem Tod der Agnelli-Brüder versuchte der Manager Luciano Moggi bei Juventus diesen Schutzschild durch Korruption der Schiedsrichter aufrechtzuerhalten und wurde durch die Abhörprotokolle der Justiz enttarnt. Auf der AC Torino lag die schützende Hand des Sozialisten-Duce Bettino Craxi, der dann vom Tangentopoli-Sturm weggefegt wurde und nach Tunesien flüchtete. Dem Toro war nicht mehr zu helfen.
Franco Cimminelli ist nicht gänzlich verarmt, ihm gehört noch die Fluggesellschaft Air Vallée mit zwei dreissigplätzigen Dornier-Maschinen. Die Kapazität genügt für den Transport von Fussballmannschaften. Cimminelli schläft schlecht, was seinen einzigen Luxus erklärt: Er beschäftigt in seiner Villa in Montegiordano schichtweise drei Kammerdiener, die Tag und Nacht beruhigende Getränke aus der Küche holen.