Geschenke des Himmels

Die Fotografien, die er hinterliess, sind so atemberaubend wie das Leben, das er führte: Eduard Spelterini, fast vergessener Schweizer Ballonpionier.

21.09.2007 von Alex Capus , 2 Kommentare

Das grösste Geheimnis in Eduard Spelterinis Leben war, dass er, der von London bis Moskau und von Kopenhagen bis Kapstadt berühmt wurde als König der Lüfte und Bezwinger der Schwerkraft, der mit Fürsten, Generälen und den grössten Wissenschaftlern seiner Zeit auf vertrautem Fuss stand und in den mondänsten Hotels von Paris, Wien, Konstantinopel und Kairo ein und aus ging – dass er seiner Herkunft nach gar kein Weltbürger war, sondern am 2. Juni 1852 in einem weltabgeschiedenen Bauerndorf namens Bazenheid im Toggenburg zur Welt gekommen ist. Auch hiess er mit bürgerlichem Namen nicht Spelterini, sondern war der leibliche Sohn des Schankwirts und Bierbrauers Sigmund Schweizer und dessen Ehefrau Maria Madgalena, geborene Sütterli. Bis an sein Ende hat er das keinem Menschen verraten. Weshalb, weiss man nicht.

Sicher ist, dass der kleine Eduard hier die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte. Ob er aber auch in Bazenheid zur Schule ging, ist ungewiss. Will man der kurzen Reihe seiner Biografen glauben, die sich fast alle vertrauensvoll aufeinander berufen, verschwand Eduard schon als Achtjähriger aus dem Toggenburg. Um das Jahr 1860 soll es gewesen sein, dass sein Vater, von Sehnsucht nach dem Süden gepackt, Bierstube und Brauerei verkaufte und ein Heimwesen in der Nähe von Como erstand, von wo aus Eduard fortan nach Lugano zur Schule ging, Italienisch lernte und bald auch entdeckt haben soll, dass er über eine sehr schöne Stimme verfügte, die sich bestens zum Singen italienischer Opern und Operetten eignete.

Ein Korb für die Freiheit

Beweisen oder widerlegen lässt sich die schöne Geschichte von der Auswanderung in den Süden nicht. In Bazenheid reichen die weltlichen und kirchlichen Archive nicht weit genug in die Vergangenheit, und in Lugano wurde, soweit bekannt, niemals ein Schüler mit Eduards Namen verzeichnet. Entscheidet man sich aber dafür, dieser Geschichte zu folgen, so zog Eduard kurz nach dem achtzehnten Geburtstag, mittlerweile erwachsen und sozusagen zum Italiener herangereift, nach Mailand und dann weiter nach Paris, um sich am Konservatorium zum Opernsänger ausbilden zu lassen. Dort aber erkrankte er an Tuberkulose, fuhr zur Kur nach Südfrankreich und erhielt in Marseille zufällig Gelegenheit für eine erste Ballonfahrt, als ihm ein ängstlicher Passagier in letzter Minute den Platz in der Gondel überliess.

Das kann alles so gewesen sein – auch wenn am Konservatorium von Paris zur fraglichen Zeit weder ein Student namens Spelterini noch ein solcher namens Schweizer immatrikuliert war. Vielleicht wars aber auch ganz anders.

Vielleicht war es so, wie Oberst Ernst Theodor Santschi, ein anderer Pionier der Ballonfahrt und viele Jahre Kommandant der schweizerischen Luftschifftruppen, der Eduard persönlich gekannt hat, Mitte des letzten Jahrhunderts behauptete: dass der junge Eduard erst mit achtzehn Jahren das Elternhaus in Bazenheid verliess, und zwar Hals über Kopf von einem Tag auf den anderen, um in Hamburg eine kaufmännische Lehre zu machen.

Wie auch immer. In jedem Fall muss Eduard irgendwann Mitte der 1870er-Jahre irgendwo erstmals in den Korb eines Fesselballons gestiegen sein. Und in dem Augenblick, da er zum ersten Mal in seinem Leben die Schwerkraft überwand, dem Himmel entgegenschwebte und sich endgültig von der bäuerlichen Scholle löste, die ihn und seine Vorfahren seit Anbeginn der Zeit festgehalten hatte, muss er beschlossen haben, den Namen seiner Väter genauso abzulegen wie das Andenken an seine Herkunft, sich fortan Spelterini zu nennen und fernab aller Erdenschwere ein freies, ungebundenes Leben über entlegenen Ländern und den schönsten Städten dieser Welt zu führen.

Von da an war Spelterini überall und nirgendwo zu Hause. Wie ein Komet tauchte er ab und zu aus fernen Landen auf, für kurze Zeit nur, um ebenso schnell und lautlos wieder zu verschwinden. Niemand wusste, woher er kam, wohin er ging, wovon er seinen Lebensunterhalt bestritt, noch ob er Junggeselle, verheiratet oder Witwer war.

Einigermassen gesichert ist, dass sich Eduard Schweizer-Spelterini ab Mitte der 1870er-Jahre oft in Paris aufhielt. 1877 brevetierte ihn die Académie d’Aérostation de France zum Luftschiffer. Bald nahm Spelterini in gemieteten Ballons zahlende Fahrgäste mit, und 1887 liess er sich vom Atelier Surcouf in Paris nach seinen Anweisungen einen eigenen Ballon herstellen. Dieser bestand aus sonnengelber, leinölgetränkter Seide, fasste 1500 Kubikmeter Wasserstoff und soll 14 000 Franc gekostet haben. über den Ballon war ein Netz aus starken Hanfseilen gespannt, das den Druck über die Hülle verteilte; es lief an der Unterseite in einem Holzring zusammen und endete in acht Seilen, an denen der Weidenkorb hing. Spelterini taufte sein Luftschiff, der Muse der Sternkunde zu Ehren, auf den Namen «Urania».

«Attention – lâchez tout!»

Wenn Spelterini in die Luft ging, war das ein Spektakel, dem Tausende von Schaulustigen beiwohnten. Schon Stunden vor dem Aufstieg standen die zahlenden Gäste auf dem Startplatz, um sich eine möglichst gute Sicht zu sichern, und kurz vor dem Aufstieg gab es ein Platzkonzert. Spelterini war ein grosser und stattlicher Mann mit einem schönen Kopf, schwarzlockigem Haar, stahlgrauen Augen und einem kräftigen Schnurrbart. An den Fingern trug er schwere, orientalisch glitzernde Ringe. Er war ein charmanter Causeur und hatte die Manieren eines viktorianischen Gentleman, was den Damen sehr gefiel. Während der letzten Vorbereitungen zum Flug aber, von deren gewissenhafter Ausführung sein Leben und das seiner Passagiere abhing, konnte er laut und energisch werden.

Wenn schliesslich die Ballonhülle gefüllt war und die Fahrgäste startbereit im anderthalb Quadratmeter engen Weidenkorb standen, stieg der Kapitän auf den Korbrand und hielt sich mit einer Hand an einem Seil fest, schwang mit der anderen seine weisse Mütze und rief «Attention – lâchez tout!», worauf der Ballon sanft, leicht und geräuschlos gen Himmel fuhr. Hatte das Luftschiff seine Reisehöhe von fünfhundert, tausend oder viertausend Metern erreicht, intonierte er zum Vergnügen der Fahrgäste mit schönem Bariton die Arie des Toreros Escamillo aus Bizets Oper «Carmen». Dann holte er die erste Flasche Champagner aus dem Eiskasten und öffnete den Picknickkorb, der stets gut gefüllt war mit erlesenen Leckereien.

Nunmehr sein eigener Herr und Meister mit eigenem Ballon, hielt es Spelterini nicht länger in Paris. Schon am 5. September 1887 stieg die «Urania» erstmals in Wien auf, ein Jahr später im englischen Leicester. Zusätzliche Publicity verschaffte ihm die Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Trapezkünstlerin Leona Dare, die ihre grössten Erfolge einige Jahre zuvor in den Pariser Folies Bergère gefeiert hatte.

Spelterinis und Leona Dares Auftritte – die er in späteren Jahren schamhaft verschweigen sollte – bestanden darin, dass sie sich leicht bekleidet mit den Zähnen unter der Gondel festhielt und akrobatische Kunststücke vollführte, während er den Ballon in schwindelerregende Höhe steigen liess. Im Juni und Juli 1888 zeigten sie ihr einstündiges Spektakel im Londoner Hydepark, dann setzten sie auf den Kontinent über und zogen ostwärts bis nach Moskau. Nach der Russlandtournee trennten sich Leonas und Eduards Wege. Im November 1989 tauchte der Kapitän allein in Bukarest auf, dann in Saloniki, in Athen, in Kairo und Neapel.

Nimm mich mit

Da er auf seinen spektakulären Flügen nebst zahlenden Gästen oft auch Presseleute mitnahm, wuchs sein internationaler Ruhm rasch. Nach weiteren Reisen in den Nahen Osten und bis nach Südafrika kehrte er 1891 für zwei Jahre in die Schweiz zurück. Er stieg in Zürich im Hotel Baur au Lac ab, im ersten Hause der Stadt, wo nebst reichen Engländern gelegentlich auch Kaiserin Sissi oder die russische Zarin, Kaiser Wilhelm II., Richard Wagner und Franz Liszt wohnten.

Am meisten zu reden gab, dass der geheimnisvolle Kapitän um Fahrgäste warb. Das war neu. Die wenigen Ballonfahrer, die in den letzten Jahrzehnten im Limmatstädtchen Station gemacht hatten, waren stets allein aufgestiegen und hatten sich darauf beschränkt, den Zuschauern das Schauspiel ihrer eigenen, meist sehr kurzen Luftfahrten zu bieten.

Rasch wurden Stimmen laut, die es Spelterini zum Schutz der Einheimischen verbieten wollten, zahlende Gäste auf seine gefährlichen Fahrten mitzunehmen; andere meinten, wenn es in Zürich tatsächlich jemanden gebe, dem das Leben verleidet sei, so solle man ihm eben erlauben, mit dem Luftschiffkapitän in jene Höhen zu steigen, in denen man die Engel singen hört. Schliesslich beschloss die Obrigkeit, auf ein Verbot zu verzichten, damit die Stadt von der internationalen Presse nicht wieder als zwinglianisch-sittenstrenges Provinznest bezeichnet werde, was leider ziemlich oft vorkam.

Als sich die «Urania» dann jeweils nach einigen Wochen der Vorbereitung, der Fahrgast- sowie der Zuschauerwerbung in die Luft erhob, mal vom Heimplatz unterhalb der Universität aus, mal beim Gaswerk ausserhalb der Stadt, war das stets ein grosses Volksfest. Der Kapitän unternahm Dutzende von Flügen von Zürich, Winterthur und St. Gallen aus. Nebst wohlhabenden zahlenden Gästen hatte er oft auch Physiker, Mediziner, Geologen und andere Wissenschaftler mit an Bord, die allerlei Experimente anstellten – mehrmals auch Ferdinand Graf von Zeppelin, der sich erste Gedanken über ein lenkbares Luftschiff machte. Auch die Schweizer Armee interessierte sich für Spelterini. Im Juli 1891 unternahmen der Genfer Major Théodore Schaeck und der Zürcher Hauptmann Hermann Steinbuch eine Fahrt mit ihm, im August die Obersten Albert und Paul von Tscharner. Sie kamen zum Schluss, dass die Luftfahrt in naher Zukunft von grosser militärischer Bedeutung sein würde, worauf die schweizerische Landesregierung nach gehörig langer Vernehmlassung 1895 die Aufstellung einer Luftschifferkompanie verfügte.

Vom Himmel zu den Wurzeln

Mehr als zwei Jahre blieb der rastlose Flieger in der Schweiz. Am 27. August 1893, dem letzten, prächtigsten Sommersonntag jenes Jahres, stieg er sogar hinunter ins heimatliche Bazenheid, und zwar mit geradezu überirdischer Grandezza. Von Winterthur war er mit der goldgelben «Urania» aufgestiegen, als er am frühen Nachmittag auf einer Wiese landete, die kaum zwei Kilometer von seinem Geburtshaus entfernt lag. Spelterini machte mit seinen Fahrgästen einen Spaziergang durchs Dorf, wo ihn nach Jahrzehnten der Abwesenheit niemand wiedererkannte, kehrte in der Krone ein und gab dort geheimnisvoll zum Besten, dass er sich hier auf Heimat- und Bürgerland befinde. Dann bezahlte er die Rechnung und hinterliess ein fürstliches Trinkgeld, verliess leichthin seinen Geburtsort und kehrte nie wieder zurück.

Drei Monate später bemerkten seine Zürcher Freunde, dass er wieder verschwunden war – wohin, wusste niemand. 1895 tauchte er wieder in der internationalen Presse auf, als er einen zweiten überflug des Vesuv wagte, damit Wissenschaftler luftelektrische und geologische Messungen machen konnten.

Um diese Zeit war es, da er aus dem Ballonkorb zu fotografieren begann. Die Fotografie selbst war erst wenige Jahrzehnte alt, und mit seinen Luftbildern betrat Spelterini weitgehend Neuland. Seine Kamera war gross wie eine Bierkiste und ebenso schwer, und seine Lumière-Glasplatten hatten eine Belichtungszeit von mindestens einer Dreissigstelsekunde. Da mussten Ballon und Fotograf lang stillhalten, damit das Bild nicht verwackelt wurde.

Noch nie gesehen

Mit seinen Luftaufnahmen hatte Spelterini ebenso grossen Erfolg wie mit den Ballonfahrten. Dank ihnen konnten auch jene, die sich einen Platz im Ballonkorb nicht leisten konnten, die Welt von oben sehen. Die Majestät der Alpen, die verwinkelte Poesie mittelalterlicher Städte, die steinerne Unverwüstlichkeit ägyptischer Grabmäler, die schlangenhafte Geschmeidigkeit der Flussläufe auf ihrem Weg vom Gebirge zum Ozean – auf Spelterinis Bildern boten sie sich dem Betrachter in nie gesehener Augenfälligkeit dar.

Er liess von seinen Schwarzweissaufnahmen kolorierte Glasdias anfertigen und zeigte sie auf Vortragstourneen durch ganz Europa. Und weil er ein faszinierender Erzähler war, der fliessend Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch sprach, strömten die Menschen ihm in allen Ländern zu Tausenden zu. «Diese Bilder wollen als Kunstwerke gesehen und genossen werden», schrieb der «Berliner Reichs-Anzeiger», und auch die «Neue Zürcher Zeitung» war vom Lichtbildervortrag begeistert: «Spelterini ist ein Tausendkerl; was er ausser seinen heilen Knochen aus den Fahrten in die Lüfte mit heruntergebracht hat, trägt er jetzt in zwei Kästen mit sich herum, bereit, im gegebenen Moment wie Aladin mit der Wunderlampe Schätze zu zeigen, Schlösser hervorzuzaubern und Bilder an die Wand zu werfen, die dem trunkenen Auge unauslöschbar bleiben werden.»

Um die Jahrhundertwende kehrte er zurück in die Schweiz, um sich und seinen Ballon in den Dienst der Naturwissenschaften zu stellen. Gelehrte aller Disziplinen vertrauten sich dem Kapitän an und nutzten seine Fahrten für wissenschaftliche Versuche.

Gleichzeitig machte sich Kapitän Spelterini daran, etwas bis dahin Undenkbares zu wagen: einen überflug der Alpen. Dieser hatte bisher unter Ballonfahrern als unmöglich gegolten, da die häufigen Fallwinde an den Flanken des Gebirges jeden nahenden Ballon immer wieder zurück an den Ausgangspunkt treiben würden.

Spelterini aber kam zur überzeugung, dass man nur in genügend grosse Höhe aufsteigen müsste, damit der Ballon in höheren Luftschichten über alle lokalen Witterungsverhältnisse hinweggetragen würde. Um die 4000 Meter hohen Alpengipfel sicher zu überqueren, musste das Luftschiff in Höhen von über 6000 Metern steigen – dafür aber war die «Urania» zu klein und zu wenig robust. Eine vermögende Fanny Forst aus Koblenz am Rhein, die eine romantische Schwäche für die Luftschifffahrt hatte, war bereit, die Anschaffung eines neuen Ballons zu finanzieren, den Spelterini auf den Namen «Wega» taufte. Am 3. Oktober 1898 morgens um 10.53 Uhr stieg die «Wega» in Sitten zur ersten überfliegung der Hochalpen auf.

Nach abenteuerlichen fünfeinhalb Stunden landete sie auf einer Wiese in der Nähe von Besançon, 229 Kilometer von der Place d’Armes in Sitten entfernt.

«Unsere Ballonfahrt ist weder die höchste noch die weiteste», bilanzierte Mitpassagier Albert Heim, Geologieprofessor vom Polytechnikum. «Aber sie ist die Erste, die ein bedeutendes Gebirge überquert hat, und sie ist auch die Erste, deren Ballon nicht nur auf wenige Minuten, sondern sehr lang und sehr weit sich in Höhen über 5000 und 6000 Metern
gehalten hat.»

Die Freiheit ist nicht grenzenlos

Da der Bann der Alpenüberquerung gebrochen war, unternahm Spelterini immer längere, höhere und gefährlichere Flüge durchs Gebirge. In dreizehn Jahren überflog er den Alpenwall zehnmal in den verschiedensten Richtungen, fotografierte und nahm immer wieder Wissenschaftler mit. 1904 kehrte er für mehrere Monate nach ägypten zurück, um die Weltwunder der Pharaonenstädte aus der Vogelperspektive festzuhalten. 1911 machte er einen Abstecher nach Südafrika und fotografierte Johannesburg sowie die Goldminen von Transvaal aus der Vogelperspektive. Wo immer er hinkam, war er in den ersten Kreisen der Gesellschaft ein gern gesehener Gast. Und dann kam, als Spelterini schon über sechzig Jahre alt war, privates Glück hinzu. An seiner Seite tauchte eine schöne und kluge und um einiges jüngere Frau namens Emma auf, am 28. Januar 1914 führte er sie zum Traualter, am Trafalgar Square in London, in der altehrwürdigen Kirche von St. Martin in the Fields. Doch ein halbes Jahr nach der Hochzeit brach der Erste Weltkrieg aus, und die Belle Epoque, die Spelterini stets auf Händen getragen hatte, war von einem Tag auf den anderen zu Ende. In den mondänen Hotels von Montreux, Luzern und St. Moritz beglichen auf einen Schlag alle Gäste aus England, Russland und Amerika ihre Rechnungen und fuhren heim. In ganz Europa herrschte Generalmobilmachung und wurden die Grenzen geschlossen, und von freier, grenzenloser Luftschifffahrt konnte keine Rede mehr sein.

Eduard Spelterini zog sich mit Emma für die Dauer des Krieges als Privatier nach Coppet bei Genf zurück. Im zweiten Kriegsjahr nahmen sie einen jungen Mann namens Robert Zuber als Diener zu sich, der seine Gattin Alexandrine und das neugeborene Söhnchen Alexius mitbrachte, dem der Kapitän mit grossväterlicher Zärtlichkeit zugetan war.

Mein Name ist Nobody

Aber Spelterinis Ersparnisse schmolzen, da er keinerlei Einnahmen mehr hatte, rasch dahin. Schon im dritten Kriegsjahr war er gezwungen, seine kostbaren Luftaufnahmen und Glasnegative zu verkaufen. Und als weitere zwei Jahre später der Krieg vorbei war, hatten sich die Zeiten von Grund auf geändert. Die mächtigsten Reiche der Welt waren zusammengebrochen, Kaiser und Könige hatten abgedankt, die Zarenfamilie war erschossen und der Haarföhn erfunden worden – und der Benzinmotor, um ein Vielfaches kleiner, leichter und leistungsfähiger als die Dampfmaschine, hatte seinen Siegeszug durch die Welt angetreten. Knatternd, rauchend und stinkend eroberte er das Festland, das Wasser und zuletzt auch die Luft.

Eduard Spelterini fand die junge Konkurrenz der Motorflugzeuge lärmig, gewöhnlich und eines Gentlemans in jedem Falle unwürdig. Es erbitterte ihn sehr, dass der Motorflieger Géo Chavez mit der ersten Alpenüberquerung Weltruhm erlangte, während er selbst, der doch die Alpen schon zwanzig Jahre früher bezwungen hatte, allmählich in Vergessenheit geriet. Für Spelterinis Ballon interessierte sich kein Mensch mehr. Erst blieben die Geldgeber aus, dann die Fahrgäste. Spelterini hatte keine Einkünfte mehr, und die letzten Ersparnisse vernichteten Weltwirtschaftskrise und die Hyperinflation. Zwar erteilte ihm der Regierungsrat des Kantons St. Gallen am 22. März 1921 die späte Bewilligung, den Familiennamen seiner Väter endgültig abzulegen und sich künftig in allen offiziellen Dokumenten Spelterini zu nennen; in der Welt der Luftfahrt aber, die ihm alles bedeutete, war der Name nichts mehr wert.

Im Sommer 1922 verdingte er sich und seinen Ballon als Touristenattraktion im Kopenhagener Tivoli-Vergnügungspark. Der Aeronaut posierte in der Gondel mit kleinen Mädchen in Rüschenkleidchen und Buben in Matrosenanzügen, dann mit Journalisten, Schriftstellern und Militärs – meist am Boden, und ohne dass dem Erinnerungsbild ein Start gefolgt wäre. Spelterini fühlte sich wie ein Zirkuspferd. Als der skandinavische Sommer zu Ende ging und das Wetter zu rau wurde, liess Spelterini den Vergnügungspark hinter sich und nahm endgültig Abschied von der grossen Welt. Anfang 1923 liess er sich mit Emma, Diener Robert Zuber sowie Alexandrine und dem kleinen Alexius, der auch schon acht Jahre alt war, in einem kleinen Ort namens Zipf bei Vöcklabruck in Oberösterreich nieder und kaufte ein einstöckiges Häuschen, das vier Zimmer hatte; zwei bewohnten die Spelterinis, zwei die Zubers. Hinter dem Haus gab es einen Hof, in dem Zuber dreihundert Hühner hielt, deren Eier er auf dem Markt verkaufte. Da der Kapitän nicht mehr fliegen konnte, lebten sowohl die Herrschaften als auch ihre Diener jahrelang ausschliesslich vom Eierverkauf.

Im Spätsommer 1926 brach er noch einmal auf in die Schweiz, sammelte Geld bei alten Freunden und stieg am 16. September in einem gemieteten Ballon vom Gaswerk Zürich aus auf. Es war seine 570. Fahrt; in vier Jahrzehnten hatte er nach eigenen Angaben 1237 Passagiere in die Luft geführt, darunter 107 Damen. Nach einer herrlichen Fahrt bei bestem Wetter über St. Gallen und Appenzell geriet die Gesellschaft über dem Rheindelta in 4300 Meter Höhe in dichten Nebel, der jede Orientierung unmöglich machte, und der 74-jährige Spelterini, mit seinen Kräften am Ende, verlor das Bewusstsein, während der Ballon in die Vorarlberger Alpen abgetrieben wurde. Mit vereinten Kräften gelang es den drei Passagieren in höchster Not, vor der im Nebel verhüllten Westwand des Hohen Isers, der höchsten Spitze des Bregenzerwaldes, in einer Geröllmulde an der bayrischen Grenze auf 2000 Meter Höhe hart zu landen.

Nach dieser Bruchlandung hatte für Spelterini alle Himmelsstürmerei ein Ende. Er kehrte zurück nach Zipf zu Emma, den Zubers und den dreihundert Hühnern. Kurz darauf erkrankte er am grauen Star und drohte zu erblinden. Die Augenoperation verlief erfolgreich, aber seine Lebenskräfte liessen nach. Seine Spaziergänge wurden kürzer, der einst so charmante Lebemann immer wortkarger. Im Frühling 1929 unternahm er eine letzte Reise an die Côte d’Azur zu den Schauplätzen seiner mondänen Erfolge, nach wenigen Tagen ging ihm das Geld aus. Am 16. Juni 1931, zwei Wochen nach seinem 79. Geburtstag, starb Spelterini kurz vor Mitternacht in seinem Haus. Drei Tage später wurde er auf dem evangelischen Friedhof in Vöcklabruck beigesetzt. Um dem vergessenen Mann auf seiner letzten Fahrt ein einigermassen würdiges Geleit zu geben, musste man rasch ein paar Kirchgänger mobilisieren. In der Kirche spielte auf Spelterinis Wunsch die Seebauern-Musi aus Frankenburg die Serenade von Enrico Toselli, am offenen Grab dann das «Largo» von Georg Friedrich Händel.

Weiter weg ist manchmal schöner als näher dran: Pyramiden von Gizeh, bei Kairo, aus ca. 600 Meter Höhe fotografiert (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Weiter weg ist manchmal schöner als näher dran: Pyramiden von Gizeh, bei Kairo, aus ca. 600 Meter Höhe fotografiert (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Waghalsig, charmant und gar nicht aufgeblasen: Eduard Spelterini vor dem Ballon «Stella» (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Waghalsig, charmant und gar nicht aufgeblasen: Eduard Spelterini vor dem Ballon «Stella» (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Mindestens dreissig Sekunden Belichtungszeit: arabische Wüste im Südosten von Kairo (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Mindestens dreissig Sekunden Belichtungszeit: arabische Wüste im Südosten von Kairo (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Zehnmal überflog Eduard Spelterini die Alpen insgesamt: Matterhorn von Westen gesehen (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Zehnmal überflog Eduard Spelterini die Alpen insgesamt: Matterhorn von Westen gesehen (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Ein gefährlicher Flug: Blüemlisalp aus ca. 4600 Meter Höhe, Nordost-Ansicht (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Ein gefährlicher Flug: Blüemlisalp aus ca. 4600 Meter Höhe, Nordost-Ansicht (undatiert) | Bild: Eduard Spelterini
Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Johannesburg (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Der Kontrast könnte nicht grösser sein: Johannesburg (undatiert). | Bild: Eduard Spelterini
Zürich, Altstadt und Hauptbahnhof von Osten gesehen, um 1910/1911 | Bild: Eduard Spelterini
Zürich, Altstadt und Hauptbahnhof von Osten gesehen, um 1910/1911 | Bild: Eduard Spelterini

Die Diskussion

2 Reaktionen

  1. Nadja Mühlemann

    Ein fabelhafter Artikel und ein sehr unterhaltsamer Lesestoff. Danke!

  2. Nadja Mühlemann

    Ein fabelhafter Artikel und ein sehr unterhaltsamer Lesestoff. Danke!

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