29.09.2007 von Michèle Roten , 2 Kommentare
Wenn die Sonne untergeht in Tel Aviv, bleibt das Licht lange saftig gelb, taucht alles in Honig, bevor es kurz rot wird und verschwindet. Wie ein kühler Lappen senkt sich der Abend auf die fiebrige Stirn der Stadt. Endlich nicht mehr dieses grelle Helle, die würgende Hitze, es ist zwar September, aber der Winter noch weit. In diesen Stunden wäscht sich Tel Aviv den klebrigen Tag von der Haut und holt Luft für die Nacht. In diesen Stunden gibt es keinen schöneren Ort als den Strand.
Eine Gruppe Menschen bildet einen Kreis, hinter ihnen taucht die Sonne ins Meer. Es sind fünfzehn, zwanzig Personen, eine Gruppe, in der man beim besten Willen keinen gemeinsamen Nenner ausmachen kann, junge Frauen mit dunklen Locken bis Mitte Rücken und Batiktüchern um die Hüfte geschlungen, dicke, ältere, hausfrauigere Frauen, ein paar ziemlich Alte bewegen sich geriatrisch-vorsichtig, braun gebrannte Rastafaris, ältere Männer mit Bierbäuchen und knappen Badehosen und zumeist vielen, vielen schwarzen Haaren überall. Aus einem Gettoblaster kommt Popmusik, der Kreis wabert und zieht sich rhythmisch zusammen. Jeweils einer tanzt in improvisierten Bewegungen in die Mitte und wieder zurück, der Rest ahmt die Choreografie nach. Sich hüpfend drehen, dazu in die Hände klatschen: und jetzt alle. Afrikanisch stampfend, mit Kriegsgebrüll: und jetzt alle. Schlangenartig schaukelnd: und jetzt alle.
Hundert Meter weiter wird gemeinschaftlich an einem riesigen indischen Ornament aus Sand gearbeitet.
Ein Muezzin ruft zum Gebet in der nahe gelegenen Moschee.
Jogger mit iPods übernehmen in dieser magischen Stunde des Eindunkelns die Promenade.
Und die Katzen! Am Abend werden die unzähligen Katzen von Tel Aviv, magere, aber glänzend gesunde Tiere mit grossen Fledermausohren, die tagsüber im Schatten rumliegen, munter und hitchcockartig präsent: die Katzen. Es könnte sein, dass sie eigentlich die Stadt regieren. Sie sind überall. Die Katzen beobachten Essende aus sicherer, aber auch rasch überbrückbarer Distanz. Beobachten sich gegenseitig. Beobachten die Stadt, mit zuckendem Schwanz. Huschen um Häuserecken, verschwinden an Orten, wo nur Katzen verschwinden können, streiten sich lautstark.
Die Baywatch-Männer rufen nur noch selten etwas durch das Megafon.
Trommeln.
Familien richten das Picknick her.
Die Surfer nutzen das letzte Licht.
Tel Aviv wirkt sehr glücklich in diesen Stunden am Strand. So friedlich, dass es Kitsch sein könnte. Fehlen nur noch ein paar in den Sonnenuntergang springende Delfine. Und selbst damit muss jederzeit gerechnet werden.
Und das soll die Stadt aus den Nachrichten sein?
Würfelzucker am Meer
Tagsüber ist Tel Aviv zu blendend, um es zu fassen. Es ist zu heiss. Und zu weiss. Die weisse Stadt, wie sie genannt wird, erinnert vom Flugzeug aus an ein Modell aus irgendeinem praktischen Kunststoff. Oder an eine Fantasie aus Würfelzucker. Dazu ein weisser, ewiglanger Strand vor blauem Meer. Auch die Autos sind weiss, zum allergrössten Teil, weiss, silber, hellgrau, Eierschale, Crème, gebrochenes Weiss und was es dergleichen noch gibt, so wälzt sich der Verkehr durch die breiten Strassen, hupend, stinkend, dreckig, laut.
Eigentlich gibt es ganz schön viele Paralellen zwischen Israel und der Schweiz. Da ist die Grösse, die Einwohnerzahl. Und in Tel Aviv leben ungefähr gleich viele Menschen wie in Zürich, beide Orte sind zwar nicht Hauptstadt, aber kulturelle und wirtschaftliche Zentren des Landes, während die Hauptstädte vor allem religiös (in Bern sei damit die Politik gemeint) den Ton angeben. Ausserdem klingt Hebräisch ziemlich ähnlich wie Schweizerdeutsch. Und ganz Tel Aviv ist bis in alle Ecken voll mit den grossartigen, stümperhaften Tags der Zürcher Sprayer Auto Oki.
Schauen, schauen, schauen
Eine Gartenstadt mit europäischem Chic sollte Tel Aviv werden, als 1909 mit dem Bau begonnen wurde, ein billigerer Vorort für die arabische Hafenstadt Jaffa, deren Bevölkerung im 19. Jahrhundert rasant anstieg. Nach wiederholten Angriffen arabischer Mobs zogen grosse Teile der jüdischen Bewohner nach Tel Aviv, ab 1930 kamen auch Tausende europäische Immigranten dazu, viele von ihnen Architekten der Bauhaus-Schule Dessau und Berlin. So entwickelte sich ab 1930 Tel Aviv zu einer eigenständigen Stadt, rasend schnell wachsend, ohne städtebauliche Traditionen, die hätten berücksichtigt werden müssen – und so kommt es, dass sich hier die vielleicht weltweit grösste Konzentration an Bauhaus-Gebäuden findet und die Stadt generell einem gigantischen Architektur-Spielplatz gleicht. Da wurden alle Teile aus dem Bauhaus-Baukasten verwendet. Natürlich: Die Häuser muten gewohnt funktional, rational, technisch, sogar politisch an – man spürt die Idee einer sozialistisch-egalitären Demokratie dahinter –, und doch ist der Effekt, verbunden mit dem ebenso unleugbaren Einfluss orientalischer Spielfreude, auch einfach sehr amüsant.
überall gibt es etwas zu betrachten. Keine Ecke uninteressant. Da, ein Haus, das aussieht wie aus Kaugummi. Beim alten Hafen wogt die Holzpromenade wie das Meer. Die Traumhäuser der reichen europäischen Juden am Rothschild-Boulevard, eklektizistisch mit allerlei Firlefanz. Niedrige Häuschen mit Schindeldächern in Neve Tzedek, dem ältesten Teil der Stadt. Viele der Hochhäuser, die in Tel Aviv aufgrund der bald schon astronomischen Grundstückspreise wahrlich aus dem Boden schossen, sind Palmen nachempfunden. Ein Weiteres sieht aus wie – und das denkt sich hier seltsam – halb weggebombt. Und die grandiosen Azrieli-Tower, einer rund, einer drei-, einer viereckig, sie könnten Bauklötze für ein verspieltes Riesenbaby sein.
Tel Aviv ist eine Reissbrettstadt, in der sich die Architekten ausgetobt haben. Und die Bewohner haben das Beste daraus gemacht: sie benützt, gebraucht, und diese Patina steht jeder Metropole. Tel Aviv hat eine legere Urbanität, die ihresgleichen sucht, mit unnachahmlicher Nonchalance bewegen sich ihre Einwohner zwischen Hochhaus, Bauhaus, Strandburg bauen. Dazu noch die Multikulturalität der aus allen Teilen der Welt immigrierten Juden – in vielerlei Hinsicht eine ideale Stadt.
Und weiter gehts
«Hier lässt sichs leben», sagt Neta, eine Kuratorin. «Und man lässt sich leben. Homosexuelle, orthodoxe Juden, Muslime, Palästinenser, alle in einer Stadt.» Manchmal sei dieser bunte Mix anstrengend, «am einfachsten wäre es eigentlich, wenn sich jeder jeweils sofort vorstellen würde mit Name, Nationalität, Religion, Herkunftsland. ‹Hallo, ich bin Karim, Araber, christlich, aus Jordanien.›» Neta schüttelt ihren Pagenkopf und lacht, ein lautes, meckerndes, unheimlich ansteckendes Lachen. Nein, Tel Aviv sei wirklich unverkrampft. Das zeigt sich deutlich am Umgang mit dem Sabbat – die Stadt steht auch an diesem Tag nicht still. Ein paar Läden machen zwar wie vorgeschrieben am Freitagnachmittag zu, öffnen aber später am Abend wieder. Warum das so sei, weiss auch die Jüdin Neta nicht.
Man ertappt sich immer wieder dabei, wie man von Juden profunderes religiöses Wissen erwartet als von Christen. Dabei kann doch beides genau gleich laienhaft sein.
Gerade hier, in Tel Aviv. Dafür liebt Neta, die im streng religiösen Jerusalem aufgewachsen ist, die Stadt. Und ja: auch wenn es sicherere Orte gebe auf der Welt. «Nach einem Attentat ist die Stadt eine kurze Zeit schockiert. Ein bisschen wie in Trance. Ich nehme dann eine Weile lang meine Kinder nicht mehr mit in den Supermarkt und so. Aber dann gehts einfach weiter. Man kann ja nicht ständig in Angst leben.» Auch jetzt lacht Neta. Sie lacht über alles. Sie amüsiert sich gut über ein Missverständnis: «Ach so, du redest vom Krieg? Ich war noch beim Terrorismus. Wir haben ja beides hier, weisst du.» Und wirft sich gespielt stolz in die Brust und lacht.
Immer wieder junge Frauen und Männer in Militäruniformen. Die Frauen tragen ihr Hemd offen über Spaghettiträger-T-Shirts, die Jungs ihre Hosen knapp unter dem Hintern, chacun à son goût. Modefarbe Kaki, das Maschinengewehr lässig auf dem Rücken, sie sehen entspannt, stolz und auch sexy aus. Das Militär kommt im Alltag unmilitärisch daher, der Umgangston ist kumpelhaft, die Hierarchien sind flach – Wehrpflicht ist das Normalste der Welt in Israel, sogar beliebt, und sie funktioniert nicht selten als Fahrstuhl durch die Klassen.
An den Eingängen von grösseren Restaurants und Shopping Malls stehen Sicherheitsleute, die Männer abtasten und Handtaschen untersuchen – mehr pro forma, wie es scheint, das Abtasten ist nicht mehr als ein Schulterklopfen und der Taschencheck ein Sackgriff. Es reicht nicht wirklich für ein Gefühl von Sicherheit, aber für ein neutrales allemal.
Auch Ueli, ein 44-jähriger Schweizer, der vor zwei Jahren der Liebe wegen nach Tel Aviv zog, ist gelassen. Ab und zu erwische er sich dabei, wie ihm bei einer grossen Menschenmenge durch den Kopf gehe: Das wär ein Ziel. Dann sei der Gedanke aber sofort wieder weg. «Das Bombenattentat vor eineinhalb Jahren war seltsam. Es krachte, die Wände zitterten, ich wusste sofort, was das für ein Geräusch war, dabei hatte ich es ja nie zuvor gehört. Dann wurde es ganz ruhig in der Stadt. Plötzlich waren alle Vögel weg.» Ueli designt T-Shirts. Und macht auf die Frage, was er an Tel Aviv besonders möge, bloss eine grosse, ergebene Armbewegung, die die ganze Stadt umfassen soll.
Der Tel Aviver Nachmittag abseits der Hauptverkehrsachsen ist entspannt wie ein Ferienlager und atmet das Lebensgefühl einer Demografie, in der 64 Prozent der Bevölkerung unter 44 Jahre alt sind. Wahrlich eine junge Stadt. Tagsüber schlappen die 64 Prozent in FlipFlops durch die toppen Shoppingviertel. Zum Beispiel die Shenkin-Strasse: fein schäbig, kleine Cafés, Secondhand-Läden, alles lustig, Frühstück gibts auch bis spät, ein bisschen wie die Berliner Kastanienallee. Die Schlendernden sehen aus wie Touristen, in ihren bunten, lycrahaltigen Es-ist-heiss-und-es-gibt-einen-Strand-Kleidern, dabei sind sie einfach Bewohner einer meist sehr heissen Stadt mit Strand.
Ausserdem sind sie attraktiver als gemeine Touristen. Die Frauen natürlich, braun gebrannt, braun gelockt in allen Façons, auffällig oft grosszügig bestückt und immer grosszügig damit umgehend. Nichts als bequeme Sandalen und Badelatschen überall, das einzige Zugeständnis an die beinverlängernde Macht von Schuhen ist eine seit den Neunzigern nicht mehr gesehene Auswahl an hässlichen Plateauklötzen. Ziegelsteine. Klumpfüsse. Elefantiasis. Die Männer dunkel, glutäugig, dreitagebärtig. Irgendwie scheinen die Geschlechter meist getrennt unterwegs, man sieht wenig heterosexuelle Pärchen in Tel Aviv, wenig Geschmuse und Geflirte. Und wenige Blumenläden. Israel sei ein unromantisches Land, heisst es. In der Wahrnehmung der israelischen Gesellschaft sei die Frau eine Mitsoldatin, Gefährtin. Und verhalte sich entsprechend auch hart und männlich in Gefühlssachen.
Dafür sieht man viele, viele Schwule. Tel Aviv ist ein Schwulenmekka. Seltsamer Satz.
Religion, Zion, Joints
Der kalifornische Lifestyle trifft ausserhalb der In-Viertel auf orientalischen Habitus: Arabische Männergangs sitzen in klimatisierten Lokalen mit Neonbeleuchtung und rauchen Shishas. Auf der Strasse wird nonstop gefuchtelt und gerufen, von Trottoir zu Balkon, Autofenster zu Früchteladen, quer über die Strasse. Kommunikation allüberall.
Vor eineinhalb Jahren sprengte sich in einem Shawarma-Imbiss beim alten Busbahnhof ein palästinensischer Selbstmordattentäter des islamischen Jihad in die Luft und riss zehn Menschen mit in den Tod. Nur drei Monate davor gab es am genau gleichen Ort schon einen Anschlag mit zwanzig Verletzten.
«Ich weiss schon, was du denkst. Wir sässen hier nachmittagelang rum und diskutieren über Politik», sagt eine junge Frau und reibt sich die Augen. Sie sitzt, nein, sie liegt in einem Sessel in einer Wohnung in einem Haus in der Nähe des Strandes, in dem mehrere Künstler wohnen und arbeiten und das besetzt wirkt, weil es und seine Bewohner so überhaupt nicht in diese Strasse mit den Luxushotels passen. Schon wenn man den Hof betritt, hört man die Jamsession, die hier jeden Samstagnachmittag stattfindet.
Man betritt mit der Wohnung eine Szene wie aus einem Film: Der grosse Wohnraum ist abgedunkelt, klimatisiert, und allein vom Atmen ist man innert Sekunden high. Etwa zehn Leute zwischen 25 und 40 flegeln auf Sofas oder am Boden rum, sie machen Mischungen in Frisbees, reichen Joints und aus Pet-Flaschen gebastelte Bongs weiter, trinken Anisschnaps, reden, diskutieren oder sitzen einfach mit geschlossenen Augen da. Auf dem Tisch steht eine Schüssel mit Wassermelonen und Polenta mit salzigem Jogurt, die wenigen Gabeln werden geteilt. Im Hintergrund improvisieren Schlagzeug, Bass und Gitarre eine Art psychedelischen Jazz.
Die junge Frau liegt nicht ganz falsch mit ihrer Unterstellung: Das würde so gut passen. Ein Zirkel intellektueller Anarchisten und Künstler, der am Sabbat bekifft über die Lage der Nation debattiert. «Natürlich kommt das auch vor», sagt sie dann langsam. «Aber manchmal glaube ich einfach, in der Welt herrsche der Eindruck, bei uns in Israel gäbe es nur die Themen Religion, Zion, Wunden lecken. Wir wollen doch einfach eine gute Zeit haben miteinander. Oh, schau mal, das ist Guy. Der nette schwule Nazi.» Guy, mit kurzer Irokesenrasur, lächelt nett. Ari, ein 24-jähriger Student, leckt den Joint ab, den er gerade gedreht hat, sagt: «Weisst du, was Tel Aviv ist?
Eine Blase. Tel Aviv ist eine Blase hier in Israel.» Er sagt es so bedauernd, dass ich erwidere, das sei doch etwas Gutes. «Natürlich, aber du weisst auch, was mit Blasen passiert.»
Bevor sie platzt, wird gefeiert.
Die Nacht ist nicht zum Schlafen da in Tel Aviv. Die Grünflächen beim Delfinarium, direkt am Strand, sind jetzt belagert von Arabern. Sie haben Plastiktische und Stühle dabei, Decken, Grills, alles Drum und Dran, ganze Grossfamilien haben sich häuslich installiert. Auf dem Parkplatz vor den Rasenflächen stehen die jungen Männer in kleinen Gruppen um ihre aufgemotzten Autos, alle Türen offen und die Stereoanlagen voll aufgedreht: astreiner Techno, lang nicht mehr gehört. Einige tanzen, alle posieren, so, wie das junge Männer mit aufgemotzten Autos halt tun, sie schubsen und knuffen sich lachend, aufgekratzt auf die Schandtaten der Nacht wartend.
Selige Stunden, nicht heilige
Im Delfinarium war früher auch ein Club untergebracht. Am 1. Juni 2001 mischte sich ein Selbstmordattentäter unter die vor der Tür Wartenden und zündete eine dreissig Kilogramm schwere Metallsplitterbombe, zwanzig Menschen starben, über hundert wurden verletzt. Zwei Jahre danach war die Warteschlange vor einer Bar in unmittelbarer Nähe des Delfinariums das Ziel, es gab vier Tote.
Vier junge Palästinenser ziehen sich am Strand aus und rennen wie die kleinen Kinder ins Meer, sie sind aus Hebron gekommen, haben ein paar Stunden Marsch hinter sich, mussten zu Fuss über die Grenze. Warum sie hier sind? Weil das Meer so schön ist.
Orthodoxe Juden stehen um zwei Uhr nachts vor einer Synagoge.
Ein Mann, der an einem Imbiss einen Kebab isst, tanzt zu lauter Musik, die aus einem Auto klingt, das an der Kreuzung wartet.
Einige Viertel sind morgens um vier so belebt wie am Tag. Vor einem Club im Industriequartier steht eine Menschentraube, Taxis drängeln sich hupend mitten hindurch. Ein Bettler versuchts. Die Frauen legen kleidermässig erstaunlich wenig Stil und dafür grosse Entschlossenheit an die Nacht. Auch jetzt wird telefoniert, ständig wird telefoniert in Tel Aviv, sogar Jogger hecheln in ihr Headset. Wenn ein Attentat verübt wird, merkt man das zuerst daran, dass das Netz zusammenbricht.
Im Barzilay-Club legen DJs der viel gerühmten Partyveranstalter Pacotek auf – es ist eine Schwulenparty, die untuntiger nicht sein könnte.
Im Minerva, einer Lesbenbar bei der Allenby Street, kommen sich Schönheiten näher, die unmännlicher nicht sein könnten.
Alexa, vor vier Stunden 26 geworden, ist huckedicht und torkelt mit ihrer Freundin und einem Kerl, den die beiden gerade aufgerissen haben, zum nächsten Imbiss. Zum Stichwort «Schweiz» fällt ihr Folgendes ein: «Ich werde nie nach Deutschland gehen, auch nicht, wenns mir geschenkt würde, die haben meine Leute umgebracht, einfach puff, alle tot, puff puff, ich hatte nie Englisch in der Schule, das hab ich alles aus Musikvideos, gut, nicht wahr?»
Auf dem Diezengoff-Platz warten fünf junge Männer nervös und konzentriert auf den Beginn eines Videodrehs, man überlegt sich, ob sie wohl Parcouring machen oder Breakdance oder sonst etwas Wildes, dann gehts los: Sie steppen.
Und immer wieder zieht es einen an den Strand.
Mitten in der Nacht im warmen Meer zu baden, hinter sich die Skyline von Tel Aviv und eine Stadt, die Spass will, komme, was wolle – das fühlt sich wirklich grossartig an. Man denkt: vielleicht nicht das heilige Land. Aber das zu Recht gelobte.

Fast alles, was Tel Aviv ausmacht: Strand, junge Menschen, dunkle Locken, Spass. | Bild: Flurin Bertschinger

Sieht aus wie ein Modell aus einem praktischen Kunststoff, könnte aber lebendiger kaum sein. | Bild: Flurin Bertschinger

Sabbat in einer Künstlerkommune: draussen blau und... | Bild: Flurin Bertschinger

...drinnen high. | Bild: Flurin Bertschinger

Der Strand designt die Mode der Stadt. | Bild: Flurin Bertschinger

Shalom. | Bild: Flurin Bertschinger

Rein ins Nachtleben, sakulär und orthodox. | Bild: Flurin Bertschinger

Palästinenser, zu Fuss aus Hebron gekommen: «Weil das Meer so schön ist.» | Bild: Flurin Bertschinger

Immer auch ein Tanz auf dem Vulkan: Discos sind leider auch bei Selbstmordattentätern beliebt. | Bild: Flurin Bertschinger
Liebe Frau Roten,
dieser urbane international coole Groove in Tel Aviv findet sich natürlich auch in Saigon, Rangoon, Dar es Salaam oder Kolumbia. Zumindest gesehen mit den Augen dieser Generation von 18 bis 35 Jahren. Ich hätte vielleicht in jeder dieser Städte die alleinerziehenden Mütter, die in Tel Aviv 2003 ein halbes Jahr vor dem Justizministerium gezeltet haben, gesehen oder die jungen männlichen Dienstverweigerer, die nicht nur in Rangoon, nein auch in Tel Aviv im Beruf grosse Ausgrenzungsprobleme haben. Was soll den Ihr Sichtwinkel beweisen? Das Tel Aviv mit etwas Verdrängung ein ganz normales Ferienressort ist, in dem Frau Ferien machen kann? Oder soll uns Tel Aviv vorbereiten auf diese innere Abgrenzung, die wir auch in Zürich lernen müssen: hier Gewalt und Elend – dort fun und multikulti – Freizeit verbringen? Vielleicht bedeutet lernfähig zu sein, etwas mehr auszuhalten vom Elend und etwas mehr abzugeben von der Grossartigkeit, damit Tel Aviv und Zürich Städte bleiben, in denen Frau auch im Alltag und Beruf leben kann?
Wie bereits ganz am Anfang erwähnt wird, verknüpft man in der westlichen Welt Tel Aviv meist nur mit Bomben, Krieg und Terror. Sehr selten findet man eine Reportage die auch die andere, fröhliche, lebendigen Seiten dieser weissen Stadt zeigen.
Anfangs dieses Jahres bin ich mit einigen Kollegen zusammengesessen um unsere Sommerferien zuplanen. Ich habe schon von mehreren Leuten begeisterte Berichte aus Besuchen in dieser Stadt gelesen und brachte deshalb den Vorschlag Tel Aviv ein. Diese Idee löste bei meinen Kollegen jedoch nur Unverständnis und fragende Blicke aus. Sätze wie: "Spinnst du?!" oder "Du ich will dann im Fall wieder lebendig nach hause kommen" waren ihre Antworten darauf.
Jedes Land und jede Stadt hat ihre Probleme und Nöte, doch Tag täglich sehen wir im Fernsehen Bilder von Gewalt, Armut und Elend. Da ist es sehr schön zu sehen, dass es auch in den vermeintlich Lebenswidrigesten Gegenden lebenswürdige Orte gibt (sogar aus der Sicht verwöhnter Europäer).
Dieser Bericht muss gar nichts beweisen, liebe Myriam. Er setzt diese Stadt in ein anderes Licht, welches so für viele Leute neu sein wird. Dieses andere Gesicht der Jungen, der Zukunft. Er ist vielleicht einwenig gar positiv, doch dies ist ein guter Kontrast zu den grösstenteils gar negativen Berichten die man liest und hört. Und diese starken Frauen gefallen dir bestimmt auch nicht so schlecht…
Danke Michele für diesen Bericht. Er hat mir sehr gut gefallen und ich werde in naher Zukunft Tel Aviv sicher auch einmal einen Besuch abstatten.